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Full text of "Die Frau in der Karikatur"

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Die Frau in der Karikatur 


Die erften zweihundert Exemplare dieſes Werkes wurden auf feinſtem Kunſt⸗ 
druckpapier abgezogen und handſchriftlich nummeriert. Der Preis eines Exemplars 
dieſer Liebhaberausgabe in koſtbarem Ganzledereinband beträgt fünfzig Mark. 


Fliegende Blätter 


Eduard Fuchs 


die Frau in der Karikatur 


Mit 446 Textilluſtrationen und 60 Beilagen 


Erſtes bis zehntes Tauſend 


Albert Langen 


Verlag fuͤr Litteratur und Kunſt 
Muͤnchen 1906 


Weil. Deutſche Karikatur auf die hohen Haarfriſuren. 1780 


Vorwort 


Man kann das Thema „Die Frau in der Karikatur“ zweifellos von den ver— 
ſchiedenſten Seiten anfaſſen. Vor allem iſt die Verſuchung ſehr groß, die ſchellen— 
verzierte Narrenkappe aufzuſetzen und luſtig und uͤbermuͤtig in den froͤhlichen Chor 
mit einzuſtimmen, den tagaus, tagein der Witz, die Satire und der Humor, ſei es 
zur Verſpottung, ſei es zum Ruhme der Frauen, erklingen laſſen. Die Verſuchung 
dazu iſt wirklich ſehr groß, denn es gibt wohl kein Motiv, das mehr zum Lachen 
und Geſichter ſchneiden verlockte; ſchon bei dem bloßen Gedanken zuckt und prickelt 
es einem in den Fingern. 

Wenn man aber in der Karikatur mehr ſieht als wirkungslos aufſteigende und 
ſpurlos wieder untertauchende Seifenblaſen geiſtreicher Laune, wenn man in ihr 
echoweckende und einflußreiche Demonſtrationen des oͤffentlichen Gewiſſens erblickt, 
Manifeſtationen des Weltgeiſtes, einzigartige Kommentare zur Sittengeſchichte der 
verſchiedenen Entwicklungsſtadien — um nur dieſe drei Seiten zu nennen —, wenn 
man weiter in der Frauenfrage das wichtigſte Problem der großen ſozialen Frage 
erblickt, an deſſen Loͤſung in ſeiner Art mitzuarbeiten Pflicht jedes einzelnen 
iſt, — ſowie man ſich auf dieſen Standpunkt ſtellt, iſt fuͤr die Loͤſung der Auf— 
gabe nur eine einzige Form moͤglich, und das iſt dieſe: Es gilt, den Begriff 
„Frau“ ſtreng wiſſenſchaftlich zu faſſen und zu zergliedern und an charafteriftifchen 
Proben ebenſo ſtreng hiſtoriſch zu zeigen, wie ſich alle Fragen und Streite, die dieſer 
Begriff umſpannt, in der Karikatur der verſchiedenen Laͤnder und Zeiten geſpiegelt 


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haben. In dieſem Sinne habe ich meine Arbeit aufgefaßt und zu loͤſen verfucht. 
Muß das darum langweilig ſein? Nein. Die Schellenkappe des Schelmen kann 
man ſich auch dabei aufſetzen, nur muß man ſie recht tief in den Nacken ſchieben, 
daß ſie einem nicht fortwaͤhrend um die Ohren baumelt. So hab' ich's gemacht; 
wer Ohren hat, wird ihr Laͤuten ſchon zwiſchen den Zeilen hören. 


Auch bei dieſem Buche iſt mir die Unterſtuͤtzung von Freunden, privaten Samm— 
lern und oͤffentlichen Sammlungen in reichem Maße zuteil geworden, und ich darf 
die Feder nicht aus der Hand legen, ohne dieſen Mitarbeitern hier an dieſer Stelle 
herzlichen Dank zu ſagen. Von oͤffentlichen Sammlungen ſind es in erſter Linie das 
Musée Carnevalet in Paris, deſſen uneingeſchraͤnkte Benutzung mir vom franzoͤſiſchen 
Miniſterium für Kunſt und Wiſſenſchaft geſtattet wurde, das Cabinet d’Estampes 
der Bibliothöque nationale in Paris, die Großherzogliche Kupferſtichſammlung in 
Gotha und das Muͤnchner Kupferſtichkabinett. Von den Direktoren dieſer Samm— 
lungen wurde mir jede gewuͤnſchte Unterſtuͤtzung zuteil. Von privaten Sammlern 
ſchulde ich beſonderen Dank: Monſieur Armand Dayot in Paris, der mir eine 
Reihe Originale von Conſtantin Guys zur Verfuͤgung ſtellte, Herrn J. Model, Berlin, 
dem Beſitzer einer herrlichen Farbſtichſammlung aus dem 18. Jahrhundert, und vor 
allem dem großen Praktiker des Humors in Deutſchland, Konrad Dreher. Reiche 
Buͤcherſchaͤtze fand ich in der von Dr. Buchholtz ſo vortrefflich angelegten Berliner 
Stadtbibliothek. 


Berlin-Zehlendorf, Sommer 1906 
Eduard Fuchs 


Bruno Paul. Der Burenkrieg 


Inhaltsverzeichnis 


Seite 

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Erſter Teil 

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Der Kampf um die Hoſe ZZZ 8 99 

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1. Feu Puten und ihre . 

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Die weibliche: Sinnihtei 377 ̃ͥ 8 229 

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Allgemeine Gefeße der de 8 263 

Die modiſche eee fr N N 280 

DIEBE ie J L  R RERRE 295 


VII 


Das Korfett : 
Friſur, Hüte, Schuhe 

Die Revolutionsmode 

Die praktiſche Modereform 


IV. Des Weibes Leib iſt ein 
Das phyſiſche Portraͤt der 


Gedicht 
Frau. 


Das geiſtige Portraͤt der Frau 


Bei der Arbeit . 
Am häuslichen Herd . 
Die Fabrifarbeiterin . 
Die weiblichen Dienftboten 
Frauenberufe Ä 


Zweiter Teil 


Im Dienſte bei Frau Venus 


Die Proſtitution 


Vom Kothurn zum Überbrettl . 


Der Unterrock in der Weltgeſchichte 


Buͤrgerin, Heroine und Megäre . 


Kuͤnſtlerverzeichnis 


Stauber. 


Fliegende Blaͤtter 


376— 394 
380 
381 
384 
391 


395423 


424— 443 


444—460 


461—485 


486—487 


Verzeichnis der Beilagen 


Maison de la Modiste von Bourdet. 1830 


IX 


neben Seite 

Die ungleichen Liebhaber. 16. Jahrhundert 50 
Das Weiberregiment von Hans Baldung Grien. 1513 184 
Vom Ehebruch von Hans Hofer. 16. Jahrhundert 176 
Der Tod und die Frau von Nikolaus Meldemann. 1522. 8 
Das Weib macht jeden zum Narren. 16. Jahrhundert 264 
Der Jungbrunnen von Hans Sebald Beham. 16. Jahrhundert. 64 
Die alte Rofette von Peter Paul Rubens f 376 
Das Gefühl von Abraham Boſſe. 18. Jahrhundert. . %% 
Herumziehende Romödiantinnen in einer Scheune von William 1 1738 424 
Long Thomas ... 18. Jahrhundert. 352 
Am Auslug von J. B. Coclers. 18. Jahrhundert XII 
La Correction Conjugale. 18. Jahrhundert 80 
Die Korſettanprobe von P. A. Wille. 1750 272 
Die gefällige Zofe von Schall. 18. Jahrhundert 0 
Les Hazards Heureux de L’Escarpolettes von Fragonard. 18. Jahrhundert 200 
Der Triumph der Roketterie. Um 1780 280 
In Rlein-Daurball von P. A. Wille. 1780 „„ 400 
Auf die Mode der großen Damenhüte von Thomas Noteton den 1786 288 
Foyerbummler von Thomas Rowlandſon. 1786 . a 384 
Die Vorbereitung zum Geburtstag von Thomas Rowlandſon. 17 85 208 
Les Payables von Charles Vernet. 1795 408 
Les Merveilleuses von Charles Vernet. 1795 456 
Des Bruders Hoſen von Richard Newton. 1796 b 464 
Die geiſtliche Prüfungskommiſſion bei der Arbeit. 1798 432 
Ah] sin y voyon! von Vincent. 1709 . 304 
Wer kauft Liebesgötter? von Heinrich Ramberg. 1799 „„ 
Parisian Ladies in their Winter Drees for 1800 von Iſaak Cruikſhank. 1799 296 
Mademoiselle Parisot von R. Newton. 1802. 448 
Ein Parifer Tee. Um 1805 ee ? ' 96 
Die kleinen Unannehmlichkeiten . . von Thomas Rowlandſon. 1807 16 
Bäuerliche Scherze von Thomas Rowlandſon. 1812 212 
Die kokette Mutter und ihre Töchter von Debucourt. 1815 AO 
Jack Tar bewundert das ſchöne Geſchlecht von Thomas Rowlandſon. 1815 360 


Mode de l'annèe prochaine von Charles Philippon. 1832 . 
La Boite aux Lettres von Gavarni. 1840 . 
So wie dich, du ſchöner Mann.. von Honoré Daumier. 1840 
Das galante Debut von Honoré Daumier. 1850 

Flugblatt auf die politiſierenden Frauen. 1848 

Die Nacht. Um 1835 

Karneval! Gavarni. Um 1850 DEE 

Auf der Jagd von Conſtantin Guys. Um 1860 . 

Die Krinoline. Um 1860. i „ 

Das Erwachen des Löwen von André Gill. 1870. 

Die Kokotte von Monet. 1875 

Unter Rolleginnen von Steinlen. 1898 . 

Im Damenbad von Th. Th. Heine. 1896 . 

Die Dirne von Toulouſe-Lautrec. 1896 . 
Der Predigtamtskandidat von Thomas Theodor e 1897 
Die wilde Frau von Wilhelm Schulz. 1898 

Aus guter Familie von Bruno Paul. 1901 

Je nachdem von Bruno Paul. 1901. i 
Frauenſtudium von Thomas Theodor Heine. 1901 

Starke Zweifel von Rudolf Wilke. 1901 | 

Der unſchlüſſige Büßer von Adolf Willette. 1903 . 

Vor der Schlacht von Charles Maurin. 1903 

La fortune qui danse von Jean Veber. 1904 

Saharet von F. v. Reznicek. 1904 

Liebe von E. Thoͤny. 1904 Rn, 

Die G'ſchamige von F. v. Reznicek. 1905 . 


neben Seite 
512 


104 
112 
232 
472 
416 
224 
120 
320 

32 
328 
136 
368 
256 
160 

48 


Die Frau in der Karikatur 


E. Poitevin. 


SEITE 


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Am Auslug 


Hollaͤndiſche Karikatur von J. B. Coclers auf die galanten Damen. 18. Jahrhundert 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


1. Auguſt Raſſenfoſſe. Franzoͤſiſche Karikatur. 1896 


Einleitung 


Der beſte Witz, den der liebe Gott bei der Erſchaffung der Welt gemacht hat, 
war die Erſchaffung des Weibes. Aber die Menſchen haben gleich ſchlechten, ein— 
gebildeten Redakteuren, die jeden Witz ſelbſt gemacht haben muͤſſen, an dieſem goͤtt— 
lichſten der Witze zu allen Zeiten ſo lange und ſo gruͤndlich herumredigiert und „gefeilt“, 


bis der letzte Funken ſeines goͤttlichen Urſprungs verwiſcht und er zur grotesken 
1 


Karikatur feiner urſpruͤnglichen Schön: 
heit und Koͤſtlichkeit herabgeſtuͤmpert 
war. So geſchieht es heute, ſo geſchah 
es geſtern, vorgeſtern, vor zehn Jahren, 
vor hundert Jahren, zu allen Zeiten. 

Das iſt vielleicht der tragiſchſte 
Akt in der Tragoͤdie der Menſchheit, 
denn er wickelt ſich ab wie eine tragiſche 
Poſſe: Das tragiſche daran iſt, daß 
immer ungezaͤhlte Millionen zu dem Ver— 
fahren Beifall klatſchen, das poſſenhafte, 
daß die Betroffenen ſtets ungemein ſtolz 
auf jede neue Verpfuſchung ſind, die 
man an ihnen vornimmt. 

Wenn es einen Teufel gaͤbe, und 
dieſem waͤre die Aufgabe geſtellt, mit 
aller Gewalt und allem Raffinement 

en, dahin zu wirken, alle natürliche Har— 

2. Deutſche Karikatur aus dem 16. Jahrhundert 

monie des Geiſtes, der Seele und des 

Koͤrpers der Frau zu verzerren, zu zerſtoͤren und ins Gegenteil zu verkehren, er 
haͤtte ſeine Aufgabe nicht zyniſcher, nicht niedertraͤchtiger, mit einem Wort nicht 
teufliſcher loͤſen koͤnnen, als es z. B. die oberſten und ſteten Freunde und Bundes— 
genoſſen der Frau: Sitte, Moral und Anſtand mit Hilfe von Mode und Erziehung 
in aller Freundſchaft und ſchmeichelnden Liebenswürdigkeit zuſtande gebracht haben. 

Das iſt nun freilich ein altes und in allen Tonarten geſungenes Lied, aber 
ein leider noch lange nicht ausgeſungenes Lied, und darum wird gar manche Strophe 
noch oftmals pointiert und repetiert, und gar manche neue Note wird noch eingefuͤgt 
werden muͤſſen, bis es eines Tages verklungen und durch eine ſtolzere Melodie ab— 
geloͤſt ſein wird. Eine einzige neue Note in dieſes alte Lied einzufuͤgen, das iſt der 
Ehrgeiz dieſes Buches. .. 


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Die bekannteſte und darum immer am meiſten und am lauteſten geſchmaͤhte Ver— 
brecherin an der koͤſtlichen Schoͤnheit des Weibes iſt zu allen Zeiten die Mode ge⸗ 
weſen. Es enthaͤlt leider nicht eine Spur von Phraſe, wenn man ſagt, daß der 
opferreichſte Feldzug nicht ſoviel Maͤnner hingemordet hat, als zahlreiche wahnwitzige 
Moden im Verlaufe ihrer Herrſchaft Frauen zur Strecke gebracht haben. Gewiß 
gibt es hier kein Blut, aber um ſo mehr unheilbare Verwundungen, die ein nie 
endendes Siechtum im Gefolge haben. Gerade darum aber iſt die Wirkung der 
Modefrevel barbarifcher als der fofortige Tod: die folgenden Generationen werden 


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3. J. D. Geyn. Symboliſch-ſatiriſche Karikatur auf die Allmacht des Weibes 


mitgeſtraft, Zehntauſende voͤllig Unſchuldiger muͤſſen durch ein vergaͤlltes Leben die 
Rechnung der Eltern begleichen. Das entſetzlichſte an dieſer Frage jedoch iſt, daß 
es in der ganzen langen Geſchichte der Mode wohl kaum eine einzige Mode gegeben 
hat, die nicht in irgend einer Weiſe freventlich gegen die Geſundheit, zum mindeſten 
gegen die wirkliche Schoͤnheit gefrevelt haͤtte. Der augenfaͤllige und unwiderlegliche 
Beweis fuͤr dieſe Behauptung iſt der vollſtaͤndig korrumpierte Schoͤnheitsbegriff, wie 
er ſich allmaͤhlich gegenuͤber der bekleideten Frau herausgebildet hat und heute ſo fern 
wie je von der klaſſiſch harmoniſchen Schoͤnheitsvorſtellung iſt. Formeln wie „ſchick“ 
erſetzen heute bei der bekleideten Frau den Begriff ſchoͤn; eine „ſchicke“ Dame, entkleidet, 
das iſt aber ungefaͤhr der abſchreckendſte Gegenſatz zum Schoͤnheitsideal der Frau, 
wie es uns in der Mediceiſchen Aphrodite der Florentiner Tribuna immer noch am 
reinſten verkoͤrpert iſt. Ein lebendes Ebenbild dieſer Mediceiſchen Aphrodite wiederum, 
angekleidet, das hat in den meiſten Epochen fuͤr alles, nur nicht fuͤr ſchoͤn gegolten. 


1 * 


Syſtematiſch war ſtets das Verfahren der Mode, das zu vernichten, was die 
Natur in ihrer unerſchoͤpflichen Kraft immer wieder von neuem an wunderbarer 
Schoͤnheit erſtehen ließ; das erſtreckte ſich uͤber den ganzen weiblichen Koͤrper vom Kopf 
bis zum Fuß, von der Sohle bis zum Scheitel. Schon die knappſte uͤberſicht iſt ein 
ausreichender Beweis dafuͤr. Der Fuß iſt eine der Hauptſchoͤnheiten des Weibes, 
ſeine natuͤrliche Vollendung verleiht anmutigen, ſicheren und grazioͤſen Gang, und als 
ſchoͤn gilt mit Recht ein kleiner Fuß. Da aber Schoͤnheit gewahr werden ſoll, dekre— 
tierte der Schoͤnheitskodex, eine beſondere Schoͤnheit ſeien nicht kleine, ſondern auf— 
fallend kleine Fuͤßchen. Alſo lautet das Geſetz fuͤr alle Zeiten und fuͤr alle Frauen: 
abnorm kleine Fuͤßchen. Und neun Zehntel der Frauen zwaͤngen ihre Fuͤße ihr 
ganzes Leben lang in zu enge Schuhe. Die Fuͤße werden in ihnen ſo unnatuͤrlich 
zuſammengedruͤckt, daß es rein unmoͤglich iſt, richtig zu gehen, geſchweige denn ohne 
Qualen einige Stunden tuͤchtig zu marſchieren. Aus dem ſchoͤnen Rhythmus des 
Gehens wird ein unſicheres Taͤnzeln und Balanzieren. Daß die harmoniſche Schoͤn— 
heit der Geſamterſcheinung ſchon allein durch zu kleine Füße vollig aufgehoben wird, 
das iſt dem Nichtmarfchieren-fönnen gegenüber freilich bloß das geringſte Übel. 
Aber wozu ſoll eine Dame auch marſchieren? Der Anſtandskodex ziſchelt einer 
jeden zu, daß es fuͤr eine Dame hoͤchſt unpaſſend ſei, Fußtouren zu machen. Es gab 
bekanntlich Zeiten, in denen dies geradezu als unweiblich galt. Weil aber abnorm 
kleine Fuͤße jedem Blick verraten, daß ihre Beſitzerin unfaͤhig iſt, damit der normalen 
Funktion des Gehens zu genuͤgen, ſo ſind kleine Fuͤße zu gleicher Zeit zum Symbol 
der Vornehmheit erhoben worden. 

Schön entwickelte Hüften in freier, ungehemmter Entfaltung verleihen Elaſtizitaͤt 
der Bewegung und wirkliche Eleganz der Haltung. Aber ſchoͤne Huͤften uͤben auch 
auf die Sinne einen beſonderen Zauber aus; und darum wird dieſer Reiz auch als 
das Wichtigſte erklaͤrt. Um ihn zu ſteigern, wird die Huͤftenwoͤlbung ins Ungeheuer— 
liche getrieben, die Mode dekretiert Wulſtenroͤcke und Reifroͤcke, die die Frauen zu 
wandelnden Ungetuͤmen machen, und unter deren Laſt ſich die Frauen nur mit 
groͤßter Kraftentfaltung fortzubewegen vermoͤgen. Dieſelbe Erwaͤgung, die zur uͤber⸗ 
treibung der Huͤftenwoͤlbung fuͤhrt, verleitet zur ſtaͤrkeren Einſchnuͤrung der Taille. 
Eine ſtark geſchnuͤrte Taille laͤßt die Woͤlbung des Buſens deutlicher ſehen und macht 
die Rundung der Lenden wolluͤſtiger. Alſo entwickelt ſich die Taillenenge zur be— 
ruͤchtigten Weſpentaille, die in jedem Falle alle natuͤrliche Schmiegſamkeit und Bieg— 
ſamkeit des Koͤrpers aufhebt. Aber darum, daß der ganze Koͤrper in einen uner— 
bittlichen Panzer gezwaͤngt iſt, der jede freie Bewegung hemmt, kuͤmmert man ſich 
nicht, wird doch durch dieſen Panzer am deutlichſten zutage gebracht, „daß man etwas 
hat“. Nichts iſt ſo koͤſtlich wie die geſunde Friſche, das duftige, bluͤhende Rot der 


Wangen; aber fo ſieht ja jede Bauernmagd aus. Und andererſeits: die Dame, die der 
Geſellſchaft lebt, die nicht marſchieren kann, die in den Salon und in die kuͤnſtliche 


4 


Aon einem hüpſchen Weyb/ 


Das LX VI. Capitel. Freud. 


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Ch hab ein hüpſche haußfrawen vberkom̃en. Ber. 
nunfft. Aa du haſt ein ſchweres ampt erkriegt / wache / yetzt hab ich ge 
gęſagt / es ſey ſchwer zů behůtten / das von vilen begert wyrdet Freud, 
ch hab ein weyb / vnd fr geſtalt iſt fürtreffenlich. Vernunfft. Die geſtalt des 
leibs pfligt ſich / wie vil andere ding der gleichfoͤꝛmigkayt zů erfrewen / aber vn⸗ 
gleychfoͤꝛmigkayt verſchmehen / haſt du nun gleych ein ſchoͤne / würdeſt geuͤbet 
werden / on das wyrdeſt verſchmecht / iſt baydes arbaytſam. Freud. Die ſchoͤne 
meynes weybs iſt groß. Ver nunfft. Auch iſt die hoffart groß / es iſt kaum etwz 
anders / das fo gleych das gemüt erhaben / vnd auff blaſent macht / als die ſchoͤ⸗ 
ne. Freud. Die geſtalt meyns weybs iſt groß. Vernunfft. Schaw das nicht die 
keuſchayt klein ſey / wiſſentlich iſt der ſpꝛuch Juuenalis / Selten iſt einhelligkayt 
zwiſchen der ſchoͤne vnd ſchamhafftigkayt / alſo das der beſte / wer / wolt leydẽ 
vngeſtůme der ſitten / vnd dergleychen verdꝛuß. Freud. Ganntz hüpſch iſt meyn 
weyb. Vernunfft. So haſtu dahaymen ein zierlichs vnd geſchaͤfftigs bild / wyr 
deſt dergleychen ſehen frembde goͤſt / vnd newe klaydung / lobe zům feil geſchick 
ligkayt des leibs / die hochſynnigkayt der erfynderin zü allenn e wendig / 
Vnd als dann nenne den ſchaden deines erbgůts / einn gew ynn. Freud. Ich hab 
ein wolgepildes weyb. Vernunfft. Du haft ein bild Kriegiſch vnd vngeſtuͤme / 
das du vberflüſſig eereſt / das du dich auß dir ſelbs gezuckt / verwunnderſt / das 
du anbetteſt an dem du gar hangeſt / vnnderwirffeſt deinenn halß dem ſoch / 
vnnd 


Von einem hübſchen Weib 


4. Holzſchnitt von Hans Burgkmair. 16. Jahrhundert 


Beleuchtung gebannt iſt, kann unmöglich andere als bleiche, fahle Wangen haben. 
Alsbald wird blaſſer, zarter Teint, wie ihn Boudoir, Salon und Ballſaal hervor: 
bringen, als vornehm auspoſaunt; das Krankheitsmerkmal wird zur Schoͤnheitsregel 
erhoben, die Farbe der Geſundheit als veraͤchtlich geſtempelt: rot iſt baͤuriſch. Das 
find, kurz gefaßt, die vier Hauptſuͤnden der Mode; fie genügen an dieſer Stelle als 
Beweis fuͤr die aufgeſtellte Behauptung von der Vernichtung der urſpruͤnglichen 
Schoͤnheit des Weibes. 

Aber nicht nur in der aͤußeren Erſcheinung iſt die natuͤrliche Schoͤnheit der 
Frau aufgehoben, ſie iſt meiſtens auch in der Wirklichkeit durch die andauernden 
Gewaltkuren der Mode fuͤr immer vernichtet. Der Koͤrper jeder Frau, die dauernd 
groͤßere Konzeſſionen an die drakoniſchen Geſetze der Mode macht, weiſt unvergaͤng— 
liche Spuren der Verwuͤſtung auf; ſie iſt tatſaͤchlich fuͤr ihr ganzes Leben gezeichnet. 
An den Fuͤßen reihen ſich die Zehen nicht mehr regelmaͤßig nebeneinander, ſondern ſie 
ſchieben ſich haͤßlich verkruͤppelt uͤbereinander. Die Huͤften werden durch die furcht— 
bare Laſt der Wulſtenroͤcke abgeflacht, ſie verlieren ihre urſpruͤngliche natuͤrliche und 
ſchoͤne Woͤlbung, der Bauch wird ſchlaff und muskellos, und die inneren Organe des 
Unterleibes verkuͤmmern oder verſchieben ſich krankhaft; an zahlloſen qualvollen 
Frauenleiden iſt das rechneriſch nachzuweiſen. Was die Wulſten- und Reifroͤcke im 
16., 17., 18. und 19. Jahrhundert verſchuldet haben, das verſchuldete zu allen Zeiten 
bis auf unſere Tage die Taillenſchnuͤrung. Sie füllt täglich die Säle der Frauen— 


5. Deutſche Karikatur auf die Sinnlichkeit der Frauen. 1648 


6 


Wozu auf die Hecke drücken, wenn das Tor offen iſt? 


6. Hollaͤndiſche ſomboliſch-ſatiriſche Karikatur aus dem 17. Jahrhundert 


kliniken mit einem endloſen Heer von Opfern; und alle tragen das Kainszeichen der 
Mode, die furchtbare Korſettfurche. Gerade hier ſcheint es, als ob teufliſcher Wahn: 
witz alle Vernunft in ihr Gegenteil verkehrt haͤtte. Des jungen, heranwachſenden 
Maͤdchens groͤßter Stolz iſt der Buſen; Hunderte der reinſten Frauen haben dieſes 
geheime Hochgefuͤhl ſchon geſchildert. Schuͤchtern gewahrt die heranwachſende Jung— 
frau die erſte Rundung, mit heimlich-bangender Neugierde verfolgt ſie die Zunahme, 
als ob ploͤtzlich uͤber Nacht alle Schoͤnheit hervordringen muͤſſe. Endlich iſt jeder 
Zweifel gehoben, und mit ſteigender Wonne ſieht ſie die beiden Huͤgel ſich heben zu 
ſtrotzender jungfraͤulicher Fuͤlle. Sie weiß: das iſt der erhabenſte Schmuck des jungen 
Weibes, das macht ſie taͤglich neu begehrenswert in den Augen des Geliebten, und 
im Geiſte genießt ſie ſchon die Wonnen ſeiner ſeligen Begeiſterung. Kein Traum iſt 
fuͤr die Jungfrau duftiger als dieſer — und doch ſchnuͤrt ſie ſich, preßt ſie ſich 
widernatuͤrlich zuſammen. Tag fuͤr Tag, Woche fuͤr Woche, Monat fuͤr Monat. 
Die Folgen ſind unvermeidlich, und fie werden ihr ſchon bald offenbar. Sie fühlt 
die feſte Kraft und die Elaſtizitaͤt des ſtaͤndig und mit Gewalt aus feiner natuͤr— 


7 


lichen Lage gedrängten jungen Buſens ſchwinden, noch ehe er ſich uͤberhaupt zur vollen 
Reife und Schoͤnheit entfaltet hat. Aber ſie ſchnuͤrt ſich weiter, weiter: die Mode— 
moral gebietet es. Und wenn ihr die warnende Vernunft eines Tages die Folgen vor— 
hält, hat fie nur den einen Einwand und den einen Troſt: „Gott, das ſieht man auf 
der Straße doch nicht!“ Und das iſt die Hauptſache (Bild 28). Die unerbittliche 
Logik dieſer Modemoral aber iſt hier die grauſamſte, die ſich denken laͤßt: Um den 
Schein der Schoͤnheit eines ſchoͤnen Buſens augenfaͤllig zu machen, wird die urſpruͤng⸗ 
lich vorhandene Wirklichkeit der Schoͤnheit unbarmherzig zerſtoͤrt. .. 

Die Mode iſt ein grimmiger Feind der Frau, aber er iſt leider nicht der 
grimmigſte. Es gibt einen, der noch viel gruͤndlicher zerſtoͤrt und wuͤrgt — die 
Arbeit, d. h. die uͤbermaͤßige Arbeit. Wider dieſen Zermuͤrber des göttlichen 
Schoͤpfungswunders ſind noch niemals allzuviel Stimmen laut geworden, und doch ſucht 
er die große Maſſe der Frauen heim, waͤhrend die Mode ſchließlich immer nur einen 
kleineren Bruchteil mit ihren ſchrecklichſten Folterungen angeht. Aber gerade das iſt 
der Grund, warum man nicht ſo laut lamentiert, weil der Wuͤrger Arbeit „die 
Wenigen“ verfchont, und weil die Arbeit „der Vielen“ die Genuͤſſe der Wenigen 
ermoͤglicht. 

Die Arbeit, die ſegensreiche, ſie iſt fuͤr die Mehrzahl der Frauen zum Fluch 
geworden, zum Fluch, der wie eine feindliche Kettenkugel an den zarten Frauenleib 
geſchmiedet iſt und ohne Unterlaß an ſeiner voͤlligen Zerſtoͤrung arbeitet. 

Man ſtelle ſich einmal eine Reihe von Abenden in irgend einer großen Fabrik— 
ſtadt in eine Straßenniſche, wo der Zug der heimkehrenden Arbeiterinnen voruͤber 
muß, und pruͤfe ſorgfaͤltig die haſtend und draͤngend aus den Fabriktoren her— 
vorquellenden Maſſen. Keinem, der zu ſchauen vermag, wird der beißende Hohn 
verborgen bleiben, den dieſe Geſtalten einzeln und in ihrer Geſamtheit allem 
bieten, was echte weibliche Schoͤnheit bedeutet. Wo iſt natuͤrliche Anmut, Eleganz 
der Linie, geſunde, feſte Fuͤlle der Formen, ſtolzes Ebenmaß? Wo iſt Kraft und 
Elaſtizitaͤt der Bewegung, Hoheit der Haltung? Nirgends! Nirgends! Zum ent— 
ſeelten, der Individualitaͤt beraubten Maſchinenteilchen iſt jede der Dahineilenden 
von der Arbeit Einerlei degradiert worden. Zuſammen und beieinander ſind die 
Hunderte tagsuͤber eine einzige, großartig funktionierende Maſchine; jetzt fuͤr die Zeit 
der Pauſe auseinandergenommen, ſind ſie weſenlos, charakterlos. Erſt morgen in 
der Fruͤhe wieder, wenn ſie ſich mit dem Schlage der Fabrikuhr in wenigen Sekunden 
von neuem zuſammenformen, dann werden ſie wieder ein Weſen mit Charakter, Geiſt 
und ſchoͤpferiſcher Kraft. Aber das Wichtigſte iſt hier: die ſaͤmtlichen Teile dieſer 
genial organiſierten Maſchine, die hier Millionen Naͤhnadeln durch raffiniertes Hand— 
in⸗Hand⸗arbeiten in kuͤrzeſter Zeit fabriziert, dort ebenſo raſch Berge von Spiel⸗ 
waren aller Art aufhaͤuft, — ſie haben erſt einen großen Teil ihrer natuͤrlichen Schoͤn— 
heit aufgeben muͤſſen, um als brauchbare Maſchinenteilchen zu gelten und es zu 


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Der Tod und die Frau 


Holzſchnitt von Nikolaus Meldemann. 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


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7. Franzoͤſiſche Modekarikatur auf die hohen Haarfriſuren. Um 1780 


ermöglichen, daß die Gefamt- 
maſchine tadellos funktioniere 
und Tag fuͤr Tag ohne 
Stoͤrung das vorgeſchriebene 
Arbeitsquantum leiſte. Hier 
iſt bei einer ganzen Anzahl 
Frauen der linke Arm hager, 
dort bei einer ebenſo großen 
der rechte, hier ſind es die 
Beine, dort die Finger, hier 
beherrſcht eine eigentuͤmliche 
Bewegung die Geſamt⸗ 
bewegung, dort hat ſich eine 
beſondere, einſeitige Haltung, 


die niemals mehr zu uͤber— 


winden iſt, herausgebildet uſw. 
uſw. Alle dieſe Abnormitaͤten 
entſprechen der beſonderen 


Taͤtigkeit, die den betreffen— 

den im Arbeitsprozeß zuge— 

wieſen iſt. Mit anderen 

Worten: erſt wenn der goͤtt— 

8. Franzoͤſiſche ſymboliſche Karikatur. 1319 liche Schoͤpfungswitz in einer 

ganz beſtimmten Richtung 

voͤllig ausgerenkt iſt, dann erſt zaͤhlt er als Weſen in der Armee der Arbeit 

fuͤr voll: die koͤrperliche Deformierung iſt die Grundbedingung der Exiſtenzmoͤglich— 
keit der Arbeiterinnen. a 

Und die Verwundungen find wahrlich nicht harmloſer als die, welche die Mode 

ſchlaͤgt. Die Phraſe vom Schlachtfeld der Arbeit iſt leider keine Phraſe. Gewiß, 

die Korſettfurche iſt hier ſelten oder gar nie in fo beaͤngſtigendem Maße vorhanden: 

beim Arbeiten muß man ſich bewegen koͤnnen. Leider aber ſchafft dieſes „ſich bewegen 

koͤnnen“, der Verzicht aufs Korſett, auch eine Kleiderfolter: die Rockfurche, die, wie 

zahlreiche Arzte mit Recht gegenuͤber der Reformphraſeologie nachweiſen, ebenſo 

moͤrderiſch auf Schoͤnheit und Geſundheit wirkt. Aber die wenigſten Koͤrper von 

arbeitenden Frauen gelangen uͤberhaupt zur Vollreife. Krankheit, Siechtum und 

Unterernaͤhrung machen die Koͤrper fruͤhzeitig eckig, flach und widerſtandslos. Und 

darum iſt auch alle Schoͤnheit, die ſich hier offenbart, nur ſcheinbar: eine Schoͤnheit, 

die jaͤh aufbluͤht und ebenſo jaͤh dem Erſchlaffen weicht; dazwiſchen liegt meiſtens 

nur eine ganz kurze Zeit des Zeniths. 


Das ſei der Fluch des Maſchinenzeitalters und der Fabrikarbeit, wird von 
verſtaͤndigen Menſchen immer und immer wieder betont. Die ſo ſprechen, haben 
zweifellos nur zu ſehr recht. Die Farben koͤnnen bei ſolchen Schilderungen nicht 
duͤſter genug gewählt werden, jeder roſige Ton, der echte Lebensfuͤlle ausſtrahlen 
wuͤrde, iſt kategoriſch zu tilgen, wenn man von der verheerenden Wirkung der Fabrik— 
arbeit zu reden hat. Trotz aller Arbeiterſchutzgeſetze klingt der duͤſtere Kehrreim des 
Liedes vom Hemde, das Thomas Hood vor ſechzig Jahren der Not der Fabrik— 
arbeiterin geſungen hat, noch wenig gemildert durch jede Stadt, durch jedes Land 
der ziviliſierten Welt: 


O Maͤnner, denen Gott Stich! Stich! Stich! 

Weib, Mutter, Schweſter gegeben: Das iſt der Armut Fluch: 

Nicht Linnen iſt's, was ihr verſchleißt — Mit doppeltem Faden naͤh' ich Hemd, 
Nein, warmes Menſchenleben! Ja, Hemd und Leichentuch! 


Und trotzdem: gemach, gemach, noch iſt kein Punkt zu ſetzen, die Hoͤlle der 
Arbeit, in der die Frau geopfert wird, iſt damit erſt in ihrem augenfaͤlligſten Teil 
durchmeſſen. Taͤuſchung waͤre 
es, allergroͤbſte Taͤuſchung, | 
zu wähnen, draußen im Feld, 
wo die Bauerndirne ſich müht, 
und daheim im Buͤrgerhauſe 
hinter dem Herd, wo die 
Hausfrau waltet, — von dieſen 
Orten waͤre der Fluch der 
Arbeit gebannt, hier tue ſich 
die Arbeit wirklich auf als 
das goͤttliche Geſchenk, das 
den Geiſt entfalte und loͤſe 
und den Koͤrper zur Voll— 
kommenheit reife. 

Die Tragik des Haus— 
frauenloſes iſt nicht fo augen- 
faͤllig, ſie vollzieht ſich ſtiller, 
unauffaͤlliger, heimtuͤckiſcher, 
und darum ſetzt ſie noch 
weniger Federn in Bewegung, 


aber dieſe Tragik iſt darum 
ebenſo unerbittlich. Wird ſie 


3 8 Der weibliche Lancier 
einmal in ihrem Weſen be— 


9. Engliſche Modekarikatur. 1796 
2 * 


griffen, dann wirkt fie auch erſchuͤtternd. Der allerzahmften einer, Gerhard v. Amyn— 
tor, ſchreibt einmal uͤber die Sklaverei des Herdes: 

„Nicht die erſchuͤtternden Ereigniſſe, die fuͤr keinen ausbleiben und hier den 
Tod des Gatten, dort den moraliſchen Untergang eines geliebten Kindes bringen, 
hier in langer ſchwerer Krankheit, dort in dem Scheitern eines warm gehegten 
Planes beſtehen, untergraben ihre Friſche und Kraft, ſondern die kleinen, täglich 
wiederkehrenden, Mark und Knochen auffreffenden Sorgen . .. Wie viele Millionen 
braver Hausmuͤtterchen verkochen und verſcheuern ihren Lebensmut, ihre Roſenwangen 
und Schelmengruͤbchen im Dienſte der haͤuslichen Sorgen, bis ſie runzliche, ver— 
trocknete, gebrochene Mumien geworden ſind. Die ewig neue Frage: Was heute 
gekocht werden fol, die immer wiederkehrende Notwendigkeit des Fegens und 
Klopfens und Buͤrſtens und Abſtaͤubens iſt der ſtetig fallende Tropfen, der langſam 
aber ſicher Geiſt und Koͤrper verzehrt. Der Kochherd iſt der Ort, wo die traurigſten 
Bilanzen zwiſchen Einnahme und Ausgabe gezogen, die deprimierendſten Betrachtungen 
uͤber die ſteigende Verteuerung der Lebensmittel und die immer ſchwieriger werdende 
Beſchaffung der noͤtigen Geldmittel angeſtellt werden. Auf dem flammenden Altar, 
wo der Suppentopf brodelt, wird Jugend und Unbefangenheit, Schoͤnheit und frohe 
Laune geopfert, und wer erkennt in der alten, kummergebeugten, tiefaͤugigen 
Koͤchin die einſt bluͤhende, uͤbermuͤtige, zuͤchtig-kokette Braut im Schmucke ihrer 
Myrtenkrone.“ 

Das iſt nur zu wahr; fuͤr „die Dame“, die ſorgenlos uͤber Dienſtboten ge— 
bietet, gilt das freilich nicht. 

Und wie ſteht es mit der laͤndlichen weiblichen Bevoͤlkerung? Was? Auch 
hier, wo die Geſundheit zu Hauſe iſt, ſoll zu maͤkeln ſein? Jawohl, auch hier! 
Gerade hier ſieht man auf Schritt und Tritt die groteske Verhunzung des goͤttlichen 
Schoͤpfungswunders durch die Arbeit. Ohne Zweifel ſtrotzen Zehntauſende von 
Bauerndirnen und Bauernfrauen foͤrmlich von Geſundheit; aber ſoll ihre koͤrperliche 
Erſcheinung vielleicht die menſchliche Vollendung ſein? Auf Koſten aller Harmonie 
iſt das animaliſche Wohlbefinden erreicht worden; dieſes animaliſche Wohlbefinden 
iſt aber auch der einzige Unterſchied. Von zehn Bauernweibern ſind mindeſtens 
acht buchſtaͤblich groteske Karikaturen der menſchlichen Geſtalt. Vom Kopf bis 
zu den Fuͤßen vollſtaͤndige Miß- und Verbildungen. Gewiß, eine nicht zu uͤber— 
ſehende Harmonie iſt vorhanden: die Harmonie des Ungeſchlachten in allen Teilen. 
Das gilt ſowohl fuͤrs Gebirge, wie fuͤr die Niederungen des Flachlandes. Man 
vergleiche z. B. ohne Voreingenommenheit die Typen, die Bruno Paul von den 
oberbayriſchen Baͤuerinnen geſchaffen hat, mit der Wirklichkeit, und das Ergebnis 
jeder ernſten Pruͤfung wird ſein, daß ſie verbluͤffend richtig geſchaut ſind, und gerade 
die groteske karikaturiſtiſche Behandlung offenbart das Weſen ihrer Geſamterſcheinung. 


Und dieſe beleidigende Verbildung des Koͤrpers hat auch einzig und allein die Arbeit 


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Vorbereitung zum Schmuggel 


Groteske engliſche Karikatur 


Rowlandſon. 


10. 


vollbracht, fie hebt durch ihre 
Schwere und durch das uͤbermaß 
ſtets in wenigen Jahren das jugend— 
liche Ebenmaß auf, aber ſie formt 
hier im Gegenſatz zur Fabrikarbeit 
den Menſchen nicht zum Maſchinen— 
teilchen, ſondern jeder einzelne iſt 
eine ganze Maſchine, und zwar eine 
Maſchine, die plump und ungeſchlacht 
iſt wie die zu bewaͤltigende Arbeit... 
So ſtellt ſich alſo in Wahr— 
heit fuͤr die große Mehrzahl der 
weiblichen Bevoͤlkerung die „Re— 
generation“ durch die Arbeit dar. 
An dieſer Stelle wird ſicher 
von manchem Leſer der Einwand 
erhoben werden: „ach dieſe Schil— 
derung iſt ja ſelbſt uͤbertreibung, 
groteske Karikatur“ — der bekannte, 
1 a ſo haͤufig hervorgeholte Troſt, um 
la, damit über die peinliche Wirklich— 
Die moderne Veſtalin keit hinwegzuturnen. Wenn der 
11. Goͤz. Deutſche Karikatur aus dem 18. Jahrhundert tiefere Sinn in dem heiteren Ge⸗ 
wande, das der Karikatur eignet, 
bei dem hier vorgefuͤhrten Bildermaterial richtig erfaßt werden ſoll, dann waͤre es 
leichtſinnig, die Moͤglichkeit dieſes Troſtes beſtehen zu laſſen. Dieſe Moͤglichkeit wird 
vernichtet, wenn man auf die poſitiven Zahlen, zu denen die Wiſſenſchaft in dieſer 
Richtung gelangt iſt, hinweiſt. Der verdienſtvolle C. H. Stratz beantwortet auf Grund 
von vielen tauſend Meſſungen und eigenen aͤrztlichen Unterſuchungen die Frage „wie 
viel Frauen haben einen normalen Koͤrper und wieviele erhalten ihren Koͤrper nor— 
mal?“ mit folgenden Zahlen: „Wir haben ungefaͤhr unter hundert jetzt lebenden 
Frauen verunſtaltet durch engliſche Krankheit 35, durch Skrofuloſe uſw. 15, durch 
ſtarkes Schnuͤren 20, durch unzweckmaͤßige Behandlung bei Geburt und Wochenbett 
25, der Reſt iſt normal“. D. h. alſo: unter hundert Frauen befinden ſich fuͤnf 
völlig normale Frauen. Zu denſelben Reſultaten kamen noch eine Reihe anderer 
Spezialforſcher. Fuͤnf von hundert Frauen ſind ſchön, ſoferne ſie koͤrperlich normal, 
koͤrperlich vollkommen ſind. Damit iſt jedoch nicht geſagt, daß auch nur eine dem 
Schönheitsideal entſpraͤche, denn koͤrperliche Schoͤnheit allein genuͤgt dafuͤr nicht. Das 
leitet uns denn auch zu etwas anderem uͤber. 


14 


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Wir find nämlich mit dem bis jetzt Geſagten noch lange nicht zu Ende mit den 
Suͤnden wider den heiligen Geiſt der koͤſtlichen Schoͤnheit des Weibes. Es waͤre 
auch eine hoͤchſt brutale Auffaſſung von der Frau, ſie nur nach ihrer rein koͤrper— 
lichen Vollkommenheit zu werten, d. h. ſich nur auf die Schilderung der Vernichtung 
ihrer koͤrperlichen Schoͤnheit zu beſchraͤnken und Seele und Geiſt ganz außer Betracht 
zu laſſen, zumal gegen dieſe beiden, wie fchon eingangs geſagt wurde, zu allen 
Zeiten mit gleichem Fanatismus gewuͤtet worden iſt — und leider mit demſelben durch— 
ſchlagenden Erfolge. Vielleicht iſt hier ſogar noch gruͤndlicher zu Werke gegangen 
worden. Die Verkruͤppelung des Geiſtes und der Seele des Weibes iſt der 
Verkruͤppelung des Koͤrpers zum mindeſten durchaus ebenbuͤrtig. 8 

Die Erziehung der Frau nach den Geſetzen von „Sitte und Anſtand“ erfordert 
die erſte Wuͤrdigung, denn ſie iſt auf geiſtigem und ſeeliſchem Gebiet ungefaͤhr das 
Gegenſtuͤck zur Mode und iſt wie dieſe ſanktioniert von der allgemeinen geſellſchaft— 
lichen Moral. 

Um ſo mehr nach Hohn klingt es darum aber auch, wenn als Grundzug der 
Erziehung der Frau der folgende Satz aufgeſtellt und als fuͤr die meiſten Zeiten geltend 
erklaͤrt werden muß: Alles, was den Menſchen groß und frei an Geiſt, Seele und 


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12. Deutſche Karikatur auf die Graͤfin Lichtenau, die Maitreſſe Friedrich Wilhelms II. 


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13. Nowlandſon. Engliſche Karikatur auf das Schnuͤren 


Gemuͤt macht, freies, unabhaͤngiges Denken, gluͤhendes Empfinden, offenes, deutliches 
Wort, Geradheit, Echtheit, Wahrhaftigkeit, Mut der uͤberzeugung — alledem, d. h. 
den hervorſtechendſten und ſtolzeſten menſchlichen Tugenden, iſt von der Erziehung 
gegenuͤber der Frau ununterbrochen der Krieg erklaͤrt worden. An deſſen Stelle 
trat einzig und allein, geltend fuͤr alle Kategorien des Lebens, die Dreſſur. Der 
Zirkusgaul, der keinen einzigen Schritt zu viel, keinen zu lang und keinen zu kurz 
macht, war und iſt das Ideal aller Frauenerziehung. Und dieſem Ideal iſt unter 
der jedem Zeitalter gelaͤufigen Deviſe: „Es ſchickt ſich nicht!“ nachgeſtrebt worden. 
Keine Formel gibt es, die leichter zu begruͤnden geweſen waͤre, und darum hat ſie 
ſtets den haͤrteſten Widerſtand uͤberwunden. 

„Es ſchickt ſich nicht!“ iſt der kategoriſche Imperativ im Leben jeder Frau, 
und nicht nur der vornehmen; ſelbſt auf dem Dorfe ertoͤnt er. An dieſes 


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Albert Langen, Muͤnchen 


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Zu viel und zu wenig oder die Sommermode im Jahre 1556 und im Jahre 1796 


14. Woodward. Engliſche Modekarikatur 


Wort gekettet, wird die Frau durchs ganze Leben gefuͤhrt. „Es ſchickt ſich nicht!“, 
damit wird die Kleine im Fluͤgelkleide unbarmherzig zuruͤckgehalten, wenn fie ſich von 
der Hand der Mama oder der des Kindermaͤdchens losmachen will, um den johlenden 
Buben nachzulaufen, die einen Schmetterling haſchen wollen. „Es ſchickt ſich nicht!“ 
toͤnt es mahnend dem heranwachſenden Maͤdchen entgegen, wenn es einen Augenblick 
der guten Lehren vergißt und mit ungedaͤmpfter Stimme plappert und lacht. „Es 
ſchickt ſich nicht!“, das wird dem Backfiſch mit ſtrafender Verweiſung entgegengehalten, 
wenn er dabei ertappt wird, wie er verſtohlen nach einem ſchmucken maͤnnlichen Alters— 
genoſſen ſchielt; und „Es ſchickt ſich nicht!“ klingt es ſelbſt noch der Matrone wie eine 


innere Stimme ins Ohr, wenn die Eile ſie draͤngt, z. B. einen kurzen Weg uͤber 
3 
17 


die Straße ohne Extra⸗ 
toilette zu machen. „Schickt 
es ſich?“, das gebietet 
andererſeits jede Mutter 
ihrer Tochter, ſich ſtets bei 
jeder Gelegenheit zu fragen; 


das allein und nichts an— 
deres ſoll ihre Leitſchnur 
im Leben ſein, und mit 
„Es ſchickt ſich nicht!“ wird 
dann jede auftauchende 
Frage erledigt, alles wider— 
legt und alles begruͤndet, 
jeder Drang nach geiſtiger 
Befreiung und das ſoge— 
nannte ewige Geſetz: „Er 
ſoll dein Herr ſein!“ Die 
Formel „Es ſchickt ſich 
nicht!“ iſt ſchließlich fuͤr 
die große Mehrzahl aller 
Frauen zu dem Schutz⸗ 
wall geworden, den ſie ſich 
ſelbſt in jedem Augenblick 
und bei jeder Zumutung, 


— Merk dir das eine: immer recht ſtraff! > 8 
15. Francisco Goya. Spaniſche Karikatur die an ihren Intellekt und 


ihr Gefuͤhl geſtellt wird, 
aufrichten. In der erhabenſten Stunde ihres Lebens, wenn der bewunderte Geliebte ſie 
zum erſtenmal in feine Arme ſchließt und den erſten Kuß von ihren Lippen pfluͤckt, 
da findet ihre Verlegenheit gewoͤhnlich nur das eine Wort: „Es ſchickt ſich nicht!“ 
Biedere Salbaderer erklaͤren wuͤrdevoll, das ſei der ſelbſtgewaͤhlte Zuͤgel, den ſich 
die Frau anlege, um ſich ſicher zu machen und ſich davor zu bewahren, jene Schranken 
zu uͤberſchreiten, die „edle Wuͤrde der Frau einzuhalten gebietet“. Leider iſt es ganz 
etwas anderes. Es iſt in Wahrheit die unſichtbare, aber jedem fuͤhlbare, von der 
egoiſtiſchen Maͤnnerwelt im Intereſſe der Herrſchaft des Mannes aufgerichtete Wand, 
die das große Frauengefaͤngnis faſt unuͤberſteiglich umſchließt; nur ſehr wenige ver— 
moͤgen dieſe Mauern zu uͤberklettern und dieſem Gefaͤngnis zu entfliehen. 
Und das Reſultat? Auf Schritt und Tritt wird es durch die ganze Kulturgeſchichte 
offenbar. Welche ungeheuerliche Banalitaͤt des Denkens, der Sprache, des Ausdrucks iſt 
in den meiſten Epochen der großen Maſſe der Frauen eigen! Ihr Weſen iſt Unnatuͤrlich— 


18 


keit, Halbheit und Unwahrheit. Gedanken, Sprache, Worte, Gang, Geſte, Bewegung, 
— alles iſt losgeloͤſt von urſpruͤnglicher Natuͤrlichkeit, iſt dafuͤr poſiert, gewaͤhlt, 
gezwungen, gefeilt, lackiert, poliert. Nirgends eine Beziehung zum Ganzen, nur zu ſich, 
das Ich ſteht allein im Mittelpunkt; waͤhrend raffiniert das Gegenteil geheuchelt wird, 
iſt alles nur ſeinen Inſtinkten untergeordnet. Alles Derbe, Kraͤftige iſt aus der Phyſiog— 
nomie der Durchſchnittsfrau ausgetilgt, das Charakteriſtiſche iſt nivelliert. Jedes Geſicht 
iſt weich, rundlich, unterſchiedslos. Mienen, aber keine Zuͤge, die Charakter anzeigen. 
Und die Mienen, ein Spiegel der Seele? Nein, eine einzige, große, in die Laͤnge 
gezogene, kontinuierliche Luͤge. Beweiſe! Beweiſe! O, ſie ſind zu Hunderten zur 
Hand, ob man nach links, nach rechts, nach vorn oder nach hinten greife, nie 
bleibt die Hand leer. Sie ſpringen in die Augen beim erſten Schritt auf die Straße, 


Die Morgenpromenade 


16. Dutailly. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode der durchſichtigen Frauenkoſtuͤme unter dem Direktorium. 1796 
3 
19 


Am häuslichen Herd 
17. Galante franzoͤſiſche Karikatur. Um 1820 


in den Salon, ins Buͤrgerhaus. Man kann ſie zu Dutzenden mit dem Finger zeigen, 
wenn man im Theater an die Rampe tritt, wenn man die Schwelle der Kirche uͤber— 
ſchreitet oder auch nur einen Kirchhofweg entlang wandelt. Ein einziges ſei her— 
vorgeholt, eins von geſtern, von heute, von morgen und von uͤbermorgen, das ſelbſt 
der Duͤmmſte und Kurzſichtigſte ſehen muß, wenn er die Augen eine Minute offen 
hält: dort geht eine zuͤchtige, deutſche Jungfrau aus guter Familie über die Straße, 
ihr Geſichtchen iſt ſo ſtrahlend unſchuldig und naiv wie der Ausdruck eines acht Tage 
alten Kaͤlbchens, es iſt Tatſache: ihre Sitten und Gebärden find tadellos, fie ſpricht 
kein Wort, das ſich nicht ſchickte, ſie tut nichts, was ſich nicht ſchickte, makellos iſt 
ihr ganzes Leben wie die Friſche des eben aus der Hand der Plätterin kommenden 
weißen Unterrocks, der beim Raffen ihres Kleides leiſe ſichtbar wird, und dieſelbe 
keuſche deutſche — oder franzoͤſiſche oder engliſche oder italieniſche — Jungfrau traͤgt 
einen Rock, von dem ſie weiß, daß die Schneiderin dabei ihren ganzen Scharfſinn 
darauf verwendet hat, vor aller Welt ſo pikant wie nur irgend moͤglich das Ge— 
heimnis an den Tag zu bringen, daß ſie, die eben erbluͤhte Blume der Unſchuld und 
der Reinheit, in hervorragender Weiſe die Reize der Venus Kallipygos beſitzt. Sie 
weiß, daß dieſe Reize in allen Details ſo plaſtiſch wie moͤglich herausgearbeitet ſind 


20 


— zur Augenweide aller Männer, damit jeder, der ihren Weg kreuzt, ſich daran 
ergoͤtze; ſie weiß es, und ihr Geſicht ſtrahlt dennoch unſchuldige Heiterkeit, Zuͤchtigkeit 
und holde Naivitaͤt. Wahrhaftig, der Teufel muß ſich in Lachkraͤmpfen winden ſchon 
ob dieſes einen Reſultates von der Erziehung des Weibes. 

Die Verwuͤſtungen, die die Arbeit, die Haus- und Fabrikſklaverei, an Geiſt, 
Seele und Gemuͤt der Maſſe der Frauen angerichtet hat, ſind anderer Art, aber ſie 
ſind nicht weniger deprimierend. Die Monotonie der Arbeit hat bei den meiſten 
alle Driginalität des Denkens verwiſcht. Eine nie nachlaſſende Müdigkeit und 
ſtumpfe Gleichguͤltigkeit gegen ernſtere Gegenſtaͤnde liegt wie ein Schleier uͤber ihrem 
ganzen Leben. Kein ſtolzes Aufleuchten der Augen uͤber erfuͤllte Pflicht kroͤnt die 
vollbrachte Arbeit, und kein behagliches Dehnen in der Freiheit beſchließt den Tag 
— man iſt uͤbermuͤdet. Man iſt haſtig ſelbſt in den Stunden der Ruhe und der 
Erholung. Alle Freude iſt nichts Natuͤrliches, ſondern nur ein krampfhaftes Zucken 
der Seele. Aus dem geiſtigen und ſeeliſchen Leben iſt ein bloßes geiſtiges und 
ſeeliſches Vegetieren geworden, und die Spannkraft wird meiſtens nur von der Sorge 
und der truͤgeriſchen Hoffnung aufrecht erhalten ... 

Zur grotesken Karikatur iſt der goͤttliche Schoͤpfungswitz faſt zu allen Zeiten 
herabgeſtuͤmpert worden, ſo lautet der erſte Satz dieſer Einleitung. Nur knapp und 
in großen Umriſſen iſt die 
Wahrheit dieſes Satzes hier 
ſkizziert, aber wohl aus— 
reichend zur Begruͤndung der 
Tatſache, daß die Frau in 
allen Zeiten zum unerſchoͤpf— 
lichen, niemals abgedroſche— 
nen, immer neue Seiten 
darbietenden Thema der 
Satire in Wort und Bild 
geworden iſt. 

Nun hat aber jedes 
Ding in ſich ſeine eigene 
geheime Ironie. Was iſt 
nun in dieſem Falle die 
Ironie der Geſchichte der 
Frau in der Karikatur? Die 
Karikatur der Karikatur der 
Frau, das iſt nur ſcheinbar 
bloß die boshafte und zweck— Romantiſches Koſtüm 
loſe Rache der beleidigten 18, C. Roqueplan. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode im Jahr 1830 


21 


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Die Unſchuld 


19. Aus den „Teufeleien“ von Poitevin. Tranzöfifche Karikatur. 1832 


und vergewaltigten Natur, in Wirklichkeit manifeſtiert ſich in der Karikatur 
der Frau etwas viel Bedeutſameres, ſie iſt ein Teil des Gewiſſens der Menſch⸗ 
heit. Und das iſt die geheime Ironie: in der ſatiriſierenden Steigerung aller 
aͤſthetiſchen und moraliſchen Entgleiſungen am Bilde der Frau zur vollendeten 
Haͤßlichkeit und Unnatur wirkt im letzten Grunde der Drang, den goͤttlichen 
Schoͤpfungswitz nicht untergehen zu laſſen, ihm im Gegenteil zu ſeinem angeborenen 
Rechte zu verhelfen, d. h. das doch noch eines Tages in ganzem Umfange zu werden, 
was er ſeiner ganzen Anlage nach iſt: ein erhabenes Wunder voll Reichtum und 
unvergaͤnglicher Schönheit. Mit anderen Worten: die wahre Schoͤnheit hat keinen 
zaͤrtlicheren Foͤrderer als die bewußte Haͤßlichkeit der Karikatur. 

Erkennt man dieſes geheime Geſetz, dieſen ernſten Hintergrund im ausgelaſſen— 
ſten Lachen, dann erheben ſich die tauſend und abertauſend Karikaturen, die die 
Rolle der Frau in Familie, Geſellſchaft und Staat im Laufe der Jahrhunderte ge— 
zeitigt hat und taͤglich neu zeitigt, zu weit mehr als zu bloßen Seifenblaſen der 
momentanen Heiterkeit; die Karikatur erhebt ſich in ihrer Beharrlichkeit und ihrer 


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ewigen Unermuͤdlichkeit zum Schrittmacher einer höheren Vernunft, einer echten und 
reineren Schoͤnheit, einer tiefgruͤndigen Sittlichkeit. 


Die Frau ſteht im Leben eines jeden geſunden und normalen Mannes min— 
deſtens fuͤr eine Reihe von Jahren im Brennpunkt ſeines geſamten Fuͤhlens und 
Denkens. Sie iſt fuͤr ihn die erſte große Offenbarung des Lebens, das Wunder voll 
tauſend Raͤtſeln von dem Tag an, wo er die Schwelle zum bewußten Geſchlechts— 
empfinden überſchreitet. Fuͤr manche, nein fuͤr viele, fuͤr unendlich viele ſogar, bleibt 
ſie waͤhrend ihres ganzen Lebens die einzige Sonne, die ihnen den Tag bedeutet, 
das Licht und die Wärme, ohne die ſie es nicht vermoͤgen, taͤglich jene Summe von 
Mut, Spannkraft, Energie und Selbſtbewußtſein auszuloͤſen, deren fie unbedingt be> 
duͤrfen, um ihre Rolle im Leben auch nur halbwegs mit Anſtand zu ſpielen. Es 
tut gar nichts zur Sache und hat im letzten Grunde nur nebenſaͤchliche Bedeutung, 
ob dieſe Rolle auf der großen politiſchen Weltbuͤhne oder nur in der dumpfen Enge 
der weltabgeſchiedenen Provinzſtadt agiert wird. Und dieſe treibende Kraft des 
Weiblichen iſt naturgemaͤß viel weniger Ausnahme als Regel, denn das iſt die 
Erfuͤllung des wichtigſten Naturgeſetzes. Jedes organiſche Lebeweſen ſtrebt nach 
Vollendung. Das iſt das Ziel des Lebens, beim Einzelindividuum wie bei der 
Gattung. Und zwar iſt das nicht ein willkuͤrlich nur von einer hoͤheren Vernunft 
konſtruierter Lebenszweck, ſondern es iſt der in ſeiner unabaͤnderlichen Geſetzmaͤßigkeit 
empiriſch erkannte Lebenszweck. Die geiſtige, gemuͤtliche und phyſiſche Vollendung 


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20. Karikatur auf die Leichtglaͤubigkeit der Frauen. Deutſche Reichsbremſe. 1850 


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kann aber beim Menfchen nie vom Einzelweſen in ſich allein erreicht werden, es 
bedarf dazu ſtets des andersgeſchlechtlichen Gegenpols. Kant hat dieſe alte Er— 
kenntnis in den einfachen Satz formuliert: „Mann und Frau bilden erſt zuſammen 
den vollen und ganzen Menſchen, ein Geſchlecht ergaͤnzt das andere.“ Aus dieſem 
Grunde iſt es denn auch eine ebenſo natuͤrliche wie ſelbſtverſtändliche Erſcheinung, 
daß Individuen, aus deren Leben gewaltſam, wider ihren Willen, der eine von 
beiden Teilen, ſei es Mann oder Weib, ausgeſchaltet wird, ſich faſt immer zu Per— 
ſönlichkeiten entwickeln, die in irgend einer Weiſe phyſiſch oder ſeeliſch verkruͤppelt 
ſind. Das iſt die Strafe, die von der Natur auf Zweckverfehlung geſetzt iſt. 


Die hoffnungsſchwangere Germania 
Deutſche ſymboliſche Karikatur aus dem Mai 1849 


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Sonntag. 25. Juni. 
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Abonnement bei allen Königl. 


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2 Dieſe Zeitſchrift erſcheint wö⸗ 5 
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zwar jeden Sonntag, nach 8 
& Umftänden jedoch öfter, einen 
J halben Bogen mit ſatyriſchen 5 
3 Illuſtrationen. 
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Poſtämtern und Buchhand⸗ 
lungen auf je 13 Nummern % 
177 Sgr. Preis der einzel⸗ 2 

nen Nummern 14 Sgr. 


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mit dem Besen. 
No. 1. Miſſionsblatt zur Bekehrung der politiſchen Heiden. 1848. 


Titelvignette der „Tante Voß mit dem Beſen“ 


22. Berliner Witzblatt aus dem Jahre 1848 


Dieſelbe uͤberragende Rolle, die die Frau im Leben des einzelnen ſpielt, 
ſpielt ſie auch im Rahmen der Geſamtheit. Die Frauenfrage iſt naͤchſt der Arbeiter— 
frage das wichtigſte Problem der Gegenwart. Aber ſie iſt in einer Hinſicht weit 
mehr noch als das, ſie knuͤpft ſich nicht nur an die Gegenwart, ſie iſt das erſte, 
aͤlteſte und wichtigſte ſoziale Problem jeder auf dem Privateigentum begruͤndeten 
Geſellſchaftsordnung. Die Entſtehung des Privateigentums ſchuf die Monogamie, 
die Einehe. Mit dem Privateigentum wurde aber auch das Problem vom Unter— 
druͤcker und vom Unterdruͤckten geboren. Es mußte mit ihm geboren werden, denn dieſe 
Inſtitution war ja, politiſch ausgedruͤckt, der oͤkonomiſche Fortſchritt, den die menſch— 
liche Geſellſchaft machte, als fie ſich aus der kommuniſtiſchen Urgeſellſchaft heraus— 
entwickelte. Die Frauenfrage iſt nun die erſte Faſſung dieſes Problems, die Frau 
iſt hiſtoriſch der erſte Unterdruͤckte. „Die erſte Klaſſenunterdruͤckung iſt die des weib— 
lichen Geſchlechtes durch das maͤnnliche.“ Naturnotwendig. Der erſte Sklave mußte 
der Schwaͤchere ſein, innerhalb der Stammesorganiſation war die Frau infolge der 
ihr von der Natur zugewieſenen Gebärfunftionen ſtetig der phyſiſch ſchwaͤchere Teil. 


Die Frau iſt dieſer Unterdruͤckte durch alle Jahrtauſende geblieben, denn es hat ſich 
4 


ſeither wohl die Form, nicht aber die Baſis der Geſellſchaftsordnung geändert. Aus 
dieſem Grunde iſt die Frauenfrage keine Frage, die ſich nur an beſtimmte, enger zu 
begrenzende Epochen unſerer Geſchichte geknuͤpft haͤtte, ſie iſt im Gegenteil mit jeder 
Epoche verknuͤpft, iſt in jedem Zeitalter aktuell, auch wenn ſie ſich nicht in die Form 
von programmatiſchen Forderungen verdichtet hat oder als agitatoriſches Aktions— 
programm auf der politiſchen oder der geſellſchaftlichen Tagesordnung erſchienen iſt. 
Sie iſt eben der nicht abzutrennende Schatten unſerer Geſellſchaftsordnung. 

In den wirtſchaftlichen Vorausſetzungen der monogamiſtiſchen Familienform 
wurzelt die geſamte Stellung der Frau von altersher bis auf den heutigen Tag. 
Die Einzelehe war, wie Engels an der Hand der bahnbrechenden Forſchungen von 
Bachofen und Morgan nachweiſt, ohne Zweifel ein großer hiſtoriſcher Fortſchritt, 
aber ſie eroͤffnete neben der Entſtehung des Privatreichtums auch zugleich jene bis 
heute dauernde Epoche, in der jeder Fortſchritt zugleich ein relativer Ruͤckſchritt iſt, 
in dem das Wohl und die Entwicklung der einen ſich durchſetzt durch das Wehe und 
die Zuruͤckdraͤngung der anderen; die Einehe tritt auf als Unterjochung des einen 
Geſchlechts durch das andere. Die Einehe iſt gegruͤndet auf die Herrſchaft des 
Mannes, mit dem ausdruͤcklichen Zweck der Erzeugung von Kindern mit unbeſtrittener 
Vaterſchaft; und dieſe Vaterſchaft wird erfordert, weil dieſe Kinder dereinſt als 
Leibeserben in das vaͤterliche Vermoͤgen eintreten ſollen: Um die Treue der Frau, 
alſo die Vaterſchaft der Kinder, ſicher zu ſtellen, wird die Frau der Gewalt des 
Mannes unbedingt uͤberliefert. 

Auf dieſer Baſis beruht das Herrenrecht des Mannes: daß der Mann allein 
die Geſetze diktiert, daß die ſozialen, geſchlechtlichen und politiſchen Vorrechte aus— 
ſchließlich auf ſeiner Seite ſind, daß nur, was er tut, und auch alles, was er tut, 
wohlgetan iſt. Kurz geſagt, daraus reſultieren alle die moraliſchen Ungeheuerlich— 


keiten der doppelten Moral fuͤr Mann und Frau: daß bei der Frau Verbrechen iſt, 


was dem Mann als unbedingtes Recht, ja, mehr noch: als Ruhm, zugebilligt iſt. 
Als das menſchliche Gewiſſen anfing, moraliſche Einwendungen gegen das 

uneingeſchraͤnkte Herrenrecht des Mannes zu machen, da zimmerte ſich dieſer ſofort 
ſeine Rechtfertigung, natuͤrlich auch moraliſch: 

Weib, Eſel, Nuß — darf ich es ſagen? — 

Tun nie etwas ungeſchlagen. 
So lautet ein vom Herrenrecht dem Manne eingegebenes Sprichwort des Mittels 
alters. Und zur Entſchuldigung für die Brutalität, mit der der Mann feine Sklaven— 
halterrechte ausuͤbte, formte er zur gleichen Zeit das Wort: Die Frauen ſind wie die 
Katzen, ſie haben neun Leben und koͤnnen manchen Streich vertragen. Mit dieſem 
Troſt im Sinne konnte der Mann ſorglos weiter drauflos ſuͤndigen, und er hat es 
bis auf den heutigen Tag der Frau gegenuͤber auch auf allen Gebieten in edler 
Beharrlichkeit getan. 


26 


Chez. Aubert Pl.de Ja Bourse 


Imp. Aubert & Cie 


— Als Kandidat zur Nationalverſammlung bin ich zuruͤckgewieſen; da bleibt mir nur noch ein 


Weg offen .. . laß mich allein, Zenobia ... ſtoͤr mich nicht in meinen Gedanken .. . ich bin 
eben im Begriff, ein Manifeſt an Europa abzufaſſen. 


Die politiſierenden Frauen 


23. Honoré Daumier. 1848 


Die Frau hat ſich freilich 
nicht widerſtandslos in dieſe 
Rolle gefuͤgt. Das laͤßt ſich 
muͤhelos hiftorifch belegen. Es 
iſt eine geſchichtlich hinreichend 
begruͤndete Erſcheinung, daß, 
ſobald eine Staats- oder Geſell— 
ſchaftsordnung ihre Ruhe aufgibt 
und irgendwie in Fluß kommt, 
ſobald ſich politiſche oder ſoziale 
Umwaͤlzungen irgendwelcher Art 
vorbereiten oder andeuten, — 
daß dann regelmaͤßig alle irgend— 
wie Unterdruͤckten wach werden, 
ſich auf ihre Anrechte beſinnen, 
die ihnen Familie, Staat oder 
Geſellſchaft eigenſuͤchtig vorent— 
halten, ſie proklamieren und ſie 
als die ebenfalls zu loͤſenden 
Aufgaben der Zeit propagieren, 

„ d. h.: fie alle fühlen ſich ſoli— 
dariſch „mit der Revolution“. 
Wenn man an der Hand dieſes geſchichtlichen Erfahrungsſatzes die Geſchichte der 
Frau uͤberſchaut, ſo ergibt ſich die muͤhelos nachweisbare Tatſache, daß die Frauen— 
frage immer und uͤberall in irgend einer Form „brennend“ wird, wenn auf 
politiſchem oder ſozialem Gebiet ſich Umwälzungen vorbereiten und vollziehen. Aus 
dieſen Gruͤnden iſt es auch ganz folgerichtig, daß z. B. in der Gegenwart, in der 
ſich fuͤr jeden hiſtoriſch auch nur maͤßig geſchulten Kopf klar erkennbar eine bis auf 
den Grund gehende Umwaͤlzung unſerer geſamten Geſellſchaftsordnung vorbereitet, — 
daß heute die Frauenfrage ebenfalls im Vordergrunde der öffentlichen Diskuſſion ſteht, 
daß ſie ſeit mehr als fuͤnfzig Jahren in keinem der modernen Kulturſtaaten auch nur 
fuͤr die kuͤrzeſte Zeit völlig von der Tagesordnung verſchwunden iſt. Das iſt weiter der 
Schluͤſſel dazu, daß die Frauenbewegung von Tag zu Tag immer groͤßere Kreiſe zieht, 
ſo daß allmaͤhlich ſchon dem verbohrteſten Philiſter eine Ahnung davon aufdaͤmmert, 
„daß hier etwas vorgeht“. Freilich darf man dabei nicht in den Irrtum verfallen, 
daß die ſo erheiternde Damenfrage den Begriff der Frauenfrage erſchoͤpfte. 

Die eben ſkizzierte Erſcheinung iſt aber auch in einer anderen Beziehung 
wichtig. In den großen Konfliktszeiten der Voͤlker vor allem wird es deutlich 
offenbar, welche gewaltige und ſtolze hiſtoriſche Aufgabe von der Frau trotz 


Verläumdung 


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Les dames au salon! 


25. Conſtantin Guys. Franzoͤſiſche Karikatur aus der Zeit des zweiten Kaiſerreichs 


ihrer unterdruͤckten Stellung in der Menſchheitsgeſchichte erfuͤllt wird. Es iſt 
eine beweisbare Wahrheit, daß keine große geſchichtliche Aktion ſich abgewickelt hat, 
ohne daß die Frau einen bedeutſamen und imponierenden Anteil daran gehabt haͤtte. 
Keine große Idee gibt es im Leben der Voͤlker, keine Weltanſchauung von den vielen, 
die ſich auf politiſchem, religioͤſem und ſozialem Gebiete im Laufe der Zeit abgeloͤſt 
haben, die nicht in der Frau ihre kuͤhnſten Propheten, ihre opferwilligſten Maͤrtyrer 
und ihre fanatiſchſten Apoſtel gefunden haͤtte. Vieles von dem Allergrößten, was 
die Weltgeſchichte zu melden hat, iſt deshalb ruhmreiche Tat geworden, weil die 
gluͤhende Frauenſeele im entſcheidenden Augenblick den Willen geſtaͤhlt hat. Freilich 
iſt der beſtimmende Einfluß der Frau nicht nur in der Richtung des Bewunderns— 
werten zu ſuchen: auf die Abwege, auf denen die Tuͤchtigſten und Genialſten ſich 
verirrt haben und untergegangen ſind, ſind unzaͤhlige von der Frau geleitet und 
gedraͤngt worden. N 

Iſt die Frau in allen Abſchnitten des Zeitalters der Ziviliſation auch ſtets die 
Unterdruͤckte geweſen, ſo iſt ihre Stellung doch jeweils ſehr verſchieden. Die je— 
weilige Stellung der Frau iſt fuͤr die Kulturgeſchichtsſchreibung zu einem uͤberaus 
wichtigen Gradmeſſer der Reife, Unreife oder Überreife, der Freiheit oder der be— 
ſonderen Unfreiheit einer Epoche, eines Landes, einer Klaſſe uſw. geworden. In der 
Stellung der Frau im privaten und öffentlichen Leben, in ihrer Wertung als Menſch 


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Pierrette zu Hauſe 


26. Gavarni. Franzoͤſiſche Karikatur 


ſpiegelt ſich immer ſehr praͤgnant das Kulturniveau, der Aufgang oder der Niedergang 
einer Geſellſchaft. In der privatrechtlichen und ſtaatsrechtlichen Stellung der Frau 
kulminieren alle Schaͤden unſerer privaten und oͤffentlichen Moral. Die Mittel, mit 
denen die Frau um ihre Anerkennung oder um eine Herrſchaft im Rahmen der 
Familie, der Geſellſchaft oder des Staates buhlt, ringt und kaͤmpft, ſind ein Teil der 
wichtigſten Zeugniſſe und Dokumente fuͤr die Geſchichte der oͤffentlichen Sittlichkeit. 
Man vergegenwaͤrtige ſich hier, als einziges Beiſpiel, nur jene Zeiten, in denen die 
Frau auf dem Throne ſaß und das alles beherrſchende Zepter ſchwang. Wir meinen 
hier natuͤrlich nicht die Frau als ſtaatsrechtliche Regentin eines beſtimmten Landes, 
ſondern die Frau als den oberſten Kultus, den Goͤtzen einer Zeit. Kann es nun einen 
teufliſcheren Hohn geben als den, daß ſolche Zeiten, in denen die Geſellſchaft zu jeder 
Stunde bereit iſt, den tollſten ihrer Wuͤnſche wie ein heiliges Geſetz zu erfuͤllen, in 
Wirklichkeit die denkbar tiefſte Degradierung der Frau darſtellen? Aber es iſt ſo. 


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Es geht nicht! 


27. Deutſche Karikatur auf die Krinoline 


In ſolchen Zeiten ſcheidet aus der Wertung der Frau alles menſchlich Edle, alles 
Geiſtige und Seeliſche aus, ſie iſt erniedrigt zum bloßen Luſtobjekt. Genuß zu be— 
reiten, d. h. zu „lieben“ im rein animaliſchen Sinn, das iſt ihr einziger Lebenszweck. 
Den Maßſtab, an dem man ſie mißt: ob man veraͤchtlich an ihr voruͤbergeht, oder 
ob alle Rücken ſich vor ihr beugen und ihr Ruhm durch alle Saͤle der Geſellſchaft 
widerhallt, dieſen Maßſtab gibt in ſolchen Zeiten einzig die Frage, welchen Grad 
von Raffinement fie entwickelt, „pour faire naitre des desirs“ .. 


Steht die Frauenfrage heute mehr denn je im Vordergrunde des oͤffentlichen 
Intereſſes, jo iſt die Frage nach der Moͤglichkeit ihrer endguͤltigen Loͤsbarkeit natuͤrlich 
ein Hauptbeſtandteil der Diskuſſion; ſie iſt die Grundfrage aller Theorie. Der kon— 


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fervative Gaſſenwitz, der ſich die Organiſation der menschlichen Geſellſchaft nie anders 
zu denken vermag, als daß ſtets ein Teil Vorrechte auf Koſten des anderen hat, fuͤhrt 
gegenuͤber der Frauenfrage immer die einzige Formel im Munde: Die dem Manne 
untergeordnete Stellung der Frau iſt in der Natur begruͤndet, alſo wird die Frauenfrage 
nie „geloͤſt“ werden. Und die Begruͤndung dieſer Formel lautet: Die Frau iſt von 
Natur phyſiſch der ſchwaͤchere Teil, darum wurde der Mann ihr „Herr“, und weil 
die Natur ſich nicht aͤndert und der Mann immer als der Staͤrkere geboren werden 
wird, darum wird der Mann immer der Herrſchende bleiben, und ſeine Vorrechte 


koͤnnen nur von der zunehmenden Moral zugunſten der Frau eingeſchraͤnkt werden. 


Dieſe Beweisfuͤhrung iſt ebenſo geiſtreich wie jene weltbekannte Formel, mit der 
dieſelben Leute die Arbeiterfrage abzutun gedenken: es hat immer Reiche und Arme 


Die Erbſchaft des Jahres 1870 


Daumier. Franzoſiſche Karikatur auf den deutſch-franzoͤſiſchen Krieg. 1871 


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gegeben, alſo wird es in alle Zeit und Ewigkeit Reiche und Arme geben. Dieſe 
Beweisfuͤhrung iſt aber auch ebenſo unredlich, zum mindeſten iſt ſie ganz unwiſſen— 
ſchaftlich. Sie war noch vor hundert Jahren zulaͤſſig, heute iſt ſie es nicht mehr. 
Die Geſetze, denen eine ſoziale Inſtitution folgt, entſchleiern ſich ſtets erſt bei einer 
beſtimmten Hoͤhe der Entwicklung dieſer Inſtitution. Die Geheimniſſe der Entwick— 
lung der Familie zu entſchleiern war dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Dieſes Jahr— 
hundert hat die Entſchleierung auch vorgenommen; und wenn auch noch unendlich 
viele Seiten dieſer Frage aufzuhellen ſind, ſo ſind doch die Vorfragen geloͤſt. Unter 
ernſthaften Leuten wird laͤngſt nicht mehr daruͤber diskutiert, daß die heutige Eheform 
etwas ebenſo Gewordenes iſt wie alle organifchen und ſozialen Gebilde. Es ſteht 


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29. Titelvignette eines ſatiriſchen Flugblattes auf die Anklagen der Kommunardin Louiſe Michel gegen Gambetta. 1876 
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aber weiter unwiderleglich feſt — und das ift im gegebenen Fall das wichtigite —, 
daß es Entwickelungsſtadien in der menſchlichen Geſellſchaft gegeben hat, in denen 
die Frau trotz ihrer phyſiſchen Schwaͤche nicht die Unterdruͤckte war. Damit iſt zwar 
wenig fuͤr die Zukunft bewieſen, aber die Behauptung von der ewigen, in der Natur 
begruͤndeten Vernunft der Unterdruͤckung der Frau, die Behauptung, daß die Frau 
immer erſt in zweiter Reihe rangiere, iſt damit voͤllig und fuͤr alle Zeiten entkraͤftet. 

Alles, was geworden iſt, iſt aber auch bekanntlich ein Werdendes, und fo 
konnte Morgan auf die Frage, ob die heutige Form der Ehe fuͤr die Zukunft von 
Dauer ſein koͤnne, wohl folgern: „Die einzige moͤgliche Antwort iſt die, daß ſie fort— 
ſchreiten muß, wie die Geſellſchaft fortſchreitet, ſich veraͤndern in dem Maße, wie 
die Geſellſchaft ſich verändert, ganz wie bisher.“ 

Und wenn man nun zur Urſache der Unterdrückung der Frau zurücgreift, zu 
der oͤkonomiſchen Wurzel, ſo iſt auch der Tag der Loͤſung der Frauenfrage fixiert. Die 
Geſtaltung des Ringens von Mann und Frau widereinander zu einem ſtreng harmonifchen 
Ringen miteinander, kurz, die Aufloͤſung der Frauenfrage in eine einzige Menſchheits— 
frage, das wird ſich an dem Tag erfuͤllen, an dem die oͤkonomiſchen Vorausſetzungen, 
die die Frauenfrage geſchaffen haben, ausgeſchaltet und einer hoͤheren Stufe der menſch— 
lichen Geſellſchaftsorganiſation gewichen ſind. Mit der zunehmenden Moral der 
braven und vernuͤnftigen Leute werden wohl unterdeſſen Härten gemildert werden, 


Die Romanleſerin 


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Die Dame und der Affe 
31. Aubrey Beardsley. Engliſche ſymboliſch-ſatiriſche Karikatur auf die Macht des Weibes uͤber den Mann 


aber am Weſen wird ſich nichts Entſcheidendes aͤndern. Die Frauenfrage iſt kein 
Problem des boͤſen Willens und der angeborenen Schlechtigkeit der Maͤnner, ſondern 
ein Problem der hiſtoriſchen Bedingnis. 

In dieſem Sinne ſtehen alle die zur Löſung der Frauenfrage, die ſo anſpruchs— 
voll ſind, in der Geſchichte mehr innere Logik zu erblicken, als die: Um juſt auf die 
Hoͤhe zu klimmen, auf der die ziviliſierte Menſchheit heute ſteht, dafuͤr haben die 
Gehirne der Beſten aller Zeiten gerungen und geblutet. Nein, ſo bloͤdſinnig iſt das 
große Geheimnis der Menſchheitsentwicklung denn doch nicht. 


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Daß die Karikatur gegenüber der Frau in allen Zeiten eine große Rolle ge— 
ſpielt hat, iſt bereits am Schluß des erſten Abſchnittes geſagt worden. Fuͤr den 
oberflächlichften Beobachter iſt es wohl ebenſo klar, daß gemäß den zahlreichen Kon— 
flikten, die die Frau im Leben des einzelnen wie in dem der Geſamtheit provoziert, 
das Kapitel „die Frau in der Karikatur“ in jeder Richtung auch beſonders auffaͤllig 
im Geſamtrahmen der Geſchichte der Karikatur ſteht. Es iſt in der Tat das um— 
fangreichſte Kapitel in der Geſchichte der Karikatur, und man wird wahrſcheinlich 
ohne Übertreibung ſagen koͤnnen, daß mehr als die Haͤlfte aller jemals erſchienenen 
Karikaturen mehr oder weniger Bezug auf die Frau hat. Da dies eine uͤberall 
gleiche Erſcheinung iſt, ſo duͤrfte es angebracht ſein, das, was im allgemeinen uͤber 
dieſe Fuͤlle und dieſen Reichtum der Karikatur zu ſagen iſt, zuſammenfaſſend ſchon 
hier in der Einleitung hervorzuheben. 

Im allgemeinen iſt zu ſagen: Es gibt kaum ein Zeitalter, in dem die Frau 
nicht exzeptionell in der Karikatur figurierte, es gibt kein Kulturvolk, das an ſie nicht 
am meiſten Witz verſchwendet haͤtte, und es gibt drittens ſehr wenig ſatiriſche 
Kuͤnſtler, die ihr nicht verſchwenderiſchen Tribut abgeſtattet haͤtten; dagegen gibt es 
eine ganze Reihe, die ſich ausſchließlich mit ihr beſchaͤftigt haben. Das gilt von 
früheren Jahrhunderten, vom 16., 17. und 18, vielleicht noch ungleich mehr als von 
der Gegenwart. Gewiß produziert Paris oder Berlin allein heute in einem einzigen Jahre 
viel mehr Karikaturen, die ſich auf die Frauen beziehen, als ehedem ein ganzes Volk 
in einem ganzen Menſchenalter. Aber bei der Beurteilung der jeweiligen Wichtig— 
keit oder Vorherrſchaft eines Gebietes kommt es auf die Verhältniszahl an; dieſe 
aber ergibt, was wir eben behauptet haben. Und das iſt eine ganz natuͤrliche Er— 
ſcheinung, das Widerſpiel des engeren geiſtigen Horizontes der Maſſen von ehedem 
und des erweiterten von heute. 

Je enger der Kreis, in dem ſich das Leben abſpielt und die Konflikte aus— 
gefochten werden muͤſſen, um ſo enger iſt die Intereſſenſphaͤre, d. h. um ſo groͤßere 
Wichtigkeit erlangt nicht nur das geringſte perſoͤnliche Erlebnis, ſondern uͤberhaupt 
das Naheliegende im Urteil der in Frage kommenden Allgemeinheit. Und das 
Nächſtliegende waren doch z. B. die Intereſſengegenſaͤtze zwiſchen Mann und Frau, 
die jeder Tag in irgendwelcher Form von neuem heraufbeſchwor. So groß auch die 
Bedeutung einer Stadt wie Nuͤrnberg, Augsburg, Baſel z. B. im 16. Jahrhundert 
war, in allen dieſen Staͤdten herrſchte im Vergleich zu heute eine idylliſche Ruhe: 
meiſtens ſchwirrte nur der kleine Laͤrm des Alltags durch die Luft, und in der er— 
eignisreichſten Zeit lebte man ungeſtoͤrter, weltabgeſchiedener als heute in den Tagen 
der ſommerlichen Stille. Ja, wenn ſelbſt die Kunde von ſaͤmtlichen großen Staats— 
aktionen in dieſe Staͤdte gedrungen waͤre, waͤhrend man in Wirklichkeit nur von den 
wenigſten etwas erfuhr, ſo waͤre die Wirkung gering geweſen gegen heute. Aus 
verſchiedenen Gruͤnden. Erſtens war die Bevoͤlkerungszahl ganz unverhaͤltnis— 


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mäßig niedrig gegenüber unferer 
Zeit; und angeſichts dieſer Tat— 
ſache darf man nicht uͤberſehen, 
daß die Wirkung jeder Sache im 
gleichen Verhaͤltnis mit der Zahl 
des vorhandenen „Publikums“ 
waͤchſt. Zweitens hatte man ge— 
meinhin nicht viel mitzureden, 
meiſtens gar nichts, das wußte 
man; und wenn man durch die 
Entwicklung der Dinge auch ſpaͤter 
ſehr oft in die Rolle des Leid— 
tragenden kam, ſo war man trotz— 
dem in der Zeit des Geſchehens 
meiſtens in der des immer weniger 
aufgeregten Unbeteiligten. Ein 
dritter Grund iſt vielleicht am 
wichtigſten. Das allermeiſte, was 
in der Welt vorging, entbehrte 
laͤngſt der Aktualitaͤt, wenn es 
endlich als „neue Zeitung“ in 
3j einer Stadt kund wurde; es konnte 
ſomit die Wellen unmoͤglich mehr 
beſonders hoch treiben, ſo daß man die naheliegenden Intereſſen länger als 
eine Stunde voͤllig daruͤber haͤtte vergeſſen koͤnnen. Nur die nahe bevorſtehen— 
den, die handgreiflich drohenden Gefahren regten die Gemuͤter auf. Aus alledem 
reſultierte der langſame, monotone Gleichklang des Tages. Unter ſolchen Umſtaͤnden 
uͤberwucherte dafür das Einzelintereſſe, wuchſen die Fragen und Streite des taͤglichen, 
privaten, buͤrgerlichen Lebens zur Wichtigkeit von Staatsaktionen an. Weil das 
Echo der großen Fragen einem nur in matten, gedaͤmpften Wellenſchlaͤgen zum Ohr 
drang, war „man“ die Welt und ſprach mit Vorliebe immer wieder von ſeinen 
kleinen Sorgen. 

Mit groͤßter Sachkenntnis, freilich ſtets als Partei. Den großen Konkurrenz— 
kampf der Frau um den Mann erlebte man taͤglich; die Einfachheit, das Unkomplizierte 
der Verhaͤltniſſe ermöglichte es, daß man oft alle ſeine kleinlichen, haͤufig ge— 
haͤſſigen Winkelzuͤge, die zum Ziele fuͤhren ſollten, ſah; man ſah die Siege und ſah 


die Niederlagen, wie ſie ſich langſam vollzogen, meiſtens nur ſchlecht verhuͤllt vor ſich 


voruͤberziehen. Man konnte weiter im einzelnen kontrollieren, welchen Schaden be— 
ſondere Untugenden: Klatſchſucht, Streitſucht, Leichtſinn, Liederlichkeit, Eitelkeit, 


38 


Jillanne 


5 
, 


Eu sandwich! 


34. A. Guillaume. Galantsſatiriſche Karikatur 


Prunkſucht uſw. anrichteten. Die Enge der Verhältniſſe ſteigerte ebenſoſehr die 
Folgen, wie ſie es dem einzelnen unmoͤglich machte, ſich auszuſchalten; jeder war 
mehr oder weniger Objekt, faſt jeder war mehr oder weniger in Mitleidenſchaft ge⸗ 
zogen. Da einen ſonſt nichts auf der Welt annaͤhernd in dieſem Maße alterierte, 
war es wahrlich kein Wunder, daß man dieſe Kaͤmpfe und Erſcheinungen peinlicher 
und aufmerkſamer regiſtrierte. 

Alles das ſchwand und aͤnderte ſich, natuͤrlich nur ſchrittweiſe, mit den Erwei— 
terungen des Intereſſenkreiſes. Je groͤßer der Bruchteil der Maſſe wurde, der ſich 
politiſch oder ſozial betaͤtigte, um ſo mehr traten die Intereſſen des privaten Lebens 
als Gegenſtaͤnde der allgemeinen oͤffentlichen Diskuſſion zuruͤck. Und das iſt auch das 
Hauptergebnis aller kulturellen Errungenſchaften. Die Summe von Kultur, die wir 
heute gegenuͤber den vergangenen Jahrhunderten aufzuweiſen haben, beſteht in ihrem 
entſcheidenden Inhalt darin, daß heute die große Maſſe des Volkes in eine uͤberall 
mitbeſtimmende Bewegung gekommen iſt, und daß das Ziel der Volkserziehung: die 
uͤberwiegende Mehrheit zur ſittlichen Pflicht zu erziehen, ſie taͤtig mitarbeiten zu 
lehren am Weiterbau von Staat und Geſellſchaft, laͤngſt keine Utopie mehr iſt . . . 


39 


Aber nicht nur am 
meiften Witz, auch der beſte 
Witz iſt an die Frau ver— 
ſchwendet worden. In 
der humoriſtiſch-ſatiriſchen 
Behandlung der Frau und 
alles deſſen, was mit ihr 
zuſammenhaͤngt, haben Ge— 
nie, Witz, Humor und 
Satire einen großen Teil 
des Allerbeſten geſchaffen, 
was ſie je hervorgebracht 
haben. Hier haben ſich 
ſtets die köſtlichſten Strahlen 
ſchoͤpferiſcher Laune geſam— 
melt, hier haben immer die 
reichſten Quellen geſprudelt, 
die tollſten und ausgelaſſen— 
ſten Orgien ſind hier gefeiert 
worden. Eine Reihe von 


ſatiriſchen Kuͤnſtlern hat, 
wie ſchon angedeutet, ihr 
geſamtes kuͤnſtleriſches 
Schaffen ausſchließlich der 
Frau gewidmet. Sie war 


g ihnen die einzige befruch— 

„Er liebt mich .. . er liebt mich nicht .. . er liebt mich!“ tende Sonne, und ihr Stift 

Der Gockel als Gänſeblümchen wurde farbig und glänzend, 

35. A. Oberlaͤnder. Fliegende Blätter. 1893 ſowie es ſie galt, waͤhrend 

ihre Schoͤpfungen matt und 

reizlos wurden, wenn ſie ſich von der Frau abkehrten. Das belegen eine Reihe von 

Prachtſchoͤpfungen aus jeder Zeit, von denen freilich dasſelbe gilt wie vom Geſamt— 

gebiete der Karikatur, daß ſie in ihrer Mehrzahl bis heute unbeachtet in den Mappen 

der Sammler und Sammlungen ruhen. Freilich, nicht nur eitel köſtliche Heiterkeit 

bietet die Geſchichte der Frau in der Karikatur: in ihr findet auch ein Teil des 

Duͤſterſten Ausdruck und Spiegel, was der einzelne und die Geſamtheit an Lebens— 

tragik zu erdulden hatten; eine Geſchichte der Frau in der Karikatur rollt naturgemaͤß 
auch einen Teil der ſchwerſten Anklagen gegen Staat und Geſellſchaft auf ... 

Die Frau in der Karikatur iſt in großen und wichtigen Abſchnitten natur— 


40 


La fort 


Symboliſch-ſatiriſche Ka 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


i danse 


n Jean Veber. 1904 


Albert Langen, Muͤnchen 


— „Mit der verdammten Schnuͤrerei wirft du dir noch die ganze Leber verquetſchen.“ 
— „Gott, das ſieht man doch nicht auf der Straße!“ 


36. F. von Rezunicek. Simpliziſſimus 1902 


gemaͤß ein Stoff, bei dem das geſchlechtliche Moment beſonders haͤufig im Vorder— 
grunde ſteht. Das folgt aus der beſchaͤmenden Tatſache, daß eben die Frau in ihrer 
Geſamtwertung auch heute noch in erſter Linie nicht als Menſch, ſondern als Ge— 
ſchlechtsweſen angeſehen wird. Erwieſen wird das ſchon allein durch die allerkuͤrzeſte 
Unterhaltung, deren Gegenſtand eine Frau bildet: „Iſt ſie huͤbſch?“ Das iſt unbedingt 
die erſte Frage, die laut wird. Als Geſchlechtsweſen tritt ſie aber auch ausſchließlich 
in Erſcheinung, denn einzig auf dieſe Art zeigt jede Mode die Frau den Blicken 


in der Offentlichkeit. Nicht als rein menſchliche Geſamterſcheinung praͤſentiert ſich 
6 


41 


die einzelne Frau dem Blick, ſondern fie zeigt hauptfächlich, daß fie über die Körper— 
teile verfuͤgt, die ſie als Geſchlechtsweſen „genußwert“ machen, uͤber Bruͤſte, Huͤften, 
Lenden, Schenkel. Ja noch mehr, ſie fuͤhrt dieſe Koͤrperteile ſo vor, daß die Frau 
einzig als eine Zuſammenſetzung von Buſen, Huͤften und Lenden erſcheint. Nicht 
die innere und aͤußere Harmonie, das geiſtig und ſeeliſch Weſentliche der Frau wird 
in der Kleidung offenbar, wohl aber haͤlt die Mode dem Fremdeſten ſozuſagen einen 
begeiſterten Vortrag uͤber die intimſten koͤrperlichen Qualitaͤten jeder Frau. Unter 
einer ſchoͤnen Frau wird in erſter Linie eine Erſcheinung verſtanden, die in hervor— 
ragender Weiſe für die Liebe geſchaffen iſt, die geeignet iſt: faire naitre des desirs. 
Gemaͤß der Erziehung der Frau und der dadurch unabhängig von ihrem Willen 
herausgebildeten Inſtinkte hat ſie ſelbſt dies auch zu allen Zeiten akzeptiert und 
agiert ſomit meiſtens mit Bewußtſein in der Rolle des Nur-Geſchlechtsweſens. Die 
meiſten Frauen werden es einem viel weniger veruͤbeln, wenn man an ihren geiſtigen 
Qualitaͤten Kritik uͤbt, als wenn man gleichgültig an der ſchoͤnen Linie ihrer Buͤſte 
voruͤberſieht. Die groͤßte pſychiſche Venus will auch als phyſiſche Venus gelten. Ihr 
ganzes Genie haͤtte Frau von Stael darum gegeben, einen Teil der lasziven Schoͤnheit 
der Madame Recamier dafuͤr eintauſchen zu können; und Frau von Stael war nicht 
einmal haͤßlich. Man muß aber gerade an dieſer Stelle immer von neuem wieder— 
holen, daß Sitte, Moral, Geſetzgebung, geſchrieben und ungeſchrieben, die Frau un— 
unterbrochen in dieſe Rolle gedraͤngt haben; und hinzuzufuͤgen iſt, daß gerade das 
Mehrſeinwollen als nur dieſes, das Menſchwerden, der Frau die heftigſten und 
anhaltendſten Angriffe zugezogen hat. 

Jede Sklaverei, die lange getragen wurde, hat ſich allmaͤhlich zur „gott— 
gewollten Ordnung“, zur „ewigen Vernunft“ ausgewachſen. Und zwar in den Hirnen 
aller Beteiligten, d. h. alſo nicht nur in denen der Sklavenhalter, ſondern auch in 
denen der Sklaven. Es iſt daher nicht bloß ruſſiſche Frauenlogik, wenn es heißt: 
mein Mann pruͤgelt mich nicht mehr, alſo liebt er mich nicht mehr. Aber jeder Sklave 
weiß ſich trotzdem auch zu raͤchen, und das ſind die beſonderen Genüſſe des Sklaven— 
lebens. In das Wort des Alltags gekleidet, lautet es: Wer ſein Weib ſchlägt, 
ſchlaͤgt ſich drei Faſttage. Im hoͤheren, geſchichtsphiloſophiſchen Sinne aber iſt die 
große Rache der Frau darin formuliert: Mit dem, wodurch im letzten Grunde das 
menſchliche Sklaventum der Frau begruͤndet wurde, hat ſie ſich zum heimlichen Kaiſer 


emporgeſchwungen, der gleich einem aſiatiſchen Deſpoten mit gebieteriſcher Gebaͤrde die 
Welt vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne beherrſcht und die Groͤßten wie 
die Kleinſten gleich Marionetten zappeln und tanzen laͤßt. 


„Die ganze angewandte Mathematik vermag kein Werkzeug zu erfinden, das ſo— 
viel vermöchte, als das, was die Mediceiſche Venus mit der linken Hand bedeckt.“ 
Das iſt keine neue Weisheit, keine neue Wahrheit, ſogar eine alte Formel, aber eine 
ewige Wahrheit, und die Geſchichte jedes Zeitalters, jedes Landes, jeder Stadt, 


42 


en 


ane Aphamlpıyaguad "PPWPplaDd ads gun Yuny auaagom IX Hama Joan 


Ob fie ein Herz hat? Ich höre abſolut nichts! 


38. C. D. Gibſon. Amerikaniſche Karikatur. Life 1900 


jedes Dorfes, ja jeder Familie notiert das mit den deutlichſten Worten. „Frauen- 
gunſt macht guten Willen,“ „Ich hab' mit meiner Gret erheyratet ein Decret 
zu meinem Aufkommen.“ Newton wurde endlich nach langem Muͤhen engliſcher 
Obermuͤnzmeiſter. Aber beileibe nicht, weil ſein Genie das Gravitationsgeſetz entdeckt 
hatte, ſondern — par la bagatelle — durch eine artige Nichte. Das Gluͤck hatte 
den großen Denker außer mit ſeinem Genie auch noch mit einer huͤbſchen Nichte 
begabt, die nicht allzu ſproͤde tat, als ein maͤchtiger Jemand eines Tages das un— 
ſtillbare Verlangen trug, das enge Mieder dieſer ſchönen Dame neugierig aufzuneſteln. 
Das iſt in drei Zitaten — fuͤr tauſend, die ſich muͤhelos aneinanderreihen ließen — 
eine Seite des Cherchez la femme. „Solange euch euer Mann nicht verſpricht, den 
Zentrumskandidaten zu wählen, . .. ſolange er das liberale Blatt nicht aus dem Haus 
tut,“ ſo erklaͤren jahraus, jahrein Hunderte von ſtreitbaren Kaplaͤnen den glaͤubigen 
Frauen in der Beichte, „ſolange duͤrft ihr ihm das und das nicht bewilligen“ — 
Anzengruber hat in den Kreuzlſchreibern eine ſchneidige ſatiriſche Komoͤdie daraus 
gemacht. Das iſt in einem Beiſpiel eine zweite Seite des Cherchez la femme. Im 
ſtillen Wald in abgeſchiedener Schonung ſind jaͤh zu gleicher Zeit zwei Schuͤſſe ge⸗ 
fallen; im duͤrftigen Mooſe verblutet der eine der beiden Schuͤtzen an der ſicheren 
Kugel ſeines Duellgegners. Geſtern noch formten ſich im Gehirne des Sterbenden 
Gedanken und Ideen, die in ihrer Höhe bis an den Himmel ſtießen und in ihrer 
dereinſtigen Vollendung die Menſchheit um ein betraͤchtliches Stuͤck auf ihrem Ent⸗ 


44 


wicklungsgange vorwärts geleitet hätten. Das ift eine dritte Seite des Üherchez 
la femme. Dieſes Cherchez la femme hat aber ebenſoviel verſchiedene Seiten als 
das Leben Seiten hat, und jeder Tag reiht neue daran, die den einen empor zu den 
Sternen fuͤhren, den anderen hinab in den klebrigſten Schmutz, den nichts mehr ab— 
zuwaſchen vermag. Das iſt im höheren Sinne die Sklavenrache. 

So iſt das Geſchlechtliche untrennbar von vielen Abſchnitten eines Buches 
uͤber die Frau. Und da weiter die innere Unmoral von Ruhm, Erfolg, Anſehen 
hier am augenfaͤlligſten zutage tritt, fo iſt dieſe Seite ſelbſtverſtaͤndlich immer ein 
Hauptreiz und ein Hauptgegenſtand fuͤr die geſchriebene und gezeichnete Satire ge— 
weſen. Und es iſt hinzuzufuͤgen, daß gerade dieſe Seiten der Karikatur von beſon— 
derem ſittengeſchichtlichem Intereſſe ſind. Degradiert wird durch die ſatiriſche Geiße— 
lung wohl die gekennzeichnete Tat, nicht aber das ſatiriſche Dokument, das ſie 
meldet. 

Hier iſt wohl der geeignetſte Ort, einzuſchalten: es wäre ganz falſch gefolgert, 
wuͤrde man waͤhnen, die Satire habe ſich immer mit beſonderer Vorliebe gegen die 
Frau gewandt, die Satire ſei ſozuſagen ſtets der eingefleiſchte, der geſchworene Feind 
der Frau geweſen, ſie habe ihre Schwaͤchen und Fehler boshafter und zaͤher gegeißelt 
als alles andere, ſie habe ſozuſagen mit einer gewiſſen Schadenfreude immer wieder 
die geringſte Entgleiſung, wenn ſie gerade ihr paſſierte, ſatiriſch gloſſiert — das 


, 
N 


g SUILBRANIION 


„Empoͤrend, was dieſes Fraͤulein Muͤller als Paſtorstochter fuͤr einen ſtarken Buſen hat!“ 
Unpaſſend 


39. Olaf Gulbranſſon. Simpliziſſimus. 1904 


45 


trifft weder im allgemeinen zu, noch ſpeziell in der geſellſchaftlichen Karikatur. Ja, 
hier vielleicht am allerwenigſten. Die große Mehrzahl ſaͤmtlicher geſellſchaftlichen 
Karikaturen, die ſich entweder auf die Frau direkt beziehen oder in denen die Frau 
zur Illuſtration dient, ſind teils direkte, teils indirekte Huldigungen an die Frau. 
Nie und nirgends iſt auf irgend einem Gebiete mit ſoviel Begeiſterung, Jubel und 
Ausdauer das hohe Lied auf die Frau geſungen worden wie gerade hier. Jede 
Strophe dieſes Liedes iſt tauſendfach geſungen, tauſendfach variiert worden. Man 
denke nur an Willette, an Gibſon, an Reznicek, um aus der Gegenwart nur die in 
dieſer Richtung bekannteſten und bezauberndſten zu nennen. Wenn dieſe drei die 
Frau auch ſatiriſch geißelten, ſo klingt in ihrer Zuͤchtigung doch ſtets der Hymnus auf 
das ſuͤße Wunder mit, das die Frau iſt und ſein ſoll. 

An dieſe Seite ſtoͤßt freilich ſehr nahe die offene oder verſteckte Spekulation; 
denn nichts findet ein ſo neugieriges und ſo dankbares Publikum wie die Ent— 
ſchleierung dieſer Geheimniſſe, darum iſt ſchon mancher unterlegen und hat ſich zum 


bloßen Spekulanten auf gemeine Inſtinkte erniedrigt. Ganze, lange Epochen haben ſich 
in dieſer Bahn der Nur-Spekulation bewegt. In dieſe Kategorie faͤllt darum nicht 
nur kuͤnſtleriſche Marktware, ſondern auch ein Teil der allerhervorragendſten ſatiriſchen 
Kunſtwerke, die es gibt. So rangieren z. B. hierher ſehr viele der beruͤhmten galanten 
Blätter des 18. Jahrhunderts. Bei dieſen iſt die ſatiriſche Note meiſtens zum ganz 
leiſen, koketten Lachen herabgemildert, die Satire iſt faſt nur der untergeordnete 


Nebenzweck, um die Behandlung pikanter und lebendiger zu machen. Wenn man 
dieſen letzten Punkt gebuͤhrend in Rechnung zieht, ſo degradiert das unbeſtreitbar 
die aus ſolchem ſpekulativem Geiſte geborenen Schoͤpfungen; hiſtoriſch betrachtet 
ſind ſie jedoch nichtsdeſtoweniger ſehr wertvoll, es ſind ſehr wichtige Beweisſtuͤcke der 
öffentlichen Sittlichkeit. 

Faßt man alles dieſes zuſammen, ſo kann man von der Frau in der Karikatur 
wohl in jeder Hinſicht mit ausreichendem Grunde als erſtes und wichtigſtes ſagen: 
ſie iſt geeignet, kulturgeſchichtlich, voͤlkerpſychologiſch und auch kunſthiſtoriſch eine ganze 
Reihe wichtiger Anregungen und Aufſchluͤſſe zu geben. Dieſe Tatſache hebt den 
Gegenſtand hoch uͤber das Niveau des bloß Unterhaltenden empor. Aber ſie raubt 
ihm andererſeits niemals auch nur ein Teilchen von dem Charme, der aus der Mehr— 
zahl dieſer Blaͤtter immer noch blitzend und funkelnd hervorbricht. Dieſer unver— 
welkliche Zauber und Reiz aber iſt es, der gerade dieſes Kapitel aus der Geſchichte 
der Karikatur zu einem macht, von dem man mit beſonderem Rechte ſagen kann: 
Arbeit und Studium ſind hier Vergnuͤgen, Freude und Genuß. 


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Frau Minne! 


l. Toulouſe-Lautreece. 


2 


0. 


Zum Schluſſe diefer Einleitung eruͤbrigt ſich nur noch, einiges über den Rahmen 
zu ſagen, der dieſer Arbeit geſteckt iſt. Unſere Schilderung ſoll ſich ausſchließlich 
auf die europaͤiſche Karikatur beſchraͤnken, und ſie ſoll die Zeit vom 15. Jahrhundert 
bis zur neueſten Gegenwart umfaſſen, d. h. alſo das buͤrgerliche Zeitalter in Europa. 
Im 15. Jahrhundert entſtand der Kapitalismus im modernen Sinne; er ſchuf 
die buͤrgerliche Geſellſchaftsordnung, in der wir heute noch leben, der aber freilich 
die Sterbeglocken bereits gelaͤutet werden. Mit der wirtſchaftlichen Abloͤſung des 
Feudalismus im 15. Jahrhundert kamen die Maſſen in Fluß und hatten die Maſſen 
mitzureden. Die erſte große Erfindung des neuen Zeitalters war das Mittel, 
zu den Maſſen zu reden: die Buchdruckerkunſt. Die Buchdruckerkunſt ſchuf als 
erſte Errungenſchaft das wichtigſte Maſſenagitationsmittel aller Zeiten: das 
Flugblatt, damals „Fliegendes Blatt“ genannt. Das fliegende Blatt iſt die erſte 
Form, in der die Karikatur zu den Maſſen redete, d. h. Ideen, Anſchauungen 
und Perſonen propagierte und bekaͤmpfte, womit ſie aufhoͤrte, nur von den Kapitaͤlen 
der Kirchen herab oder aus den Miniaturen dicker Folianten heraus immer nur 
einigen wenigen ſatiriſch Moral zu predigen. Um die Karikaturen, die ſich an die 
Maſſen richteten, d. h. die veroͤffentlicht wurden, iſt es uns in der vorliegenden 
Arbeit allein zu tun; denn nur dieſe haben kulturhiſtoriſche Bedeutung und kommen 

als Dokumente zur Geſchichte der 
oͤffentlichen Sittlichkeit, zu der 
dieſe Arbeit einen Beitrag darſtellen 
ſoll, in Betracht. Aus dieſem 
Grunde legen wir auch nur ganz 
geringen Wert auf plaſtiſche Kari— 
katuren, denn dieſen iſt begreif— 
licherweiſe immer ein groͤßeres 
Abſatzgebiet verſchloſſen, und darum 
ſchließen wir ſogenannte Kuͤnſtler— 
ſcherze voͤllig aus, die nur fuͤr 
enge Freundeskreiſe beſtimmt ge— 
weſen ſind, ſo intereſſant ſie auch 


ſein moͤgen, und ſo groß ihr kuͤnſt— 


leriſcher und dokumentariſcher 
Perſoͤnlichkeitswert zur Beurteilung 
ihres Schoͤpfers auch einzuſchaͤtzen 
ſein mag. 
Die Einteilung und der 
arbeitslos und auch noch haͤßlich ... Aufbau des Buches ſind organiſch 
41. Lefevre. Assiette au beurre gegeben. „Die Frau“ als Geſamt— 


48 


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begriff bildet das Thema. Dieſer 
Begriff, in ſeine einzelnen Beſtand— 
teile zerlegt, aus denen er ſich zu— 
ſammenſetzt, d. h. die ſeine Exiſtenz 
charakteriſieren, das ergibt: die Frau 
in der Ehe, die Mode und die 
Frau, den Kultus der Frau, die 
Proſtitution, die Emanzipations— 
beſtrebungen der Frau uſw. Darum 
konnte die Gliederung des Buches 
nicht hiſtoriſch fein, etwa in der 
Art: die Frau in der Renaiſſance, 
die Frau im 18. Jahrhundert, die 


Frau in der großen Revolution uſw. 
Ein Beiſpiel begruͤndet das am 
beſten: die Elemente, die die Mode bilden und ihr Weſen ausmachen, ſind im 15. 
und im 20. Jahrhundert genau dieſelben. Eine einheitliche Charakteriſierung der 
Modekarikaturen kann alſo nur erreicht werden, wenn die Modefragen und -tendenzen 
zuſammenfaſſend in ihrer Geſamtentwicklung dargelegt werden. Das gilt fuͤr alle 
Abſchnitte des Buches. Durch dieſe Gliederung laſſen ſich auch am eheſten die bei 
jeder Monographie unvermeidlichen Wiederholungen auf das geringſte Maß ein— 
ſchraͤnken. In ſich ſind freilich die einzelnen Kapitel hiſtoriſch aufgebaut und arran— 
giert. Aus der Einteilung ergab ſich der 
Ausgangspunkt und die Entwicklung des 
Buches ganz von ſelbſt. Die Frau iſt in 
der heutigen Wertung, wie ſchon oben 
geſagt wurde, nicht Menſch, ſondern 
Geſchlechtsweſen. Den Ausgangspunkt 
des Buches mußte daher die Ehe ab— 
geben, denn in ihr allein findet die Maſſe 
der Frauen ein geregeltes Geſchlechts— 
leben; zur Ehe ſtreben zielbewußt die 
meiſten Frauen, dieſem Ziele: den Kon— 
furrenzfampf um den Mann erfolgreich 
zu fuͤhren, dienen im letzten Grunde alle 
Fineſſen der Mode, der Koketterie uſw. — 
die weitere Fortſetzung iſt damit vor— 


gezeichnet. I und II. moderne Metamorphoſe 
Ebenſo wie die Einteilung und der 42 u. 43. Hermann Schlittgen. Fliegende Blätter 
7 


49 


Die ſatiriſche Runft 


44. Adolf Willette. Courrier Trancaisd. 1896 


Aufbau des Buches natuͤrlich gegeben ſind, ſo iſt auch die textliche Loͤſung der Auf— 
gabe gegeben. Damit man den kultur- und ſittengeſchichtlichen Wert der vorgefuͤhrten 
Karikaturen erkenne, damit man feſtzuſtellen vermöge, ob und wie im einzelnen Fall 
ein tieferer Sinn walte, iſt die Entſchleierung und Darſtellung der wirkenden Geſetze 
und Tendenzen ſtets eine Hauptaufgabe jedes einzelnen Kapitels. Als zuverlaͤſſiges Hilfs— 
mittel zur Ergaͤnzung der von der gezeichneten Satire beim Beſchauer angeregten Vor— 
ſtellung kann wohl beſſer denn irgend etwas anderes die zeitgenoͤſſiſche literariſche Satire 
dienen, dieſer wird daher bei jeder Gelegenheit der gebuͤhrende Platz eingeraͤumt werden, 

Zur Wahl der Bilder iſt zu bemerken: da das Werk die Frau als Geſamtbegriff 
faßt und es ſich ſomit um keine Pamphletgeſchichte handelt, fo ſteht das Typiſche 
natuͤrlich an erſter Stelle, das Perſoͤnliche — Karikaturen auf beſtimmte Frauen — 
dagegen erſt an letzter. Weiter iſt hier zu bemerken: der Begriff der „Frau in der 
Karikatur“ darf nicht ſo eng gefaßt ſein, daß man darunter nur Karikaturen auf 
die Frau verſteht; wir glauben, es bedarf keiner weiteren Begruͤndung, daß der 
Begriff ſo zu faſſen iſt: der ſtoffliche Inhalt einer Karikatur hat uͤberhaupt die Frau 
zum Gegenſtand zu haben. Ahnliches gilt fuͤr die Frage: Was iſt alles unter 


50 


Karikatur zu verſtehen? Der Begriff Karikatur iſt hier nicht fo eng gedacht, daß 
nur ſolche Blaͤtter vorgefuͤhrt werden ſollen, die im ſtrengen Wortſinne, alſo wegen 
der zeichneriſchen uͤbertreibung des Charakteriſtiſchen, als Karikaturen anzuſehen 
ſind. Der Rahmen dieſer Arbeit iſt im Gegenteil in dieſer Richtung ſo weit als 
möglich gezogen, er ſoll alles das umſpannen, was im weiteren Sinne des allgemeinen 
Sprachgebrauchs durch ſeine Tendenz als Karikatur angeſehen wird, alſo alle Formen, 
deren ſich die Satire im Bilde, und weiter: die pointiert tendenzioͤſe Perſonen-, 
Sitten- und Zuſtandsſchilderung im Bilde, ſei es zum Ruhme, ſei es zum Tadel der 
Frau, bedient hat und noch heute bedient. 

Als letztes ſei noch hervorgehoben, daß das Beſtreben darauf gerichtet iſt, in 
jedem Kapitel einen Reichtum an charakteriſtiſchen Stuͤcken zu geben, und daß 
dagegen auf den Ehrgeiz, mit moͤglichſt viel Kuͤnſtlernamen zu prunken, mit Abſicht 
verzichtet wurde: kein Lexikon derer, die ſich in der Karikatur mit der Frau beſchaͤftigt 
haben, wohl aber eine Sammlung deſſen, was bedeutſames und aufhellendes auf 
dem Gebiete der Karikatur uͤber die Frau geſchaffen worden iſt, ſoll dieſes Buch in 
ſeinem bildlichen Inhalte darſtellen. 


45. Felicien Rops. Belgiſche Karikatur 


7 * 
9 1 


auff heber man. 
Diß Röfslein wil ein aa de 


46. Deutfche ſymboliſche Karikatur. 1648 


Erſter Teil 


Der Kampf um die Hoſen 


Unſere ſozialen und geſchlechtlichen Verhaͤltniſſe weiſen die Frau mit allen 
Faſern ihrer Exiſtenz auf die Ehe hin. Die Ehe iſt unbeſtreitbar die Baſis unſerer 
geſamten Geſellſchaftsordnung, aber ſie iſt fuͤr die Frau in ungleich höherem Grade als 
fuͤr den Mann die Grundlage des ganzen Lebens. Nicht nur in der Vergangenheit, 
ſondern auch in der Gegenwart bietet die Ehe der uͤbergroßen Mehrzahl von ihnen 
die einzige Moͤglichkeit eines geregelten Geſchlechtsverkehrs und ſichert ihnen die relativ 
guͤnſtigſte materielle Lage; die Ehe iſt fuͤr die meiſten Frauen immer noch die beſte 
Verſorgungsanſtalt. Immer noch — aber zweifellos gilt dies nicht für alle 
Ewigkeit; denn man muß ſchon blind ſein, um zu verkennen, daß ſich gerade in 
dieſen Fragen gegenwaͤrtig die tiefgehendſte Umwaͤlzung vollzieht. Die moderne 


52 


induftrielle Entwicklung, die der Frau auf keinem Gebiet zu entraten vermag, führt 
zur wirtſchaftlichen Selbſtaͤndigkeit der Frau; es iſt ſtatiſtiſch nachweisbar, daß 
die Zahl der vom Manne wirtſchaftlich unabhaͤngigen Frauen Tag fuͤr Tag groͤßer 
wird. Das muß in logiſcher Konſequenz unbedingt einmal zur Aufloͤſung des ſeitherigen 
Zuſtandes fuͤhren; und in letzter Konſequenz wird es eines Tages die heutige Form 
der Ehe uͤberhaupt ſprengen. Daß dieſe unaufhaltſam vor ſich gehende Umwaͤlzung 
ſchon laͤngſt zur ſozialen Inſtitution geworden iſt, tritt deutlich in den veraͤnderten 
Anſchauungen in Erſcheinung; ſie hat ſchon die meiſten Koͤpfe revolutioniert. Noch 
vor zwanzig Jahren galt es den buͤrgerlichen Kreiſen fuͤr eine Schande, wenn eine 
Frau ihrer Klaſſe „in Stellung ging“; die betreffende ſchied dadurch foͤrmlich aus den 
Reihen des honetten Buͤrgertums aus. Heute gilt das als ſelbſtverſtaͤndlich, zum 
mindeſten aber als etwas, woran man keinen Anſtoß mehr nimmt. Man geht aber 
laͤngſt noch unendlich viel weiter: ſelbſt die ſittlichen Anſchauungen in Fragen der 
geſchlechtlichen Moral beginnt man zu revidieren. Der voreheliche Geſchlechtsverkehr 
der Frau, die erſte natürliche 
Folge der wirtſchaftlichen 
Selbſtaͤndigkeit der Frau und 
das unwiderlegliche Symptom 
der allmaͤhlichen Aufloͤſung der 
ſeitherigen Eheform, wovor 
die buͤrgerliche Moral ſich ehe— 
dem dreimal bekreuzigte, und 
was man fruͤher nur als ſitt— 
liche Verwahrloſung anſah, — 
das hoͤrt ebenfalls in der 
Anſchauung immer weiterer 
Kreiſe auf, ein todeswuͤrdiges 
Verbrechen zu ſein. Die 
Valentinmoral, wie ſie im 
Fauſt klaſſiſch gepraͤgt iſt: 
„Du fingſt mit einem heimlich 
an, Bald kommen ihrer mehre 
dran, Und wenn dich erſt ein 
Dutzend hat, So hat dich auch 
die ganze Stadt“ — dieſe 
klaſſiſche buͤrgerliche Moral— 
philoſophie gilt heute fuͤr das 
großfEnbtiiche Wiege e rs 47. Israel von Meckenem. Blämifche Karikatur 
haupt als uͤberwunden; ſie 15. Jahrhundert 


Der Kampf um die Hoſen 


53 


Der Kampf um die Hoſen 


48. Deutſche Karikatur. 15. Jahrhundert 


friſtet ihr Daſein nur noch in den kleinbuͤrgerlichen Koͤpfen der Provinz. Hier duͤrfte 
es uͤbrigens gut ſein, Folgendes einzuſchalten: indem man ſich mit dem vorehelichen 
Geſchlechtsverkehr der Frau nicht nur als mit etwas Unabaͤnderlichem abfindet, 
ſondern indem auch immer weitere Kreiſe dahin gelangen, die freiere Geſchlechts— 
moral ſozuſagen hiſtoriſch zu verſtehen, hoͤrt damit auch das Anpaſſen an das Gegebene 
auf, ein ſittliches Faͤulnismerkmal zu ſein. 

Ergibt ſich aus der hier kurz angedeuteten Umwaͤlzung mit abſoluter Sicherheit, 
daß der erſte Satz dieſes Kapitels keine ewige Guͤltigkeit hat, ſo bleibt darum doch 
der zweite beſtehen: daß fuͤr die uͤbergroße Mehrzahl der Frauen auch heute noch 
die Ehe das Inſtitut iſt, das ihren materiellen und gemuͤtlichen Beduͤrfniſſen die 
ſicherſten Chancen dauernder Befriedigung bietet. Da es ſich bei der vorſtehenden 
theoretiſchen Begruͤndung deſſen „was ſein wird“, hier nur inſoweit um etwas zur 
Sache gehoͤriges handelt, als ſich daraus das Geheimnis deſſen, „daß es und wie es 
geworden iſt“, klarer enthuͤllen laͤßt, ſo iſt dieſer zweite Satz fuͤr das vorliegende 
Kapitel natuͤrlich die Hauptſache. — 


In der Einleitung iſt bereits von der Frau in der Ehe die Rede geweſen; 
was dort im allgemeinen geſagt iſt, erfordert aber hier, in dem Kapitel, das ſpeziell 
der Frau in der Ehe gewidmet iſt, einige erweiternde Darlegungen. 


54 


Was die oͤkonomiſche Entwicklung in der Einehe zum harten und unbeug- 
ſamen Geſetz gegenuͤber der Frau erhoben hat, das uneingeſchraͤnkte Herrenrecht des 
Mannes, iſt in der Religion zum goͤttlichen Geſetz erhoben worden, und zwar in 
allen Religionen und Philoſophien, die ſich in der Zeit, wo die Einehe herrſchte, 
entwickelt haben. In dem heiligen Buch der Inder, dem Geſetzbuche Manus, dem 
aͤlteſten uns bekannten Religionsbuche, in dem ſich auch viele Wurzeln des Chriſtentums 


finden, iſt das Herrenrecht des Mannes als goͤttliches Geſetz in der markanteſten 
Form proklamiert. Es heißt dort: 


„Das Weib ſoll keinen andern Gott auf Erden kennen als ſeinen Mann. Mag dieſer noch 
ſo widerlich und boͤsartig und mit allen Gebrechen und Laſtern behaftet ſein, ſo hat ſie ihm doch 
göttliche Verehrung zu erweiſen und ihm in Demut zu dienen. Beſchimpft oder ſchlaͤgt er fie, fo 
ſoll fie feine Hände kuſſen und ihn um Verzeihung bitten, daß fie jo unglücklich war, feinen Zorn 
zu erregen. Stirbt der Mann, ſo bleibt der Witwe kein anderer Troſt auf Erden, als ſich mit 
dem Toten verbrennen zu laſſen.“ 


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49. Hans Burgkmair. Deutſche ſymboliſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


55 


Im Morgengebet der Inder findet ſich ſogar eine befondere Formel für 
den Mann und eine beſondere fuͤr die Frau. Der Mann betet: „Gelobet ſeieſt du 
Gott, Herr der Welt, daß du mich nicht zur Frau werden ließeſt!“ Die Frau betet: 
„Gelobet ſeieſt du Gott, Herr der Welt, daß ich das geworden bin, was deinem 
Willen entſprochen hat!“ 

Die griechiſche Philoſophie gelangte zu den gleichen Reſultaten. Ariſtoteles 
begruͤndete ausfuͤhrlich die Minderwertigkeit der Frau: Zweck und Mittelpunkt der 
irdiſchen Natur iſt nicht der Menſch, ſondern der maͤnnliche Menſch. Ein weib— 
liches Kind iſt ihm nur ein geringerer Grad von Mißgeburt, und das Weibliche 
iſt uͤberhaupt etwas Verſtuͤmmeltes im Vergleich zum Maͤnnlichen. Das Chriſten— 
tum lehrt in ſeiner Tendenz die Sklaverei der Frau. Der Apoſtel Paulus ſagt 
z. B.: „Ihr Weiber ſeid untertan euren Maͤnnern.“ Jeſus hat in den ihm zu— 
geſchriebenen Lehren mehrere Male aͤhnliches geſagt. Die katholiſche Kirche hat 
ſchließlich die Degradierung der Frau am weiteſten getrieben; ſie hat die Verſklavung 
des Weibes förmlich fyftematifiert: Das Weib ift die Suͤnde. Dieſer Lapidarſatz iſt 
eines ihrer Hauptdogmen. Gewiß iſt dieſe Auffaſſung in ihrem Urſprunge ſehr be— 
greiflich; es iſt die natuͤrliche Reaktion auf die roͤmiſche Ausſchweifung, aus deren 
Sumpfboden das Chriſtentum emporgewachſen iſt. In der Asketik hatte das 
Chriſtentum logiſcherweiſe urſpruͤnglich auch ſeine ſtaͤrkſte Wurzel. Aber daruͤber darf 
man nicht uͤberſehen, daß die katholiſche Kirche aus der urſpruͤnglichen Tugend 


allmaͤhlich die raffinierteſte Feſſel gedreht hat; in ihrem Herrſchaftsintereſſe ſelbſt— 
verſtaͤndlich. Es gibt in der katholiſchen Literatur eine ganze Bibliothek, in der an 
der Hand von vielen tauſend Gruͤnden nachzuweiſen verſucht worden iſt, daß die Frau 


Auf dem Männerfang 


50. Hans Holbein !?). Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


56 


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taschen das schloss wil ih dir eruſen DES IVNG WEB Es hilft Kain ſchlos vir 
finden lit. Rain tre w ung fein da (eb wit it. darümb Ein ſchtöſc der mir fett, den wil 
ib Kaüffen onw dein alt. DER MNG GSEL Ich dug Vin ſchlöatt Si soch 
ſchhoen. wir wol Eo manchen hat werdroen, der hat da naren Kappen voll der 
Roche lib E Kaufen wöl. 


Die ungleichen Liebhaber 


Deutſche Karikatur aus dem 16. Jahrhundert 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Albert Langen, Muͤnchen 


nicht nur minderwertiger 
als der Mann, ſondern 
daß ſie uͤberhaupt kein 
Menſch ſei. Ein klaſſiſches 
Beiſpiel dieſer Wiſſenſchaft 
iſt die mit Recht beruͤch— 
tigte Summa Theologica 


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von dem Dominikaner a 3 üb 
Antonius aus Florenz, die 
1477 erſchien. Das ganze 
Werk iſt ein einziges, fort— 


laufendes Lexikon der 
und Die Ehebrecher 


Frauenverachtung 
Frauenverhoͤhnung. „Die 
Frau iſt ein Abgrund von 
tieriſcher Unvernunft, denn Salomo hat in ſeinen Spruͤchen geſagt, daß ein ſchoͤnes, aber 
toͤrichtes Weib einem Goldring im Ruͤſſel eines Schweines gleiche.“ Das iſt eine Probe 
dieſer „Beweiſe“ von der Minderwertigkeit des Weibes. In alphabetiſcher Reihenfolge 
zaͤhlt Antonius aus Florenz alle die ſcheußlichen Merkmale und verbrecheriſchen Eigen— 
ſchaften auf, die dem Weibe angeblich eigen find. Er beginnt mit Avidum animal = 
begehrliches Tier, Bestiale baratrum beſtialiſcher Abgrund, und bis zum 3 fehlt kein 
einziger Buchſtabe, und jeder iſt aͤhnlich kommentiert. Der wahnſinnige Gipfel der 
Lehre von der Minderwertigkeit des Weibes war ſchließlich der beruͤchtigte Hexen— 
hammer, der um 1490 erſchien, und deſſen ungeheuerliche Logik ſozuſagen alles an 
der Frau zum perſoͤnlichen Verbrechen ſtempelte: Schoͤnheit und Haͤßlichkeit, helle und 
dunkle Haare, große und kleine Geſtalt, Jugend und Alter, Geſundheit und Krankheit, 
bluͤhende und bleiche Wangen uſw. Und der einfache Feuertod galt fuͤr jede dieſer 
Eigenſchaften als die mildeſte Strafe. Und Hunderttauſende von unſchuldigen 
Frauen ſind im 16. und 17. Jahrhundert auf Grund dieſer Lehre, dieſer „Beweiſe“, 
geraͤdert, geſtaͤupt, mit gluͤhenden Zangen gezwickt, erdroſſelt und verbrannt worden. 

Wenn ſolcher hoͤlliſche Wahnſinn nun auch laͤngſt uͤberwunden und beſiegt iſt, 
und wenn er auch nur fuͤr einzelne Epochen der wirtſchaftlichen Entwicklung den 
grauſigen Gipfel der Lehre von der Minderwertigkeit der Frau darſtellte, ſo baut ſich 
doch auf denſelben Lehren die ſittliche Rechtfertigung der Eheſklaverei auf, die 
ſeit Jahrtauſenden Millionen Frauen zu der Rolle von Kindergebaͤrapparaten und 
arbeituͤberbuͤrdeten Haustieren degradiert hat. Demoſthenes ſagte uͤber die Maͤnner 
Athens: „Wir heiraten das Weib, um eheliche Kinder zu erhalten und im Hauſe 
eine treue Waͤchterin zu beſitzen; wir halten Beiſchlaͤferinnen zu unſerer Bedienung 


und taͤglichen Pflege, die Hetaͤren zum Genuß der Liebe.“ Die Herrenmoral diktiert 
8 


51. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


34 


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III 


Unreine Liebe 


52. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


heute noch ungezaͤhlten Maͤnnern dieſelbe Anſchauung; und die landlaͤufige Moral 
findet daran hoͤchſt wenig auszuſetzen und geht in den meiſten Faͤllen mit bloßem 
Achſelzucken daruͤber hinweg, denn: „Er“ hat ja das „Recht“. Und er hat es in der 
Tat: es iſt in klaren Paragraphen formuliert. 

Was die Religion, ihre Ausdeuter und ihre Lehrer zum Willen der Vorſehung, 
zum goͤttlichen Geſetz geſtempelt haben, das hat ſich in der weltlichen Geſetzgebung 
uͤberall zum materiellen Recht verdichtet. Das Herrenrecht des Mannes iſt uͤberall 
juriſtiſch feſtgelegt, und dementſprechend auch die untergeordnete Stellung der Frau. 
Es gibt kein Land und keine Geſetzgebung, in der die Frau nicht als unmuͤndig 
behandelt waͤre, in der ihr nicht im Manne ſtets der Vormund geſetzt waͤre. Die Frau 
iſt uͤberall — erſt die Gegenwart hat einige Ausnahmen zu regiſtrieren, gemaͤß den 
obengenannten, langſam ſich durchſetzenden Umwaͤlzungen — wirtſchaftlich und 
politiſch rechtlos. Sie kann über ihr perſoͤnliches Eigentum nicht in dem Maße frei 
verfuͤgen wie der Mann; in dem Augenblick, wo ſie ſich verheiratet, iſt ihr im 
Gatten der Vormund geſtellt, und die oͤffentlichen und politiſchen Rechte, die ſich an 
ihr Eigentum knuͤpfen, gehen ohne weiteres auf dieſen uͤber. In der Familie iſt der 
Mann das Oberhaupt, er hat zu entſcheiden und kann allein entſcheiden; und 


58 


wiederum für das, was die Frau tut, hat der Mann in den meiſten Fällen die 
Verantwortung zu tragen: der praͤgnanteſte Ausdruck der Unmuͤndigkeit der Frau! 
In der Geſetzgebung verſchiedener Laͤnder ſteht oder ſtand dem Manne ſogar ein 
gewiſſes koͤrperliches Zuͤchtigungsrecht gegenuͤber der Frau zu. Das preußiſche Land— 
recht, um nur ein einziges Beiſpiel zu nennen, war mit dieſem edeln „Recht“ 
geziert. Bekanntlich iſt das preußiſche Landrecht erſt im Jahre 1900 durch die Ein— 
fuͤhrung des neuen Buͤrgerlichen Geſetzbuches außer Kraft geſetzt worden. Und dieſes 
Recht ſtand nicht nur auf dem Papier, ſondern es wurde froͤhlich angewandt; haͤufig 
mußte ein eheherrlicher Puff mehr als bloß eine Rippe entzweiſchlagen, um Frau 
Juſtitia zu veranlaffen, darin „eine Überfchreitung des geſetzlichen Zuͤchtigungsrechtes“ 
zu erblicken. Ein einzige gebrochene Rippe wurde dagegen viel haͤufiger als Aus— 
druck beſonderer eheherrlicher Zaͤrtlichkeit eingeſchaͤtzt; in Anlehnung an das ſchon 
zitierte ruſſiſche Sprichwort. Die Frau hat in der offiziellen Politik der Gemeinde, 
der Stadt, des Landes nicht mitzureden, d. h. ihre Stimme wird nicht mitgezaͤhlt; 
ſie hat weder das politiſche Wahlrecht, noch kann ſie in eine politiſche Koͤrperſchaft 
gewaͤhlt werden; jedes politiſche Amt iſt ihr verweigert. Alle Materien, in denen 
die Frau einzig und allein kompetent iſt, fuͤr die dem Manne, als dem anders— 


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Die mannstolle Witwe 


53. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 
8 * 


59 


gefchlechtlichen Individuum, einfach jeder Sinn, zum mindeſten aber die klare Vor— 
ſtellung abgeht, — ſie werden dennoch einzig nach dem Ermeſſen des Mannes geregelt, 
es wird uͤber den Kopf der Frau hinweg dekretiert. Der Frau bleibt nur eines: die 
Pflicht, ungefragt zu erfüllen. Das alles iſt aber innerlich ganz logiſch: es iſt die 
einzige mögliche Logik der oͤkonomiſchen Baſis der Ehe. Die wirtfchaftliche und politiſche 
Gleichberechtigung der Frau haͤtte dem Zweck der Ehe widerſprochen. Darum iſt es 
auch ganz folgerichtig, daß dies alles ſtets den unverſchleiertſten Ausdruck in den Rechts⸗ 
ordnungen der buͤrgerlichen Staaten gefunden hat. Im antiken Rom hat das buͤrger— 
liche Recht zuerſt feine klaſſiſche Form gefunden; denn im alten Rom findet man den 
klaſſiſchen Boden unſerer bürgerlichen Eigentumsbegriffe. Ein roͤmiſcher Rechtslehrer 
konnte darum auch den folgenden Satz uͤber die verſchiedene Beurteilung des Ehe— 
bruchs beim Manne und bei der Frau aufſtellen, der nur ſcheinbar ungeheuerlich 
iſt: „Wenn du deine Gattin beim Ehebruche betriffſt, fo kannſt du fie ohne richter— 
liches Urteil ſtraflos toͤten. Wenn ſie dagegen dich beim Ehebruch ertappt, ſo darf 
ſie es nicht wagen, dich auch nur mit dem Finger anzuruͤhren. Und ſo iſt es recht 
und billig.“ Eine ſolche nackte Brutalitaͤt des Herrenrechtes laͤßt zwar das geſchriebene 
Geſetz heute nicht mehr zu, und es hat dieſes Recht auch zu den meiſten Zeiten 
verneint; aber die Praxis hat dieſes Recht ebenſo oft gewaͤhrt und tut es auch noch 
heute. Die Geſchichte der modernen Rechtſprechung aller Laͤnder weiſt zahlreiche 
Freiſprechungen in Faͤllen auf, wo der hintergangene Mann gehandelt hatte, wie er 
nach dem alten roͤmiſchen Rechte handeln durfte. Ja, man kann ſogar ſagen: Faſt 
alle Verurteilungen in ſolchen Sachen, die wirklich ſtattgefunden haben, ſind eher 
Freiſprechungen zu nennen. 

Das materielle Recht iſt die zweite Feſſel, durch die die Frau zur Unter— 
ordnung unter den Mann verdammt iſt. Dreifach aber iſt die Mauer, die die Frau 
gefangen haͤlt. Und die letzte Mauer iſt die wichtigſte: die Frau muß ſelbſt von der 
Rechtmaͤßigkeit dieſes Zuſtandes uͤberzeugt ſein, ſie muß ihn als die ewige Vernunft der 
Dinge anſehen — das garantiert die beſte Sicherung der Vorrechte des Mannes, die 
er durch die auf das Privateigentum gegruͤndete Einehe erlangt hat. Dieſe dritte 
Mauer hat die geſchlechtliche Sittenlehre errichtet, die zu einem raffinierten Ausnahme— 
geſetz gegen die Frau geworden iſt; das geſchah freilich ganz folgerichtig, ſie konnte 
ſich nicht anders geſtalten, gemaͤß den Faktoren, die jedes Sittengeſetz beſtimmen. 

Die ideologiſche Geſchichtsauffaſſung, die ſolange die Koͤpfe verwirrt hat und auch 
heute noch ſo viele verwirrt, lehrt die Entwicklung der geſchlechtlichen Morallehre 
wie uͤberhaupt aller Sittlichkeit natuͤrlich auf die umgekehrte Weiſe, als wie hier der 
Beweis zu fuͤhren iſt. Die ideologiſche Geſchichtsauffaſſung lehrt, daß allen Menſchen 
ohne Ausnahme eine gleiche moraliſche Grundanſchauung gemeinſam angeboren ſei, 
d. h. daß es ewig unveraͤnderliche Moralgeſetze gebe, daß zu allen Zeiten dieſelbe 
Sache gut oder boͤſe geweſen ſei, und weiter, daß ſich aus dieſer moraliſchen Grund— 


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Der Ungetreuen Strafe 


54. Italieniſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


anſchauung die geſchriebenen Geſetze, die jagen, 
was gut und boͤſe iſt, herleiteten. Da nun unter 
Gut und Boͤſe das verſtanden wurde, was 
unſere heutige Kultur als gut und boͤſe, als 
ſittlich und unſittlich bezeichnet, ſo ergab ſich 
als Konſequenz die Anſchauung, daß z. B. die 
Ziviliſation im letzten Grunde nichts anderes 
iſt als der fortlaufende Sieg des angeborenen 
Guten uͤber das in der Unwiſſenheit begruͤndete 
Schlechte. Die moderne Geſchichtswiſſenſchaft 
enthuͤllte uns, daß dies alles unhaltbare Trug— 
ſchluͤſſe ſind, daß die Ideologie Wirkung und 
Urſache verwechſelt. Der hiſtoriſche Materialis— 
mus hat uns den Nachweis geliefert, daß die 
Vorſtellungen von Gut und Boͤſe, was Tugend 
und was Verbrechen ſei, im Gegenteil nichts 
vom Uranfang her im Menſchen Schlummern— 
des ſind, ſondern daß ſie zu jeder Zeit anders 
ſind, d. h. daß ſie in jeder Geſellſchaftsordnung, 
in jeder Phaſe der menſchlichen Entwicklung 
anders ſein muͤſſen, und zwar einfach deshalb, 


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55. Hans Burgkmair weil dieſe Vorſtellungen nichts ſind als die 
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e Intereſſen der betreffenden Geſellſchaftsordnung. 

Ringt man ſich zu dieſer Erkenntnis durch — 

daß in der menſchheitlichen Entwicklung ſtets die wirtſchaftlichen Intereſſen im 
letzten Grunde entſcheidend ſind — ſo folgt bei konſequenter Logik hinſichtlich 
der Entſtehung der Moralgeſetze daraus nichts anderes als der Satz: Was den 
Tendenzen und Intereſſen einer beſtimmten Geſellſchaftsordnung dient, das wird 
zur Tugend und zum Moralgrundſatz erhoben; was dieſe Tendenzen und Intereſſen 
ſchaͤdigt oder in Gefahr bringt, wird dagegen als unmoraliſch und zum Verbrechen 
geſtempelt. Dieſe Logik iſt denn auch das Geſetz, das ſaͤmtliche Moralanſchauungen 
bildet. Dieſes ſozuſagen immanente Geſetz war es auch, was die voreheliche 
Keuſchheit der Frau und die eheliche Treue der Frau zu den wichtigſten Tugenden 
der weiblichen Geſchlechtsmoral erhob und andererſeits jeden außerehelichen Geſchlechts— 
verkehr der Frau unter allen Umſtaͤnden als unſittlich und verbrecheriſch ſtempelte. 
Dieſe Anſchauung mußte ſich in den Koͤpfen bilden, mußte ſich konſolidieren, mit 
einem Worte: ſie mußte die Grundlage aller geſchlechtlichen Moral werden, ganz einfach 
deshalb, weil eben die voreheliche Keuſchheit der Frau und die eheliche Treue der 


62 


Frau die Grundpfeiler der Ehe find, deren 
Zweck die Erzeugung legitimer Erben iſt. Man 
darf hierbei naͤmlich eins nie vergeſſen: jede 
Inſtitution bedarf nicht nur der materiell ſichern— 
den Garantieen, ſondern auch der ideologischen 
Verklaͤrung ihrer Exiſtenzbeduͤrfniſſe, alles muß 
als ſittlich gerechtfertigt erſcheinen — das iſt 
die beſte Garantie. Freilich muß hier gleicher— 
weiſe eingeſchaltet werden, daß ſich die berufenen 
Lehrer dieſer weiblichen Geſchlechtsmoral nie— 
mals mit dem bloßen Predigen dieſer Moral— 
grundſaͤtze begnuͤgt haben. Indem die Geſell— 
ſchaft den vorehelichen Geſchlechtsgenuß der 
Frau zum Verbrechen ſtempelte, behandelte ſie 
ihn auch als Verbrechen, und zwar als eines, 
worauf die entehrendſten kirchlichen und welt— 
lichen Strafen ſtanden. Das Maͤdchen, dem 
der voreheliche Geſchlechtsverkehr nachgewieſen 
war, galt, auch wenn der Verkehr mit dem 
eigenen Braͤutigam ſtattgefunden hatte, als 
„gefallen“, und es wurden ihm die kirchlichen 
Ehren verweigert. Es mußte mit einem Stroh— 5% Hans Bürgin r 

kranze ſtatt mit einem Myrtenkranze zur Trauung Symbolische Karikatur der trägen Frau 
gehen, und im 18. Jahrhundert wurde es gar N 

zum Prangerſtehen verurteilt. Ahnlich erging 

es den Ehebrecherinnen. Alſo durch Androhung der Auslieferung an die allgemeine 
oͤffentliche Verachtung wurde der ſittlichen Kraft der moraliſchen Lehren der gehoͤrige 
Nachdruck verliehen. Man ſieht: die Kirche traute der ſittlichen Kraft ihrer Lehren 
nicht allzuſehr; der ſolid geflochtene Polizeiknuͤppel erſchien ihr immer eindrucksvoller, 
ſie legte ihn daher mit zaͤrtlicher Beſorgnis neben ihre Traktaͤtchen. 

Es bedarf keiner naͤheren Begruͤndung, wenn man hieran Folgendes anſchließt: 
Dieſelben Elemente, die die voreheliche Keuſchheit der Frau und die Treue der Frau 
in der Ehe zum oberſten Geſetz der weiblichen Geſchlechtsmoral erhoben, formulierten 
den geſamten Moralkodex, nach dem die Frau zu denken, zu fuͤhlen, zu handeln hat, 
bis hinab in die kleinſte Anſtandsregel, die mit der Dreſſurformel „es ſchickt ſich 
nicht“ eingedrillt wird. Die Anſtandsregeln, die zu Beſtandteilen der „Sitte“ er— 
hoben werden, ſind nur die von den verſchiedenen Klaſſenintereſſen redigierten 
Kommentare zu den Grundgeſetzen der geſchlechtlichen Moral; und bekanntlich hat 
jede Klaſſe auch ihre eigenen Anſtandsregeln. 


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Aus den materiellen Intereſſen und Tendenzen unſerer Geſellſchaftsordnung 
leiten ſich aber nicht nur die ſtrengen Moralforderungen gegenuͤber der Frau her. 
Aus ganz denſelben Urſachen ergibt ſich als ſehr leicht verſtaͤndliche Logik, daß die 
Geſellſchaft fuͤr den Mann zu allen Zeiten ein ganz entgegengeſetztes Sittengeſetz, wenn 
nicht proklamiert, ſo doch ſtillſchweigend und wohlwollend ſanktioniert hat, d. h. daß 
ſie dem Manne das Recht auf vorehelichen Geſchlechtsverkehr faſt ohne Einſchraͤnkung 
zubilligt, und daß ſie die Untreue des maͤnnlichen Ehegatten ſtets ſehr mild beurteilt: 
beide Dinge alterieren die in Frage ſtehende Ehe prinzipiell nicht, es kommen durch 
ſie keine fremden Elemente in die Familie, die Legitimitaͤt iſt nicht in Gefahr ... 


WREREEREILESCHRGELEIELELEHLLLILLELELILERLIITEI 
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Die reiche alte Witwe 


57. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1580 


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Albert Langen, Mönchen 


Der Jungbrunnen 
Deutſche Karikatur von Hans Sebald Beham. 16. Jahrhundert 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


So ungefähr ſtellt 
ſich die Entwicklung 
des moralifchen Aus— 
nahmegeſetzes dar, 
unter das die Frau 
geſtellt iſt. 

Ein Zitat, dem 
man den klaſſiſchen 
Wert nicht wird 
abſprechen koͤnnen, 
mag noch illuſtrieren, 
wie unverhuͤllt dieſes 
Ausnahmegeſetz vor 
aller Welt vertreten 
wird. Hippel, der Du ſollſt nicht ehebrechen 
geiſtreiche Freund und 58. Hans Baldung Grün. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 
taͤgliche Tiſchgaſt 
Kants, beginnt ſein Kapitel uͤber die Treue der Weiber in ſeinem Buche „Über die 
Ehe“ mit folgenden Sätzen: 


„Wenn ein Mann untreu iſt, ſo iſt es unrecht; wenn es aber eine Frau iſt unnatuͤrlich und 
gottlos. Die Polygynie iſt nicht ratſam; die Polyandrie aber eins der ſchwaͤrzeſten Laſter in der 
Welt. Es iſt nichts leichter, als Kinder zu erzeugen; allein nichts ſchwerer, als ſie zu erziehen: und 
welch ein Frevel, einem Manne fremde Kinder aufzubuͤrden! Die Verletzung uͤber die Haͤlfte hebt 
einen Kauf auf; die allergeringſte Verletzung der ehelichen Treue aber ſollte die Ehe aufheben. 
Bedenke, Ungetreue, daß dein Mann, da er um dich warb, dich aus der Sklaverei befreite, in der 
du dich in dem Hauſe deiner Eltern befandeſt. Die Weiber werden durch die Heirat manumittiert, 
und find ihrem Befreier zeitlebens operas officiales (Liebesdienſte) ſchuldig.“ 


Gewiß iſt die Pflicht der Treue der Frau in der Ehe auch noch anders 
begründet worden, immerhin genügt aber ſchon dieſes eine kurze Zitat, um zu be— 
weiſen, daß die vorſtehenden Ausfuͤhrungen und Schlußfolgerungen nicht willkuͤrlich 
konſtruiert find. — 

Die Jungfraͤulichkeit des Weibes iſt ſicher das erhabenſte Wunder, und die auf 
der Liebe begruͤndete unverbruͤchliche Treue des Weibes iſt eine ihrer ſtolzeſten Tu— 
genden — das mag man begeiſtert anerkennen, aber damit wird die ernſte Forſchung 
natuͤrlich nicht der Pflicht enthoben, auch dieſe Dinge in ihrem wahren Weſen zu 
entſchleiern, und es gibt daher kein Umgehen: die hohe moraliſche Einſchaͤtzung, die 
dieſen Eigenſchaften zuteil wird, iſt im letzten Grunde nichts anderes, als die aufs hoͤchſte 
geſteigerte ideologiſche Verklaͤrung der oͤkonomiſchen Baſis, auf der die Ehe aufgebaut 


iſt. Es iſt „der ideologiſche Überbau“, genau wie das — was hier reſuͤmierend zu 
9 


65 


wiederholen ift — das göttliche und das juriftifche Recht und Geſetz find, die die 
Untertaͤnigkeit der Frau und das Herrenrecht des Mannes ausſprechen. — 


An der allgemeinen Guͤltigkeit dieſes eben ſkizzierten moralifchen Ausnahme— 
geſetzes gegen die Frau aͤndert die Tatſache nichts, daß es Epochen gegeben hat, in 
denen bewußt und mit Prinzip wider dieſes Geſetz gehandelt wurde und es auch fuͤr 
die Frau als Ruhm galt, dagegen zu handeln. Am augenfaͤlligſten geſchah dies in 
den verſchiedenen Zeitaltern der Galanterie, alſo beſonders im Zeitalter des hoͤfiſchen 
Minnedienſtes und unter der Herrſchaft des Abſolutismus. Wenn dieſe Zeiten aber 
prinzipiell nichts von dem widerlegen, was im vorſtehenden dargelegt und entwickelt 
iſt, ſo belegen ſie dafuͤr ein anderes Geſetz: daß naͤmlich die geſchlechtliche Aus— 
ſchweifung in der Richtung einer allgemeinen Liederlichkeit eine ſtete Begleiterin 
jeder feudal-ariſtokratiſchen Klaſſenherrſchaft iſt. Die Richtigkeit dieſes Geſetzes wird 
durch die beiden genannten Epochen geradezu klaſſiſch erwieſen. 

Es iſt wohl eine der ſeltſamſten Erſcheinungen in der geſchichtlichen Literatur, 
daß es ſogar heute noch Geſchichte ſchreibende Menſchen gibt, die in dem Zeitalter 
des Minnedienſtes die Glanzepoche platoniſcher Tugenden ſehen und deſſen nicht gewahr 
werden, daß gerade dieſes Zeitalter trotz ſeiner Turniere abſolut nicht maͤnnlich, 
ſondern im hoͤchſten Grade weibiſch war, und daß eine Weitherzigkeit in den Fragen 
der geſchlechtlichen Moral herrſchte, die nur vom Ancien Regime uͤbertroffen 
worden iſt. Der Zeit der Minneſaͤnger platoniſche Tugenden zu unterſchieben, iſt ſchon 
deshalb ſeltſam, weil dieſes Zeitalter in hunderten von laͤngſt bekannten Dokumenten, 
und zwar in ſeinen beruͤhmteſten und von aller Welt bewunderten, in der aller— 
deutlichſten Sprache geſagt hat, was es unter Minne verſtanden hat, wie materiell 
ſeine Wuͤnſche und Genüſſe geweſen ſind. „Wenn je eine Zeit allein den realen 
Genuß im Auge gehabt hat, ſo iſt es die damalige; mit bloßem Anbeten und 
Schmachten iſt weder den Maͤnnern noch den Frauen gedient,“ ſo ſagt mit Recht 
der orientierte Alwin Schultz in ſeinem Werk uͤber das hoͤfiſche Leben zur Zeit der 
Minneſaͤnger. Ein nettes Zeitalter der Platonik fuͤrwahr, das den Venusguͤrtel zum 
Schutz der ehefraulichen Treue erfindet! Und wohlgemerkt, nicht zum Schutz gegen 
die tieriſche Wut ſiegreicher Feinde, ſondern zum Schutz gegen die Freunde und Tiſch— 
genoſſen, und vor allem zum Schutz gegen die offenkundige Bereitwilligkeit „der 
ſittigen Burgfrau“ oder Schloßfrau, ihren Ritter fuͤr ſeine Huldigungen nicht nur 
mit Worten zu belohnen. Der lobeſame und tugendſame Ritter ſieht in den Frauen 
und Toͤchtern ſeiner Turnier- und Zechgenoſſen eine Beute, die er jederzeit das Recht 
hat, ſeinen Wuͤnſchen zu erobern. Die minniglichen Damen dieſes höfiſchen Zeit— 
alters ſind ſowohl in Frankreich als auch in Deutſchland mit der Rolle, die ihnen damit 
zugewieſen wird, voͤllig einverſtanden und unterſtuͤtzen eifrig die Wagenden, daß ſie 


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17. Sahrhundert 


Italieniſche Karikatur auf die ehebrecheriſche Frau. 


59. 


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1 1 kommen. Die Treue gegenuͤber 
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dem Eheherrn zu wahren, das iſt 
dagegen das, was ſehr viele 
ſtolze Damen ſich die allergeringſte 
Muͤhe koſten laſſen. Man leſe 
z. B. nur den Parſival nach. 
Als am Hofe des Koͤnigs Artus 
die Damen der Hofgeſellſchaft 
der Keuſchheitsprobe unterworfen 
werden, da beſteht ſie keine 
einzige. Als die Meerfee den 
Mantel an den Hof ſendet, der 
nur einem treuen Weibe paßt 


und allen anderen je nach der 


Groͤße ihrer Untreue zu kurz wird, 


da wagt ihn nur eine einzige 


anzuziehen, denn alle anderen 
ſind nicht unbeſcholten. Der Hof 
des Koͤnigs Artus vereinigte 
bekanntlich die vornehmſte Hof— 
geſellſchaft. Weiter: Wovon 
handelten denn die herrlichſten und reichſten Bluͤten der Minneſaͤngerliteratur, die 
Taglieder? Von nichts anderem als von der ſchwelgeriſchen Schilderung, wie ſuͤß 
es fuͤr die edle Ritterfrau ſei, die Ehe zu brechen und mit einem Freunde der Minne 
zu pflegen — aber nicht platoniſch. In dem ſchoͤnſten Lied, das Heinrich von Morungen 
geſungen hat, heißt es: 

O weh! daß eng er ſich Mein' Arme ſchauen bloß: 

An mich geſchmieget hat, Es war ein Wunder groß, 


Als er entbloͤßte mich Das nie ſein Herz verdroß — 
Und wollte ſonder was Da tagt' es. 


Die Gedanken, die Kürenberc feiner Dame unterlegt, find ſicher auch nicht 
platoniſcher Art, wenn er ſie ſagen läßt: 
Wenn ich ſteh alleine So erbluͤht ſich meine Farbe 
In meinem Hemede Als die Roſe am Dorne tut 


Und ich an dich gedenke, Und gewinnet das Herze 
Ritter edele, Viel manichen traurigen Mut. 


Der Kampf um die Hoſen 


60. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1700 


Es iſt natuͤrlich nie der Eheherr, der ſolche Ruͤckerinnerungen weckt, ſon— 
dern ſtets der unternehmende Buhle, der keck um ihre Minne warb. Ver— 
fuͤhreriſcher iſt das ſicher nie geſagt worden als in Walters von der Vogelweide 


68 


beruͤhmtem Minnelied „Unter 


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Die naͤchſte und ſelbſtver— 13 N 
ſtaͤndliche Logik einer ſolchen Ge— n 
ſchlechtsmoral iſt, daß der „ſtolze 
minnigliche Leib“ nicht nur einem 
Buhlen bluͤhen und „zum Troſt 
bei Tag und Nacht“ werden moͤge, 
ſondern womoͤglich jedem ſchoͤnen 
Knaben, der einer Dame zu Sinne 
ſteht. Das iſt ebenfalls die in 
der hoͤfiſchen Literatur dieſes Zeit— 
alters klar ausgeſprochene Moral: 


Nature n'est pas si sote 

Qu’ele feist nestre Marote 

Tant solement por Robichon, 

Se b'entendement i fichon, 

Ne Robichon por Mariete, 

Ne por Agnes, ne por Perrette; 
Ains nous a fait, bian filz n’en doutes, 
Toutes por tous et tous por toutes, Sie bat die Hoſen an 
Chascune por chascun commune 61, Fraßtzöſtſche Karikatur, Um 178 
Et chascun commun por chascune. 


So heißt es in dem beruͤhmteſten und geleſenſten franzoͤſiſchen Rittergedicht aus dem 
13. Jahrhundert, dem Roman de la Rose. „Jeder für jede, jede für jeden!“ Wollte 
man den ulkfrohen Jargon des Junkers Buͤlow anwenden, müßte man von dieſer 
hoͤfiſchen Moral ſagen: Karnickelwirtſchaft. 

Die voreheliche Keuſchheit des Weibes wird in dieſem Zeitalter ebenſowenig 
ſtreng gefordert und geuͤbt. Wenn die ſtolze Jungfrau z. B. eine Reiſe unternahm, 
ſo erforderte es die Unſicherheit der Straßen, daß ſie ſtets von einem wehrfaͤhigen Ritter 
begleitet wuͤrde. „Was aber auf einer ſolchen Reiſe zwiſchen den Reiſegefährten 
vorging, das hatte niemanden zu kuͤmmern, wenn nur der Ritter guͤtlich ſeinen Zweck 
erreichte, nicht Gewalt brauchte.“ Nun, und die Zeitmoral machte die Konzeſſion, 
daß in Guͤte von einer Dame eben alles gewaͤhrt werden durfte. 

Das Zeitalter des Abſolutismus huldigte denſelben Anſchauungen, nur, ent— 
ſprechend der dazwiſchen liegenden Entwicklung, mit unendlich groͤßerem Raffinement. 
Die Treue der Frau gilt dem Ancien Regime als das Duͤmmſte von der Welt und als 
die unbegreiflichſte Erſcheinung. Der Fuͤrſt von Ligne ſchrieb damals: „Die reinſte Frau 
findet ihren Beſieger; ſie iſt rein nur darum, weil ſie ihn noch nicht gefunden hat.“ 
Herr von Boiſſe ſagte: „Die Treue verdummt die Frauen.“ Und die Frauen dieſes 


69 


Zeitalters Sprechen ganz dieſelben Anfichten aus. Der Verführung eines ſympathiſchen 
Mannes zu widerſtehen, gehört für die Dame des 18. Jahrhunderts ins Reich der 
Unmöglichkeit, ſchon die Vorſtellung davon iſt ihr unfaßbar. Die vornehme Frau v. K. 
ſagte zu ihrer Freundin: „Unter uns geſagt, ich weiß gar nicht, wie man es anfangen 
ſoll, Widerſtand zu leiſten.“ Der letzte Grund eines ernſtlichen Widerſtandes fällt 
aber auch weg, denn die galanten Ehemaͤnner des Ancien Regime finden es haͤufig 
ganz in der Ordnung, daß ſich ihre Frauen nach Herzensluſt von ihren Anbetern 
verfuͤhren laſſen. Sie machen höchſtens die Vermeidung des Skandals zur Bedingung. 
Der Marquis v. H. ſagte zu ſeiner Frau: „Ich geſtatte dir alles, nur nicht die Prinzen 
und die Lakaien.“ So iſt es denn ganz natuͤrlich, daß im Liebeskalender der vor— 
nehmen Damen neben dem Gatten meiſtens mehrere Anbeter ſtehen, und daß dieſe mit 
ungleich mehr Erfolgen verzeichnet ſind. Die Liebe iſt keine Leidenſchaft, ſondern ein 
Vergnügen, bei dem man der Abwechflung halber die Darſteller der Rollen des Partners 
gern und moͤglichſt oft wechſelt. Wiederum ſtand alſo an der Spitze des Moral— 
geſetzes das ſchmutzigſte Motto aller Zeiten: Jeder für jede, jede für jeden! 

So verfehlt es, wie geſagt, waͤre, aus ſolchen Erſcheinungen die Unguͤltigkeit 
des allgemeinen Moralgeſetzes abzuleiten, das von der Frau die Keuſchheit vor der 
Ehe und die Treue in der Ehe fordert, ſo waͤre es freilich ebenſo verfehlt, in dieſen 
Epochen den Sieg einer fortgeſchritteneren, hoͤher entwickelten geſchlechtlichen Ethik 
zu erblicken. Was ſich in ſolchen Moralanſchauungen dokumentiert, das iſt nichts 
anderes als der Zerſetzungsprozeß niedergehender, ſich aufloͤſender Klaſſen. 

Ein ganz ander Ding iſt es, wenn eine robuſte, geſunde Klaſſe ſcheinbar bewußt 
dem fuͤr die Frau aufgeſtellten Moralkodex zuwiderhandelt. Auch ſolche Faͤlle kennt 
die Geſchichte, und es iſt noͤtig, hier von ihnen Notiz zu nehmen, weil ſie in der 
draſtiſchſten Form die Auffaſſung vom Zweck und Weſen der Ehe erweiſen. Man 
hat häufig als bewundernswerte Konſequenz und Ehrlichkeit, an der man ſich ein 
Beiſpiel nehmen möge, geprieſen, was Luther in ſeinem Ehezuchtbuͤchlein uͤber das 
tuͤchtige Weib und den untuͤchtigen Mann geſchrieben hat; man hat es freilich noch 
oͤfter peinlich verſchwiegen, als nicht mehr in unſere Zeit paſſend. Es handelt ſich 
dabei vor allem um die folgende Stelle: 


„Wenn ein tuͤchtig Weib zur Ehe einen untuͤchtigen Mann uͤberkaͤme und koͤnnte doch keinen 
anderen oͤffentlich nehmen und wollt auch nicht gerne wider Ehre tun, ſollte ſie zu ihrem Manne 
alſo ſagen: Siehe lieber Mann, du kannſt mein nicht ſchuldig werden, und haſt mich und meinen 
jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und iſt fuͤr Gott keine Ehre 
zwiſchen uns beiden, vergoͤnne mir, daß ich mit deinem Bruder oder naͤchſten Freund eine heimliche 
Ehe habe und du den Namen habſt, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und laß dich 
wiederum williglich betruͤgen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen haſt.“ 


Luther hat dies weiter dann damit begruͤndet: 


„Ein Weib, wo nicht die hohe ſeltſame Gnade da iſt, kann eines Mannes ebenſo wenig 


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entrathen als effen, ſchlafen, trinken und andere natürliche Notdurft. Wiederum alſo auch ein Mann 
kann eines Weibes nicht entrathen. — Urſach iſt die: es iſt ebenſo tief eingepflanzt der Natur, Kinder 
zeugen als eſſen und trinken. Darum hat Gott dem Leib die Glieder, Adern, Fluͤſſe und alles, was 
dazu dienet, geben und eingeſetzt. Wer nun dieſem wehren will und nicht laſſen gehen, wie Natur 
will und muß, was thut er anders denn er will wehren, daß Natur nicht Natur ſei, daß Feuer 
nicht brenne, Waſſer nicht netze, der Menſch nicht eſſe noch trinke noch ſchlafe?“ 


Fuͤr den Laien in hiſtoriſchen Dingen wollen dieſe ſo wenig in die Konzepte 
unſerer verſchnittenen Muckermoral paſſenden Saͤtze gewiß etwas heißen. Aber dieſe 
Saͤtze bedeuten in Wirklichkeit gar keine beſondere Tat Luthers, ſie erweiſen fuͤr dieſen 
gar keinen beſonderen Mut der Konſequenz. Und zwar aus dem ganz einfachen Grunde: 
die Geſchlechtsmoral, die Luther in dieſen Saͤtzen vortraͤgt, — das waren uralte Rechts— 
uͤberlieferungen, die z. B. im Bauerntum ſeiner Zeit noch voll in Geltung waren und 


in den verſchiedenſten Bauernrechten klar und deutlich als Rechtsſatzungen ausgeſprochen 
waren. So heißt es z. B. im Benker Haiderecht, das noch lange Zeit nach der 
Reformation Geltung hatte: 

„Item ſo weiſe ich auch vor Recht, ſo ein guet Mann ſeiner Frauen ihr fraulich Recht nit 


thun koͤnne, daß ſie daruͤber klage, ſo ſoll er ſie aufnehmen und tragen ober ſeven erftuine und 
bitten da ſeinen naͤchſten Nachbarn, daß er ſeiner Frauen helfe; wann ihr aber geholfen iſt, ſoll er 


Gul, 22 


Jugend oder Geld? 


G. Goltzius. Hollaͤndiſche Karikatur. 17. Jahrhundert 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


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Der erſt iſt vnlen in den Küſſn. In Speiß vnd tranck iſt obn der dritt 


In pehibus prima cr ſed porro > ferunda Voluplas In medio, ac ulis denig Fertia crit. 


64. Deutfche Karikatur. 1648 


ſie wieder aufnehmen und tragen ſie wieder zu Haus und ſetzen ſie ſachte da und ſetzen ihr ein 
gebraten Huhn vor und eine Kanne Weins.“ 

Ahnliche Rechtsſaͤtze finden ſich noch in verſchiedenen Rechten, ſo z. B. im Hattinger 
und im Bokumer Landrecht. Man wird auf Grund dieſer Rechtsanſchauungen 
zugeben muͤſſen, daß es wirklich keine beſonders kuͤhne Tat war, was Luther in ſeinem 
kernigen Stil in ſeinem Ehezuchtbuͤchlein ausſprach. Wenn in dieſen Rechtsſatzungen 
dafuͤr geſorgt iſt, daß die Frau in ihren ehelichen Rechten nicht verkuͤrzt werde, ſo 
bedeutet das in Wahrheit nichts anderes und auch nicht mehr als die draſtiſche 
Anerkennung des Ehezwecks: der Hauptzweck der Ehe, die Beſchaffung eines geſetzlichen 
Erben, ſollte unter allen Umſtaͤnden erfuͤllt werden. Daß das kein Trugſchluß iſt, daß 
einzig der Ehezweck, das Kinderbekommen, in Frage ſteht, und nicht das Recht auf 
Geſchlechtsgenuß, ergibt ſich auch daraus, daß nur die kinderloſe Frau uͤber ihren 
Mann als untuͤchtig klagen konnte, und daß andererſeits die Wahl des „Ehehelfers“ 
— ſo wurde der Erſatzgatte genannt — nicht der Frau, ſondern ausſchließlich dem 
Manne zuſtand ... 

So ſeltſam uns auch ſolche Anſchauungen anmuten, ſo iſt doch zu wiederholen: 
ſie ſtuͤtzen nur auf die draſtiſchſte Weiſe das Gebaͤude der Unterdruͤckung der Frau 
zugunſten der oͤkonomiſchen Intereſſen der Ehe. Die Frau ſoll gemaͤß den oͤkonomiſchen 
Intereſſen in der Ehe Gebaͤrapparat ſein: Damit ſie das unbedingt ſein koͤnne, wird 
in primitiven Zeiten unter beſonderen Umſtaͤnden auch ein Teil der Moralgeſetze aus— 
geſchaltet, ſoferne dieſe ſich dem Hauptzweck der Ehe hinderlich zeigen. Man geht 


10 


73 


wahrſcheinlich nicht zu weit, wenn man ſagt: in dieſen mittelalterlichen bäuerlichen 
Rechtsanſchauungen iſt die Konſequenz der Tendenzen, aus denen die Ehe ſich heraus— 
entwickelte, zur Spitze getrieben; ſie ſind foͤrmlich perſonifiziert, zum Selbſtzweck erhoben, 
dem ruͤckſichtslos alles Menſchliche untergeordnet wird. 


Dieſe Geſetze und Tendenzen formen den Grundton der geſamten geſellſchaftlichen 
Satire in Wort und Bild. Weil eben die Satire zu keiner Zeit eine uͤber den Dingen 
ſchwebende hoͤhere Vernunft darſtellt, ſondern weil ſie immer nur der Ausdruck der 
allgemeinen, d. h. der jeweils guͤltigen Morallehre iſt. Darum iſt auch die Satire 
in der einen Zeit ſtrenger, in der anderen nachſichtiger. Nur iſt hierbei ein Punkt 
immer gebuͤhrend in Beruͤckſichtigung zu ziehen: daß naͤmlich die Karikatur in allen 
Zeiten, abgeſehen von der Gegenwart, ausnahmslos aus derſelben Klaſſe ſtammt, und 
zwar aus dem Buͤrgertum. Das heißt aber nichts anderes als: die Karikatur iſt faſt 


ausſchließlich von deſſen Moral infpiriert und getragen; am Maßſtabe der buͤrgerlichen 


Moral wird von ihr in den meiſten Epochen die Moral aller Klaſſen gemeſſen. Da 
nun aber jede Klaſſe in gewiſſer Richtung ihre eigene Moral hat, alſo ihre Moral 
ſich von den allgemeinen Leitſaͤtzen der Moral in gleicher Weiſe entfernt, wie ſich ihr 
Klaſſenintereſſe von dem Allgemeinintereſſe unterſcheidet, ſo kommt es ſehr haͤufig vor, 
daß in der buͤrgerlichen Karikatur etwas bekaͤmpft wird, was nach den moraliſchen 
Leitſaͤtzen, oder wenigſtens nach dem Anſtandskodex der hoͤfiſch-ariſtokratiſchen Kultur 
nicht nur erlaubt iſt, ſondern förmlich zum guten Ton gehoͤrt. Es gibt z. B. Zeiten, 
in denen das Klaſſenideal des Buͤrgertums Zuͤchtigkeit und Anſtand forderte und jede 
ſchamloſe Entbloͤßung weiblicher Reize als ein ſtarker unmoraliſcher Verſtoß galt. In 
den gleichen Zeiten hat es die hoͤfiſch-ariſtokratiſche Kultur ebenſo oft als einen ebenſo 
ſtarken Verſtoß gegen den Anſtand angeſehen, wenn ein weibliches Mitglied ihrer 
Klaſſe ſich weigerte, ihre Reize ſchamlos vor aller Augen zu entbloͤßen; man denke 
nur an die in der Gegenwart genau ſo ſtreng durchgefuͤhrten Vorſchriften des 
Dekolettierens bei ſaͤmtlichen hoͤfiſchen Veranſtaltungen. Eine moraliſche uͤberein⸗ 
ſtimmung auf der ganzen Linie herrſcht nur in den Zeiten, in denen der buͤrgerliche 
Geiſt in Auflöſung begriffen iſt, auf Selbſtaͤndigkeit verzichtet hat und das Buͤrger— 
tum ſeinen Vorteil darin findet, alle ſeine Auftraͤge und Direktiven ausſchließlich von 
Oben zu erhalten. In ſolchen Zeiten ſchreckt man dann nicht davor zuruͤck, das laut 
uͤber die Gaſſe zu ſchreien, was man vorher hoͤchſtens insgeheim in ſich hinein— 
geſchmunzelt hatte: ach, die Suͤnde iſt ja ſo ſchoͤn, freuen wir uns der Suͤnde! Dieſe 
Zeiten ſind es denn auch, wo die Satire nur, oder wenigſtens mit Vorliebe, dazu 
angewandt wird, die Genuͤſſe, denen man huldigt, zu paprizieren. — 

Die prinzipielle Stellung der Satire gegenuͤber den geſellſchaftlichen Inſtitutionen 


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und Erſcheinungen iſt natürlich abhängig von der wiſſenſchaftlichen Einſicht der Zeit 
in ihr Weſen, d. h. in ihre hiſtoriſchen Zuſammenhaͤnge. Das iſt zwar eine ganz 
ſelbſtverſtaͤndliche Sache, es bedarf darum aber doch an dieſer Stelle der beſonderen 
Betonung, weil dieſer Umſtand fuͤr die hiſtoriſche Beurteilung der meiſten Karikaturen 
von entſcheidender Wichtigkeit iſt. Beſonders wichtig ſogar iſt dieſer Geſichtspunkt 
gerade fuͤr das vorliegende Kapitel. 

Daß die heutige Eheform genau ſo etwas Gewordenes iſt, wie alle phyſio— 
logiſchen und ſozialen Gebilde unſerer geſamten Erſcheinungswelt, und daß ſie ſich 
ebenſo wie dieſe in ſteter Umwandlung befindet, dieſe Erkenntniſſe ſind, wie ſchon 
in der Einleitung geſagt worden iſt, eine ſehr ſpaͤte Errungenſchaft der Soziologie, 
ſie ſind erſt in der zweiten Haͤlfte des 19. Jahrhunderts eingehender begruͤndet 
worden. Daraus erklaͤrt ſich oder ergibt ſich denn auch, daß die Karikatur die Ehe, 
ſo haͤufig ſie ſich zu allen Zeiten mit ihr und allen den Formen beſchaͤftigt hat, die 
mit ihr in Zuſammenhang ſtehen, nie prinzipiell behandelt oder bekaͤmpft hat. Die 
buͤrgerliche Ehe iſt der Karikatur bis nahe an unſere Gegenwart heran etwas 
Unabaͤnderliches, etwas Fundamentales fuͤr den Beſtand der menſchlichen Geſellſchaft 
geweſen. Unter dieſem Geſichtswinkel wird jeder Widerſpruch, alles Aufbaͤumen gegen 


die uͤberkommene Ehemoral zum Verbrechen, zur Suͤnde wider die Natur. Und wie 


im Leben, ſo ſpiegelt es ſich auch in der Karikatur, daß alles das als Verfehlung 
gegen die heilige Inſtitution der Ehe angeſehen wurde, was im letzten Grunde nie— 
mals etwas anderes bewieſen haͤtte und fuͤr die heutige, erweiterte Einſicht auch 


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66. B. Picart. Galante franzoͤſiſche Karikatur auf die Frau im heiratsfaͤhigen Alter. 18. Jahrhundert 


76 


Nichts ift fo allgemein als wie die Hahnerey. Es gibt mehr Kinder ab, als Hennen legen Ey. 


Mit ihr verbindet ſich auch die Windmacherey, Man ſpricht noch ungeſcheut, daß es ſo Mode ſey; 
Die Treue iſt ſehr rahr, an Mann und Weibsperſonen, Ja was noch uͤber das, man nennt es gar gallant, 
Der Hoͤrner traͤgt man mehr, als wie der Koͤnigskronen. Schmuͤckt modehaft den Leib, das Herz bleibt ohne Schand. 


67. J. M. Will. Deutſche Karikatur auf die eheliche Untreue. 18. Jahrhundert 


nichts anderes erweiſt, als daß die bürgerliche Ehe ſchon lange in vielen Richtungen 
in ſtaͤrkſtem Widerſpruch zu den veraͤnderten Lebensbedingungen ſteht, die die unauf— 
haltſam vorwaͤrts ſchreitende Entwicklung der Wirtſchaftsweiſe den Menſchen auf— 
oktroyiert hat. 

Erſt als im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Erkenntnis vom Weſen 
der Ehe Gemeingut groͤßerer Kreiſe wurde, zerfloß, wie in der ernſten Diskuſſion, ſo 
auch in der Satire die Zuruͤckhaltung vor der Ehe als vor etwas Unantaſtbarem. Man 
illuſtrierte die innere Unmoral, d. h. den unloͤslichen Widerſpruch zwiſchen der alten 
Form und den neuen Bedingungen des Lebens. Aus den Suͤndern wurden die Opfer. 
Klaſſiſche Zeugniſſe bietet dafür die geſamte franzöfifche Karikatur ſeit der Mitte der 
achtziger Jahre und die deutſche Karikatur ſeit Anfang der neunziger Jahre, hoͤchſt 
wenige dagegen die engliſche Karikatur. Das engliſche Buͤrgertum iſt zwar immer 
noch das ſtolzeſte aller Laͤnder, und das mit vollſter Berechtigung, aber ſeine ſchoͤpferiſche 
Periode liegt weit, weit hinter ihm, es befindet ſich laͤngſt im Zuſtande des ver— 
knöcherten Greiſenalters, das zwar noch Begierden aber keine Taten mehr aufzuweiſen 
hat. Sein heutiges Selbſtbewußtſein iſt tatſaͤchlich nur die Rente des fruͤher an— 
geſammelten Kapitalbeſitzes. Wenn hoͤfiſch-ariſtokratiſche Kulturen meiſtens mit einem 
Kankan der Frivolitaͤt abſchließen, ſo klingen buͤrgerliche Kulturen frömmelnd aus. 


77 


Frau Bourgeoiſie iſt in England zur heuchelnden Betſchweſter mit niedergeſchlagenen 
Augen geworden. Aber das Verſchwinden des Mutes zum kuͤhnen, konſequenten Weiter— 


denken, zum ruͤckhaltloſen Ausſprechen deſſen, was iſt, das hat noch niemals die Geſetze 
der Entwicklung aufgehoben; dieſe wirken weiter und formen die Geſellſchaft um, auch 
wenn man nicht von ihnen ſpricht, nur wirken ſie verheerender. Das gilt heute fuͤr 
England und wird morgen fuͤr Deutſchland und Frankreich gelten, wenn ſie ſich zur 
Greiſenmoral bekehren ſollten. 


Neben dem Inhalt, „der Moral von der Geſchichte“, ſteht uͤberall das Wie, 
und dieſes Wie, die Form, iſt bekanntlich bei ſaͤmtlichen Erſcheinungen ein charak— 
teriftifcher Kommentar zur Geſamtentwicklung; das beſtaͤtigen auch die ſaͤmtlichen 
Mittel und Formen, deren ſich die Karikatur in den verſchiedenen Jahrhunderten 
bedient hat. Es duͤrfte angebracht ſein, die Hauptlinien der geſamten geiſtigen und 
techniſchen Entwicklung der Karikatur gleich hier an der Spitze des erſten Kapitels 
zuſammenfaſſend in allgemeinen Zuͤgen darzuſtellen, da dieſe Geſichtspunkte fuͤr jedes 
einzelne der folgenden Kapitel ohne Ausnahme genau ſo wie fuͤr das vorliegende 
gelten und fuͤr alle von gleichbleibender Bedeutung ſind. 

Die Entwicklung der geiſtigen Ausdrucksmittel der Karikatur, d. h. alſo in erſter 
Linie der verſchiedenen Symbole, deren ſich die Satire im Bilde als Ausdrucksmittel 
ihrer Gedanken bedient, die Abloͤſung des einen durch das andere, die Verbindung 
des einen mit dem andern: Symbol, Allegorie, Groteske, Wirklichkeitsdarſtellung uſw. 
— ſie ſpiegeln getreu den Weg vom Einfachen zum Komplizierten, zur Vielgeſtalt 
und zum Vielverſchlungenen wieder, den die geſamte Entwicklung unſeres privaten, 
geſellſchaftlichen und oͤffentlichen Lebens vom Ausgang des Mittelalters bis herauf 
in unſere Gegenwart genommen hat. Zur Illuſtration dieſes Satzes vergleiche man 
z. B. Bilder wie den anonymen „Kampf um die Hoſen“ (Bild 48) mit einem be— 
liebigen Bilde von Forain, Heine oder Reznicek. Wenn man fruͤher ſozuſagen immer 
aufs Ganze ging, ſo gelangte man dann allmaͤhlich dazu, jedes Ding in verſchiedene 
Kategorien einzuteilen, d. h. man erkennt neben dem Typiſchen das Unterſcheidende 
des Einzelfalles, und je mehr man in der Erkenntnis vorwaͤrts ſchreitet, um ſo mehr 
regiſtriert man mit Abſicht gerade das unterſcheidende Merkmal. Das 16. Jahrhundert 
rubrizierte jede Ehebrecherin einfach unter der fertigen Formel „die unkeuſche Frau“; 
fuͤr dieſe Zeit iſt das Entſcheidende und das Unterſcheidende einfach die Tat. Fuͤr 
den groͤßten ſatiriſchen Schilderer des Ehebruchs in der Gegenwart, fuͤr den Franzoſen 
Forain, it die Tat als Faktum dagegen faſt das Nebenfächliche des Gegenſtandes, 
wichtig iſt ihm dafuͤr das Warum und das Wie. Da aber das Warum und das 
Wie tauſendfach wechſelt, jedesmal anders iſt, ſo vermag er zu demſelben Stoffe jeden 


78 


Verlorene Ciebesmuͤhe 


68. P. A. Wille der Juͤngere. Galante franzoͤſiſche Karikatur. 18. Jahrhundert 


Tag einen voͤllig neuen Kommentar zu geben. Die kuͤnſtleriſche Aufgabe, die 
der Satire dabei geſtellt iſt, heißt: auch im erdruͤckenden Reichtum den Einzelfall 
wiederum zum Typiſchen kryſtalliſieren. Das letztere unterſcheidet die Gegenwart 
vom 17. und 18. Jahrhundert, das ebenfalls den Einzelfall regiſtrierte, und es 


79 


bezeichnet zugleich die ſitt— 
lich imponierendere Hoͤhe 
der Gegenwart. Wenn das 
17. und 18. Jahrhundert 
den Einzelfall, d. h. alſo 
das Unterſcheidende vor— 
fuͤhrte, wurde der Angriff 
ſtets zum Pamphlet, d. h. 
zum Angriff gegen eine 
ganz beſtimmte Perſon. In 
dieſem Unterſchied ſpiegelt 
ſich auch die heute tiefere 
Einſicht in die beſtimmen— 
den Urſachen des geſell— 
ſchaftlichen Geſchehens. Das 
Schlechte iſt in den Men— 
ſchen, merzt man den 
Suͤnder aus, ſo iſt auch die 
Suͤnde aus der Welt ge— 
ſchafft — ſo deduzierte man 
damals. Dementſprechend 


Die Zierde derer Sahnrey La parade des cornards. 2 i 
Dergleichen Ile den. Horn . 2 zieren, Ce chapsan est um present de mar pouz mun marı, lautet die erſte Frage: wer 


. e. „%%% a it der Sünder? Das 
f bd wird bedingt 
J zer a durch die Inſtitutionen, und 
69. Joh. G. Merz. Augsburger Karikatur auf die untreue Frau. ſolange dieſe fehlerhaft 
e ſind, wird jeder neue Tag 
neue Sünder hervorbringen; 
das wiſſen wir heute, alſo iſt es von ziemlich untergeordneter Bedeutung, wer zu— 
fällig heute der Sünder war, der dem Satiriker den Stoff lieferte ... 

Die Geſchichte der techniſchen Mittel der Karikatur, im engeren Sinne der 
Reproduktionsform aufgefaßt — Holzſchnitt, Kupferſtich, Lithographie, Zinkaͤtzung, — 
illuſtriert ebenſo deutlich das zunehmende Tempo des Pulsſchlages der Zeit. D. h. 
mit anderen Worten: jede raſchere Gangart der Zeit ſchuf eine neue Reproduktions— 
technik, die immer wieder imſtande war, den Ereigniſſen auf dem Fuße zu folgen 
und in gleicher Weiſe die groͤßer werdende Zahl der Intereſſenten zu befriedigen. 
Langſam und bedaͤchtig wickelte ſich der Gang der Weltgeſchichte an der Schwelle der 
neuen Zeit ab, und geradezu ſtarr und unveraͤnderlich erſcheinen die ſozialen und 


moraliſchen Bedingniſſe des Lebens. Eine Karikatur mit einer ſatiriſchen Moral— 


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predigt brauchte Monate, 
bis fie im Kopfe des Kuͤnſt— 
lers ausreifte, den Weg 
zur Werkſtatt des Holz— 
ſchneiders und von da in 
die des Druckers fand. 
Ebenſolange brauchte ſie, 
bis ſie nur uͤber die engſten 


Kreiſe hinausdrang; oft 
vergingen Jahre, bis ſie in 
anderen Staͤdten zum erſten 
Male auftauchte. Von 
vielen heute noch beruͤhmten 
Blaͤttern ſind, wie die zu— 
faͤllig erhaltenen Druck— 
rechnungen erweiſen, im 
Verlaufe von verſchiedenen 


Jahren oft nur wenige 


hundert Exemplare abgeſetzt 
worden. Das kam ſelbſt 
bei Blaͤttern vor, die eine 
Rolle ſpielten und die all— 


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P t 9 f Der gebe mente 74 Maerinen fie zu Fordern Helas je cherche en za, car je SER 5 8 
Predigt vor Hunderten hielt, Fr wer „„ 
ſo ſprach das Fliegende 70. Joh. G. Merz. Augsburger Karikatur auf die enttaͤuſchte Frau 


18. Jahrhundert 


Blatt des 16. Jahrhunderts 
ebenfalls haͤufig zu Hunderten; ein ganzes Dorf ergoͤtzte ſich an einem einzigen Exemplar. 
Dieſer Zeit entſprach der Holzſchnitt. Er war ſo ſolid und ſo dauerhaft wie die von 
ihm wiedergegebene ſatiriſche Moral, die dem Beſchauer fuͤrs ganze Leben gelten 
ſollte. Im 17. Jahrhundert, dem in Deutſchland der Dreißigjaͤhrige Krieg, in Frank— 
reich der emporſteigende Abſolutismus, in den Niederlanden die Entwicklung zur 
merkantilen Weltmacht das charakteriſierende Gepraͤge gaben, iſt der Schritt der 
Zeit ſchon weſentlich beſchleunigt, das Leben des einzelnen iſt reicher an aͤußerer 
Abwechslung. Das erfordert, daß auch die Ausdrucksmittel beweglicher ſeien: leichter 
zu erlangen. Auch will man mehr zu hoͤren bekommen und begnuͤgt ſich nicht mehr 
fuͤr Monate oder gar Jahre an einigen wenigen Blaͤttern. Dieſe Forderungen er— 
fuͤllten ſich im Kupferſtich, der vor allem auch größere Auflagen ermöglichte. Freilich 


11 


81 


bedeutete der Kupferſtich nicht in jeder Richtung einen Fortſchritt. War er für 
Frankreich, England und die Niederlande eine ſchneidige Klinge, die in ihrer Aus— 
bildung Schritt fuͤr Schritt Vorzuͤglicheres leiſtete, ſo bezeichnete er für Deutſchland 
gegenuͤber der Hoͤhe, die hier im 16. Jahrhundert der Holzſchnitt erlangt hatte, in 
erſter Linie einen ſehr tiefen Niedergang, den Weg von kuͤnſtleriſcher Vollkraft in die 
kuͤnſtleriſche Ohnmacht; und er war weiter ein Zeugnis der wirtſchaftlichen Ver— 
armung, die dazu zwang, zum Billigſten zu greifen. Der Kupferſtich behauptete ſeine 
Rechte uneingeſchraͤnkt bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts; er 
hat alle die großen Umwaͤlzungen begleitet, die große engliſche Revolution, die 
franzoͤſiſche Revolution und die deutſche uͤberwindung der Fremdherrſchaft. Die 
Julirevolution des Jahres 1830 hat dagegen die Lithographie zum Siege gefuͤhrt. 
Sie ſchuf die erſten großen illuſtrierten ſatiriſchen Journale, darunter das bedeutendſte 
Dokument der politiſchen Karikatur aller Zeiten, die Caricature, mit Daumier, dem 
großen ſatiriſchen Trommelſchlaͤger des Fortſchritts und der Freiheit, an der Spitze. 
Mit dem trotz aller Durchbildung und Vervollkommnung immer noch ſehr langſam her⸗ 
zuſtellenden Kupferſtich waͤren dieſe neuen Programme und Aufgaben nicht mehr zu erfuͤllen 
geweſen. Die Poſtkutſchen- und Extrapoſtenzeit geht allmaͤhlich ins Eiſenbahnzeitalter 
uͤber, die ſatiriſche Moral eines Blattes intereſſiert hoͤchſtens noch fuͤr eine Woche. 
Und je groͤßer der Kreis derer wird, die am oͤffentlichen Leben taͤtigen Anteil nehmen, 
d. h. je mehr ſich dieſer Begriff mit dem der Maſſe deckt, um ſo mehr muß jetzt die 
Karikatur Maſſenartikel im wahren Sinne des Wortes werden. Binnen wenigen 
Tagen muß ſie auf dem Markte ſein koͤnnen; und was das Wichtigſte iſt: ihr Preis 
muß von der Maſſe zu erſchwingen 
ſein. Dieſe Entwicklung leitete die 
Lithographie ein. Eine ſchwarze 
Kupferſtichkarikatur koſtete im 18. 
Jahrhundert in England, das ſich 
darin auf den groͤßten Großbetrieb 
eingerichtet hatte, durchſchnittlich 
einen halben Schilling. Entſprechend 
dem damaligen Geldwert iſt das 
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zu erſchwingen? Daß dieſe Summe 
aber nicht nur von einzelnen, ſon— 


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nftdunun du Paz Mann wir 20 725 g ; 

2 Da dern von vielen Hunderten jahraus, 

jahrein oft jede Woche erſchwungen 


wurde, ja, daß noch unendlich hoͤhere 


71. Deutſche Karikatur auf die untreue Frau 


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Der Altjungfernklub 


72. Booth. Engliſche Karikatur. 18. Jahrhundert 


Summen, fuͤr die großen Blaͤtter das Fuͤnf- und Zehnfache, verlangt und bezahlt 
wurden, das beweiſt hinwiederum, welche ſtarke Beachtung der Karikatur damals 
gezollt wurde. Gleichwohl war ſie eben doch nur ein Luxusartikel fuͤr die zahlungs— 
faͤhige Moral. Das aͤnderte die Lithographie, die um den vierten und fuͤnften Teil 
des Preiſes in den Handel kommen konnte. Aber auch die Lithographie vermochte 
auf die Dauer bei dem Tempo nicht Schritt zu halten, das die moderne Entwicklung 
dem Leben im 19. Jahrhundert aufzwang, und wo ein Schnelligkeitsrekord den an— 
deren ſchlug. Es kam dahin, daß die Frage des Vormittags bereits am Nachmittag 
ihren Kommentar finden ſollte, denn der morgige Tag hatte etwas Neues und 
etwas anderes zu ſagen. Da ging der Lithographie der Atem aus, ihre 
Herrſchaft waͤhrte daher kaum ein halbes Jahrhundert; aber ſie hatte in dieſer Zeit 
reichen Segen geſpendet, kuͤnſtleriſch und agitatoriſch. Die Chemigraphie, die in den 
ſiebziger Jahren aufkam, vermochte die hoͤchſten Forderungen der Zeit zu erfuͤllen; 
bedeutete auch ihre Einfuͤhrung, wie ſeinerzeit beim Kupferſtich, einen ſtarken kuͤnſt— 
leriſchen Niedergang, ſo erfuͤllte die Chemigraphie doch die geſchaͤftlichen und agitato— 


II“ 


83 


riſchen Bedingungen, und dieſen gegenüber mußten die kuͤnſtleriſchen Intereſſen immer 
noch zuruͤcktreten. Was der Stift des Zeichners am Morgen niedergeſchrieben hat, 
das iſt durch die Chemigraphie am Abend bereits vertauſendfacht in den Haͤnden 
des Leſers, und dazu des Unbemitteltſten; und weiter: der Zahl der Abzuͤge iſt nun 
gar keine Grenze mehr geſteckt. In dieſem Stadium der Entwicklung ſtehen wir 
gegenwaͤrtig, und man braucht kein Prophet zu ſein, um zu ſagen, daß der Schnelligkeits— 
wahnſinn in der Erſchoͤpfung des Reichtums und der Vielgeſtalt alles Geſchehens 
wahrſcheinlich noch lange nicht feinen hoͤchſten Rekord erreicht hat ... 

Iſt bis jetzt gezeigt worden, wie ſich der zunehmende Reichtum des Lebens und 
ſein immer ſchneller werdender Pulsſchlag im ewig wechſelnden Gewande der 
Karikatur ſpiegelt, ſo bleibt als dritter Punkt noch zu zeigen, wie ſich in der Ent— 
wicklung der Symbole der Karikatur, ſozuſagen in ihren ſprachlichen Mitteln, der 
Weg der Menſchheit ſpiegelt: von der ſeeliſchen Befangenheit und Gebundenheit in 
dunkeln, myſtiſchen Vorſtellungen hinauf zu den freien Hoͤhen des menſchlichen Denkens 
und eines immer klareren Erkennens der wirklichen Zuſammenhaͤnge der Dinge. 

Die Entwicklung der gedanklichen Ausdrucksmittel der Karikatur unterſcheidet 
drei Hauptetappen: das Symboliſche, das Groteske und die ſatiriſch pointierte 
Wirklichkeitsdarſtellung, die ſich zeichneriſch natuͤrlich ebenfalls des karikierenden uͤber— 
treibens bedient. Die Abloͤſung der einen Form durch die andere geſchieht ſelbſt— 
verſtaͤndlich nicht in allen Ländern gleichzeitig; im Gegenteil: die eine Form wird in 
einem Lande bereits von einer fortgeſchritteneren uͤberwunden, waͤhrend ſie im 
Nachbarlande erſt anfaͤngt, zur Herrſchaft zu kommen. In der Geſchichte der 
Karikatur kann man ganz dieſelbe Formel anwenden, die Marx fuͤr die Okonomie 
geprägt hat: das fortgeſchrittene Land zeigt dem zuruͤckgebliebenen ſeine eigene 
Zukunft. Das hervorzuheben iſt nicht unwichtig, weil damit feſtgeſtellt iſt, daß der 
Volkscharakter wohl die verſchiedenen Nuancen herausentwickelt, das Temperament 
des Vortrags, die beſondere Eleganz des einen, die Arroganz des andern und die 
Tolpatſchigkeit oder Plumpheit des dritten, daß aber der jeweilige Hauptcharakter 
der Form, — ob Symbol, Allegorie, Groteske, Naturalismus, ſatiriſche Illuſtration 
uſw. — abſolut abhaͤngig iſt von der wirtſchaftlichen Entwicklungshoͤhe, in der ſich 
ein Land befindet, und daß die gleiche Hoͤhe ſtets zu denſelben Symbolen gelangt. 

Im 16. und 17. Jahrhundert iſt das wichtigſte ſatiriſche Mittel die Symbolik, 
und zwar die religioͤs inſpirierte Symbolik, in der Form der Verbindung mit dem 
Teufel. Das erſcheint um ſo ſeltſamer, wenn man erwaͤgt, daß der das geſamte 
geiſtige Leben jener Zeit erfuͤllende Humanismus, der die Wiſſenſchaft des beginnenden 
Zeitalters des modernen Kapitalismus darſtellt, in ſeiner Tendenz auf den abſoluten 
Unglauben hinauslief und der energiſchſte Frondeur gegen die glaͤubige Weltanſchauung 
des Mittelalters war. Aber dieſe Tendenz zum Unglauben verhinderte nicht, daß 
dieſe Zeit trotzdem in einen Glaubensfanatismus auslief, wie ihn die Welt zuvor 


84 


A Alamet jeulp. 


EE CO RBEMEDE. 


Tous les Anodamns de la Terre Foin des lecons de votre Mere, 
Ne calmeront Jamats vos feld } Mariez-vous cela vat pries. 


73. Jaurat. Galante franzöfifche Karikatur auf die Frauen im heiratsfaͤhigen Alter. 18. Jahrhundert 


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nicht geſehen hatte. Der Grund? 
In den primitiven Urzuftänden 
der Geſellſchaft, wie ſie das 
Mittelalter noch zeigt, macht ſich 
der Menſch uͤber Religion nicht 
allzuviel Gedanken. Das wird 


jedoch an dem Tage anders, an 
dem er durch die Entwicklung 
gezwungen wird, ſich von der 


ſeitherigen Abhaͤngigkeit von der 
Natur loszureißen und ſich die 
Natur unterzuordnen; von da an 
beginnt er energiſch uͤber dieſe 
Fragen nachzudenken. Aber alle 
Kuͤhnheit, die ſolchen revo— 
lutionaͤren Zeiten ſelbſtverſtaͤnd— 
lich iſt, fuͤhrt ihn nicht uͤber den 
halben Weg hinaus; Natur und 
Geſellſchaft entſchleiern, wie 
ſchon einmal geſagt worden iſt, 
ihre Geheimniſſe erſt bei beſtimmten 
Entwicklungshoͤhen. Dagegen 
tuͤrmt jede gewonnene Erkennt— 


Lady Worſeley im Bade 


74. Engliſche Karikatur auf den Eheſcheidungsprozeß des Lord 
Worſeley gegen ſeine Gemahlin wegen Ehebruchs mit 34 Maͤnnern 5 i 
nis neue, anſcheinend immer 


groͤßere Schwierigkeiten empor. Dazu kommt dann noch ein zweites: Die 
neue Zeit mit ihrer alles umwaͤlzenden wirtſchaftlichen Revolution ſchuͤttete wohl 
Berge von Schaͤtzen auf, ſtreute nach allen Seiten ihren reichen Segen aus, aber 
noch mehr, noch ſichtbarer, auch dem letzten fuͤhlbar — die neue Zeit brachte auch 
die großen, von ihr untrennbaren ſozialen Greuel, von denen man bis dahin keine 
Ahnung hatte; das Dreigeſpann: Peſt, Syphilis und Branntweingift raſt wie wuͤtend 
durch die Lande und verfchont nicht das verborgenſte Dorf. Dem ſteht man nicht 
nur machtlos gegenuͤber, ſondern die beſchraͤnkte Einſicht verhindert einen auch, dieſe 
Erſcheinungen in ihrem Weſen und in ihren Zuſammenhaͤngen mit der neuen Wirtſchafts— 
ordnung zu erkennen. Man empfindet das hereinbrechende Elend hoͤchſtens als Zucht— 
rute, mit der anſcheinend Gott die Menſchen für ihr vermeſſenes Streben zuͤchtigt, die 
Grenzen ihrer Macht zu vergroͤßern, ſeinen Himmel zu ſtuͤrmen. Dieſe grimmigen 
Nöte, die am Eingange der neuen Zeit ſtanden, führten vom Unglauben zum Aber— 
glauben. Man vermutete boͤſe, finſtere Maͤchte, man glaubte an Daͤmonen; das 
Schreckliche erfuͤllte ausſchließlich die Phantaſie. Der luſtige Biedermann von Teufel, 


86 


mit dem man feinen Schabernack treiben konnte, wie ihn das Mittelalter kannte, 
wurde zum Inbegriff wahnwitziger Scheuſaͤligkeit. Die Morallehre kam damit natur— 
gemaͤß auf den Weg des „Bangemachens“, des „Gruſeligmachens“. In dieſer Zeit 
und aus dieſer Stimmung heraus entſtand die ungeheuerliche und reiche Teufels— 
literatur. Teufel und Hoͤlle in ihren ſchrecklichſten Geſtalten wurden zu den Sym— 
bolen alles Verdammenswerten. Alles Schlechte ſtammt aus der Hoͤlle, alles 
Schlechte iſt ſomit in der Hoͤlle und im Teufel verkoͤrpert. So folgerte man; 
alſo wurde der Teufel zum großen Wauwau, mit dem man alle ſchreckte und dem 
„gemeinen Volk“ jene Dialektik einpaukte, die zu Nutz und Frommen der Moral, 
d. h. der Kirche, des Staates, der Obrigkeit diente. Das alles ſpiegelt die damalige 
Satire treulich in Wort und Bild. Der Moralprediger der Gaſſe, der ſich, um 


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75. Th. Rowlandfon. Engliſche Karikatur. 1790 


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THE IRIVALS. 15 


76. Thomas Rowlandſon. Engliſche Karikatur. 1812 


das Publikum zum Zuhoͤren zu zwingen, der Kuͤrze, des Witzes und des Hand— 
greiflichen bedienen muß, bedient ſich ſelbſtverſtaͤndlich mit Vorliebe des Teufels, 
dieſes einfachen und doch reich zu gliedernden Symbols. Man ſprach vom Fluchteufel, 
Tanzteufel, Eheteufel, Saufteufel, Hurenteufel, Unzuchtsteufel, Schwurteufel, Hoffarts— 
teufel, Hoſenteufel, Geizteufel uſw. Unter ſolchen Titeln erſchienen dann die 
Abhandlungen uͤber das betreffende Laſter, und die Form war meiſtens ſatiriſch 
moraliſierend. Wie nuͤtzlich es ſei, zu dem „gemein Volk“ in dieſer Weiſe zu reden, 
das wird in dem erſten Stuͤck des 1575 in Frankfurt a. O. erſchienenen Theatrum 
diabolorum in dem Abſchnitt „Wo und was die Hoͤlle ſei“, in folgender ſchlauer 
Weiſe begruͤndet: 

„Aber am jüngften Tag wird's freilich ein ander Ding fein und werden. Da die Hölle ein 
ſonderlicher Ort ſein wird, oder da die ſein werden, die in der Hoͤllen oder ewigen Zorn Gottes ſo 
verdammt ſind. Wo aber und an welchem Ort die ſein wird, will ich lieber nicht wiſſen, denn 
außerhalb der Schrift da viel von gruͤbeln. Es liegt auch nicht groß dran, ob jemand halt von der 
Hoͤllen, wie man mahlet und ſagt. Es wird doch ſo und noch viel aͤrger jetzt ſein, und denn werden, 
denn jemand ſagen, malen oder denken kann. 

Derhalben wie D. Luther geſagt, von der Hoͤllefart Chriſti. Er laſſe es ihm gefallen, daß 
man den Artikel des Glaubens dem jungen Volk und einfaͤltigen alſo fuͤrbilde, wie man ihn pflegt 
vor Alters an die Waͤnde zu malen, daß er eine Kohrkappen an hab, eine Fahn in der rechten Hand, 
und fahr alſo hinab in die Hölle, ftürme fie, und binde den Teuffel mit Ketten. Denn ob es fo 


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in Heinrich Namberg. 1799 


Albert Langen, München 


wohl nicht geſchehen iſt, leiblich, ſo bildet doch und drucket uns ſolchs Gemälde fein aus die Kraft 
und Macht der Hoͤllefahrt Chriſti. Alſo duͤnkt michs auch rathſam ſein, daß man fuͤr den gemeinen 
Mann aufs einfaͤltigſte auch von der Hölle rede, und fie dem jungen Volk aufs Groͤbſte fuͤrbilde, 
wie man immer kann, damit man ihnen ein Schrecken darfuͤr machen moͤge.“ 


Die Mahnung, „aufs Groͤbſte“ zu verfahren, wird ſtets getreulich erfuͤllt. Es 
wird in dieſen Schriften gewettert, getobt, geſchimpft und verdammt, daß es nur 
ſeine Art hat. Mit den Worten Unzucht, Schande, Hurerei uſw. iſt der kleinſte Satz 
garniert. Um ſchließlich im hoͤchſten Grade abzuſchrecken, iſt an jede dieſer Mahn— 
ſchriften eine Reihe von Exempeln angefuͤgt, die dem glaͤubigen Volke zeigen ſollen, 
wie der liebe Gott ſeiner abſolut nicht ſpotten laͤßt. Selbſtverſtändlich hat das 
arme, geiſtig verkruͤppelte Volk dieſe ſatiriſche Moral mit Zittern und Zaͤhneklappern 
vernommen. Es waͤre wirklich ganz unbegreiflich, wenn die Karikatur nicht mit 
demſelben Mittel gearbeitet haͤtte. Den Reichtum, der dem Worte zu Gebote ſtand, 
hat fie freilich nicht zu entfalten vermocht: das lag an den weſentlich engeren 
Grenzen, die den zeichnen— 
den Kuͤnſten gezogen ſind. 
Aber die vielgeſtaltigen 
Teufelsfratzen, die von den 
zeichnenden Kuͤnſten jener 
Zeit erfunden worden ſind, 
zeigen doch zur Genuͤge, 
wie geſaͤttigt die Phantaſie 
von dieſen Vorſtellungen 
war. In dem vorliegen— 
den Kapitel belegt das 
Blatt von Israel von 
Meckenem „Der Kampf um 
die Hoſen“ (Bild 47) dieſe 
Ausfuͤhrungen; die folgen— 
den Kapitel enthalten noch 
eine Reihe weiterer bild— 


licher Belege. 

Man hat, dem lang— 
ſamen Aufſtieg entſprechend, 
lange dieſe Methode geuͤbt, 
und man iſt ſpaͤter, und 


zwar immer in religioͤs 


vermuckerten Zeiten, haͤufig Start nach Gretna Green 
„ (4 
zu dieſer Methode zurück 77. Iriſche Karikatur. 180 


89 


gekehrt. Als Beiſpiel fei nur an den urfidelen Wieſenpater von Ismaning 


erinnert, aus deſſen ſatiriſch-moraliſchem Schimpflexikon in einem anderen Abſchnitt 
eine Probe zu geben ſein wird, und an den weltberuͤhmten pfäffiſchen Schimpfmeiſter 
Abraham a Santa Clara, den wir mehr als einmal zu zitieren haben werden. 

Als das Buͤrgertum Schritt fuͤr Schritt zur Hoͤhe ſeiner Macht ſtieg, d. h. als 
der menſchliche Geiſt ſich zu immer klarerer Erkenntnis durchrang, als er den Himmel 
tatſaͤchlich ſtuͤrmte und damit das Selbſtbewußtſein der Menſchen wuchs und die 
Furcht vor dem Übernatuͤrlichen in gleicher Weiſe ſchwand, da bildete ſich eine andere 


Lebensphiloſophie heraus. Mit dieſer veraͤnderten Lebensphiloſophie entwickelte ſich 
auch eine andere Form der Satire, die dem geſteigerten oder richtiger dem uͤbertriebenen 
Selbſtbewußtſein adäquat war: das Groteske. Das Groteske iſt die kuͤhne Steigerung 
des Karikierens einer Perſon, einer Sache, einer Situation oder nur beſtimmter 
Attribute in die Regionen des phyſiſch Unmoͤglichen (Bild 7 und 10). Man kann 
das Groteske als die entwickeltſte Form der Karikatur bezeichnen, wenn man den 
Begriff Karikatur in ſeinem engen, rein ſprachlichen Sinne als zeichneriſche uͤber⸗ 
treibung in der Darſtellung des Stofflichen auffaßt. Das Groteske beginnt da, 
wo das Mögliche aufhört. Da aber nur dem Moͤglichen Grenzen gezogen find, 
nicht aber dem Unmoͤglichen, ſo ergibt ſich daraus, daß der Reichtum der 
Variationen und der Steigerung unerſchoͤpflich iſt. Aber auch dieſe Form wurzelt 
im 16. Jahrhundert; ſie wuchs in der Wiege der neuen Zeit mit auf, und die 
Renaiſſance hat gleichzeitig den groͤßten grotesken Satiriker hervorgebracht: 
Rabelais. Die Kuͤhnheit des 16. Jahrhunderts im Denken und Wollen fuͤhrte 
zum Grenzenloſen; das bildete im Zeichneriſchen und Phantaſtiſchen das Groteske 
heraus. Das Groteske iſt ſozuſagen der auf der Erde bleibende Zwillingsbruder der 
in die myſtiſchen Hoͤhen des uͤbernatuͤrlichen ſich verlierenden Symbolik. Das Groteske 
iſt der Ausdruck groͤßter Kraft und wildeſten Kraftuͤberſchwangs. Darum taucht es 
uͤberall in kraftſtrotzenden Zeiten auf, wo in allem die Kuͤhnheit des Handelns domi— 
niert, und darum iſt es weiter mit dem ſiegenden Aufſtiege des Buͤrgertums verknuͤpft. 
Dieſer vollzog ſich bekanntlich am konſequenteſten in England und erreichte dort in 
der zweiten Haͤlfte des 18. Jahrhunderts ſeine Spitze. Die groteske Karikatur erlebte 
hier demgemaͤß auch ihr klaſſiſches Zeitalter. Von Hogarth führt zum Grotesken eine 
einzige, fortlaufende Linie. Amerika hat im 19. Jahrhundert ganz dieſelbe wirt— 
ſchaftliche Entwicklung durchgemacht, es iſt zum Land „der unbegrenzten Moͤglich— 
keiten“ geſtempelt worden. Die amerikaniſche Karikatur war durchgehends in der 
ganzen Zeit grotesk, und erſt im letzten Dezennium bilden ſich auch andere Formen 
heraus; aber das Groteske entſpricht immer noch am meiſten den Entwicklungsgaͤngen, 
und die groteske Karikatur herrſcht darum auch heute noch uͤberall vor. Auch in 
Europa bluͤht gegenwaͤrtig noch die Groteske, und ſie hat gerade im letzten Jahrzehnt 
wieder ſtaͤrkere Wurzeln geſchlagen, ohne Zweifel entſprechend dem erneuten Anſchwellen 


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1792 


COMMONS. 


Arbeit für Eheſcheidungskammern 


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Engliſche Karikatur von Thomas Rowlandſon. 


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der revolutionären Tendenzen, die zu einer 
radikalen Neuordnung der Geſellſchaft drängen. 
Die ſtaͤrkſten grotesken Talente der Karikatur 
find gegenwärtig der Norweger Olaf Gulbranſſon, 
der Deutſche Bruno Paul und der Franzoſe 
Léandre. Gulbranſſon ſtrotzt von Kraft und 
Kuͤhnheit und iſt immer wieder verbluͤffend; 
Bruno Paul, der ſich ſo große Lorbeeren in 
der Karikatur geholt hat, verwendet dagegen 
in letzter Zeit zu haͤufig eine Schablone: Haͤnde 
im „Watſchenformat“ und ſtets uͤbergroße Fuͤße. 
Dieſe zwei Attribute, ſtereotyp angewandt, 
erſchoͤpfen aber das Weſen der grotesken Kari— 
katur nicht, ſondern bilden nur ein Rezept. Die 
5 2 „ Geſetze des Übertreibens, die der Karikatur 
Ale gu aufeinen Mann; zugrunde liegen, rechtfertigen die Willkuͤrlichkeit 
nicht, ſondern gebieten einen ſtrengen organiſchen 


79. D. Chodowiecki 5 B iur 3 
Zuſammenhang mit dem geiſtigen Inhalt der in 


Frage kommenden Perſon oder Sache. Es gilt, das jeweils Weſentliche, das aber 
bekanntlich immer anders iſt, herauszuholen und durch groteske Betonung die 
Augen darauf zu lenken. Léandre iſt der ulkfrohe Spaßmacher, der ohne beſondere 
moraliſche oder ſatiriſche Tendenz einfach die Mittel der Komik ausnützt, um 
vergnuͤgtes Lachen zu erzielen; das gelingt ihm denn auch in hervorragender Weiſe. 
Wenn man aber Léandre nennt, dann darf man die noch viel größeren Entfeßler 
des Lachens, Buſch und Oberlaͤnder, nicht vergeſſen. Beide ſind groteske Kuͤnſtler 
erſten Ranges; und wenn ſie beide im Dienſte der reinen Froͤhlichkeit und Heiterkeit 
ſtehen, ſo ſteckt bei beiden doch ſtets ein tiefer Sinn dahinter, eine tiefwurzelnde 
Lebensphiloſophie (Bild 35). ö 

Das ſatiriſch behandelte Wirklichkeitsbild iſt bis jetzt die letzte Stufe der 
Karikatur; ihr Schöpfer, oder richtiger geſagt, ihr erſter Vertreter, war Hogarth und ihr 
Vollender Honoré Daumier. Über Daumier iſt noch keiner hinausgekommen, ſo ſtolze 
Namen und ſo viel Namen man auch in dem letzten halben Jahrhundert aufzuzaͤhlen 
vermag; man iſt nur eleganter geworden. Daumier iſt in der Karikatur aber nichts 
anderes als die ſatiriſch-künſtleriſche Perſonifikation des buͤrgerlichen Gedankens in ſeiner 
hoͤchſten Potenz, d. h. alſo des Zeitalters der Bourgeoiſie. In dieſem Zeitalter find die 
Regierungen trotzaller verhuͤllenden Phraſen uͤberall nur die Geſchaͤftstraͤger der Bourgeoiſie. 
Als dies politiſch zur Anerkennung kam, d. h. ſich in politiſche Formen umſetzte: in den 
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, da entfalteten ſich die Keime der modernen 
geſellſchaftlichen Karikatur ebenfalls auf der ganzen Linie. Alles uͤbernatuͤrliche iſt heute 


92 


aus den Rechnungen der Bourgeoiſie verbannt; die greifbare, kontrollierbare Wirklichkeit, 
deren Rentabilitaͤtschancen kalkulatoriſch nachzurechnen find, iſt die ſolide Baſis der buͤrger— 
lichen Weltordnung. So praͤſentiert ſich auch die Karikatur; ſie ſteht uͤberall ſozuſagen 
ebenfalls auf der rechneriſchen Baſis, auch ſie arbeitet nur mit kontrollierbaren 
Werten. Freilich dienen ihr dabei alle Mittel, die von ihr im Laufe der Zeit 
errungen und ausgebildet worden find; aber fie gießt den modernſten Geiſt hinein. 
In der Rechnung der buͤrgerlichen Wirtſchaftsweiſe iſt das Kleinſte nicht uͤberſehen 
— jeder Schritt des privaten und geſellſchaftlichen Lebens, jede Nuance wird von der 
Karikatur begutachtet, kommentiert und regiſtriert; denn wichtig iſt alles. In dieſem 
Stadium ſtehen wir gegenwaͤrtig noch. 


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30, Galante engliſche Karikatur von Thomas Nowlandſon 


93 


Die Verliebte. Die Liebe iſt beim Mann und bei der Frau der erſte Schritt ins 
eigentliche Leben; die Liebe erſt ſcheidet die Menſchen in zwei Geſchlechter, vorher 
iſt jeder nur etwas Saͤchliches. Mit einem Wort: Die Liebe iſt der Anfang. Die 
Karikaturen auf das Verliebtſein muͤſſen uns darum ſchon aus dieſem Grunde zuerſt 
beſchaͤftigen. Sie ſtehen aber auch an der Spitze der Karikaturen, die ſich 
um die Ehe drehen. Und zwar trotz der bekannten mißlichen Tatſache, daß die Liebe 
in allen Zeiten und in den meiſten Schichten haͤufig der untergeordnetſte von den 
Faktoren geweſen iſt, die die Eheſchließungen bedingt haben — das Verliebtſein iſt 
doch die Einleitung jeder Ehe, und das gilt auch von allen Zeiten und allen 
Schichten. Das Verliebtſein iſt die Fiktion, daß die Ehe in jedem Einzelfall das ſei, 
was ſie nach dem offtziellen Sittengeſetz überhaupt fein ſoll: eine ſittliche Inſtitution. 
Aus dieſem Grunde iſt es ſowohl im Einzelintereſſe wie in dem Geſamtintereſſe der 
Geſellſchaft ganz ſelbſtverſtaͤndlich, daß jedes einzelne zur Ehe ſchreitende Paar mit 
Anſtand und Eifer die ihm vom offiziellen Sittenfoder diktierte Rolle des Verliebt— 
ſeins poſiert, und es iſt auch ebenſo ohne weiteres klar, warum gerade jene am 
eifrigſten die Rolle der Verliebten poſieren — Wie gluͤcklich ſind wir! Wie 
namenlos gluͤcklich! Wie unausſprechlich gluͤcklich! — die bei ihrer Eheſchließung 
durch die ſchaͤbigſten Intereſſen geleitet ſind. Echte und offiziell gemimte Liebe ſind 
ſich alſo im aͤußerlichen Gebaren ſehr aͤhnlich. 


Jeder zeigt, was ihn ziert! 
81. Franzoͤſiſche Karikatur 


94 


LE DIVIN ELYSOIR, 
Mancuvre eng temps 


Familienidpyll 


82. Franzoͤſiſche Karikatur von Gaudiſſart. Um ı8ı5 


Das Gebaren der Menſchen im Stadium des Verliebtſeins iſt aller Welt ge— 
laͤufig. Wenn man ſich dieſes Gebaren vergegenwaͤrtigt: wie das „himmelhoch 
jauchzend“ und das „zum Tode betruͤbt ſein“ zu allen Zeiten betaͤtigt wurde, wie 
maͤnniglich, ob jung ob alt, in dieſem Stadium das Größte für nichts und das 
Geringſte für unuͤberwindbar achtet, wie der verliebte Alte von ſiebzig Jahren ploͤtz— 
lich Spruͤnge wie ein junges Böcklein wagt, und wie die verliebte alte Jungfer vom 
aͤlteſten Jahrgang zuͤchtig gleich einem ſchamhaften Backfiſch erroͤtet uͤber den Gruß 
eines kecken Primaners, — wenn man ſich die immer neuen Komplikationen und 
Variationen dieſes Zuſtandes in ihrer ganzen koͤſtlichen Tollheit vergegenwaͤrtigt, 
dann muß man ohne weiteres zugeben, daß wenig Dinge auf der Welt ſo ſehr 
geeignet ſind, beim unbeteiligten Dritten vergnuͤgtes Lachen um die Mundwinkel zu 
bannen. Es iſt in der Tat die ewig blühende Weide für das Lachen; freilich nur 
fuͤr das harmloſe Lachen. Das Gebaren der Verliebten iſt aber darum auch nur ein 
Motiv fuͤr die höhere Komik als Selbſtzweck, keins fuͤr die Satire. Daruͤber wird man 
ſich ſofort klar, ſowie man das Weſen der Satire analyſiert. Die Satire iſt der 
Ausfluß der reflektierenden Vernunft, und daher in erſter Linie Polemik, ſie will wo— 
moͤglich eine prinzipielle Anderung eines Zuſtandes herbeifuͤhren; dieſe Aufgabe ver— 
mag ſie beim Gebaren der Verliebten aber nur im beſcheidenſten Maße zu erfuͤllen. 


95 


INN 


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Her cuir. 2 Paar in R, er schoner ſepas. lat, e. dey Dir 
Und el, schau ın der Tlaire Lu: och eung Cle ben iir Quatter: 


83. Deutſche Karikatur. Um 1810 


Und zwar aus dieſem Grunde: Das uͤberſchwaͤngliche Gebaren der Verliebten — die Echt— 
heit der Gefuͤhle vorausgeſetzt — iſt an ſich etwas Natuͤrliches, etwas Unabaͤnderliches, 
etwas Geſundes, ja geradezu eine Tugend. Die Tendenz der Liebe iſt es, die hoͤchſten 
Hoͤhen des Empfindungslebens zu erklimmen. Daraus folgt fuͤr ihre aͤußerlichen 
Offenbarungsformen, durch die ſie dem geliebten Gegenſtande dieſe beſondere Hoͤhe 
der Empfindung ausdruͤcken will, von ſelbſt das Groteske. Aber gegen dieſes Groteske 
ſatiriſch zu polemiſieren, das wäre beinahe ſo ſinnlos, wie ein Proteſt gegen das 
Rollen des Donners, wenn es blitzt. Wohl aber kann der unbeteiligte Dritte uͤber 
das Gebaren der Verliebten als etwas fuͤr ihn Komiſches lachen. Der Eindruck des 
Komiſchen ergibt ſich bei den Verliebten aus der Kontraſtwirkung zwiſchen dem 
uͤberſchwang des Gebarens der Verliebten und der Nuͤchternheit, mit der ſich die 
Wirklichkeit dabei fuͤr den nichtbeteiligten Dritten abſpiegelt. Die Satire vermag alſo 
gegenüber den Verliebten nur dann mitzufprechen, wenn natürliche Geſetze verletzt 
ſind. Natuͤrliche Geſetze ſind verletzt, wenn ſich das uͤberreife Alter in der Art der 
Jugend gebaͤrdet, und vor allem dann, wenn ſich erkennen laͤßt, daß das Liebes— 
gebaren nur Fiktion iſt. 

Dieſer Umſtand, daß das Gebaren der Verliebten hauptſächlich ein Gegen— 
ſtand der höheren Komik als Selbſtzweck und nur in ganz beſcheidenem Maße einer 
der Satire iſt, gibt uns den Schluͤſſel dafuͤr, daß man in fruͤheren Zeiten den Ver— 
liebten verhaͤltnismaͤßig ſelten in karikierenden Darſtellungen begegnet, und daß ſie erſt 


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Ein Pariſer Tee. Der gute Q 


Franzoͤſiſche gefellfd 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Infang des 19. Jahrhunderts 


ratur. Um 1805 


Albert Langen, Muͤnchen 


in der juͤngern Vergangenheit ein beliebtes Motiv geworden find. Die höhere Komik 
erfordert eine reiche Gliederung, ein volles Beherrſchen des Pſychiſchen und infolge— 
deſſen auch eine hohe Entwicklung der techniſchen Mittel; und dahin iſt man erſt 
ſehr ſpaͤt gelangt, vielfach erſt im 18. Jahrhundert. Die komiſchen Wirkungen, die 
mit Hilfe der ſymboliſchen Mittel früherer Jahrhunderte zu erreichen waren, find 
uͤberaus duͤrftig; in realiſtiſchen Darſtellungen war man ausſchließlich in die 
engſten Grenzen der Situationskomik gebannt. Damit war aber der exaltierte Über— 
ſchwang des Verliebtſeins nicht darzuſtellen. Die Entwicklung der Groteske als 
zeichneriſches Mittel brachte die hoͤhere Komik im Bilde mit ſich, denn durch ſie ver— 
mochte man das Geiſtige und Seeliſche in der Geſamtphyſiognomie draſtiſch darzu— 
ſtellen. Als man dieſe Hoͤhe erreicht hatte, das iſt am Ausgang des 17. Jahrhunderts, 
wurden auch ſofort die Verliebten ein Motiv des komiſchen Witzes. 

Als das 19. Jahrhundert in den vierziger Jahren uͤberall die Witzblaͤtter ſchuf 
und die tendenzloſe Komik vom erſten Tag an ein Hauptbeſtandteil der geiſtigen 
Nahrung wurde, die das Volk aus dieſen Journalen begehrte, da entſtand auch als— 
bald das Beduͤrfnis, die wichtigſten Erſcheinungen des taͤglichen Lebens in komiſcher 
Praͤgung feſtzuhalten. Die Verliebten in ihren verſchiedenen Typen, als da ſind: 
Der verliebte Backfiſch, die gluͤcklich und die ungluͤcklich Liebende, die Eiferſuͤchtige, 
die gluͤckliche Braut uſw., gaben naturgemaͤß ſofort die dankbarſten Anregungen, und 


Les Cosaques en Bonne fortune 


84. A. Gaudiſſart. Franzoͤſiſche Karikatur. 1815 


97 


Im zweiten Monat 


85. L. Boilly. Franzoͤſiſche Karikatur. Um 1825 


ſie ſind auch bis heute das nie veraltende Repertoireſtuͤck der Witzblattpreſſe aller 
Laͤnder geblieben, ſoweit ſie der harmloſen Unterhaltung dient. Das hat natuͤr— 
lich nicht verhindert, daß die größten Meiſter der Komik, die Daumier, Kaſpar Braun, 
Buſch, Oberlaͤnder uſw., in der komiſchen Schilderung von der Liebe Luſt und Leid 
ebenfalls Koͤſtlichſtes geſchaffen haben; das beweiſt der Reichtum an ſolchen Stuͤcken, 
den jeder Jahrgang des Londoner Punch, des Pariſer Charivari, der Muͤnchener 
Fliegenden Blätter ſeit mehr als fünfzig Jahren enthält. Um vom Köſtlichſten nur 
ein Blatt beſonders hervorzuheben, ſei hier auf Oberlaͤnders „Gockel als Gaͤnſe— 
bluͤmchen“ (Bild 35) verwieſen. Das iſt wirklich die koͤſtlichſte Spitze des Grotesk— 
humors! Erwaͤhnt mag noch werden, daß von den modernen Schilderern des geſellſchaft— 
lichen Lebens ebenfalls die meiſten das Stadium des Verliebtſeins illuſtriert haben, 
ſo vor allem der kokette Amerikaner Charles Deana Gibſon, der durch die Schaffung 
des Typs der arroganten amerikaniſchen Millardeuſe mit Recht beruͤhmt geworden 
iſt. Dieſen Typ zeigt ſchon eine Bildprobe der Einleitung: „Ob fie ein Herz hat?“ 
Der Liebesgott horcht vergeblich, er kann abſolut nichts hoͤren .. . . (Bild 38). Nein, 


ſie hat fuͤrwahr kein Herz, aber ſie hat hundert Millionen, und unter ſolchen Um— 


98 


86. L. Boilly. Franzoͤſiſche Karikatur Um 1825 


ftänden bedarf man dieſes Muskels wahrlich nicht. Solchen Irrtuͤmern unterliegt 
man hoͤchſtens als Backfiſch, da waͤhnt man zu gewiſſen Zeiten, ſchwer krank zu ſein, 
ſo ſchwer, daß ſich der alte Hausarzt vergeblich den Kopf uͤber das Weſen des 
Leidens zerbricht. Es fehlt ihr eben alles und doch nichts: ein ſtiller Courmacher hat 
geſtern und vorgeſtern außer ihr auch noch eine ihrer Freundinnen auffallend hoͤflich 
gegruͤßt (Bild 117). 


Der Kampf um die Hoſen. Iſt das Verliebtſein als individuelles Erlebnis 
ein verhaͤltnismaͤßig mageres Gebiet fuͤr die Satire, ſo iſt „die Liebe mit dem End— 
ziel im Auge“, die Liebe mit dem löblichen Ehezweck, das Unter-die-Haube-kommen, 
die Strategik des „Kriegens“, kurzweg „der Kampf um die Hoſen“ in allen Jahr— 
hunderten der unerſchoͤpfliche Stoff fuͤr die ſatiriſche Karikatur geweſen. Man be— 
gegnet dieſem Motiv bereits in den fruͤheſten ſatiriſchen Einblattdrucken, und es hat 


bis auf den heutigen Tag niemals auch nur das geringſte an Intereſſe eingebuͤßt. 
13 * 


99 


Selten tritt aber auch irgendwo der Widerſpruch zwifchen Lehre und Wirklichkeit fo 
kraß zutage wie hier, ſelten ſtoßen Moral und Unmoral ſo deutlich aufeinander, und 
ſelten wird die triumphierende Unmoral fo keck zur Moral umgelogen, wie gerade 
hier. Und — was freilich das Allerwichtigſte iſt — keine Sache iſt ſo ſchwer— 
wiegend in ihren Folgen. Ja, wenn das Verlieben und Geliebtwerden ausreichen 
wuͤrde, um zum Ziele zu kommen! Dann waͤre die Sache nicht ſchwierig. Faſt 
alle Frauen werden einmal in ihrem Leben ernſtlich geliebt. Aber wir leben in 
einem kapitaliſtiſchen Zeitalter, das die Konkurrenzfähigkeit als oberſtes Geſetz auf— 
geſtellt hat und jeden Verſtoß gegen dieſes Geſetz mit der Strafe des Unter— 
ganges belegt. In einer ſolchen Geſellſchaft iſt es naturnotwendig, daß der Chef— 
redakteur aller Gefuͤhle das materielle Intereſſe iſt, und daß die korrigierende 
Vernunft jedem und jeder taͤglich ins Ohr tuſchelt: Von Gefuͤhlen allein wird man 
nicht ſatt, mit Gefuͤhlen kann man keine Kinder großziehen, mit Gefuͤhlen kann man 
kein Geſchaͤft gruͤnden uſw. Da aber weiter die Zahl der Beſitzloſen immer die 
Mehrheit jedes Volkes dargeſtellt hat, und da der Kapitalismus die Tendenz hat, 
deren Zahl ſtetig zu vergroͤßern und gleichzeitig den Lebensunterhalt immer ſchwie— 
riger zu geſtalten, ſo iſt der Kampf der vermoͤgensloſen Frau, unter die Haube zu 
kommen, in gleicher Weiſe zu einem erbitterten Konkurrenzkampf geworden, den 
zu führen immer nur wenigen Gluͤcklichen erſpart blieb. . . . 

Es iſt fuͤrwahr eine harte, eine ſchwere, eine anſtrengende Arbeit, unter die 
Haube zu kommen; kein Wunder, daß im heißen Bemuͤhen darum die Mutter ſich 
meiſtens mit der Tochter eint. Schon lange vorher erwaͤgt die Mutter die Chancen und 
bereitet den Kampf vor: Ihre Tochter habe alle moͤglichen Vorzuͤge, ſie ſei wie dazu 
geſchaffen, einmal einen Mann gluͤcklich zu machen. Dies Geruͤcht wird mit Eifer und 
Beharrlichkeit in Kurs gebracht. Jede Baſe erfaͤhrt es, jede Nachbarin, bei jeder 
Kaffeeviſite, in jeder Geſellſchaft wird es mit der groͤßten Wichtigkeit erzaͤhlt und 
begruͤndet; die Tochter ſoll ein wahrer Ausbund aller Tugenden ſein. Kaum iſt das 
Maͤdchen halbwegs fluͤgge, ſo beginnt auch ſchon der aktive Kampf, und Mutter und 
Tochter denken hinfort an gar nichts anderes mehr. Zwar ſind ihre Formen noch 
etwas eckig und flach, „aber das macht ſich ſchon“. Die Hauptſache iſt, keinen Tag 
zu verſaͤumen. „Junge Huͤhner finden am raſcheſten einen Kaͤufer.“ Hat ſie aber 
„Figur“, dann fragt ſich jede Mutter: Warum ſoll meine Tochter nicht ſchon mit 


ſiebzehn heiraten koͤnnen? „Jung gefreit, hat noch niemand gereut.“ Von nun ab 
wird jeder Mann nur daraufhin angeſchaut, „ob er eine Partie ſei“. Jeder Mann, 
zu dem man in Beziehung tritt, und waͤre es die alleroberflaͤchlichſte — „man 
kann nie wiſſen“ —, iſt ein Spekulationsobjekt und wird auf die Frage gepruͤft und 
ſondiert: koͤnnte er geneigt ſein? bietet eine Ehe mit ihm die Chancen, die im be— 
treffenden Fall erwartet werden? Bei jedem Mann, der ihr in den Weg tritt, 
wird inſtinktiv zuerſt auf ſeine Hand geſchaut: ob er einen Ehering traͤgt? Wie 


100 


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intereſſant wird die gewoͤhnlichſte 

Erſcheinung, wenn ſie dieſer glatte 

Reif noch nicht ziert! Die erſte 

und wichtigſte Aufgabe, vor die 

ſich jede Mutter einer heiratsfaͤhigen 

Tochter geſtellt ſieht, iſt: ihr 

Gelegenheiten zu Herrenbekannt— 

ſchaften zu machen. Man muß 

ihr doch Gelegenheit geben, einen 

zu „finden“! Hinterm Ofen findet 

fie keiner, da find ſchon die Schön: 

ſten vertrocknet; aber auf dem 

Markt finden mitunter die magerſten 

lber einen Liebhaber, Die 

%%% N ee zum „Finden“ be 

ginnen mit der Tanzſtunde. Wie— 

88. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur auf die viel Tanzſtundsbekanntſchaften 

Ben haben fchon zu Heiraten geführt! 

Aber die Tanzſtunde ift nur die 

erſte Gelegenheit, und nur eine; die unermuͤdliche Mutter ſchafft noch dutzendweiſe 

andere: Man fuͤhrt die Tochter in Geſellſchaften und auf Baͤlle; erlauben es die 

Mittel, ſo reiſt man, beſucht Baͤder, treibt Sport und intereſſiert ſich fuͤr alles 
moͤgliche, fuͤr Kunſt, Theater, Litteratur, Wohltaͤtigkeitsveranſtaltungen uſw. uſw. 

Und die Tochter geht ſelbſtverſtaͤndlich willig auf das alles ein, ſie folgt den 

Lehren und Anweiſungen ihrer Mutter mit Eifer. Auch ſie fragt ſich bei jedem 

Manne, den fie kennen lernt, „ob er eine Partie ſei“. Ein ſtaͤrkerer Haͤndedruck, ein 

aufmerkſamerer Blick, den ihr ein Mann zuwirft — und ſie fragt ſich: „Moͤchteſt du 

den?“ „Koͤnnteſt du den gern haben?“ Ach nein, die Möglichkeit braucht nicht einmal 

ſchon von ferne zu daͤmmern, um dieſe geheime Frage in ihrem Geiſte entſtehen zu 

laſſen, jeden Bekannten laͤßt ſie in dieſer Weiſe vor ſich Revue paſſieren. Aber ſie weiß 

gleichzeitig auch vom erſten Tag an, daß einem „das große Los“ nur ſelten ſo ohne 

weiteres zugeflogen kommt, ſo daß man es nur feſtzuhalten braucht. Sie weiß: „das 

Gluͤck“ will gekoͤdert ſein, man muß ihm den Finger bieten, man muß keck nach ihm 

haſchen; darum verharrt ſie nicht paſſiv abwartend, ſondern wirbt aktiv, ſie wirbt 

mit allem, was ihr Natur und ein guͤnſtiges Los als Einſatz verliehen haben. Und alle 

ihre Einſaͤtze wirft ſie in die Wagſchale: Jugend, Temperament, Schönheit, Geſtalt, 

Bildung, Manieren, Erziehung. Damit ſtellt ſie ſich zur Wahl, nicht dem einen, 

nein allen; denn ſie ſucht nicht einen beſtimmten Mann, ſondern den Mann. Darum 

mimt ſie auch vor aller Welt in breiter Offentlichkeit das alte und doch ewig neue 


Henry; MH onruer 


102 


Schauſpiel: „ich bin zu haben“. Und nicht einmal nur mimt ſie es, nein täglich und 
ſtuͤndlich; ihr ganzes Leben vom Tage ihrer Heiratsfaͤhigkeit an bis zum Tage ihrer 
Verlobung iſt eine einzige, ewige Wiederholung dieſes Stuͤckes. 

Aber, was ſo ſonnig und ſo gluͤckverheißend am Horizont des Lebens auf— 
getaucht iſt, das erſchließt ſich nur den allerwenigſten blitzgleich wie ein Tor, das 
von einem Zauberſtab beruͤhrt wird. „Es kann mir nicht fehlen,“ hat ſie ſich im Anfang 
ſiegesgewiß zugefluͤſtert. Aber die Jahre vergehen, keiner beißt an, kein Freier laͤßt 
ſich blicken, Enttaͤuſchung reiht ſich an Enttäuſchung, man hat vergeblich hundert 
Naͤchte durchtanzt, in hundert Geſellſchaften geflirtet, geſchaͤkert und geglaͤnzt, 
hundertmal vergeblich die Angel ausgeworfen. Aber man gibt darum den Kampf 


Sieht er ſo nicht niedlich aus? 
89. Vallou. Franzoͤſiſche Karikatur. 1830 


103 


nicht auf, und die Niederlagen ſpornen nur noch an; denn ſo lockend der Preis 
des Sieges erſcheint, ſo troſtlos iſt es, wenn der Erfolg ausbleibt: „Ein ver— 
pfufchtes Daſein“. Das treibt und ſtachelt und hetzt von Moͤglichkeit zu Moͤglichkeit, 
von Verſuch zu Verſuch; noch, ſagt man ſich, ſind nicht alle Mittel erſchoͤpft: es 
muß einer anbeißen! Wenn man ehedem im Übermut die beſte Gelegenheit verſcherzt 
hat — „man hat zu hoch hinaus wollen“ — jetzt verpaßt man nicht die geringſte 
Gelegenheit mehr, und die Frau Mama liegt raſtlos auf der Lauer. „Maͤdle! es 
reitet einer rauf, pudert euch! Gucket naus!“ — ſo rief eine fuͤrſorgliche Mutter 
in einem kleinen Staͤdtchen Wuͤrttembergs jedesmal ihren Toͤchtern zu, wenn ein 
Fremder durchs Stadttor hereinritt. Aber das iſt noch das Harmloſeſte, und die 
Not diktiert gar haͤufig noch eine andere Taktik. Wozu iſt man denn huͤbſch? 
„Von den Huͤbſchen bleiben nur die Dummen ſitzen,“ erklaͤrt nachhelfend ſo manche 
Mutter. „Ja, wenn man glaubt, man ſei ein Bluͤmlein Ruͤhrmichnichtan, dann 
freilich . . .“, ſo heißt es noch deutlicher ein andermal. Und die Tochter begreift. 
Ach, ſie begreift ja ſo gern: ſie weiß, was es gilt. Von nun an iſt man raffinierter, 
man wagt, man riskiert, man geht einen, zwei, drei Schritte weiter, als es die offizielle 
Moral erlaubt, d. h.: das Stuͤck wird von neuem geſpielt, von nun ab aber mit 
einer Nuance, durch die es fuͤr ſo manchen Mann kein Zuruͤck mehr gibt. Und die 
Mama? — ſie druͤckt verſtaͤndnisvoll beide Augen zu, wenn ſich ein unternehmender 
Courmacher bei der huͤbſchen Tochter galante Freiheiten erlaubt; denn ihr gluͤcklichſter 


RE) 


27 


* 
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90. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur 


104 


Lith Caboche Gregoie & € pass Saulnier,19 


Franzoͤſiſche Karikatur von Gavarni. 1836 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


SE Aloe est A ee, 2 Coprurıne. 


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92. J. Grandville. Franzoͤſiſche Karikatur auf die untreue Frau 


Tag waͤre doch der, an dem ſie Zeuge einer Szene werden koͤnnte, bei der ſie mit 
dem Ausdruck tiefſter Gekränktheit zu dem Betreffenden ſagen koͤnnte: „Wie konnten 
Sie unſer Vertrauen ſo mißbrauchen!“ Das iſt der Zynismus des Lebens, denn 
ſolche Szenen werden taͤglich zu Tauſenden arrangiert und mit raffinierteſter Regie— 
kunſt in Szene geſetzt, und das „in den beſten Familien“ ... 

Soviel Frauen es gibt, ſoviel Variationen dieſes Kampfes um die Hoſen gibt es. 
Er wird je nach Stand, Bildung und Temperament gekaͤmpft: bald mit Geiſt und 
Geſchick, bald draufgaͤngeriſch plump, bald raffiniert und verſchlagen, bald ernſt und 
pedantiſch; aber gefuͤhrt wird dieſer Kampf in jedem Lande und von den meiſten Frauen. 

Bei der Frau mit Geld iſt das Problem umgekehrt: da iſt aus dem Jaͤger 
das Wild geworden, das Wild, das jeder Mann heimzubringen hofft, auf das 
Dutzende pirſchen. „Reicher Leute Toͤchter und armer Leute Kaͤlber bekommen bald 
einen Mann.“ Sie iſt darum in der guͤnſtigen Lage, warten und waͤhlen zu koͤnnen; 
das drohende Geſpenſt des Sitzenbleibens mit ſeinen peinlichen Schatten ſteigt nur 
ſelten vor ihr auf. Freilich iſt ihr Los darum noch lange nicht ideal. Wohl iſt es 
ſchmeichelhaft fuͤr ſie, zu ſehen, wie ſie umworben wird, wie ihre Anbeter ſich ſtoßen und 
draͤngen, was fuͤr eine wichtige Perſon ſie iſt, wie ſie vor ihren Freundinnen bevorzugt 


wird, obgleich dieſe haͤufig huͤbſcher ſind und den Männern viel mehr Konzeſſionen 
14 


105 


„Combien je regrette 
Mon bras si dodu, 
Ma jambe bien faite 


Et. le temps perdu.“ 


92. Honoré Daumier. Franzoͤſiſche Karikatur auf die alte Jungfer 


machen; das weiß ſie ſehr wohl, und nur die Naivetaͤt, in der ſie gefliſſentlich 
erhalten wird, laͤßt ſie uͤberſehen, daß ſie weiter nichts iſt als eine Zahl in einem 
Rechenexempel. Dieſe Naivetaͤt haͤlt aber ſelten lange vor. Auch helfen Papa und 
Mama, die das Toͤchterlein vor einer Mesalliance zu huͤten trachten, zu der das 
Gefuͤhl ſie verleiten koͤnnte, dem Verſtaͤndnis fuͤrſorglich nach, und mehr als einmal 
bekommt ſie zu hoͤren: „Ach, der ſpekuliert nur auf dein Geld“ (Bild 128). Und die 
vorſichtige Tochter vorſichtiger Eltern wiederholt ſich ſehr bald dieſe Formel ſtereotyp 
gegenuͤber jedem Manne, der in ihren Kreis tritt, auch wenn einer gar nicht daran 
denkt, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Das iſt das ebenſo groteske Widerſpiel zu der 
mittelloſen Frau, die ſich bei jedem Manne fragt: „Waͤre das eine Partie fuͤr mich?“ 

In fruͤheren Jahrhunderten ſah man in dem zaͤhen Kampf um die Hoſen, den 
die heiratsfaͤhige Frau, durch die Macht der ſozialen Verhaͤltniſſe zu fuͤhren gezwungen 


106 


ift, ausschließlich ein Problem des finnlichen Verlangens der Frau nach den Genuͤſſen 
des Ehebettes und geißelte das dementſprechend als Mannstollheit: 

Wenn ein Wolf das Maul leckt So geluͤſtet den Wolf nach einem Lamme 

Und eine Jungfrau ſich ausſtreckt, Und der Jungfrau nach einem Manne. 

So ſagte man im 16. Jahrhundert. Alle Formen der Satire variieren das 
Thema der Mannstollheit in reichſter Weiſe: Sprichwort, Schwank, Volkslied, 
Karikatur. Auf alles kann man verzichten, nur auf einen Mann nicht, das lehren 
hundert Sprichwoͤrter. „Lieber ein Mann ohne Geld, als Geld ohne Mann.“ Und 
man folgerte ſehr vernuͤnftig weiter: „Wuͤrden alle Wuͤnſche erfuͤllt, ſo gaͤb' es keine 
Nonnen.“ In welch außerordentlichem Maße dieſer Stoff die Literatur befruchtet 
hat, das erweiſt vor allem das Volkslied. In den Volksliedern jedes Volkes beſitzen 
wir uͤber die ſogenannte Mannstollheit der heiratsluſtigen Maͤdchen eine Reihe von 
Stuͤcken, die geradezu als Perlen des Volksliedes zu bezeichnen ſind. Als deutſche 
Probe ſei aus dem Ambraſer Liederbuch nur eine der verſchiedenen Faſſungen von 
„Des Schwaben Toͤchterlein“ hervorgehoben: 


Es haͤtt' ein Schwab' ein Toͤchterlein, Rumpelſpiel und des nit viel, 

Krauſe, mauſe, Einen friſchen, freien Mut ich haben will. 
Es wollt' nicht laͤnger ein Maͤgdlein ſein, Der Lorentz, der Vincentz, 

Bei dem heiligen Dryfuß, Schuͤttel den Kittel, 

Gib mir Geld in Eſſigkrug, Das Hemd geht für, 

He, ho, be, Stirbt die Mutter, die Tochter wird mir, 
Fitz und Fetz, guter Netz, So tanz' ich mit Jungfrau Regina. 


93. Henri Monnier. Franzoͤſiſche Karikatur 
14 * 
4 
107 


Thestands- Barricade. 


dle pe, 


Du Stickstäuperos Cell, mer vonder Barricade,chmwill Praa seiruläg schweinorzmer wolle uff.der Stell a neu 
dich nıtmehr.als Hauslyrann, kreischt ihr Kinner; mer Verfassung mache, raum die Barricad avey, Gollverdamm: 
wählen uns .en andern Vauter- es lebe .die Ropublik, e mich manns Parlamentsu Sacheer fährt habe mer mor: 
lebe Hecker, fortmit.dir Volleulldie ruthe Kahn ıst uff- ‚ge.a Unnersuchungsdepulation H, Cut de nıt mit mer 
‚gesteckt mag dich nit bei mich sunst hası .de den zujfide, so ndmm der lieber stiltschwergensen Miltregent _ 
Krach. — 


94. Frankfurter Karikatur. 1848 


Sie wollt' doch haben einen Mann, Ach, Mutter, ich bin eben gerecht, 
Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe, 

Der ihr die Weil' vertreiben kann, Ich hab's verſucht mit unſerm Knecht, 
Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. 


Ach, Mutter, gib mir einen Mann, Haſt du's verſucht mit unſerm Knecht, 
Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe, 

Der mir die Weil' vertreiben kann, So biſt du Moͤnch und Pfaffen gerecht, 
Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. 


Ach, Tochter, du biſt viel zu klein, Wer iſt, der uns dies Liedlein ſang, 
Krauſe, mauſe, Krauſe, mauſe, 

Du ſchlaͤfſt wohl noch ein Jahr allein, Ein freier Schlemmer iſt er genannt, 
Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. Bei dem heiligen Dryfuß; uſw. 


Die großen literariſchen Satiriker haben ſich natuͤrlich alle mit dieſem Stoffe 
beſchaͤftigt: Rabelais, Fiſchart, Aretin, Moſcheroſch, Abraham a Santa Clara. 


108 


Freilich, bei keinem findet man ſolches Gold, wie es in den Volksliedern ausgemuͤnzt 
iſt. Der beruͤhmte Schimpfpater Santa Clara iſt von den Deutſchen am luſtigſten: 


„Ich muß dieſes Jahr noch einen Mann haben,“ ſagt manche, „es gehe wie es wolle: es 
ſchmeckt mir kein Suͤppl, wann i nit hab' den Lippl; der Paul kommt mir alleweil ins Maul; in 
den Frantz verſchau' ich mich gantz; ach! daß ich doch werd' begluͤckt mit dem lieben Benedict! 
dem Meiſter Berthold bin ich von Herzen hold, und gib dem Herrn Matthies alle Tag ein bona dies: 
Ach, ein Mann! ein Mann! ein Mann! Hat er gleich kein' guten Fetzen an.“ 

Das iſt nach Santa Clara das tägliche Wehgeſchrei jedes mannbaren Mädchens. 

Die gezeichnete Satire des 16. und 17. Jahrhunderts iſt gerade ſo primitiv in 
der Darſtellung dieſes Problems. Zweifellos die populaͤrſte und darum auch beliebteſte 
Symboliſierung der weiblichen 
Mannstollheit war die Darſtellung en 
in Form einer wirklichen Weiber: 
ſchlacht um ein Paar Hoſen (Bild 
48 und 62). Jeder Mann weiß, 
daß er von vielen Frauen begehrt 
iſt; und daß jede ihrer Mitſchweſter 
den Erfolg ſeiner Kaperung ſtreitig 
mache, das iſt der Sinn aller dieſer 
Blaͤtter. Dieſe ſatiriſche Form 
findet man in allen Laͤndern ange— 
wandt und uͤberall in Dutzenden 
von Variationen wiederholt. Es iſt 
die allgemeine Auffaſſung, jeder 
Mann beſtaͤtigt es aus eigener Er— 
fahrung: „So iſt es, das trifft den 
Nagel auf den Kopf!“ Und der 
Zeichner des „Kurioſen Weiber— 
Kriegs“ luͤgt daher ſicher nicht, wenn 
er ſeinem Bilde die Bemerkung bei— 
fuͤgt: „Auf Begehren guter Freunde 
herausgegeben“ (Bild 62). Eine 
andere Form der Symbolik zeigt 
das Blatt „Auf dem Maͤnnerfang“. 
Narren, die wie Gimpel ins Garn 


— „Ach Himmel, da kommt wieder einer!!“ 


gehen, ſind die Maͤnner; haben ſie — „Schau Minna, das weiß der liebe Herrgott, 

ſich durch die verſteckten Lockungen i bet' gewiß nit viel, aber'n Studenten, wann 
5 ae er fo in feiner Uniform daherſteigt, wie ein junger 

verführen laſſen, dann gibt's kein Gott, den bet' i an!“ 

Entrinnen mehr, und bald liegen 95. Fliegende Blätter. 1848 


109 


fie als geficherte Beute den Frauen zu Füßen (Bild 50). Unverbluͤmt deutlich iſt die 
Symbolik in dem Blatt mit der Unterſchrift: „Hop, hop doch auff, lieber Hoffmann, 
diß Roͤßlein will ein Reuter han“, das aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ſtammt. 
So unverbluͤmt in dieſem Blaͤttchen „das Weſen der Sache“ ausgeſprochen iſt, ſo 
wenig Grund iſt freilich vorhanden, an dieſer Deutlichkeit der ſatiriſchen Moral 
Anſtoß zu nehmen; denn es fehlt das raffiniert Verſteckte, das Laszive. Intereſſant 
iſt dieſes Blatt aber gerade wegen ſeiner Deutlichkeit; ſo deutlich druͤckte man ſich 
in jener Zeit in den vornehmſten Kreiſen aus. Dafuͤr iſt dieſes Blatt eine Be— 
ſtaͤtigung, weil es einem jener damals modifchen „Stammbuͤcher“ entnommen iſt, 
die wegen ihres hohen Preiſes nur von ſehr vermoͤgenden Leuten gekauft werden 
konnten (Bild 46). 

Das Laszive und raffiniert Verſteckte, das dem 16. und 17. Jahrhundert 
vollſtaͤndig fehlt, iſt dem 18. Jahrhundert natürlich die Hauptſache. Zwei voll— 
erbluͤhte Jungfrauen wandeln taͤglich ins Bad, eine andere huldigt ebenſo eifrig der 
Kliſtiermanie — der Geſundheit wegen. Die ſatiriſche Moral lautet fuͤr alle drei: 
vergebliche Muͤhe! Eure Glut, die ihr zu loͤſchen trachtet, vermag nur eines zu ſtillen: 
Mariez-vous! Die Mutter ſagt es der Tochter, ſie kennt deren Schmerzen aus eigener 
Erfahrung (Bild 66 und 73). Die pikante Darſtellungsmoͤglichkeit zweier ſinnlich 
erregter Jungfrauen im dekolletierten Badkoſtuͤm und die noch pikantere Situation 
einer huͤbſchen jungen Frau, die im naͤchſten Augenblick aufs intimſte entbloͤßt 
werden ſoll, das hat hier allein den ſatiriſchen Witz veranlaßt. Der Kuͤnſtler rechnete 

mit den wolluͤſtigen Vorſtellungen, die er 

Verlegenheit. beim Beſchauer ſeines Bildes erweckt; das 

iſt das Raffinierte und Spekulative der 
galanten ſatiriſchen Kunſt dieſer Epoche. 

Die moderne geſellſchaftliche Kari— 
katur hat endlich auch das ſoziale Motiv, 
das den Kampf der Frau um die Hoſen 
vor allem beherrſcht und beſtimmt, voll 
zur Geltung gebracht. Hogarth iſt der erſte, 
der die buͤrgerliche Ehe ſatiriſch dargeſtellt 
hat, und er iſt gerade durch dieſe Tat auf 
den Gipfel ſeines Ruhmes als Satiriker 
geſtiegen; ſeine Serie „Die Heirat nach 
der Mode“, die im Jahre 1745 erſchien, iſt 


SE HEHE 
2 


. 


„Gott im Himmel, was wird man ſagen, wenn man die beruͤhmteſte Karikaturenfolge, die es 
mich mit dieſem jungen Manne allein ſieht — wenn ich in der geſamten Geſchichte der Karikatur 


doch nur endlich die Mutter fände.“ f 5 e 
gibt. In dieſer beruͤhmten Serie iſt 


gleich das erſte Blatt eine Darſtellung des 


96. Stauber. Fliegende Blaͤtter 


1850. Beiblatt zur Wartburg. No. 4. 


Aus der vornehmen Welt. 


NTNNNENNN 


SU 


Baroneſſe: „Aber, was ift Dir denn, theure Gräfin? Haft Du denn eine Scene gehabt?“ — 


Gräfin: „Ab, ma chere Adele, denke Dir nur, was ich erleben muß! Heut vertraut mir Mama, daß mein Mann feit 
geſtern zur Oppoſition gehöre! — Mon dieu, mein Mann, ein Cavalier von ſo altem Adel und ſo reifen Jahren! Alle 
Salons werden ſich mir verſchließen! — 


Paroneffe: „Aber ich begreife Dich gar nicht! — Da haſt Du doch Ausſicht, Deinen ſehr ehrenwerthen, aber auch — mit 
Deiner gnädigen Erlaubniß ſei's geſagt, ſehr alten Chapeau los zu werden! Mon dieu, wie glücklich würde ich mich 
preifen, wenn mein geliebter alter Baron und Cheherr, der dort in effigie an der Wand hängt, auch nur die geringſte 
Neigung zur Linken, nur die geringſte Anlage zu einem Erzwühler zeigte! Schon feit einem Jahre table ich die Maaß⸗ 
regeln der Regierung sans gene, ich leſe ihm alle Oppoſitionsblätter vor, ich habe es ſogar dahingebracht, daß er bei 
dem letzten Ordensfeſt übergangen wurde — umſonſt, er bleibt wie ein Klotz bei der äußerſten Rechten und leider auch 
bei mir, der er gar nicht der rechte iſt! — Mon dieu, was wird der für ein Alter erreichen!! — 


97. Leipziger Karikatur. Titelſeite eines von Keil in der deutſchen Reaktionsperiode herausgegebenen 
demokratiſchen Witzblattes 


Eheſchachers. Die Tochter eines reichen Kaufmanns wird an den Sohn eines 
bankerotten Adeligen verhandelt; mit ihrem Gelde ſoll das verblaßte Adelswappen 
wieder neu vergoldet werden. Alſo die erſte ſatiriſche Note zu der Praxis, die 
damals anfing, zur Inſtitution zu werden, und die um ſo uͤppiger bluͤhte, je mehr das 
mobile Kapital wuchs, und je mehr das Junkertum in demſelben Verhaͤltnis wirt— 
ſchaftlich verarmte, weil es eine uͤberwundene Produktionsform verkoͤrperte. England, 
das den modernen Kapitalismus und die moderne buͤrgerliche Ehe zuerſt entwickelt hat, 
hat naturgemaͤß dieſe ſoziale Auffaſſung in der Satire zuerſt durchgebildet, bis ſie all— 
maͤhlich im 19. Jahrhundert uͤberall ſelbſtverſtaͤndliches Gemeingut wurde, ohne daß 
dadurch freilich die andere Auffaſſung gaͤnzlich aufgehoͤrt haͤtte, eine Rolle zu ſpielen. 

Die ſatiriſche Schilderung der Vernunftheirat, des Eheproblems als Rechen— 
exempel, iſt gleicherweiſe zu einem ergiebigen Stoff fuͤr die ernſte Satire und fuͤrs 


ELI 


N IHR: y ER NR N Familienwitzblatt geworden; denn fie 

in — geftattet, alle Regiſter zu ziehen: Humor, 
Sentimentalitaͤt, Ernſt, ſittliche Entruͤſtung 
und Zynismus. Als ſentimental kann es 
gelten, wie der intime Henri Monnier 


Un mariage de convenance darſtellt: Eine 
junge, kaum erbluͤhte Maͤdchenknoſpe wird 
von der kuppleriſchen Mutter einem dekre— 
piden Greis in die Arme gefuͤhrt (Bild 88). 
* RN Den derben Groteskhumor verkörpert der 
NN — 5 || Düffeldorfer Heinrich Ritter in dem 


„Portraͤt des jungen Mannes, der durch 
ſeines Schwiegervaters Vermittlung ein 
ſchoͤnes Stuͤck Brot erhielt, aber ein haͤß— 
i. liches Stuͤck Fleiſch mit in den Kauf 
e ee eee nehmen mußte“ (Bild 99). Ebenfalls koͤſt— 
98. John Leech. Punch, London lich kommt der Humor des Männerfanges 

zum Ausdruck in dem muͤtterlichen Rat: 

„Luiſe, mach dich intereſſant!“ Luiſe macht ſich intereſſant, waͤhrend die Mutter auf 
die Maͤnnergruppe, um deren willen das Schauſpiel gemimt wird, einen Blick wirft, 
der deutlicher als alle Worte die Frage aufwirft: „Waͤre das nicht eine vortreff— 
liche Partie fuͤr einen Mann, der eine intereſſante Frau ſucht?“ (Bild 103). Tiefer 
Ernſt waltet in dem wunderſamen Maͤrchenbilde „Der Handel“ von Wilhelm Schulz 
(Bild 147). Schulz iſt gegenwaͤrtig der einzige Maͤrchendichter der deutſchen Kunſt, 
und zwar ein Maͤrchendichter großen Stils: im Gewande ſeines Maͤrchens fluͤſtert 
nicht die Zeit von ehedem mit ihrem verklungenen Sinn, ſondern es wogt und tobt 
darin die ſtuͤrmiſche Gegenwart mit allen ihren Untiefen, die viel grauſiger ſind, als 
alle ſchaurigen Geſchichten der Sagenwelt. Als Kuͤnſtler zaͤhlt Schulz ebenfalls zu 
den groͤßten; wie winzig klein ſind neben ihm alle die Maͤrchenſchilderer von ehe— 
dem, die Ludwig Richter, Schwind uſw.; fie ſind kuͤnſtleriſch und gedanklich neben 
ihm genau ſo klein, wie die Zeit, in der ſie lebten, im Vergleich zu der unſerigen 


klein war. 

Die bevorzugte Form der Gegenwart iſt der Zynismus. „Man kann 
nicht anders als zyniſch ſein, wenn man den Dingen mit Ernſt auf den Grund 
gehen will,“ ſo lautet das ungeſchriebene Glaubensbekenntnis faſt aller großen 
Satiriker der Gegenwart, und zyniſch iſt daher die Mehrzahl der Blaͤtter, mit denen 
gegenwaͤrtig von den ernſt zu nehmenden Karikaturiſten aller Laͤnder „Das Rechen— 
exempel Ehe“ kommentiert wird. Der Zynismus gibt aber ſchließlich auch im Leben 
den einzigen Ausweg aus dem Dilemma, und es bedarf daher nur der ſicheren Hand, 


112 


Franzoͤſiſche Karikatur 


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aumier. 1840 


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Albert Langen, München 


ihn nachzufchreiben: „Ich habe die Wahl, ich kann eine Liebes- und eine Geldehe 
eingehen.“ — „Dann heirate aus Liebe, dem andern kannſt du während deiner Ehe 
das Geld immer noch abnehmen“ (Bild 136). Das iſt eine Nachſchrift der Wirk— 
lichkeit. Wer ſich entruͤſten will, entruͤſte ſich uͤber die Wirklichkeit, da ſie morgen 
vielleicht der andern das Umgekehrte diktiert: „Heirate den mit dem Geld, vom 
andern kannſt du dich waͤhrend deiner Ehe immer noch lieben laſſen.“ 


Die alte Jungfer. So raffiniert auch der Kampf um die Hoſen zu allen 
Zeiten von der Frau gefuͤhrt worden iſt, ſo hat ſich doch immer eine ſehr große 


Lith Inst vArnz & Cin Düsseld, 


Portrait des jungen Mannes der durch seines Schwiegervaters Vermittlung ein schönes 
Stück Brod erhielt aber ein hässliches Stück Fleisch.mit in den Kauf nehmen mufste. 


Die Vernunftheirat 
99. Heinrich Ritter. Duͤſſeldorfer Monatshefte. 1851 


113 


Zahl von Frauen vergeblich 
gemüht, das begehrte Ziel 
zu erreichen. Das bedingt 
ſchon von vornherein das 
Zahlenverhaͤltnis der beiden 
Geſchlechter zueinander. 
Wohl iſt dieſes Verhaͤltnis 
im Anfang und unter nor— 
malen Verhaͤltniſſen ziem— 
lich gleich, aber dieſes Ver— 
haͤltnis verſchiebt ſich in 
der entſcheidenden Zeit, 
wenn beide Geſchlechter 
heiratsfaͤhig werden, ſehr 
zu Ungunſten der Frau. 
Auf hundert Maͤnner im 
Alter "son ihren 
fommen bereits 105 Frauen 
in demfelben Alter. In 
anderen, poſitiven Zahlen 
100. Gavarni. Franzoͤſiſche Karikatur ausgedruͤckt, heißt das fuͤr 
Deutſchland allein, daß es 
um eine Million mehr heiratsfaͤhige Frauen als Maͤnner gibt. Fuͤr dieſe Million 
uͤberſchuͤſſiger Frauen iſt es alſo unter allen Umſtaͤnden unmoͤglich, den ſogenannten 
Naturberuf zu erfuͤllen, d. h. zu heiraten. Die groͤßere Sterblichkeit der Maͤnner iſt 
das Reſultat der groͤßeren Gefaͤhrlichkeit der Maͤnnerberufe, des groͤßeren Ver— 
brauchs an Maͤnnern, als dem im Erwerbsleben ſtaͤrker in Anſpruch genommenen Teil. 
Aber damit iſt es mit den unuͤberſteiglichen Hinderniſſen im Kampfe um die Hoſen 
noch lange nicht zu Ende. Verurteilt unſer modernes, kapitaliſtiſches Erwerbsleben 
ſehr viele Maͤnner zu einem fruͤhen Tode, ſo verurteilt es mindeſtens ebenſo viele 
dadurch zur Eheloſigkeit, daß ſie niemals jene Hoͤhe des Einkommens zu erreichen 
vermoͤgen, die unbedingt zum Unterhalt einer Familie notwendig iſt. Jene aber, die 
dieſe Hoͤhe erreichen, gelangen in immer ſpaͤteren Jahren dazu, ſo daß die deutliche 
Folge davon iſt, daß die Zeit der Eheſchließung in ſehr vielen Kreiſen vom Manne 
immer weiter hinausgeſchoben wird. 
Alle dieſe Faktoren zuſammen ſchaffen das Altjungfernproblem, d. h. ſie 
formieren und vermehren beſtaͤndig jenes ungeheure Heer alternder, von den meiſten 
Lebensgenuͤſſen ausgeſchloſſener Maͤdchen. Eine alte Jungfer zu werden galt fruͤher 
als ein rein perſoͤnliches Schickſal, als etwas Unabaͤnderliches, weil ſich eben mit 


Paul! Sie werden mich doch nicht fuͤr eine leichte Perſon halten! 


114 


dem Schickſal nicht diskutieren läßt, und weiter galt es als eine perſoͤnliche Schuld: 
Jedes ordentliche Maͤdchen finde einen Mann, ſo entſchied die Kurzſichtigkeit von 
ehedem kategoriſch. Da wir heute die perſoͤnliche Schuld darin erkennen, daß 
ſie in den weitaus meiſten Faͤllen in der Vermoͤgensloſigkeit beſteht, und weiter, daß 
es nicht die Schlechtigkeit der Maͤnner iſt, die viele von ihnen in der Eheloſigkeit 
mehr Vorteile finden laͤßt und ſie darum von der Eheſchließung zuruͤckhaͤlt, ſo iſt die 
„Altjungfernfrage“ zu einem Beſtandteil der großen ſozialen Frage geworden. Sie 
iſt in der Tat ein uͤberaus wichtiger Beſtandteil der ſozialen Frage. 

Das Problem der alten Jungfer iſt als Ganzes unbedingt tragiſch, und es iſt auch 
als Einzelſchickſal in den meiſten Fällen tragiſch. Jede alte Jungfer zählt zum Heere 


„Aber das iſt doch mehr als ſeltſam ... Heute morgen habe ich in der Eile einen Knoten gemacht, und 
jetzt iſt's eine Schleife!“ 
oT. Gavarni. Franzoͤſiſche Karikatur auf die untreue Frau 
155 
115 


derer, denen vom Leben zu allen Genuͤſſen des Daſeins nur die Gartenzaunbillette 
bewilligt worden ſind; ſie kann immer nur von fern zuſehen, wie die anderen ſich 
freuen und genießen. Des Lebens oberſter Genuß: die ſinnliche Liebe und ihre 
Freuden ſind ihr kategoriſch vorenthalten. Der Moralkodex, der den Geſchlechtsver— 
kehr ausſchließlich in der Ehe geftattet, fordert ganz logiſch vom ledigen Maͤdchen, 
auch wenn es laͤngſt keine Ausſicht mehr auf eine Ehe hat, die ſtrenge Bewahrung 
der jungfraͤulichen Keuſchheit. Und die meiſten erfuͤllen dieſe barbariſche Forde— 
rung auch, viele aus Furcht vor den moͤglichen Folgen der uͤberſchreitung, viele 
aber auch aus einem rechneriſchen Grunde: Die Jungfraͤulichkeit iſt gemaͤß ihrer 
Bedeutung fuͤr die buͤrgerliche Ehe ein Kapital, das den Wert der Frau in der 
buͤrgerlichen Geſellſchaft in den meiſten Zeiten bedeutend erhoͤht. Der bloße Beſitz 
dieſes Kapitals oder ſeine Preisgabe hat aber ſchon vielen noch in vorgeruͤckten 
Jahren die Pforten zu einer Ehe erſchloſſen; und der Menſch hofft, ſolange er atmet. 
Da nun aber von der ſinnlichen Liebe 

Die Beterinnen. und ihrer normalen Ausloͤſung fuͤr ſehr 

viele Naturen das Gleichgewicht des 
Lebens abhaͤngt, ſo bedeutet der erzwungene 
Verzicht auf den Geſchlechtsgenuß noch 
etwas beſonders Tragiſches: die alte 
Jungfer traͤgt ihr Schickſal an der Stirn 
geſchrieben, ſie geht meiſtens als eine 
vom Schickſal Gezeichnete durchs Leben. 
Viele Autoren leiten von der erzwungenen 
geſchechtlichen Enthaltſamkeit fuͤr die Frau 
die ſchwerſten Folgen koͤrperlicher und 
geiſtiger Zerruͤttung her. Die furchtbaren 
Schilderungen, die zum Beweiſe fuͤr dieſe 
Behauptungen entworfen worden ſind, 
moͤgen nun zwar ſtark uͤbertrieben ſein, 


aber darum bleibt es doch als unwiderleg— 
liche Tatſache beſtehen, daß das alternde 
Maͤdchen phyſiſch in den weitaus meiſten 
Faͤllen die Zweckverfehlung erkennen laͤßt. 
Ihre Formen ſind welk und erhalten nie 


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„Du haft keinen Mann gekriegt, ich hab keinen Mann 
gekriegt, wir Alle haben keinen gekriegt, jetzt ſollen die An— 


dern aber auch fein’ kriegen; wir wollen deßhalb einen Ver— i 5 
ein machen gegen alle Anfechtungen während der Carnevals— he rateten Frau. Und wahrlich 4 das 


zeit und beten, bis wir ſchwarz werden. Ich bin klein und genuͤgt für fich allein ſchon, das Los der 
watſchel herum und bettele das Geld dazu zuſammen — und a i 
Du biſt groß, Du papp'ſt die Zettel an!“ Betroffenen tragiſch zu geſtalten. Aber 


die natuͤrliche Reife der geſunden ver— 


102. Steub. Fliegende Blätter auch die Spuren, die die mannigfachen 


116 


Mütterlicher Rath. 


„Louiſe, mach' Dich intereſſant!“ 
103. Fliegende Blätter 


Enttaͤuſchungen, das vergebliche Hoffen und Harren, das krampfhafte Anklammern 
an die geringſte Hoffnung in der geiſtigen Phyſiognomie hinterlaſſen, die auffaͤllig 
leichte Gereiztheit, der ſtereotype Ausdruck des Mißmutes und der Mißgunſt uſw. find 
nicht gering zu achten. 

Aus der letzten Tatſache, aus der geiſtigen Phyſiognomie der alten Jungfer, 
reſultiert aber die tragiſchſte Note ihres Geſchickes — ihre komiſche Wirkung. Die 
alte Jungfer iſt die lebende Karikatur. Im Benehmen der alten Jungfer erlebt der 
Kampf um die Hoſen ſeine hoͤchſte Steigerung, und darum foͤrdert er die groͤßte Fuͤlle 
von komiſchen Motiven zutage. Die Jugend iſt begehrter, denn die eben erbluͤhende 
Jungfrau bietet dem Manne die meiſten Reize; darum wehrt ſich das alternde 
Maͤdchen mit allen Mitteln dagegen, alt zu erſcheinen, ſie poſiert mit Gewalt und 
Beharrlichkeit das Jugendliche in Kleidung und Benehmen: die alte Jungfer kleidet 
ſich mit Vorliebe recht jugendlich, mit dreißig noch wie ein Backfiſch von ſiebzehn, ſie 
legt eine uͤbertriebene Munterkeit an den Tag, ſie lacht gerne ſchelmiſch, wie junge 
Maͤdchen pflegen, ſie huͤpft und ſpringt wie ein Fohlen; und vor allem ziert ſie ſich 
wie eine naive Kleine, die noch an das Maͤrchen vom Klapperſtorch glaubt, ſie er— 
roͤtet gefliſſentlich bei jedem zweideutigen Wort uſw. uſw. Aus der Reflexion, zu 
der der ſtarke Gegenſatz zur Wirklichkeit jeden Zeugen dieſes Gebarens immer und 


117 


immer verleitet, entſteht unvermeidlich eine komiſche Wirkung. Und dieſer Umftand 
eben, daß ſie immer und immer komiſch wirkt, nur komiſch wirkt, iſt die beſondere 
Tragik im Loſe des alternden Maͤdchens. Es gibt fuͤrwahr keine groͤßere Tragik als 
die, wenn über das Tragiſche nur gelacht wird ... 

Die alte Jungfer ſpielt von jeher eine bemerkenswerte Rolle in der Satire, 
in der geſchriebenen wie in der gezeichneten. Da man ſich aber uͤber den ſozialen 
Charakter dieſes Problems niemals klar war und das Altjungferwerden in den 
weitaus meiſten Faͤllen als perſoͤnliche Schuld anſah, ſo hat man das Tragiſche in 
der Erſcheinung der alten Jungfer faſt ganz uͤberſehen, und ſie hat ſich dafuͤr um 
ſo ſtaͤrker zu einem Motiv des erbarmungsloſen Spottes und Hohnes entwickelt. 
Das krampfhafte Suchen und Werben um den Erfolg, das fieberhafte Anklammern 
an die kleinſte Moͤglichkeit — ich laſſe dich nicht, du erhoͤreſt mich denn! — hat der 
ſatiriſche Witz zur groteskeſten Form der weiblichen Mannstollheit geſtempelt. Ein 
intereſſantes Beiſpiel dafuͤr iſt das folgende „Gebet der alten Jungfer“ an den 
heiligen Andreas, den Schutzheiligen der alten Jungfern, das aus einem Frauenzimmer— 
taſchenkalender vom Jahre 1731 ſtammt: 


Andreas, du geprieſner Mann, Arm, haͤßlich und ein Kruͤppel ſein; 
Ich bitte, was ich bitten kann, Er habe gar kein Bein nicht mehr, 
Verleih mir doch in kurzer Friſt, Er ſehe nicht, er hoͤre ſchwer, 
Warum du oft gebeten biſt. Ach ja, er ſei auch noch ſo ſchlecht, 
Errette mich aus meiner Not So iſt er doch für mich ſchon recht. 
Und nimm mir lieber Bier und Brot; Faͤllt dir nun bald ein Freier fuͤr, 
Hingegen gib mir einen Mann, So ſchieb ihn doch zuerſt zu mir. 
Den ich zu was gebrauchen kann; Zu dir ſteht meine Zuverſicht, 

Er mag nun kurz, dick oder klein, Vergiß es ja beileibe nicht. 


Das iſt nur Spott und Hohn. Dagegen leuchtet in einem anderen „Lied einer 
alten Jungfer“, das ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert ſtammt, doch etwas von 
Tragik heraus, wenn auch dieſes Lied zweifellos in erſter Linie zum Zwecke der Ver— 
ſpottung gemacht worden iſt: 


Schon viele Jahre quaͤl' ich mich im ſtillen Und ihre Luſt auf Roſenlippen kuͤhlen: 
Um einen Mann! Bin ich allein. 
Wann wird Andreas mein Gebet erfüllen 


. Mit Flor und Baͤndern ſchmuͤck' ich mein Geſichte, 


Mit fremder Zier, 

Wie lange ſoll ich armes Kind noch weinen, Und dennoch nennt mich Daphnis bei dem Lichte: 
Verſchmaͤht, verlacht? Ein altes Tier. 

Wann wird der langgeſehnte Tag erſcheinen 


Und ſeine Nacht? Welch eine Glut durchwuͤhlt mein armes Herze 


Und zehrt es ab, 
Wenn Juͤnglinge mit andern Mädchen ſpielen Ich diene nur den Juͤnglingen zum Scherze 
Im Fruͤhlingshain Bis in mein Grab. 


118 


In der gezeichneten Satire kommt der mitleidlofe Spott noch wefentlich 
unverhuͤllter zum Ausdruck, das belegen faſt alle Karikaturen auf alte Jungfern 
aus den früheren Zeiten. Gute, charakteriſtiſche Stuͤcke von dieſer Art find das 
engliſche Blatt „The Assembly of Old Maids“ aus der erſten Haͤlfte des 18. Jahr— 
hunderts (Bild 72) und das deutſche Blatt „Die Beterinen“ aus dem zweiten Drittel 
des 19. Jahrhunderts (Bild 102). Natuͤrlich waͤre es ganz falſch, aus der Einſeitig— 
keit in der ſatiriſchen Tendenz eine Minderwertigkeit der betreffenden Karikaturen 
ableiten zu wollen. Gerade die beiden hier reproduzierten Stuͤcke ſind ganz aus— 
gezeichnete Karikaturen und kennzeichnen das Weſen der alten Jungfern nach ver— 
ſchiedenen Richtungen in verbluͤffend ſchlagender Weiſe. Im grotesken Spiegel der 


Madame und Monſieur Denis. Vergebliche Kiebesmübe 


104. Galante franzoͤſiſche Kariktur 


119 


Zeichnung und des Witzes prägt fich hier 

aus: die kleinliche Noͤrgelſucht der uͤber⸗ 

gangenen, die Gehäffigfeit der Beiſeite— 

geſchobenen, die Mißgunſt der Enterbten. 

Nur darin beſteht die Ungerechtigkeit oder 

richtiger Kurzſichtigkeit fruͤherer Zeiten, 

daß ſie das Tragiſche dieſes Motivs uͤber— 

haupt niemals zum Gegenſtand einer 

Karikatur gewaͤhlt haben, daß die alte 

Jungfer ausſchließlich Spottobjekt geweſen 

iſt. Im 19. Jahrhundert erklang die 

tragiſche Note zum erſtenmal. Humor 

und Tragik in feinſter Meiſterſchaft mit— 

an de e ee einander verwoben hat Daumier in dem 
— Aber Mama ſagte doch, wenn wir nicht ſitzen bleiben Blatt „Entſchwundene Zeiten“ (Bild 92); 
17 wir den Maͤnnern lohnende Ausſichten die Koöettertt der allen Jungfer, die 
105. Klie. Sſterreichiſche Karikatur den Jahren, wo man laͤngſt die allerletzte 

der Hoffnungen begraben hat, ſich ſtolz— 

wehmuͤtig ihre Reize von ehedem vorerzaͤhlt. Nur die bittere Tragik allein hat Her— 
mann Paul in dem Blatt „Die alte Jungfer“ gezeichnet (Bild 131); hier iſt mit 


ſchaͤrfſtem Auge und mit ſicherſter Hand das Weſen erfaßt: Die Zweckverfehlung. 


Die Witwe. Der buͤrgerliche Moralkodex, der vom ledigen Maͤdchen ab— 
ſolute Keuſchheit fordert, ſtellt an die Witwe für die Zeit ihrer Witwenſchaft ganz 
dieſelbe Forderung mit derſelben Unerbittlichkeit. So wenig ſie ſich gegenuͤber dem 
ledigen Maͤdchen von der Tatſache beirren laͤßt, daß der Verzicht auf Geſchlechts— 
verkehr in vielen Faͤllen geiſtige und phyſiſche Degeneration im Gefolge hat, ſo wenig 
kennt ſie angeſichts der ebenſo zweifellos feſtſtehenden Tatſache, daß jaͤh unter— 
brochener Geſchlechtsverkehr geſundheitsmoͤrderiſch auf die Frau wirkt, verſtaͤndige 
Nachſicht. 

Aber trotz aller Verfehmungen: Der ſchoͤnſt gereimte Witwentroſt verhallt 
gar haͤufig wirkungslos an den kategoriſchen Forderungen der in ihren Rechten 
geſchmaͤlerten Natur, und die Witwe nimmt in der Geſchichte der Galanterie nicht 
mit Unrecht einen ſehr breiten Raum ein. Die Literatur jedes Landes und jedes 
Zeitalters ſtrotzt von Beiſpielen. Die alte deutſche Schwankliteratur erzaͤhlt mit 
breitem Behagen unzaͤhlige Geſchichten von galanten, liebeshungrigen und liebesbereiten 
Witwen. Bekannt ſind die verſchiedenen Erzaͤhlungen des Boccaccio, die von der 


120 


Auf der Jagd 


Franzoͤſiſche Karikatur von C. Guys. Um 1860 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


großen Galanterie der Witwen feiner Zeit zu erzählen willen. Brantöme hat in 
feinem als Kulturdokument mit Recht geſchaͤtzten Werk „Les dames galantes“ der 
Liebe der Witwen ſogar ein ganzes Kapitel gewidmet. Er beweiſt in dieſem Kapitel 
ausfuͤhrlich, daß und warum die Witwe zu Galanterien uͤberaus gerne geneigt ſei, 
und weiter, daß nichts bequemer ſei, als eine Liebſchaft mit einer Witwe, und daß 
darum eine ſolche der mit einem jungen Maͤdchen oder einer verheirateten Frau 
bei weitem vorzuziehen ſei. Auch ſei nichts pikanter fuͤr einen Mann von Geſchmack 
als der Verkehr mit einer Witwe. Und alles dies belegt Brantöme durch zahlreiche 
hiſtoriſche Beiſpiele. Zum Schluß des Kapitels ſpricht er auch noch von den Vorteilen 
des Witwenſtandes und zitiert als Beweis u. a. einen Ausſpruch der bekannten Madame 
d'Eſtampes. Dieſe führte, wenn eine Witwe fie beſuchte und Mitleid mit ihrem Witwen— 
ſtand begehrte, den Ausdruck im Munde: „Ach, meine Liebe, ſein Sie froh, daß Sie in 
dieſem Stande ſind; denn man iſt nur Witwe, wenn man will.“ Auch die ſpaniſche 
Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts iſt reich an beglaubigten Anekdoten uͤber 
die Galanterie der Witwen. Die moderne Literatur des 19. Jahrhunderts beſitzt in 
Maupaſſants Roman „Notre Coeur“ geradezu ein Meiſterwerk einer beſtimmten 
Witwenpſychologie: die Rache der Witwe fuͤr die Sklaverei und fuͤr die Ent— 
taͤuſchungen der Ehe. Erwähnt muß auch werden, daß in der galanten Literatur 
aller Zeiten die junge, pikante Witwe einen bevorzugten Platz einnimmt; daß die 
Liebe der Witwe am genußreichſten ſei, 
wird in dieſen Elaboraten mit immer 
gleich kundigem Geſchaͤftsſinn abge— 
handelt. 

In der Satire begegnet man der 
Witwe ebenfalls ſehr haͤufig. Die 
Satire pointiert bei ihr aber mit Vor— 


liebe beſonders den erſten Schritt zur 


Galanterie: die Unbeſtaͤndigkeit der 


Witwentrauer, die Witwe mit einem 
weinenden und einem lachenden Auge, 
d. h. die bei vielen ſogenannten troſt— 
loſen Witwen trotzdem offenkundige 
Abſicht, ſich ſobald wie moͤglich mit 
einem anderen Manne zu troͤſten. Das 
iſt bei der Einfachheit, mit der man 
fruͤher ſaͤmtliche Probleme behandelte, 

— O Gott! ich ſeh den kleinen Grafen am Strand, er darf 
ſozuſagen das Rezept, nach dem man mich nicht ſehen. ... mein Mann iſt doch da. 
bis nahe an unſere Gegenwart heran 1 0 = 1 1 1570 Be e 


die Witwe in der Satire uͤberhaupt 106. Stop. Galante franzoͤſiſche Karikatur. Le Charivari 
16 


121 


„erledigt“ hat. Zahlreiche Schwänfe und Poſſen find danach gearbeitet; und noch 
mehr Sprichwoͤrter, von denen verſchiedene heute noch im Volksmund gang und gaͤbe ſind, 


bewegen ſich in dieſem Geiſte. Nur das bekannteſte ſei zitiert: „Beim Regen iſt gut 
pflanzen, darum ſind weinende Witwen am gernſten geneigt zur Wiederverheiratung.“ 
Aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts ſtammt das ſatiriſche Gedicht „Von einem 
Weib, deren der Mann am Karfreitag geſtorben“ von Sandrub, eine groteske Kenn— 
zeichnung der Mannstollheit der Witwe: 


An einem Karfreitag ſich's begab, Haͤtte doch zu Hauſe einen feinen Geſellen, 
Daß man trug einen Mann zu Grab. Ihren Knecht, welchen ſie koͤnnt' nehmen. 
Sein Weib gar uͤbel ſich behub Er wuͤrde ſich wohl zu ihr bequemen. 

Bei dem Grab, als man ihn begrub, Die Frau zum ſelben Nachbarn ſagt: 

Und wollt' ſich gar nicht troͤſten lahn, „Ich hab' vorlaͤngs daran gedacht, 

Letzlich red't ſie ein Nachbar an, Aber das bringt mir großen Graus: 

Sie ſollt' ſich nicht ſo klaͤglich ſtellen, Vorm lieben Oſtern wird nichts draus!“ 


Alſo auch nur zwei Tage im eheloſen Stande zu verbringen, bereitet ihr Graus! 
Als die beſte Proſaſatire in demſelben Sinne kann die Schilderung der Witwe von 
Moſcheroſch in ſeinen Geſichten des Philander von Sittenwald gelten, die ebenfalls 
aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts ſtammen: 


„Eine der Gevatterinnen oder Geſpielen, fo die Witwe in ihrem Leid nach Gewohnheit 
troͤſten wollte, ſprach: ‚Ach, liebe Frau Gevatterin, all Euer Trauern iſt vergebens und umſonſt, Ihr 
koͤnnt den frommen Herren damit doch nicht wieder lebendig machen.“ Eine nach der andern wußte 
ihren troͤſtlichen Weidſpruch herzuſagen. Je mehr aber die guten Weiblein der Witwe zuſprachen, 
je mehr ſie ſich allererſt anhebet ſich zu jammern und zu beklagen, und mit halb gebrochener Stimme: 
„Ach, daß es Gott erbarme, ſprach fie, ‚ich armes, elendes Weib, was ſoll ich tun? Ach, wer wird 
mich nun troͤſten und erfreuen? . . . Ach, mein Hertzallerliebſter Schatz! wie iſt mir dein Abſchied 
ſo ſchmertzlich! ach, ich arme Wittwe, wer wird ſich meiner in dieſem ſchweren Kreutz doch annehmen! 
Ach, nicht ein Wunder waͤre es, ich ließ mich zu ihm in das Grab legen! Ich begere doch alſo 
nicht langer zu leben, weil ich den verloren, den ich lieber gehabt als die ganze Welt! o ich unſeliges 
Weib! o weh mir armen Witwen? wer wird mich! o weh, wer halt mich! ich ſpring' in den Bronnen!“ 
Willtu aber ein Herz erforſchen? mein, ſo laſſe ſie allein, daß ſie niemand wiſſe, du wirſt den 
Betrug und Heuchelei bald erfahren, wie ſie nemlich ſich ſo friſch erzeigen und einen Sarrabanden 
daher ſingen und ſpringen werde, ſo geil und rammelig als die Katzen um Lichtmeß immer ſein 
moͤgen. Bald wird auch eine ihrer Vertrauten kommen und nach der Weiber Art, ex lachrymis 
in risum mota, ſagen: Liebe Geſpiele, nur friſch und guetsmueths, was Elements ſoll das ver— 
fluchte trauren? Ihr habt es beſſer, als Ihr ſelbſten meinet, iſt ſchon Euer Herr und Mann geſtorben, 
botz Zipfel, Ihr ſeid noch jung und wacker genug, werd Euers gleichen bald finden, wann Ihr nur 
wollet: Es liegt nummer an Euch: der und der haben ſchon nach Euch gefraget: dieſer hat ſchon 
ein Aug auf Euch geworfen: ſolltet Ihr nur einmal mit ihm zu ſprechen kommen, Ihr wirdet des 
Verſtorbenen bald vergeſſen: wann es mir aſſo zu thun wär, o weh, wie bald wollt i mi gressolfiert 
han.“ ‚Werli, liebe Nachbarin,‘ wird die andere zuſtimmen, ‚wenn es mir aſſo wär, i wot mi bald 
bedacht han: Einer verlohren, zehen wiederfunden: J wot dem Rath folgen, den Uch min Ge— 
vatterin do alleweil gan haͤtt: dann werly, der un der haͤtt ein große anfechtion zu Uch, man 


Eine alte Flamme. 


. und allſofort 


Eilet Knopp an jenen Ort, 

Wo ſie wohnt die Wohlbekannte, 
Welche ſich Adele nannte; 

Jene reizende Adele, 

Die er einſt mit ganzer Seele 
Tiefgeliebt und hochgeehrt, 

Die ihn aber nicht erhoͤrt, 

So daß er, ſeit dies geſchah, 


Nur ihr füßes Bildniß ſah. 


Transpirirend und beklommen 
Iſt er vor die Thuͤr gekommen, 
Oh, ſein Serze klopft ſo ſehr, 
Doch am Ende klopft auch er. 


„Simmel, — ruft ſie, — welches Gluͤck!!“ 


(Knopp ſein Schweiß der tritt zuruͤck.) 


N 
— — = ID 
—IIISCDTIEYSIIII 
=> 7,7 TN 


„Komm, geliebter Serzensſchatz, 
Nimm auf der Berſchaͤre Platz! 


Nur an dich bei Tag und Nacht, 
Süßer Freund, hab ich gedacht. 


Unausſprechlich inniglich, 
Freund und Engel, lieb ich dich!“ 


Knopp, aus Mangel an Gefuͤhl, 
Fuͤhlt ſich wieder aͤußerſt ſchwuͤl; 
Doch in dieſer Angſtſekunde 
Nahen ſich drei fremde Hunde. 


107. Wilhelm Buſch. Aus „Tobias Knopp: Abenteuer eines Junggeſellen“ 


(Wenden) 


16 * 


12 . 


Knopp hat keinen Sinn dafuͤr. 
Er entfernt ſich durch die Thuͤr. 


„Suͤlfe, Suͤlfe!“ — ruft Adele — Schnell verlaͤßt er dieſen Ort 
„Hilf, Geliebter meiner Seele!!!“ Und begibt ſich weiter fort. 


208. Wilhelm Buſch. Aus „Tobias Knopp: Abenteuer eines Junggeſellen“ 


mercks an allem ſim thue, er tft ein wackerer Kerle: hott & ſchwarz Haar: hott ſchwartze Augen: 
hott ein huͤbſch ſchwartz baͤrtel. Mayn, er kann eim Blick gaͤn. Mayn, er kann wohl dantze. Er 
iſt noch Jung und ſtark, und Auer wohl werth, und waͤr werly immer ſchad, wenn er Uch ne ſot 
bekommen!“ Alsdann wird die Witwe mit verkehrten Augen, beneben einem tiefgeholten Schlurer, 
fein zimberlich anfangen und ſagen: „O weh! was ſagenir do? o weh! o wo bini? vergeſſaͤ? Ja 
wohl vergeſſaͤ! Ach, mein lieber Mann, wie kann ich, wie will ich deiner ſo bald vergeſſen! Ja 
freilich! Ach Gott, es iſt noch nicht von Heiraten zu reden! Ich wot wol ver chwoͤren min Lebtag 
mehr ein Mann zunehmen! wann es aber je Gotts ſonderbarer Will fein ſott: o fo wotti au wiſſa 
waſſi zethun haͤtt. Nun bollan: Was Gott beſchert Blibt unverwehrt.““ 

Die Art Witwen, die ihrem Manne ſchon bei Lebzeiten den Nachfolger be— 
ſtimmen, hat der Volksmund in der folgenden ſatiriſchen Anekdote gekennzeichnet: 

„Nach dem Begraͤbnis eines Landmannes trat auf dem Heimwege vom Kirchhofe der Knecht 
an die Witwe heran und erkundigte ſich, ob er wohl um ihre Hand werben duͤrfe. Die Witwe 
antwortete: „Es tut mir leid, lieber Matz, ich habe mich ſchon dem Michel verſprochen.“ 

Von dieſer Anekdote exiſtieren zahlreiche Variationen. Die zyniſchſte Satire auf 
die Unbeſtaͤndigkeit der Witwentrauer iſt jedenfalls die Geſchichte der Witwe von 
Epheſus, auf die hier zur Vervollſtaͤndigung nur hingewieſen ſein ſoll, da ſie an 
anderer Stelle des Buches ihren Platz finden ſoll. 

Die gezeichnete Satire war in ihren Motiven und Pointen fruͤher genau ſo 
einfach, wenn nicht gar noch einfacher, was zu einem Teil ja durch die begrenzteren 
Moͤglichkeiten des zeichneriſch Darſtellbaren bedingt war. Wenn die geſchriebene 
Satire es z. B. vermochte, jene Frauen charafteriftifch darzuſtellen, die ſich ſchon 
bei Lebzeiten des Gatten die Schoͤnheiten des Witwenſtandes ſchwelgeriſch ausmalen, 
ſo war das bei den beſcheidenen Ausdrucksmitteln der Karikatur fruͤherer Jahr— 
hunderte fuͤr die gezeichnete Satire ſchlechterdings nicht darſtellbar. Die bevorzugten 
Motive, die immer wieder variiert wurden, waren fuͤr die Karikatur des 16. und 


124 


17. Jahrhunderts: die Witwe, wie fie weinend dem Sarge des Gatten folgt, aber 
ſchon auf dem Wege zum Kirchhof nach einem „jungen Gauch“ ſchielt, oder wie ſie 
mit dem einen Ohr auf die Lobhymnen auf den verſtorbenen Mann lauſcht, die ihr 
eine mitfuͤhlende Seele vorſingt, waͤhrend ſie mit dem andern Ohr begierig auf die 
Lockungen hoͤrt, die ihr zur gleichen Zeit ein unternehmender Bewerber vortraͤgt. 
Wird in dieſer Weiſe mit Vorliebe die junge oder „die in den beſten Jahren“ 
ſtehende Witwe dargeſtellt, ſo wird die alte Witwe gezeigt, wie ſie ſich durch Geld 
„die Liebe“ eines jungen Mannes ſichert. Auf Darſtellungen der letzteren Art trifft 
man jedenfalls am allerhaͤufigſten. Es liegt das auf der Hand: die Sinnlichkeit 
der jungen Frau iſt immerhin begreiflich, die Sinnlichkeit der alten Frau aber wirkt 
immer abſtoßend. Charakteriſtiſche Proben zeigen die Bilder 53, 57 und 63. 

Die am Ende des 17. Jahrhunderts einſetzende galante Karikatur hat zwar 
auch die alte Witwe, die ſich die Zärtlichkeiten eines juͤngeren Mannes mit Geld er⸗ 
kauft, zum Gegenſtand von ſatiriſchen Bildern gemacht, aber ihren ſtimulierenden 
Zwecken diente doch viel mehr die pikante Luͤſternheit der jungen Witwe, die man 
dann aͤhnlich darſtellte, wie in dem ſatiriſchen Kupfer „Le Remède“ die Liebesſehn— 
ſucht des heiratsluſtigen und heiratsfaͤhigen Maͤdchens (Bild 73). 

Erſt in der modernen Karikatur wurde die Skala der Motive reicher und die 
Loͤſung vielgeſtaltiger: man begnuͤgt ſich nicht mehr damit, das Problem des Witwen— 
ſtandes ausſchließlich nach dieſem nur 
wenige Akkorde umfaſſenden Rezept zu 
behandeln. Was den Fruͤheren nur den 
Stoff zum Moraliſieren im Predigertone 
oder zu zweideutigen Witzen geliefert 
hatte, das erhob z. B. Daumier zum 
koͤſtlichſten Motiv des grotesken Humors: 
„So wie dich, du ſchoͤner Mann, ſo malt 
man ſich die Goͤtter!“ Überwaͤltigender 
iſt die ſpaͤte Liebesſehnſucht, die Daumier 
hier im Gewande der klaſſiſchen Parodie 
vorfuͤhrt, ſicher nie dargeſtellt worden als 
in dieſem vollendeten Meiſterwerk des 
grotesken Humors, das im Witz, im 
Humor und in der kuͤnſtleriſchen Bewaͤlti— 
gung gleich unuͤbertrefflich iſt (ſiehe Bei— 


lage). Ah. Sh. Heine wandelt in ſeinem — Nein, Gontram, Sie duͤrfen keine Untreue von mir 
ö f 1 verlangen, . .. mein Mann iſt jo gut und fo voll 
bekannten und mit Recht geruͤhmtem Vertrauen; ich wuͤßte wirklich nicht, was fuͤr ein Ver— 


gnuͤgen wir uns dadurch bereiten koͤnnten, daß wir 
ihn hintergehen .. 


Blatte „Der Troſt der Witwe“ auf aͤhn— 
lichen Bahnen. Sie iſt zu ſehr daran 109. Grevin. Franzoͤſiſche Karikatur. Le Charivari 


125 


Lebensbilder aus Alt-Athen und Iſar-Athen: Die Ernährung 


11O u. TT. A. Oberlaͤnder 


gewoͤhnt, „zweiſpaͤnnig“ zu ſchlafen, aber ſie iſt auch laͤngſt „daruͤber hinaus“. So iſt 
ihr fuͤr ihre Sorgen ſchließlich denn nur der bekannte letzte Troſt geblieben, der Troſt 
ſo vieler Leute in ſo vielen Lebenslagen. Buſch hat die klaſſiſchſte Formel dafuͤr gepraͤgt: 
„Es iſt ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likoͤr.“ Was ihr einſt 
die Liebe war, die gemeinſam aus zwei flammenden Herzen hervorbrach, das iſt ihr 
jetzt der Likoͤr. Aber Heine weiß: eine fo große Sorge wie die der Witwenfchaft 
bedarf ſelbſtverſtaͤndlich des kraͤftigſten Likoͤrs (Bild 153). Das iſt auch grotesker 
Humor. Aber was bei Daumier in der Wirkung auf den Beſchauer reiner Humor 
iſt, „des Lebens ungemiſchte Freude“, das iſt bei Heine mit der ſtaͤrkſten Doſis 
Zynismus durchtraͤnkt; freilich einem Zynismus, der auch das Tragiſche des Witwen— 
loſes ahnen laͤßt. Dieſes Tragiſche iſt in der modernen Karikatur haͤufiger betont 


worden, jo in mehreren Blättern des „Courrier Francais“, und vor allem in zahl— 


reichen Blaͤttern der ſtark verbreiteten „Assiette au Beurre“. Die deutſche Karikatur, 
die im letzten Jahrzehnt der franzoͤſiſchen Karikatur in Eilmaͤrſchen nicht nur nach— 
geruͤckt iſt, ſondern ſie haͤufig auch uͤberfluͤgelt hat, hat Ebenbuͤrtiges auch in der 
zyniſchen Form geleiſtet. Dafuͤr iſt das meiſterhafte Blatt „Die Witwe“ von Mar 
Slevogt ein treffender Beleg. Zyniſch und ohne eine Spur verſoͤhnenden Humors 
iſt dieſes Blatt. In wenig fluͤchtigen, aber kuͤhnen Strichen der Grundgedanke des 
Maupaſſantſchen Romans „Notre Coeur“; die Rache am vergaͤllten Ehegluͤck. Sie 
wird ſich zu raͤchen wiſſen — die Ehe iſt tot, es lebe das Leben! 


Die verheiratete Frau. Bei den Karikaturen über die Frau in der Ehe 
ſteht wiederum der Kampf um die Hoſen obenan. Bei der verheirateten Frau wird 


126 


Lebensbilder aus Alt-Athen und Iſar-Athen: Die Ausbildung 


112 u. 113. A. Oberlaͤnder 


aber etwas weſentlich anderes unter dieſem Wort verſtanden; naͤmlich der Kampf der 
Frau um die Herrſchaft im Hauſe. | 

Das Sprichwort fagt: In ihrer Jugend will die Frau gefallen und verführen, 
herrſchen aber will ſie immer. 


Plaire, charmer, seduire Mais gouverner, avoir l'empire 


Est un bonheur dans leur printemps, Est leur plaisir dans tous les temps. 


Die deutſchen Dichter ſagen dasſelbe, aber meiſtens etwas weniger grazioͤs, 
weniger galant, dafuͤr um ſo deutlicher: 


Warum ruft denn der Waͤchter Klaus: Sind denn die Weiber nicht zu Haus? 
Ihr lieben Herren! laßt euch ſagen ... Die Urſach iſt gar leicht zu faſſen: 
Weil Weiber ſich — nichts ſagen laſſen! 

Dieſe Klagen ſind allen Zeiten und allen Voͤlkern gemeinſam, denn das Streben 
der Frau nach der Herrſchaft im Hauſe iſt ſo international wie ſeine Urſache: die 
politiſche und wirtſchaftliche Unterdruͤckung der Frau. Seit dieſe exiſtiert, wird der 
haͤusliche Krieg zwiſchen Mann und Frau gefuͤhrt, und er wird erſt dann nicht mehr 
gefuͤhrt werden, wenn die menſchliche Geſellſchaft einmal beide Geſchlechter gleich— 
berechtigt nebeneinander ſtellt. Bis dahin iſt die Herrſchaft im Hauſe die natuͤr— 
lichſte und haͤufigſte Rache der Frau fuͤr das offizielle Geſetz, das ihre Unterordnung 
unter den Mann auf allen Gebieten dekretiert hat. In dem Kampf um die Herr— 
ſchaft im Hauſe iſt die Frau, kraft der Vorteile, die ihr der Kampfplatz der 
Ehegemeinſchaft bietet, in den meiſten Faͤllen, wo ſie den Kampf unternommen hat, 
auch Sieger geblieben — und daß ſie ein Sieger iſt, der ſeinen Triumph meiſtens 
weidlich zu nuͤtzen verſteht, das braucht wahrlich nicht naͤher belegt zu werden, tauſend 


gute und schlechte Witze klagen es jeden Tag von neuem, und es gibt kein ab- 
gedroſcheneres Thema als dieſes. Die ſatiriſche Brandmarkung der herrſchſuͤchtigen 
Frau war und iſt wiederum die Rache des ſich in ſeinen heiligſten Rechten verletzt 
fuͤhlenden Mannes. Daß dieſe Rache gar haͤufig geuͤbt worden iſt, daß die Satire 
jedes Volkes ihren deutlichen Vers wider dieſen Frevel gemacht hat, liegt natuͤrlich 
auf der Hand. 

Der Kampf um die Herrſchaft der Frau in der Ehe und dieſe Herrſchaft ſelbſt 
zaͤhlen, wie der Kampf um die Hoſen, den das heiratsfaͤhige Maͤdchen fuͤhrt, ebenfalls 
zu den alleraͤlteſten Motiven der geſellſchaftlichen Satire. In welchem ſtarken Maße 
dieſe Frage die Gemuͤter zu den verſchiedenſten Zeiten alteriert hat, das erhellt wohl 
nichts deutlicher als die Tatſache, daß dieſer Kampf ſich in einer Reihe von ſatiriſchen 
Meiſterwerken wiederſpiegelt: die Satiriker haben in dieſer Frage gar haͤufig ihre eigene 
Sache gefuͤhrt. In der Literatur ſei nur an die kuͤhnſte und glaͤnzendſte Komoͤdie des 
klaſſiſchen Altertums erinnert, an des Ariſtophanes „Weiberherrſchaft“; in der 
zeichnenden Satire an die Namen von Duͤrer und Burgkmair. 

Die Satire hat den Kampf der Frau um die Herrſchaft im Hauſe, wie geſagt, 
ebenfalls als einen Kampf um die Hoſen ſymboliſiert, aber hier raufen nicht mehr 
eine Anzahl Frauen um eine Maͤnnerhoſe, ſondern Mann und Frau allein: jedes 
von beiden beanſprucht „die Bruch“ oder die Hoſe, das Symbol der Herrſcherwuͤrde 
im Hauſe. Mit der Hoſe verliert der Mann ſein Herrſcherrecht, darum dekretiert 
auch nach einem Flugblatt am Tage ihres Herrſchaftsantrittes die Frau ihrem Gatten 
als erſtes: 

„Du mußt abſtreichen deine Bruch (Hoſe), 
Denn ich will hinfort Meiſter ſein, 
Sollſt nicht mehr haben den Willen dein.“ 


Wie uͤberaus fruͤh dieſes Symbol verwertet worden iſt, wie man immer nur dieſes 
angewendet hat, und drittens, welche ganz außerordentliche Rolle im Leben dieſe Frage 
in den alten Zeiten geſpielt hat, das 
belegt in charakteriſtiſcher Weiſe die 
Tatſache, daß die Darſtellung, wie die 
Frau mit dem Mann um den Beſitz der 
Hofe rauft, einen der häufigſten Kuͤnſtler— 
ſcherze bildete, die in den mittelalterlichen 
Kirchen an Chorſtuͤhlen und Pfeilern von 
ihren Erbauern angebracht wurden. In 
zahlreichen alten Kirchen Englands, 
Frankreichs und Deutſchlands finden ſich 


Der modiſche Hut als Retter ſolche Darſtellungen noch erhalten. Als 
. Kepler, Groteske amerikaniſche Karikatur intereſſante Karikaturen dieſer Art geben 


128 


Unnöthige Sorge. 


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75 


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15 5 
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„Anna, führen Sie den Ami in den Anlagen ein wenig fpazieren!... Daß Sie mir aber meinen Liebling 
nicht von ander'n Damen küſſen laſſen!“ 


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118. Adolf Oberlaͤnder. Fliegende Blätter 


wir hier das Blatt von Israel von Meckenem (Bild 47) und den gleichnamigen franzoͤſi— 
ſchen Kupferſtich aus dem Anfang des 18. Jahrhunders (Bild 60). Das Blatt Israels 
zeigt den Mann fchon als Unterliegenden, vorn rechts liegt der Gegenſtand des 
Streites, ſeine Bruch; auf dem franzoͤſiſchen Bilde iſt die Sache noch unentſchieden, 
hier wird aber noch überdies vor Augen geführt, welch graufiges Unheil der eheliche 
Krieg heraufbeſchwoͤrt. Eine Variation der Darſtellung des Kampfes um die Hoſen 
iſt auch, daß Mann und Frau zu gleicher Zeit in die Hofe ſteigen wollen, oder daß 
Mann und Frau jedes ſich ein Hoſenbein errungen hat, in das fie bereits geſtiegen 
ſind. Im letzteren Falle ſind beide in ſeltſamer Weiſe zuſammengefeſſelt und fuͤhren 
nun mit den Faͤuſten wuͤtend den ehelichen Krieg gegeneinander fort. Das iſt 
uͤbrigens auch die bildliche Darſtellung der „Widerbellerin“, jenes Typs, den nach 
dem Volksmund jede zweite verheiratete Frau repraͤſentieren ſoll. Der Volksmund 
erklaͤrt naͤmlich, das Weſen aller weiblichen Dialektik ſei „das immer anders wollen“. 
Der groteske Geiler von Kaiſersberg begruͤndet das naturwiſſenſchaftlich: 


Ich meine, daß die Weiber es von ihrem Anfang haben, von der Materia, daraus fie 
gemacht ſind: ſie ſind gemacht aus einer Rippe Adams, die war krumm. Alſo ſind ſie auch uͤber— 
zwerch des Mannes Willen mit Zanken.“ 


Hat die Frau den Sieg erlangt, hat ſie es vermocht, ſich die unbedingte 
Herrſchaft im Hauſe anzueignen, ſo heißt es heute noch wie ehedem: „ſie hat die 
Hoſen an“. Die zeichnende Satire hat dies buchſtabengetreu ins bildliche uͤber— 

17 
129 


tragen, hoſenbekleidet, als hagerer Beſen, ſchreitet Frau Zantippe einher und ver: 
breitet zitternde Furcht vom Keller bis unter den Giebel des Hauſes. Aber nicht alle 
ſind hager wie Frau Kantippe, und das ſoll das Verſoͤhnliche an der Frauenherrſchaft 
ſein; verſchiedene Satiriker behaupten ſogar, die Frau wiſſe ſehr wohl, daß nichts 
die jugendlich ſchwellenden Formen ſo vorteilhaft kleide wie des Gatten prallſitzende 
Hoſe, und einzig aus dieſem Grunde ſtrebe ſo manche Frau gleich am erſten Tage 


ihrer Ehe danach, die Hoſen zu tragen: 


„Nicht ſoll verhuͤllen der neidiſche Rock Wonach feine Neugier ſtets ſpaͤht 
Den Blicken des liebenden Gatten, Und — was ſie viel gerner noch zeigt.“ 


Aber dieſes verſoͤhnliche Moment lebt leider nur in der Phantaſie der Satiriker. 


„Ach, ich wußte doch, daß ich etwas vergeſſen 
hatte, . . . mein Mann rechnet beſtimmt darauf, daß 


du im Klub fuͤr ihn ſtimmſt.“ 


116, A. Forain. Die Annehmlichkeiten des 
Ehebruchs. Fifre 


Das Wort „fie hat die Hoſen an“ iſt jedoch in der zeichnenden Satire viel 
haͤufiger in einer anderen Form als in der der wortgetreuen uͤbertragung dargeſtellt 
worden: der Mann iſt das gefuͤgige Reittier, auf deſſen Ruͤcken die teure Gattin 
peitſcheſchwingend ſitzt, und das ſie ganz nach ihrem Willen lenkt. So haben es Duͤrer, 
Burgkmair (Bild 49), Hans Baldung Grün (ſiehe Beilage) und noch viele andere 
dargeſtellt. Er mag knirſchen, er mag unwillig in den ihm angelegten Zuͤgel beißen, 
aber er folgt; denn was ihn baͤndigt iſt eben das Staͤrkſte, was es gibt: das 
Geſchlecht. Das hat in der wenig komplizierten Form des 16. Jahrhunderts keiner 
deutlicher dargeſtellt als Hans Baldung Gruͤn (ſiehe Beilage). Die Macht des 
Weibes uͤber den Mann iſt der Urgrund alles Lebens. Es iſt daher kein Einzel— 
ſchickſal, das fo die Peitſche über dem Manne ſchwingt und ihm den Zügel anlegt, es 
iſt das Verhaͤngnis alles Lebens. 

Wenn man nach Karikaturen, die den Frevel der Herrſchſucht der Frau geißeln, 
fahndet, muß man niemals beſondere Anſtrengungen machen, um lohnende Beute zu 
finden; einer um fo größeren bedarf es, um Blätter zu finden, die den täglichen 
Mißbrauch des Herrenrechtes durch den Mann gebuͤhrend kennzeichnen. Sie ſind ebenſo 
ſpärlich vorhanden, wie die erſteren haͤufig. Viel leichter wird man noch ſolche 
Blaͤtter finden, die den Mann bei ſeinem Tun in Schutz nehmen; das mag das Blatt 
von Abraham Boſſe auf die ſchlechte Hausfrau belegen (Bild 65). 

Das Gegenſtuͤck zu den Karikaturen auf den ehelichen Krieg ſtellen die Karika— 
turen auf die eheliche Zaͤrtlichkeit dar. Tragen die erſteren durchwegs kaͤmpferiſchen 
Charakter, ſo iſt Zweck und Ziel der letzteren mehr der der allgemeinen loͤblichen 
Erbauung, und im aͤußerſten Falle hoͤchſtens Ausdruck boshafter Schadenfreude. 
Die eheliche Liebe iſt zu allen Zeiten, auch in denen der verhockteſten Pruͤderie, eine 
taͤgliche Witzquelle fuͤr jedermann geweſen, und man macht daruͤber im vornehmen 
Salon ſicher ebenſoviel Witze wie im rauchigen Bauernwirtshaus; den Unterſchied 
bildet einzig die Form. 

Je nachdem, ob in der oͤffentlichen Sittlichkeit die verhockte Pruͤderie herrſcht, 
oder ob die Menſchen ſich im ſchrankenloſen Genießen ſpreizen, wechſelt natuͤrlich, wie 
immer, der Grad der Deutlichkeit, mit der dieſer Gegenſtand in der fuͤr die 
Offentlichkeit beſtimmten Satire behandelt worden iſt. Die Zeit, die den Zweck 
der Ehe in die kecken Verſe faßt: „Boire, manger et coucher ensemble, C'est la 
mariage il me semble“, oder gar die Zeit, die in brauſender Lebensluſt die Sinn— 
lichkeit allem voranſtellt, und die der Frau zur Einfuͤhrung in die Ehe keine beſſere 
Unterweiſung zu geben fuͤr noͤtig haͤlt, als daß ſie das Brautgemach mit Bildern 
von wolluͤſtigſter Deutlichkeit ausſchmuͤckt, — ſolche Zeiten haben ſich in den Karika— 
turen auf die ehelichen Zaͤrtlichkeiten einer Deutlichkeit befleißigt, daß wir uns hier 
mit der bloßen Konſtatierung begnuͤgen muͤſſen, ohne es durch Proben belegen zu 


koͤnnen. Solch eine Zeit war z. B. die Renaiſſance: das 15. und 16. Jahrhundert 
17 


131 


NZ 8 UNITS = 2 


Ein ernſter Fall 


ONE MORE VICTIM. 


Ein Opfer mehr! 


C. Deana Gibſon. Amerikaniſche Karikaturen. Life 


Ein ganz alltäglicher Fall. Ein Wechſel in der Diät genügt! 


Am Jubeltage: Der letzte Gaſt 


119 u. 120. C. Deana Gibſon. Amerikaniſche Karikaturen. Life 


in Italien und Deutfchland, das 17. Jahrhundert in Holland und England. 
Die beſtallten Huͤter der deutſchen Zucht und Sitte werden ſicher immer ihr ſchein— 
heiliges „Herr, wir danken dir, daß wir nicht find, wie . . . .“ anſtimmen, wenn fie 
von der welſchen Unzucht hoͤren, und ſie werden ſicher dreimal die Haͤnde uͤber dem 
heiligmaͤßigen Bauche zuſammenſchlagen, wenn ſie z. B. hören, daß es in Italien zur 
Zeit der Renaiſſance noch landesuͤblicher Brauch war, am Morgen nach einer Hoch— 
zeit die Leintuͤcher des Hochzeitsbettes zum Fenſter hinauszuhaͤngen, um ſo zum 
mindeſten der ganzen Nachbarſchaft Gelegenheit zu geben, ſich zu uͤberzeugen, daß 
der jungen Frau, die geſtern zum Altar geſchritten war, mit Recht der Ruhm einer 
tugendhaften Jungfrau gebuͤhrt hatte. Aber die ſittliche Entruͤſtung und vor allem 
die ſcheinheilige Selbſtgefaͤlligkeit iſt ſehr wenig angebracht, ſintemalen ſich die teutſche 
Zucht und Sitte anno dazumal auch nicht allzu zimperlich gebaͤrdete. Über die Hoch— 
zeit Johann Wilhelms III., Herzogs von Juͤlich-Kleve-Berg, mit der Prinzeſſin Jakobaͤa, 
der Tochter des Markgrafen Philibert von Baden, die im Jahre 1585 zu Duͤſſeldorf 
ſtattfand, wird vom Hofchroniſten folgendes gemeldet: Nach ihrem feierlichen Einzuge 
in die Stadt und ins Schloß, wo ſie von ihrem Schwiegervater und ihrer Schwaͤgerin 
begruͤßt wurde, wurde die Braut in ihre Gemaͤcher geleitet, welche mit Teppichen 
behangen waren, deren Gewebe Bilder darſtellten, ſo „zur ehelichen Lieb' am meiſten 
und vornehmlich gehoͤrig“. D. h. es war auf den Gobelins, die damals die Stelle 
der Tapeten vertraten, in mythologiſchen Szenen dargeſtellt, wie Mann und Frau 


in der Ehe der irdiſchen Liebe pflegen. Dieſe Beiſpiele laſſen leicht einſehen, welche 
Deutlichkeit man in ſolchen Zeiten in der Karikatur nicht nur ertrug, ſondern ſogar 
von der Karikatur erwartete. 


Ganz entgegengeſetzt iſt natuͤrlich das Bild, das die Karikatur dort zeigt, wo 
die Pruͤderie die Sinnlichkeit aus der Offentlichkeit verdraͤngt. Das Muſterbeiſpiel 
dafuͤr iſt England ſeit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Erſtens wurden 
hier ſo verfaͤngliche Gegenſtaͤnde wie die eheliche Zaͤrtlichkeit ſo viel wie moͤglich um— 
gangen; beſchaͤftigte man ſich aber mit ihnen, dann geſchah es derart frei von jeder 
„Menſchlichkeit“, daß ſelbſt die kuͤhnſte Phantaſie beim Anſchauen dieſer Bilder nicht 
darauf verfaͤllt, daß „die ſchreienden Beweiſe“ etwa Folgen ehelicher Zaͤrtlichkeiten ſein 
koͤnnten. Weil man dieſer „Reinlichkeit“ in der engliſchen Karikatur auf Schritt 
und Tritt begegnet, darum iſt ſie auch ſeit dieſer Zeit ſo fad und nuͤchtern wie ein 
glattgebuͤrſteter Puritanerfrack. 

Abgeſehen von England, zeigt die zweite Haͤlfte des 19. Jahrhunderts, vornehm— 
lich das letzte Dezennium, die beiden Welten beieinander, d. h. uͤberall hat auch der 
kecke Wahrheitsmut ſeine Fahne aufgepflanzt; das belegt die Offenheit, mit der dieſe 
Fragen heute ſatiriſch gloſſiert werden. Die derbe Kuͤhnheit des 16. Jahrhunderts iſt 
freilich eine Sprache, die unſere ſtrengeren Sittlichkeitsbegriffe, unſere feineren Sinne 
nicht mehr zulaſſen, aber die Waffen, die wir heute fuͤhren, ſind ſchaͤrfer, es ſind 


134 


ſauſende und ſilbern bligende Klingen 
ſtatt der droͤhnenden und polternden 
Keulen. 

Dieſe Eleganz, uͤber die wir 
heute verfuͤgen, fuͤhrt aber nicht nur 
zum entnervenden Raffinement, ſon⸗ 
dern auch zum Guten, ſie geſtattet, 
das Kuͤhnſte zu ſagen, ohne die geſunde 
Moral zu verletzen; denn ſie ermoͤglicht 
es, die Aufgabe zu erfuͤllen, die die 
Beſchaͤftigung mit dem Erotiſchen zur 
Bedingung ſtellt, wenn es begruͤndetes 
Buͤrgerrecht im oͤffentlichen Geiſtes— 
leben haben ſoll: der Witz des Vor— 
trags und die kuͤnſtleriſche Form muͤſſen 
das Stoffliche ſo ſehr unterjochen, daß 
es niemals zum Selbſtzweck werden 
kann. Gewiß iſt das keine leichte 
Aufgabe, und die Gefahr, dabei zu 
ſtraucheln, iſt ſehr groß; es gelingt 
daher nur den Tuͤchtigſten. Trotz der 
großen Schwierigkeit muͤſſen wir gegen— 
uͤber den Unvermoͤgenden unnachſichtig 
ſein, auch wenn wir gewillt ſind, den 
Großen im Reiche der Satire die 
weiteſten Rechte einzuräumen. Ein 
ſolcher großer Fechtmeiſter der Satire 
iſt z. B. Adolf Willette; er beweiſt mit 
jedem Blatte, daß man mit Kunſt 
und Grazie das Kuͤhnſte vortragen 
kann, und daß daran ſelbſt der ſitt— 
lich Strengſte eine ungeteilte Freude 
haben kann, ohne ſich auch nur im 
geringſten zu kompromittieren (Bild 
135 und 154). In Deutſchland iſt 
Reznicek faſt der einzige, von dem 
aͤhnliches geſagt werden kann. Ein 
Beiſpiel dafuͤr iſt z. B. das kokette Blaͤtt— 
chen „Sittſam“ (Bild 121), das die 


Brendamour,5.& 


„Soll ich nicht meinen Ehering an die Schuhbaͤnder 
hängen, damit die Leute nichts unrechtes denken?“ 


Sitt ſam 


121. Reznicek. Simpliziſſimus 


135 


Beſorgniſſe einer jungen Frau auf der 
Hochzeitsreiſe ſchildert. Sie weiß nach 
den Erfahrungen der letzten Tage, daß 
jeder Hotelgaſt, der an ihrer Tür vor— 
uͤbergeht, beim Anblick dieſer zwei Paar 
Stiefel leicht errät, was hinter dieſer 
Tuͤr vorgeht. Wie kann es nun aber 
verhindert werden, daß die Leute Un— 
rechtes denken? Ihren Stiefeln kann 
man es doch unmoͤglich anſehen, daß 
ſie ſchon auf dem Standesamt waren! 
Wie waͤr's, wenn ſie ihren Ehering an 
ihre Schuhbaͤnder haͤngte? Dann koͤnnten 


— 
— 


mn die Leute unmoͤglich etwas Unrechtes 


TE me denfen, denn man hat fie gelehrt: einzig 
en diefer Ring erhebt zum Recht, was ohne 
een a hie en ere, ibn Gemeine Schande in den Augen aller 
der Bedingung, daß Sie ihr treu bleiben! ... anſtaͤndigen Leute bedeutet. Der Ameri— 
Eheliche Konzeſſionen kaner Gibſon hat die eheliche Liebe zum 
„„ Gegenſtand von Dutzenden koketter Bild— 

chen genommen. Das iſt auf den erſten 

Blick ſehr erſtaunlich, weil die Yankeemoral womoͤglich noch um einige Grad per— 
verſer iſt als die der engliſchen Bourgeoiſie und zum mindeſten mit dem gleichen 
Raffinement alles Erotiſche öffentlich verpönt. In Wirklichkeit iſt es aber gar nicht 
erſtaunlich, ebenſo, wie es ganz ſelbſtverſtaͤndlich iſt, daß der Amerikaner die Liebe am 
zarteſten, grazioͤſeſten, duftigſten und idealſten von allen ihren Schilderern darſtellt, 
trotzdem die Liebe derer, die er ſchildert, zufällig am wenigſten Duft hat und das 
durchſichtigſte Rechenexempel iſt. Gibſon liefert mit ſeinen idealiſtiſchen Schilderungen 
nichts anderes, als das, was eben keine Inſtitution entbehren kann: den Schein der 
Sittlichkeit. Dieſer Schein wird um ſo energiſcher gefordert, je mehr die Wirklichkeit 
von echter Sittlichkeit entfernt iſt; und darum wird er von der amerikaniſchen Pluto— 
kratie kategoriſcher als von jeder anderen Geſellſchaft gefordert. Gibſon iſt der 
kuͤnſtleriſche Hofhiſtoriograph der amerikaniſchen Koͤnige von Geldſacks Gnaden. Das 
it auch das Geheimnis feines Ruhmes: er iſt der Liebling der amerifanifchen zahlungs— 
faͤhigen Moral, weil er ihr die ſittliche Rechtfertigung liefert; Gibſon ideologiſiert 
das Rechenexempel, indem er beſtaͤndig aller Welt vorerzaͤhlt und vor Augen ruͤckt, 
daß Amor immer und immer dabei war: er iſt der Urheber der Krankheit der 
Jungfrau, er ſtand am Amboß als der kleine Schmied, der die Frau an die Ehe 
geſchmiedet hat, und nach fuͤnfzig Jahren, am Jubeltage, iſt er der einzige Gaſt, 


136 


212 


u 


Pluͤmeau 


ven dich nennen? .. 


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5) 


7 


Unter Kolleginnen 


Muͤnchen 


Albert Langen, 


4 


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rtiele d'hi 


1898 


ranzoͤſiſche Karikatur von Steinlen. 


„Sais-tu, comment ils t'appellent? 


5 


(Entre elles. 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


der im Kaufe geblieben ift und ſich nicht mit den anderen Gaͤſten verabſchiedet hat 
(Bild 117120). Daß Gibſon in der Sache, die er in feinem Blatte „Life“ zu 
fuͤhren uͤbernommen hat, raffiniert zu plaͤdieren verſteht, muß ihm unbedingt zuge— 
ſtanden werden. 

Eine andere, ebenfalls intereſſante Kategorie von Karikaturen auf die Frauen 
in der Ehe ſtellen die Karikaturen auf die Erziehung der Kinder dar. Fruͤher ſpielten 
darin jene Muͤtter die groͤßte Rolle, die der Geſellſchaft, dem Vergnuͤgen nachlaufen 
und ihre Kinder entweder ſich ſelbſt uͤberlaſſen oder dem geduldigen Manne auf— 
buͤrden. Gewiß iſt dies Motiv aus der Karikatur nicht verſchwunden, aber es iſt 
doch ziemlich abgedroſchen und hat darum anderen Nuancen Platz machen muͤſſen. 
Die Einfuͤhrung der Tochter ins Leben iſt heute eines der bevorzugteſten Themata. 
Fruͤher beſchraͤnkte ſich das auf die Erziehung zum Fleiß, zur Ehrbarkeit, zur Ord— 
nung. In dieſer einfachen Formel erſchoͤpfte ſich ehedem alle Erziehung und Auf— 
klärung durch die Mutter. 
Und wie man nur den ganz 
ſimpeln Unterſchied zwiſchen 
der pflichtbewußten und der 
pflichtvergeſſenen Mutter 
machte, ſo unterſchied man 
nur zwiſchen der fleißigen 
und guten und der faulen 
und boͤſen Tochter. Die 
fleißige wurde ſelbſtver— 
ſtaͤndlich gluͤcklich, die faule 
ungluͤcklich, ſie bekam Pruͤ— 
gel von ihrem Manne, 
und die Kinder verkamen 
im Schmutz. Heute wiſſen 
wir etwas mehr. Wir 


wiſſen, daß die ſogenannten 
„hausfraulichen Tugenden“ 
leider nicht das ausſchließ— 
liche Rezept zum voll— 
kommenen Ehegluͤck bilden, 
wir wiſſen, daß ſehr viele 
Frauen trotz dieſer Tugen— 


den ein Leben der ſteten 


„Ja, mein liebes Enkelchen, das iſt meine Großmutter.“ 


Qual und der Verzweiflung Unglaublich 
gefuͤhrt haben, und wir 123. Hermann Paul. Le Courrier Francais 


18 
237 


wiſſen weiter, daß die hauptſaͤchlichſte Urſache vieler Familienzwiſte, vieler ungluͤck— 
licher Ehen in der Unwiſſenheit des heranwachſenden Geſchlechts uͤber das Geſchlechts— 
leben beruht. Dieſe Erkenntnis hat gluͤcklicherweiſe allmaͤhlich zu der Einſicht gefuͤhrt, 
daß mit der ſeitherigen uͤbung des Daruͤberhinwegſehens als uͤber etwas, woran zu 
denken und wovon zu ſprechen immer Sünde ſei, wie es die muckerifch verbildete 
chriſtliche Morallehre gebot, unbedingt gebrochen werden muß, und daß im Gegenteil 
eine der wichtigſten Aufgaben der Erziehung des heranwachſenden Geſchlechts darin 
beſteht, dasſelbe rechtzeitig uͤber die Bedeutung und das Weſen des Geſchlechtslebens 
aufzuklaͤren. Rechtzeitig, das ſoll heißen, daß die keuſche Jungfrau nicht erſt am 
Tage der Hochzeit von der Mama in halb verdeckten Worten in das bitterſuͤße 
Geheimnis der Sache eingeweiht werde, ſondern daß das Maͤrchen vom Klapper— 
ſtorche den Kindern gegenüber ſchon zu einer Zeit von den Eltern entſchleiert werde, 
daß dieſe dieſer wichtigen Sache nie anders als unbefangen und aufgeklaͤrt 
gegenuͤberſtehen, ſobald die Sinne zu ſprechen anfangen. Der Juͤngling und die 
Jungfrau ſollen ſich klar ſein, welche Summe von Gefahren ihrer in der ſpeku— 
lativen Verfuͤhrung harren, welches ihre Pflichten gegenuͤber ſich ſelbſt und gegenuͤber 
einer ſpaͤter etwa zu gruͤndenden Ehe ſind. Dieſe elterliche Aufklaͤrungspflicht ſteht 
heute im Mittelpunkte der oͤffentlichen Diskuſſion, und das „Wie ſag' ich's meinem 
Kinde?“ bildet die große Streitfrage, das Schlagwort, in das die Frage gepreßt iſt. 
Dieſe Frage iſt zweifellos uͤberaus kompliziert, denn ſie laͤßt ſich nicht willkuͤrlich 
ausſchalten und fuͤr ſich allein loͤſen. Die ſeitherige uͤbung des „Nichtdaruͤber— 
ſprechens“ iſt kein bloßer krankhafter Auswuchs einer ſonſt vernünftigen moraliſchen 
Baſis, ſondern es iſt ein organiſch bedingter Beſtandteil der Geſamtmoral, ein Glied 
einer Kette. 

Vom Beginn der Diskuſſion an war dieſer Stoff ein Gegenſtand der Satire, 
des Witzes — es iſt ein zu verlockendes Thema; freilich nicht fir das Familienblatt, 
ſondern fuͤr jene, die ſich getrauen duͤrfen, wichtige Wahrheiten kuͤhn auszuſprechen. 
Natuͤrlich verhoͤhnte man nicht die Idee der Aufklaͤrungspflicht, ſondern man verhöhnte den 
ſeitherigen Brauch des gefliſſentlichen Verhehlens dieſer heikeln Dinge und der offtziellen 
Einfuͤhrung im letzten Augenblick. Zum erſteren hat der große engliſche Zyniker 
Beardsley, der die raffinierteſte Kunſt mit einer ebenſo raffinierten Pſyche verband, 
eine charakteriſtiſche Satire geſchaffen: „L’Education sentimentale“ (Bild 134). Die 
Vorgaͤnge der Natur ſind dem Maͤdchen von der vorſorglichen Mama als aͤngſtlich 
behuͤtetes Geheimnis vorenthalten worden. Die Mama, die die Gefahren anſcheinend 
genau kennt, will die Tochter bis zu dem großen Tage im Stande voͤlliger Unſchuld 
erhalten. Aber die vorſorgliche Mama wird furchtbar enttaͤuſcht, ſie uͤberraſcht die 
Tochter eines Tages beim heimlichen Briefſchreiben, und ſchon der erſte Blick in den 
Brief offenbart der entſetzten Mama, daß in der Phantaſie dieſer „Unſchuld“ laͤngſt 
alle Laſter der Perverſitaͤt ihre unheimlichen Bilder brauen: die „Moral“ hat zum 


138 


Aan 


Adolf Guillaume. 


Nachtmaͤr ſche 


Aus den großen Manoͤvern. Galante franzoͤſiſche Karikatur 


18° 


Gegenteil geführt! Beardsleys Blatt iſt ein dekoratives Meiſterwerk und ein 
ſatiriſches Kabinettſtuͤck zugleich. Die offizielle Einfuͤhrung der Tochter in die Ge— 
heimniſſe der Ehe am Tage der Hochzeit durch die verſchaͤmte Mama, die „daruͤber“ 
noch nie geſprochen hat, illuſtriert Gulbranſſon in dem Blaͤttchen „Wie ſag' ich's 
meinem Kinde?“ Gulbranſſon haͤlt keine Moralpauke, es iſt fuͤr ihn weiter nichts 
als ein grotesk-komiſcher Vorwurf, zu dem er mit dem ſouveraͤnen Rechte des Genies 
greift, alles in den Kreis ſeiner Kunſt ziehen zu duͤrfen. Und die Ausfuͤhrung recht— 
fertigt ihn, er verwandelt den Stoff zu einem grotesk-komiſchen Schlager erſten Ranges 
(Bild 133). Dieſe beiden Stuͤcke ſind aus der reſpektabeln Reihe der Karikaturen auf 
dieſes Motiv kuͤnſtleriſch zweifellos das Beſte. Etwas pikanter iſt der naͤchſte Akt, 
das Enfin seul, den Reznicek einmal im Simpliziſſimus illuſtriert hat. Die junge 
Frau kann ſich vor Angſt uͤber das Bevorſtehende nicht faſſen, ſie zittert und bebt 
und birgt verſtoͤrt den Kopf in den Kiſſen des Bettes, ſie hat es noch nicht vermocht 
auch nur einen Knopf ihres Kleides zu loͤſen. Der junge Gatte hat lange 
gewartet, endlich — es dauert zu lang — beruhigt er ſie: „Aber Elſe, du brauchſt 
doch nicht ſo zu zittern! 
Elſe iſt verblüfft: „Nicht? 
Aber Mama hat mir das 
doch vier Wochen lang ein— 
geuͤbt!“ Das iſt als feine 
Satire auf die Heuchelei ein 
elegantes Gegenſtuͤck zu Gul— 
branſſons Groteskhumor. 
Aus der Mutter der 
erwachſenen Kinder wird 
die Schwiegermutter. Die 
Schwiegermutter in der Kari— 
katur iſt wieder eine beſondere 
Kategorie der Karikaturen 
auf die Frau in der Ehe. 
Mit dem Begriffe „Schwieger— 
mutter“ verknüpft ſich unwill— 
kuͤrlich etwas Feindliches, et— 
was Stoͤrendes, etwas Über— 
fluͤſſiges, das Wort iſt faktiſch 
untrennbar von dieſen Vor— 
ſtellungen. Dieſe Begriffs— 
Am St. Valentinstag bildung iſt ganz natuͤrlich. Die 
125. N. Blahsfield. Amerikaniſche Karikatur Monogamie iſt natuͤrlich be— 


% 


DD) 
N 


140 


Dossin de Henuann Paut. — Tu m’embrasseras sous le tunnel, dis ch£ri. 


Eheliche Liebe 
126. Hermann Paul. Franzoͤſiſche Karikatur 
gruͤndet; darum iſt jede dritte Perſon innerhalb der Ehe unnatuͤrlich und ein ſtoͤrendes 
Element, das die Harmonie der Ehe in die groͤßte Gefahr bringt. Daß ſich aber zu 
allen Zeiten die Schwiegermutter als drittes in die Ehe einſchiebt, ſozuſagen als die 
Vorſehung, iſt ebenſo natuͤrlich. Warum ſoll ſie heute nichts mehr von der Sache 
verſtehen, nicht mehr dreinreden duͤrfen, wo ſie doch geſtern noch das anerkannte 
Recht hatte, alles ſogar beſſer zu verſtehen? Und darum redet ſie drein, ſie miſcht 
ſich drein, nichts ſoll ohne ſie geſchehen, zu allem will ſie erſt ihren Segen geben. Ent— 
zieht man ſich aber einmal ihren immer wachenden Argusaugen, dann ſchnaubt und 
jtöbert fie racheheiſchend durch Haus und Hof, durch Feld und Wald, fo wie ſie 
Hengeler — der Koͤſtlichſten einer aus den Fliegenden Blaͤttern! — als Zentauren— 
ſchwiegermutter in einem praͤchtigen Olgemaͤlde dargeſtellt hat. Das ewige Darein— 
reden und Vorſehung-ſpielen-wollen hat den Typ der Schwiegermutter zum Schrecken 
der Schrecken gemodelt, zu dem Begriffe, von dem man in allen Zeiten mit den 
heftigſten Worten geſprochen hat: „Schwiegermutter — Teufelsfutter“, ſo reimte das 
Mittelalter einfach, deutlich derb. Heute uͤbergießt man die Anklage mit Humor: 


141 


In der Wuͤſte der Sahara Nathan ſagte: „Kaͤm' ein Tiger, 

Ging der Nathan mit der Sarah: Sagt' ich: das iſt meine Schwieger— 

Er hauſirt mit Hofenfutter, Mutter — ich bin uͤberzeucht, 

Sie war ſeine Schwiegermutter. Daß das Untier dann entfleucht!“ 

Sarah ſagte: „Nathan, ſiehſte, Alſo ſprach der weiſe Nathan 

Rings herum iſt nichts als Wuͤſte; Kuͤhn zu ſeines Hauſes Satan, 

Wie willſt uns zu retten hoffen, Zu der Schwiegermutter Sara 

Kaͤm' ein Tiger jetzt geloffen?“ In der Wuͤſte der Sahara 
Viele tauſend aͤhnliche Verſe ſind ſicher in jeder Sprache zum Hohn der Schwieger— 
mutter geſungen worden (Bild 127). 

Die Schwiegermutter, wie ſie heute in der Karikatur lebt, iſt aber keine Karikatur 
auf die Schwiegermutter als ſolche, ſondern vielmehr auf einen Begriff. Es iſt die 
Rubrik, unter der die ewige Bevormundung der Jugend, des neuen Geſchlechts durch 
das Alter, das nicht anerkennen will, daß ſeine Zeit vorbei iſt, karikiert wird. In 
der Schwiegermutter ſymboliſiert und karikiert man das konſervative Element im 
Privatleben, das nur das Geſtrige als gut anerkennt, das Gute von heute verneint — 
und zwar nur deshalb, weil es eben von heute iſt — und das mit zaͤher Starr— 
koͤpfigkeit dem Heute und dem Morgen die Weisheit von Geſtern aufdraͤngen will. 
Oder am Kuͤrzeſten geſagt: Es iſt die Perſonifikation des ewigen Kampfes zwiſchen 
den Alten und den Jungen. 


Die Untreue der Frau. Es iſt ſicher eine reiche Ernte an Karikaturen, die 
man aus den bis jetzt beſchriebenen Teilgebieten des Themas von der Frau in der 
Ehe einzuheimſen vermag; und doch, wenn man alles zuſammenzaͤhlt, ſo reicht die 
Zahl, die herauskommt, wahrſcheinlich doch nicht an das heran, was die Untreue 
der Frau in der Ehe fuͤr ſich allein provoziert hat. 

Die Untreue der Frau hat gemaͤß den oben dargelegten Moralanſchauungen 
faſt zu allen Zeiten als der große Ungluͤcksfall der Ehe gegolten, ſchon daraus erklaͤrt 
ſich die ſtaͤndig gleich große Aufmerkſamkeit gegenuͤber dieſer Verfehlung. Die 
große Zahl von ſatiriſchen Dokumenten, die von dieſem Ungluͤcksfall erzaͤhlen, wird 
dann noch dadurch bedingt, daß es trotz der barbariſchen Strafen, die uͤber die un— 
getreuen Frauen verhaͤngt wurden, wie Stäupen, Naſeabſchneiden, Prangerſtehen 
uſw., nicht ein einziges Zeitalter gegeben hat — auch die ſittlich am hoͤchſten ſtehen— 
den Zeiten ſind davon nicht auszunehmen —, in dem nicht von zahlreichen Frauen 
wider das Gebot der ehelichen Treue geſuͤndigt worden waͤre. 

Die materiellen Geſichtspunkte, die bei der Mehrzahl der Eheſchließungen be— 
ſtimmend find, würden ſchon für ſich allein die Haͤufigkeit der ehelichen Untreue 


hinreichend erklaͤren: wo kein tieferes Gefühl vorwaltet, oder wo gar ein edleres 


142 


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Gefühl zugunſten materieller Intereſſen vergewaltigt worden iſt, da find von vorn- 
herein die ſittlichen Hemmungen, die die Treue zur Selbſtverſtaͤndlichkeit erheben, 
im weſentlichen ausgeſchaltet. Aber es braucht nicht einmal die Rache der durch ein 
Rechenexempel in ihrem Sehnen verkuͤrzten oder mißhandelten Kreatur zu ſein, die 
im günſtigen Augenblick losbricht: Hunderte der verſchiedenſten Urſachen und Kom— 
plikationen fuͤhren taͤglich in den Ehen, die auf den reinſten und edelſten Voraus— 
ſetzungen aufgebaut ſind, zu demſelben Reſultat. Die heißeſte Jugendliebe entſchleiert 
ſich nicht ſelten nach Jahren als ein großer Selbſtbetrug; denn es iſt leider kein 
Naturgeſetz, daß die Liebe bei beiden Gatten ewig waͤhren muͤßte. Wieder bei anderen 
verzehrt eine gluͤhende Sinnlichkeit, mit der die Natur das Blut gefättigt hat, alle 
Kraft des Widerſtandes, und die Gelegenheit zur Untreue findet eine offene Tuͤr, 
uſw. uſw. 

Aber nicht die Untreue der Frau als Einzelerſcheinung, als individueller ehe— 
licher Ungluͤcksfall, iſt die Hauptſache, ſondern ihre jeweilige Häufigkeit als Ausfluß 
der allgemeinen ſittlichen Zuſtaͤnde und der herrſchenden ſittlichen Anſchauungen und die 
Wichtigkeit des Ehebruchs als ſoziale Gefahr ſind maßgebend. Dieſe jeweilige Haͤufigkeit 
iſt darum unbedingt an dieſer Stelle zu veranſchaulichen, ſoferne dies nicht ſchon 

8 geſchehen iſt (vgl. S. 66— 70); freilich 
| kann dies nur in ganz ſummariſcher 

il || Weiſe geſchehen. 
N N 4 | Wenn man vom Zeitalter des 


AN IE e, \ Minnedienftes ſagen kann: dieſe 


zu 


N IM N l ganze Zeit ſtand zum Ehebruche 
nicht wie zu einem Laſter, ſondern 


il 
1 0 


2 
* 


vielmehr wie zu der oberſten ritter— 
lichen Tugend, ſo muß von dem 
naͤchſten wichtigeren Kulturabſchnitte, 
dem des aufſtrebenden ſtaͤdtiſchen 
Buͤrgertums, das Entgegengeſetzte 
geſagt werden. Hier galt die Treue 
der Frau als die höchſte und die 
wichtigſte der Tugenden. Das findet 
ſeine volle und ausreichende Erklaͤ— 


UT 


rung in den oͤkonomiſchen Lebens— 

bedingungen des ſtaͤdtebildenden 

e. 79 2 2 8 

Ach, mein Kind, die Männer find ſich alle gleich ... dein Buͤrgertums. Die Hauptkraͤfte des 

„gluͤckſeliger“ Paul ſieht nur deine Mitgift. Dein Vater war aufſtrebenden Bürgertums floſſen 
geradeſo, der hat nie etwas anderes geſehen ... und damals 8 ; 4 

hatte ich noch keinen Schnurrbart! aus dem zuͤnftigen Handwerk. Fuͤr 


128. Forain. Franzöſiſche Karikatur die Leiſtungsfaͤhigkeit des Handwerks 


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war aber bei der patriarchaliſchen Organi— 
ſation des Arbeitsverhaͤltniſſes, die jeden 
Geſellen und jeden Lehrling Tag und Nacht 
an das Haus des Meiſters band, Zuͤchtig— 
keit und Fleiß der Hausfrau die erſte 
Bedingung. Die Handwerkerfrau hatte 
von morgens fruͤh bis abends ſpaͤt fleißig 
die Haͤnde zu ruͤhren, wollte ſie die uner— 
laͤßliche Ordnung im Hausweſen aufrecht 
erhalten. Die Meiſterin, die es mit den 
Geſellen hielt und die Zeit der Abweſen— 
heit des Gatten benutzte, um mit einem 
ſympathiſchen Geſellen galante Geſpraͤche 
zu fuͤhren oder insgeheim in ſeine Kammer 
zu ſchluͤpfen, verſaͤumte ihre Pflichten und 
war der Untergang des Geſchaͤftes. Die 
Forderung der ehelichen Treue der Frau 


als Grundbedingung einer geſicherten „Beim beſeligenden Klange der Harfen und Tuben, 
materiellen Exi en uͤ rte zu der augen— fern von dem ſchmutzigen Gewimmel des gemeinen 
a ! * ſt 3 f h 5 ’ 9 5 Haufens leben wir in Schoͤnheit!“ 

faͤlligen Form der aͤußeren Sittſamkeit, Die Liebe der Aſtheten 

r „ 2 * 7 7 R 

die jener Zeit eigen iſt; denn fie wurde 129. -Soffot. Französische Karikatur 


auch mit Eifer von denen gewahrt, die 

insgeheim wider das Gebot der Treue ſuͤndigten. Daß dies in nicht ſeltenen Faͤllen 
geſchah, das illuſtriert in reichſter Weiſe die geſamte Volkslieder- und Schwank— 
liederliteratur, ebenſo zahlreiche Sprichwoͤrter, bei denen „die zaͤrtlichen Spiele, ſo 
die ſchoͤnen Frauen mit den jungen Geſellen treiben“, einen Hauptgegenſtand bilden. 
Wenn auch das Weſen dieſer ſaͤmtlichen Literaturgattungen das Generaliſieren iſt, und 
wenn es weiter im Weſen jeder Satire begruͤndet iſt, daß ſie uͤbertreibt, ſo waͤre es 
bei der ſtarken Beliebtheit und der entſprechenden Popularitaͤt dieſer Kunſtprodukte 
doch mehr als ſinnlos und willkuͤrlich, wenn man annehmen wollte, die Faſtnachts— 
ſpieldichter, die Schwankſchreiber und die Sprichwörterbildner hätten ſich das alles 
aus den Fingern geſogen. Übrigens erweiſen ſaͤmtliche neueren Quellenſtudien, wie 
zuverlaͤſſig die Sprache des Volksmundes iſt. 

Mit dem machtvollen Aufſtieg des Handels und dem allmaͤhlichen uͤbergang 
der Macht der Staͤdte aus den Haͤnden der zuͤnftigen Handwerker in die der ſchwer— 
reichen und immer reicher werdenden Pfefferſaͤcke verringerte ſich die Bedeutung der 
Untreue der Frau als ſoziale Gefahr, und damit veraͤnderte ſich ebenſo das aͤußerliche 
Bild. In dem Haushalte des Kaufmanns kam der Frau nicht mehr die wichtige 


Aufgabe zu, die ſie in dem des Handwerkers gehabt hatte. Im Kaufmannsſtand 
19 


145 


wurde die Frau vom Haus— 
halte emanzipiert und ſtieg 
zur Dame des Hauſes empor; 
aus der Arbeitsgenoſſin wurde 
ſchon ein Luxusgegenſtand, 
„den man ſich leiſten konnte“, 
und den man entſprechend 
dieſer Eigenſchaft auch mit 
wolluͤſtiger Pracht umgab. 
Der Kaufmann jener Zeit war 
uͤberdies haͤufig gezwungen, 
groͤßere, Monate dauernde 
Reiſen zu machen. — Dies 
alles zuſammen ergab fuͤr die 
Kaufmannsfrau folgendes: 
zum ſtaͤndigen Anreiz geſellte 
ſich die guͤnſtigſte Gelegenheit 
zur Untreue, und uͤberdies 
wirkten ihr die geringſten 
Hemmungen entgegen; die 
materielle Exiſtenz des Haus— 
haltes kam nicht im mindeſten 
in Gefahr, wenn die Frau 
gegen einen froͤhlichen Gaſt 
oder einen kecken Hausfreund 
nicht allzu ſproͤde tat. 

In jener Zeit kamen auch 
die regelmaͤßigen Reiſen der 
Frauen in die Baͤder auf, und 
ſolche Reiſen vermochten nur 
die reichen Kaufmannsfrauen 
zu machen. Zum Beweiſe 
dafuͤr, daß die Badereiſe in 
erſter Linie eine Reiſe zu Frau 
Venus war, mag ſchon das 
damals gepraͤgte ironiſche 
Wort genuͤgen, es ſei fuͤr unfruchtbare Frauen nichts vorteilhafter, als eine Reiſe 
ins Bad. In dem wuͤrttembergiſchen Bade Liebenzell befand ſich fruͤher ein uraltes 
Gemälde, Badraͤtſel genannt, das zeigte eine ſchwangere Frau, eine ſchwangere Magd 


Der Backfiſch 


130. Hermann Paul. Franzoͤſiſche Karikatur 


146 


und eine trächtige Hündin, 
und darunter ftanden die 
freilich nichts weniger als 
raͤtſelhaften Knittelverſe: 
Es war ein Mann, der hatt' ein 
Weib, 
die liebt' er, wie ſein eigen Leib, 
da aber das Weib nicht gebaͤren 
tat, 
ſo ſchickt er ſie in dieſes Bad. 
Weiß nicht, wie's kam — zur 
ſelben Stund 
ſchwanger war Weib, Magd und 
Hund. 


Der Genauigkeit wegen 
ſei hier noch hinzugefuͤgt, daß 
mit den Moͤnchen, die im 
17. Jahrhundert von Lieben— 
zell fortzogen, auch dieſer gute 
Ruf des Bades verſchwun— 
den iſt. 

Der am Ende des 
16. Jahrhunderts zur Herr— 
ſchaft gelangende Abſolutis— 
mus fuͤhrte in allen Laͤndern 
zu der gleichen, oben ſchon 
(S. 69 u. f.) geſchilderten 
ſittlichen Verwahrloſung, bei 
der die Untreue zur Alltaͤg— 
lichkeit, zum pikanten Selbſt— 
zweck und ſchließlich zur ober— 


ſten Tugend wurde. 

Die erſte Errungenſchaft 
jener Zeit auf dieſer Bahn 
war der offiziell anerkannte 
Hausfreund, und zwar in der 
Inſtitution des Cicisbeo oder 
Cavaliere servente. Dieſe Inſtitution kam in Italien auf und gelangte dort auch, 
ſowie in Spanien, zur hoͤchſten Blüte. Ein zeitgenoͤſſiſcher Schriftſteller ſchildert die 
Dienſte des Cicisbeo in folgender Weiſe: 


Die alte Jungfer 


131. Hermann Paul. Franzoͤſiſche Karikatur 


19 * 


147 


„Das Cicisbeat der Italiener ift aus zwei Elementen zufammengebildet: aus der Galanterie 
des Rittertums und der neuern Geſelligkeit. Als jene die Damen nicht mehr vor Raub und Mord 
zu ſchuͤtzen und ihren Habedank in Turnieren zu gewinnen Gelegenheit fand, bot der Ritter ſeiner 
Gebieterin den entharniſchten Arm und fuͤhrte ſie durch die Straßen, hob ſie in den Wagen, trug 
ihr den Faͤcher nach, ſtand in Feſten und Schauſpielen hinter ihrem Stuhle und fluͤſterte mit ihr; 
davon erhielt er den Namen Cicisbebo. In Genua ſoll die allmaͤhlich einſchleichende Sitte zuerſt 
die Macht eines ehelichen und geſelligen Geſetzes erlangt haben: die bluͤhende Handelsſtadt bedurfte 
desſelben mehr als andere. Der Drang der Geſchaͤfte trennte den Ehemann ſo oft und ſo lange 
von ſeiner Frau, daß dieſe waͤhrend ſeiner Abweſenheit eines ſtellvertretenden Begleiters und 
Geſellſchafters kaum entbehren konnte, wenn ſie nicht tyranniſch eingeſperrt werden ſollte. Die von 
Fremdlingen aller Lande wimmelnden Straßen moͤgen auch wohl einen maͤnnlichen Schutz fuͤr jeden 
Ausgang beſonders noͤtig gemacht haben. So wurde denn durch beiderſeitige uͤbereinſtimmung ein 
Hausfreund gewaͤhlt, ein armer Verwandter oder ein Geiſtlicher, der nun ein fuͤr allemal den Schutz 
und die Wacht der anvertrauten Ehefrau übernehmen mußte .. . Was die Notwendigkeit erzeugt hatte, 
das wurde bald von der Mode genaͤhrt und ausgeſchmuͤckt und verbreitete ſich uͤber das ganze 
Italien ... In der Wahl herrſcht, nach den Umſtaͤnden, bald der Geſchmack der Frau, bald die Eiferſucht 
des Mannes, bald gemeinſchaftliche, uneigennuͤtzige Übereinkunft; nicht ſelten iſt auch ſchon im Ehe— 
kontrakte eine vorläufige Wahl getroffen worden. Der Kavalier erſcheint alle Morgen bei der 
Toilette ſeiner Dame und ſucht ihr beim Putzen behilflich zu ſein und ſie zu unterhalten. Dann 
fragt er nach ihren Befehlen fuͤr die Anordnungen der Vergnuͤgen des Tages, die er vorbereitet 
und auch oͤkonomiſch beſorgt, entweder aus eigener, oder aus ihrer Kaſſe, je nachdem die Verhaͤlt— 
niſſe es erfordern. Er fuͤhrt ſie zu jedem Beſuche, und wo ſie ſelbſt Beſuche empfaͤngt, macht er 
die Honneurs. An ſeinem Arme luſtwandelt ſie im Korſo, an ſeiner Seite ſitzt ſie in der Karoſſe, 
in der Konverſation und dem Schauſpiele ſteht er hinter ihrem Stuhle. Nur zu der Mittagsmahlzeit 
und dem Schlafe uͤberliefert er ſeine Dame dem Eheherrn, der ihm zu keiner Stunde den Eintritt 
in ſein Haus erſchweren darf.“ 


Das Cicisbeat iſt haͤufig mit derſelben Gloriole des Platoniſchen umwoben 
worden wie der mittelalterliche Minnedienſt; dieſelbe nichtsſehenwollende Vergangen— 
heitsſchwaͤrmerei hat ſich darin gefallen. Dieſe Inſtitution iſt aber niemals etwas 
anderes geweſen als hoͤchſtens eine poetiſche Verherrlichung des Ehebruchs und hat 
mit wenigen Ausnahmen in nichts anderem gegipfelt als in den Pikanterien des ehe— 
brecheriſchen Geſchlechtsgenuſſes. 

In Deutſchland entwickelte ſich ein Cicisbeat im eigentlichen Sinne nicht, 
dafuͤr aber das Syſtem des Hausfreundes. Welche Abſichten der vorſichtige Gatte 
dieſem unterſchob, erhellt daraus, daß auch noch das 17. Jahrhundert den Gebrauch 
des Italieniſchen Schloſſes, wie man damals in Deutſchland den Venusguͤrtel nannte, 
als Schutz der ehefraulichen Treue kannte. 

Selbſt Laͤnder wie die Schweiz zahlten in dieſem Zeitalter ihren Tribut an die 
allgemein herrſchende Galanterie, d. h. ſie uͤbernahmen ſie ebenfalls. Intereſſante 
Zeugniſſe dafuͤr enthalten die Schilderungen Caſanovas, die als ſittengeſchichtliche 
Dokumente von größter inſtruktiver Wichtigkeit find. Zur Charakteriſtik für die 
Schweizerinnen von damals ſei nur Caſanovas Erlebnis mit der jungen und ſchoͤnen 


148 


Yung, 


Ein Match, oder: „Wer verliert, gewinnt“ 


132. Adolf Guillaume. Galante franzoͤſiſche Karikatur. Journal pour tous 


Solothurner Patrizierfrau her— 
vorgehoben, das er etwa ums 
Jahr 1760 in Zuͤrich hatte. 
Die Dame kam mit ihrer 
Tante auf dem Wege nach 
dem Kloſter Einſiedeln, wo ſie 
beichten wollten, nach Zuͤrich, 
wo ſie in demſelben Hotel 
abſtieg, in dem Caſanova 
wohnte. C. verliebte ſich 
beim erſten Anblick ſterblich 
in die Dame; und um ſich 
ihr ungeniert naͤhern zu koͤnnen, 
verkleidete er ſich ſofort, noch 
ehe er mit der Dame ein 
Wort gewechſelt hatte, als 
Kellner, beſtach den wirklichen 


Kellner, damit der ihm ſeinen 
Die bange Stunde naht, in welcher Herzblaͤttchen ſich von der Bruſt x : 
der Mutter losreißen fol, um dem geliebten Manne zu folgen. Platz abließe 7 und bediente 


Da tritt eine ſchwere Aufgabe an die Mutter heran. Noch ſind die 19 ‚ ‚ 
Vorgaͤnge der Natur ein aͤngſtlich behuͤtetes Geheimnis für das unfchuldige die Damen auf ihrem Zimmer. 


Mädchen geblieben. Es geht nicht länger. Herzblaͤttchen muß erfahren, C. hatte nicht falſch ſpekuliert 

daß das Maͤrchen vom Klapperſtorche ſich in bitterſuͤße Wirklichkeit ver— - £ 

wandelt. ſchon nach einer halben Stunde 
Und ein Seufzer entringt ſich der gepreßten Mutterbruſt: e ; 

„Wie ſag' ich's meinem Kinde?“ nahm die junge Dame die an— 

133. Olaf Gulbranſſon. Simpliziſſimus gebotene Hilfe bei ihrer Toilette 

in Anſpruch und verwehrte C. 

auch nicht, beim Aufſchnuͤren ihrer Halbſtiefel die pikanteſten Feſtſtellungen über die Schoͤn— 

heit ihrer Beine zu machen. „Ich band das Band ihrer Hoſen auf und ergoͤtzte mich am 

Anblick und noch mehr am Betaſten ihrer koͤſtlich geformten Waden,“ ſchreibt Caſanova. 

Die Dame hatte ſelbſtverſtaͤndlich trotz aller Geſchicklichkeit Ces die Verkleidung ſehr 

bald erkannt und auch begriffen, zu welchem Zwecke ſie unternommen worden war. 

Der Anſtandskodex der herrſchenden Galanterie haͤtte es als eine unentſchuldbare Haͤrte 


bezeichnet, wenn ſie ſoviel galante Unternehmungsluſt nicht damit belohnt haͤtte, daß 


ſie ihm die Gelegenheit gab, ſich zu uͤberzeugen, daß die Schönheit des umworbenen 
Gegenſtandes ſolchen Eifers wohl wert ſei. Das Wichtigſte iſt, daß ein ſolches 
Benehmen typifch iſt; und das belegen außer Caſanova noch verſchiedene andere 
zeitgenoͤſſiſche Schilderungen. 

Der Peſthauch, den das Maitreſſenregiment in ſaͤmtlichen großen und kleinen 
Reſidenzen Deutſchlands ausſtroͤmte, ſteckte mit ſeiner Faͤulnis ſelbſt das kleine Buͤrger— 
tum an; und es iſt mehr als ein unfreiwilliger Witz, wenn um jene Zeit einmal 


150 


eine um das Wohl ihres Sohnes beſorgte Schwabenmutter ihrem Karl den folgenden 
Rat nach Stuttgart ſchrieb: „Huͤte dich, lieber Karl, vor liederlichen Menſchern, 
und kannſt du es nicht laſſen, ſo ſpreche lieber eine ehrliche Frau an, ſie wird dir's 
nicht abſchlagen.“ In Stuttgart reſidierte der Menſchenſchacherer Karl Eugen, deſſen 
Harem zu den reichſtbeſetzten jener Zeit zählte, und den wenigſtens fuͤr einen Tag zu 
zieren der Wunſch gar mancher ſchmucken Stuttgarterin war. Dieſen Wunſch ſah auch 
manche erfuͤllt, und der einſichtige Gemahl hieß ſeine Erfüllung gern fuͤr die Anwart— 
ſchaft auf irgend eine Sinekure gut. Kein Wunder, daß bei ſolcher untertaͤnigen 
Dienſteifrigkeit in der Liebe zu jener Zeit immer noch fleißig das Wort im Schwange 
war: „Mutter gibt ſo guten Kaufs als Tochter.“ So iſt's im Süden; das gleiche 
Bild zeigt der Norden, das 
gleiche der Weſten, das 
gleiche der Oſten. Welche 
laxe Moral die rheiniſchen 
Kurfuͤrſten unter dem 
Buͤrgertum verbreiteten, 
das erweiſen ſaͤmtliche 
Schilderungen der Hof— 
feſtlichkeiten, zu denen das 
wohlhabende Buͤrgertum 
Zutritt hatte. Caſanova 
liefert auch hierfür ein klaſſi— 
ſches Beiſpiel, und zwar 
in ſeinem Verhaͤltnis mit 
der Koͤlner Buͤrgermeiſterin, 
die er auf dem Ball eines 
rheiniſchen Kurfuͤrſten 
kennen lernte, und bei der 
er ebenſoviel bereitwilliges 
Entgegenkommen fand wie 
in Zuͤrich. Wien iſt die 
ganze Zeit mit Recht wegen— 
ſeiner laxen Sitten beruͤch— 
tigt geweſen. Der Familien— 
geiſt und das Familien— 
leben waren dort ſeit 
lange vollſtaͤndig zerruͤttet. 
„Man muß ſeinen Naͤchſten L' Education sentimentale 

lieben wie ſich ſelbſt, d. h. 134. Aubrey Beardsley. Engliſche Karikatur 


151 


man muß das Weib eines anderen fo liebhaben wie fein eigenes“, galt als die 
oberſte der „Wiener Maximen“ Die Epoche der groͤßten Sittenfaͤulnis in Wien 
ſtellt wohl die Zeit der Herrſchaft von Maria Thereſias Keuſchheitskommiſſion dar, 
und zwar als Folge dieſer Inſtitution. Wenn etwas dazu beitrug, die Familie vollends 
zu korrumpieren, ſo war es dieſe Inſtitution. Sie trieb das Unheil gerade in die 
Familie und zuͤchtete dort foͤrmlich den Ehebruch. Da jede öffentliche Betaͤtigung 
erotiſchen Genießens verboten war, ſo uͤbte man's hinter der ſorglich geſicherten 
Kammertuͤr, wo natuͤrlich im Liebes-ABC auf das X viel raſcher das B und die 
anderen Buchſtaben folgten als beim Schein der Laterne oder im Lichte des Tanz— 
ſaals. Da aber die Sittenpolizei auch das Recht hatte, in den Geheimniſſen der 
Familien zu ſchnuͤffeln, ſo wucherten aus dem Ehebruch und der Verfuͤhrung ebenſo 
üppig die Verbrechen der Kindesabtreibung und des Kindesmords empor. 

Am Ausgang des 18. Jahrhunderts tobte uͤberall derſelbe Cancan von Aus— 
ſchweifung wie in Frankreich (vgl. S. 69), bei dem man die Frage der Untreue 
haͤufig nicht ernſter behandelte, als die Frage, ob man einem Diner einen Gang mehr 


„Gnaͤdige Frau, der Krämer iſt da .. .“ 
5. Adolf Willette. Franzoͤſiſche Karikatur 


152 


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— Ich habe die Wahl, ich kann eine Liebes- und eine Geldehe eingehen. 
— Dann heirate aus Liebe, dem andern kannſt du während deiner Ehe das Geld immer noch abnehmen. 


136, F. von Reznicek. Simplieiſſimus 


beifuͤgen ſolle oder nicht. Nur die Formen ſind je nach der allgemeinen Kulturhoͤhe 
roher oder feiner. Man behauptet, daß in der Roheit des Genießens den Berlinerinnen 
die Palme gebuͤhrt haͤtte. Über die Zuchtloſigkeit der Berlinerinnen am Ausgang des 
18. Jahrhunderts urteilt der bekannte Verfaſſer der „vertrauten Briefe uͤber die 
inneren Verhältniſſe am preußiſchen Hofe ſeit dem Tode Friedrichs II.“ u. a. in folgen— 
der unverbluͤmter Weiſe: 


„Die Weiber ſind ſo verdorben, daß ſelbſt vornehme Damen von Adel ſich zu Kupplerinnen 
herabwuͤrdigen, junge Frauen und Mädchen von Stand an ſich ziehen, um ſie zu verfuͤhren, wobei 
ſie die Kunſt verſtehen, leichte Anſteckungen zu kurieren, fuͤr Schwangerſchaften aber kuͤnſtliche 
Praͤſervative zu verkaufen. Manche Zirkel von ausſchweifenden Weibern vereinigen ſich auch wohl 
und mieten ein moͤbliertes Quartier in Kompanie, wohin ſie ihre Liebhaber beſtellen und ohne 
Zwang Bacchanale und Orgien feiern. Du findeſt oft in den Bordellen noch wahre Veſtalinnen 
gegen manche vornehme Berliner Dame, die im Publiko als Tonangeberin figuriert. Es gibt vornehme 
Weiber in Berlin, die ſich nicht ſchaͤmen, im Schauſpielhauſe auf der H. ... bank zu ſitzen, ſich 
hier Galane zu verſchaffen und mit ihnen nach Hauſe zu gehen.“ 

20 


153 


Wenn der Abſolutismus nach feinem ganzen Weſen die ſittliche Korruption in 
jeder Form bedingt und dieſe auf Schritt und Tritt wie betaͤubende Bluͤten auf— 
ſprießen laͤßt, ſo daß alles oͤffentliche und private Leben einem einzigen ſtinkenden Sumpfe 
gleich wird, ſo war die buͤrgerliche Geſellſchaft infolge der rieſigen wirtſchaftlichen 
Kraͤfte, die ſie zeugten, in ihren Anfangsſtadien von einem ſolchen uͤberſchwang an 
Kraft erfuͤllt, daß er nicht zu baͤndigen war und darum aͤußerlich zu aͤhnlichen 
Reſultaten fuͤhrte wie der Abſolutismus, d. h. alſo ebenfalls zu ſchrankenloſer Aus— 
ſchweifung. Wird das erſtere durch die Geſchichte des Ancien Regime illuſtriert, ſo 


„La Rieuse“ 


Sie hat gelacht — ich war entwaffnet. 
Byron (Don Juan) 


i (Die Szene ſpielt in der Junggeſellenwohnung meines Freundes 
X . . Auf dem Tiſche, den man im Spiegel bemerkt, ſteht ein 
Flacon Elixir — für alle Fälle.) 


r. — Ach, da iſt ſie ... wie mein Herz klopft! .. 


2. Ha! ha! ha! ... Ach das iſt komiſch! Ha! ha! ha!... 


iſt fuͤr das letztere die Geſchichte 
Englands nach der Revolution von 
1649, und vornehmlich von den 
Zeiten der Reſtauration an, das 
draſtiſche Beiſpiel. 
abenteuerlich wie die Formen des 
urſpruͤnglichen Kapitalismus in 
England waren — ſo abenteuer— 
lich ſind die Formen des geſamten 
geſellſchaftlichen 
Leben geweſen. Wie ein Athlet, 


Genau ſo 


privaten und 


der bei jeder Gelegenheit und vor 
aller Welt mit ſeinen herkuliſchen 
Kraͤften protzen will, die ſchwerſten 
Gegenſtaͤnde erſt ſpielend auf ſeinen 
Haͤnden tanzen laͤßt, bevor er ſie 
mit droͤhnendem Gepolter auf den 
Boden ſtellt, ungefaͤhr ſo hat ſich 
der moderne buͤrgerliche Staat in 
England 
Ohne Manier, ohne Takt, ohne 
Maͤßigung, tobend und bruͤllend, 
mit brutalen Gebaͤrden zeigend, 
daß ſein Vermoͤgen ſo ſtark war 
wie ſeine Begierden. Wer ſeine 


haͤuslich eingerichtet. 


Kraft zeigen will, uͤbertreibt natuͤr— 
lich. Darum iſt es eine Selbſt— 
verſtaͤndlichkeit, daß in dem Eng— 
land jener Tage das Rieſenhafte 
das Gewoͤhnliche war, daß man 
die ſittlichen und die rechtlichen 


Schranken bei jeder Gelegenheit 
ſprengte, und daß die Ausſchwei— 
fungen im Geiſtigen und im 
Sinnlichen zur Regel des taͤglichen 
Lebens gehörten. Man pflückte 
jeden Genuß, nach dem einen ver— 
langte, mit kecker Hand, wo er 
ſich bot; der Widerſtand derer, 
die ſich ſtraͤubten, wurde ohne viel 
Gewiſſensſkrupel gebrochen, gleich— 
viel, ob das Opfer wollte oder 
nicht. Man genoß aber nicht bloß, 
man ſchwelgte; das gilt vom Eſſen, 
vom Trinken und von der Liebe. 
Verfuͤhrung und Untreue waren in 
den meiſten Klaſſen eine ſtehende 
Erſcheinung. Wenn die Eltern 
zu einer gewagten Verbindung nicht 
gleich Ja und Amen ſagten, ent— 
fuͤhrte man keck die zu allem bereite 
Tochter, und in ſauſendem Galopp 
ging es zum Schmied von Gretna— 
Green an der ſchottiſchen Grenze, 
der ohne viel Umſtaͤnde und zu 
jeder Tages- und Nachtzeit liebende 
Paare kopulierte; die Namen der 
vornehmſten und reichſten Ge— 
ſchlechter prangten in ſeinem Ehe— 
regiſter. Aber nicht nur junge 
Maͤdchen wurden entfuͤhrt, ſon— 
dern auch zahlreiche Frauen. Die 
Untreue lockte an jeder Tuͤre. Der 
Mann hielt ſich Maitreſſen, die 
Frau Liebhaber. Die Eheſchei— 
dungsprozeſſe machten haͤufig den 
Hauptinhalt der Zeitungen aus, 
und die ungeheuerlichſten Zuſtaͤnde 
wurden dabei offenbar. Als der 
Lord Worſeley den Entfuͤhrer 


3. (Hinter den Kuliſſen) Ha! ha! ha! ... hi! hi! hi! ... das 
iſt zu komiſch ... 


4. Hi! hi! hi! ... Stellen Sie ſich vor ... hi! hi! hi! Stellen 


Sie ſich vor.. 


eee 


5. Stellen Sie ſich vor ... 


155 


hi! hi! hi! o! o! o! 
28 


6. Ach, das iſt zu komiſch. .. 


ha! ha! ha! 


7. Ol ol o! 


% ee e 


hi! hi! hi!. 


Nein eee 


Ich kann nicht mehr . - - 


in den Wagen flieg .. 


Stellen Sie ſich .. 


Ha! ha! ha! 


ſeiner Frau, einen Leutnant, auf 
den Schadenerſatz verklagte, den 
das engliſche Geſetz dem betrogenen 
Gatten zuerkennt, da lud die ſchoͤne 
Lady Worſeley, um ihren Lieb— 
haber vor einer empfindlichen 
Geldbuße zu bewahren, nicht 
weniger als vierunddreißig junge 
Leute der vornehmen Londoner 
Geſellſchaft als Zeugen vor, „die 
alle ausſagen ſollten, daß auch ſie 
Gunſtbezeugungen von ihr erhalten 
haͤtten“, und ſiebenundzwanzig von 
ihnen erſchienen auch vor der Barre 
(Bild 74). Niemals und nirgends 
hat es in einem Lande ſoviel Faͤlle 
von Bigamie gegeben wie in dem 
England des 18. Jahrhunderts, 
und Frauen wie Maͤnner haben 
deswegen vor Gericht geſtanden; 
verſchiedene ſolche Prozeſſe machten 
in der ganzen Welt ein ungeheures 
Aufſehen, ſo der der Herzogin 
von Kingſton im Jahre 1773. 
So ſchnell man die Ehebande 
knuͤpfte, ſo leichtfertig loͤſte man 
ſie auch wieder, um ſie ebenſo jaͤh 
und leichtfertig wieder mit einem 
zweiten und dritten zu knuͤpfen ... 

Dieſe wilden Wogen glaͤtteten 
ſich erſt allmählich im 19. Jahr- 
hundert. Hier aber auf der ganzen 
Linie. Der Abſolutismus wurde 
uͤberall von der Bourgeoiſie ab— 
geloͤſt, und das buͤrgerliche Zeit— 
alter emanzipierte ſich von ſeinen 
Flegeljahren. Im 19. Jahrhundert 
vollzog ſich langſam der Umſchwung 
zu einer hoͤheren Sittlichkeit, und 


zwar in dem gleichen Maße, als 
höhere geiſtige und politiſche Inter— 
eſſen in die Maſſen drangen. Eine 
Epoche großer, allgemeiner Aus— 
ſchweifung hat zwar auch dieſes 
Zeitalter noch einmal geſehen: das 
zweite franzoͤſiſche Kaiſerreich mit 
der Weltherrſchaft der Koͤnigin 
Kokotte. Wenn man fuͤr die 


darauf folgende Generation und 
fuͤr die Gegenwart die Tatſache 
einer höheren Sittlichkeit in Anz 
ſpruch nimmt, ſo beſteht diefe frei— 
lich nicht in einem durchgehend 
befriedigenderen Zuſtande der 
oͤffentlichen und der privaten 
Moral, ſondern in dem ſtaͤndigen 


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und, wie die Erfahrung gezeigt 0 4 N 

hat, durch nichts mehr aufzuhalten 8 

den Wachstum der Volk⸗sſchicht, Y 

die einen ſieghaften Aufſtieg zu y 

einer reineren Kulturhoͤhe für alle 

Kulturvoͤlker garantiert. Die bei- \ 

den Grenzen dieſer Menſchheit, zu . 

denen die moderne wirtſchaftliche 10. — Mein lieber Freund, nicht wahr, meine Frau iſt reizend? 
\ 8 Sie tft immer vergnuͤgt, fie lacht fortwaͤhrend ... 

Entwicklung führt, das Lumpen⸗ Der Kuͤnſtler (träumerifch): Sie lacht ein klein wenig zu 


proletariat unten und die Pluto— viel. 


kratie oben, zeugen heute freilich e eh ee e een e 
noch dieſelben antiſozialen Ten— 

denzen, wie ſie einerſeits der Barbarei des Mittelalters, anderſeits dem Raffinement 
des niederſinkenden Abſolutismus eigentuͤmlich waren. Dieſe beiden Pole der heutigen 
Menſchheit ſind ebenſoſehr in den ſittlichen Schmutz getaucht wie die ihnen ent— 
ſprechenden Schichten und Klaſſen im 18. Jahrhundert. Und das Oben und Unten 
ſteht heute wie damals Schulter an Schulter, wenn ſie ſcheinbar auch weltenfern 
von einander geſchieden ſind. Dem aller Welt bekannten ſchmutzſtarrenden Laſter der 
Tiefe iſt das goldſtarrende Laſter der Hoͤhe ein durchaus ebenbuͤrtiges Seitenſtuͤck. Die 
Wahrheit dieſer Behauptung vermag eine einzige Gegenuͤberſtellung zu erweiſen: Im 
Lumpenproletariat von heute wird in Tauſenden von Faͤllen der Gatte taͤglich zum 
Zuhaͤlter der eigenen Frau; in der exkluſiven internationalen Geſellſchaft iſt die tiefe 


157 


Schmach des Mittelalters die neueſte Errungenſchaft des raffinierten Sinnenkitzels, 
— der Gebrauch des goldziſelierten Keuſchheitsguͤrtels zum Schutze der Frau gegen 
Untreue iſt die modiſche Faͤulnisbluͤte des Tages, der mit luͤſterner Koketterie und 
Pikanterie gefroͤnt wird. ©: 


Sp umfangreich die Zahl der Karifaturen auf die Untreue der Frau in allen 
Zeitaltern iſt, ſo abwechflungsreich iſt auch die Art der tendenzioͤſen „Ausſchlachtung“ 
dieſes großen Ungluͤcksfalles der Ehe. Allerlei Beſtrebungen und Abſichten hat dieſes 
Motiv zum Stoffe gedient und ſich bei allen als gleich dankbar erwieſen: der ſtrengen, 
mahnenden und verurteilenden Moral, der tragiſchen Lebensphiloſophie, der augen— 
verdrehenden Pruͤderie, dem Humor und der Groteske in allen ihren Steigerungen, 
und nicht zuletzt der galanten Spekulationsſucht, die ſich vorrechnet, wie unendlich 
viel Pikantes ſich dabei auftiſchen laͤßt. Im perſoͤnlichen Streite diente dieſes Motiv 
dem Haß, der Rachſucht, der Schadenfreude, der pamphletiſtiſchen Verleumdung. In 
der Gegenwart iſt dieſes Motiv ſchließlich zum Haupthilfsmittel der ausgeſprochen 
anklaͤgeriſchen Satire geworden, um gerade damit die innere Unjittlichfeit unſerer 
privaten Moral zu erweiſen. Die groͤßte Abwechslung in den Formen und den 
Tendenzen der karikaturiſtiſchen Behandlung der Untreue findet ſich natuͤrlich eben— 
falls in der modernen Karikatur. Man koͤnnte heute beinahe ſagen: ſoviel Kuͤnſtler— 
namen, ſoviel Geſichtspunkte. 

Das Behagen an ſaftigen Scherzen und an handgreiflicher Galanterie, das das 
ganze Mittelalter beherrſchte, und das gerade die fruͤhen Darſtellungen der geluͤſtigen 
Frauen, die kecken Buhlern nicht allzu ernſtlich wehren, aufs deutlichſte dartun, hat im 
geſamten Leben noch ſehr lange vorgewaltet, denn es lebt heute noch faſt ungemildert 
in den primitiven Volksſchichten, aber die Tendenz der Karikaturen des 15. und 
16. Jahrhunderts auf die eheliche Untreue war darum doch, gemaͤß den ſtrengen ſitt— 
lichen Forderungen des aufſtrebenden Buͤrgertums, rein moraliſierend. Die Dar— 
ſtellung war natuͤrlich derb und handgreiflich. Das gilt auch von der daran gehaͤngten 
Moral, die ſo einfach und diktatoriſch iſt wie Katechismusſpruͤche. Das untreue 
Weib leiſtet in Abweſenheit des Mannes dem Gaſt im Bade unzuͤchtige Geſell— 
ſchaft, und die ſatiriſche Moral lautet: „Die Ehebrecher“ (Bild 51). Auf anderen 
Bildern laͤßt ſich das untreue Weib von einem anderen Manne umarmen, liebkoſen, 
betaſten, und darunter ſteht „Du ſollſt nicht ehebrechen“ (Bild 58), „Das unkeuſche 
Weib“, oder etwas aͤhnliches. Wieder auf anderen geht der Hohn gegen den Gatten: 
„Der mag wohl han einen guten Magen, der geſtadt, daß ſein Frau ihr Profuntzen 
Feyl mag jedermann heimtragen.“ Dieſe Bilder erſchienen teils als Titelbilder zu 
Broſchuͤren mit ernſt ſatiriſchem Inhalt, teils als Illuſtrationen zu den zehn Geboten, 
teils als Buchilluſtrationen in den verbreiteten Volksbuͤchern. 

Die bei weitem wichtigſten Dokumente der ſatiriſchen Moral jener Zeit ſind 


158 


Der Handel 


Hat gezetert und geweint, 

Wie der Handel sich geeint, 
Doch die Hexe hielt sie fest 
Bei der Hochzeit ohne Gäst'. 
Hör noch ihren gellen Schrei, 
Und dann war der Spuk vorbeı, 
Nur drei Kröten schlüpfen träg 
Leise, leise übern Weg." 


Um den Galgen surrt der Wind 
„Sie verkauft ihr eigen Kind, 

Hat die Kleine nicht gefragt, 

Was sie zu dem Freier sagt, 

Der mit. stiller welker Hand 

Zählt Dukaten in den Sand, 
Golddukaten Kling um Kling. 
Schluchzend stand das junge Ding, 


147. Wilhelm Schulz. Simplieiſſimus 


PBSTN NER 


“ There must be some mistake I ordered a gold one.“ 


148. A. Blaſhfield. Amerikaniſche Karikatur. Life 


jedoch die ſatiriſchen Einblattdrucke, die, teils ſchwarz, teils koloriert, von den 
Haͤndlern mit Fliegenden Blaͤttern auf den Maͤrkten in Dorf und Stadt verkauft 
wurden. Einen ſolchen ſatiriſchen Einblattdruck des 16. Jahrhunderts zeigt das Blatt 
„Vom Ehbruch“ von dem Nürnberger Briefmaler Hans Hofer (ſiehe Beilage). 
Dieſes Flugblatt iſt in verſchiedener Hinſicht wertvoll und inſtruktiv. Der Text iſt 
die Hauptſache, er beſteht aus gereimten Ratſchlaͤgen, wie ſich der kluge Mann vor 
der Untreue ſeiner Frau ſichern koͤnne. „Wer durch die Finger ſehen kann Und 
laͤßt ſeine Frau einem andern Mann“, nun, der duͤrfe ſich nicht wundern, wenn die 
Katz das Mauſen nicht laſſe. Dieſe Anfangszeilen ſind ſymboliſch im Bilde dar— 
geſtellt. An anderer Stelle wird dem Manne vorbeugende Klugheit vor allem 
empfohlen: „Voraus lug und tu aufſchauen, Wer hat ein ſchoͤn und geile Frauen“, 
ein ſolcher ſei in erſter Linie davor zu warnen, daß er „Viel Gaͤſt fuͤhr mit ihm 
heim“. Die Beweisfuͤhrung, die Nutzanwendung des Verfaſſers dieſer Verſe iſt da— 
durch intereſſant, weil ſie das bekannte Zuruͤckgreifen der Renaiſſance auf die Antike 
charakteriſtiſch offenbaren. Das Unheil, das den Unklugen droht, wird mit der 
Geſchichte des Menelaus, des Paris, des Agamemnon bewieſen. 

In verſchiedenen ſatiriſchen Flugblaͤttern auf die Untreue der Frauen wird den 
Maͤnnern dringend vom Reiſen abgeraten: „Weilen die Maͤnner ziehen nach Kom— 
poſtell, ihre Weiber ſich legen auf Pumpernell“ (Fiſchart)); das wurde „gar deutlich 
in Brieflein abgemalet“. 

Da bekanntlich in jener Zeit der Bauer das bevorzugte Spottobjekt war, ſo 
knuͤpfen ſich auch an die Bauernweiber beſonders zahlreiche ſatiriſche Pointen, deren 
meiſte ſich auf die Bereitwilligkeit der Bauernweiber zur Untreue beziehen: „Solange 
die Bauern Weiber haben, denken die Pfaffen nicht ans Heiraten“, das iſt eines 
der landlaͤufigſten Sprichwoͤrter des 16. Jahrhunderts. Dasſelbe Motiv bietet den 
Stoff zu zahlloſen ſatiriſchen Schwaͤnken und Volksliedern: „Die junge Baͤurin 


160 


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IVQIQUYISIUVIHIQIAC a 


wg yagnaadıun uopaobune 
woquna ue woagı e echt ol aaaag hene eee eee wen ehe dog een eee uoa al wa ana} enn anal In eee c aun 


beichtet nirgends ſo gern wie zu Haus unter einer Pfaffenkutte.“ In kriegeriſchen 
Zeitlaͤuften haben der Moͤnch und der Pfaffe im Landsknecht einen erfolgreichen Neben— 
buhler, „dem die Baͤurin gerne freiwillig gibt, was er ſich doch mit Gewalt nehmen 
wuͤrde.“ Beham hat das alles in derſelben Einfachheit ſatiriſch illuſtriert. Proben 
ſeiner derben Realiſtik in der ſatiriſchen Darſtellung des geilen Bauern und des un— 
zuͤchtigen Bauernweibes finden ſich heute noch in den Mappen der meiſten Kupfer— 
ſtichkabinette. Die große Zahl von derartigen Blaͤttern, die ſich erhalten hat, beweiſt, 
wie populaͤr dieſe derbe, eindeutige Morallehre war. 5 

Das 17. Jahrhundert brachte, wie die Reformation in der politiſchen Satire, 
nun in der geſellſchaftlichen Satire das perſoͤnliche Pamphlet zum erſtenmal zur 
hoͤchſten Bluͤte. Im Zeitalter des Abſolutismus lag es in jeder Epoche fuͤr alle 
Welt offen zutage, daß nicht Tuͤchtigkeit und Talent entſcheidet, ob einer zu Rang 
und Wuͤrden kommt, ſondern Clique, Verwandtſchaft und nicht zuletzt eine huͤbſche 
Frau; man griff daher auch mit Vorliebe perſoͤnlich pamphletiſtiſch an. Beſonders 
in der Literatur wimmelt es von Beiſpielen dafuͤr. Viele hundert Spottverſe, die ſich 
bis heute erhalten haben, bezeugen es. In der franzoͤſiſchen Literatur gibt es verſchiedene 
Sammlungen von ſolchen erhalten gebliebenen Spottliedern und Epigrammen. Der 
Hauptgegenſtand dieſer ganzen Literatur iſt die verſtaͤndige Frau, die mit ihrer Gunſt 
nicht allzu ſproͤde iſt und dadurch entweder ihrem Manne, oder auch ihren Liebhabern 


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Die Rückkehr des amerikaniſchen Goldfiſches aus Europa 


149. A. Blaſhfield. Amerikaniſche Karikatur 


161 


zu Stand, Würden und Einfluß verhilft. 
Von dem Schwiegerſohne der beruͤhmten 
Madame Sevigné, dem Grafen Crignan, 
hieß es z. B., er verdanke ſeinen Einfluß 
den Schaͤferſtunden, die ſeine ſchoͤne 
Frau einem maͤchtigen Schwager von ihm 
gewaͤhre. Auf dieſes Verhaͤltnis muͤnzte 
der Witz den folgenden Vers: 

Grignan, vous avez de l'esprit 

D’avoir choisi votre beau-frere; 

Il vous fera l’amour sans bruit, 


Il saura cacher le mystdère. 


Von einer ſchoͤnen Marquiſe DD., 
die im Intereſſe des Einfluſſes ihres Gatten 
gleich zwei maͤchtigen Perſoͤnlichkeiten 
Anrechte auf ſich einraͤumte, ſang man 
ein Couplet: Entre Marsillac et Ternant 


Partage son coeur et ses charmes. 


Das find Proben der zahmſten Spott— 
verſe, die im Kurſe waren, die Mehrzahl 
iſt weſentlich deutlicher, draſtiſcher und 
zyniſcher. Dasſelbe gilt auch von den 
perſoͤnlichen Karikaturen dieſer Art, deren 
eine ganze Menge erſchienen ſind; ihre 
Reproduktion iſt daher im Rahmen dieſer 
Arbeit unmoͤglich. Die ungeſchminkte 

„er eſchaft, muß die Geld gehabt hamm!“ Deutlichkeit der paprizierten Darſtellung 

Das belauſchte Hochzeitspaar war natuͤrlich damals fuͤr die Verbreitung 

150. F. v. Reznicek. Simplieiſſimus kein Hindernis, im Gegenteil: um ſo 

begehrter wurden dadurch dieſe Produkte, 

um ſo raſcher wanderten ſie von Hand zu Hand. Nur eines wurde vorſichtig ver— 

heimlicht: Die Urheberſchaft. Die Spottverſe wie die Karikaturen erſchienen ohne 

Ausnahme anonym, und zwar aus dem einen Grunde: Die Widerlegungsgruͤnde der 

Maͤchtigen gegenuͤber den Pamphletiſten waren zu draſtiſch. Das illuſtriert zur 

Genuͤge das Schickſal Schubarts. Und trotz aller Vorſicht der Spoͤtter erzählt die 
Geſchichte der Satire nicht von nur einem Schubart. 

Dem perſoͤnlichen Pamphlet dieſer Art begegnet man auch waͤhrend des ganzen 

18. Jahrhunderts unausgeſetzt, es iſt in dieſer ganzen Zeit niemals verſchwunden; denn 

ſeine Quellen floſſen in jedem Lande ununterbrochen weiter. Zu den zeugenden 


162 


„Die kann ſich felber einen ausſuchen, ich muß heiraten, was mir Papa auswaͤhlt.“ 
Weid 


151. F. v. Neznicek. Simplieiſſimus 


Urſachen gehoͤren uͤbrigens auch die kleinen, engbegrenzten Verhaͤltniſſe, in denen ſich 
damals das geſamte oͤffentliche Leben abwickelte: die internationale Intereſſenſolidaritaͤt 
war jenen Zeiten etwas vollkommen Fremdes, — das knuͤpfte das Intereſſe ans Per— 
ſoͤnliche, ließ das Perſoͤnliche als das Wichtigſte erſcheinen. Wie dem perſoͤnlichen 
Pamphlet, ſo begegnet man in dieſer Zeit auch weiterhin der ernſten, an die Allgemein— 
heit gerichteten Moralpredigt, wie z. B. das Blatt „Die Hahnrey“ (Bild 67) erweiſt, 
und wie ſich noch durch eine Reihe von aͤhnlich ernſt gemeinten Bildern erweiſen 


ließe. Die Staͤdte mit vorwiegend kleinbuͤrgerlicher Bevoͤlkerung, wie z. B. Augsburg 
1 


163 


und Nürnberg, lieferten dieſe Blätter; oder fie ſtammten, wie z. B. in Paris, aus 
dem Ideenkreis kleinbuͤrgerlicher Schichten, die durch ihr beſcheidenes Vermoͤgen vor 
den Verſuchungen der allgemeinen Debaucherie bewahrt blieben und zur Zuſchauer— 
rolle verdammt waren. Aber ſchon aus dieſen wenigen Gruͤnden liegt es auf der 
Hand, daß dieſe Produkte des ſatiriſchen Geiſtes der zeitgenoͤſſiſchen Satire natuͤrlich 
nicht das Gepraͤge gaben. Dieſes gab die der herrſchenden Zeitmoral entſprechende 
galante Behandlung der Untreue, ihre ſatiriſche Glorifizierung, wie ſie bis dahin in 
der bildneriſchen Kunſt noch niemals vorgekommen war. Die Zeit, die nur unter— 
halten und amuͤſiert ſein wollte, und zwar ſo pikant wie moͤglich, fand fuͤr ihren 
mattgedaͤmpften delikaten Witz begreiflicherweiſe keinen guͤnſtigeren Stoff als die ehe— 
liche Untreue der Frauen; zum mindeſten ſtellte ſie ihn mit in die erſte Reihe. Der 
Witzkitzel, zu dem die Satire heruntergeſunken war, hatte dabei bloß die eine Auf— 
gabe, immer neue, immer raffiniertere Formen und Nuancen auszudenken, in denen 
die illegitime Liebe von der untreuen Frau — das mit Grazie zu ſein, war ja der 
Stolz der meiſten Damen — gekoſtet und genoſſen wird; die Art, wie ſie verfuͤhrt, 
wie ſie dem Beguͤnſtigten ihre Schoͤnheit kredenzt, und weiter, wie die illegitime Liebe 
immer uͤber alle Gefahren triumphiert. Dieſe Aufgabe zu erfuͤllen, iſt denn auch der 
zeitgenoͤſſiſchen Kunſt in Dutzenden von berühmt gewordenen Bildern, in Bildern von 
berauſchender Sinnlichkeit und kuͤhnſter Kompoſition gelungen. Selbſtverſtaͤndlich 
gilt dies, wenn auch nicht ausſchließlich, ſo doch hauptſaͤchlich von der franzoͤſiſchen 
Kunſt. 

Die Deutſchen beſaßen damals eine viel zu beſcheidene kuͤnſtleriſche Kultur, um 
auch nur annaͤhernd aͤhnliches hervorzubringen. Was der vielgeruͤhmte Hannoveraner 
Ramberg und die anderen uͤber die verſchiedenen deutſchen Reſidenzen zerſtreuten 
galanten Zeichner geſchaffen haben, iſt damit nur im Wollen verwandt, und ſo mußte 
man den vorhandenen Bedarf an galanter Kunſt in der Hauptſache durch den Import 
aus Frankreich decken. Daß dieſer Import nicht gering war, das beweiſt die nicht 
geringe Zahl von derartigen Stücken, die heute noch Jahr fuͤr Jahr in allen Gegen— 
den des Reichs aus altem Familienbeſitz in den deutſchen Kunſthandel kommt; dieſer 


Zufluß kommt natuͤrlich am ſtaͤrkſten aus den Gegenden, die ehedem zu den Zentren 
des galanten Lebens in Deutſchland gehoͤrten, d. h. aus den Kreiſen, die ſich um 
jene Fuͤrſtenhoͤfe ſcharten, an denen dem Maitreſſenkult gefroͤnt wurde. Wenn man 
uͤbrigens von dem damaligen Mangel an kuͤnſtleriſcher Kultur in Deutſchland ſpricht, 
ſo darf man nicht vergeſſen, hinzuzuſetzen, daß die wirtſchaftliche Entwicklung bei 
uns in keinem einzigen Landesteil ſo weit vorgeſchritten war, daß ſie mehr als bloße 


Anfaͤnge haͤtte entwickelt koͤnnen. 

Auf das denkbar grellſte kontraſtierte hiermit das Bild, das England darbot. 
England war wirtſchaftlich ſtark entwickelt, England war politiſch reif, und es hatte 
in London einen großen geiſtigen und kulturellen Mittelpunkt; es beſaß darum eine dem 


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Der Troft der Witwe 


183. Th. Th. Heine. Simplieiſſimus 


allem entſprechende hohe kuͤnſtleriſche Kultur. Aber auch gegen Frankreich kontraſtierte 
das Bild aufs grellſte. Wenn der hochentwickelte engliſche Kupferſtich mit ſeinem 
Reichtum an galanten Motiven und dem techniſchen und kompoſitoriſchen Raffinement 
der Behandlung auch deutlich die oben geſchilderte aͤußere Ahnlichkeit zwiſchen den 
Sittenzuſtaͤnden Frankreichs und denen Englands ſpiegelt, fo verfügte England außer— 
dem und gleichzeitig uͤber eine ebenſo ſtark und charakteriſtiſch entwickelte Karikatur, die 
Frankreich vollſtaͤndig fehlte, und die wiederum die Unterſchiede zwiſchen der abſolu— 
tiſtiſchen Kultur Frankreichs und der buͤrgerlichen Kultur Englands ſtark markiert. 
Wenn in Frankreich die ſtarke ſatiriſche Tendenz im Genußleben unterging, ſo daß 
ſchließlich nur noch ein raffiniert kokettes Taͤndeln übrig blieb, ſo vollzog ſich dieſer 
Prozeß, weil dieſes Genußleben in dem Untergang der herrſchenden Klaſſe ſeine 
Urſache hatte, der Faͤulniß bedingte. In England mußte ſich dagegen die ſatiriſche 
Tendenz zur hoͤchſten Potenz entwickeln, weil hier das Genußleben im abſoluten 
Gegenſatz zu Frankreich nicht in der Faͤulnis der Verweſung wurzelte, ſondern in 
dem Kraftuͤberſchuß des ſieghaften Aufſtiegs einer herrſchenden Klaſſe. Das unter— 
ſcheidet die beiden Laͤnder im Weſen und konnte darum nur zu einigen aͤußerlichen 
Ahnlichkeiten fuͤhren. 

Die engliſche Karikatur begleitete mit ihrem droͤhnenden Lachen, dem Lachen 
des Kraftmenſchen, jede Erſcheinung des geſellſchaftlichen Lebens. Sie ſchilderte 
ſelbſt ſchwelgeriſch das ſinnliche Schwelgen. Die Entfuͤhrung einer jungen verliebten 
Miß aus dem Maͤdchenpenſionat und die einer liebestollen Lady aus dem Park, in 


166 


dem der eiferfüchtige Gatte fie aͤngſtlicher verbarg, als der lebensluſtigen Schönen 
angenehm war, illuſtrierte ſie ebenſo keck und ebenſo kuͤhn, wie dieſe Entfuͤhrungen unter— 
nommen wurden. Da die Untreue der engliſchen Ladys jeden Tag aufs neue von ſich 
reden machte und ein ſkandaloͤſer Ehebruchsprozeß den andern abloͤſte, fo hatte die 
engliſche Karikatur nichts Beſſeres und nichts Intereſſanteres zu ſchildern. Dasſelbe 
gilt von der Bigamie, überhaupt von allen den zahlloſen ſinnlichen Extravaganzen 
dieſer anſpruchsvollen Zeit. Die hervorragendſten Schilderer dieſes Lebens waren auf 
der Spitze der Entwicklung, die wuͤrdig mit Hogarth eingeſetzt hatte, Bunbury, New— 
ton, Iſaac Cruikshank, Gillray, Rowlandſon und Woodward. Jeder von ihnen hat 
in Dutzenden, ja Hunderten von Blättern den uͤberſchwang dieſes turbulenten Lebens 
der jungen engliſchen Bougeoiſie dargeſtellt. Eine Revue ihrer Blaͤtter wuͤrde dieſes 
Leben faſt luͤckenlos vor uns aufbauen. Ja, ſogar die karikaturiſtiſchen Schoͤpfungen 
eines einzigen von ihnen, die Karikaturen Rowlandſons, wuͤrden dafür ausreichen. Die 
Proben, die wir zur Illuſtration dieſer Ausfuͤhrungen hier vorfuͤhren, beduͤrfen keiner 
naͤheren Erklärung, Sinn und Tendenz liegen uͤberall handgreiflich zutage. Ihr 
gemeinſames Charakteriſtikum iſt die ungenierte Keckheit in der Anwendung von 
gewagten Pointen; daraus aber ſpricht am deutlichſten das ſaftige Behagen der 
ganzen Zeit am Leben und am Genuß (Bild 74—78 und 80). 

Als die rieſige Revolutionswoge, die nicht nur die frivole Porzellangeſellſchaft 


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154. Adolf Willette. Galante ſatiriſche Geſchaͤftskarte 


167 


Europa klirrend in tauſend Trümmer gefchlagen 
hatte, ſo daß kein Flicken und Kitten mehr 
half, verebbt war, und als bald danach auch 
das buͤrgerliche Leben Englands ſeine Flegel— 
haftigkeit uͤberwunden hatte, da bedurfte man 
fuͤrs erſte uͤberall einer laͤngeren Erholungs— 
pauſe, um ſich von den Folgen der ungeheuer— 
lichen Gewaltkuren zu erholen. In dieſer Zeit 
der Erholung ſetzte ſich uͤberall der Kleinbuͤrger 
auf den Thron: in Familie, Geſellſchaft und 
Staat. Die Spießermoral wurde tonangebend, 


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PET des Rokoko, ſondern überhaupt das ganze alte 
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die Moral derer, die „immer recht gehabt 
haben“, naͤmlich Recht darin, daß jede Auf— 
regung nur ſchade und ſtets zu einem uͤblen 
Ende fuͤhre. Aber die Spießermoral, die nichts 
ſo ſehr haßt wie die großen Aufregungen, und 
offiziell nur die geebnete Straße der Tugend 
wandelt, kann der ſuͤßen Suͤnde doch nicht ent— 
raten. Und trotz der ſcheinheilig erdwaͤrts 
gerichteten Blicke findet man leicht und ſicher 
den Weg zum verborgenen Hinterpfoͤrtchen des 
Nachbarn, hinter dem klopfenden Herzchens die 
ſchmucke, vollbuſige Frau Nachbarin, die einem 
heute mittag ihr Einverſtändnis ſo kokett zu— 
telegraphiert hat (Bild 89), bereits in verliebter 
Sehnſucht harrt. 

Iſt auch das Gewand der aͤußeren Wohl— 
anſtaͤndigkeit, der Staatsfrack der Philiſter— 
moral, hinfort dauernd beibehalten worden, 
weil ſich herausſtellte, daß man darin am 
bequemſten alle Wege wandeln kann, auf die 
das Verlangen lockt, ſo iſt die Zeit, die ihn im 
19. Jahrhundert zum erſten Male kreiert hat, 
politiſch doch nur ein Zwiſchenakt in dem großen 
Voͤlkerdrama der buͤrgerlichen Entwicklung ge— 
weſen. Die Jahre 1830 und 1848 waren in Frankreich und in Deutſchland die Akt— 
ſchluͤſſe, die das aller Welt aufs deutlichſte ankuͤndigten. Dieſe Aktſchluͤſſe kuͤndigten aber 
nicht nur ein Ende an, ſondern auch einen Anfang, den Anfang der modernen Zeit, der 


155. Joſef Damberger. Jugend 1897 


168 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karıklmur“ 


modernen Geſellſchaft mit ihrer komplizierten, vielgeftaltigen Gliederung. Dieſe Zeit 
ſah bereits an ihrer Wiege die moderne Karikatur mit ihren neuen, ihr entſprechenden 
Formen. Dieſe moderne Karikatur haͤlt keine langatmigen Predigten im Stile 
Hogarths mehr, ſie iſt kurz und buͤndig und meſſerſcharf in ihrer Pointe. Ein 
einziges kennzeichnendes Wort, ein kurzes Epigramm, ein Ausruf, ein eng zuſammen— 
gedraͤngter Satz; aber damit rollt ſich auch ſofort ein ganzes Drama auf, vielleicht 
auch eine unterhaltſame Komoͤdie, wenn nicht eine erſchuͤtternde Tragoͤdie: „Aber das iſt 
doch mehr als ſeltſam . . . Heute morgen habe ich in der Eile einen Knoten gemacht 
und jetzt iſt's eine Schleife?“ ſo fluͤſtert der erſtaunte Gatte, als er ſeiner jungen Frau 
beim Loͤſen ihrer Korſettbaͤnder hilft — der erſte Akt eines Ehebruchdramas (Bild 101). 
Mit dieſem Ton, den Gavarni angeſchlagen hat, iſt der Ton der modernen geſellſchaft— 
lichen Karikatur angeſchlagen; und es iſt nur noch ein ganz kurzer Weg zu Rops, 
Lautrec, Forain, Veber, Heine. Die ſatiriſchen Wortfuͤhrer von heute ſagen im Sinne 
meiſtens nicht viel anderes, als was die Monnier, Guys, Gavarni, Keene vor fuͤnfzig 
Jahren uͤber die buͤrgerliche Ehe geſagt haben; aber ihre Kunſt iſt jetzt groͤßer, in— 
timer, lebensechter, ſie gießen den ſatiriſchen Geiſt in Fleiſch von unſerem Fleiſch, 
und ſie ſind mitleidloſer und kuͤhner, weil ſich ihnen die Zuſammenhaͤnge klarer 
enthuͤllen. Darum praſſeln ihre Anklagen auch wie grimmige Peitſchenſchlaͤge nieder, 
und jeder Hieb hinterlaͤßt blutige Striemen in der Haut der buͤrgerlichen Geſell— 


Die Witwe 
156. Max Slevogt. 


169 


Schaft. — Beiſpiele? — jede ſatiriſche Zeit— 
ſchrift bietet deren in einem einzigen Jahr— 
gang Dutzende. In Frankreich „Le Rire“, 
„Le Courrier Frangais“, „Journal amusant*, 
„L'Assiette au Beurre“; in Italien „La 
Luna“; in Sſterreich die Pornographen— 
ſammlungen „Pſchuͤtt“ und „Wiener Kari— 
katuren“; in Deutſchland „Simpliziſſimus“, 
„Lustige Blätter“, „Jugend“, ja ſelbſt 
die zahmen „Meggendorfer Blaͤtter“. Der 
Reichtum in dieſer Richtung, der in allen 
dieſen Zeitſchriften zutage liegt, laͤßt ſich 
nur konſtatieren, nicht aber im einzelnen 
wuͤrdigen. Ein einziges Beiſpiel, freilich 
das klaſſiſchſte, belegt dies ſchon: Die 
endloſe Serie, die Forain vor einem Dutzend 
Jahren unter dem Titel „Les joies de 
l'adultère“ in feinem eigenen ſatiriſchen 
Journal „Le Fifre“ begonnen hat, die 
er im „Courrier Francais“ fortſetzte, und 
der er heute noch in nie unterbrochener 
Folge immer neue Stuͤcke anreiht. Hier 
gibt es wohl einen Anfang, aber kein 
Ende, denn Forain wird dieſe Serie wohl 
nie abſchließen, bevor er nicht ſeinen kuͤhnen 
Stift fuͤr immer aus der Hand legt. Aber 
ſchon die Wuͤrdigung deſſen, was bis heute 
vorliegt, wuͤrde einen ſtarken Band fuͤr 
ſich allein beanſpruchen; denn das hieße 
die ganze Geſchichte der modernen Ehe mit 
ihren tauſend Klippen ſchreiben. Was man in einem großen Rahmen, der alles 
umſpannen ſoll, tun kann, iſt: einzelne Epiſoden herausgreifen. Eine einzelne 
Epiſode iſt es, wenn die kleine Frau beim Anblick ihres Gatten, der neugierig in 
ihren Papieren wuͤhlt, ſich zuſchwoͤrt: Toi, mon vieux . .. tu seras trompe ... 


Femme is monney 


157. Engliſche Karikatur 


sans que ca me fasse plaisir! ... Eine Epiſode iſt es, wenn fie ganz gleichgültig, nur 
ſo nebenbei, beim Ankleiden zu ihrem Geliebten ſagt: „Ach, ich wußte doch, daß ich 
etwas vergeſſen hatte, . . . mein Mann rechnet beſtimmt darauf, daß du im Klub für 
ihn ſtimmſt“ . . . (Bild 116). Und ebenfalls eine Epiſode iſt es, wenn die kokette 
Frau, die endlich eingewilligt hat, „ihn zu beſuchen“, die ſtuͤrmiſchen Kuͤſſe, mit denen 


170 


— „Frau Gräfin kommen ja viel zu ſpaͤt zum Rennen!“ 
— „Bitte um Entſchuldigung, meine Herren! Habe mich allerdings etwas verſpaͤtet — mußte mich noch 
ſchnell ſcheiden laſſen.“ 


158, Hermann Schlittgen. Fliegende Blätter. 1899 


er ſie bewillkommt, draͤngend unterbricht: „Aber, mein lieber Freund, du vergißt, 
daß ich unbedingt um fuͤnf bei meiner Schneiderin ſein muß, und jetzt iſt es ſchon 
vier.“ Nur drei Epiſoden ſind das, eine Rache, ein Geſchaͤft zu dreien und eine 
Gelegenheit, aber eines ergeben ſie trotz alledem unbedingt: die Richtigkeit deſſen, 
was am Eingang dieſes Abſchnittes als das Hauptmerkmal fuͤr die ernſt ſatiriſche 
Behandlung der weiblichen Untreue gekennzeichnet iſt: ſie iſt heute das wichtigſte 
Motiv der Satire, daran die innere Unſittlichkeit unſerer geſamten privaten Moral 
zu erweiſen. Wir begnuͤgen uns, zu konſtatieren, daß derſelbe Beweis ebenſo an 


der Hand der deutſchen Karikatur geführt werden koͤnnte ... 
| 22* 


173 


Daß die luſtigen Cauſeure, die „ohne fittlichen Nebenzweck“ an dieſes Motiv 
herantreten, die der Schoͤnheit der Suͤnde begeiſtert Tribut zahlen, wie ſchon 
geſagt, heute ihre Kuͤhnheit durch genialen Witz zu rechtfertigen wiſſen, das belegen 
in dieſem Abſchnitt die koͤſtlichen Proben von Guillaume und von Caran d' Ache. 
„Wer iſt zuerſt am Ziel?“ „Ich,“ renommiert der ſportseifrige Gatte und keucht 
puſtend davon. „Nein, ich!“ ſchmunzelt der galante Freund und bleibt an der Seite 
der ſchoͤnen Frau, deren plaſtiſche Schoͤnheiten er bewundernd genießt. Da es ganz mit 
den Wuͤnſchen der jungen Frau uͤbereinſtimmt, daß jeder zu ſeinem Ziele komme, ſo be— 
wahrheitet ſich wieder einmal auf das unwiderleglichſte die Richtigkeit des Satzes, daß 
„wer verliert, in Wirklichkeit gewinnt“ (Bild 132). Sie iſt nicht hartherzig, im Gegenteil, 
ſie willigt nach einigem koketten Straͤuben ganz gern ein und haͤlt auch prompt Wort. 
Aber fie ift eine „Rieuse“, und das macht ihn zu einem gluͤcklich Ungluͤcklichen. Der 
Zufall will es, daß ihr unterwegs etwas Komiſches paſſiert, und ſie kann ihre Lachluſt 
nicht baͤndigen; lachend kommt ſie an, lachend wirft ſie ſich in die Sofaecke, mit Lachen 
begleitet ſie alle ſeine galanten Werbungen und Unternehmungen: „Denken Sie 
ih . hi; hi, Denen die ch za Da, ha deen Sie ſich 

Denken Sie ſich .. . hi, hi, 
beben als ich ha, ha, 
i ha, s eben 
als ich einen Wagen nehmen 
wollte... hi, hi, hi!“ — fie 


findet keine neuen Worte, es 


iſt zu drollig, ſie muß unaus— 
geſetzt lachen, ſie kommt nicht 
weiter in ihrer Erzaͤhlung, er 
aber kommt auch nicht weiter. 
Warum nicht? Laͤcherlichkeit 
toͤtet! Im Leben zwar ſelten, 
in der Liebe aber faſt immer. 
Aus dem Luſtſpiel, bei dem 
alle lachen, iſt eine Komoͤdie 
geworden, bei der ſchließlich 
nur der unbeteiligte dritte, 
der Zuſchauer, lacht (Bild 


| | . 137146 
„Dieſes Waſſer foͤrdert die Verdauung, reinigt den Magen, bewahrt > 9 
den Schlaf vor unruhigen Traͤumen, verleiht eine friſche und geſunde Dieſe humoriſtiſchen 


Geſichtsfarbe, und durch einen Kauf erwirbt man uͤberdies voͤlligen ‚ ‚ 
Suͤndenablaß für die Seele eines Verſtorbenen.“ Bildergeſchichten ſind ſehr 


Der beſte Witwentroſt pikant; aber trotzdem wird 
„5 nur die impotente Schein— 


heiligkeit den Mut haben, zu beftreiten, daß in dem großen Witzkonzert, das jeden 
Tag, den der liebe Gott gibt, angeſtimmt wird, der amuͤſanteſte Akkord fehlen wuͤrde, 
wenn man auf die erotiſche Note unter allen Umſtänden verzichtete, ſelbſt dann auf 
ſie verzichten wollte, wenn ſie mit ſoviel Grazie, mit ſoviel Eleganz und Genie 
angeſchlagen wird wie in dieſen beiden Proben. 

Etwas Voͤlkerpſychologiſches kommt hier aber noch hinzu: Wenn man erwägt, 
daß „La Rieuse* von Caran d' Ache im Original als Titelſeite einer der bekannten 
Montagsnummern des klerikal ſchillernden Figaro erſchienen iſt, und zwar vor einigen 
Jahren, als der Figaro noch eines der geleſenſten Blaͤtter war, und wenn man weiter 
erwägt, daß Caran d' Ache mindeſtens alle vier bis ſechs Wochen im Figaro mit 
einem Bilderzyklus von derart uͤbermuͤtiger Keckheit aufgewartet hat, ſo wird man 
ſchon an der Hand dieſer einen Tatſache die weſentliche Verſchiedenheit zwiſchen Frank— 
reich und Deutſchland in den Begriffen der oͤffentlichen Sittlichkeit erkennen muͤſſen. 

Aber ſolche Stuͤcke, wie die eben geſchilderten, ſind trotz ihrer Haͤufigkeit nur 
die mitklingende Begleitung zu dem ſonoren Ton der ernſten, anklaͤgeriſchen Satire, 
den ſie mit ihrem koketten Silberklang nicht zu uͤbertoͤnen vermoͤgen, und der darum 
heute immer und uͤberall der beherrſchende Grundakkord bleibt. Deshalb braucht 
man dieſem Ton freilich keine uͤbernatuͤrlichen Kraͤfte anzudichten, derart etwa, daß 
ſolche Toͤne unbedingt einmal die innere Unmoral unſerer Zuſtaͤnde zum Berſten 
bringen muͤßten, wie weiland die Poſaunenſtoͤße des Volkes Israel die Mauern von 
Jericho geſtuͤrzt haben. Dazu fuͤhren andere Faktoren. Aber etwas anderes kann und 
muß man aus ihnen folgern: Eine Entwicklung, die einmal zu einer derart kuͤhnen 
Kritik, wie ſie ſich gerade in dieſem Teil der geſellſchaftlichen Karikatur offenbart, vor— 
geſchritten iſt, kann nicht mehr mit dem biedermaiernden Urvaͤterſtandpunkt „ſo war 
es von jeher, und ſo wird es auch immer bleiben“ widerlegt oder abgetan werden. 
In dieſem Stadium gibt es nur noch eine Erkenntnis: Dieſe grellen Dis— 
harmonien koͤnnen nur in ihren Urſachen überwunden werden. Und deren uͤber⸗ 
windung wird eines Tages das Lebensintereſſe aller Kultur bedeuten. Daß man auch 
daruͤber ſich klar ſein muß, iſt die weitere Schlußfolgerung. 


173 


160. Aubrey Beardsley 


II 


Frau Minotaurus und ihre Toͤchter 


Der Frau iſt im Geſchlechtsleben von der Natur die paſſive Rolle zugewieſen. 
Die Frau darf nicht mit denſelben deutlichen und klaren Worten wie der Mann 
wählen und werben, ſie darf nicht ohne weiteres das erſte Wort ſprechen und zu 
dem Manne ihrer Sympathie ſagen: ich liebe dich, meine Sinne verlangen nach dir, 
ich freie dich, ich will dich zum Gatten haben. Die Frau muß ſich waͤhlen laſſen 
und muß ihre Wuͤnſche ſogar verbergen, wenn ſie nicht als ſchamlos und unweiblich 
erſcheinen will. Die Konvenienz hat das in die ſtarrſten und kleinlichſten Formeln 
gekleidet. Aber darum darf man doch keinen Augenblick daruͤber im Zweifel ſein, 
daß es ſich im Kern der Sache um ein natuͤrliches Geſetz handelt. Die vom Weibe 
geforderte Zuruͤckhaltung iſt die logiſche Konſequenz ihrer phyſiſchen Organiſation, 
d. h. eben ihrer paſſiven Rolle im Geſchlechtsleben. Natürlich ſind damit die laͤcher— 
lichen Ufafe, die Dame Konvenienz in dieſer Richtung ſeit Jahrtauſenden erlaͤßt, 
nicht fuͤr alle Zeit und Ewigkeit ſanktioniert. Denn wenn eine Zeit hoͤherer Sitt— 


174 


lichkeit auch am Kern der Sache nichts zu ändern vermögen wird — die Natur— 
geſetze ſind unabaͤnderlich —, ſo vermag ſie es ſehr wohl, aus dem Widerſinn und 
Unſinn allmaͤhlig die Vernunft, das Natuͤrliche herauszuſchaͤlen. 

Da das „Gewaͤhltwerden“ von jeher ebenſoſehr Exiſtenzbedingung einer jeden 
Frau geweſen iſt, wie das Waͤhlen und Werben ſelbſtverſtaͤndlich Wille und Beduͤrfnis 
aller Frauen iſt, ſo hat die Natur bei der Frau eine ihrer Paſſivität entſprechende 
Form des weiblichen Werbens herausentwickelt: die ſpezifiſch weibliche Koketterie. 


Die Koketterie. Die weibliche Koketterie iſt die Sprache der Blicke, der Geſten, 
der Kleidung, kurz des geſamten Weſens, wodurch die Frau ſich dem Manne in die 
Augen ruͤckt, ſich dem Manne auffällig macht, dafür ſorgt, daß fie „gefunden“ werde, 
wodurch ſie weiter ihre ſinnlichen Empfindungen und Wuͤnſche offenbart, ihre Be— 
reitwilligkeit gegenuͤber den erotiſchen Antraͤgen des Mannes ausdruͤckt. 

Dieſe Sprache iſt, wie geſagt, in der Hauptſache ſtumm, — aber dieſe ſtumme 
Sprache umfaßt trotzdem die reichſte Skala, eine wahre Symphonie von Toͤnen. 
Keine andere Sprache iſt ſo reich wie dieſe, keine iſt ſo intim und ſo delikat ge— 
gliedert, ſo funkelnd und ſo beſtrickend, nur aus Duft gewoben und doch baͤndigend 
wie ſtaͤhlerne Ketten. Und was das Wichtigſte iſt: keine Sprache wird mit ſolcher 
Meiſterſchaft gehandhabt, und faſt jede Frau beherrſcht ſie. Gewiß iſt nicht jede Frau 


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Die Eitelkeit 


161. Hans Burgkmair. 16. Jahrhundert 


175 


eine Meifterin darin, jedoch über etliche 
Regiſter verfügt die ſimpelſte Bauern— 
magd. Dagegen hat es in jedem Zeit— 
alter Tauſende von Frauen gegeben, denen 
alle Regiſter ſpielend gehorchten: vom 
zarteſten Ton, der Herz und Seele bezaubert 
und beſtrickt wie ein Klang von ungeahn— 
tem Gluͤck, bis zu dem ſchwuͤlen Akkord, 
der die Sinne des Mannes in gärenden 
Aufruhr verſetzt, daß der Staͤrkſte ſich 
bedingungslos ergibt und zum willenloſen 
Sklaven wird. — 
Wenn man auf die Frage nach den 
Mitteln der Koketterie eine ausreichende 
Antwort geben wollte, ſo muͤßte man 
einen dicken Band ſchreiben, ohne doch 
ſchließlich den Reichtum ihrer Formen 
erſchoͤpft zu haben. Jedes Zeitalter kennt 
andere Hauptformen, und innerhalb jedes 
Die Unkeuſchheit Zeitalters iſt gerade hier das Wort zu— 
202. 25, eee treffend: chaque femme varie. Im Rahmen 
dieſer Arbeit kann es ſich alſo nur um 
einige allgemeine Linien, um das ungefaͤhre Weſen der Sache handeln. 

Als erſter Satz tft die Tatſache zu konſtatieren: Weil die weibliche Koketterie 
in der natuͤrlichen Paſſivitaͤt des Weibes begruͤndet iſt, ſo iſt ſie auch den meiſten 
Frauen angeboren; durch fie unterſcheidet ſich ſchon im Fluͤgelkleide das Mädchen 
ſehr haͤufig und ſehr deutlich vom Knaben. Aus dieſem „Angeborenſein“ folgt aber 
eine zweite ſehr wichtige Tatſache, deren Überſehung oder gar Verkennung die ganze 
Frage in einen falſchen Geſichtswinkel ruͤcken wuͤrde. Dieſe zweite Tatſache beſteht 
darin: Wenn auch die weibliche Koketterie als pſychiſche Ausſtrahlung der weib— 
lichen Geſchlechtsorganiſation naturgemaͤß in einem direkten Zuſammenhange mit der 
Geſchlechtsſphaͤre ſteht, ſo dient ſie darum doch nicht von vornherein und noch weniger 
ausſchließlich erotiſchen Zwecken. Ja, man kann ſogar ſoweit gehen, zu ſagen: die 
Koketterie als ſolche hat mit Sinnlichkeit uͤberhaupt nichts zu tun. Daß die Koketterie 
auch die Sprache der weiblichen Erotik iſt, iſt nur eine Ausnuͤtzung, eine Indienſt— 
ſtellung dieſer Mittel durch die Sinnlichkeit, wie jede Sache verſchiedenen Intereſſen 
dienſtbar gemacht werden kann. 

Das Weſen der weiblichen Koketterie beſteht darin, daß die Frau danach ſtrebt, 
in jeder Situation, in jedem Augenblick ihres Lebens in irgend einer Weiſe vor— 


176 


D 
Vom̃ Ebꝛuch. 
Wer durch die finger ſehen kan Do ſicht die Fa die mauß füß an 
Vnd leſt ſein fraw eim andern man Vnd wirdt jrs mauſens nymer lan. 


| 2 3 


> RN 8 . 
¶ Ebꝛechen wigt man als gering Als dem Abimelech geſchach Dann ny mandt iſt zutrawen wol 
Als ob man ſchnelt ein kieſeling Vnd den fünen Beniamin All welt iſt falſch vnd vntrew vol 
Ebꝛuch das gſatz yetz gantz veracht Oder darnach ging ſolch gewin Menelaus het ſein fraw behan 
Das Kayſer Julius hat gemacht Als gſchach Dauid mit Ber ſabe Her Paris Helenam gen lan 
Man fürcht kain Pan vnd ſtraff yetz me Wuͤrd mancher nicht bꝛechen fein Ee Vnd Agamennon nicht zu huß 
Das ſchafft das die ſind jnn der Ee Wer leyden mag das ſein fraw ſey Gelaſſen / ſein freundt Egiſtus 
Jubꝛechen kruͤg vnd hefen gleich Im Ebꝛuch vnd er wond jr bey Vnd dem vertraut hof gůt vnd weyb 
Vnd kratz du mich ſo kratz ich deich So er das gwißlich waiß vnd fidhe Er wer nicht kommen vmb den leyb 
Vnd ſchweyg du mir ſo ſchweyg ich dir ¶ Den halt ich für kain weyſen nicht Gleich wie Condeles der thoꝛ groß 
Man kan wol halten finger fir Er gibt jr vꝛſach mer zum fall Der zaigt fein weyb eim andern ploß 
Die augen das man ſech darauß Darzu die nachtpawru mumlen all Wer nicht fein freud mag habn allein 
Vnd wachen thun als ob man lauß Er hab mit jr tayl vnd gemain Dem gſchicht recht das ſy wert gemain 
Man mag yetz leyden frawen ſchmach Sy bꝛingt auch mit den voꝛraub hain Dꝛuͤm ſol man haben für das 7 
Vnd get darnach kain ſtraff noch rach ¶ Spꝛicht ʒu jm hans mein gůter man ¶ Sb ECleut nit geren haben ge 
Die man ſtarck maͤgen hand jm land Rain liebern dan dich will ich han Voꝛauß den nicht zutrawen iſt 
Sy moͤgen dewen gar vil ſchand Ein katz den meuſen gern nach gat ¶ Die welt ſteckt vol betrug vnd liſt 
Vnd thun als etwa thet Catho Wenn ſy ein mal anbiſſen hat Wer arckwon hat der glaubt je ball 
Der lech fein fraw Hoꝛtenſio Welch vil ander man hat ver ſucht Das man thů das jm nit gefall 
Wenig den yetz get zu hertzen Die wirdt ſo ſchamper vnd verrucht Als Jacob mit dem rock geſchach 
Auß Ebꝛuch ſolch layd vnd fü chmertzen Das ſy kainr ſcham noch ehr mer acht Den er mit plůt beſpꝛenget ſach 
Als Atrides ſtraffet mit recht Irem můtwillen ſy nach tracht Aſwerus dacht das Aman maint 
Do jn jr weyber wurden gſchmecht Ein yeder lůg das er ſo leb Eſter geſchmehet der do waint 
Oder als Colatinus ther Vnd ſeinr frawen kain vꝛſach geb Abꝛaham foꝛcht ſeinr frawen Ee 
Das man Lucretia gſchmecht het Er halt ſy freundtlich lieb vnd ſchon ¶ Ee dan er kam genn Ger are 
Des iſt der Ebꝛuch yetz ſo groß Vnd fürcht nit yeden glocken don Wer vil auß fliegen wil gen wald 
Clodius bſchiß all weg vnd ſtroß Noch kifel mit jr nacht vnd tag Der wirdt zu eine graßmucken bald 
Der yetʒ mit gayſlen die wol ſtrich Lůg darbey was die glocken ſchlag Wer pꝛennend koln jnn geren legt 
Die auß dem Ebꝛuch roͤmen ſich Dann ich rath das in trewen kaim Vnd ſchlangen in ſeim bůſen tregt 
Als man Saluſtino gab lon Das er vil geſt fuͤr mit jm haim Vnd in feine taſchen zeucht ein mauß 


Manicher wuͤrd vil ſchnattrens lan Voꝛauß lüg vnd thů auff ſchawen Solch 553 ſeind wenig nuͤtz im hauß. 
Gieng yedem Ebꝛuch ſolch plag nach Wer hat ein ſchoͤn vnd gayle frawen ¶ Hanns Hofer Bꝛief maler. 


Vom Ehebruch 


Deutſche Karikatur von Hans Hofer. 16. Jahrhundert 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


teilhaft zu erſcheinen, entweder als Geſamterſcheinung, oder indem fie einen befonderen 
förperlichen Vorzug wirkungsvoll zur Geltung bringt. In der hoͤchſten aͤſthetiſchen 
Entwicklung bedeutet das: In allem die ſchöne Linie finden, und von allem eben 
nur die ſchoͤne Linie zeigen, ſchoͤn ſein in allem, mit einem Wort: aus ſich und 
allem ſeinem Tun ein Kunſtwerk machen. Koketterie iſt alſo ſozuſagen Karikatur im 
umgekehrten Sinne. 

Die Frau ſtellt alles in dieſen Dienſt: Sprache, Lachen, Blicke, Geſten, Be— 
wegung, Haltung, Gehen, Sitzen, Eſſen; ſie kokettiert mit ihrer Freude und mit ihren 
Schmerzen. Und ſie kokettiert immer; nicht nur, wenn ſie ſich beobachtet weiß, ſie 
kokettiert auch, wenn ſie ganz allein iſt: ſie ſpielt ſich ſelbſt dieſes Theater vor; ſie 
kokettiert ſogar im Schlafe. Hippel ſagt: 

„Traue dem Frauenzimmer auch in ſeiner Krankheit nicht; es weiß mit Anſtand im Bette zu 
liegen; und ich wette, es ſinnt darauf, ſchoͤn zu ſterben. Auf der linken Seite wird Madame 
liegen, wenn ſie ſtirbt; es laͤßt ihrem Geſichte am beſten. Der Schlaf iſt faſt ebenſo unſicher, 
beſonders wenn ſie von einer Mannsperſon traͤumt.“ 

Das Haupthilfsmittel weiblicher Koketterie iſt natürlich die Mode, deren indi⸗ 
vidueller Zweck es iſt, die beſonderen Vorzuͤge einer jeden einzelnen Frau ins Licht 
zu ruͤcken. Da der Mode ein beſonderes Kapitel gewidmet iſt, ſo koͤnnen deren Wir— 
kungen hier natuͤrlich nur inſoweit geſtreift werden, als dies unumgaͤnglich noͤtig iſt. 

Die Sprache: Wie geſchickt 
laͤßt ſich dabei ein ſchoͤn ge— 


ſchnittener Mund zur Geltung Ein guͤten magen haben 5 


i re: . Wer jm in die ſchůͤch laßt bꝛuntzen 
a Ja noch mehr: 9 Vnd gſtad. das ſein fraw it pꝛofuntzen / 
kann im Sprechen ſogar die Feyl mag yederman heim tragen 


Taͤuſchung hervorrufen, daß ein Der mag wol han ein gůten magen. 


großer Mund klein ſei. Das 
Lachen: Sind nicht ſchoͤngereihte, 
blitzende und geſunde Zaͤhne eine 
hervorragende und hochgeſchaͤtzte 
Schoͤnheit? Nun, es gibt kein 
dankbareres Mittel, dieſe Schoͤn— 
heit an den Tag zu bringen, als 
eben das Lachen. Eine ſchoͤne, 
ſchmale Hand und ein feiner 
Arm laſſen ſich durch gewiſſe 
Bewegungen oder durch den 
Schnitt des Armels, der im 


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gegebenen Augenblick leicht zuruͤck⸗ 163. Titelblatt einer ſatiriſchen Flugſchrift auf die Gleichguͤltigkeit der 
Maͤnner gegenuͤber der Unkeuſchheit ihrer Frauen. 
fällt, ganz hervorragend zur 26. Jahrhundert 
23 


177 


Geltung bringen. Beſtimmte 
ſchoͤne Linien des Koͤrpers, ein 
ſchoͤn geſchwungener Nacken, eine 
feine Ruͤckenlinie, eine ſtolze Buͤſte 
laſſen ſich durch wohlerwogene 
Bewegungen in Haltung und 
Gang zeigen. Ja, es laſſen ſich 
dadurch immer neue ſchoͤne Linien 
entwickeln und ſcheinbar aus dem 
Nichts erſchaffen. Daß ein Buſen 
hoch anſetzt, und ſomit die oberſte 
Schoͤnheit beſitzt, laͤßt ſich durch 
die Faſſon des Mieders ver— 
fuͤhreriſch offenbaren oder auch 


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vortaͤuſchen. Seine jugendliche 
Feſtigkeit iſt der groͤßte Stolz 
jeder Frau: wie leicht laͤßt ſich 
das durch kokettes Zuruͤckbiegen 
des Oberkoͤrpers den Blicken be— 
merkbar machen; im dezenteſten 


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Koſtuͤm läßt ſich demonſtrieren, 

daß der Buſen keines Stuͤtz— 

punktes bedarf. Daß die Pracht 

5 der Buͤſte die Enge der Korſage 

Die törichten Jungfrauen zu ſprengen droht, ohne Nas die 

164. Nikolaus Manuel Deutſch Formen den Eindruck der Über— 
Schweizeriſches ſymboliſch-ſatiriſches Blatt fuͤlle hervorrufen, . dieſe Vor— 

ſtellung zu wecken iſt eines der 

oberſten Probleme aller Korſettfabrikanten. Daß Venus Kallipygos gnaͤdig war, — 
hundert Moͤglichkeiten geſtatten der anſtaͤndigſten Dame die zwingende Beweis— 
fuͤhrung dafuͤr. Ein Franzoſe hat galant geſagt, die Frauen ließen in Geſellſchaft 
gerne etwas fallen, ihr Taſchentuch, ihre Handſchuhe uſw., um Gelegenheit zu 


haben, ſie wieder aufzuheben, „parce que les dames ont les formes plus rondes.“ 
Daß man nicht auf Stelzen geht, wie man in Schwaben ſagt, ſondern ein elegantes, 
feines und doch volles Bein hat, das meißelt beim Sitzen, beim Gehen und beim 
Stehen „das zauberhafte Echo der Gliedergewandung“. Auf ein kleines Fuͤßchen 
kann man durch momentanes Vorſtrecken, durch zufaͤlliges Wippen aufmerkſam 
machen, oder man kann darauf neugierig machen, indem man es vorſichtig ver— 
ſteckt. Die Spanierin, die beruͤhmt iſt wegen ihrer kleinen Fuͤßchen, wie die Eng⸗ 


178 


laͤnderin wegen ihrer konkurrenz— 
los großen Fuͤße, verſteckt ihren 
Fuß aͤngſtlich vor den Blicken 
der Maͤnner. In anderen Laͤn— 
dern iſt der Beſitz kleiner Fuͤße 
freilich kein ſo ſtrenge behuͤtetes 
Geheimnis; im Gegenteil. 

Es gibt hier, wie geſagt, kein 
Ende, und es gibt darum keinen 
andern Abſchluß als: Uſw. uſw. 

Wenn an der Spitze dieſer 
Ausfuͤhrungen das Prunken mit 
der Schönheit ausdruͤcklich als in 
ſeinem Weſen nicht unbedingt 
ſinnlich hingeſtellt worden iſt, ſo 
muß am Schluſſe dieſes Abſchnittes 
hinzugefuͤgt werden, daß deſſen— 
ungeachtet die harmloſeſte Form 
der Koketterie auf den Mann 
haͤufig ſinnlich wirkt, weil eben 
die meiſten beſonderen Vorzuͤge 
des weiblichen Koͤrpers ſekundaͤre 
Geſchlechtsmerkmale ſind und als 
ſolche auf die Sinne des Mannes 
wirken; und ſie wirken um ſo Die törichten Jungfrauen 


ſtaͤrker ſinnlich auf ihn, je mehr 265. Nikolaus Manuel Deutſch 
Schweizeriſches ſymboliſch-ſatiriſches Blatt 


er in der Frau nur das Genuß— 
objekt ſieht. 

Gibt es nichts Reizvolleres, aͤſthetiſch kein größeres Wunder als die Frau, bei 
der das alles zur Grazie geworden iſt, d. h. bei der alle weibliche Strategie des 
Werbens, des auf ſich Aufmerkſammachens völlig unbeabſichtigt, naturlich, 
harmoniſch, einfach ſelbſtverſtaͤndlich wirkt, fo iſt freilich auch nichts peinlicher 
und abſtoßender, als wenn die feine Linie, die die moraliſche Aſthetik zieht, uͤber— 
ſchritten wird, auf Koſten des Geiſtigen uͤberſchritten und zur beabſichtigten Poſe 
entwickelt wird. Die von der moraliſchen Aſthetik gezogene Linie wird aber von den 
allermeiſten Frauen uͤberſchritten. Dieſe uͤberſchreitung iſt leider keine bloße Ge— 
ſchmacksverirrung infolge einer individuell fehlerhaften Erziehung, ſondern ſie iſt fuͤr 
die allermeiſten Frauen eine ſoziale Notwendigkeit. Iſt die Koketterie die pſychiſche 
Ausſtrahlung der weiblichen Paſſivitaͤt im Geſchlechtsleben, ſo zwingt der ſchwere 


23% 
179 


und heftige Konkurrenzkampf, den die Mehrheit der Frauen um den Mann zu führen 
hat, kategoriſch zur Übertreibung der natuͤrlichen Formen des weiblichen Werbens. 
Da die Chancen, unter die Haube zu kommen, zu gering waͤren, wenn ſich die Frau 
nur auf die mit feinen Sinnen begabten Maͤnner beſchraͤnken wollte, ſo muß ſie 
dafuͤr ſorgen, daß auch der ſtumpfe Blick die Qualitaͤten gewahre, uͤber die „man“ 
verfuͤgt. „Schoͤne Jungfrau hat ihr Heiratgut im Angeſicht,“ ſagt ein altes Sprich— 
wort; das iſt ja gewiß ſehr richtig, aber ſelbſt die Schoͤnheit muß provokatoriſch auf— 
treten und fuͤr guͤnſtige Beleuchtung ſorgen, wenn ſie der Gefahr des Überfehen- 
werdens entgehen will. Es iſt darum zu wiederholen: die Tendenz der uͤbertreibung, 
die ſyſtematiſche Verzerrung der Schoͤnheit zur grotesken Karikatur iſt eine ſoziale 
Notwendigkeit, und ſie iſt es, die taͤglich von neuem jene Formen zuͤchtet, die die 
Koketterie dazu ſtempeln, was man gemeinhin als weibliche Gefallſucht anklagt. 

Aus der ſozialen Notwendigkeit des uͤbertreibens leiten ſich im letzten Grunde 
alle die raffinierten Formen her, deren ſich die Koketterie bedient, die zahlreichen 


kuͤnſtlichen Mittel, wodurch die Frau ihre natuͤrlichen Reize unterſtuͤtzt, ins grellſte 


Licht ruͤckt und die Blicke provokatoriſch darauf hinlenkt. Dieſe ſoziale Notwendig— 


keit fuͤhrt weiter in erſter Linie zur Betonung des Sinnlichen und macht aus dem 
Prunken mit der Schoͤnheit das ſpekulative Wuchern mit der erotiſchen Wirkung. 
Im Konkurrenzkampf um den Mann wird die Frau foͤrmlich dazu gedrillt, ſich haupt— 
fächlich in der Faͤhigkeit der erotiſchen Wirkung auf den Mann zu trainieren und 
ftändig darauf auszugehen, die Sinnlichkeit der Männer aufzuftacheln und Begierden 


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Die ungleichen Liebhaber 


166. 16. Jahrhundert 


180 


nach dem ſexuellen Beſitz ihrer Perſon zu erwecken. 
Der Drill ſetzt infolgedeſſen ſchon ſehr fruͤh ein. 
Daß ihr einziger Lebenszweck der ſei, einen Mann 
zu finden, das wird ihr ſchon in der früheſten 
Jugend eingeblaͤut, und Tauſenden ſchallt Tag 
fuͤr Tag, jahraus, jahrein das Donnerwort in 
die Ohren: „Mit ſolchen Manieren wirſt du nie— 
mals einen Mann finden!“ Das Reſultat iſt zu 
allen Zeiten das gleiche, daß naͤmlich die meiſten 
Maͤdchen auffallend fruͤh reif werden. Ein 
Satiriker des ſiebzehnten Jahrhunderts ſchreibt: 


„Mit zwoͤlf Jahren koͤnnen die Maͤgdlein ſchon 
wacker loͤffeln, verſtehen ſich vortrefflich auf den Genitivum 
und wiſſen beſſer vom Heyrathen zu reden als manche 
Ehefrau, ja was wollten zwoͤlff Jahre ſeyn, mit ſieben 
und acht Jahren ſtehen ſie ſchon vor dem Spiegel, 
pfläntzeln und butzen ſich, machen dabey allerhand Ge— 
baͤrden, wie ſie gefallen moͤgen.“ 


Faͤngt gar erſt die Natur zu ſprechen an, 
runden ſich die Formen, dann weiß ſie auch als— 
bald, welche koͤrperliche Eigenſchaften beſonders 
geſchätzt ſind. Es iſt bloß eine Anekdote, die der 
immer vergnuͤgte Demokritos-Weber von der 
jungen Magd erzaͤhlt, die beim Anblick des 
ſtrotzenden Buſens einer Amme naiv ausrief: 
„Nein! junge Magd bleib' ich nicht mehr, ich 
laſſe mich zur Amme machen!“ Aber was lieſt 
man denn taͤglich in den Inſeratenplantagen der 
allerſittlichſten Zeitungen? „Schoͤne volle Koͤrper— 
formen werden leicht erzielt“ uſw., oder „Wenn 
Sie ſchoͤn ſein wollen, duͤrfen Sie nicht zu ſchlank 
Selbſtverſtaͤndlich gilt dies alles nicht 
nur von der unverheirateten Frau; die Frau 
verzichtet nicht etwa auf dieſe Mittel an dem 
Tage, wo ſie den Wettlauf um den Mann ſieg— 
reich beendet hat, — weil unſere Geſellſchafts— 
ordnung die Frau zum Genußobjekt degradiert, 
zwingt ſie ſie, dieſe Rolle bis an ihr Lebensende 
zu ſpielen, d. h. ewig als erotifches Stimulanz— 


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167—169. Deutſche ſymboliſche Karikaturen 
auf die Herrſchaft des Weibes uͤber den Mann. 


16. Jahrhundert 


mittel zu agieren. Natürlich ändert an dieſer Tatſache der Umſtand nicht das 
geringſte, daß der groͤßte Teil aller Frauen unbewußt, inſtinktiv handelt, daß die 
ſogenannte anſtaͤndige Frau keine Ahnung davon hat, welchen Geſetzen ſie folgt und 
welche Wirkungen ſie in ihrem ganzen Tun anſtrebt. 

Zu den ausgeſprochen ſpekulativen Formen der weiblichen Koketterie gehört in 
erſter Linie die Dekolletierung, und zwar ſowohl die von oben nach unten, als auch 
die von unten nach oben. Die Dekolletierung von oben nach unten, die Entbloͤßung 
der Reize des Buſens ſoll hier nur regiſtriert werden, weil ſie eine Haupttendenz 
der Mode darſtellt, und weil dieſer, wie geſagt, ein geſondertes Kapitel gewidmet wird. 
Dagegen gehoͤren hierher gewiſſe kuͤnſtliche Steigerungen der Reizwirkung des 
dekolletierten Buſens und alle Arten der Dekolletierung von unten nach oben, alſo 
die ſcheinbar zufaͤllige, in Wirklichkeit aber beabſichtigte Preisgabe des Beines und 
haͤufig noch viel intimerer Reize. 

Brantöme ſchreibt in einem feiner Kapitel: „Ein ſchoͤnes Bein, eine fein ge— 
formte Wade und ein huͤbſcher Fuß beſitzen eine große Macht im Reich der Liebe.“ 
Und in demſelben Kapitel ſagt er weiter, daß ſich in den Anblick ſchoͤner Beine viel 
mehr Maͤnner verliebten „als in das huͤbſche Antlitz. Denn ſchoͤne Saͤulen pflegen 
gewoͤhnlich auch ein ſchoͤnes Kapital und ein praͤchtiges Geſims zu tragen.“ Das 
wiſſen alle Frauen ſeit Mutter Evas Zeiten, und darum haben ſie das Donnerwort 
des ſpaniſchen Zeremonienmeiſters „die ſpaniſchen Koͤniginnen haben keine Beine“, 
das dieſer proklamierte, als ein franzoͤſiſcher Geſandter ſchöne franzoͤſiſche Seiden— 
ſtruͤmpfe als Geſchenk für die Königin uͤberreichen wollte, niemals akzeptiert. Im 
Gegenteil, daß ſie ſchoͤne Beine haben, iſt ja der beſondere Stolz der meiſten 
Frauen. Auf die vorteilhafte Wirkung des Beines wird darum eine außerordentliche 
Sorgfalt verwendet, einesteils durch die Faſſon der Schuhe: zur Markierung des 
feinen Knoͤchels und anderer Vorzuͤge, andernteils durch die Struͤmpfe: zur Betonung 
der Formen; Farbe und Muſter der Struͤmpfe ſollen je nachdem die Waden voller 
oder ſchlanker erſcheinen laſſen. Und da die Schoͤnheit des Beines am vorteil— 
hafteſten zur Geltung kommt, wenn der Strumpf ſtraff geſpannt iſt und ſich eng 
anſchmiegt, ſo lautet die Forderung aller Zeiten dementſprechend. „Der Strumpf 
muß ſo ſtraff geſpannt ſein wie ein Trommelfell“, ſagte man bereits im ſechzehnten 
Jahrhundert. Indem aber „die Frauen ſoviel Pflege auf ihr ſchoͤnes Bein verwenden, 
iſt anzunehmen, daß ſie es nicht tun, um es unter ihren Röcken zu verbergen, ſondern 
um es oͤfters zur Schau zu ſtellen“. Daß dieſe Annahme nicht gerade von boshafter 
Frauenverleumdung eingegeben iſt, das beweiſt kaum eine Zeit draſtiſcher als unſere 
Gegenwart mit ihrem Raffinement in allen Variationen des Retrouffe. Gewiß hat 
es Zeiten gegeben, in denen die Dekolletierung von unten nach oben ganz ungeheuer— 
liche Orgien gefeiert hat, in denen es ſich nicht bloß um die Entbloͤßung des Beins 
bis zum Knie handelte, ſondern wo man in vollſter Offentlichkeit aufs Ganze ging, — 


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Das Weib leiht jedem die Rraft 


170. Deutſche ſymboliſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


hiſtoriſche Beiſpiele werden es weiter unten noch belegen — aber in dieſen Orgien 
aͤußerte ſich ebenſoſehr die naive Derbheit primitiver Zeiten. Heute feiert man in 
Maſſe ſolche Orgien ſolidariſch nur noch bei feſtlichen Gelegenheiten, auf Masken— 
baͤllen und Redouten, und als Schauſpiel und Augenweide in den Kankannummern 


183 


der Darietes, Aber dieſe modernen 
Orgien find durch das ausgeſuchteſte 
Raffinement „gelaͤutert“: an die Stelle 
der ehemaligen Nacktheit iſt die pikanteſte 
Verhuͤllung getreten, die aber durch 
zauberhafte Farbenkontraſte auf die in— 
timſten Reize hinweiſt und die Sinne 
natuͤrlich ungleich mehr revoltiert, ſie 
direkt zur Ausſchweifung verleitet. 

Das heute herrſchende Raffinement, 
deſſen Weſen dem verſtaͤndnisvollen 
Beobachter uͤbrigens ſchon ein einziger 
Gang durch die Straßen erſchließt, fuͤhrt 
uns aber zu einer nicht unwichtigen 


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Erkenntnis: Je mehr die Frau den 
Blicken „oben“ verweigerte, deſto mehr 
hat ſie ihnen „unten“ preisgegeben. Aus 


171. Deutſche ſymboliſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


dieſer Beobachtung muß man aber fol— 
gern: es iſt die Tendenz des weiblichen Werbens, irgend ein Geſchlechtsmerk— 
mal, einen ihrer beſonderen intimen Reize, demonſtrativ in ſeiner ganzen Realitaͤt 


öffentlich zur Schau zu ſtellen. Einſt hat die Frau dies durch die Dekolletierung 
des Buſens getan; da man nun heute auf der Straße den Buſen in ſeiner abſoluten 
Realitaͤt den Blicken nicht mehr ſichtbar machen kann, ſo iſt man darauf verfallen, 
ſyſtematiſch das Bein zu zeigen. Die Formen des Beines der Frau ſind ſpezifiſche 
Geſchlechtsmerkmale der Frau, erotiſch wirkende Reize, und ſeine eigenartige Be— 
kleidung durch den enganliegenden Strumpf laͤßt es auch bekleidet in abſoluter 
Realitaͤt ſehen. Es braucht nicht bewieſen zu werden, daß es fuͤr die dazu bereit— 
willige Frau hundert Gelegenheiten, hundert Anlaͤſſe, hundert Moͤglichkeiten gibt, 
ihr Bein zu zeigen. Das moraliſche Ergebnis des Erſatzes der Dekolletierung 
als oͤffentliche Demonſtration durch das Retrouſſé iſt ebenfalls wichtig: Dokumentiert 
ſich in dem Verſchwinden des provokatoriſchen Buſenausſchnittes aus der Mode des 
täglichen Lebens unbeſtreitbar ein feineres ethiſches und aͤſthetiſches Empfinden, fo 
dokumentiert die ſyſtematiſche, aber immer ſcheinbar nur zufällige Preisgabe des 
Beines die Entwicklung zum Delikateren und Raffinierteren; denn es iſt ein viel 
erotiſcheres Verfahren. Das Raffiniertere und Erotiſchere beſteht in Verſchiedenem. 
Erſtens darin, daß das Bein der Frau vom Knoͤchel bis zum Knie der Koͤrperteil 
iſt, der von der Mode den Blicken offiziell vollſtaͤndig entzogen wird; ſeine Formen 
vermögen ſich äußerlich nicht fo deutlich abzupraͤgen wie die der Arme, des Ruͤckens, 
des Buſens, der Huͤften, der Lenden und der Schenkel. Die Sichtbarmachung kann 


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1513 


Deutſche Karikatur von Hans Baldung Grien. 


Albert Langen, Munchen 


„Die Frau in der Karikatur“ 


Beilage zu Eduard Fuchs, 


immer nur durch eine Art „Entkleidung“ gefchehen. Gerade dieſe Notwendigkeit 
aber eroͤffnet der Phantaſie die kuͤhnſten Perſpektiven. Das Raffen des Kleides, 
das Retrouſſé, dieſe teilweiſe „Entkleidung“ erſchließt den Blicken ſcheinbar den 
Weg zum Intimſten. Ein weiteres iſt das ſcheinbar Zufaͤllige und doch individuell 
Willkuͤrliche dabei. Die Dekolletage des Buſens war innerhalb beſtimmter Zeiten 
und Moden etwas Begrenztes und ſozuſagen Unverruͤckbares. Bei der De— 
kolletierung des Buſens ſieht jeder Mann gleich viel oder gleich wenig, wenn nicht 
ganz außergewoͤhnliche Kunſtſtuͤcke angewandt werden. Ganz anders iſt das beim 
Retrouſſé. Es iſt, wie geſagt, etwas abſolut Willkuͤrliches, etwas abſolut Perſoͤn— 
liches. Als ein Geſchenk, von der Gunſt des Augenblicks bewilligt, erſcheint es, aber 
die Frau vermag Unterſchiede zu machen. Sie vermag dem einen mehr, dem andern 
weniger zu bewilligen. Waͤhrend ſie der Menge nur für die Dauer der kuͤrzeſten 
Sekunde „Einblicke“ gewaͤhrt, kann ſie den Bevorzugten „das Gluͤck“, „den Genuß“ 
beliebig verlaͤngern. Schließlich kommt noch das ewig Wechſelnde hinzu, die jede 
Sekunde veraͤnderten Farbenkontraſte und das Bewegte des Bildes. Das alles macht 
das Retrouſſé zur raffinierteren Form der weiblichen Koketterie. Und daß das alles 
bewußt geſchieht, alles ausprobierte Abſicht iſt, 
daß das Retrouſſé heute das Hauptmittel der 
durch Demonſtration der abſoluten Wirklichkeit 
agierenden Kofetterie iſt, dafür ſpricht unwider— 
leglich der verſchwenderiſche Luxus, dem die 
meiſten Frauen in ihrer Unterkleidung huldigen, 
die zunehmende Eleganz alles deſſen, was der 
Franzoſe les dessous nennt. — 

Die natuͤrlichen Reize durch Hervorheben 
oder Unterſtreichen des Weſentlichen, oder indem 
man durch irgend etwas die Blicke darauf hin— 
zog — und waͤre es durch eine ſcheinbare Un— 
ſchoͤnheit — kuͤnſtlich zu ſteigern, war natürlich 
immer ein Problem der Koketterie. Es hat zu 
hundert grotesken Ausgeburten gefuͤhrt, obenan 
ſtehen: das Pudern, das Schminken und die 
Schoͤnheitspflaͤſterchen. 

Der Puder ſoll einerſeits die Weiße der 
Haut betonen, eine intereſſante Blaͤſſe verleihen 
und einen unreinen Teint verbergen, anderſeits 
die Farbe des Teints der jeweiligen Beleuchtung 
anpaſſen. Das letztere ſoll auch durch die Schminke 


erzielt werden, aber der Hauptzweck des Schminkens 172. Hans Burgfmair. 16. Jahrhundert 
24 


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185 


ift doch der, die Spuren 
des Alters zu verbergen 
und die roſige Friſche der 
Jugend vorzutaͤuſchen. 
Puder und Schminke herr— 
ſchen heute noch uneinge— 
ſchraͤnkt im Reiche der 
Koketterie; ja man kann 
ſogar getroft behaupten, daß 
beide heute im Bereich der 
weiblichen Toilettenkuͤnſte 
eine Rolle ſpielen, die alles 
das in Schatten ſtellt, was 
fruͤhere Zeiten auf dieſem 
Gebiete geleiſtet haben. 
Der einzige Fortſchritt in 
der Richtung der Vernuͤnf— 
tigkeit beſteht nur darin, 
daß die hoͤhere wiſſenſchaft— 
liche Einſicht in die Wir— 
kung gewiſſer Prozeduren 
ſelbſtverſtaͤndlich zuerſt mit jenen grotesken Formen aufgeraͤumt hat, zu denen 
die mangelhafte Klarheit uͤber das Weſen der Dinge ehedem verfuͤhrt hat. Wenn 
wir daher heute veraͤchtlich uͤber den Aberwitz lachen, zu dem einſtens die Eitel— 


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Mönch in der Nonnenzelle 


173. 16. Jahrhundert 


keit die Frauen verführt hat, ſo lachen wir vollkommen zu unrecht: der Aberwitz 
iſt heute geradezu ins Wahnſinnige geſteigert worden. Aber, weil er mit den 
Mitteln der fortgeſchrittenen Wiſſenſchaft arbeitet, ſo faͤllt er nicht mehr ſo auf und 
iſt unzweifelhaft groͤßer in ſeinen Erfolgen. Die weiblichen Verſchoͤnerungskuͤnſte 
ſind eine Wiſſenſchaft fuͤr ſich. Ihre Ausnuͤtzung im Dienſte der Koketterie iſt zu 
einem Raffinement entwickelt worden, von dem man keinen Begriff, ſondern hoͤchſtens 
eine Ahnung bekommen kann, wenn man den Toilettentiſch einer Femme du monde 
ſieht, mit ſeinen oft mehr als hundert Meſſerchen, Scheren, Pinzetten, Polierappa— 
raten, Naͤpfchen, Doſen, Salben, Stiften und Quaſten. Der Toilettentiſch einer vor— 
nehmen Dame, „die etwas auf ſich haͤlt“, iſt ein wiſſenſchaftliches Laboratorium, das 
ſehr häufig — zum traurigen Ruhme unferer Kultur! — verſchwenderiſcher aus— 
geruͤſtet iſt, als das wiſſenſchaftliche Hilfsmaterial vieler unſerer groͤßten Schulen, 
und er verſchlingt Summen, von denen ſich das werktaͤtige, arbeitende Volk in ſeiner 
Naivetaͤt nichts traͤumen laͤßt. 

Einer entſchwundenen Epoche gehört die Mode der Mouches, der Schoͤnheits— 


186 


pfläſterchen an. Durch den Kontraſt der Farbe des Schoͤnheitspflaͤſterchens follte der 
blendende Schimmer der Haut gehoben werden, denn gerade der Schatten laͤßt das 
Licht erkennen. Der biedere Hippel ſchreibt daruͤber: „Noch aͤrger aber iſt es, daß 
ſie Reize zeigen, und Schatten dabei anbringen, der die Sache, ſo wie in der Malerei 
erhebt.“ 

Ein anderer Zweck, der mit den Schoͤnheitspflaͤſterchen verfolgt wurde, war 
der, die Blicke der Maͤnner in ganz beſtimmter Weiſe zu lenken und zu bannen, 
d. h. auf ganz beſtimmte Vorzuͤge und koͤrperliche Schönheiten aufmerkſam zu machen. 
Die Frauen ſind in den raffinierten Verſchoͤnerungskuͤnſten gewiegte Empiriker. Sie 
wiſſen ganz genau, wie pikant ein dunkler Punkt die ſtrahlende Reinheit des Ge— 
ſichtes unterbricht, wie der blendende Schimmer des Nackens oder des Buſens da— 
durch gehoben wird, wie durch dieſen kleinen Kontraft die Haut ploͤtzlich ſchimmern— 
der und leuchtender erſcheint. Ja, ſie wiſſen noch etwas mehr, was noch viel pikanter 
für fie iſt. Sie wiſſen, daß ein ſolcher Punkt, ein ſcheinbarer Fehler die Blicke eines 
jeden fasziniert, ſie immer und immer wieder auf ſich zieht. Eine Frau ſpricht in 
einer Geſellſchaft mit zwei, mit drei, mit ſechs Herren, und jeder ſtarrt nach dieſer 
Stelle; ſie tanzt bei einem Balle mit ebenſo vielen, und jeder ihrer Taͤnzer ver— 
ſchlingt die Stelle, an der das Schoͤnheitspflaͤſterchen klebt, foͤrmlich mit den Blicken. 
Wie pikant laͤßt ſich das ausnuͤtzen! Wenn ihr der Anſtand auch alle Worte ver— 
ſagt, mit Hilfe dieſer koketten Zeichenſprache kann ſie die allerintimſten, die zwei— 
deutigſten, die unanſtaͤndigſten Unterhaltungen mit Dutzenden von Herren fuͤhren. 


Non Gllare jed ind, ap irn filr, licht, Ihr ku 105 mich Hanſlein Da Han ficht 
Cum dali, amplexus, Baſia aum; fr ferer. acht 5 hembtlein / mein kragn nichl 
174. Deutſche ſymboliſche Karikatur auf die Sinnlichkeit der Frauen. 1648 
24 * 


187 


Und das ohne jede Einleitung. Jedem kann fie fagen: „Habe ich nicht einen herr— 
lichen Wuchs?“ „Habe ich nicht klaſſiſch ſchoͤne Formen?“ uſw. Und fie fagt 
das jedem, unterhaͤlt ſich mit jedem daruͤber, indem ſie tief am Ruͤcken, knapp am 
Rande des Kleides, oder dort, wo die Zaͤſur ihres Buſens delikat und doch deut— 
lich einſetzt, ein Schoͤnheitspflaͤſterchen anbringt. Sie weiß, die Blicke ihres Partners 
werden ſich darauf heften und werden bohrend weiterdringen, ſie werden den ganzen 


Ruͤcken hinabgleiten, ſie werden ihre Buͤſte wie mit Geierkrallen umſpannen, kurz, ſie 


werden ſtaͤndig lauern, das Intimſte zu erhaſchen. Die Art und der Ort, wo die 
Schoͤnheitspflaͤſterchen im Geſicht angebracht wurden, ſollte uͤberdies den beſonderen 
Charakter ſymboliſieren. Eine Schrift aus dem Jahre 1756 gibt folgenden inter— 
eſſanten Catalogue des mouches: 

La passionnée au coin de l'œil, La baiseuse au coin de la bouche, 

La majestueuse au milieu du front, L’effrontee sur le nez, 


L’enjouee sur le pli que fait la joue en riant, La coquette sur les levres, 


La galante, au milieu de la joue, La reveleuse sur un bouton. 


Die Mode der Schoͤnheitspflaͤſterchen führte allmählich zu den tollſten Aus— 
geburten. Man begnuͤgte ſich ſchließlich nicht damit, nur kleine runde Plaͤttchen auf— 
zukleben, ſo wie es uns heute Lebenden von den Maskenbaͤllen und vom Theater her 
bekannt iſt, man ging dazu uͤber, ihnen die Form von kleinen Muͤcken und Kaͤfern, 
ja mehr noch, ſogar die von hoͤchſt unappetitlichen Tierchen zu geben: nicht nur die 
Luſt, zu ſchauen, ſollte die Maͤnner gefangen halten, auch die unbaͤndige Luſt, nach 
den bloßgelegten Schoͤnheiten der Damen zu greifen, ſollte den Maͤnnern ſtaͤndig in 
den Fingern zucken. Der Sittenſchilderer Moſcheroſch ſchreibt: 

„Andere verpflafterten das Geſicht hie und da mit ſchwartz Daffeten ſchandflecken. Und ich 
ſah deren einen Hauffen, die im Geſichte waren als ob ſie geſchroͤpft haͤtten oder ſich picken und 
hacken laſſen: dann an allen Orten, die ſie gern wollten beſchauet haben, waren ſie mit ſchwartzen 
kleinen Pflaͤſterlein behaͤnget und mit runden, langen, breiten, ſchmalen, ſpitzen Muͤcklein, Floͤhen und 
anderen fitzirlichen, zum Anblick dringenden, zum Zugriff zwingenden Mansfallen-Geſtalten bekleidet.“ 

Die uͤbertriebene Anwendung der Schoͤnheitspflaͤſterchen iſt freilich auch noch 
anders begründet worden als durch die Entdeckung des pikanten Reizes der Kontraſt— 
wirkung. Als der Buſenausſchnitt ſo tief herabſank, daß der ganze weibliche Ober— 
koͤrper ſich unverhuͤllt den Blicken darbot, traten natuͤrlich auch die hinterbliebenen 
Spuren galanter Abenteuer immer haͤufiger zutage, die ſogenannten Venusblumen, 
die man, wie die Geſchichte der galanten Zeitalter beweiſt, ſelbſt bei den vornehmſten 
Damen der Geſellſchaft gar haͤufig traf. Dieſe Narben zu verdecken, ſei der haͤufigſte 
Zweck der Mouches geweſen. Der Sittenſchilderer Geyersberg beſtaͤtigt dies in ſeinem 
1689 erſchienenen „Deutſch-franzoͤſiſchen Modengeiſt“, in dem er auch die Mode, die 
Schoͤnheitspflaͤſterchen in Geſtalt von allerlei Getier zu verwenden, als eine deutſche 
Spezialität kennzeichnet. Die betreffende Stelle lautet; 


188 


| 


Die wütenden Wonnen 


175. Hollaͤndiſche Karikatur auf die Wut der Nonnen uͤber einen bei Liebeshaͤndeln mit weltlichen Beichtkindern ertappten 
Mönd. 17. Jahrhundert 


„Sonſt iſt auch bekannt, daß die Franzoſen ein verhurt und hitzig Volk fein, dahero fte auch 
in deren Geſichtern Venus-Bluͤmgen zu bekommen pflegen, und damit ſie ſolche bedecken moͤgen, 
haben ſie die Schattier-Fleckigen erſonnen. Dieſes haben auch unſere deutſchen Jungfern nach— 
geaͤffet und zum oͤfftern auf die Schattier-Pflaͤſtrigen Fliegen, Kaͤfer, Haͤhne, Eſel, Baͤre, Schafe, 
Rinder und Schweine geſchnitten, daß alſo die Frantzoſen nichts fo naͤrriſch haben ausſpintiſiren 
und erſinnen koͤnnen, welches die Deutſchen nicht viel naͤrriſcher haͤtten nachmachen koͤnnen.“ 

Aus dem Peinlichſten haͤtte ſomit die raffinierte Koketterie eine Pikanterie ge— 
macht. Daß dieſe Entſtehungsurſache nicht abſolut ins Reich der Unmoͤglichkeit zu 
gehoͤren braucht, erweiſt die abſolut feſtſtehende Tatſache, daß Ungluͤcksfaͤlle in der 
Liebe in verſchiedenen Faͤllen die Anregung zu beſtimmten Moden gegeben haben. — 


Der Flirt. Muß nicht alle weibliche Koketterie von vornherein einen ſinnlichen 
oder erotiſchen Untergrund haben, ſo zeigen doch gerade die zuletzt geſchilderten Formen 
ſehr deutlich, daß die Koketterie ſehr leicht auf das Gebiet des ausgeſprochen Sinnlichen 
gelangt. Daraus folgt ganz von ſelbſt, daß ſich die Koketterie auch des Mittels be— 
dient, das der moderne Sprachgebrauch mit Flirt bezeichnet. Der Flirt zählt zu 
den wirkungsvollſten Mitteln des weiblichen Werbens, denn es kann als unbeſtreit— 
bare Tatſache erklaͤrt werden, 
daß die Maͤnner uͤberaus leicht 
den ſexuellen Begierden des 
Weibes unterliegen. Und das 
Offenbaren ſexueller Begierden, 
das iſt eben das Weſen des 
Flirts. 

Ergibt ſich aus dem 
letzten Satz, daß der Flirt etwas 
weſentlich anderes iſt als die 
Koketterie, ein direkter Beſtand— 
teil des erotiſchen Genießens, 
ſo folgt daraus weiter, daß er 
auch nichts ſpezifiſch Weibliches 
iſt, ſondern ebenſo ein Aus— 
drucksmittel der maͤnnlichen 
Erotik. Und das iſt er auch. 
Der bekannte Zuͤricher Profeſſor 
Forel analyſiert in ſeinem 
Buche uͤber die ſexuelle Frage 
— — —— den Flirt in folgender Weiſe: 
Lebe des Jraces Han „Der heutige Begriff des 
Goͤz. Augsburger Karikatur auf die alten Koketten Flirts gehoͤrt unbedingt zum direkten 


190 


int par F E dien Lars 


en Opuig we) 


Nwelle observe ‚et son Ocl curieua , Maw Aglae, „Yu dun au farteusr 2 
A ce qui voll se prele sans malie, Juge Lecteur, quelle est la plus Novice). 
4 
AParıs ches Balla rue de Gevres - 5 


177. F. Eiſen. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Pruͤderie 


Geſchlechtstrieb, als formenreiche Skala ſeines Ausdruckes beim Manne wie beim Weibe. Wenn ich 
mich kurz ausdruͤcken ſoll, ſo beſteht der Flirt in allen Außerungen des Geſchlechtstriebes eines 
Individuums den anderen Individuen gegenuͤber, die bei ihm jenen Trieb erregen, mit Ausnahme 
des eigentlichen Beiſchlafes. Der Flirt kann mehr oder weniger bewußt oder unbewußt geſchehen . 

Der Flirt beſteht alſo in irgend einer Betaͤtigung, die geeignet iſt, ſowohl den eigenen Erotismus 
zu verraten, als denjenigen des andern oder der anderen anzuregen . . . Der Flirt kann von einem 
leicht provozierenden, etwas verliebten Blick, von einer leiſen, ſcheinbar unbeabſichtigten Beruͤhrung, 
durch alle möglichen Liebesſpiele, Kuͤſſe, Liebkoſungen und Umarmungen bis zu ſogenannten unzuͤchtigen 
Beruͤhrungen und Reizungen gehen, ſofern man es nicht bis zum aͤußerſten kommen laͤßt. Die 


Nuancen gehen hierbei unmerklich ineinander uͤber . . . Der Flirt bedient ſich abwechſelnd des 


191 


Geſichts- und des Taſtſinnes. Der Blick ſpielt darin eine große Rolle, denn er kann ſehr viel 
verraten und dadurch mächtig wirken. Der Haͤndedruck, bloße Annäherung, ein Hauch, eine ſcheinbar 
unbeabſichtigte Bewegung, Streifen der Kleider und der Haut, provozierende Bewegungen ſind die 
gewoͤhnlichen Mittel des Flirtes. In Situationen wo Menſchen dicht beieinander ſitzen muͤſſen oder 
ſonſt nahe aneinander kommen (wie z. B. in Eiſenbahn-Coupés, an dicht beſetzten Tiſchen und dergl.), 
ſpielen die Beine durch Andruͤcken der Knie, der Fuͤße und dergleichen mehr ihre wohlbekannte Rolle 
beim Flirt. Dieſe ganze ſtumme Sprache des Sexualtriebes pflegt zunaͤchſt in vorſichtiger, unverfaͤng— 
licher Weiſe geſprochen zu werden, fo daß der angreifende Teil nicht direkt der Unanſtaͤndigkeit beſchuldigt 
werden kann. Merkt aber dieſer Flirtſuchende, daß ſeine leiſen Einladungen irgendwie beantwortet 
werden, ſo wird er dadurch ermutigt und dann, wenn beiderſeits ein ſtummes Einverſtaͤndnis vor— 
liegt, geht das Spiel weiter, ohne daß nur ein Wort die Gefuͤhle beider Teile zu verraten braucht. 
Viele Flirtende huͤten ſich uͤberhaupt, ſich durch die Sprache zu verraten und amuͤſieren ſich gegen— 
ſeitig mit dieſer, wenn auch unvollſtaͤndigen Reizung ihrer feruellen Empfindungen.“ 


Iſt der Flirt bei Mann und Frau in gleich ſtarker Weiſe im Schwange, ſo iſt 
doch die Frau wiederum ſeine 
unvergleichliche Meiſterin. 
Auch hier hat ſie die Natur 
erzogen, auch hier iſt ihre 
Paſſivitaͤt die entſcheidende 
Urſache. Fuͤr die Frau iſt 
der aktive Flirt die einzige 
zuläffige Form, ihre erotiſchen 
Gefuͤhle zu zeigen: „Sie 
darf aus ihrer paſſiven Rolle 
ſelbſt dann nicht ſichtbar 
heraustreten, wenn ſie von 
der groͤßten erotiſchen Sehn— 
ſucht geplagt wird“, denn 
die plumpe Offenbarung ver— 
fehlt den Zweck, ſie ſtoͤßt den 
Mann direkt ab. Nun, das 
hat die Frau zu der Meiſterin 
erzogen, die es vermag, ſich 
vor dem Manne bis aufs 
letzte zu entſchleiern, ſeiner 
Phantaſie ein Paradies 
geiſtiger, ſeeliſcher und phy— 

Poffre aux chastes regards des churmes innocents, 

Si esite nonchulance fifcher Wonnen der Wolluſt 


Amants voluptueux vous chatouille les Sens, 


vorzuzaubern, ohne auch nur 


Pant pis qui mal y pense. 


Franzöſiſche Karikatur auf die naiv tuende Koketterie. 18. Jahrhundert im geringſten die Grenzen 


192 


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18. Jahrhundert 


von Schall. 


Albert Langen, Muͤnchen 


des Anſtandes zu uͤberſchreiten. 
Mitten im Gewuͤhl der Straße 
beim gleichguͤltigſten Geſpraͤche, in 
der Geſellſchaft beim harmloſeſten 
Scherz und Schaͤkern, im Theater 
oder Konzert, uͤberall vermag ſie 
Feſte der ſinnlichen Liebe zu in— 
ſzenieren und zu feiern. Koketterie 
und Flirt verſchmelzen ſich ſo zu 
einem einzigen arabeskenreichen 
und vielverſchlungenen Kunſtwerk: 
im Dienſte der Koketterie ſteht der 
Flirt, dem Flirt dient als ge— 
fuͤgigſter Sklave die Koketterie. 
Die Hauptformen dieſer 
beiden Manifeſtationsarten des 
weiblichen Geſchlechtscharakters, 
d. h. den Grad des jeweils Zu— 
laͤſſigen: wie weit die Frau gehen 


darf, ſei es tendenzlos in der bei 


Demonſtration ihrer individuellen 179. Deutſche Karikatur. 18. Jahrhundert 


Schoͤnheit, ſei es werbend, um 

ſich finden zu laſſen, ſei es, um den Mann in ihre Netze zu verſtricken, indem ſie ſeine 
Begehrlichkeit weckt, oder ſei es als Teil des erotiſchen Genießens im geſellſchaft— 
lichen Verkehr mit dem Manne — das beſtimmen natuͤrlich die jeweils herrſchenden 
Geſetze der oͤffentlichen Sittlichkeit und die der beſonderen Klaſſenmoral. Die Bauern— 
dirne verwendet andere, plumpere Mittel als die Fabrikarbeiterin, und dieſe andere 
als die Frau aus dem Buͤrgertum. Die Buͤrgerin iſt wieder durch eine ganze Welt 
von der Dame aus der hohen Ariſtokratie geſchieden. Das laͤßt ſich ſchon an einem 
einzigen Beiſpiel deutlich klarmachen. Die junge Dame aus der hohen Ariſtokratie 
tritt offiziell mit dem Beſuch des erſten Hofballs in die Welt ein. Das hoͤfiſche 
Zeremoniell hat aber fuͤr die Balltoilette zu den allermeiſten Zeiten eine uͤberaus ſtarke 
Dekolletierung vorgeſchrieben. Die junge Dame muß alſo die offizielle Welt in einer 
Weiſe betreten, die dem natuͤrlichen jungfraͤulichen Schamgefuͤhl durchaus wider— 
ſpricht. Gleichviel, die Klaſſenmoral dekretiert es, alſo iſt die wichtigſte Aufgabe, die 
ſie fuͤr dieſen Tag zu loͤſen hat, die: ſich zwar halbnackt, beſſer halb entkleidet, aber 
mit Wuͤrde und Anſtand zur Schau zu ſtellen. Um einen grotesken Vergleich heran— 
zuziehen: ſie hat das Kunſtſtuͤck zu loͤſen, im aͤußeren Auftreten Meſſaline, in Sprache, 
Miene und Benehmen Veſtalin zu ſein. Und dieſes Doppelweſen muß ihr zur zweiten 

25 
193 


Natur werden; denn fie hat jahraus, jahren bei jeder offiziellen Gelegenheit genau 
dieſelbe Rolle zu ſpielen. Das iſt etwas, was den anderen Klaſſen ſtets abſolut 
fremd geweſen iſt. Fremd jedenfalls in ſeinem grellen moraliſchen Widerſpruch. 


Gewiß hat es ſehr viele Perioden gegeben, in denen das Buͤrgertum der Dekolletierung 
in ebenſo ſtarkem Maße huldigte, wie es die hoͤfiſche Geſellſchaft zu allen Zeiten 
getan hat; aber wenn der Bloͤßenwahnſinn die anderen Klaſſen erfaßt hatte, ſo ent— 
ſprach dem die Geſamtmoral, der Widerſpruch fehlte, der Geiſt trug dann nicht die 
Maske der Veſtalin. 

Wollte man die geſchilderten Formen der weiblichen Kofetterie und des weib— 
lichen Flirtes ſozuſagen hiftorifch belegen, fo koͤnnte man damit ebenfalls Bände 
fuͤllen, aber es reichen auch ſchon wenige Beiſpiele zur Illuſtration aus. 

Der ſcheinbar zufälligen Entbloͤßung wurde am naivften bei den allermeiſten 
Volksbeluſtigungen gehuldigt, und zwar ſyſtematiſch durch zahlloſe Geſellſchaftsſpiele, 
und vor allem durch viele Tänze. Die populuͤrſten aller Geſellſchaftsſpiele und Tänze 
im 15., 16. und 17. Jahrhundert waren in ihrer Pointe hauptſaͤchlich darauf angelegt, 
die Frauen vor den Blicken der Mitſpielenden und der Zuſchauer unzuͤchtig zu entbloͤßen. 
In welch ungeheuerlichem Maße dies mitunter geſchah, das belegen die uͤberall erlaſſenen 
Polizeiverordnungen zur Eindaͤmmung der vorkommenden Ungeheuerlichkeiten. Bei 
einer beſtimmten flaͤmiſchen Volksbeluſtigung, die noch im 18. Jahrhundert in ziem— 
lich ungemilderter Form im Schwange war, beſtand der Hoͤhepunkt darin, daß am 
Schluſſe Maͤnnlein und Weiblein paarweiſe einen Abhang hinunterkollerten. Fuͤr die 
Frauen waren derartige Gebraͤuche, Taͤnze, Spiele und Volksbeluſtigungen die Ge— 
legenheit, mit der Schoͤnheit der Reize vor der Offentlichkeit zu kokettieren, die den 
Blicken gemeinhin durch die Kleidung entzogen ſind. Daß die Frauen ſich mit dem 
ausgeſprochenen Wunſch daran beteiligten, ſich recht häufig zufaͤllig entbloͤßt zu ſehen, 
das liegt ſchon in der ganzen Natur der Sache und muͤßte nicht erſt durch die zahl— 
reichen Sittenſchilderer beſtaͤtigt werden, die alle ausdruͤcklich betonen, daß unter den 
Frauen die Maͤnner beſonders wohlgelitten ſeien, die es verſtuͤnden, die Partnerin 
beſonders hoch zu heben und beſonders ſtark zu ſchwenken, ſo daß die Roͤcke bis uͤber 
den Kopf flögen; und Unterkleider trug damals bekanntlich weder die Bauerndirne 
noch die zuͤchtige Buͤrgerstochter. Um zu erfahren, daß ſolche Derbheit nicht nur dem 
gewoͤhnlichen Volke eigen war, ſondern in den hoͤchſten Hoͤhen der Geſellſchaft ebenſo 
eifrig gepflegt wurde, genuͤgt es, wenn man die Memoiren des Grafen Grammont 
uͤber den engliſchen Hof unter Karl II. nachlieſt. Fuͤr den franzoͤſiſchen Hof beſtaͤtigt 
es Brantöme. Brantöme gibt über die Hoftaͤnze, die „von unſeren Königinnen, 
hauptſaͤchlich von der Koͤniginmutter“ (Katharina von Medicis) aufgefuͤhrt wurden, 
folgenden niedlichen Bericht: 

„Gewoͤhnlich richteten wir Hofleute unſere Blicke auf die Fuͤße und Beine der tanzenden 
Damen und entzuͤckten uns an den verfuͤhreriſchen Bewegungen. Denn ihre Roͤcke waren kuͤrzer als 


194 


Die Torheit ſchmückt das verwelkte Alter mit den Reizen der Jugend 


180. Charles Coypel. 18. Jahrhundert 


ſonſt, aber nicht, wie bei Nymphen, fo hochgeſchuͤrzt, wie man hätte wuͤnſchen koͤnnen. Trotzdem 
ſchlugen wir unſere Augen ein wenig nieder, beſonders wenn man die Volte tanzte, wobei die Roͤcke 
flogen und man ſtets etwas Huͤbſches zu ſehen bekam, woruͤber einige ganz und gar in Entzuͤcken 


gerieten.“ 
2 5 9 


195 


Die Nonne bei der Toilette 
18 . Franzoͤſiſches galant-ſatiriſches Blatt. 18. Jahrhundert 


Fuͤr den Flirt haben wir ebenfalls hiſtoriſche Beiſpiele aus allen Klaſſen. Kann 
man von dem vornehmen Leben in unſern heutigen Luxusbaͤdern, von den uͤblichen 


Unterhaltungen in den meiſten Kurorten und Sanatorien ſagen, daß der Flirt „in 
allen ſeinen Nuancen die Hauptbeſchaͤftigung eines großen Teiles der Gaͤſte bildet“, 
ſo kann man von den baͤuerlichen Spinnſtuben, die ſich ehedem in jedem Dorfe 
fanden und auch heute noch nicht voͤllig ausgeſtorben ſind, ſagen, daß ſie tatſaͤchlich 
auch weiter nichts als die baͤuerliche Organiſation des Flirts auf dem Lande dar— 
ſtellten und darſtellen. 

Der Einzelbeiſpiele gibt es genau ſo charakteriſtiſche. Der biedere Grimmels— 
hauſen erzaͤhlt in ſeinem „Simplizius“ von der in ihn verliebten Obriſtin, bei der 
er im Dienſte ſtand, folgende ergoͤtzliche Methode: 

„Ich mußte oft meiner Herrin beim hellen Tage Floͤhe fangen, natuͤrlich nur darum, damit 
ich ihren alabaſterweißen und zarten Leib ſehen und genugſam betaſten konnte.“ 

Das iſt die handgreifliche Koketterie des Lagerlebens im Dreißigjährigen Kriege. 
Im Weſen war es natuͤrlich dasſelbe, was nach der Schilderung des Herrn v. Poͤllnitz 
in ſeinem Werke „Das galante Sachſen“ die Graͤfin Eſterle tat, um den ſtarken 
Auguſt in ihre Netze zu verſtricken. Poͤllnitz ſchreibt: 

„Die Graͤfin gab ihm (dem Kurfuͤrſt) Nachricht, daß ſie ihn um acht Uhr abends erwarten 


wuͤrde . . . Er traf die Gräfin entkleidet auf einem Ruhebette von goldenem Stuͤcke an, welches in 
einem Kabinett ſtund, wo man nichts als Goldgemaͤlde und Spiegel von großer Koſtbarkeit ſehen 


196 


konnte; nicht anders, als wenn dieſes der Aufenthalt der Mutter des Liebesgottes wäre. Die Frau 
von Eſterle war in der Tat reizend. Ihre Haare, welche die ſchoͤnſte blonde Farbe hatten, fielen 
lockenweis auf ihre Schultern, und waren mit grünen Baͤndern geſchmuͤcket . . . Eine koſtbare Spitze 
erhub die Schönheit ihres Buſens nicht wenig; die Fleiſchfarbe und die Weiße ihrer Haut ver— 
einigten gleichſam Roſen und Lilien. Sie war in aͤußerſter Bewegung von Furcht, oder vielleicht 
von Freude, uͤber den Beſuch des Kurfuͤrſten. Dieſer Prinz ſahe ſie mit einem Vergnuͤgen an, das 
ſich ebenſowenig als das uͤbrige, das mit den beiden Verliebten vorging, beſchreiben laͤßt.“ 


Fuͤr das Raffinement der abgefeimten Kokette, die es verſteht, die Kuͤnſte ihrer 
Koketterie in klingendes Gold umzumuͤnzen, gibt Caſanova in der Schilderung feines 


— 


— — — 


1 
1 
1 
5 
1 


. 


Die Rokette bei ihrer Toilette 


182. Thomas Rowland ſon. Engliſcher galant-ſatiriſcher Kupferſtich. 1790 


197 


Verhaͤltniſſes mit der Turiner Juͤdin Lia ein geradezu Flaffifches Beiſpiel. Caſa— 


nova ſchreibt: 


„Waͤhrend Moſes nun fortging, um die 380 Zechinen zu holen, die ich ihm bei meinem 
Bankier Zappate anwies, und ich mit Lia allein war, drang ich in ſie, ſich zu entkleiden und meine 
Wuͤnſche zu ſtillen. „Heut' noch nicht, die Tante iſt noch zu Haus, man koͤnnte uns uͤberraſchen, 
doch muß ich mich umkleiden, Sie aber treten ſolange in dies Kabinett, bis meine Toilette be— 
endet iſt.“ Ich verſtehe mich dazu, und ſie ſchließt mich ein. Ich betrachte die Tuͤr und bemerke eine 
kleine Spalte zwiſchen den beiden Fluͤgeln. Ich ſteige auf ein Taburett, preſſe mein Auge an die 
Spalte und ſehe Lia, die mir gegenuͤber auf einem Sofa ſitzt, ſich langſam entkleiden. Sie zieht 
ihr Hemde aus, nimmt eine neben ihr liegende Serviette und wiſcht ſich den herrlichen Buſen ab. 
Als ſie die Beinkleider ausgezogen und ganz nackt daſtand, fiel wie zufaͤllig ein Ring zur Erde und 
rollte unter das Kanapee. Sogleich ſteht ſie auf, blickt zur Rechten, zur Linken, buͤckt ſich ſodann, 
um unter dem Sofa zu ſuchen und muß, um dies zu koͤnnen, niederknien und den Kopf ſenken. 
Als ſie ſich wieder auf das Sofa geſetzt hatte, bedurfte ſie wiederum der Serviette, und nun trocknete 
ſie ſich abermals ab, ſo daß kein Teil ihres ſchoͤnen Koͤrpers ein Geheimnis fuͤr mein Auge blieb, 
das alle dieſe Reize gierig verſchlang. Sie wußte, davon war ich uͤberzeugt, daß ich alles geſehn, 
und erriet wohl, welchen Eindruck ſie auf meine leicht entzuͤndliche Natur gemacht.“ 


Wie weit ſelbſt Königinnen in der Koketterie gehen, dafür gibt Maria Antoi— 
nette von Frankreich, die Tochter Maria Thereſias von Oſterreich, folgendes bezeich— 
nende Beiſpiel. Der Buſenausſchnitt an den Kleidern der Damen des Hofes war 
dermaßen ſtark, daß die intimſten Feſtſtellungen moͤglich waren und dementſprechend 
gemacht wurden. Die Buͤſte Maria Antoinettens wurde von der Hofgeſellſchaft 
ſchwelgeriſch als die ſchoͤnſte geruͤhmt. Maria Antoinette akzeptierte ſtolz dieſe 
Huldigung, indem ſie von ihrem Buſen einen naturgetreuen Abguß in einer wert— 
vollen Maſſe herſtellen ließ. Dieſer Abguß wurde dann als Fruchtſchale montiert 
und in einem Saal von Trianon aufgeſtellt. Die Gebruͤder Goncourt haben die 
Abbildung dieſer heute noch erhaltenen Fruchtſchale in einem ihrer koſtbaren Werke 
uͤber die Geſellſchaft des 18. Jahrhunderts vorgefuͤhrt. 

Zweifellos wird beim Leſen ſolcher Beiſpiele mancher Leſer den Einwand er— 
heben, das ſeien Erſcheinungen eines ſinnlich korrupten Zeitalters, ſo etwas haͤtte aber 
keine Geltung mehr für unſere Zeit. Dem muß entgegengetreten werden, denn in 
der Sittengeſchichte heißt Verſteckſpielen: Faͤlſchen. Szenen, wie die von Poͤllnitz und 
Caſanova geſchilderten, ſind zweifellos feſtſtehende Beſtandteile der weiblichen 
Koketterie, es find Methoden, die heute noch in allen Laͤndern begeiſterte Vertreterinnen 
haben, natürlich nicht beim gewöhnlichen Volke; dieſes hat feine Zeit für ſolche rafft- 
nierte Spielereien, dagegen blüht dieſer Sport üppig bei der geſamten Lebewelt. 
Wuͤrde der Fall eintreten, was als Einzelfall ja nicht ausgeſchloſſen iſt, daß irgend 
ein genialer Lebemann der Gegenwart unſerer Zukunft intime Bekenntniſſe im Stile 
Caſanovas hinterließe, ſo kann man hundert gegen eins wetten: es wuͤrde ſich zeigen, 
daß derartige Mittel und Formen noch heute in das Repertoire der Koketterie ge— 


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183. Franzoͤſiſcher ſatiriſcher Kupferftich auf die Galanterie der Nonnen im 18. Jahrhundert. 1778 


hören. Man braucht einen folchen Beweis aber gar nicht erſt abzuwarten, fondern 
es genuͤgt, wenn man als ſtiller und nuͤchterner Beobachter die Muͤnchener, Berliner 
und Pariſer Bals parés beſucht: man wird Dutzende von Malen ungeſtoͤrt Szenen 
beobachten koͤnnen, die von dieſer Art Koketterie nicht allzuweit entfernt ſind, und 
dieſe Szenen entwickeln ſich in feſtlich beleuchteten Raͤumen vor aller Welt. Denn 
wenn ſich die unternehmungsluſtige Kofetterie auch in die Niſchen zuruͤckzieht, ſo 
macht doch der Zufall jeden Augenblick einen dritten, dem die Scherze gar nicht 
gelten, zum ungewollten Zeugen. — 

Wie ſteht es nun mit der ſittlichen Berechtigung dieſer Faktoren? Auch die 
Beantwortung dieſer Frage darf nicht umgangen werden, wenn man die Kari— 
katuren, die uns von dieſen Mitteln erzaͤhlen, richtig verſtehen will. 

Die ſtets einſeitige und ſtets ſchablonenhafte Konvenienz hat das Wort 
Koketterie faſt immer unterſchiedlos mit Gefallſucht uͤberſetzt und dementſprechend 
dieſe weibliche Eigenſchaft verdammt. Demgegenuͤber iſt mit aller Deutlichkeit her— 
vorzuheben, daß die Koketterie ſittlich durchaus berechtigt iſt. Sie iſt ſchon deshalb 
ſittlich berechtigt, weil fie eben die notwendige und nicht ausſcheidbare pſychiſche 

Ausſtrahlung der paſſiven Rolle 
der Frau im Geſchlechtsleben iſt. 

Ganz das gleiche gilt auch 
vom Flirt als Beſtandteil des 
ſinnlichen Genießens, und vor 
allem von ſeiner ſpezifiſch weiblichen 
Form. Aufgabe des kulturellen 
Strebens iſt es, alle Lebens— 
betaͤtigung aus der rohen Form, 
in der ſie ſich urſpruͤnglich mani— 
feſtierten, herauszuſchaͤlen und alles 
in ſeiner Art zu idealiſieren, zum 
ſchoͤnen und reichen Kunſtwerk 
auszugeſtalten. Und das gilt nicht 
nur ſelbſtverſtaͤndlich, ſondern ſo— 


gar in erſter Linie fuͤr die ſinnliche 
Liebe. Das muß mit abſoluter 
Unzweideutigkeit ausgeſprochen 
werden. Wenn die zaͤrtlich Liebende, 
ſei es die Gattin, die Braut oder 


. = die intime Freundin, dem geliebten 
Alle werden hereinfallen! Mann durch kokette Spiele die 


184. Franzisko Goya. Spaniſcher ſatiriſcher Kupferſtich beſonderen Reize ihrer Perſon und 


200 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


ihres Körpers zum Bewußtſein bringt, und wenn fie den betreffenden dadurch 
zur Werbung und zu Wagniſſen aufmuntert, wenn ſie auf ſolche Weiſe ihr gluͤhen— 
des Verlangen nach ſeiner Umarmung oder ihr unausſprechliches Entzuͤcken gegen— 
uͤber ſeinen Liebesbezeugungen offenbart, wenn ſie weiter die Zahl der ſinnlichen 
Genuͤſſe, die ſie empfaͤngt und bereitet, dadurch verhundertfacht, ſo kann dies alles 
nicht nur im hoͤchſten Grade bezaubernd ſein, ſondern auch ſittlich im vollſten 
Grade berechtigt. Und zwar eben als Ausdruck der Faͤhigkeit, die ſinnliche Liebe aus 
der Sphaͤre des Bloß-Animaliſchen emporzuheben zu reineren und edleren Formen und 
Hoͤhen. Man merke ſich dabei gefaͤlligſt das alte Volksſprichwort: „Wenn Venus 
ihr Geſpiel Grazie nicht hat bei ſich, ſo iſt ſie ein Bauernmenſch.“ Mit der Stei— 
gerung zum perverſen Raffinement hat das natuͤrlich nichts zu tun. Dagegen kann 
man buͤndig erklaͤren, daß das Beſtreben und das Vermoͤgen, das Erotiſche aus der 
Sphäre des Nur-Animalifchen emporzuheben, geradezu ein Beſtandteil der perſoͤnlichen 
Sittlichkeit iſt; und darum iſt es auch eine der Kulturaufgaben in der Richtung einer 
hoͤheren Ziviliſation, immer mehr 
Menſchen dahin zu bringen, in 
dieſem Vermoͤgen einen wichtigen 
Beſtandteil des Lebensgluͤckes zu 
erkennen. 

Wenn man die weibliche 
Kofetterie und den Flirt im 
Prinzip fuͤr ſittlich berechtigt er— 
klaͤrt, ſo iſt damit freilich noch 
lange nicht geſagt, daß auch alle 
Formen ſittlich berechtigt wären, 
zu denen die Frau greift, um 
den Zweck ihrer Werbungen zu 
erreichen. Die Mittel und Wege, 
die fie einſchlaͤgt, koͤnnen tief un— 
ſittlich und verwerflich und fuͤr 
den gelaͤuterten Geſchmack im 
hoͤchſten Grade abſtoßend und 
empoͤrend ſein, und ſie ſind das 
auch zweifellos uͤberaus haͤufig. 
Aber wenn es fuͤr die Frau 
leider eine ſoziale Notwendigkeit 
iſt, die Formen der Koketterie 
und des Flirts zu ſteigern, um 


Wenn ſie gruͤndlich gerupft ſind, werden ſie von dannen gejagt. 


7 185. Franzisko Goya. 
„gefunden“ zu werden, d. h. um Spaniſcher ſatiriſcher Kupferſtich 
20 


den Konkurrenzkampf 
um den Mann ſiegreich 
zu beſtehen, ſo iſt es 
auch mehr eine Anklage 
gegen die fehlerhafte 
Form der Geſellſchafts— 
ordnung als ein per— 
ſoͤnlicher Vorwurf, der 
dagegen erhoben wer— 
den koͤnnte. 

Fuͤr die ſittliche 
Qualifizierung der an— 
gewandten Formen iſt 
viel weniger der Grad 
der Steigerung maß— 


gebend als zahlreiche 
andere Umſtaͤnde. 
Koketterie und Flirt 
koͤnnen bis an die 


aͤußerſte Grenze gehen 


und doch naiv und 
keuſch — natuͤrlich 
nicht in der muckeriſch— 
unſittlichen Definierung 
des Wortes — bleiben, 
wie die ſchmucke Schweizer Lieſel, die Voͤgel und ſonſtiges Getier, das da kreucht und 
fleucht, bei ihrem Tun belauſcht, und als ihr Hanſel kommt, da — zeigt ſie ihm froh, 
„Wie ſie's mache; Und mer lache Und mache's A ſo“. Goethe hat dieſen alten, naiven 
Volksliedgedanken in feinem koͤſtlichen Schweizerlied zur ewigen Freude aller nor: 
malen Menſchen ausgemuͤnzt. Wenn eine Schauſpielerin in einer uͤbermuͤtigen Szene 
eines Stuͤckes in dem der Situation entſprechenden uͤbermut herumwirbelt, daß die 
Roͤcke fliegen, und es dabei einigemal zutage kommt, daß fie ein Paar Waden hat, 
die der liebe Herrgott gar wohl gedrechſelt hat, ſo iſt fuͤrwahr kein Grund vor— 
handen, darob vor ſittlicher Entruͤſtung Wutkraͤmpfe zu bekommen. Wenn aber die— 
ſelbe Schauſpielerin in einem ernſten Stuͤck, nehmen wir z. B. an: in Hebbels Maria 
Magdalena, in irgend einer Szene, wo ſie Gelegenheit finden kann, im Vordergrund 
der Buͤhne zu ſitzen, kokett ein Bein uͤber das andere ſchlaͤgt und dadurch dem erſten 
und zweiten Parkett Gelegenheit gibt, mit Muße intime Feſtſtellungen uͤber die Eleganz 
ihrer Deſſous anzuſtellen, ſo iſt das ein nicht allzu ſeltener Trick, aber trotzdem ein 


Der Spiegel in Ungnade 


186. Iſage Cruikshank. Engliſche Karikatur. 1808 


202 


ganz infamer Zynis— 
mus. Wenn eine Frau 
mit raffinierter Be— 
rechnung die Sinnlich— 
keit aufſtachelt, nicht 
um in der Ausloͤſung 
des hoͤchſten Elans eine 
der Glut ihrer Empfin— 
dung entſprechende 
Kraft beim Geliebten 
zu entfeſſeln, ſondern 
einzig deshalb, um ihre 
ſinnliche Reizwirkung 
materiell erfolgreich zu 


exploitieren, ſo iſt das 
nichts Hoͤheres als 
ſchmutzige Proſtitution, 
und wenn das ganze 
Raffinement, das ſie 
angewendet hat, einzig 
darin beſtand, daß 
ſie am Halsbund des 
Kleides einen ein— 
zigen Haken „zufaͤllig“ 
offen ließ. 


Der Spiegel in Gunſt 


. Sfaae Cruikshank. Engliſche Karikatur. 1805 


Der Koketterie und dem Flirt in jenen feinen Formen, die die Frau mit einem 
undefinierbaren Duft von ewigem Reiz und ſich immer erneuernder Anmut umgeben, 
die ſie gleichſam in eine zarte, durchſichtige und doch verſchleiernde Wolke einhuͤllen, 
die man nicht zu faſſen, nicht feſtzuhalten vermag, die aber doch die Sinne jedes 
fuͤr Schoͤnheit und Harmonie empfaͤnglichen Mannes in ihren Bann zwingt — 
dieſen delikaten Formen, durch die die Frau ins Paradies der Liebe einlaͤdt, und 
durch die ſie ſozuſagen die Fluͤgeltuͤren dazu ſelbſt oͤffnet, und an denen nur der ge— 
ſchaͤrfte Blick des „Kenners“ das Bewußte und Beabſichtigte zu erkennen vermag, 
ſteht die Karikatur ziemlich oder, richtiger geſagt, gaͤnzlich hilflos gegenuͤber. D. h. die 
Karikatur im ſtreng ſprachlichen Sinne des Wortes, die durch zeichneriſches uͤber⸗ 
treiben das Bezeichnende betont. Das liegt auf der Hand. Das Weſen dieſer, wenn 


man ſo ſagen will, erſtrebenswerten Formen der Koketterie und des Flirts iſt die 
26 ** 


203 


Dezenz, das forgfältige Vermeiden jeder Aufdringlichkeit, die Ausgeglichenheit, die 
Harmonie. Die innere Harmonie kann man aber nie mit Hilfe der aͤußeren Dis— 
harmonie karikieren, und das iſt doch das Weſen der Karikatur. Unterſtreicht die 
Karikatur die dezenten kleinen Mittel, z. B. die leichte Neigung in der Haltung, die 
fuͤr einen Augenblick gewiſſe ſchoͤne Linien bilden oder gewiſſe koͤrperliche Schoͤn— 
heiten andeuten — nicht ſie zeigen — ſoll, ſo erzeugt eben die Karikatur etwas, 
was nicht mehr das Weſen der feinen Kofetterie ausmacht, ſondern was das Gegen— 
teil davon iſt: das, wovon der feine Geſchmack gerade wegſtrebt. Ein Beiſpiel: 
Eine Frau von Geſchmack wird jede provokatoriſche Geſte beim unvermeidlichen 
Raffen des Kleides mit Geſchick vermeiden. Die Karikatur dagegen, die auf das kokette 
Schuͤrzen des Kleides hinweiſen will, muß das Kleid moͤglichſt hoch raffen laſſen; wenn 
fie aber dies tut, ſchafft fie nicht eine Karikatur auf die feine Koketterie, ſondern 
ſie kennzeichnet jene plumpen Formen, von denen man ſagt, daß ſie „aufs Ganze“ 
gingen. Den feinen Formen der Koketterie vermag man hoͤchſtens mit dem fein— 
geſchliffenen Wortwitz beizukommen, eine ſolche Art zeigt z. B. das huͤbſche Blatt 
von Schlittgen „Verſchnappt“. Er, der Gatte, kann gar nicht begreifen, wozu ſie 
ſo viel Geld fuͤr Schoͤnheitsmittel ausgibt, „die nuͤtzen ja doch nichts“. Aber ihre 
Antwort kann triumphierend lauten: „Haſt du mich denn ſchon ohne dieſe Mittel 
geſehen?“ Wie kann er beurteilen, was ihr alleiniges Geheimnis iſt? (Bild 239.) 
Die feine weibliche Kofetterie iſt ein uͤberaus zarter Falter, der mit größter Behut— 
ſamkeit gefaßt werden muß; und dazu haben die meiſten Satiriker viel zu klobige 
Finger. Andererſeits iſt es eine viel zu komplizierte Materie, als daß ſie von der 
Maſſe verſtanden und begriffen werden koͤnnte; ſie lockt ſomit nicht. 

Ein ganz ander Ding iſt es mit den handgreiflichen Formen, den oſtentativen 
Poſen „der ſchoͤnen Linien“, den oſtentativen Dekolletierungen. Hier war es fuͤr die 
Satire ſtets uͤberaus leicht, anzugreifen, denn die handgreiflichen Formen wirken 
doch ſtets wie ein Reklameſchild, das ausgehaͤngt iſt, den Duͤmmſten anzulocken. Und 
die ſatiriſche Behandlung dieſer Dinge war auch zu allen Zeiten uͤberaus dankbar, 
gehoͤrt doch dieſes Gebiet zu denen, wo ſich am bequemſten das vorteilhafte Rezept 
„zeiget die Wolluſt, doch malet den Teufel daneben“ anwenden laͤßt. 

Die Muͤhen, die von der Frau unausgeſetzt auf das „ſchoͤn ſein“ verwendet 
werden, die ſtaͤndige Kontrolle ihrer aͤußeren Erſcheinung durch den Spiegel, als der 
oberſte und wichtigſte Beweis der weiblichen Eitelkeit, bildet die haͤufigſte Note in der 
Satire, das gilt ſowohl von der Literatur als auch von der gezeichneten Satire. 

„Derweilen ſie die Spiegel nicht allein im Beutel taͤglich bei ſich tragen, ſondern auch in 
den Buͤchern Spiegel haben, die ſie mit ſich in die Kirche nehmen, und wenn man meinet, ſie leſen, 
und ſind ſehr andaͤchtig, ſo ſchauen ſie ſich und andere im Spiegel.“ 

So heißt es in einer Satire „Der Hoffartsteufel“ aus dem 16. Jahrhundert. 
Dieſer Gedanke kehrt in der ſatiriſchen Literatur hundertfach wieder. Iſt man nicht 


204 


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der Spiegel ſchuld. In der 
Jungfernanatomie heißt es: 


Sie wollte nur die Schuld beim 
armen Spiegel ſuchen, 

Der Spiegel ſey nicht gut; Sie 
machte tapffer aus, 

Die aus Venedig uns die Spiegel 
ſchicken raus. 


In der gezeichneten Satire 
fehlt der Spiegel natuͤrlich auch 
nie, um die kokette Eitelkeit der 
Frauen zu charakteriſieren; das 
belegen die meiſten der in dieſem 
Kapitel enthaltenen Blaͤtter; der 
Spiegel iſt ſcheinbar der Mittel: 
punkt jeder Wohnung. Sie ſitzen 
ununterbrochen vor dem Spiegel 
(Bild 187), fie tragen ihn in 

Die drei Grazien in Hoſen der Hand (Bild 2) oder werfen 

189. Franzböſiſche Karikatur. Um 1812 zum mindeſten bei jeder ſich bieten— 

den Gelegenheit einen fluͤchtigen 

Blick hinein. Vor ihm ſitzen ſie ſtundenlang, um ihre Schoͤnheit auffälliger zu 
machen, und vor allem, um die Maͤngel zu retouchieren und die erbarmungslos ſich 
einſtellenden Spuren des Alters zu tilgen (Bild 1760. In muͤßigen Stunden 
weiß die eitle Schoͤne keine angenehmere Unterhaltung, als ihre Schoͤnheit immer 
wieder kokett von neuem zu beſtaunen und ſich dabei in ſich ſelbſt zu verlieben. 
Neugierig probt ſie Anderungen in der Friſur, behaͤngt ſich mit glitzerndem Schmuck, 
mit Ketten, Armbaͤndern, Bracelets, Broſchen (Bild 206), ebenſo pruͤft ſie Baͤnder, 
Tuͤcher, Spitzen auf ihre verſchoͤnende und hebende Wirkung. Sie kontrolliert vor 
dem Spiegel die ſchoͤne Linie einer beſtimmten Haltung, die Eleganz ihres Armes 
und ihrer Hand, die plaſtiſche Woͤlbung ihres Beines (Bild 187) uſw. Wenn ſie 
ſich voͤllig ungeſtoͤrt weiß, dann dehnt ſie ihre kokette Neugierde ſogar bis auf die 
allerintimſten Reize ihres Koͤrpers aus. In der intimſten Toilette, in den pikan— 
teſten Poſen ſtellt fie ſich vor den Spiegel (Bild 201— 204), und die verwegenſten 
Gedanken blitzen ihr dabei durch den Sinn: „So ſollte er dich ſehen“, „ſo will er dich 
ſehen“, „ſo wird er dich ſehen“, „ſo hat er dich geſehen“ uſw. uſw. Keinen intimen 
Reiz, keine beſondere Schönheit ihres Körpers gibt es, den die Kofette nicht Dutzende 
von Malen ſchon im Spiegel beſchaut und geprüft haͤtte, und das bei jeder Gelegenheit. 


206 


Vor allem die Schönheiten ihres Buſens prüft fie. Vor einer Stunde ift ein be— 
wunderndes Wort über die Schönheit ihrer Buͤſte an ihr Ohr geklungen, ein Vor— 
uͤbergehender hat es ſeinem Begleiter zugefluͤſtert, jetzt iſt ſie beim Toilettenwechſel 
in ihrem Schlafzimmer, immer noch klingt das Wort in ihrem Ohre, und ſie pruͤft 
ſeine Wahrheit kokett und felbftgefällig an der Wirklichkeit nach. Noch verliebter als 
zuvor iſt ſie in ihre jungfraͤulichen Reize. So zeichnete Rops die luͤſterne „Selbſt— 
gefaͤlligkeit“ des Weibes (Bild 225). Man kann dieſes Bild natuͤrlich auch noch 
anders interpretieren. Die Selbſtgefaͤlligkeit ziert aber nicht nur das Weltkind, das 
vor der herrſchenden Moral, die die Frau zum Genußobjekt ſtempelt, ein Recht dar— 
auf hat, — auch die junge, ſchoͤne Nonne des 18. Jahrhunderts verbringt manche 
Viertelſtunde damit, kokett die Pracht ihres Buſens im Spiegel zu bewundern, und 
ſie iſt ſicher innerlich 
ſehr befriedigt dar— 
uͤber, daß der junge 
Beichtvater des 
Kloſters einmal zum 
Zeugen ihrer koketten 
Spielereien geworden 
iſt (Bild 181). 

Fuͤr die Satire 
bot natuͤrlich die alte 
Kokette, die durch 
tauſend Kuͤnſte die 
Jugend mit ihren 
Reizen zuruͤckzaubern 
will, die der Zeit das 
kategoriſche „Stehe 
ſtill!“ aufzwingen 
will, die geeignetſten 
Angriffspunkte. Der 
Franzoſe fatirifiert die 
Koketterie der alten 
Frauen galant „C'est, 
de la moutarde après 
le Mer der 
Senf, der erſt nach 
dem Diner ſerviert 
wird. Der Deutſche 


a Die vorgetäuſchte Ohnmacht 
iſt weſentlich weniger 190. Franzisko Goya. Spaniſche Karikatur auf den raffinierten Flirt 


207 


geiftreich, er nennt ſolche Frauen „bertuͤnchte Gräber“. Moſcheroſch gibt von der 
alten Kokette die folgende hanebuͤchene Analyſe, die an Deutlichkeit wahrlich nichts 
zu wünſchen uͤbrig laͤßt: 


„ .. wann du ſie aber in ihrem Weſen recht anſchauen und betrachten ſollteſt, wirſtu nichts 
als Pflaſter und Lumpen an ihr finden. Und nur ein wenig ſie zu anatomieren und in Stuͤcke 
zerlegen. So ſind erſtlich die Haare nicht ihre eigene Haar, ſondern ſie kommen aus dem Kram— 
laden, vielleicht von einer, deren der Schaͤdel abgeſchlagen worden: von dieſer elenden mit Eiſen 
und Zangen gemarterter Haare gebraucht ſie ſich, weil die ihrige, entweders durch einen boͤſen 
Frantzoͤſiſchen Lufft ausgefallen, oder doch, wann ſie noch etliche deren hat, aus Forcht ihr Alter 
dadurch verrathen wirde, dieſelbige nicht darf ſehen laſſen. Wann keine Schwaͤrtze wäre, fo hätte 
fie auch keine Augbrauen, supercilia protulit de pixide. Wann das Geſchmink nicht wäre, fo haͤtte 
ſie weniger Farb als ein Jud. Sie iſt ein alter Goͤtz mit diſtillirten gebrannten Mercurialiſchen 
giftigen Waſſeren verjuͤngert: welche ſo du anhauchen oder mit einem feuchten Leinwand angehen 
ſollteſt nichts als ein abſcheuliche, foͤrchterliche Geſtalt ſehen, und nicht mehr kennen wirdeſt ... Und 
wann das Geſchmuͤnck alles als Zibet, Biſam, Balſam, Haarpulver, poudre de Cypre, Huren— 
pulver (dann Venus iſt ein Hur geweſt), biſamirte Handſchuh, Struͤmpf und anderes nicht waͤren, 
wirdeſtu die Naſe bald mit einem Schnupftuch wegen des vielen Geruchs und Geſtancks verboll— 
werken muͤſſen . .. Sollteſtu fie einmal kuͤſſen, du wirdeſt die Leffzen und Wangen mit feißte und 
ſchmutz dermaßen beſudeln, als ein Kuttelfeger am Bubeneck. Sollteſtu fie umbfangen und be— 


Die drei Grazien im Winde 


r91. James Gillray. Engliſche Karikatur 


208 


Vorbereituf 


Engliſche Karikatur von D 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 
9 


um Geburtstag 


as Rowlandſon. 1788 


Albert Langen, Muͤnchen 


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Ein Blick am Ufer der Themſe 
192, Thomas Rowlandſon. Engliſche Karikatur auf die Pruͤderie 


greiffen, du wirdeſt nichts als Karten-Papier, groben Zwilch und Lumpen finden, mit welche allem 
ihre Schnuͤrbruͤſte, Bruſttuͤcher und Roͤcke gefuͤllet find, damit fie dem verſtelten Leib irgend ein An— 
ſehen und Geſtalt geben moͤchte .. . Gehet fie dann Schlafen, fo laſſet fie auf dem Tiſch den beſten 
Teil ihres Leibs, nemlich die Kleider liegen . . . Um mit einem Wort den Ausſchlag zu geben, fo 
wiſſe, daß der größere Teil der Weiber nichts anders, als mit Stolz bekleidete und mit Falſchheit 


gefütterte Thiere find. 


Für die gezeichnete Satire war der Widerſinn des Gebarens der alten Kofette 
ebenſo dankbar, er ließ ſich zeichneriſch ebenſo augenfaͤllig demonſtrieren. Darum hat 
dieſes Motiv auch zahlreiche der groͤßten Kuͤnſtler gereizt; als glaͤnzendſtes Beiſpiel 
ſei „Die alte Kokette“ von Rubens genannt (ſiehe Beilage). Selbſtverſtaͤndlich wird 
es den vereinten Bemuͤhungen gelingen, ſie wenigſtens in den Augen der Unwiſſen— 


den fuͤr einige Stunden als „eine Frau in den beſten Jahren“ erſcheinen zu laſſen. 
27 
209 


Ein Seitenſtuͤck zu Rubens bietet der elegante Ch. Coypel in dem fein durchgeführten 

Kupfer „Die Torheit ſchmuͤckt das verwelkte Alter mit den Attributen der Jugend“ 

(Bild 180). Ein weiteres Seitenſtuͤck iſt „Die Ergaͤnzung entſchwundener Reize“ 

von dem Augsburger Göz (Bild 176). Auch die in jedem Strich groteske Radierung 

„Das Geburtstagskind“ von Rowlandſon, eines der hervorragendſten Blaͤtter des 

Kuͤnſtlers, gehoͤrt hierher (ſiehe Beilage). Daß, wenn alle Muͤhe umſonſt iſt, der 
Spiegel die Schuld traͤgt, das hat die Karikatur ebenfalls illuſtriert (Bild 186). 

Rubens, Coypel, Rowlandſon und uͤberhaupt die meiſten, die dieſen Stoff zeich— 

neriſch behandelten, ſtellten neben das verwelkte Alter, das alle Kuͤnſte des Raffine— 

ments entfalten muß, um auch nur den beſcheidenſten Reiz vorzutaͤuſchen, mit Vorliebe 

die bluͤhende Jugend, die gar keiner kuͤnſtlichen Mittel bedarf, die jeden Schmuckes 

zu entbehren vermag, um wie ein goldener Fruͤhlingstag zu wirken. Da dies immer 

die Dienerinnen ſind, die durch natuͤrliche Schoͤnheit abſtechen, ſo iſt man haͤufig ver— 

ſucht, eine ſoziale Note, das Aſchenbroͤdelmotiv, gleichzeitig mit herauszuhoͤren, aber 

man tut in den meiſten 

Faͤllen gut daran, darin nur 

ein kompoſitoriſches Hilfs— 

mittel des Kuͤnſtlers zu er— 

blicken, um durch die grelle 

Kontraſtwirkung den hoͤchſten 

Effekt zu erzielen. Das gilt 

ſicher fuͤr die Mehrzahl dieſer 

Blaͤtter, aber doch nicht fuͤr 

alle. Auf keinen Fall gilt 

es z. B. fuͤr das koſtbare 

Blatt von Debucourt „Die 

kokette Mutter und ihre 

znchter‘, Hier iſt der 

Grundgedanke der, daß die 

natuͤrliche Schoͤnheit, die 

durch ſich allein beruͤcken 

wuͤrde, verurteilt iſt, im 

Dunkel zu bleiben, damit 


den gekuͤnſtelten und uͤber— 


reifen Reizen der immer 
noch abenteuerluſtigen Mama 
2 : feine unwiderſtehliche Kon— 
Böfe Gedanken kurrenz erwachſe. Sie, die 
193. Franzisco Goya. Spaniſche Karikatur erfahrene Kokette, weiß: 


210 


Der indiskrete Jephir oder die Genüſſe der Autfhbabnen 


194. A. Gaudiſſart. Franzoͤſiſche Karikatur. 1815 


wenn das unſcheinbare Buſentuch von den Schultern ihrer bluͤhenden Toͤchter faͤllt, 
dann wird kein Blick mehr den „ſchaukelnden Moraͤſten“ zuteil, die jetzt noch 
von den Blicken ihres Galans luͤſtern verſchlungen werden (ſiehe Beilage). Das 
Treffende dieſer ausgezeichneten Satire bemuͤhen ſich heute noch tagtäglich alle jene 
Frauen zu erweiſen, die ihre heranwachſenden Kinder aͤngſtlich vor den Blicken der 
Geſellſchaft verbergen, um richtigen Schluͤſſen auf ihr Alter vorzubeugen. Hierher 
gehört auch eine andere Seite der Kofetterie der verheirateten Frauen, die zu den 
wichtigſten gehoͤrt, obgleich die allermeiſten Satiriker achtlos daran voruͤbergegangen 
ſind. Thomas Theodor Heine macht davon eine Ausnahme, und genial iſt ſeine 
Loͤſung: Die Hausfrau; ſo kleidet ſie ſich fuͤr ihren Gatten (Bild 228), ſo, wenn 
Beſuch kommt (Bild 229). Fuͤr den Gatten zeigt ſie ſich ſchlampig, verwahrloſt, ab— 
ſtoßend, kurz, ſie zeigt ſich ihm im Glanze ihrer negativen Reize; das kleine Toͤchterchen 
bietet dasſelbe Bild. Ganz anders, wenn Beſuch kommt: da iſt ſie ſauber und appetit⸗ 
lich, und auch hier iſt das Toͤchterchen das getreue Ebenbild. Dieſes geniale Blatt 
von Heine hellt blitzgleich eine Untiefe auf, in der das Gluͤck ſo vieler Ehen unrett— 
bar untergeht: Fuͤr ihn ſich putzen? Wozu denn? Ihn hat ſie ja doch? Um ihn 
braucht ſie doch nicht mehr zu werben und zu buhlen? Nein — ihn hatte ſie 
hoͤchſtens. 

Das tragiſche Geſchick, das das alte und reizloſe Mädchen oder die notoriſch 
Haͤßliche zur verſpotteten Koketten macht, iſt in dem anonymen „J’aspire, aussi, moi“ 
(Bild 195) behandelt. O ja, auch ſie atmet, d. h. mit anderen Worten: auch ſie 


hat ein Recht zum Leben, auch wenn ſie von der Natur vernachlaͤſſigt iſt, auch wenn 
27 


21 1 


fie alt iſt. Und da der Mann 
nicht nach verwelkten oder 
verkümmerten Blumen greift, 
ſondern nur jenen Beachtung 
ſchenkt, deren Reize ihm ſinn— 
liche Senſationen verſprechen, 
ſo borgt ſie ſich dieſe Reize, 
um ſie vorzutaͤuſchen. Im 
Bild unterſcheidet ſich dieſes 
Blatt nicht von ſolchen wie 
ID dem von Goͤz (Bild 176). 
Sm te — Die Unterſchrift aber ſtempelt 

= es anders, fie macht aus dem 
veraͤchtlichen Hohn auf die 
Gefallſucht der Alten eine 
Tragoͤdie, eine Anklage; im 
wirklichen Leben iſt die 
Koketterie der Alten meiſtens 
eine Tragoͤdie. Die foziale 
Notwendigkeit der Koketterie 
fuͤr ſo viele Frauen illuſtriert 
Cham in dem Blatt „Am 
Strande“. „Aber wie kannſt 
du dich ſo benehmen?“ fragt tadelnd die Freundin einer Dame, die ihre plaſtiſchen 
Reize provozierend den am Strand herumlungernden Herren zur Schau ſtellt. Die 
Antwort der Getadelten iſt uͤberzeugend: „Aber was bleibt einem denn anders uͤbrig, 
wenn man keine andere Mitgift hat, als das?“ Darum verzichtet ſie auch im 
Badekoſtuͤm nicht auf die Mittel, die die Mode erſonnen hat, um gewiſſe koͤrperliche 
Vorzuͤge zu heben (Bild 218). — 

Jenen derben, urkräftigen Formen der Koketterie, wie ſie uns in den Volks— 
beluſtigungen des 18, 16. und 17. Jahrhunderts entgegentreten, in den ausgelaſſenen 
Taͤnzen uſw., begegnet man in der Karikatur ziemlich ſelten. In der Karikatur jener 
Zeit ſpielt die Einzelfigur die Hauptrolle, Maſſendarſtellungen kamen erſt viel ſpaͤter 
auf. Und was das Entſcheidende iſt: als Ausdruck der allgemeinen Volksſitte 
wurden dieſe Dinge viel mehr verherrlicht oder als natuͤrlich angeſehen, als ſatiriſiert, 
letzteres blieb meiſtens den des Wortes maͤchtigen prieſterlichen Sittenpredigern vor— 
behalten. Erſt als das moderne Buͤrgertum den uͤberſchwang feiner Kraft in aͤhn— 
lichen Formen austobte, fanden ſich die kennzeichnenden Karikaturiſten, das gilt z. B. 
von dem engliſchen Buͤrgertum des 18. Jahrhunderts; deſſen urwuͤchſige Formen in der 


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195. Franzoͤſiſche Karikatur auf die alte Kokette 


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Bäuerliche Scherze 


Engliſche Karikatur von Thomas Rowlandſon. 


1812 


Albert Langen, Muͤnchen 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Flirt kann man heute noch in einer großen Zahl Blätter ein: 


Eine charakteriſtiſche Probe gibt das groteske Blatt „Baͤuerliche 


Scherze“ von Rowlandſon (ſiehe Beilage). 


im 


Koketterie und 


gehend ſtudieren. 


Die feineren Formen des Retrouſſé als Hilfsmittel der Koketterie kann man 


hren Hauptphaſen deutlich in der Karikatur verfolgen. Aus dem 17. Jahr— 


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dagegen 


de in dieſer Richtung intereſſant 


ſitzen wir aus dem 18. Jahrhundert 


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hundert beſitzen wir verſchiedene Kar 


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Noch mehr be 


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und bezeichnend ſind (Bild 6). 


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1812 


Engliſche Karikatur. 


(Eine alte Schachtel wittert irgendwo Feuer) 


Thomas Rowlandſon. 


196. 


213 


Rofetterie auf dem Dorfe 


197. Engliſche Karikatur. 1815 


heit ihres Beines an den Tag zu bringen. Jede Mutter, die weiß, wie groß die 
Macht iſt, die ein ſchoͤnes Bein im Reiche der Liebe hat, gibt der Tochter fruͤhzeitig 
die entſprechenden Lehren: „Merk dir das eine — immer recht ſtraff!“ Dieſe Grund— 
bedingung fuͤr die vorteilhafte Wirkung des Beines, die Goya zum Motiv einer 
ſeiner wunderbaren Radierungen, der beruͤhmten Caprichos, verwendete (Bild 15), 
gab Hunderten von Frauen immer wieder Gelegenheit, das locker gewordene Strumpf— 
band zu befeſtigen, den loſe gewordenen Strumpf von neuem ſtraff zu ziehen und ſo 
dem des Weges Kommenden die Möglichfeit zu geben, feine Neugierde mit Muße zu 
befriedigen, oder es war ihr eine guͤnſtige Gelegenheit, auf dieſe Weiſe mit einem 
bevorzugten Hofmacher zu flirten (Bild 179). Zeigt die franzoͤſiſche Karikatur gemaͤß 
ihrem galanten Charakter mit Vorliebe die Intimitaͤt, ſo zeigt die engliſche Karikatur 
ebenſo folgerichtig die Anfaͤnge der heutigen Methode, „die öffentliche Wadenprozeſſion“ 
zur Befriedigung der erotiſchen Neugier aller Männer (Bild 188). Als die Galan— 
terie des 18. Jahrhunderts in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts ſeine Kopie 
erlebte, hatte die Karikatur natürlich dieſelben Methoden der Koketterie und des Flirts 
zu regiſtrieren. Sie iſt mit ihrem Liebhaber ſpazieren gegangen, man hat geſchaͤkert, 
iſt gehuͤpft und geſprungen, da hat ſich das Schuhband geloͤſt. Iſt das nicht ein 
vortrefflicher Anlaß, ihm die Bereitwilligkeit zum pikanteſten Flirt anzudeuten? „Artig 
ſein!“ droht ſie ihm zwar ſchalkhaft mit dem Finger, aber ſie weiß, daß er nicht ſo 


214 


dumm fein wird, ihre Worte zu befolgen und ihren ſtummen Lockungen zu wider: 
ſtehen, nachdem ſie ihm ſo galant beim Knuͤpfen ihres Schuhbandes behilflich iſt, daß 
ſie ihr Kleid ſogar bis uͤber das Knie emporgeſchuͤrzt hat (Bild 205). Daß er „un— 
artig“ war, das hat Maurin in einem Blatt illuſtriert, das nur fuͤr die Gourmands 
beſtimmt war, und das heute ebenſo von der oͤffentlichen Reproduktion ausge— 
ſchloſſen iſt. 

So groß die Zahl dieſer Blaͤtter aus der Vergangenheit iſt, ſo iſt ſie nicht nur 
poſitiv, ſondern auch relativ gering gegenuͤber der Rolle, die das Retrouſſé in der 
Karikatur der Gegenwart ſpielt. Von der modernen leichtgeſchuͤrzten Karikatur kann 
man ohne jede uͤbertreibung ſagen, daß ſie ſeit den ſechziger Jahren mindeſtens die 
Haͤlfte ihrer Motive und Anregungen dieſem Stoffgebiet entnommen hat. Mindeſtens 
die Haͤlfte aller Witze und Illuſtrationen der ſchmierigen Boulevardpreſſe aller Laͤnder 
ohne Ausnahme be— 
zieht ſich auf die 
Waden der Frauen, 
auf die ſchönen Aus- 
ſichten, die das un— 
umgaͤngliche Raffen 
der Kleider den 
Blicken der Maͤnner 
auf der Straße un— 
ausgeſetzt eröffnet. 

Dieſe ewige Pro— 

zeſſion von hoch— 

gerafften Roͤcken, 

drallen Waden, pi— 

kanten Spitzenhoͤschen 

uſw., die Woche fuͤr 

Woche, Tag für Tag 

in endloſem Zuge in 

Hunderten von Witz— 

blaͤttern an unſeren 

Blicken voruͤberzieht, 

iſt nicht nur geſchmack— 

los und empoͤrend, 

ſie iſt auch ein tief— 

trauriges Beweisſtuͤck 

geiſtiger Beduͤrfnis— Bei der Abendtoilette 
loſigkeit. Aber ſo 198. Franzoͤſiſche Karikatur auf die fünftlichen Buſen, Waden uſw. 


218 


Bei den Modiſtinnen 
199. Henri Monnier. 1828 


widerwaͤrtig dieſes Schauſpiel auch iſt, ſo iſt doch kein Zweifel, daß ſich darin nur 
die gegenwärtige Haupttendenz der weiblichen Koketterie kraß widerſpiegelt. — 

Die kuͤnſtlichen Verſchoͤnerungsmittel, das Schminken, das Pudern und die Schoͤn— 
heitspflaͤſterchen haben eine ganze Reihe der heftigſten ſatiriſchen Angriffe gezeitigt, 
vor allem in der literariſchen Satire. Logau, Deutſchlands mutiger Epigrammatiker, 
hat von dem modiſchen Schminken und Pudern des Buſens geſagt: 


Zuckeraͤpfel ſind zum Schaͤlen in gefaͤrbtes Wachs bekleidet, 
Evenaͤpfel find zum Locken oft mit Bleiweiß uͤberkreidet. 


Dem jungen Ehemann gibt der preußiſche Hofdichter Beſſer fuͤr den Hochzeits— 
tag den folgenden wohlmeinenden Rat: 


„Kommt endlich nun die Zeit, daß in der Nachtkornette 
Sie ſich zum Schlafe ſchickt, ſo eile nicht zum Bette; 
Wart erſt, mein lieber Mann, bis deine ſchoͤne Frau 
Die Farben ihrer Haut dem Nachttiſch anvertrau', 

Bis ſie die Lilien und Roſen ihrer Wangen 

Der Waͤſcherin geſchickt, in Tuͤchern aufgefangen, 

Die zwar den ganzen Tag ihr Angeſicht geputzt, 

Nun aber auf einmal vier Tuͤcher eingeſchmutzt. 


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und ihre Töchter 


Debucourt. Um 1815 


Albert Langen, Muͤnchen 


Die Schoͤnheitspflaͤſterchen wurden verhoͤhnt, indem man zyniſch auf den oben 
genannten Zweck, die Spuren galanter Abenteuer zu verdecken, hinwies. Von anderen 
wurden ſie die Aushaͤngeſchilder der Wolluſt genannt. Die Frauen wollten damit 
den Männern nur andeuten, daß man bei ihnen nicht vergeblich anklopfe. Hoff— 
mannswaldau dichtete in dieſem Sinne: 


Was pflegſt du noch mit ſchwartzen Flecken, Und biſt ein oͤffentliches Haus, 


Mit Mouchen dein Geſicht, Wo alles kann logieren; 
Schwarze Chloris, zu bedecken? Und um die Gaͤſte zuzufuͤhren, 
Du haſt die Tugenden verpachtet Steckſt du gewiß allhier die Zeichen auß. 


Karikaturen auf dieſe kuͤnſtlichen Verſchoͤnerungsmittel ſind verſchiedene der oben— 
genannten Blaͤtter (Bild 176 u. 180). 

Zu den kuͤnſtlichen Mitteln der Koketterie gehoͤren ſelbſtverſtändlich auch die 
falſchen Buſen, die falſchen Waden, die falſchen Globes d'arrièere. Wenn es heute 
die Kunſt der Korſettfabrikanten iſt, die plaſtiſche Wirkung einer ſchönen Buͤſte und 
„ihrer erfolgreichen Konkurrenten“ verbluͤffend vorzutaͤuſchen, ſo reichten die dazu 
verwendbaren Hilfsmittel in jenen Zeiten nicht aus, wo die Koketterie die geſamte 
Frauenkleidung auf einen einzigen durchſichtigen Schleier reduzierte. Das war alſo 
vom Ausgange des 18. Jahrhunderts bis etwa um das Jahr 18151818. In dieſen 


na 0 


Windſtöße 


200. M. Marigny. Franzoͤſiſche Karikatur. 1827 . 
28 


21% 


„So ſollte er dich ſehen!“ 


zwanzig Jahren mußte die Natur teils 
in Wachs, teils in feingetoͤntem Leder 
taͤuſchend nachgebildet werden. Der 
Gebrauch dieſer erborgten Reize hat 
eine ganze Reihe von Karikaturen ge— 
zeitigt, die die taͤgliche Entwicklung 
„der Larve zum Schmetterling“ und 
die ebenfalls taͤgliche Rückentwicklung 
zur Larve ſatiriſch illuſtrierten. Eine 
mehr realiſtiſche als anmutige Probe 
dieſer vielbelachten Karikaturen gibt 
das anonyme Blatt „Bei der Abend— 
toilette“ (Bild 198). — 


Wenn es ſchon in den allgemeinen 
Darſtellungen ſchwer iſt, die Grenz— 
linie ſo klar zu ziehen, daß ſich die 
Koketterie klar vom Flirt ſcheidet, ſo 


iſt das bei der Karikatur noch viel ſchwerer zu trennen. Eine ganze Anzahl der 
ſchon beſprochenen Blaͤtter koͤnnen in den Rahmen des erotiſchen Genießens, alſo des 


„So will er dich ſehen!“ 


201 U. 202. 


Bouchot. 


1830 


Flirts, einbezogen werden, andererſeits 
koͤnnen verſchiedene der noch zu be— 
ſprechenden Blaͤtter ebenſo leicht in 
dem Rahmen der Koketterie unter— 
gebracht werden. 

Flirt iſt ſelbſtverſtaͤndlich nur ein 
modernes Wort fuͤr eine alte Sache, 
oder noch genauer: fuͤr die aͤlteſte 
Sache von der Welt. Aber wenn man 
im 15. und 16. Jahrhundert auch ge— 
nau ſo geflirtet hat wie heute, ſo fehlte 
doch den Alten mit ihren einfach ge— 
gliederten Vorſtellungen und Begriffen 
die Faͤhigkeit, zu differenzieren, ſie ver— 


fuͤgten auf faſt allen Lebensgebieten 
nur uͤber allgemeine Sammelbegriffe. 
Aus dieſem Grunde kannten ſie auch 
fuͤr die verſchiedenen Formen des ſinn— 


lichen Genießens keine beſonderen Kate— 


gorien. Auf dem Gebiete der Sinn— 


lichkeit kannten ſie neben der erlaubten, 
aber im Weſen uͤberaus eng umgrenzten 
ehelichen Liebe nur einen Begriff: den 
der Unkeuſchheit. Darunter wurde 
alles zuſammengefaßt und alles ver— 


Wenn 


urteilt, was in ſinnlichen Dingen außer— 
halb des Ehebetts geſchah; und wohl— 
gemerkt: das Wort wurde in ſeiner buch— 
ſtäblichen Bedeutung aufgefaßt. So 
gebot es der einfache Moralkodex, der 
offiziell jede Verfeinerung verpoͤnte und 
auch fuͤr die Ehe nur das Weſent— 
liche, die animaliſche Erfuͤllung des 
Geſchlechtstriebes, als zulaͤſſig erklaͤrte. 
Jede Form des Werbens war gewiſſer— 
maßen „unkeuſch“, d. h. alſo unmora— „So wird er dich ſehen!“ 
liſch, uͤber das Gebaren des ſinnen⸗ 
kräftigen Ehemanns, der keck mit ſeiner Eheliebſten ſchaͤkerte, wie uͤber den zaͤrtlichen 
Braͤutigam oder Liebhaber, der ſich unternehmend gebaͤrdete, ſchrieb der Moralprediger 
ohne Unterſchied das verdammende 
Wort: „unkeuſch“. Im wirklichen 
Leben ſtrebten natuͤrlich die meiſten 
uͤber die engen Schranken des Moral— 
kodexes hinaus. 
Direkte Karikaturen auf den Flirt 
konnte es bei dieſen Vorſtellungen ſo— 
mit in jenen Zeiten nicht geben, ſondern 


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nur allgemeine Karikaturen auf die 
Unkeuſchheit. Solche entſtanden denn 
nun freilich in allen Laͤndern in ganz 
außerordentlich großer Zahl. Inter— 
eſſante Proben zeigen die Bilder 4, 
6, 163, 166, 168, 172 und die farbige 
Beilage „Die ungleichen Liebhaber“. 
Von den erſchienenen Blaͤttern, die ſich 
auf die „Unkeuſchheit“ beziehen, laſſen 
ſich zweifellos eine ganze Reihe als „S hat er dich gesehen! 


Karikaturen auf das anſehen, wofuͤr 43 l. % o Bao 
28 * 


„Aber artig fein!” 


205. Nikolaus Maurin. Franzoͤſiſche galant-ſatiriſche Lithographie. 1830 


wir heute den Begriff Flirt anwenden. Jedoch die Mehrzahl wendet ſich gegen das, 
was eben mehr als Flirt ſein ſoll, und zwar deshalb, weil die einfache Logik jener 
Zeit nur das Endziel begreift und ihr andere Formen des ſinnlichen Genießens als 
Selbſtzweck ganz unverſtaͤndlich ſind; fie folgerte: wer A und DO fagt, ſagt auch Z — die 
Jungfer oder Hausfrau, die verliebten Scherzen ihr Ohr leiht, oͤffnet dem Buhlen 
auch des Nachts die Kammertuͤr —, und wenn es einmal nicht bis zum Z kam, ſo 
war das nach ihrer Logik hoͤchſtens irgend welchen Zufaͤllen zuzuſchreiben. Daß im A, 
B und C ſich das ſinnliche Genießen, der beabſichtigte Zweck erſchoͤpfen könnte, das 
war zu kompliziert, um es prinzipiell anzuerkennen. Indem man ſich alſo uͤber die 
erſten Stationen ſittlich entruͤſtete und ſie ſatiriſch verurteilte, wollte man damit uͤber— 
haupt das Endziel treffen. Das gilt fuͤr die geſamte Karikatur bis tief ins 18. Jahr— 


220 


Wie wunderbar mir das fteht! Du wirft mit mir heute in die Oper gehen! 


206, Nikolaus Maurin. Franzoͤſiſche galant-ſatiriſche Lithographie. 1830 


hundert herein, und von hier ab bis in die zweite Haͤlfte des 19. Jahrhunderts immer 
noch fuͤr die ausſchließlich volkstuͤmliche Karikatur. 

Das Zeitalter der Galanterie, d. h. jene exkluſiven Kreiſe, die die galante 
Lebensphiloſophie umſpannte, zeigt die ganz entgegengeſetzte Auffaſſung: Hier wurde 
jeder einzelne Beſtandteil des ſinnlichen Genießens mit Raffinement zum Selbſt— 
zweck erhoben. Naturgemaͤß. Die Frau als Geſchlechtsweſen ſitzt in dieſer Zeit 
auf dem Thron, ihre Koketterie iſt das Mittel, mit dem fie regiert und herrſcht; 
der Flirt, den ſie treibt und geſtattet, iſt die Belohnung, die ſie gewaͤhrt und der 
Dienſt, den ſie vom Manne verlangt. Galanterie iſt aber nicht nur die Formel fuͤr 
Qualität, ſondern ebenſoſehr für Quantität. Extrem ausgedruckt, bedeutet das nichts 
anderes als: jede Frau flirtet mit jedem Mann und jeder Mann mit jeder Frau. 


221 


Aus diefen Gründen feierten in dieſer Zeit und in dieſen Kreiſen die Koketterie und 
der Flirt ihre tollſten Orgien, und darum hat dieſe Zeit einen Reichtum an kuͤnſt— 
leriſchen Koſtbarkeiten auf dieſem Gebiet hervorgebracht, der in der Geſchichte beifpiel- 
los daſteht; natuͤrlich auch inbezug auf den Grad des Raffinements. Der Flirt ging 
naturgemaͤß bis an die äußerſte Grenze. Eine ſolche weite Grenze war es z. B., den 
Freunden zu geſtatten, der intimen Toilette beizuwohnen, was ſelbſtverſtaͤndlich gleich 
bedeutend damit war, den Beguͤnſtigten gewiſſe Reize in galanter Weiſe ſehen zu laſſen. 
Bemerkungen wie: „Ich hatte Gelegenheit, mit Muße ihren wunderbaren Buſen zu 
betrachten, da ſie ſich ſtellte, als wiſſe ſie gar nicht, welche Schaͤtze ſie meinen Blicken 
preisgab“, finden ſich zu Hunderten in der zeitgenöſſiſchen Memoirenliteratur. Das 
galant-ſatiriſche Modeblatt „La brillante Toilette de la Deesse du Gout“ iſt ſo— 
wohl bildlich als textlich fuͤr dieſe galante Sitte charakteriſtiſch: „Puis qu'il peut 
sans rougir observer tour à tour Ces trésors enchanteurs, destines a l'amour“ 
(Bild 7). Aber wenn das auch nach unſeren heutigen Begriffen von Sittlichkeit 
ſchon eine ungeheuerlich weite Grenze iſt, fo it es fuͤr die damaligen Begriffe 
doch noch lange nicht 
die aͤußerſte Grenze des 
Flirts geweſen, und 
nicht wenige hatten Luſt, 
ſoweit zu gehen. Bei der 
erlaubten Anweſenheit 
eines Freundes konnte 


man eine gewiſſe Grenze 
nicht uͤberſchreiten, ganz 
anders war es, wenn 
man allein war. Das 
fuͤhrte zum raffinierten 


Arrangement von Über— 
raſchungsſzſenen. Die 
uͤberraſchungsſzenen bo— 
ten der Pikanterie die 


dankbarſten Stoffe; denn 
uͤberraſchen, belauſchen, 
beobachten kann man 
eben das Allerintimſte. 
Die gewagteſten Situa— 


tionen ſind damit ge— 


Träumerei geben; jede Art von 
J. € Wilſon pikanter Unordnung der 


„Beruhigen Sie fich, die Operation iſt ganz ungefährlich, aber ich fürchte Ihre Aufregung, darum muͤſſen Sie ſich auf 
Ihr Zimmer begeben und mich ungeftört laſſen; ich werde Sie rufen ſowie ich fertig bin.“ 


208. Bourdet. Galante franzoͤſiſche Karikatur. 1832 


Kleider, der Wohnung, und das in allen Steigerungen: Bei der Toilette, im Bett, 
im Bade, beim traulichen Geplauder mit der gleichgeſinnten Freundin, oder bei 
gewagten galanten Scherzen eines beguͤnſtigten Liebhabers. Es gibt kein Ende, denn 
bei allem kann man uͤberraſchen; und jede huͤbſche Frau laͤßt ſich gern uͤberraſchen, 
ſo ziſchelte ſchaͤkernd die Zeitmoral: Die junge ſchoͤne Mutter, wenn ſie das Mieder 
oͤfnet, um dem zappelnden Kindchen die ſtrotzende Bruſt zu reichen, die Kokette bei 
ihrer intimen Toilette, die Raffinierte bei noch viel intimerem Tun. In einer 
Sittenſchilderung aus dem 18. Jahrhundert heißt es uͤber die Englaͤnderinnen: „Die 
jungen Frauen haben es nie ſo eilig, ihre Kleinen zu ſtillen, als wenn galanter 
Beſuch dem Hauſe naht, ſie koͤnnen dadurch ihre ſchoͤne Bruſt zeigen, und ſie ſind 
nicht beleidigt, wenn ſie ſehen, daß der Beſuch nur dafuͤr Augen hat.“ 

Fuͤr die galante Kunſt bot der Trick der Überrafchungsfzenen, die ſcheinbar ungewollte 
Preisgabe intimer Reize, natuͤrlich die dankbarſten Motive. Als klaſſiſche Probe dieſer Art 
ſei der beruͤhmte galant-ſatiriſche Kupfer „Die gefaͤllige Kammerzofe“ von Schall an— 
geführt. Sie mimt die Sproͤde, vergeblich hat der galante Freund geworben und gebettelt, 
die Schoͤnheit der angebeteten Frau einmal ſchauen zu duͤrfen, er kann ſich nicht des 
geringſten Vorrechtes ruͤhmen. Aber wozu gibt es denn gefällige Kammerzofen? 
Einige Louisdor, und alle ſeine Wuͤnſche gehen in Erfuͤllung, kuͤhner und einfacher, 
als er es je gehofft hat. Er braucht nur zu einer genau beſtimmten Minute auf 


223 


die Tuͤrklinke zu drücken, und feiner Neugierde wird fich bei einer beſtimmten Ge⸗ 
legenheit der letzte Wunſch erfüllen. Und ſo kommt es denn auch, denn die 
ſchoͤne Marquiſe hat getan, als bemerke ſie es nicht, daß die Zofe es diesmal unter— 
laſſen hat, die Tuͤre forgfältig zu ſchließen. Das iſt der ungefähre Sinn dieſes beruͤhmten 
Kupfers, der nicht allein in Frankreich, ſondern in allen Laͤndern den groͤßten Beifall 
gefunden hat, was ein koſtbarer engliſcher und ein ſchlechter deutſcher Nachſtich zur 
Genuͤge beweiſen. Durch das ſcheinbar Unfreiwillige auf Seiten der Frau erhaͤlt hier 
wie uͤberall die Darſtellung ihren pikanteſten Reiz (ſiehe Beilage). Ahnlich raffiniert iſt 
der Gedanke des beruͤhmteſten aller galant-ſatiriſchen Stiche des 18. Jahrhunderts 
„Die gluͤcklichen Zufaͤlle der Schaukel“ von Fragonard. Die ſchoͤne kokette Frau iſt 
heute in uͤbermuͤtiger Laune, ſie will ſchaukeln. Wie reizend waͤre das, ſich keck durch 
die Luͤfte ſchwingen zu laſſen, bis hinauf zu den Aſten! Ihr Wunſch iſt dem galanten 
Gatten Befehl, wenn es ihm in ſeinem Alter auch Muͤhe macht, und er wiegt ſie in 
den Luͤften, erſt langſam und bedaͤchtig, dann allmaͤhlich immer hoͤher und hoͤher. 
Und je hoͤher die Schaukel ſie traͤgt, um ſo froͤhlicher, um ſo uͤbermuͤtiger und aus— 
gelaſſener wird ſie. Sie hat laͤngſt alles ringsum vergeſſen, die ganze Welt, die unter 
ihr iſt; harmlos wie ein Kind 

— ſchwelgt ſie in dieſem Ver— 

————ç—ç gnuͤgen ... Ach nein, fie 

hat gar nichts vergeſſen, ſie 

weiß ganz genau, daß unten 

zu ihren Füßen im Buſch— 

werk der galante Beſuch 


kauert, daß er begeiſtert jeder 
ihrer Bewegungen folgt und 
daß er laͤngſt begriffen hat, 
daß einzig zu ſeiner Wonne 
ihre Koketterie dieſe pikante 
Szene ausgedacht hat. Und 
jeder ihrer Jubelrufe, jede 
ihrer uͤbermuͤtigen Bewe— 
gungen bedeutet nur dieſe 
eine Frage: nest-ce pas, 


8 mon ami, je suis un mor— 


* ni 


—— — 


f 5 . 1? (ſiehe Beilage) 
N JT ceau de roi? (ſiehe ge). 


ä Bis zu dieſer Grenze ging 


„Minden, bedenke doch, erſt 16 Jahr und ſchon einen Liebhaber!“ der offiziell erlaubte Flirt 


— „Aber Mutter, einer iſt doch das wenigſte, was man haben kann.“ — der galan ten Damen des 


D 


209. Friedrich Schröder. Duͤſſeldorfer Monatshefte. 1852 18. Jahrhunderts! Die ganze 


224 


— — Te 1 * — — —. —ũ 8 . — — — —ͤ— 2 — br w ͤ—— . —aQ 


Franzoͤſiſche Karikatur 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Albert Langen, München 


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Um 1850 


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Mes cheres filles! der wichtige Moment eures debut in der er&me der société iſt da. Ich kann nicht umhin, bevor 
wir in den Wagen ſteigen, euch noch eine Lehre zu geben, von deren Befolgung euer ganzes sort abhängt! Du Hermine, 
mußt beim Eintritt in den salon ein Wort leiſe ausſprechen, welches deinen Mund verkleinert, und du, Valerie, eines, 
welches den deinigen vergrößert; alſo Hermine: „Supp'“ — Valerie: „Braatl!“ — 


Aus der Wiener Gefellfhaft 
210. Moritz v. Schwind. Fliegende Blaͤtter 


exkluſive Geſellſchaft klatſchte begeiſtert Beifall, wenn fie ihre Kuͤhnheit kuͤnſtleriſch 
ſo prickelnd feſtgehalten ſah, wie es hier durch Fragonard geſchehen war. Sie erhob 
daher von dieſem Tage an dieſen Kuͤnſtler zu ihrem beſonderen Liebling. Fragonard 
hat das in ihn geſetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt, indem er noch in Dutzenden 
von anderen Blaͤttern die galante Moral der Zeit in aͤhnlich prickelnder Weiſe inter— 
pretierte. Aber das Raffinierte dieſer Stiche wird noch durch etwas anderes ins 
Maßloſe geſteigert: etwas, was auf den heutigen Beſchauer nicht mehr wirkt; naͤm⸗ 
lich dadurch, daß die Mehrzahl dieſer Kupfer ſich an ganz beſtimmte Damen der 
vornehmen Geſellſchaft knuͤpfte, und daß die Fama die Namen der betreffenden 
Damen durch alle Salons trug. Die Satire klingt in dieſen Blaͤttern nur ganz 
leiſe, wie das verhaltene ſilberne Lachen einer ſchoͤnen Frau, oder wie das verlockende 
Kniſtern der bei den koketten Liebesſpielen zerknitterten Seidenkleider. 

Wenn man ſich uͤbrigens aus dieſen Blaͤttern das Leben des Ancien Regime 
konſtruiert, dann begreift man, daß die Menſchen, die die ſinnlichen Genuͤſſe und 
Freuden als die hoͤchſten Guͤter des Lebens achten, zu der Anſicht kommen konnten, 
daß die gar nicht gelebt haͤtten, die nicht die prickelnde Atmoſphaͤre des Ancien Regime 
geatmet haben. Das war naͤmlich im erſten Viertel des 19. Jahrhunderts die 


herrſchende Anſicht bei allen uͤberlebenden aus dieſem Zeitalter. 
29 
225 


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Neben der kuͤnſt— 
leriſchen Eleganz der 
eben beſchriebenen 
Blaͤtter verblaßt alles 
das, was andere Zeiten 
in dieſer Art geſchaffen 
haben. Die Frivolen 
der dreißiger Jahre des 
19. Jahrhunderts, Mau— 
rin, Deveria, Taſſaret, 
Bouchot, und wie ſie 
alle heißen, haben ſich 
ja redliche Muͤhe gege— 
ben, es dem 18. Jahr: 
hundert gleichzutun, und 


in der ſtofflichen Kuͤhnheit iſt es ihnen ja auch manchmal annaͤhernd gelungen 
(Bild 205), aber die Hoͤhe der kuͤnſtleriſchen Qualitaͤt blieb ihnen verſagt, und in 
ihrer Art gleichwertige Toͤne haben darum dieſe galanten Nachbildner nicht geſchaffen. 
Das Neue und Originelle dieſer Zeit kam daher nicht aus der Reihe dieſer galanten 
Nachbildner, ſondern aus der Reihe derer, die wirklich den neuen buͤrgerlichen Geiſt der 


Zeit verkoͤrperten; das waren: Gavarni, Monnier und Daumier. Dieſe haben gezeigt, 
was von den Rokokokuͤnſtlern nur der einzige Goya gezeigt hat (Bild 190), daß 
Koketterie und Flirt nicht nur eine Quelle der Laszivitaͤt find, ſondern daß daraus 


Ein Tag aus dem Leben einer vornehmen Dame nach der Mode 


226 


auch die ernſte Satire 
und der geſuͤndeſte Hu— 
mor zu ſchoͤpfen ver— 
mögen. Ein zwingen— 
der Beweis fuͤr das 
letztere iſt unter vielem 
Gleichwertigen die Litho— 
graphie von Daumier 
„Das galante Debut“ 
(ſiehe Beilage). 

Je mehr wir uns 
der Gegenwart naͤhern, 
um ſo klarer verkoͤrpert 
ſich das Weſen des 
Flirts in der Karikatur. 
Die lohnendſten Motive 


liefern natürlich die 
Vergnuͤgungsgelegen— 
heiten, der Ballſaal und 
das Badeleben, vorzugs— 
weiſe das Seebad, denn 
hier wird offiziell von 
jedermann geflirtet. 
„Zwei Walzer, zwei 
Polkas, zwei Lanciers, 
eine Polonaͤſe, ein 
Galopp, das ſind acht 
Rendezvous“, ſo ſchildert 
Boutet treffend und 
geiſtreich den Flirt der 
Ballſaͤle (Bild 226). 


| 


00 


Den Flirt der vornehmen Nichtstuer in den modernen Luxusbaͤdern illuſtrieren in 


eleganter Weiſe die Zeichner des Pariſer „Journal amusant“ und der Wiener 
„Karikaturen“, die Mars, Gerbault, Bac, Guillaume (Bild 224), Laci v. F., Köyſtrand 
jedes Jahr dutzendfach; in ernſt-ſatiriſcher Weiſe illuſtrieren ihn die Forain, Thoͤny, 


Heine uſw. ebenſo oft. 


Sie alle verraten aber auch, daß nicht nur die vornehme 


Femme du monde, die ihre Sommermonate in Oſtende oder Trouville verbringt, 
dieſer pikanten Form des Flirts huldigt, ſondern daß auch die huͤbſche Frau aus dem 
vermoͤgenden Buͤrgertum mit Begierde und Verſtaͤndnis den Genuß koſtet, „in anſtaͤn— 


diger Form unanſtaͤndig 
zu ſein“, wie ein bos— 
hafter Frauenverleum— 
der einmal ſchrieb, und 
die der große Frauen— 
kenner Brantöme damit 
entſchuldigt, daß eine 
ſchoͤne Frau an ihren 
intimen Schoͤnheiten 
doch viel mehr Ver— 
gnuͤgen hat, „wenn man 
ſo etwas auch andere 
ſehen laͤßt“. Dieſes 
pikante Vergnuͤgen der 
Frau daran, „andere 
etwas ſehen zu laſſen“ 


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211214. Fliegende Blätter. 


227 


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Am Strand Auf dem KRorfo Im Salon 


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215 — 217. Marcelin. Journal amusant 


ift das Motiv von Heilemanns Blatt „Im Familienbad“. Die beiden vollerblühten 
Schönheiten genieren ſich zwar noch etwas bei der luͤſternen Pruͤfung, die die geſamte 
Herrengeſellſchaft ihren plaſtiſchen Reizen widmet, aber ſie ſind innerlich davon doch 
aufs hoͤchſte befriedigt, denn ſie haben ja bei der Wahl des Schnittes ihres Bade— 
koſtuͤms peinlichſt danach geſtrebt, daß das pornographiſche Intereſſe der männlichen 
Badegaͤſte voll auf ſeine Rechnung komme (Bild 234). 

Wenn man behaupten wollte, die Frauen ſeien in der Mehrzahl ſo harmloſen 
Gemuͤtes, daß ſie ſich bei ſolchen Gelegenheiten rein gar nichts denken und ſomit auch 
gar nicht ahnen, mit welchen Augen ſie von den Maͤnnern angeſchaut werden, — wer 
dieſes behauptet, der behauptet den barſten Unſinn. Die einfaͤltigſte Frau weiß ganz 
genau, was in dem pikanten Badekoſtuͤm an den Tag kommt. Sie weiß auch, daß 
ſie in jeder Stellung und jeden Tag von neuem nur ein Gegenſtand luͤſterner Neu— 
gier fuͤr die Maͤnner iſt. Sie weiß aber weiter auch, daß dies die Gelegenheit und 
die Form iſt, in der es ihr die Geſetze der öffentlichen Sittlichkeit geſtatten, polygamen 
Begierden zu froͤnen, Dutzende das ſehen zu laſſen, deſſen Anblick die monogame 
Kultur ſonſt nur dem angetrauten Gatten vorbehaͤlt. Dieſe pikante Form des Flirts, 
die das Seebad ermoͤglicht, iſt ſein erſter und wichtigſter Zweck fuͤr viele Frauen; 
die Kraͤftigung der Geſundheit iſt fuͤr ebenſo viele nur die angenehme Neben— 
erſcheinung. 

Bei der zeichneriſchen Satiriſierung der von der Karikatur faßbaren Formen 
der Koketterie und des Flirts iſt gegenüber der literariſchen Satire ein Unterſchied 
augenfaͤllig und auch beſonders zu betonen: Wenn in der literariſchen Satire auf die 
Kofetterie und den Flirt immer, oder wenigſtens faſt immer, das „Moralin“ vor- 
herrſcht, ſo ſucht man dies bei der gezeichneten Satire ebenſo oft vergeblich. Mehr 
als jedes andere Gebiet find es dieſe beiden Gebiete, auf denen die Karikatur mit Vor— 


228 


liebe der Frau in ausgeſprochener Weiſe huldigt. Indem fie ihre koketten Mittel 
und Methoden entlarvt, ſingt ſie begeiſtert das Hohelied von der Schoͤnheit des weib— 
lichen Schoͤpfungswunders. 


Die weibliche Sinnlichkeit. Sehr häufig wird die Frage aufgeworfen: 
Wer iſt ſinnlicher, der Mann oder das Weib? Und die Antwort lautet zweifellos 
in ſehr vielen Faͤllen: Das Weib. Alwin Schultz urteilt uͤber das hoͤfiſche Leben 
zur Zeit der Minneſaͤnger: „Merkwuͤrdigerweiſe ſind die Maͤnner viel ſchamhafter 
als die Maͤdchen.“ Und er belegt dies durch zahlreiche Tatſachen, durch die er 
z. B. nachweiſt, daß bei den gemeinſamen Baͤdern ſelbſt die vornehmſten Edelfrauen, 
trotz der ausgelaſſen derben Spaͤſſe, die bei dieſen Gelegenheiten faſt immer ge— 
trieben wurden, auch auf die geringſte Verhüllung verzichteten und ſo den Anblick ihrer 
intimſten Reize der Neugier ſaͤmtlicher Maͤnner preisgaben. Waͤhrend die Maͤnner 
ſtets eine Schambinde anlegten, oder ſich des „Wedels“ bedienten, ſchmuͤckten ſich 
die Frauen mit ihrem vornehm— 
ſten Kopfputze und legten ihre 
ſchimmernden Perlenketten an. 

Sie prunkten alſo aufs Koketteſte 
mit ihrer Nacktheit. Als die 


herrſchende Meinung des 18. 
Jahrhunderts notiert Hippel 
das Folgende: 


„Geſchaͤfte ſind den Weibern 
nicht angemeſſen, ſelbſt Handarbeiten 
nicht; das Schneiderhandwerk etwa, 
wenn es bei Frauenkleidern bleibt, 
ausgenommen. Weibsperſonen koͤnnen 
nicht zu Beinkleidern Maß nehmen: 
ſie ſind uͤberhaupt ſo ſtark in der 
Einbildung, daß junge Maͤdchen 
ſelten Mannshemden paſſend zu 
machen verſtehen, faſt immer werden 
dieſe von ihnen verſchnitten.“ 


Wenn man ſchließlich == 
unferer allerjuͤngſten Roman⸗ „Aber wie kannſt du dich ſo benehmen?“ 


und Novellenliteratur glauben 3 nt denn anders uͤbrig, wenn man keine andere Mitgift 
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möchte, in der das Thema ee Am Stein de 
„Weib“ nervenpeitſchend feiert — eis Cham. Charivari 


wird — als Beiſpiele ſeien nur einige Werke der Beſſeren genannt: Holitſchers 
„Vergifteter Brunnen“, Schnitzlers „Reigen“ und von Strindberg ſein ganzes Schaffen 
— dann waͤre mindeſtens jede zweite oder dritte Frau eine unerſaͤttliche Meſſalina 
oder ein mitleidloſer Vampir, der den Mann nicht loslaͤßt, bis ihm das letzte Mark 
aus den Knochen geſogen iſt. 

Zu dieſer Anſicht, daß das Weib ſinnlicher ſei als der Mann, verleitet mancherlei. 
In erſter Linie iſt es die den meiſten Maͤnnern auffallende Haͤufigkeit jener ſtark 
aufgetragenen Formen der oftentativen Gefallſucht und Eitelkeit. Daß die Kofetterie 
von dem Begriff Sinnlichkeit ebenſo oft ganz unabhaͤngig iſt, das iſt den wenigſten 
Maͤnnern klar bewußt. Auch wird uͤberſehen, daß die koketteſten Frauen abſolut 


Chex Hubert Pl.de la Bourse. mp. Aubert B IF 


— Aber ſag einmal Eulalia, warum putzſt du dich denn heut fo auffallend? 
— Ich gehe in einen Vortrag von Proudhon, und du weißſt doch, wie viel dieſer auf elegante Formen gibt! 


219. Honoré Daumier. 1850 


230 


nicht die ſinnlichſten find, ſondern meer en 
daß eher das Gegenteil der Fall iſt. e 
Man achtet es nicht, daß nur die 
innerlich Kalten ſich vollſtaͤndig in 
der Hand haben, daß ſie allein ohne 
Gefahr im tollſten Ritt, wenn man 
ſo ſagen will, dem Abgrund zujagen 


und im letzten Augenblick noch 
„Stopp“ ſagen koͤnnen. 

Weiter verfuͤhrt zu dieſer An— 
ſicht der Umſtand, daß, wie wieder— 
holt ſchon hervorgehoben worden iſt, 
die Frau im geſamten geſellſchaft— 
lichen Organismus in erſter Linie 
als Geſchlechtswerkzeug figuriert, 
und daß auch ſie ſich ſelbſt nie 
anders praͤſentiert, wie das Kapitel 


f — Du ſollteſt doch den Baron kennen? 
uͤber die Mode erweiſen wird. Der — Was heißt kennen! Wie man eben jemand kennt, mit dem man 


letzte und wichtigſte Grund fuͤr die e 
ſtark verbreitete Annahme einer „„ 

groͤßeren Sinnlichkeit auf Seiten 

der Frau iſt jedoch die notoriſche Tatſache der quantitativ groͤßeren Genußfaͤhigkeit 
des Weibes im ſexuellen Verkehr, d. h. ihrer ſozuſagen phyſiologiſch unbegrenzten 
Liebesfaͤhigkeit. 

Aber trotz alledem ſind alle Folgerungen in der Richtung auf eine groͤßere Sinn— 
lichkeit der Frau abſolute Trugſchluͤſſe. Richtig iſt dagegen eins: die Sinnlichkeit 
des Weibes iſt eine weſentlich andere als die des Mannes; was alles als Element 
der Erotik bei der Frau ausgelegt wird, iſt in Wirklichkeit ſehr haͤufig etwas ganz 
anderes. Wenn beim Manne die Erotik ein ſofort ſich einſtellender Ausfluß der 
Liebesgefuͤhle iſt — ſein muß, weil ihm im Geſchlechtsleben der Natur eine aktive 
Rolle zugewieſen iſt —, und weiter, wenn beim Manne die Erotik von den Liebesge— 
fühlen gar nicht zu trennen it, die Liebe bei ihm alſo gewiſſermaßen lokaliſiert iſt, 
ſo iſt bei der Frau genau das Entgegengeſetzte der Fall. Die Liebe der Frau iſt 
abſolut nicht in derſelben Weiſe lokaliſiert, abſolut nicht in derſelben Weiſe erotiſch 
konzentriert, ſondern bei ihr ſind ſtets die geſamten Lebensfunktionen von dieſem 
Faktor geſaͤttigt, und die Erotik braucht darin nur eine ganz untergeordnete oder 
nebengeordnete Rolle zu ſpielen. Die Liebe der Frau iſt in einer Weiſe pſychiſch, 
wie das beim Manne höchft ſelten der Fall iſt. Auch hat die Frau nicht wie der 
Mann nur erotifche Beziehungen zur Entſtehung kommender Geſchlechter. 


231 


Natürlich ift mit der 
Ablehnung der Behauptung 
einer allgemeinen größeren 
Sinnlichkeit auf Seiten der 
Frau und mit der Betonung 
eines im Kern anders ge— 
arteten Liebesgefuͤhles nicht 
geſagt, daß bei den Frauen 
niemals ein derart hoher 
Grad erotiſcher Sinnenluſt 
vorkaͤme, daß dieſe die 
Sinnenluſt des Mannes 
ſtark uͤberragte. Das zu 
behaupten, waͤre nichts 
anderes als ein direkter 
Unſinn, denn es hat in 
jedem Zeitalter und unter 
allen Volksſchichten ſehr 
viel Meſſalinennaturen ge— 


geben, deren Sinnlichkeit 


— Aber ſag, meine Kleine, warum haſt du denn nicht in unſern Orden ‚ 
es ans Ungeheuerliche grenzte. 


— Wozu erſt den Umweg? Liebe Schweſter, ich wußte ganz genau, daß Aber die groͤßere Sinnlich— 
Sie früher oder fpäter Ban in 75 unſrigen kommen wuͤrden. keit auf ten der Frau 
221. Moloch. Franzoͤſiſche Karikatur auf das unkeuſche Leben 
der Nonnen. 187: iſt eben nicht das Typiſche, 
ſondern, vor allem in der 
Steigerung zum Meſſalinenhaften, die widernatuͤrliche Ausnahme, und das iſt für 
die Beurteilung das Entſcheidende. 

Was die moderne Wiſſenſchaft mit aller Entſchiedenheit beſtreitet, dem wider— 
ſpricht die Hiſtorie ſcheinbar mit faſt ebenſo großer Beharrlichkeit durch alle Jahr— 
hunderte, d. h., ſie hat auf jedem ihrer Blaͤtter von der ſtarken Sinnlichkeit der 
Frauen zu erzaͤhlen. Wenn die Anſchauung, die ſie dadurch erweckt, indem ſie zum 
Generaliſieren verleitet, nun auch durchaus ſchief iſt, ſo iſt ihr Verfahren denn— 
noch ganz logiſch. Die Hiſtorie iſt felten der einfache Regiſtrator des Lebens und 
ſeiner Erſcheinungen, d. h. alſo ein Regiſtrator, der alles aufſchriebe, das Alltaͤgliche 
ebenſo gewiſſenhaft wie das Außergewoͤhnliche. Sie iſt vielmehr immer gewiſſer— 
maßen parteiiſch. Parteiiſch zum Mindeſten inſofern, als fie das Alltaͤgliche für 
gleichguͤltig haͤlt, alles Auffaͤllige dagegen mit uͤbereifer notiert. Nur der fiebernde 
Puls intereſſiert ſie. Auch will Frau Klio, wie alle Frauen, immer intereſſant ſein; 
die monotone Alltagſtimmung iſt aber ſcheinbar ſelten intereſſant. So kommt es, 


232 


Sie (ſich zierend): Aber Herr Viktor ... lafien Sie doch .. . Sie find ja der reinſte Caſanova ... 
Bedenken Sie doch, wir find allein! ... 
Der Gymnaſiaſt (für ſich): Um fo beſſer! Jetzt riskiere ich alles .. . ich kuͤſſe ihr die Hand .. 


Das galante Debut 


Franzoͤſiſche Karikatur von Honoré Daumier. 1850 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


daß die Geſchichte auf jeder Seite von erotifchen Frauen zu erzählen weiß, daß fie 
tauſende und abertauſende von verbluͤffenden Beiſpielen als endloſen Zug durch die 
Jahrhunderte ſchleift, — man ſieht nur ſie, nur ſie; und ob des prickelnden 
Grauens, das der Anblick dieſer Geſtalten erweckt, überſieht man ganz die große 
Maſſe, die tauſendfach größere Maſſe jener, die harmoniſchen Weſens und ausge— 
glichenen Gemütes ihre Straße ziehen. Aber dieſe Einſeitigkeit der Berichterſtattung iſt 
das weſentliche Merkmal der hergebrachten Geſchichtſchreibung, und dieſe verfaͤhrt 
darum auf allen anderen Gebieten genau jo. Es iſt die innere Konſequenz der ideo— 
logiſchen Geſchichtserklaͤrung, die im Außergewoͤhnlichen — in den ſogenannten uͤber⸗ 
menſchen — den Motor aller geſchichtlichen Vorgaͤnge findet. Daß aber das Außer— 
gewöhnliche gegenuͤber der Frau zum Gewoͤhnlichen geſtempelt wird, das erklaͤrt ſich 
aus dem beſonderen Grunde, daß der Vorwurf einer groͤßeren Sinnlichkeit auf Seiten 
der Frau im Intereſſe der Maͤnner liegt. — 

Es gibt eine Reihe Kategorien von Frauen, die geradezu als Ausbuͤnde weib— 
licher Sinnlichkeit verſchrieen ſind, und merkwuͤrdigerweiſe wohl keine in hoͤherem 
Grade als die, die ein typiſches Muſterbild der Keuſchheit ſein ſollte, naͤmlich die 
Nonnen. Die Berichte und die Schilderungen uͤber die Sinnlichkeit und die notoriſchen 


Wahre Begebenheit an Stuttgarter Markt Brunnen. 


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Die MagdohnHemdulinterrock Sieng aus zum Wasser holen/Undwie die Golte nimmt die Magd so fiel hr Kleid herunter, 
Em Rathsherr sahzumersten Stockheraus $anz unverholen! Drauf sich Herr Rath zu Iod $elachrukamins Grab hinunter. 


222. Volkstuͤmlicher ſatiriſcher Bilderbogen 
30 


233 


Ausſchweifungen der Nonnen umfaſſen geradezu eine Rieſenbibliothek. Das Material, 
aus dem ſich dieſe zuſammenſetzt, ſtammt aus allen Zeiten, vornehmlich jedoch aus 
der Zeit der Reformation, dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Fuͤr das Reformations— 
zeitalter ſind die Urteile des beruͤhmten Gailer von Kaiſersberg beſonders bezeichnend. 
Er ſchreibt: „Ehemals gingen manche Mädchen ins Klofter, weil man dorten am 
beſten dem Fleiſch zu dienen vermochte.“ Ein andermal iſt er bei der Frage, ob 
man eine Tochter ins Kloſter ſchicken ſolle, im Zweifel, ob das nicht gleichbedeutend 
damit ſei, ſie in „ein gemein Frauenhaus“, alſo zu den profeſſionellen Freuden— 
maͤdchen zu tun. In des Goldſchlaͤgers Antoni Kreutzers handſchriftlicher Chronika 
der Stadt Nuͤrnberg lieſt man: „Eins teil Nunnlein luffen von ein Kloſter in das 
andere, das war in das Lieb Frauenhaus.“ Solche Berichte exiſtieren noch Dutzende, 
und was man von ſpaͤteren Zeiten, vom 17. und 18. Jahrhundert berichtet, iſt nur 
im Wortlaut verſchieden davon, im Sinne aber ganz gleich. 

Dieſen Schilderungen hat man als Gegenbeweis zweierlei entgegengehalten. 
Man hat es erſtens als parteiiſche Verleumdung im Kampfe gegen die katholiſche 
Kirche erklaͤrt, als ein ſkrupellos gehandhabtes Fechterkunſtſtuͤckchen der Lutheraner 
und ſpaͤter der liberalen, antikirchlichen Gottesleugner. Das iſt die ſummariſche 
Widerlegung, wie ſie von den unbedingten Verherrlichern der katholiſchen Kirche 
geuͤbt wurde. Die nicht ſo ganz Bedingungsloſen, jene, die wiſſen, daß man eine 
fatale Tatſache nicht einfach mit dem Dekret „es iſt gelogen!“ aus der Welt ſchafft, 
haben ſich auf etwas anderes hinausgeredet: Solche allgemeine Anklagen ſeien die 
Ergebniſſe der Sucht nach Verallgemeinerung, die aus einem einzigen raͤudigen Schaf 
gleich eine ganze raͤudige Herde mache. Die Einerſeits- und Anderſeits-Geſchichts— 
ſchreiber haben, um ihre Objektivitaͤt an den Tag zu legen, gewoͤhnlich genau dieſelbe 
Methode geuͤbt, und zwar mit der ſtereotypen Einleitung: „man muß gerecht ſein.“ 
In Wirklichkeit iſt das jedoch nicht Objektivitaͤt, ſondern im guͤnſtigſten Falle die 
Unfaͤhigkeit, die Dinge in ihren organiſchen Zuſammenhaͤngen zu begreifen. 

Die ſittlichen Zuſtaͤnde in den Nonnenkloͤſtern des 15.— 18. Jahrhunderts waren 
in vielen Faͤllen in der Tat ſo, wie ſie von Gailer und ſo vielen anderen bis herauf 
zu dem ſo amuͤſant polternden Johannes Scherr gekennzeichnet und geſchildert worden 
ſind. Die Frauenklöſter im Mittelalter waren haͤufig nichts anderes als die unter— 
haltſamen Abſteigequartiere des Adels und der Patrizier, und es gab ſolche, in denen 
an manchem Abend keine Zelle ohne einen Gaſt war, die alſo mitunter mehr Gaͤſte 
beherbergten als ſo manches gutbeſuchte Wirtshaus an einem europaͤiſchen Kreuzweg. 
Man leſe nur die derb deutlichen Berichte der wertvollen Zimmeriſchen Chronik nach, 
und man hat wahrlich der Beweiſe ſchon genug. Von den Frauenkloͤſtern des 
18. Jahrhunderts kann mit ebenſolcher Beſtimmtheit geſagt werden, daß ſie ebenſo 
oft Hochſchulen der Galanterie und der exquiſiteſten Liebeskuͤnſte waren. Im Nonnen— 
habit ſteckten haͤufig die raffinierteſten Venusprieſterinnen. Die neueren Forſchungen 


234 


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beweifen das ohne Ausnahme, fie dokumentieren, daß ſich weder die Rabelais und Aretin, 
noch die Caſanova und Lauzun ihre kühnen Schilderungen des Nonnenlebens aus den 
Fingern geſogen haben, ſondern daß ſie tatſaͤchlich Kulturbilder der Zeit gegeben 
haben. Die Gebruͤder Goncourt ſchreiben vom 18. Jahrhundert, daß fuͤr dieſe Zeit 
die Nonne der Inbegriff aller Pikanterie geweſen ſei. 

Aber daß es ſo geweſen iſt, das entſpricht ganz und gar den oͤkonomiſchen 


Geſetzen, die die betreffenden Frauenkloͤſter in jenen Zeiten bevoͤlkerten, den Urſachen, 
die in verſchiedenen Staͤdten und Gegenden oft in kurzer Zeit die Nonnenkloͤſter 
foͤrmlich wie Pilze aus der Erde emporwachſen ließen. Der Irrtum — freilich ein 
eifrig genaͤhrter — hat im Kloſter immer nur die Staͤtte erblickt, wohin die aller— 
meiſten nur aus unbedingter Froͤmmigkeit gingen, und weil ſie prinzipiell den ſinn— 
lichen Freuden der Welt entſagen wollten. Dieſe Annahme, als vorherrſchende Regel 
aufgeſtellt, iſt falſch, ſie iſt eine voͤllige Verkennung der wahren Urſachen, die die 
Frauen ſo maſſenweiſe ins Kloſter trieb. Nicht weil ſie den Freuden der Welt inner— 
lich entſagt haͤtten, ging die Mehrzahl der jungen Frauen in jenen Epochen ins 
Kloſter oder wurde dorthin geſprochen, ſondern ganz einfach, weil ihnen die Ehe 
kategoriſch verſagt war, verſagt von der Familie, um die Zerſplitterung der Ver— 
moͤgen, die Aufloͤſung des Familienbeſitzes hintan zu halten. Der Eintritt weiblicher 
Familienmitglieder ins Kloſter iſt fuͤr den Adel und die Patrizier nichts anderes als 
die ſyſtematiſche Loͤſung des Altjungfern— 

problems geweſen, das in dieſen Klaſſen 

infolge ihrer oͤkonomiſchen Intereſſen — 

Verhinderung der Vermoͤgenszerſplitte— 

rung — naturgemaͤß permanent war. 

Das iſt die oͤkonomiſche Wurzel. Die 

Toͤchter der herrſchenden Klaſſen fuͤllten 

die Kloͤſter, fuͤr die Nichtbeſitzenden hieß 

die Loſung: in Dienſt gehen und arbeiten. 

Eine in dieſer Richtung forſchende Ge— 

ſchichte der Kloͤſter von Paris und Vene— 

dig, um nur zwei typiſche Städte zu 

nennen, wuͤrde dies geradezu klaſſiſch 

belegen. In Venedig gab es z. B. im 

18. Jahrhundert nicht weniger als 35 

Frauenkloͤſter, deren Mehrzahl von 

jungen Frauen aus den Kreiſen der 

i „%%%%%Cͤĩ?—Gö n 8 Nobili bevoͤlkert war, denen ein Familien— 
„Oh, ne pour le eroire! . beſchluß die Ehe verſagt hatte. Früher 
224. A. Guillaume hatte es in Venedig ungleich weniger 


Frauenkloͤſter gegeben, und das Intereſſante iſt: 
ihre Zahl wuchs in dem gleichen Maße, wie 
Venedig von ſeiner beherrſchenden Macht herunter— 
ſtieg, wie die großen Vermoͤgen ſich zerſtreuten und 
alle Mittel angewendet wurden, wenigſtens die 
Reſte zu ſichern. 
Weil alſo die Froͤmmigkeit, die Weltent— 
ſagung gar nicht in Betracht kam, gar kein 
Herzensbeduͤrfnis war, ſondern bewußt als bloße 
Maske vorgebunden wurde, ſo iſt es innerlich 
bedingt, daß dementſprechende aͤußere Formen ſich 
bildeten; das iſt die notwendige Konſequenz, die 
gar nicht zu umgehen war. Die entſprechende 
Form fuͤr dieſe im Luxus aufgewachſenen Daͤm— 
chen war: das Kloſterleben mit angenehmem 
Zeitvertreib zu verbringen. Der angenehmſte 
Zeitvertreib iſt aber, ſobald hoͤhere Ideale mangeln, 
jelbftverftändlich die Galanterie, d. h. alſo: nicht 
Liebe aus Leidenſchaft, ſondern Liebe zur Unter— 
haltung. Das entwickelte die Liebeskuͤnſtlerin im 
Nonnenkleide. Tatſache iſt, daß die venezianiſchen 
Nonnen des 18. Jahrhunderts geradezu welt— 
beruͤhmt waren wegen der pikanten Koketterie 
ihres geſamten Auftretens in Kleidung, Beneh— 
men uſw. Zeitgenoſſen melden, daß eine vene— 
zianiſche Ronne auf der Straße ſtets von galanten 
Begleitern umgeben war. Selbſtgefälligkeit 
Wenn man alle dieſe Geſichtspunkte erwaͤgt, 225. Felicien Rops. Belgiſche Karikatur 
dann wird man ſowohl den verſchiedenen gran— 
dioſen litterariſchen Satiren, den Werken der Rabelais und Aretin, den zahlloſen 
Schwaͤnken und Sprichwoͤrtern, die uns vom eifrigen und uͤppigen Fleiſchesdienſt 
der jungen und alten Nönnlein erzaͤhlen, als auch den Karikaturen, die dasſelbe in 
ihrer Art tun, den richtigen Platz in der Beurteilung ihrer Bedeutung anweiſen, 
jedenfalls wird man viel mehr in ihnen ſehen als das, was man ſo haͤufig und ſo 


gerne aus ihnen machen möchte: grundloſe Verdaͤchtigungen (Bild 173, 175, 181, 
193, 221) 

Der Ruhm, den die ſprichwoͤrtliche Sinnlichkeit der Nonne genießt, iſt jedoch 
nicht unbeſtritten. Die Fama ſchreibt den Pfarrerskoͤchinnen, der „Unſchuld vom 
Lande“ und vor allem den Witwen die ehrgeizigſten Abſichten zu, es den Nonnen 


237 


gleich zu tun. Pfaffenmagd iſt 
gleichbedeutend mit Pfaffenmetze, 
ſagt das Sprichwort, oder in einer 
kurzen Anekdote: 

„Eine Pfaffenkoͤchin fragte eine 
ehrliche Jungfrau, ſo aus der Meß kam, 
ob die Bauernmeß ſchier getan waͤre? Ja, 
ſprach ſie, die Hurenmeß gehet ſchon an, 
ihr muͤſſet euch beeilen.“ 

In den polemiſchen Faſtnachts— 
ſpielen des 15. und 16. Jahrhun— 
derts iſt die „Pfaffenmetze“ eine 
ſtehende Figur und das Symbol 
weiblicher Geilheit. Eine typifche 
Vorſtellung geben die Reden der 
Pfaffenmagd Lucia Schnebeli in dem 
mehrmals aufgeführten Faſtnachts— 
ſpiel des Berner Malers und 
Dichters Nikolaus Manuel Deutſch. 

uͤber die Sinnlichkeit der 
Witwen wird vom Volksmund, wie 


„Zwei Walzer, zwei Polkas, zwei Lanciers, eine Polonaͤſe, ein geſagt, ebenſo ſummariſch abgeur⸗ 


Galopp, — das ſind acht Rendezvous. I ; EEE 2 ; 
teilt: „Die Köchin iſt nie fo eifer— 


füchtig, als wenn eine Witwe beim 
Herrn Pfarrer Rat's holt“, „Die 
Witwe ſagt: man wird nur im Geſicht alt.“ Das groteske Beiſpiel fuͤr die in der 
Sinnlichkeit bedingte Unbeſtaͤndigkeit der Witwentrauer iſt die Geſchichte der Witwe 
von Epheſus, auf die fchon weiter oben hingewieſen wurde (S. 124). 


Ballflirt 


226. Boutet. 1900 


„Die ſchoͤne Frau von Epheſus hatte ihren Gatten verloren, Fund es war ihren Verwandten 
und Freunden unmoͤglich, einen Troſt fuͤr ſie zu finden. Bei der Beerdigung ihres Mannes, die 
fie mit lauten Klagen und Tränen begleitete, warf fie ſich über den Sarg und verſchwor, hier im 
Grabgewoͤlbe bei der Leiche ihres Gatten ſterben und ihn niemals verlaſſen zu wollen. In der 
Tat blieb ſie zwei oder drei Tage in der Gruft. Nun begab es ſich, daß ein Mann aus der Stadt 
wegen eines Verbrechens gehenkt worden war und ſein Leichnam außerhalb der Stadt einige Tage 
lang ſorgfaͤltig von einigen Soldaten bewacht wurde, um als warnendes Beiſpiel zu dienen. Einer 
der wachhabenden Soldaten hoͤrte nun in der Naͤhe eine wehklagende Stimme. Er ging darauf zu 
und entdeckte, daß ſie aus der Totenhalle hervordrang; er ging hinein und gewahrte dieſe Dame, 
ſchoͤn wie der Tag und ganz in Jammer aufgeloͤſt. Er naͤherte ſich ihr und fragte nach der Ur— 
ſache ihrer Verzweiflung, die ſie ihm in guͤtiger Weiſe erklaͤrte. Er verſuchte ſie zu troͤſten, aber 
da es ihm das erſte Mal nicht gelang, ſo kam er zwei- ja dreimal wieder. Nun half es; ſie be— 
ruhigte ſich nach und nach und trocknete ihre Traͤnen. Und da er nun den Grund ihres Kummers 


238 


wußte, genoß er ſie zweimal, und zwar auf dem Sarge ihres Gatten. Darauf verfprachen fie 
einander die Ehe. Nachdem der Soldat dieſe Sache gluͤcklich zuſtande gebracht, kehrte er zu ſeinem 
Gehenkten zuruͤck, den er bei Lebensſtrafe nicht verlaſſen durfte. So gluͤcklich nun dieſes Unter— 
nehmen verlaufen war, ſo ungluͤcklich geſtaltete es ſich fuͤr ihn, daß inzwiſchen, wo er ſich mit der 
Dame ergoͤtzte, die Verwandten des Gehenkten gekommen waren in der Abſicht, den Leichnam zu 
entwenden, falls ſie keine Wache finden wuͤrden. Da die Wache nun wirklich abweſend war, 
ſchnitten ſie den Koͤrper ſofort ab und machten ſich ſchleunigſt davon, um ihm ein ehrliches Be— 
graͤbnis zu geben. Als der Soldat nun kam und den Leichnam vermißte, lief er verzweifelt zu 
ſeiner Dame und klagte ihr ſein Mißgeſchick. Er waͤre nun verloren, denn ein Soldat, der auf 
Wache schläft oder den Leichnam des Verbrechers entwenden läßt, wird an deſſen Stelle gehenkt, 


„An was denken Sie, wenn Sie mich ſo in den Armen haben?“ — „Ans Trinkgeld, Euer Gnaden.“ 
Ein Schwärmer 


227. F. v. Reznicek. Simplieiſſimus 


239 


und das wuͤrde fett Los 

werden. Die Dame, die 

vorher von ihm getroͤſtet 

worden war, glaubte nun 

auch ihm Troſt zu ſchulden 

und ſprach daher: „Beruhige e WR 1 
dich, mein Lieber, und hilf N DIE A 
mir nur, meinen Gatten aus Rn 0 2 
dem Grabe zu holen. Wir 

wollen ihn an die Stelle 

des andern haͤngen, und 

man wird glauben, es ſei der 

Richtige.“ Geſagt, getan! 

Nun war aber dem Ver— 

brecher auch noch ein Ohr 

abgeſchnitten worden, und 

ſo nahm die Frau an dem 

Gatten dieſe Verſtuͤmmelung 

ebenfalls vor, damit die 

Taͤuſchung vollkommen ſei. 

Am naͤchſten Tage kam das 

Gericht und fand nichts aus— 

zuſetzen. So rettete die 

Frau ihren Liebhaber durch 

eine haͤßliche und ſchaͤndliche 

Handlung an ihrem Gatten.“ 


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Die Hausfrau Hier mag uͤbrigens und ſo, wenn Beſuch kommt. 
228 u. 229. Th. Th. Heine. 


So kleidet ſie ſich fuͤr ihren Gatten gleich eine Anekdote Simplieiſſimus 


aus dem Ende des acht— 
zehnten Jahrhunderts ihren Platz finden, die die angeblich typiſche Sinnlichkeit aller 
Frauen, alſo nicht nur die der Witwen illuſtrieren ſoll: 


„Ein oͤkonomiſcher Hausvater berechnete einmal ſeiner Ehehaͤlfte, daß ihm bei dem heutigen 
Kleideraufwand jede Liebkoſung auf einen Dukaten zu ſtehen komme. Die beſcheidene Ehegattin 
fand aber ſofort die naive Antwort: Es haͤngt nur von dir ab, mein Lieber, daß jede nur auf 
einen Kreuzer zu ſtehen kommt!“ 


Das Wort „Unſchuld vom Lande“ iſt immer eine durchaus ironiſche Praͤgung 
geweſen. Und dieſer ironiſche Sinn iſt auch ebenſo uneingeſchraͤnkt zutreffend. Nichts 
iſt laͤcherlicher, als wenn die Lobredner des Landvolkes die baͤuerliche Moral mit 
erhebender Gebaͤrde der lockeren Staͤdter-Moral gegenuͤberſtellen. Ganz abgeſehen 
davon, daß der voreheliche Geſchlechtsverkehr uͤberall auf dem Lande in Form von 
beſtimmten Gebraͤuchen ſanktioniert iſt — als ſolche ſeien nur ins Gedaͤchtnis ge— 
rufen: der Schweizer „Kiltgang“, das oberbayriſche „Fenſterln“, die ſchwaͤbiſchen 


240 


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230. Toulouſe-Lautree. Frühreife 


„Probe- und Kommnaͤchte“ —, ſo liegt es in der ganzen Natur des beim Bauern 
enger umgrenzten Lebenshorizontes, daß die Hemmungen gegenuͤber außerehelichen 
ſinnlichen Genuͤſſen geringer find. Der Witz von Bruno Pauls unvergleichlichem 
Blatt „Je nachdem“, das als groteske Karikatur eine Meiſterleiſtung erſten Ranges 
darſtellt, iſt gewiß als Witz glaͤnzend, aber die ſatiriſche Pointe dieſes Witzes iſt ein 
Witz des wirklichen Lebens. Wenn die plattbuſige und „langhaxete“ Dirn aus der 
Schlierſeer Gegend auf dem Heimweg von der Kirche vor ſich hinphiloſophiert: „Der 
Pfarrer hat mi vermahnt, daß i wenigſtens auf die Feiertag koa Todſuͤnd begeh. 
Wann der Hias koan Urlaub kriegt, laßt ſi's macha“, ſo iſt das nichts als die 
pointierte Entſchleierung der landlaͤufigen Bauernmoral (ſiehe Beilage). Unkultur 
wie Überkultur fuͤhren in gleicher Weiſe zu relativ groͤßerem Tribut an die Sinnlich— 


keit; das ließe ſich durch die Statiſtik unwiderlegbar nachweiſen. 
31 
241 


Von Einzelbeiſpielen anormaler weiblicher Sinnlichkeit hier an dieſer Stelle 
zu reden, wuͤrde zu keinem Reſultate führen, da es ſich hier um das Typiſche handelt, 
dagegen iſt es ſehr wohl angebracht, fuͤr die Methoden und Formen weiblicher 
Sinnlichkeit zu den verſchiedenen Zeiten einige charakteriſtiſche Beiſpiele anzufuͤhren, 
weil dieſe die Allgemeinkultur beleuchten. 

Im 17. Jahrhundert herrſchte nach Philander von Sittenwald in weiten Kreiſen 
bei den Frauen die Mode, erotifche und obſzoͤne Schriften in der Art von Gebet— 
buͤchern einbinden zu laſſen, um ſie ſo ſtets harmlos mit ſich fuͤhren und ſelbſt in 
der Kirche darin leſen zu koͤnnen. Dieſe Mitteilung beruht zweifellos auf Wahrheit, 
denn dieſer Trick hat ſich bis zum heutigen Tag erhalten. Heute noch bringen in 
Amerika und England die Haͤndler pornographiſcher Schriften dieſe in Form von 
allerhand Erbauungsbuͤchern, Geſangbüchern, Gebetbuͤchern, Predigtbuͤchern, Taſchen— 
bibeln in den Handel. Im Beſitze eines engliſchen Sammlers befindet ſich eine ganze 
ſolche „Damenbibliothek“, die zweifellos aus vornehmſtem Beſitze ſtammt; und die 
Gebrauchsſpuren verraten deutlich, daß in ſaͤmtlichen Exemplaren gar eifrig der 
Andacht gepflegt worden iſt. In einem Exemplar, einem engliſchen Erotikon, befindet 
ſich auf der letzten Seite von zierlicher Damenhand der Vermerk: „Heute in der 
Kirche zum 10. Male zu Ende geleſen.“ 

Solche „Scherze“ ſind haͤufig der Erſatz fuͤr die reale Betaͤtigung der Sinn— 
lichkeit geweſen, wozu die Gelegenheit mangelte. Wo dieſe nicht mangelte, ſind ſie 
meiſtens Hand in Hand mit einer ebenſo ffrupellofen wie ungeheuerlichen Aus— 
ſchweifung gegangen. Das Mittel, die kuͤhnſten Begierden zu ſaͤttigen, haben bereits 
die alten Roͤmerinnen ausfindig gemacht, ſie beſuchten inkognito die Bordelle und 
gaben ſich dort den Beſuchern wie gewoͤhnliche Dirnen preis. Die Geſchichte meldet 
dies als einen Sport zahlreicher vornehmer Damen. Desſelben ungeheuerlichen 
Mittels haben ſich Frauen eines jeden Jahrhunderts der chriſtlichen Kultur bedient. 
Aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert melden verſchiedene Chroniken, daß ehrbare 
und beſſere Frauen in den Bordellen uͤberraſcht wurden, oft von ihren eigenen Ehe— 
maͤnnern. Die in den letzten Jahren der Offentlichkeit zugaͤnglich gemachten pariſer 
Polizeiakten aus dem 18. Jahrhundert enthalten die unwiderleglichen Beweiſe dafuͤr, 
daß zahlreiche Damen der Geſellſchaft regelmäßige Beſucherinnen der Bordelle waren, 
und daß viele von ihnen ſogar direkt Kupplerinnen in ihrem Dienſt hatten, die ihnen 
fremde Reiſende, Offiziere, Adlige aus der Provinz zuführen ſollten, alſo ſolche Leute, 
bei denen ſie die Gefahr der Entdeckung nicht zu fuͤrchten hatten. Aber noch mehr: 
dieſe Schmach hat ſich bis ins zwanzigfte Jahrhundert erhalten. Der Beweis: Der 
Mayor von Philadelphia hatte Grund zum Haß gegen die Großbourgeoiſie der Stadt. 
Was tut er? Er laͤßt eines Abends eine Razzia in ſaͤmtlichen Bordellen von Phila— 
delphia vornehmen. Und was iſt das Reſultat? Eine Reihe der vornehmſten Damen 
der Geſellſchaft wird dabei aufgegriffen; fie hatten die Bordells zu ihren Abſteige— 


242 


231. Aubrey Beardsley. Meſſalina 


quartieren gemacht und hier das Manko ausgeglichen, das die Ehe bei ihnen hinter— 


ließ. So geſchehen im Sommer 1903. Aber wir brauchen gar nicht erſt uͤber den 
großen Teich zur anglikaniſchen Pruͤderie auszuwandern; im Reiche der deutſchen 
Zucht und Sitte paſſiert taͤglich das gleiche. In dem „Tagebuch einer Verlorenen“, 


35 


243 


das im letzten Jahre fo großes Aufſehen erregte, findet ſich über Hamburg die 
folgende Stelle: 


„Im blauen Salon machten ſie Paradies. Ich war nicht mit dabei. Es ſtoͤßt mich ab. 
Übrigens find ein paar ehrbare Kaufmannsfrauen von St. Pauli darunter. „Feine Damen“ haben 
wir mehrere dabei. Das iſt ja auch kein Wunder, wenn man ſo in den Tag hineinlebt, gut ißt 
und trinkt, keine Sorgen und viel Geld und Langweile hat, kann man wohl auf abſonderliche Ein- 
fälle zur Auffriſchung der ermuͤdeten Nerven kommen, aber dieſe Philiſterweiber ſollten doch fuͤglich 
an ihren Kochtoͤpfen und ihren Maͤnnern genug haben.“ 


Die „nackten Baͤlle“ ſind freilich keine ſpeziell neuzeitliche Errungenſchaft; in 
den Reaktionszeiten des Vormaͤrzes bluͤhten ſie uͤberall aufs uͤppigſte, ſo gibt es z. B. 
verſchiedene Mitteilungen uͤber Wien. Aber ſie ſind heute wahrſcheinlich noch ebenſo 
im Schwange; und wenn die Polizeiakten Berlins, Wiens, Muͤnchens, Londons, 
von den halb aftatifchen Metropolen wie Petersburg, Moskau, Budapeſt uſw. ganz 
zu ſchweigen, je einmal geoͤffnet werden, ſo wird ſich ergeben, daß in keiner dieſer 
Staͤdte auch nur ein Jahr verſtrichen iſt, ohne daß ſolche Veranſtaltungen ſtattge— 
funden haͤtten, und es wird ſich weiter beſtätigen, was das „Tagebuch einer Ver— 
lorenen“ erzaͤhlt, daß bei keiner die ehrbare Dame aus den Kreiſen von „Bildung 
und Beſitz“ gefehlt hat. 


Der Wichtigkeit, die die Sinnlich— 
keit ſowohl im Leben des einzelnen als 
auch in dem der Geſamtheit hat, ent— 
ſpricht auch die Haͤufigkeit, mit der dieſes 
Motiv einen Gegenſtand fuͤr die Satire 
gebildet hat. Die moraliſche Bewertung 
der Sinnlichkeit hat zweifellos in der je— 
weiligen Beurteilung ſehr ſtark geſchwankt, 
ſie war fuͤr die Frau Tugend und Laſter, 
das letztere freilich viel haͤufiger als das 
erſtere, und zwar aus dem ganz einfachen 
Grund, daß eine ſtarke Sinnlichkeit bei 
der Frau ſtets einen gewiſſen Zweifel an 
der Legitimitaͤt der Kinder begruͤndet. 
Wenn darum im Einzelfall die ſinnliche 


Frau zwar meiſtens mehr geſchaͤtzt wurde, 
weil ſinnliche Naturen in der Mehrzahl 
von vornherein auch reichere Naturen 


Voyez-vous, ma chöre, un homme qui ne sait pas manquer 


de respect à une femme, c'est pas un homme. 


232. Aa Gerbault. Album. 1900 ſind, ſo wurde die weibliche Sinnlichkeit 


244 


233. Adolf Willette. Wettbewerb 


doch prinzipiell im allgemeinen kategoriſch befehdet. Daß er der weiblichen Sinn- 
lichkeit den verurteilenden Stempel „Suͤnde“ aufpraͤgt, iſt zugleich die Rache des 
Mannes für die Macht, die die Frau durch ihre Reize Über den Mann ausuͤbt: 
Die Frau iſt allein ſchuld an allen Dummheiten, die der Mann macht. Sie iſt 
die Verlockung, ſie iſt die Verfuͤhrung; waͤre ſie nicht mit ihrem Buhlen und 
Werben, mit ihrem Girren und Locken, mit ihrem Fallenſtellen, ſo wuͤrde der 
harmloſe Mann niemals ſtraucheln, niemals fallen, dann wuͤrde er immer in 
korrekter Unſchuld auf dem richtigen Wege bleiben. So aber irrt ſelbſt der zer— 
knirſchteſte Buͤßer noch an der letzten Straßenkreuzung vom Wege zum Heil ab — 
und hilft ſich mit einer ſchlauen Ausrede, wie Willette in ſeinem kokett-frivolen 
Bildchen „Der unſchluͤſſige Buͤßer“ ſchlagend beweiſt (ſiehe Beilage). Und darum 
klagt man die Frau an: ſummariſch und kategoriſch. 


245 


Die Jungfrau, wenn fie reif ift, denkt angeblich an nichts anderes, ihr Kopf iſt 

nichts anderes als ein zwitſcherndes Vogelneſt konfiszierlicher Gedanken und Wuͤnſche: 
ft das Mädchen fluͤgg' und reif, Wie die braunen Nuͤſſe auch 
So ſcheut es nicht den Vogel Greif; Gerne fallen von dem Strauch. 

So reimte das 16. Jahrhundert. Abraham a Santa Clara wetterte im 
17. Jahrhundert in folgender Weiſe: 

„Jetziger Zeit gibt es gar viele braune und ſchwarze Jungfrauen, welchen des Cupido ſein 
Pfeil weit lieber iſt als der Koch-Loͤfft: in ihren NehKuͤß finden ſich gemeiniglich jo viel verliebte 
Lieder, daß man einen Singer-Kram damit aufrichten koͤnnte; bald iſt ein Lied von der Phylis, 
bald von der Schaͤferin Amarilis, bald vom Schäfer Celadon, bald von dem Coridon; über dieſes 
alles ſteckt noch mit Buhl-Brieffen ein gantzer Pack in der Jungfrau Zizipe ihren Schubſack; da 
ſpreizt ſich das Doͤckl mit dem Saͤckl in dem Strickroͤckl.“ 

Natürlich iſt all ihr Tun nur darauf gerichtet, den Mann zu verfuͤhren, ſie 
ſagt ihm ausdruͤcklich, er ſolle ſich um ihr Straͤuben nicht kuͤmmern: „Zwinge mich, 
ſo tue ich keine Suͤnde, ſagt das Maͤdchen.“ Dieſes Sprichwort iſt heute noch im 
Kurſe. Jedes Entgegenkommen, jede Gunſt, jede Zärtlichkeit, die ſie dem Manne 
gewaͤhrt, iſt der ſichere Beweis, daß ſie zum Außerſten bereit iſt: „Mit Weibern, 
die das Kuͤſſen erlauben, iſt man bald auf dem Bette.“ Auch dieſes Wort iſt heute 
noch im Kurs. Die Mode des Dekolletierens beweiſt nichts anderes als die geile 
Luͤſternheit der Frauen. Logau reimte: 

Frauenvolk iſt offenherzig: ſo, wie ſie ſich kleiden itzt, 
Geben ſie vom Berg ein Zeichen, daß es in dem Tale hitzt. 


Wenn eine Witwe ſtirbt, ob jung oder alt, ſo ſtirbt ſie ſelbſtverſtaͤndlich aus 


keinem anderen Grunde, als weil ſie den Freuden der irdiſchen Liebe entſagen mußte. 
In den poetiſchen Grabſchriften Hofmannswaldaus iſt der „Wittib“ die folgende 
Grabſchrift gewidmet: 


Ich war ein ſchoͤnes Schiff, das ohne Ladung lag. 

Es plagte mich die Nacht, es kraͤnkte mich der Tag. 
Hier iſt nicht Licht genug, mich deutlich zu verſtehn, 
Weil mir der Maſt gebrach, muß ich zugrunde gehn. 

Zur Charakteriſtik der literariſchen Satire auf die Sinnlichkeit der Nonnen ſei 
ebenfalls eine Probe hier eingeſchaltet, und zwar aus dem eigenen Lager, ein Bruch— 
ſtuͤck aus der „funkelnagelneuen Roſenkranzpredigt“ des durſtigen und redegewaltigen 
Wieſenpaters von Ismaning. Der fromme Mann redete in folgenden unzweideutigen 
Worten zu ſeinen glaͤubigen Schaͤflein: d 

„Die heil'ge Beicht, liebe Chriſten! und den heil'gen Roſenkranz laßts euch ja nit nehmen; 
aber ihr habt halt nit alle Tag Zeit, ſagt ihr! Nicht Zeit? Aber Schnaderhuͤpfeln, Luederliedeln, 
Saufgſang'ln koͤnnt's auf d' Nacht ſingen? Mein, mein! laßts, laßts doch den Pfifferling ſein, 
und bett's dafür ein'n heil'gen Roſenkranz, denn der uͤberwaͤltigt den hoͤlliſchen Sauſchwanz. Zum 


246 


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Beweis will ich euch ein gar auferbauliches Exempel erzählen: In einem g'wiſſen Frauenkloſter ift 
eins'mals eine gewiſſe Kloſterfrau geweſt, und die iſt Portnerin worden: Und da iſt halt alleweil 
ein junger Geiſtlicher zu ihr kommen. Sie haben vom Anfang weiter nir Boͤſes im Sinn g'habt; 


247 


aber, wie's halt geht, wenn man Feuer zum Stroh legt; der Teufel ift halt ein Schelm; man darf ihm 
halt nit traun; denn ſchauts nur, nachdem ſie ſo eine Zeitlang b'ſtaͤndig z'ſammen kommen ſeind, 
verlieben ſie ſich endlich gar ineinander; und was geſchieht? Er iſt jung g'weſen, ſie iſt jung 
g'weſen; fie entſchließen ſich alſo, miteinander auf und davon zu gehen. Das ift ſchoͤn, das iſt 
brav, ich wuͤnſch' Gluͤck auf d' Reiſ', und ein ſchoͤnes Wetter auf'n Buckel. Das wird ein ſchoͤnes 
Leben werden; Sie eine Kloſterfrau, er ein Geiſtlicher: daß Gott erbarm. Waͤr' das ein Geiſtlicher? 
Waͤr' das eine Kloſterfrau? Und wo werdens denn hingehen? Fragts lang, ins Luthertum halt. 
Was werdens denn da anfangen? Doͤrfts ja gar nit zweifeln; ein Luederleben halt. Ja, ja! es 
iſt ſchon fo! fie find wirklich miteinander zum Blunder g'gangen. Sieben ganzer Jahr ſeinds 
miteinander in der Welt herumvagiert; endlich hat der geiſtloſe Geiſtliche ſeinen Schleppſack 
(verzeih mir's Gott! ich haͤtt' ſollen ſagen, ſeine ſaubere Kloſterfrau) nett und ſauber ſitzen laſſen, 
und iſt ihr auf und davon g'gangen. Bedank mich's Trunks! Wie wird's ihr jetzt gegangen ſein? 
Koͤnnt's euch wohl einbilden, wie's bei einem ſolchen Lumpeng'pack geht. Sie hat halt ihre Fleiſchbank 
aufgeſchlagen und hat von ihrem Koͤrper gelebt. Pfui, der Schand! Iſt das nit ein Sauleben? 
Aber, warts nur ein biſſel; wir muͤſſen uns nit uͤbereilen. Merkts auf, was geſchehen iſt: Auf 
die letzt hat die ſaubere Sau gar nix mehr g'habt, weil fie mit ihrer Fleiſchbank und mit ihrem 
Sauhandel nix mehr hat verdienen koͤnn en. Dann durch ihr Luederleben hat fie Franzoͤſiſch gelernt 
und iſt krank worden. Und in ihrer Krankheit iſt ſie endlich zum Kreuz g'krochen. — So geht's, 

wenn man nit mehr luedern kann 

fangt mans Beten an.“ 


Das iſt zweifellos ein 
Kabinettſtuͤck volkstuͤmlicher 
Predigerſatire. Wenn die 
heutigen Lex Heintze-Pfaffen 
nicht mehr in dieſem Stil 
vom Leder ziehen, ſo iſt das 
viel weniger ein Reſultat 
feinerer Kultur als abhanden 


gekommener Urſpruͤnglichkeit. 

Die gezeichnete Satire 
iſt ebenſo ſummariſch und 
ebenſo kategoriſch in ihrem 
Verdikt, das gemaͤß ihren 
beſchraͤnkteren Mitteln nur 
entſprechend einfacher formu— 
liert iſt. Wie von einem 
Teufel, ſo iſt das Weib von 
der Unkeuſchheit umkrallt; ſo 
zeichnete das 15. Jahrhundert 
ſatiriſch die weibliche Sinn— 
235. H. Gerbault lichkeit (Bild 162). Das 


— Was, ſchon wieder? Ich habe dir heute doch ſchon zweimal etwas 
gegeben? 


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— Es iſt zum platzen! Denk dir, Alphons, heut 
hat man mich fuͤr eine Femme du monde gehalten! 
— Es iſt zu koͤſtlich, denke dir, Marcel, heute hat man mich fuͤr eine 
Demimondaine gehalten. 


235. G. Meunier. Le Rire 


16. Jahrhundert, dieſes große Zeitalter des kuͤhnſten Realismus in der Kunſt, iſt da— 
gegen ſo deutlich wie nur moͤglich, man geht haͤufig direkt aufs Ziel los und ſchildert 
ſelbſt im Symboliſchen mit naturaliſtiſcher Treue, ſo daß die wenigſten Blaͤtter einer 
Erklaͤrung bedürfen (Bild 81, 53, 57, 58, 163, 172, 173). Jedoch beſonders be— 
achtenswert wegen ſeiner großen Haͤufigkeit iſt ein Motiv: „Die ungleichen Liebhaber“. 
Die Frau laͤßt ſich die Liebe der alten Maͤnner gefallen, um ſich mit dem Gelde, 
das ihr das luͤſterne Alter in den Schoß wirft oder ſich wenigſtens willig abnehmen 
laͤßt, die Liebe eines jungen Mannes zu ſichern. Die außerordentliche Häufigkeit, 
mit der dieſes Motiv wiederkehrt, laͤßt deutlich erkennen, wie ſehr ſich darin die 
allgemeine Anſchauung ſpiegelt (Bild 166, 168 und Beilage). Freilich entſpricht 
dieſes Motiv auch dem wirklichen Leben, und wenn es im 17. Jahrhundert ebenfalls 
noch mehrmals wiederfehrt, fo beweiſt das nur dasſelbe. Auch unſere Gegenwart 
hat ſelbſtverſtaͤndlich dieſe Methode nicht aus der Welt geſchafft. Wenn z. B. die 
Kellnerinnen eines einzigen größeren Cafés als Begutachter aufgerufen wuͤrden, ſo 
wuͤrde die gerinſchaͤtzende Antwort lauten: ein alltaͤglicher Fall. 

Im 17. Jahrhundert aͤrgert ſich die umworbene Maid hoͤchſtens uͤber die vielen 
Umſtände, die ein Mann macht, und wodurch die Sache nur an den Tag kommt: 
„Ihr kuͤßt mich Haͤnslein, daß man's ſicht, Verkracht mein Hembtlein, mein Krag'n 
nicht!“ (Bild 174). Hier wird die ſatiriſche Moralpredigt bereits zur Zote, die dem 
breiten Behagen dient. Bald darauf wurde ſie zum Leckerbiſſen, der uͤberhaupt nicht 
mehr kennzeichnen, ſondern nur noch den Beſchauer delektieren ſoll. In dieſer Zeit 
wird alles pikant und geiſtreich geſagt. Montaigne ſchreibt: „II est plus aisé, de 


porter une cuirasse toute sa vie, qu'une pucelage.“ Das ſagt ſich in jener Zeit 


jede Jungfrau, darum bietet die moderne Veſtalin unternehmend ihre Unſchuld an 


32 


249 


der Straße aus. Wen nach der Roſe gelüſtet, der ſoll keck danach greifen und fie 
brechen (Bild 11). Aber wozu überhaupt erſt auf einen Kaͤufer warten? Seien 
wir ſelbſt die Kaͤufer! Das illuſtriert das oft behandelte Motiv „Wer kauft Liebes— 
goͤtter?“ Rambergs Radierung iſt von den verſchiedenen Darſtellungen zweifellos die 
amuͤſanteſte und auch die beruͤhmteſte (ſiehe Beilage). Ahnliche Gedanken illuſtrieren 
auch verſchiedene der ſchon bei anderen Gelegenheiten beſchriebenen Blaͤtter (Bild 46, 
66 und 73); hierher gehören weiter noch die Bilder 5, 6, 64 und 68. 

Wie auf allen Gebieten, ſo beginnt auch hier erſt das 19. Jahrhundert zu 
differenzieren. Aus der allgemeinen Anklage wird jetzt die Einzelanklage. Aus der 
generaliſierenden Phraſe von der groͤßeren Sinnlichkeit der Frauen waͤchſt der Typ 
der ſinnlicheren Frau heraus, und das Geſellſchaftliche, das Urſaͤchliche klingt mit; 
aus dem Willkuͤrakt wird die praͤziſierte Anklage. Auf dieſen Weg fuͤhrte von vorn— 
herein die geſellſchaftliche Karikatur, man begegnet dieſer Form darum zum erſten— 
mal bei den erſten wirklichen Vertretern der geſellſchaftlichen Karikatur, bei Hogarth, 
Rowlandſon und Goya. Zur klaren Methode wurde ſie aber erſt bei den Gavarni, 
Monnier und Guys. Und ihre Vollendung erlebte ſie in den Werken der Großen 
unter den modernen Satirikern, vornehmlich in den Blaͤttern der Beardsley, Heine, 
Forain, Lautrec. 

Hogarth, der pedantiſche Moraliſt, der die Menſchen immer durch die Drohung 
mit dem Vergeltungsknuͤppel vom Weg des Schlechten auf den des Guten fuͤhren 
will, polemiſiert natuͤrlich auch in dieſer Weiſe gegen die vorkommende ſinnliche Be— 
gehrlichkeit der Frauen, das illuſtriert vor allem die Serie „Der Weg der Buhlerin“, 
und ebenſo auch „Die Heirat nach der Mode“. Daß derbe Moralprediger es nicht 
verſchmaͤhen, ſelbſt gerne einer hübſchen Dirne an den feſten Buſen zu greifen, das 
dokumentiert Hogarth ſehr deutlich durch die Liebe und den Eifer, mit dem er ſolche 
Pointen in vielen feiner Blätter anbringt. Noch offenherziger darin iſt Hogarths 
grotesker und kuͤhner Fortſetzer, der fruchtbare Rowlandſon. Rowlandſon geſteht 
ganz offen ein: ich mache das alles nur, weil es mir ſelbſt Behagen bereitet. Und 
wenn man die hierher gehoͤrenden Blaͤtter, wie z. B. The Fort (Bild 80) oder 
„Baͤuerliche Scherze“ (ſiehe Beilage) auch nur oberflaͤchlich auf ihr Weſen und ihre 
Stimmung pruͤft, ſo bleibt einem kein Zweifel daruͤber. Die Zeit der Gavarni wurde 
intimer. D. h. die Zeit der buͤrgerlichen Wohlanſtändigkeit duldete es nicht mehr, daß 
man ſo ungeniert wie ehedem mit der Glut der Empfindungen vor aller Welt paradiere, 
ſie verlegt den Schauplatz innerhalb ihrer vier Waͤnde und ſchließt ſorgfaͤltig erſt 
die Türe hinter ſich ab. Hier aber iſt man in unbelauſchten Sekunden ſo zuͤgellos 
wie ehedem. Im lauſchigen, verſchwiegenen Boudoir reckt ſich die ſchoͤne Frau huͤllen— 
los auf dem Ruhebett und verſchlingt gierig einen eben erſchienenen Band von Paul 
de Kocks pikanten Romanen. Im Geiſte wird fie zur Heldin des Romanes, im 
Geiſte iſt ſie es, die alle die geſchilderten galanten Abenteuer erlebt, und ihre auf— 


250 


ene JA anyunanıg Aplaolsgpiogui, ayymdug "ualgıQ vuVag 9 e 


gewählte Phantaſie trägt fie bald über das Geſchilderte hinaus; was der Autor nur 
andeutete, das vollendet ſich in ihrem Geiſte, und ſchwelgend erlebt ſie es mit. Wenn 
ſie den naͤchſten Band zur Hand nimmt, Zolas Nana, den ihr die Phantaſte bereits 
mit leiſer Hand zuſchiebt, wiederholt ſich dasſelbe: Nana lieſt Nana und erlebt 
Nana. Dieſes Motiv hat der Belgier Wiertz zu einem großen Olgemaͤlde geſtaltet, 
das heute im Bruͤſſeler Wiertzmuſeum unter dem Titel „Die Romanleſerin“ haͤngt. 
Alle Akkorde ſchwuͤler weiblicher Sinnlichkeit klingen in dieſem Bilde zuſammen 
(Bild 30). 

Wiertz iſt gewiß nicht der Rubens, als der er in ſolchen Bildern gerne haͤtte 
gelten mögen. Aber die Kraft Rubensſcher Weiber hat ihm wenigſtens vorgeſchwebt, 
und ſo fehlt ihm das nervoͤſe Raffinement, mit dem ſein Zeitgenoſſe Rops, der auch 
noch unſer Zeitgenoſſe wurde, die moderne ſatiriſche Frauenanalyſe einleitete und 
zugleich einer ihrer unermuͤdlichſten und perverſeſten Zergliederer wurde. Die 
gaͤrende Sinnlichkeit tobt in ihr (Bild 223 und 225), fie iſt nicht bloß die Kofette, die 
ſich vor ſich ſelbſt mit ihren Reizen bruͤſtet, fie iſt auch die perſoniftzierte Luͤſternheit, 
deren Phantaſie von erotiſchen Vorſtellungen voll iſt, fo daß ſonſt nichts darin Platz 
hat. D. h. ſo behauptet Rops. Denn das iſt es eben, er iſt Literat, Redner, aber 
nicht kuͤnſtleriſcher Schoͤpfer von Blut, Mark und Knochen, ſeine Figuren ſind 
Sprechmaſchinen, die ein Programm herſagen. Ob der Hoͤrer ihnen glauben will, 
das haͤngt einzig von ſeinem guten Willen ab. Nicht ſo iſt es bei den Lautrec oder 
Beardsley. Sie haben die Typen geſchaffen, an die man glauben muß, denen gegen— 
uͤber es keinen Widerſpruch, keinen Zweifel gibt, wo man ſich aber auch wiederum 
jeden Kommentar ſparen kann. Das iſt die Fruͤhreife, vor deren Geiſt tauſend ver— 
fuͤhreriſche Bilder voruͤberziehen (Bild 230), und das iſt Meſſalina, die nicht ſatt, 
ſondern nur muͤde wird (Bild 231 und 241). 


Die Pruͤderie. Untrennbar von der Sinnlichkeit iſt die Pruͤderie. Nicht 
daß Sinnlichkeit ſtets ihren Widerſpruch oder Gegenpol in zunehmender Pruͤderie 
faͤnde. Waͤre das der Fall, ſo muͤßte man logiſcherweiſe in den ausgeſprochen 
ſinnlichen Zeitaltern am haͤufigſten auf die Pruͤderie ſtoßen, es iſt aber eher das Gegen— 
teil der Fall. Dagegen werden nicht ſelten ſinnliche Zeitalter von einer deſpotiſchen 
Herrſchaft der Pruͤderie abgeloͤſt, und das iſt eine entwicklungsgeſchichtliche Folge— 
richtigkeit. Sie entſpringt jenen wirtſchaftlichen und hiſtoriſchen Geſetzen, die zuerſt 
zu ſinnlichen Zeitaltern emporfuͤhren. 

Pruͤderie wird gewöhnlich als krankhaft geſteigerte Schamhaftigkeit definiert. 
Dieſe Definition iſt durchaus unrichtig, zum mindeſten unzulaͤnglich, denn ſie haftet 
rein am Außerlichen, an den konkreten Manifeſtationsformen ſtatt am Untergrund. 


262 


Frühling 


Louis Legrand. Le Courrier Francais 


Das Weſen der Schamhaftigkeit iſt ein ſoziales Ideal: das Hoͤchſte und Erhabenſte, 
die Wonnen der poſitivſten Form der Lebensbejahung vor Profanierung zu ſchuͤtzen, 
indem man ſie in jene Regionen erhebt, in denen ſie den Menſchen Anſporn nach 
oben geben, ihrer Seele Fluͤgelkraft verleihen und ſie dadurch uͤber die tauſend Schlamm— 
pfuͤtzen des Gemeinen hinwegtragen. Es iſt darum gar nicht verwunderlich, daß die 
ſinnlichen Naturen haͤufig die Schamhafteſten ſind, ſchamhaft natuͤrlich nicht im ſpieß⸗ 
buͤrgerlich verbalhornten Sinne. Schamhaftigkeit ift überhaupt nur dann eine Tugend, 
wenn ſie mit Sinnlichkeit gepaart iſt. Ein ganz ander Ding iſt es mit der Pruͤderie. 
Pruͤderie iſt individuell Sinnlichkeit, die ſich ihrer ſchaͤmt; die ſich ſchaͤmt, und die 
zugleich verheimlicht werden muß wegen der gemeinen Form, in der die betreffende 
Perſon die Ausloͤſung ihrer Sinnlichkeit erſehnt. Pruͤde Menſchen ſind im Grunde 
ohne Ausnahme Pornographen, und ihre pruͤden Gebaͤrden ſind die Furcht vor und 
der Arger ob der Gefahr des Ertapptwerdens. Pruͤderie als allgemeines, das geſamte 
Volk beherrſchendes ſoziales Geſetz iſt die polizeiliche Baͤndigung der Sinnlichkeit. 


253 


Zu einer folchen Baͤndigung fehreitet die Geſellſchaft gewöhnlich in dem Augenblick, 
wo ſich ein neuer ſozialer Zuſtand, deſſen Entſtehen ſtets mit einer Flutwelle 
groͤßerer Sinnlichkeit verknuͤpft iſt, zu konſolidieren beginnt. D. h. mit anderen 
Worten: wenn eine Zeit ihre jeweilige hiſtoriſche Aufgabe inſoweit geloͤſt hat, daß 
ſie die Klaſſe zur Herrſchaft gefuͤhrt hat, die entwicklungsgeſchichtlich an der Reihe war, 
und wenn dieſe Klaſſe nun zur Exploitierung ihrer im Sturm und Schoͤpferdrang 
errungenen Machtſtellung uͤbergeht — dann erzwingt ſie kategoriſch und drakoniſch 
das geglaͤttete, nicht mehr von lodernden Leidenſchaften durchwuͤhlte Antlitz. Die 
entſprechend den materiellen Intereſſen der neuen Geſellſchaft formulierten Geſetze 
der oͤffentlichen Sittlichkeit ſollen das uͤberſchaͤumen ſinnlicher Potenzen verhuͤten, ſie 
ſollen die Daͤmme darſtellen, die die Gefahr von der Ruhe und Ordnung fernhalten, 
deren alles planmaͤßige Geſchaͤftemachen bedarf. Auf dieſe Weiſe erklaͤrt ſich die 
charakteriſtiſche Erſcheinung, daß ſinnliche Zeitalter ſehr haͤufig von einer Zeit der 
Pruͤderie abgelöft werden. Die ideologiſche Begründung lautet natuͤrlich ſtets anders, 
je nachdem, ob ſie in der Zeit oder nachtraͤglich gegeben wird; in letzterem Falle iſt's 


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ISIS N N — 


„Wozu du nur ſoviel Geld für Schoͤnheitsmittel ausgiebſt? Die nuͤtzen ja doch nichts!“ 
„Haft du mich denn ſchon ohne dieſe Mittel geſehen?“ 


Verſchnappt 


239. Hermann Schlittgen. Fliegende Blätter 


254 


. I „IS 5 
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Ihr erſter Ball 


240. C. Deana Gibſon. London News. 1899 


die Zeit, die in ſich gegangen iſt und durch verdoppelten Eifer gut zu machen ſucht, 
was ſie zuvor geſuͤndigt hat; denn es erſcheint als eitel Suͤnde, weil es in ſeinem 
Weſen unerkannt bleibt. 


Wenn ſich ein ſozialer Zuſtand poſitiv und direkt in der Satire abſolut nicht 
widerſpiegelt, ſo gilt dies von der Pruͤderie, ſobald ſie als oberſtes Geſetz der oͤffent— 
lichen Sittlichkeit proklamiert iſt, wenn ſie zur oͤffentlichen Geſellſchaftsmoral erhoben 
iſt. Und es bedarf wahrlich keiner weiteren Begruͤndung, daß das Umgehen dieſes 
Gegenſtandes in ſolchen Zeiten nicht nur begreiflich, ſondern ganz folgerichtig iſt. 
Hoͤchſtens von außerhalb kann dieſer Zuſtand ſeine kennzeichnende Zuͤchtigung erleben. 

So kommt es, daß ſich die Pruͤderie faſt nur als Einzelerſcheinung in der 
Satire ſpiegelt. Und dieſe Zuͤchtigungen entſtammen natuͤrlich wiederum nicht prüden 
Zeiten oder Laͤndern, ſondern ſie entſtehen dort, wo entweder die Sinnlichkeit ihr 
Zepter uͤber das ganze Leben ſchwingt oder wo pruͤde Zeiten uͤberwunden werden, in: 
dem neue Klaſſen ſiegreich aufſtreben und in immer weiteren Schichten den Mut 
zeugen, das Natuͤrliche natuͤrlich zu finden und Geſetzen zu trotzen, die von einer 
geſunden Sinnlichkeit als ſtarre Vorurteile entlarvt ſind. Fuͤr das erſtere ſind be— 
ſonders typiſch das Frankreich und England des 18. Jahrhunderts, fuͤr das letztere 
das Deutſchland des ausgehenden neunzehnten und des beginnenden zwanzigſten 


255 


Jahrhunderts. Und das illuſtrieren einerſeits Blätter wie „L’Optique‘ von Eiſen 
(Bild 177) und „Ein Blick am Ufer der Themſe“ von Rowlandſon (Bild 192), 
andererſeits Blaͤtter wie „Die Gſchamige“ von Reznicek (ſiehe Beilage). 

Die Satire des Blattes „L'Optique“ von Eiſen knuͤpft ſich an das Aufkommen 
der Guckkaͤſten; dieſe Mode hat zu zahlreichen aͤhnlichen Spaͤßen Veranlaſſung 
gegeben. Die Spekulation der Guckkaͤſten-Maͤnner war das uͤberraſchen, die Satire 
hat es in dieſer Weiſe variiert. Die ſatiriſche Pointe iſt in dem vorliegenden Blatt, 
und uͤberhaupt in den meiſten aͤhnlichen Faͤllen die: die Pruͤden ſind die intimſten 
Sachkenner uͤber die Dinge, vor denen ſie in der Offentlichkeit die Augen oſtentativ 
niederſchlagen. Es darf nicht unterlaſſen werden, hinzuzufuͤgen, daß dies keine 
Straßenwitze, keine Pöbelſcherze fuͤr die Vorſtadt geweſen ſind, ſondern daß dies 
Koſt fuͤr das beſte Publikum geweſen iſt. Den engliſchen Ton, die engliſche Note 
charakteriſiert das Blatt „Ein Blick am Ufer der Themſe.“ Pfui, wie ſchamlos, 
völlig nackt zu baden! Sophie muß ihr nachher genau erzählen, was fie alles geſehen 
hat, natuͤrlich bloß deshalb, damit ſie ſich noch mehr entruͤſten kann. Hier ſei 
hinzugefuͤgt, daß dieſes Blatt eines der zahmſten iſt, die in jenen Jahren in England 
auf die verlogene Scham erſchienen ſind. 

Das pikant-geiſtreiche Blatt, „Die G'ſchamige“, das Eleganteſte, was Reznicek je 
gemacht hat, gibt die Quinteſſenz aller Pruͤderie: inkognito die Wolluſt zu koſten, die 
Bereitwilligkeit zur Suͤnde, wenn der Gefahr des Entlarvtwerdens vorgebeugt iſt. 
Die elegante Femme du monde iſt heute zu allem bereit, ſie iſt dem Verfuͤhrer 
girrend in ſeine Wohnung gefolgt, ſie hat keiner ſeiner verliebten Unternehmungen 
einen ernſtlichen Widerſtand entgegengeſetzt, und ſie wird zaͤrtlich bis ans letzte Ende 
gehen, er wird gewiß mit ihr zufrieden ſein. Jedoch unter einer Bedingung: ſie will 
die Maske aufbehalten. Und ſie wird ſich auch nicht demaskieren, trotz ſeiner Bitten; 
er muß das eine mit dem andern bezahlen (ſiehe Beilage). Von dieſem Stuͤck hat der 
Franzoſe Meunier eine Variante gezeichnet. Zwar kuͤnſtleriſch wenig bedeutend und 
nicht vertieft, aber doch moͤrderiſch in der Pointe. Stolz iſt die Straßendirne, wenn 
ſie einmal fuͤr eine anſtaͤndige Dame angeſehen wird, nicht weniger ſtolz aber iſt 
die Femme du monde, wenn es der Zufall fuͤgt, daß man ſie mit einer Prieſterin 
der Venus verwechſelt (Bild 236). Dieſe Variation iſt das Symbol der Pruͤderie, 
und zwar aller Pruͤderie, nicht nur der weiblichen — mit der Phantaſie im Laſter— 
haften unterzutauchen und im aͤußerlichen Gebaren doch anſtaͤndig zu bleiben. 


* 


Frau Minotaurus. Die Frau als Geſchlechtsweſen kommt ſchließlich noch 
in einem uͤbertragenen Sinne in Frage, in dem menſchgewordenen Symbol des Be⸗ 
griffes Geſchlecht uͤberhaupt. 


256 


Die Dirne 


— 


Franzoͤſiſche Karikatur von Toulouſe-Lautrec. 1896 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


MESSALINA. 


241. Aubrey Beardsley. Meſſalina 


Das groͤßte Myſterium unſerer geſamten Erſcheinungswelt bildet nicht nur fuͤr 
alle Voͤlker, ſondern auch für jedes einzelne Glied derſelben bei einer beſtimmten 
Entwicklungshoͤhe der unwiderſtehliche Drang der ſchoͤpferiſchen Lebensbejahung, der 
ſich jedem einzelnen Lebeweſen in der Kraft und den Tendenzen des geſchlechtlichen 
Bewußtſeins offenbart. 

Jeder einzelne, ohne Ausnahme, iſt dieſem Drang unterworfen, jeder folgt 
ſeinen kategoriſchen Geboten, und er folgt ihnen unter Schauern der Wonne und 
Seligkeit. Sein erſtes Auftreten revolutioniert den ganzen Menſchen und ſcheidet das 
Leben in zwei ſtreng geſchiedene Haͤlften. Der Koͤrper wird bei beiden Geſchlechtern 
ein voͤllig anderer, ſie differenzieren ſich nach zwei entgegengeſetzten Richtungen, die 
Geiſtesrichtung wird eine andere, und die Seele bewegt ſich ebenfalls in anderen 
Schwingungen. Und merkwuͤrdigerweiſe, gerade die beſtimmten Unterſchiede, die 
ſich jetzt koͤrperlich, geiſtig und ſeeliſch herausbilden, werden hinfort die gegenſeitigen 
Anziehungspunkte, das, was die beſonderen Qualitaͤten der einzelnen Perſoͤnlichkeit 
ausmacht. Die Allgemeinregel lautet: Die ſpezifiſche Veränderung des weiblichen 


Koͤrpers macht nach dem Grade der Vollendung, den ſie erreicht, die Frau dem 
33 


257 


Manne begehrenswert, die feelifchen und phyſiſchen Zuſtaͤnde, denen von nun ab 
der Mann der Frau gegenuͤber unterworfen iſt, machen ebenfalls im gleichen Ver— 
haͤltnis ihres Auftretens den Mann der Frau ſympathiſch. 

Das wurde als das große Wunder und zugleich als das große Raͤtſel alles 
Lebens vom Uranfange aller Kultur an empfunden. Das Myſterioͤſe des Geſchlecht— 
lichen hat infolgedeſſen die Vorſtellungen aller Zeiten beherrſcht und befruchtet. Aber 
der Menſch will nicht im Dunkeln tappen, er will feſten und ſichern Fuß faſſen, das 
Ungeloͤſte beengt ihn wie eine Gefahr. Er will aus dem Dunkel heraus, will das 
Unfaßbare faſſen koͤnnen. Und darum hat er allem Form gegeben, hat er jede Kraft per— 
ſonifiziert. Nun kann er ihr Auge in Auge gegenuͤberſtehen. Das gilt ſelbſtverſtaͤndlich 
auch für die im Geſchlechtlichen ſich manifeſtierende ſchoͤpferiſche Lebensbejahung. 

Die jeweilige Symboliſierung iſt aber kein Willkuͤrakt, ſie folgt organiſch den 
Moͤglichkeiten des Erkennens. Bei der Symboliſierung des Geſchlechtlichen beſtimmte 
die Richtung des Weges die Eigentuͤmlichkeit, mit der die Natur das maͤnnliche und 
das weibliche Prinzip geſchieden, und wie ſie deren Weſen beſtimmt und begrenzt 
hat. Weil die Kraft und Macht des Geſchlechtlichen durch die Aktivitaͤt des Mannes 
materiell und ſichtbar in Erſcheinung tritt, und weil er dabei als der Abhaͤngige 
erſcheint, wie der Sklave, der immer willig dem Gebote ſeines Herrn folgt, darum 
hat man dieſe Kraft im Weibe ſymboliſiert, denn zu ihr zieht es ihn, aus ihr 
ſtroͤmt die Kraft, die ihn anlockt — alſo iſt ſie der Quell und der Urſprung, das 
Zentralfeuer des Lebens. 

Allem Geſchehen entſpringen naturgemäß beſtimmte Konfequenzen. Die be— 
ſtimmten Konſequenzen des Verfahrens, das das Weib zum perfonifizierten Träger 
des Begriffes Geſchlecht machte, haben ihr zugleich die geſamte Verantwortung aufgelegt. 
Alles, was Ausfluß der geſchlechtlichen Senſibilitaͤt iſt, wurde auf das perſoͤnliche 
Konto Weib gebucht. Da aber die Opfer augenfaͤlliger und ſcheinbar häufiger ſind 
als die Sieger, ſo wurde das Symbol zugleich zur Anklage, zur perſoͤnlichen Schuld, 
die ſie zur „Teufelin Weib“ ſtempelte. Und die Begruͤndung lautete: daß ſie ſtets 
nur der hohnlachende Sieger ſei, der alles Schöne, was er gewaͤhre und ſpende, ſtets 
mit der unſterblichen Seele des Überwundenen bezahlt haben wolle. Den Kommentar 
aber dazu ſchrieb die Geſchichte, die tauſendfach nachweiſt, wie der Einfluß der Frau 
bei dem einen alles Verantwortlichkeitsgefuͤhl ausloͤſcht, den andern das Tollſte und 
Wahnwitzigſte mit der Miene und dem Gefuͤhl abſoluteſter Selbſtverſtaͤndlichkeit zu 
tun treibt, und wie ſie ſchließlich ſowohl dem untertaͤnigen Knecht, als auch dem 
zaͤh Widerſtrebenden gleich mitleidlos das Ruͤckgrat zerbricht und die Knochen zer— 
malmt; und noch eins: daß es häufig die Beſten ſind, an deren Mark die „Teufelin 
Weib“ ihre Luft fättigt. 

So formte ſich der Begriff von dem Minotaurus Weib. 


* * 
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Die Renaiſſance, die die erſte große Inventur des menfchlichen Lebens ſeit den 
Zeiten des klaſſiſchen Altertums vornahm, hat mit der gigantiſchen Kraft, die ſie zu 
dieſer Arbeit befaͤhigte, auch dieſes Problem bewältigt. Ernſt und ſatiriſch. In 
der Satire geſchah es in zwei in ihrer Einfachheit klaſſiſchen Formen: durch die auf 
dem Manne reitende und ihn ganz nach ihrem Willen lenkende Frau, und durch die 
Illuſtration des Gedankens „das Weib macht jeden zum Narren“. Hier iſt nur 
noch die zweite Form zu behandeln, da die erſte in einem anderen Zuſammenhang 
bereits weiter oben gewuͤrdigt worden iſt (S. 131). Es iſt zu dem oben Geſagten 
hier nur noch das eine hinzuzuſetzen, daß es ein grober Irrtum waͤre, in allen dieſen 
Blaͤttern nur Illuſtrationen der klaſſiſchen Erzaͤhlung von der Macht der Phyllis 
uͤber Ariſtoteles zu ſehen. Gewiß iſt dies offiziell der Inhalt dieſer Blaͤtter, aber 
es hat ſich darum doch die eigene Lebensphiloſophie der Renaiſſance darin geſpiegelt. 
Man uͤberſehe nie: die Anlehnung an die Antike von ſeiten der Renaiſſance war 
nur die Verwendung bereits fertiger Denkformen fuͤr einen aͤhnlichen Inhalt des 
Lebens. 

„Das Weib macht jeden zum Narren“, dieſe Symboliſierung iſt direkt aus der 
Renaiſſance emporgewachſen, hier bediente man ſich keiner klaſſiſchen Formel; darum 
entwickelte ſich dieſes Motiv auch breiter und freier, ſozuſagen zu einer ganzen Predigt, 
mit zahlreichen Beiſpielen und Gleichniſſen. Das geſamte Tun des Weibes iſt einzig, 
Narrenkappen zu ſchneidern, vom Morgen bis zum Abend. Der wildeſte Mann wird 
gefuͤgig in ihren Haͤnden, ſo darf ſie hoͤhnen: 

Ich kann bezwingen einen Mann 


Und ihm ein Kappen legen an, 
Den ſonſt niemand darf greifen an. 


Und es bedarf ihrerſeits gar keiner Muͤhe dabei, denn jeder Mann draͤngt 
ſich foͤrmlich darnach, von der Frau die Narrenkappe aufgeſetzt zu bekommen, und 
mehr noch: die, ſo bereits eine tragen, ſtellen ſich uͤberdies hilfsbereit in ihren Dienſt, 
um ihr die andern zuzufuͤhren; denn ſo lautet das Verdikt: jeder Mann ſoll eine 
Narrenkappe tragen. Die Männer zu betören, weil fie mit aller Gewalt betört ſein 
wollen, wird aber fuͤr die Frau aus einem Vergnuͤgen ſehr bald zu einer Laſt: 


Ach weh, ach weh uns armen Weiber. Koͤnnen wir die Laͤng nicht kommen zu, 
Der großen Arbeit, die wir treiben, Die Narren laufen hauffend zu. 


Aber alles Beſchweren nuͤtzt nichts: es iſt nicht nur das Verhaͤngnis des 
Mannes, es iſt auch das ihre. 

Dieſer Gedanke hat zweifellos ſeinen glaͤnzendſten Ausdruck in dem wunder— 
baren, im Original mehr als meterlangen Holzſchnitt gefunden, der unter dem Titel 
„Das Weib macht jeden zum Narren“ hier reproduziert iſt (ſiehe Beilage). Dieſes 
monumentale Blatt iſt ſowohl gedanklich als auch kuͤnſtleriſch zugleich eine der hervor— 


260 


ragendſten Glanzleiſtungen der geſamten Renaiſſancekarikatur, es offenbart in feiner 
einfachen Logik und Dialektik die ganze Groͤße dieſer Zeit; ein Hauch von Geſund— 
heit und Schoͤpferkraft entſtroͤmt dieſem Blatte. Wenn ſie auch nicht ſo groß im 
Stil ſind, ſo ſtammen doch aus demſelben Geiſt und denſelben Gedankengaͤngen 
heraus die Blaͤtter, die illuſtrieren, daß alle Narren nach ihrer Melodie tanzen 
(Bild 167 und 169), und daß jeder ſein Feuer und ſeine Kraft ſich vom Weibe leiht 
(Bild 170). 

In den Zeiten, in denen das Schöpferiſche nachgelaſſen hatte, haben ſich ſolche 
Vorſtellungen von der Macht des Weibes uͤber den Mann meiſt zu religioͤſem 
Myſtizismus verdichtet, und nur ſelten zur befreienden ſatiriſchen Form. Die ſich 
anſchließenden liederlichen Zeiten haben, auch wenn ſie dem Daͤmoniſchen unterlegen 
ſind, dies doch nur zum Gegenſtand frivoler Witze gemacht, denn das Weſen des 
Liederlichen beſteht darin, daß es in der Liebe nur die raffinierte animaliſche Be— 
taͤtigung ſieht, ohne dieſe wiederum heroiſch zu ſteigern. 


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Huldigung an die Sonne 
243. Adolf Willette. Franzoͤſiſche Karikatur 


261 


Erſt die moderne Karikatur mit ihrem wachſenden Reichtum an Inhalt und 
Form hat dieſes Motiv wieder keck aufgegriffen und haͤufig auch wuͤrdig geſtaltet. 
Rops hat damit angefangen, das Bezwingende und daͤmoniſch Unterjochende des 
Begriffes Geſchlecht ſatiriſch pointiert darzuſtellen. Aber die Geſellſchaft des zweiten 
franzoͤſiſchen Kaiſerreichs, in der Rops ſich bewegte, glich dem verfaulenden Inhalt 
einer Kloakengrube, und weil er über den Rand dieſer Kloakengrube nicht hinaus— 
zuſehen vermochte, hat er alles mit einer Kloakengrube verwechſelt, hat er im Geſchlecht, 
im Weibe nur eine Kloakengrube geſehen. Nach ihm find Kuͤnſtler mit weiteren 
Horizonten gekommen, und vor allem ftärfere kuͤnſtleriſche Potenzen, die ihre Meiſter— 
ſchaft gerade auch auf dieſem Gebiete bewieſen haben; das illuſtriert Beardsley mit 
dem diaboliſchen Blatt „Die Lady und der Affe“ und Veber mit dem triſten Ge— 
maͤlde „Die Maſchine“; freilich auch Gelecktere find gefolgt, wie Gibſon (Bild 237). 
Zum poſſierlich ſpringenden Affen wird der Mann an der Leine der Frau, und ſo 
ziehen ſie wie zwei eifrige Komoͤdianten uͤber die Buͤhne des Lebens. Ihre ſchwellen— 
den Bruͤſte, die ſie ihm luͤſtern preisgibt, und ihre lockende Sinnlichkeit, die ihm 
geſteht: du darfſt dich daran ſaͤttigen, ſind ſein Zuckerbrot, mit dem er ſtuͤndlich 
dreſſiert wird (Bild 31). Veber iſt in ſeinem ſymboliſch-ſatiriſchen Gemaͤlde „Die 
Maſchine“ tragiſcher: Symbol der unheimlichen, geheimen Kraft der Maſchine, die 
alles zermalmt, was in ihre Raͤder kommt, was die Wege ihrer Kurbeln, Stangen 
und Riemen kreuzt, oder was gar ſinnlos vermeſſen in ihre Spreichen greift, — das 
iſt das Weib. Aber auch umgekehrt: Symbol des maͤnnerwuͤrgenden Minotaurus— 
charakters des Weibes iſt die Maſchine, die kalt und grauſam ohne Raſt und ohne 
Ruh' Hekatomben von Maͤnnern opfert, als waͤren ſie ein Nichts! (Bild 242). 
Ebenfalls tragifch, aber poetiſch gemildert iſt Wilhelm Schulz in dem geradezu 
heroiſch wirkenden Blatte „Die wilde Frau“ (ſiehe Beilage). 

Solche Blaͤtter wie die zuletzt charakteriſierten ſind unbedingt Dokumente des 
ſittlichen Ernſtes ihrer Schöpfer, aber darum darf man ſich von der Tendenz, die 
ſolche Blaͤtter gerade heute haͤufig provoziert, doch nicht irrefuͤhren laſſen. Im 
Weibe ſtets das Daͤmoniſche zu ſehen und jedes Weib myſterioͤs zum unloͤsbaren 
Raͤtſel hinaufzuſchrauben, iſt nicht das Reſultat tieferen Eindringens in die Dinge, 
ſondern im letzten Grunde der Ausweg des Unvermoͤgens niedergehender Welt— 
anſchauungen. 


262 


Pfui wie plump! O wie grazioͤs! 
244. A. Avelot. Franzoͤſiſche Karikatur auf den modernen Schoͤnheitsbegriff. Le Rire 


III 
Ich bin der Herr dein Gott! 


Der oberſte oder, noch richtiger geſagt, der faſt ausſchließliche Zweck der deko— 
rativen Ausgeſtaltung der Bekleidung der Frau iſt die pointierte Herausarbeitung 
der erotiſchen Reizwirkungen des weiblichen Koͤrpers. Mit anderen Worten: die 
Kleidung der Frau iſt ein erotiſches Problem. Dieſer Satz muͤßte bei jeder Geſchichte 
der Mode obenan ſtehen. Solange das nicht der Fall iſt, d. h. ſolange die Sitten— 
geſchichtſchreibung nicht den Weg zu dieſem Ausgangspunkte findet, ſolange werden 
wir nicht nur zu keiner grundlegenden Geſchichte der Moden kommen, ſondern man 
wird es auch nie zu faſſen vermoͤgen, warum die „vernuͤnftigſten“ Modereformen 
von der Maſſe der Frauen beharrlich unbeachtet gelaſſen werden und immer nur 
theoretiſche Experimente bleiben, für die ſich im beſten Falle die koͤrperlich ſchoͤn 
gewachſenen unter den klugen Frauen begeiſtern. Auf ein einziges weibliches Klei— 


263 


dungsſtuͤck, freilich das wichtigſte, exemplifi— 
ziert: ohne dieſe Erkenntnis wird man es 
nie begreifen, warum das Korſett abſolut 
nicht aus der Welt zu ſchaffen iſt, und 
warum es ſelbſt bei ſeinen abgefeimteſten 
Gegnerinnen immer wieder, wenn auch 
unter einem anderen Namen, wie z. B. 
„Geſundheitsguͤrtel“, eingeſchmuggelt wird. 
Gewiß iſt auch die Kleidung des 
Mannes ein erotiſches Problem, aber ſie iſt 
das in weſentlich weniger pointierter 
Weiſe als bei der Frau, und zwar infolge 
der aktiven Rolle des Mannes im Ge— 
ſchlechtsleben. Aus der Tatſache, daß auch 
Der Modeteufel hier die aktive und die paſſive Rolle im 

245. Mittelalterliche Karikatur auf die langen Armel Geſchlechtsleben entſcheidenden Einfluß haben, 
. ergibt ſich aber ein zweites, naͤmlich der fuͤr 

die allgemeine Beurteilung wichtigſte Satz: 

daß die Entwicklung der Kleidung zu einem erotiſchen Problem an ſich keine Ver— 
irrung darſtellt, ſondern das natuͤrliche Produkt eines immanenten Naturgeſetzes iſt. 
Dieſes Naturgeſetz tritt klar zutage, ſowie man der urſpruͤnglichen Entwicklung der 
menſchlichen Bekleidung nachſpuͤrt. Wir wiſſen heute: es iſt eine abſolut feſtſtehende 
Tatſache, die wir uͤberdies jeden Tag durch die vergleichende Ethnologie von 
neuem nachpruͤfen koͤnnen, daß es ein Irrtum iſt, wenn man von einem den Menſchen 
von Uranfang angeborenen Schamgefuͤhle ſpricht, das ſie dazu treibe, gewiſſe Koͤrper— 
teile zu bedecken; wir wiſſen weiter, daß im Gegenteil jede Art der Bekleidung niemals 
einen anderen Zweck verfolgt hat, als den des Schmuckes und der Zierde. Natürlich 
iſt damit das Geheimnis erſt halb geloͤſt, die ganze Loͤſung ergibt erſt die Antwort 
auf die Frage, worin das Schmuͤckende geſehen wurde. Die Antwort lautet: der 
Schmuck des Koͤrpers wurde auf jeder Stufe, alſo ſowohl in feinen primitivſten als 
auch in ſeinen entwickelteren Formen in der Abſicht vorgenommen, die beſonderen 
Raſſenmerkmale zur Geltung zu bringen, die natuͤrlich ſtets als Raſſenvorzuͤge angeſehen 
werden. Als ein moͤglichſt vollkommenes Exemplar ſeiner Raſſe zu gelten, das iſt 
das angeborene Beſtreben jedes Individuums. Die auffaͤlligſten beſonderen Raſſen— 
merkmale der Europaͤerin ſind folgende: das relativ laͤngere Bein, die natuͤrliche 
Tailleneinſchnuͤrung, das breite Becken, die runden Huͤften und die aufrecht ſtehen— 
den Bruͤſte. Dieſe Dinge galt es alſo zu ſchmuͤcken und dadurch hervorzuheben. Die 
beſondere Laͤnge der Beine der mittellaͤndiſchen Frauen zu heben, entſtand der Rock, 
das Beſtreben, die natuͤrliche Tailleneinſchnuͤrung zu markieren, ſchuf den Guͤrtel; 


264 


fü ei ick man Ablankgr inen man. 
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Das Weib macht jeden zum Warren 


Deutfehe fombolirhe Kartkstur aus dem 16, Jabekundert 


Albert bannen, mungen 


Back of 
Foldout 
Not Imaged 


und als endlich das Hemd die Kleidung vervollftändigte und ſich zum Oberkleid 
entwickelte, war die Entſtehung des Mieders und ſchließlich des Korſetts gegeben, 
d. h. unvermeidlich, denn es war nichts anderes als das Hilfsmittel, die uͤbrigen 
weiblichen Raſſenvorzuͤge der weißen Raſſe: das breite Becken und die aufrecht 
ſtehenden Bruͤſte, im bekleideten Koͤrper zur Geltung zu bringen. Den einfachſten 
Beweis fuͤr die Richtigkeit dieſer Saͤtze liefert wohl die Gegenuͤberſtellung anderer 
Raſſen: Bei zahlreichen Raſſen, es ſeien nur die Chineſen und die Eskimos genannt, 
iſt weder das breite Becken, noch die eingezogene Taille, noch der hochaufgerichtete 
Buſen das beſondere Raſſenmerkmal. Und was iſt die Folgeerſcheinung? Bei allen 
dieſen Voͤlkern unterbleibt die Einſchnuͤrung der Taille und die kuͤnſtliche Hervor— 
preſſung der Buͤſte. f 

Die natuͤrliche Folge der Tendenz, die beſonderen Raſſenmerkmale hervorzuheben, 
iſt ſelbſtverſtaͤndlich die uͤbertreibung, denn auffallend wirkt ſtets die Quantitaͤt. So 
kommt es, daß die Kleidung in erſter Linie mit der Steigerung der Quantttaͤt 
arbeitet. Dieſe Tendenz ſetzt ſich meiſtens ohne Ruͤckſicht auf die natuͤrliche Har— 
monie, die Grundlage aller reinen 
Schoͤnheit, durch; denn wenn 
auch hoͤchſt ſelten jene Frauen 
als ſchoͤn gelten, die uͤber die 
breiteſten Huͤften, die maſſigſten 
kallipygiſchen Reize und uͤber den 
uͤppigſten Buſen verfuͤgen, ſo ſind 
doch die die bevorzugten, bei denen 


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dieſe Raſſenmerkmale irgendwie 
auffaͤlliger entwickelt ſind. 

Wie ſehr alle Entwicklung 
dahin ſtrebt, die beſonderen 
Raſſenmerkmale hervorzuheben, 
dafuͤr haben wir in der Ein— 
fuͤhrung des Abſatzes am Schuh 
vielleicht den klaſſiſchen Beweis. 
Die Bedeutung des Abſatzes, 
d. h. das geheime Geſetz, dem 
die Entſtehung des Abſatzes zu 
danken iſt, iſt bis jetzt immer 
uͤberſehen worden. Die Abſaͤtze 
an den Schuhen ſind nichts 
anderes als ein wichtiges Hilfs— 
mittel zur Betonung der beſon- 246. 


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Deutſche Karikatur auf die langen Schleppen. 1s. Jahrhundert 
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Hans Burgfmair Karikatur auf den Lurus der Frauen. 16. Jahrhundert 


deren Raſſenmerkmale der mittellaͤndiſchen Raſſe. Durch den Abſatz am Schuh 
wird die geſamte Koͤrperhaltung veraͤndert, und zwar in der Weiſe veraͤndert, daß 
die durch die Abſaͤtze bedingte Haltung die beſonderen Raſſenmerkmale augenfaͤlliger 
macht. Der Bauch geht hinein, die Bruſt geht heraus; um das Gleichgewicht zu 
erhalten, muß der Ruͤcken eingezogen werden, dadurch markiert ſich aber ganz von ſelbſt 
das Becken, ſeine Schwellung wird auffaͤlliger; weil die Kniee durchgedruͤckt werden 
muͤſſen, wird die geſamte Haltung jugendlicher und unternehmender, der Buſen wird 
vorgedraͤngt und erſcheint dadurch ſtrotzender. Da alle dieſe Auffaͤlligkeiten aber in 
erſter Linie die beſonderen Merkmale der mittellaͤndiſchen Frau ſind, ſo iſt damit 
zugleich auch die Tatſache erklaͤrt, daß gerade am Frauenſchuh der Abſatz die un— 
geheuerlichſten Hoͤhen erreicht hat. 

Aber warum iſt alles das gerade ein erotiſches Problem? So wird man 
gewiß fragen. Nun aus einem ganz einfachen Grunde: weil die genannten Raſſen— 
merkmale der mittellaͤndiſchen Frau zugleich auch ihre ſekundaͤren Geſchlechtsmerkmale 
ſind. Es ſind die koͤrperlichen Unterſchiede, die in erſter Linie die Sinne des 
Mannes irritieren und je nach dem Grade ihrer Vollendung und Entwicklung eine 
Frau mehr oder weniger begehrenswert machen. Das Raſſenmerkmal der ſchlanken 
Taille zu zeigen — um bei einem zu bleiben —, bedeutet demnach gar nichts anderes, 
als die Demonſtration ſinnlich wirkender Koͤrperteile. Weil aber das Beſtreben 
gleichzeitig und vor allem beſtaͤndig darauf hinausgeht, zu vergröbern und zu 
übertreiben, das Becken breiter, die Bruͤſte groͤßer erſcheinen zu laſſen, als es die 


266 


natürliche Harmonie bedingt, fo muͤſſen wir unbedingt folgern, daß auch hier etwas 
Natuͤrliches ſich manifeſtiere. Und in der Tat, in dem Beſtreben des Vergroͤberns 
finden wir die Loͤſung der Frage: „Was iſt ſinnlich?“! Des Naͤtſels Loͤſung 
lautet: Sinnlich wirkt auf den geſunden Durchſchnittsmann die auffaͤllige Form der 
Zweckſchoͤnheit. Das heißt mit anderen Worten: jene Entwicklung der Formen, 
die ſie zu den ihnen von der Natur beſtimmten Zwecken vorteilhafter erſcheinen 
laſſen. Das iſt ſelbſtverſtaͤndlich das breitere Becken und die groͤßere Bruſt. Das 
breitere Becken ſichert eine vorteilhaftere Entwicklung des neuen Menſchen und eine 
guͤnſtig verlaufende Geburt, der groͤßere Buſen verſpricht eine reichere Naͤhrquelle 
zu ſein. 

Wenn man ſich uͤber den inneren Zuſammenhang der bis jetzt dargelegten 
Punkte klar iſt, ſo hat man damit den Schluͤſſel fuͤr die Grundtendenz ſaͤmtlicher 
Modebeſtrebungen und Modeabſichten in allen Kulturepochen gefunden; denn dieſer 
Schluͤſſel fuͤhrt zu den Erkennt— 
niſſen und Schlußfolgerungen, 


ohne die eine Klaͤrung ſelbſt Rlag Wyplicher ſcham. 


des nebenſaͤchlichſten Mode— Wo man vor zytt von wybern ſchꝛeib 
problems ausgeſchloſſen iſt. Ich wyplich ſcham do by bleyb 
Lautet der Fundamentalſatz: die Nun ſo man wyl per von in ſchꝛiben 
a a i So můß ich leyder nüm beliben. 
Kleidung iſt ein erotiſches ; 
Problem, ſo lautet die erſte 
Schlußfolgerung: in der Mode 
iſt nicht die vollendetſte Schoͤn— 
heit, die die Harmonie zur Vor— 
ausſetzung hat, das unbewußt 
verfolgte Ziel, ſondern die 
immer neue Herausbildung des 
ſpezifiſch Sinnlichen in der 
Kleidung. Die zweite, nicht . * 
weniger wichtige Erkenntnis Zu y, Nn W 
lautet: Aus der Beharrlichkeit, 7 
mit der ſich der ſinnliche End— 
zweck durchſetzt, ergibt ſich mit 
unerbittlicher Logik, daß es ein 


0 
1, 


Irrtum iſt, anzunehmen, in der 


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Mode herrſche der Zufall, fie we; 

fei ein Reich der kompletten is 

Anarchie. Darüber ſich klar . 

zu ſein, daß dies nicht der 248. Deutſche Karikatur auf das Dekolettieren. 16. Jahrhundert 
34 


Fall iſt, ift ſehr wichtig, weil die Anſicht, in der Mode entſcheide die geſetzloſe 
Willkuͤr, tatſaͤchlich die vorherrſchende Meinung darſtellt; ungezaͤhlte Autoren, 
die uͤber die Mode geſchrieben haben, ſind uͤber dieſen Fundamentalirrtum 
geſtolpert. Gewiß beſtimmen oft ſcheinbar nebenſaͤchliche Dinge eine Mode, gewiß 
knuͤpfen ſich zahlreiche weltbeherrſchend gewordene Moden nachweisbar an die 
momentane Laune einer Fuͤrſtin oder einer fuͤrſtlichen Maitreſſe. Aber man uͤber— 
ſieht dabei gewoͤhnlich das eine, daß von den vielen Maitreſſenlaunen, die jeder Tag 
in der Weltgeſchichte geboren hat, eben nur jene Launen modebildend geworden ſind, 
die mit den allgemeinen Kulturtendenzen zuſammentrafen, d. h. in die man das hinein— 
zulegen vermochte, was die Tendenz des herrſchenden Geiſtes war. 

Nicht Anarchie, ſondern ſtrengſte Geſetzlichkeit herrſcht in der Mode. Ihr 
untergeordnetſtes Beſtandteil haͤngt organiſch mit der Geſamtkultur zuſammen und 
folgt deren Geſetzen. Darum iſt ſie in jedem einzelnen Teil der peinlich genaue Aus— 
druck aller Kultur und ſpiegelt dieſe auf das getreueſte wieder, in Ruhe und Sturm. 
Wir ſehen z. B., daß die Mode ſich in tollen Ausgeburten uͤberſchlaͤgt, — nun, daraus 
folgt denn nichts anderes, als daß Stürme die Menſchheit durchwuͤhlen. Aber die 
irrtuͤmliche Annahme, in der Mode entſcheide der Zufall, iſt immerhin begreiflich: 
weil die Mode nicht nur den großen Linien der Kulturentwicklung folgt, ſondern 
ſich den tauſend Stimmungen des Tages mimoſenhaft anſchmiegt und dadurch deren 
untergeordnetſte Tendenzen auspraͤgt; deshalb wirkt das Bild durch ſeinen unaufhör— 
lich zuflutenden Reichtum verwirrend. In Wirklichkeit ſind die tauſend Widerſpruͤche 
nur ſcheinbar vorhanden. Die Widerſpruͤche liegen alle in unſerem Unvermoͤgen, 
die Materie voͤllig zu durchdringen und ſofort die inneren Zuſammenhaͤnge zu er— 
kennen. Sowie wir uns jedoch auf die großen Linien beſchraͤnken, d. h. eine moͤg— 
lichſt große Periode pruͤfen, vor allem eine Periode, an der wir nicht mehr perſoͤn— 
lich intereſſiert ſind, und deren politiſche und ſoziale Struktur uns klar iſt, ſo koͤnnen 
wir ſchlagend nachweiſen, wie adaͤquat alle Formen und ſelbſt die geringſten Fineſſen 


einer beſtimmten Mode den allgemeinen politiſchen und ſozialen Tendenzen der be— 


treffenden Zeit ſind. 

Fuͤr das erotiſche Problem in der Kleidung, das ſtändig in jeder neuen Mode 
geloͤſt wird, iſt noch eins bezeichnend, was nicht uͤbergangen werden darf: die Mode— 
ſchoͤpferinnen. Man hoͤrt ſo haͤufig jammern, oder es wird in den Toͤnen der hoͤchſten 
ſittlichen Entruͤſtung von den Sittenpredigern der verſchiedenſten Zeiten vorgetragen, 
daß die meiſten und die erfolgreichſten Neuſchoͤpfungen der Mode von den 
profeffionellen Prieſterinnen der Venus aufgebracht wuͤrden. Dieſe Behauptung 
ſtimmt in der Tat, der Beweis laͤßt ſich ohne weiteres hiſtoriſch fuͤhren. Aber dieſe 
Tatſache iſt nichts weniger als verwunderlich, denn ſie waͤchſt ganz logiſch aus der 
eben geſchilderten Tendenz heraus, die die Kleidung beherrſcht. Als bewußtes 
Geſchlechtswerkzeug, ja noch mehr: in der offiziellen Rolle, „nichts als Geſchlechts— 


268 


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Holländiiche Karikatur auf die Wulſtenroͤcke und den Gebrauch der Masken auf der Straße. 


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250. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Wulftenröce. 16. Jahrhundert 


werkzeug zu ſein“, iſt es der ſtuͤndlich geübte Lebenszweck der Prieſterin der Venus, 


„die Maͤnner raſend zu machen“, ſie muß am raffinierteſten verfahren, um gute Ge— 
ſchaͤfte zu machen, und darum folgt ſie in allen Zeiten am raſcheſten den jeweiligen 
Tendenzen der Erotik. Da ſie das mit Bewußtſein tut, findet ſie naturgemaͤß 
ſtets die beſten Loͤſungen des erotiſchen Problems, das die Kleidung ſtellt. Der 
anftändigen Dame bleibt ſelbſtverſtaͤndlich nichts uͤbrig, als getreu die Errungen— 
ſchaften der Prieſterin der Venus nachzuahmen, wenn ſie bei dem Kampf um einen 
Mann nicht riskieren will, von der ſkrupelloſen Konkurrenz aus dem Felde geſchlagen 
zu werden. 

Auch der Ausgangsort aller Frauenmoden iſt durch das erotiſche Problem er— 
klaͤrt: es kann keine andere Stadt fein, und wird auch wohl für lange Zeit keine 
andere Stadt ſein, als Paris. In Paris hat die Frau gemaͤß der politiſchen und 
ſozialen Entwicklung vom ausgehenden 16. Jahrhundert an als Geſchlechtsweſen 
ihren hoͤchſten Kultus gefunden. Dieſer Kultus hat gleichzeitig zu den adaͤquateſten 
Erſcheinungsformen gefuͤhrt, weil er mit jenem Faktor zuſammentraf, der hier ent— 
ſcheidend iſt, dem ſinnlichen Element. Die franzoͤſiſche Kultur, konzentriert in Paris, 
iſt die hoͤchſte Entwicklung aller romaniſchen Kultur. Das weſentliche Merkmal der 
romaniſchen Kultur iſt aber Sinnlichkeit, im Gegenſatz zum Abſtrakten, dem Merkmal 
der nordiſchen Kultur. Aus dieſem Grunde haben alle Dinge, die rein ſinnlicher 
Natur ſind, alſo in erſter Linie die Frauenmode, in der romaniſchen Kultur ſtets 
die ihnen entſprechendſten Loͤſungen gefunden, und alle anderen Voͤlker derſelben 


270 


Raſſe haben ſich dieſe Dinge, die ihnen ihre andere Kultur bei ſich ſelbſt auszubilden 
nicht geſtattete, naturgemaͤß von dort geholt. Daß dies ſtets unbewußt geſchah, 
aͤndert nichts an der Richtigkeit der Behauptung. — 


Das wichtigſte Merkmal der Mode, das, was ſie von der Tracht unterſcheidet, 
iſt der ſtete Wechſel. Die Tracht iſt das Bleibende, das Verſteinerte, die Mode iſt 
das Bewegliche, das ewig Wechſelnde, das Voruͤbergehende in der Kleidung. Das 
Wort Mode oder modiſch iſt darum foͤrmlich zum Synonym fuͤr alles Voruͤbergehende 
geworden. uͤber dieſe Definierung herrſcht keinerlei Meinungsverſchiedenheit, wohl 
aber herrſcht eine ſehr große Unklarheit über die Geſetze, die dieſen ewigen Wechſel 
beſtimmen, daruͤber, was die Hauptformen bedingt und was zur ruheloſen Veraͤnderung 
dieſer Hauptformen fuͤhrt. Es exiſtiert bis jetzt nirgends eine analytiſche Modegeſchichte, 
die z. B. geſchichtlich nachwieſe, warum im 16. Jahrhundert die Hauptformen der 
Mode von Spanien ausgingen, im 18. von Frankreich, die moderne Herrenmode von 
England uſw. D. h., man iſt vor allem noch nicht darauf verfallen, ſyſtematiſch zu 
unterſuchen, was die Reihenfolge beſtimmte, in der dieſe Moden in den verſchiedenen 
Laͤndern ihren Einzug hielten und herrſchend wurden, warum gerade in dem einen 
Lande fruͤher und wiederum in dem anderen merklich ſpaͤter. Und doch iſt die Ant— 
wort ſo leicht zu finden. Aber freilich nur dann, wenn man ſich daruͤber klar iſt, 
daß, weil die Mode ein organiſch bedingter Kulturreflex iſt, ſich auch in ihr das 


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251. Deutſche Karikatur auf die Muͤhlſteinkragen und die ſpaniſche Mode. 17. Jahrhundert 


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Gedoppelte Blas⸗Malg 


Ver Eppigen Molluſt / 


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Mit welchen das Mlamodiſch itelkeit 


ſtebende Frauenzimmer in ihren eigenen) und vieler unvorſichtigen 
Manns⸗Perſohnen ſich darin vergaffenden Hertzen ein Feuer der verbothe⸗ 
nen Liebes⸗Brunſt angfndrt fo hernach zu einer hellzeuchtenden 
groſſen Flamme einer bittern Untuft 
aus ſchlaͤgt; 


Federmaͤnniglich / abſonderlich dem Tugend und 


Erbarfeft liebenden Frauen mmer zu guter Warnung und kluger Vor⸗ 
ſichtigkeit vorgeſtellet / und zum Druck beſordert 
Durch 


Erneſtum Voltlieb / huͤrtig von Veron. 


| ANNO 1689. 


252. Titelblatt einer ſatiriſchen geiftlichen Strafpredigt auf das Dekolettieren und auf die Fontange. 1689 


Grundprinzip aller Kultur, die oͤkonomiſche Baſis der Geſellſchaftsordnung kategoriſch 
und klar zum Ausdruck ringen muß. Iſt man ſich uͤber dieſen Punkt klar, ſo 
folgt alles weitere von ſelbſt: Die jeweilige Form der Löſung des erotiſchen Prob— 
lems in der Kleidung wird durch die politiſch-oͤkonomiſche Struktur der Geſellſchaft 
bedingt; wie die oͤkonomiſche Baſis ganz beſtimmte ſtaatliche Organiſationsformen 
der menſchlichen Geſellſchaft entwickelt, ſo entwickeln dieſe wiederum ganz beſtimmte 
ihnen adaͤquate Kleiderformen. Das iſt das Geſetz der Mode — der Variation der 
fung des erotifchen Problems in der Kleidung — und deshalb muͤſſen wir in erſter 
Linie zwiſchen feudaler, abſolutiſtiſcher und buͤrgerlicher Mode unterſcheiden. Dieſes 
ſind die Hauptformen der Mode, und ſie ſind auch der ruhende Pol in der Erſcheinungen 
Flucht, im ewigen Wechſel, ſie bleiben ſolange herrſchend und typiſch, ſolange die 
Geſellſchaftsordnung eines beſtimmten Landes ſich je nachdem auf feudaler, abfolu- 


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253. Titelbild der geiftlichen Strafpredigt „Gedoppelte Blasbalg“ 


tiſtiſcher oder buͤrgerlicher Baſis aufbaut. Der jeweilige Haupttyp der Mode aͤndert 
ſich erſt in dem Augenblick, wo die feudale Geſellſchaftsordnung von der abſolu— 
tiſtiſchen oder dieſe von der buͤrgerlichen abgeloͤſt wird. Solange dieſes aber nicht 
der Fall iſt, vollzieht ſich aller Wechſel ſtets innerhalb des Rahmens der Hauptform, 
und ſelbſt die ſcheinbar kuͤhnſte Neuerung aͤndert am Prinzip nichts. 

Den buͤndigen und den am leichteſten kontrollierbaren Beweis fuͤr die Richtigkeit 
dieſer Saͤtze erhält man, wenn man das unternimmt, deſſen Nichtberuͤckſichtigung vorhin 
als die wichtigſte Unterlaſſungsſuͤnde der Modehiſtoriker bezeichnet worden iſt: die Feſt— 
ſtellung der Reihenfolge, in der die Hauptformen der verſchiedenen Moden in den ein— 
zelnen Laͤndern ihren Einzug gehalten haben. Sowie man zu dieſer Feſtſtellung ſchreitet, 
ergibt ſich klar und unzweideutig der oben fixierte innere Zuſammenhang der Mode 
mit der politiſch-oͤkonomiſchen Struktur des betreffenden Landes. Im 17. Jahrhundert 
herrſchte allmählich uͤberall die ſpaniſche Tracht, deren Prinzip die ſteife Grandezza, 
die Starrheit und vor allem die Unnahbarkeit iſt. Warum? In Spanien hat ſich 


der Abſolutismus zuerſt und am reinſten entwickelt, und er iſt hier zugleich auf die 
35 
273 


fteilfte Höhe getrieben, ſomit hat es ihm in allen Lebensformen, alſo auch in der 
Mode, den praͤziſeſten, den entſprechendſten Ausdruck geſchaffen — die typiſche Form. 
Die ſpaniſche Mode des 17. Jahrhunderts wurde ſomit die typiſche Mode des 
Abſolutismus, d. h. des oͤkonomiſchen Prinzips, das politiſch zum Abſolutismus 
fuͤhrte. Wenn wir nun an der Hand der politiſchen Geſchichte Europas verfolgen, 
wie ſich der Abſolutismus als Regierungsſyſtem der Reihe nach in den anderen 
Laͤndern, in England, Holland, Frankreich, Deutſchland, entwickelte, ſo haben wir 
damit die Daten gefunden, mit denen die typiſchen Linien der ſpaniſchen Mode 
uͤbernommen wurden, — ſie kam nicht fruͤher, und ſie kam nicht ſpaͤter. Ganz genau 
ſo vollzog es ſich mit der modernen buͤrgerlichen Mode. Dieſe wurde von England 
ausgebildet; hier erreichte die buͤrgerliche Entwicklung ihre erſte Spitze, hier füllte 
fie die Erſcheinungsformen des Lebens zuerſt mit ihrem Geiſte. In derſelben Reihen— 
folge, in der die anderen Staaten in die buͤrgerliche Entwicklung eintraten, uͤbernahmen 
fie auch die englifche Mode, d. h. die bürgerliche Mode. Man fragt heute ſo oft: wie 
kommt es wohl, daß die Herrenmode heute genau noch ſo wie früher ihre Anweiſungen 
aus London bezieht, und zwar genau ſo beharrlich, wie die Frauenmode die ihrigen 
aus Paris? Die Antwort lautet: Ganz einfach deshalb, weil der buͤrgerliche Geiſt einzig 
und allein in England alles durchſaͤttigt hat, ſo daß es dort allein zu einer wirklichen 


Ehartel Stutzeriſchen vnd halb oder offt gantz Srantzöfifchen Aufſzugs. 
Der Hochherpravierenden Hochgefüderten vnnd SOefederten⸗ 


Wolverkappten / vnd Berlappten / auch ober der Stirn Verlockten / Verzottechten / vnd am gantzen Leib 
mit Borten Verſteppten / Verhackten / Verſchnittnen / wie auch nicht weniger mit Seiden Durchſtochnen / Durch⸗ 
brochnen / wol herauß Gebutzten / vnd Oben vnd Baden Gemutzten vnd Geſtutzten / 
Wolbekandten vnd Offtgenandten 
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254. Deutſche Karikatur auf das weibliche Alamodeweſen. 17. Jahrhundert 


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255. Boitard. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Reifroͤcke. 1745 


buͤrgerlichen Kultur gekommen iſt, und — weil die buͤrgerliche Kultur, als auf der 
Herrſchaft der Maſſen beruhend, eine maͤnnliche Kultur iſt, waͤhrend im Gegenſatz 
dazu jede ariſtokratiſche Kultur im letzten Grunde ſtets eine weibiſche Kultur iſt. 
Es gibt keine buͤrgerliche Kultur, in der die Frau als Geſchlechtsweſen alles be— 
herrſchend auf dem Throne geſeſſen, es gibt andererſeits keine ariſtokratiſche Kultur, 
die nicht zu dieſem Reſultat gefuͤhrt haͤtte. Damit iſt der Unterſchied zwiſchen 
maͤnnlicher und weiblicher Kultur aufgedeckt. 

Daß ſich nicht nur die untergeordneten Nebenformen in der Mode jaͤh und 
unvermittelt aͤndern, ſondern daß ſich das Typiſche ebenſo raſch umformt, ſobald der 
Geſellſchaft der ſeitherige Boden entzogen wird und dieſe auf eine andere Baſis 
geſtellt wird, das tritt klaſſiſch in den revolutionaͤren Wendepunkten der Geſchichte 
zu Tage. In ſolchen revolutionaͤren Zeiten, in denen ſich der Zuſtand der Geſell— 
ſchaft ſcheinbar in wenigen Monaten von Grund aus aͤndert, erfaͤhrt die Mode in 
demſelben knappen Zeitraume ihre tiefgehendſten Umwaͤlzungen, ein neuer Typ tritt 
unvermittelt an die Seite des fruͤheren. Das klaſſiſchſte, uns am nächſten liegende 
Beiſpiel bietet das ausgehende 18. Jahrhundert mit ſeinem jaͤhen uͤbergang vom 
Rokokokoſtuͤm in das dem Altertum entlehnte Koſtuͤm der Revolutionszeit. Dieſes 
eine Beiſpiel aus der Geſchichte wuͤrde uͤbrigens tatſaͤchlich ausreichen, die hier in 
Frage ſtehende Theſe zu beweiſen, daß die jeweilige politiſch-oͤkonomiſche Struktur 
der geſamten Geſellſchaftsordnung der Bildner der Hauptformen der Mode iſt. 

35 


275 


Spiegelt der Haupttyp der Mode die jeweilige Baſis, auf der ſich die geſamte 
Geſellſchaftsordnung aufbaut, fo muß naturnotwendig die taͤglich zu Fonftatierende 
Variierung dieſer Hauptform die Unterſchiede oder Unterſchiedsbeſtrebungen ſpiegeln, 
die ſich innerhalb der betreffenden Geſellſchaftsordnung geltend machen. Dieſe Unter- 
ſchiede ſind die Klaſſengliederung der Geſellſchaft. Jede Geſellſchaftsordnung, ob 
feudal, abſolutiſtiſch oder buͤrgerlich, iſt in ſich in verſchiedene Klaſſen gegliedert. 
Ein ſolcher Zuſtand bedingt aber ſelbſtverſtaͤndlich mit innerer Notwendigkeit, daß 
er ſich auch aͤußerlich dokumentiert, daß er ſichtbar in Erſcheinung tritt — nun, dieſer 
Tendenz, dieſem Zweck des Zutagetretens, dient in letzter Linie die Mode des Tages. 
Die ſozial hoͤher ſtehenden Klaſſen wollen den hoͤheren Platz auf der geſellſchaftlichen 
Stufenleiter dem erſten Blick offenbaren. Sich von den Wenigerbeſitzenden und 
gar von den Nichtbeſitzenden in der aͤußeren Erſcheinung zu unterſcheiden, abzuſtechen 
von ihnen, das iſt das ſtete Beſtreben der Wohlhabenden. Das kann natuͤrlich durch 
nichts anderes erreicht werden als durch die Kleidung. So einfach dies ſcheint, ſo ver— 
ſchwommen wird aber das Bild, weil dieſe Abſicht ſtaͤndig von einer anderen Tendenz 
durchkreuzt wird. Dieſe andere Tendenz, die ebenſo ſtereotyp in allen Zeiten herrſcht, 
iſt der Drang, die Klaſſenunterſchiede zu verwiſchen. Natuͤrlich nicht nach unten, 
ſondern nach oben. Der Tieferſtehende will empor auf der ſozialen Stufenleiter, er 
draͤngt darnach, den Eindruck zu erwecken, daß er gleichwertig ſei. Und daß dieſes 
Beſtreben zu ſeinem Ziele kommt, d. h. daß der ſozial Tieferſtehende den immer wieder 
Unterſchiede ſchaffenden beſitzenden Klaſſen ſtaͤndig auf den Ferſen bleibt, das wird für 
ihn durch die ſtaͤndig fortſchreitende techniſche Entwicklung ermoͤglicht, und zwar er— 
moͤglicht um ſo leichter, je mehr ſich dieſe der großinduſtriellen Produktionsweiſe naͤhert, 
deren Prinzip die billige Maſſenproduktion iſt. Die einfachſte Formel fuͤr dieſe Tatſache 
iſt der Satz, daß das Beſtreben, die Standesunterſchiede auszugleichen, im gleichen Maße 
wächft, in dem die techniſche Entwicklung die Möglichkeiten erleichtert. Mit dieſer 


Formel hat man auch die Löſung fuͤr den unaufhoͤrlichen Modewechſel unſerer Gegen— 


wart gefunden. Freilich, alle Seiten dieſer Frage ſind damit noch nicht aufgezeigt. Vor 
allem muß für die ſogenannte „moraliſche“ Beurteilung des ewigen Modewechſels 
das eben Geſagte noch dahin erweitert werden: Die geſamte moderne kapitaliſtiſche 
Produktionsweiſe beruht durchaus auf der Tendenz, die Klaſſenunterſchiede zu ver— 
wiſchen, denn dieſe Tendenz ſchafft ihr die Profitrate. Wenn der Wechſel in der 
Mode ehedem das ausſchließliche Vorrecht der Beſitzenden war und ein Nachahmen nur 
ſehr langſam vonſtatten ging, ſo muß der moderne kapitaliſtiſche Betrieb, der auf 
dem Maſſenabſatz beruht, ſyſtematiſch dahin draͤngen, daß nicht nur enge Kreiſe dem 
Modewechſel folgen, ſondern moͤglichſt die Geſamtheit. Der Kapitalismus muß die 
Geſellſchaft aͤußerlich demokratiſieren, zwar nicht aus den politiſchen Idealen der 
Bourgeoiſie heraus, ſondern eben im Intereſſe der Mehrwerterzeugung, der fort— 
geſetzten Steigerung der Profttrate. Die Frau Kommerzienrat, die im Kreiſe gleich— 


276 


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Franzoͤſiſche Karikatur auf die hohen Haarfriſuren. 


Um 1780 


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gefinnter Damen über die Arroganz und Großſpurigkeit ihrer Dienſtboten loszieht, 
weil dieſe ſich ebenſo kleiden wie ſie, die gnaͤdige Frau, klagt ſomit im letzten Grunde 
nur das oͤkonomiſche Prinzip an, dem ihre Klaſſe die Reichtuͤmer verdankt. 

Was hiermit uͤber das Hauptmerkmal der Mode, ihren ſteten Wechſel, geſagt 
iſt, das gilt natuͤrlich fuͤr die Mode im allgemeinen, alſo ſowohl fuͤr die Herren— 
mode als auch fuͤr die Frauenmode. Der Wechſel und die Formen der Frauenmode 
werden jedoch außerdem noch von anderen Umſtaͤnden beeinflußt, und zwar von jenen 
Faktoren, von denen ſchon mehrfach die Rede war: es find das die paſſive Rolle 
der Frau im Geſchlechtsleben und die materielle Baſis der Einehe. Da dieſe Fak— 
toren die Frauenfrage als Ganzes beſtimmen, ſo iſt es naturnotwendig, daß ſie auch 
alle einzelnen Teile dieſer Frage entſcheidend beeinfluſſen. Und ſie beſtimmen die 
Mode notwendigerweiſe in gleicher Richtung wie z. B. die Koketterie. Was ſomit 
weiter oben uͤber die Formen der Koketterie geſagt iſt (S. 179 u. fg.), das gilt 
auch hier. 

Die paſſive Rolle im Geſchlechtsleben zwingt die Frau, die Mode zu ihrem 
wichtigſten Werbemittel im Kampf um den Mann zu erheben, denn durch die Kleidung 
vermag ſie die wirkungsvollſten Effekte zu erzielen. Die Sprache der Koketterie wird 
zum Gefluͤſter gegenuͤber dem dröhnenden, phraſenreichen Vortrag, den die Kleidung 
der Frau dem Manne haͤlt. D. h., richtiger iſt: die Kleidung iſt das wichtigſte 
Sprachrohr der hauptſaͤchlichen Formen der Koketterie. Den ſchoͤnen Arm, die 
volle Buͤſte, den Schwung der Huͤfte, das elegante Bein, alles zeichnet der Schnitt 
des Kleides. Durch die Vornehmheit und den Prunk ihrer Kleidung und dadurch, 
daß ſie ſich ſtets nach der neueſten Mode kleidet, kann die Frau ihren Wohlſtand 
verkuͤnden: „So ſchwer bin ich!“ Und ſchließlich: durch die Art, wie ſie alles das 
tut, durch die Wahl der Farben, durch die Manier, mit der ſie die jeweilige Mode— 
tendenz fruktifiziert, vermag ſie ihrer geiſtigen, ſeeliſchen und ſittlichen Qualitaͤt den 
Stempel zu praͤgen uſw. 

Alles das kann die Frau durch die Kleidung, und ſie koͤnnte es auf die 
ſchoͤnſte und edelſte Weiſe, ſie könnte in allem, und im ſinnlichen am leichteſten, 
die ſchoͤne Linie finden. In Wirklichkeit uͤberwiegen aber die haͤßlichen Linien. 
Warum? Nun, die Antwort lautet wie bei der Koketterie: Nicht das Schoͤne, das 
Harmoniſche fällt auf, ſondern das Groteske, das Aberwitzige. Und auffallen muß 
jede einzelne, das diktiert ihnen die brutale Logik des Erfolgs. Es genügt nicht, 
ſchoͤn zu ſein. Die Frau muß den Hochzeitsſchleier als Beute erringen. Man 
ſiegt nur ſelten, wenn man die Probleme in der Richtung des Schoͤnen 
loͤſt, um ſo häufiger aber, wenn man ſich auffaͤllig zu machen verſteht, wenn 
man hervorſticht aus der endloſen Reihe der Mitkonkurrenten. Auffallen tut man 
aber vor allem in der Kleidung, und das Aufkfaͤlligſte iſt das Neue. Darum: 
Immer neu! Das iſt die Loſung. Und die Mode folgt dieſer Loſung, indem fie 


278 


jeden Tag ihre Formen aͤndert und es der Frau fo ermöglicht, in immer neuen Kombi— 
nationen ihre Reize, ihren koͤrperlichen, geiſtigen und materiellen Beſitzſtand zu demon— 
ſtrieren, aller Welt aufs hoͤrbarſte in die Ohren zu ſchreien: das bin ich, das hab 
ich! Und: Anſtand hin, Anſtand her! — Die Geſellſchaftsordunng ſieht in der Frau in 
erſter Linie das Weib, das Inſtrument der Wolluſt. Alſo bleibt der Frau gar nichts 
anderes uͤbrig, als den Konkurrenzkampf um den Mann, ſei es um deſſen Erwerb, 
ſei es um deſſen Erhaltung, in der Mode ſo zu führen, daß ſie in jeder Situation, 
im Gewuͤhl auf der Straße ebenſo deutlich wie in der Intimitaͤt des Familien— 
kreiſes ſinnliche Verſprechungen macht. Ich bin das, und noch bin ich das, was 
die Frau in erſter Linie ſein ſoll — das muß jedes Koſtuͤm, das ſie traͤgt, jede Mode, 
die ſie mitmacht, aufs Deutlichſte predigen, wenn ſie nicht uͤberſehen ſein, d. h. nicht 
beiſeite geſchoben werden will. 

Was nuͤtzt demgegenuͤber die Einſicht der Verſtaͤndigen in das aͤſthetiſch und 
ſittlich Verwerfliche des Modegebarens? Nichts, oder ach, nur herzlich wenig. Die 
tiefſte Einſicht muß vor der brutalen Logik des weiblichen Exiſtenzkampfes kapitulieren. 
Und dieſer Exiſtenzkampf iſt aus unſerer Geſellſchaftsordnung nicht auszuſcheiden, 


257. Weil. Deutſche Karikatur auf die hohen Haarfriſuren. Um 1780 


279 


E 1 1 h a 1 1 En müßte ſich denn ſelbſt auf— 
a 55 N geben; denn uͤber ihren 
Schatten ſpringen kann ſie 
nicht. Daß die Kleidung 
ſich ſtetig zu einer reineren 
Schoͤnheit fortentwickele, 
und daß alles Gewonnene 
ſicherer Beſitz bleibe, das 
iſt ſolange nicht moͤglich, 
ſolange die kapitaliſtiſchen 
Intereſſen die menſchliche 
Geſellſchaft in Klaſſen ſchei— 
den und die Beziehungen 
der beiden Geſchlechter zu— 
einander beſtimmen — dar— 
über muß man ſich klar 
ſein. Solange das der 
Fall iſt, iſt der groteske 
Wahnwitz in der Mode ein 
Geſetz der Notwendigkeit, 
ſolange muß aber auch der 
folgende Satz jedes Kapitel 
uͤber die Mode abſchließen: Weil die Mode das wichtigſte und erfolgreichſte Hilfs— 


= unſere Geſellſchaftsordnung 


258. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Ohrringe. 18. Jahrhundert 


mittel in dem weiblichen Exiſtenzkampfe iſt, darum mußte ſie zum untertaͤnigſten 


Sklaven der Intereſſen der Frau werden und ſelbſt der geringſten Regung folgen. 
Freilich aber auch zu einem Sklaven, der ſich nach echter Sklavenart raͤchen darf, 
indem er ſich gleichzeitig zum barbariſchen Gebieter uͤber alle Frauen emporſchwingt, 
diktatoriſch feine Geſetze erläßt, keinen Verſtoß duldet und katoniſch Tag für Tag 
erklaͤrt: ich bin der Herr, dein Gott! 


Sowie man ſich daruͤber klar iſt, daß die Mode ein erotifches Problem iſt, 
erſcheint es auch ſofort als folgerichtig, daß die meiſten und die charakteriſtiſchſten 
Extravaganzen der Frauenmode in der Richtung einer exaltierten uͤbertreibung der 
erotiſchen Pointen liegen muͤſſen. Und das beſtaͤtigt denn auch die Mode eines jeden 
Zeitalters. Ebenſo folgerichtig iſt freilich auch, daß die Satire ſich mit den erotiſchen 
Spekulationen der Mode am haͤufigſten beſchaͤftigt, und das wiederum beſtaͤtigt die 
Satire eines jeden Zeitalters. 


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Der Trium 


Groteske franzoͤſiſche Karikatuß 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


der Rofetterie 


die Pariſer Hutmoden. Um 1780 


Albert Langen, Muͤnchen 


Zwei Haupttendenzen treten in der Mode deutlich zutage; die erotiſche Praͤſen— 
tation des Buſens und die erotifche Praͤſentation der Hüften und der Lenden. Verbunden 
werden dieſe beiden Tendenzen durch die kuͤnſtliche Einſchnuͤrung der Taille. Dieſe 
hat an ſich zwar den Selbſtzweck, die natürliche Taillenenge augenfaͤllig zu machen, ſie 
ſteht aber auch gleichzeitig im Dienſte der beiden anderen Tendenzen, indem ſie den 
Buſen voller und das Becken breiter erſcheinen laͤßt. In der raffinierten Aus— 
geſtaltung iſt das Ziel der Mode immer das gleiche: alle Linien des Koͤrpers zu 
entwickeln, die den Geſchlechtscharakter des Weibes markieren, d. h. alſo, wie ſchon 
einmal geſagt, die Frau als nur aus Buſen, Huͤften, Lenden und Schenkeln beſtehend 
zu zeigen. i f a 

Die weibliche Bekleidung hat bei den mittellaͤndiſchen Raſſen mit der Entwick— 
lung des Rockes begonnen, waͤhrend der Oberkoͤrper noch lange unbekleidet blieb, 
und auch heute kennt das Kind keinen anderen Unterſchied zwiſchen Knaben und 
Maͤdchen als den, daß die letzteren Roͤcke tragen. Aber gleichwohl iſt doch der 
weibliche Buſen bei uns Kaukaſiern das wichtigſte ſekundaͤre Geſchlechtsmerkmal der 
Frau. L. Stratz ſagt ganz richtig: 


„Beſonders charakteriſtiſch 
iſt der ſinnliche Reiz, den die 
weiblichen Bruͤſte (auf uns) aus— 
üben. Während alle Naturvoͤlker 
dafuͤr voͤllig gleichguͤltig ſind, 
waͤhrend ſelbſt die voͤllig bekleideten 
Chineſen und Japaner der Weiber— 
bruſt keine ſinnliche Bedeutung 
abgewinnen, iſt ſie bei den hoͤher 
kultivierten Voͤlkern kaukaſiſcher 
Raſſe zum Inbegriff weiblicher 
Anziehungskraft geworden und 
gilt, gut entwickelt, als ſchoͤnſte 
Zierde des weiblichen Koͤrpers.“ 


Die Entſtehung dieſes 
Reizes iſt auch das erſte, 
was dem geſchlechtsreifen 
Manne das andere Geſchlecht 
ſinnlich offenbart. Durch 
den Buſen, deſſen Groͤße 
das Korſett ſofort ver— 
doppelt, wird in der Vor— 
ſtellung des Mannes zuerſt 


das Neutrum zu einem 259. Franzoͤſiſche Modekarikatur. 18. Jahrhundert 
30 
281 


260. Engliſche Modekarikatur. 1786 


Femininum. Auch wird die fruͤhzeitige Entwicklung einer Buͤſte immer als ein 
beneidenswerter Vorzug angeſehen, waͤhrend die auffaͤllige Woͤlbung der Huͤften und 
der Lenden erſt bei der reiferen Jungfrau ſchoͤn gefunden wird. Ihren Buſen 
demonſtriert daher die heranwachſende Jungfrau zuerſt den Blicken; mit ihm beginnt 
ſie die Zurſchauſtellung ihrer „Weiblichkeit“. Weil aber der Buſen zum Inbegriff 
aller weiblichen Anziehungskraft geworden iſt, ſo genießt er dieſe Bevorzugung natuͤr— 
lich durch alle Altersſtufen hindurch bis ins hohe Alter hinein; immer noch einen 
ſchoͤnen Buſen zu haben, iſt der groͤßte Triumph der reiferen Frau. In alledem iſt 
es alſo ganz natuͤrlich begruͤndet, daß die Praͤſentation des Buſens zum oberſten 
Modeproblem aller Zeiten geworden iſt. 

Die erſte modiſche Schauſtellung des Buſens beſtand im Enthuͤllen, in der 
Dekolletierung; und, was gleich hier hervorzuheben iſt, dieſes Verfahren wurde zeitlich 
auch am laͤngſten geuͤbt. Durch die Enthuͤllung des Buſens ſoll ein ſinnlicher Reiz 
auf den Mann ausgeuͤbt werden. Daß nichts anderes der letzte Grund der Dekolletage 
iſt, ergibt ſich klar und deutlich daraus, daß ihr Weſen auf der Ausnutzung der ſinn— 
licheren Wirkung des bekleideten Koͤrpers beruht. Der bekleidete Koͤrper wirkt auf 
den europaͤiſchen Kulturmenſchen ungleich ſinnlicher als die Nacktheit. Durch die 
Bekleidung iſt an die Stelle der fruͤheren Gleichguͤltigkeit fuͤr das alltaͤglich Nackte 
eine Neugierde nach dem verhuͤllten Koͤrper getreten, „eine Reizung der Phantaſie, 


282 


die ſich das Unbekannte, Verborgene in lebhafteren Farben ausmalt.“ Dieſe ſtets 
von neuem geweckte Neugier verleiht dem Bedeckten einen ſinnlichen Reiz. Ein Ent— 
gegenkommen gegenuͤber dieſer ſinnlichen Neugier iſt die Dekolletage, freilich nicht, um 
die Neugierde zu befriedigen und auszulöſen, ſondern um ſie im Gegenteil noch mehr 
aufzuſtacheln, denn das iſt es eben: ein teilweiſes und zeitlich begrenztes Entgegen— 
kommen fuͤhrt nicht zur Befriedigung, ſondern zur Steigerung der Neugierde. Der 
teilweiſe entbloͤßte Koͤrper der Frau erregt tatſaͤchlich die Neugierde und Aufmerk— 
ſamkeit des Mannes in erhoͤhtem Maße, oder mit anderen Worten: der teilweiſe 
entbloͤßte Koͤrper wirkt in geſteigerter Weiſe ſinnlich. Gewiß erſtreckt ſich dies nicht 
auf den Buſen allein, ſondern auch auf jeden anderen Koͤrperteil, alſo ebenſo auf 
die Dekolletierung von unten nach oben, die Preisgabe der Reize des Beines, weil 
heute der verhuͤllte Koͤrper des bekleideten Weibes in allen ſeinen Teilen einen ſinn⸗ 
lichen Reiz auf den Mann ausuͤbt. Aber in der Dekolletierung des Buſens hat 
dieſes Problem ſeine ſyſtematiſche Loͤſung erfahren. Ob bewußt oder unbewußt, — 
das hat mit dem Tatſaͤchlichen natuͤrlich nichts zu tun. 

Daß in erſter Linie die ſinnliche Reizwirkung die Dekolletierung beſtimmt und 
reguliert, laͤßt ſich außerdem auch hiſtoriſch nachweiſen, und zwar durch einige 
Beſonderheiten, die in jenen Zeiten galten, als die Mode des Dekolletierens nicht 
nur auf den Ballſaal beſchraͤnkt war, ſondern die Mode des taͤglichen Lebens bildete. 
Eine dieſer Beſonderheiten beſtand 
darin, daß den unverheirateten 
Frauen ein viel tieferer Ausſchnitt 
des Kleides geſtattet war als den 
verheirateten Frauen. Natuͤrlich 
waͤre es ein Trugſchluß, wollte man 
darin etwa eine Symboliſierung der 
Unſchuld des jungfraͤulichen Weibes 
erblicken, „die nicht weiß, daß ſie 
Kohlen ins Liebesfeuer ſchuͤttet, 
wenn ſie ſoviel von Frau Evas 
Zuckerballen zur Schau legt“. Dieſe 
Meinung wuͤrde naͤmlich ſchon durch 
die einzige Tatſache widerlegt, daß 
der Witwe dasſelbe Recht von dem 
Tage an zuſtand, an dem die Trauer— 
zeit um den verſtorbenen Gatten ab— 
gelaufen war, d. h. alſo von dem 
Tage an, da der Sittenkodex ihr 


wieder geſtattete, um einen Mann 261. Engliſche Modekarikatur. 1787 
36* 


283 


zu werben und um ſich werben zu laſſen. Zahlreiche zeitgenoͤſſiſche Moralprediger 
ſagen es uͤbrigens rund heraus, daß es ſich bei der Sache um gar nichts anderes 
dreht. Ein einziges Beiſpiel: in der „Jungfern-Anatomie“, einem Werk aus dem 
17. Jahrhundert, wird die Frage aufgeworfen: „Warum tragen die Jungfern die 
Bruͤſte mehr offen als die Weiber?“ Und die Antwort lautet: „Weil ſich das als 
das beſte Lockmittel auf dem Maͤnnerfang erwieſen hat, darum vermeint man, es koͤnne 
von dieſem Lockmittel nicht genug ausgelegt werden. Um Voͤgel zu fangen, muß 
man Vogelleim haben. Je mehr man auftraͤgt, um ſo eher bleibt einer kleben.“ 

Die Dekolletierung des Buſens kennt alle Grade. Sie hat ſich mitunter auf 
einen vergroͤßerten Halsausſchnitt des Kleides beſchraͤnkt, iſt aber auch zu Zeiten ſo 
tief herabgeruͤckt, daß ſich vorn der ganze Oberkoͤrper den Blicken nackt darbot. Die 
Koͤnigin Iſabella von Bayern brachte im 14. Jahrhundert eine Mode auf, bei der 
das Kleid bis zum Guͤrtel offen ſtand. Die ſchoͤnen Hofdamen ſollen dieſer Mode 
leidenſchaftlich gehuldigt haben. Das Volk nannte dieſe Mode veraͤchtlich „Robes à 
la grand'gorge“, d. h. alſo „Kleider à la Sau“. Im 16. Jahrhundert, wo man faſt 
immer weitausgeſchnittene Kleider trug, kehrte dieſelbe Mode unter dem ausſchweifenden 
König Franz I von Frankreich wieder und provozierte einen ähnlichen Namen. 
„Dames à la grand'gorges“ nannte man die Frauen, die eine derart weitgehende 
Offenheit an den Tag legten, daß auch die Buſenknoſpen ſichtbar waren. Im 18. Jahr— 
hundert und unter dem Direktorium war der Buſenausſchnitt an den Kleidern zu— 
weilen nicht weniger tief. Derart „weitgehende Offenheiten“ verfuͤhrten gewoͤhnlich 
noch zu beſonderen Tricks. Um die Blicke recht oſtentativ auf den entbloͤßten Buſen 
zu lenken, brachte man diamantverzierte Ringe oder goldene und ſteinbeſetzte Kaͤppchen 
an der Spitze des Buſens an, oder man durchbohrte, um die jugendliche Feſtigkeit 
des Buſens recht augenfaͤllig zu demonſtrieren, die Buſenknoſpen und verband die 
beiden Bruͤſte durch ſteinbeſetzte goldene Ketten. 

Derartig groteske Modekuͤhnheiten waren natuͤrlich nur in ſolchen Zeiten moͤg— 
lich, in denen luͤſternen Ausſchweifungen nur ganz unwirkſame Schranken geſetzt 
waren, auch herrſchten ſie immer nur voruͤbergehend. Sie hatten einen abſolut un— 
widerſtehlichen Widerſacher. Zwar nicht in dem ſogenannten „ſittlichen Gewiſſen 
der Menſchheit“, ſondern einfach in dem Neide der beſitzloſen Klaſſen: das ſind in 
dieſem Falle jene Frauen geweſen, denen eine karge Natur oder ein vorgeruͤcktes 
Alter — „Im Dreißigſten beginnt die Buſenoͤkonomie“ iſt ein ſehr altes Wort — 
ein kategoriſches „non possumus“ diktierte. Da aber dieſe Frauen immer die große 
Mehrzahl aller Frauen ausmachten, ſo war ihre Oppoſition entſcheidend. Wenn eine 
Mode fuͤr laͤngere Zeit und allgemein herrſchend werden ſoll, muß ſie allen Frauen 
die Ausnuͤtzung ihrer erotiſchen Pointen geſtatten, das iſt natuͤrlich bei einem ſolchen 
Grade der Entbloͤßung nicht moͤglich. Aus dieſem Grunde bewegte ſich die Dekolle— 
tage meiſtens in Grenzen, bei denen die maͤnnliche Neugierde zwar nicht voll auf 


284 


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Die Venus im Jahre 1742 und 1794 


263. Engliſche Modekarikatur 


ihre Rechnung kam, innerhalb deren die Frauen aber imſtande waren, das vorzu— 
taͤuſchen, was man vortaͤuſchen wollte und wohl oder uͤbel auch vortaͤuſchen mußte, 
ſei es durch raffiniertes Schnuͤren, ſei es durch Buſengeſtelle, Wattierungen, kuͤnſt— 
liche Nachahmungen uſw. Innerhalb dieſer Grenze bewegen ſich auch die heutigen 
Geſellſchaftsroben. — 

Es iſt oben geſagt worden, es ſei ein allgemein guͤltiges Geſetz, daß nie die 
Frauen fuͤr die ſchoͤnſten oder begehrenswerteſten gehalten wurden, die ſich durch 
eine uͤbermaͤßige Fuͤlle des Buſens auszeichneten. Deſſenungeachtet hat die Mode in 
einigen Zeiten Formen entwickelt, bei denen die Buſenmaſſe ſich geradezu ins Unge— 
heuerliche geſteigert praͤſentierte. Selbſtverſtaͤndlich war das nur in kraftſtrotzenden 
Zeiten moͤglich, in Zeiten ſtrotzenden Lebensdranges und ſaftigen Genießens. Eine 
ſolche Zeit durchlebte z. B. England am Ende des 18. Jahrhunderts, als das eng— 
liſche Bürgertum zum erſten Mal ſeine wirtſchaftlichen Kräfte exploitierte. In dieſer 
Zeit des uͤberſchwanges und der ſtrotzenden Lebensluſt wurde die tizianiſche Fuͤlle der 
koͤrperliche Idealtyp der engliſchen Frau, ähnlich wie hundert Jahre früher in 
Holland. Die Formen koloſſalſter Weiblichkeit ſtanden am hoͤchſten im Kurs. Dieſe 
Tendenz reflektierte in der Mode in einem wahren Kultus der Maſſe: Buſen und 
Lenden wuchſen zu foͤrmlichen Rieſenhoͤckern an. Die uͤbertreibung der Groͤße des 
Buſens war z. B. ſo ſtark, daß es den Frauen gaͤnzlich unmoͤglich war, vor ſich auf 
den Boden zu ſehen. Eine ſolche groteske Übertreibung der Buſenfuͤlle konnte natuͤr— 


286 


lich nicht auf natürlichem Wege erzielt werden, fie bedurfte der Polſterungen oder 
der ballonförmigen Drahtgeſtelle, und dieſe Hilfsmittel zwangen wiederum zum gaͤnz— 
lichen Verhuͤllen des vorher enthuͤllt getragenen Buſens, denn nur ſo konnte man 
ſolche Maſſen demonſtrieren. Es iſt begreiflich, daß eine ſolche Mode nie allzu lange 
herrſchte, ihre Wirkungen auf den Mann entſprachen dem Aufwande an Muͤhe zu 
wenig. Darum bildete ſie auch immer nur ein Interregnum in der Mode des 
Dekolletierens, zu der man nachher ſtets mit um ſo groͤßerem Eifer zuruͤckkehrte. 
Mit der fortſchreitenden Verfeinerung in den Geſetzen der oͤffentlichen Sittlich— 
keit iſt die Dekolletierung des Buſens uͤberall von der Straße verdraͤngt, d. h. auf die 
feſtlichen Gelegenheiten beſchraͤnkt worden. Vollzogen hat ſich dieſe Tendenz uͤberall 
im 19. Jahrhundert. Es waͤre jedoch ein grober Irrtum, anzunehmen, damit ſei 
auch auf die Spekulation mit den Reizen des Buſens durch die Alltagskleidung ver— 
zichtet worden. Nein, jetzt war nur ein neues, und zwar ein kompliziertes Problem 
geſtellt. Dieſes lautete: alles peinlich zu verhuͤllen, aber das Verhuͤllte dennoch ebenſo 
peinlich in ſeiner ganzen Intimitaͤt allen Blicken ſichtbar zu machen. Natürlich in 
ſeiner idealen Intimität. D. h. alſo: die Frau ſoll zwar bekleidet ſein, und zwar 


264. Engliſche Modekarikatur auf den Kultus des Koſtuͤms der Nacktheit bei den Damen der engliſchen Ariſtokratie 


287 


außerdem hoͤchſt anftändig, aber fie ſoll doch als Nuditaͤt wirken. Daß dieſes Problem 
aufs Raffinierteſte geloͤſt worden iſt, daruͤber kann angeſichts der modernen Damen— 
moden kein Zweifel ſein. Die Mehrzahl der modernen Damenmoden iſt, obgleich 
auf jede wirkliche Nuditaͤt verzichtet wird, ungleich ſinnlicher konſtruiert als viele 
direkt ausſchweifende Moden der Vergangenheit mit ihren kuͤhnen Konzeſſionen an 
den Blößenwahnſinn. Es iſt dem Raffinement gelungen, durch die raffiniert pein— 
liche Verhuͤllung eine Reihe abſolut neuer, fruͤher gaͤnzlich unbekannter Wirkungen 
zu erzielen. Aber das Verfeinerte iſt immer ſchwerer zu faſſen, und darum bieten 


die modernen Moden auch ungleich weniger Angriffsflaͤchen als alle fruͤheren. 
Kein Wunder alſo, daß das heftigſte und groͤbſtkoͤrnige ſatiriſche Hagelwetter 
nicht über die modernen Moden niedergeht, ſondern daß es über die auffälligeren 


Extravaganzen des Dekolletierens niedergegangen iſt. Zwar find die Lobredner der 
Frau nicht nur heute, ſondern zu allen Zeiten auf den hoͤchſt genialen Einfall ge— 
kommen, die Dekolletierung des Buſens ſei ein „feſttaͤglicher Gottesdienſt vor dem 
erhabenſten Heiligtum der Natur“, aber die biederen Sittenprediger des 16, 17. und 
18. Jahrhunderts ſind auf 

. dieſen Zauber nie herein— 
Il gefallen. Sie fühlten die 

Wirfung der Mode der 
entbloͤßten Bruͤſte am eige— 
nen Adam, und darum war 
es Suͤnde, Fleiſchesluſt, 
Hurenmode, das Werk des 
Unzuchtsteufels uſw. In 
dieſer Weiſe zogen ſie uni— 


fono vom Leder. Das 
Toben und Schimpfen 
wider die Mode im allge— 


meinen und vornehmlich 
„wider die bloßen Bruͤſte“ 
verhallte ſicher nicht wir— 
kungslos, es hat ohne 
Zweifel manchen wahn— 
witzigen Mißbrauch einge— 
dämmt, aber uͤberſchaͤtzen 


darf man die Wirkung 

doch nicht. Wenn in ver— 

La grande dame im Jahre 1801 ſchiedenen Zeiten ein Nach— 
265. James Gillray. Engliſche Modekarikatur laſſen der Mode des 


288 


N 


Engliſche Karikatur von Thomas Rowland 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


1786 


auf die Mode der großen Damenhuͤte. 


i 


Albert Langen, München 


Dekolletierens zu konſtatieren 
iſt, ſo hat das, um nur eine 
einzige entſcheidende Urſache 
anzufuͤhren, oft viel mehr 
an einer zunehmenden Ver— 
armung als an der geſtei— 
gerten Moral gelegen, denn 
die Dekolletierung ſetzt die 
Moͤglichkeit eines groͤßeren 
Luxus im allgemeinen vor— 
aus. 

Zur Charakteriſtik der 
literariſchen Satire auf die 
Mode der Entbloͤßung des 
Buſens muͤſſen wir uns mit 
einigen wenigen charakteriſti— 
ſchen Proben begnügen, ob— 
gleich es gerade hier ſpielend 
leicht waͤre, durch Reichtum 
zu erdruͤcken. 

Eine Anklage aus dem 266. Iſabev. Franzöſiſche Modekarikatur 
Mittelalter beſitzen wir in 
der Predigt eines Osnabruͤcker Moͤnches, ſie lautet: 


„So iſt es gleichfalls gefährlich, mit dem Feinde zu kaͤmpfen, der ein Schwert aus der Scheide 
gezogen, aber viel gefaͤhrlicher iſt es, wenn er viele gezogen, d. h. den Mantel und das Kleid zuruͤck— 
geſchlagen und ſich entbloͤßt, den Schleier ablegt, daß der Buſen bis zu den Bruͤſten ſichtbar wird, 
dann reizen ſie die Maͤnner um ſo mehr zur Unzucht.“ 


In des Hilarius von Freudbergs „Narrenfeſt“ heißt es: 


„Und du haſt eine ſolche Kleider-Tracht, die nicht nur das Angeſicht frech entbloͤßt, ſondern 
auch deine zwey Bruͤſte, wie die verfluchten Berge Gelboe entbloͤſeſt, nicht anderſt ſolche mit Taſchen 
und Binden in die Hoͤhe zu ſteigen zwingeſt als wie zwei Dudelſaͤck, nicht anders ſolche auslegeſt 
als wie die Weiber auf dem Kraͤutel-⸗Marck zwei Plutzer, welche, wenn fie verfaulen, den Saͤuen 
fuͤr geworffen werden.“ 


Wider die ungeheuerliche, raffinierte Mode, an die bloßen Bruͤſte Ringe und 
Ketten zu heften, eine Mode, die ſich uͤbrigens gegenwaͤrtig in der vornehmen Lebe— 
welt Englands und Amerikas von neuem wiederholt, zog ein Sittenprediger mit 
folgenden Saͤtzen zu Felde: 


„Ich ſage es euch unverhohlen, wo ihr nicht ablaſſen, ſondern euch noch mehr ſo nacket kleiden, 


ja überdies noch, welches erſchrecklich zu hoͤren, und doch bei manchen Weibsperſonen ſo gebraͤuch— 
37 
289 


lich iſt, güldene Ringe auf eurer Bruͤſte Warzen ſtecken werden, fo wird Gott euch die Ringe und 
Ketten der Finſterniß anlegen.“ 

Die zwei letztgenannten Texte ſtammen aus Satiren aus der zweiten Haͤlfte 
des 17. Jahrhunderts. Dieſe Zeit war in Deutſchland beſonders reich an Satiren 
auf „die ſchamlos gebloͤßten Bruͤſte“. Groteske Unnatur in allen Lebensformen iſt 
das Stigma dieſer Zeit geweſen. Die allgemeine Verrohung, die der Dreißigjaͤhrige 
Krieg herbeigefuͤhrt hatte, hatte ſich mit der Unſelbſtaͤndigkeit gemiſcht, die ſich in 
allem auf das Ausland, und zwar vor allem auf Frankreich, ſtuͤtzen mußte. Das 
Reſultat war ein groteskes Gemengſel, ſein Name hieß Alamode. Alamode war die 
Sprache, Alamode waren die Geſten, Alamode war die Kleidung. In der Frauen— 
mode beſtand dieſes Alamode in einer ungeheuerlichen Form der Dekolletage, es 
war die franzoͤſiſche Frivolität in plumpe und rohe Formen übertragen. Die vielen 
moraliſch-ſatiriſchen Schriften, die in jener Zeit gegen das Alamodeweſen entſtanden, 
wendeten ſich natuͤrlich in erſter Linie gegen die Dekolletage, denn hieran ließ ſich 
das „Unſittliche, Verhurte, Franzoͤſiſche“ des Alamodeweſens am deutlichſten demon— 
ſtrieren. Die verbreitetſte, unter zahlreichen Sondertiteln immer wieder von neuem 

aufgelegte moraliſch-ſatiriſche 
Predigt dieſer Art war „der 
Gedoppelte Blasbalg der 
uͤppigen Wolluſt oder die 
bloße Bruͤſte ſein ein ſo groß 
Geruͤſte viel boͤſer Luͤſte“. 
Dieſer Titel wird vom Ver— 
faſſer in folgender Weiſe 


begruͤndet: 


„Hieraus haben wir etlicher 

Maaßen Anlaß genommen, unſer 

Gleichniß vom Schauſpiel und 

erhabenen Geruͤſte zu erfinden, 

wenn wir, wie der Titel dieſer 

Schrift ausweiſet, die bloßen 

Bruͤſte nennen ein groß Geruͤſte 

viel boͤſer Luͤſte. Der Komoͤdiant 

iſt der Unzuchts-Teufel, das 

Komoͤdien-Kleid die nackte Weiber⸗ 

Tracht, das Theatrum, Schauplatz 

oder Geruͤſte, die bloße Weiber— 

Bruͤſte, und die vorwitzige Zu— 

ſchauer dieſes unzuͤchtigen Spiels 

Ms Pelisse das naͤrriſche Maͤnnervolk. Andere 
267. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode der großen Muͤffe nehmen ein Gleichniß her von 


290 


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Eine königliche Loge nach der Natur gezeichnet 


268. Iſaae Cruikshank. Engliſche Karikatur auf das Dekolettieren. 1792 


den Schmieden, wenn die ihr Handwerk treiben wollen, ſo treten ſie den Blasbalg und 
ſchuͤren damit das Feuer an. Alſo ſagen ſie, wenn der Hoͤllen-Schmied, der Teufel, die Kohlen 
der boͤſen Luſt in den Herzen der Mannesbilder aufblaſen und ein Hurenwerk ſchmieden wolle, 
fo brauche er die durchs Athemholen aufſchwellende und niederfallende bloße Weiberbruͤſte als 
hoͤlliſche Blaſebaͤlge dazu. Wieder andere erborgen ein Gleichniß von den Fleiſchern; wenn 
dieſe die Lungen oder Kaͤlber-Geſchluͤnke gerne los ſein wollen, ſo legen ſie's vorn auf die Fleiſch— 
bank, und bietens alſo jedermann zum feilen Kaufe; da ſie hingegen ein gut Stuͤck Fleiſch wohl bis— 
weilen zuruͤckhalten, bis etwa ein bekannter guter Freund koͤmmt, dem fie es verkaufen. Alſo, 
ſprechen ſie, gebe das liederliche Frauen-Volk, weil ſie die Bruͤſte, als ein Kaͤlber-Geſchluͤnke, ſo 
herauslegen, damit zu verſtehen, wie gern ſie ihre Keuſchheit wollten los ſein und die Jungfer— 
ſchaft an den Mann bringen oder verkaufen, es möchte kommen, wer nur wollte ...“ 


Der Ton dieſer Satire iſt zugleich ein typiſches Beiſpiel fuͤr die geſamte deutſche 
Satire der zweiten Haͤlfte des 17. Jahrhunderts. Daß freilich nicht nur geſchimpft 
wurde, ſondern daß auch hin und wieder die echte, mit Humor gepaarte Satire in 
jener Zeit zum Wort kam, das moͤgen einige Verſe aus Laurembergs plattdeutſchem 
Gedicht „Von allemodiſcher Kledertracht“ illuſtrieren: 

„Sobald de Boͤrgers-Doͤchter wuͤſten, 
| Dat de Adeliken gingen mit blöten Bruͤſten, 


Mit blotem Halſe und Ruͤggen halff naked 
Do fach eine jede van en wo je ydt maket, 


3 


291 


235% ᷑ M» ne De müfte ſik ok ſehen laten in ſulker 

Geſtalt 

Jens Schnieder kreeg genog arbeit 
alſobald. 

Se ſpreken: hebbe wy nicht even ſuͤlchen 
Plunder 

Baven den Goͤrdel und ok darunter? 

Warum ſchelden wy denn unſe ſchmucke 
Titten 

Verbergen und laten in duͤſtern ſitten? 

Wy hebben ſie eben ſo wenig geſtahlen; 

Ick kann dem Schnieder dat Makelohn 
bethalen, 

Dat he my dat Wams ſo deep ſcheret 
uth, 

Dat men my ſehn kann de Titten und 
blode Huet. 

Tucht und Schamhafftigkeit is mit weg⸗ 
geſchneden, 

Mit halff bloten Lyve kamen ſe her 
getreden.“ 


IS S N N 9 Die gezeichnete Satire iſt 
ſicher nicht arm an Karikaturen 

L'oeil doux, la griffe aigue, ah! voila bien 3j ee 
e er Maſſenaufgebot an literariſchen 

FFF) TTT Kapuzinaden kann fie nur in neu— 

erer Zeit erfolgreich konkurrieren. 

Eine Karikatur auf die „Robes à la grand'gorges“ findet ſich bereits im erſten 
Band der Karikatur der europäiſchen Völker. Die Frauen ſind in dieſer Karikatur 
tatſaͤchlich als „Saͤue“ dargeſtellt, und zwar als ſolche, die auf Stelzen gehen (vgl. 
dort Bild 34). Die Wiederkehr dieſer Mode, die „Dames à la grand'gorges“, zeigt 
annaͤhernd die ſymboliſche Karikatur von Geyn (Bild 3). Die im 16. Jahrhundert 
modiſche tiefe Entbloͤßung des Buſens karikieren die Blaͤtter „Klag wyplicher Scham“ 
(Bild 248), „Eitelkeit“ (Bild 2), „Unkeuſch“ von Burgkmair (Bild 172) und zahl— 
reiche andere. Einer beſonderen Erklaͤrung bedarf keines dieſer Bilder. Die kuͤnſt— 
leriſche Unkultur, die nach dem Dreißigjährigen Krieg überall in Deutſchland herrſchte, 
hat ſehr wenig Gutes gezeitigt. Zeugniſſe dafuͤr ſind „Der kurioſe Weiberkrieg“ 
(Bild 62) und das Titelbild von „Der Gedoppelte Blasbalg der uͤppigen Wolluſt“ 
(Bild 253). Um fo reicher iſt das 18. Jahrhundert, vom Rokoko bis zur Revolutions— 
mode. Belege dafuͤr enthaͤlt faſt jedes einzelne Kapitel (Bild 7, 14, 72, 179, 256, 
259). Die glaͤnzendſten Proben zeigen die Blaͤtter „Die Korſettanprobe“ von Wille 
(ſiehe Beilage), „Die Pariſerinnen in ihren Winterkoſtümen für 1800“, von Iſaac 


Encore une Merveilleuse, ou la Chatte à la Mode 


292 


270. James Gillray. Engliſche Karikatur auf die Federmode. 1794 


Cruikshank (ſiehe Beilage) und das Blatt „Eine koͤnigliche Loge nach der Natur ge— 
zeichnet“, eine Satire auf das gute Vorbild von oben, ebenfalls von Iſaac Cruikshank 
gezeichnet (Bild 268). Das 19. Jahrhundert iſt ſelbſtverſtaͤndlich noch viel reicher 
an einſchlaͤgigen Dokumenten. Die große Linie der Entwicklung der buͤrgerlichen 
Mode gibt die Grundnote: die kuͤhne Extravaganz des Empire, das luͤſterne Verſchaͤmt— 
tun der Biedermeierzeit, die tolle Laſterhaftigkeit des zweiten Kaiſerreichs, und die 
moderne „Decenz“, mit der man vorgeblich „den Gottesdienſt der Schoͤnheit“ abhaͤlt. 
Aber jeder dieſer Abſchnitte wird durch Hunderte, ja durch Tauſende von Karikaturen 


293 


illuſtriert, fo daß ſchließlich jede einzelne Nuance ſatiriſch regiſtriert iſt. Um uns auf 
das naͤchſtliegende Beiſpiel, die Gegenwart, zu beſchraͤnken, — wir koͤnnen den 
„Gottesdienſt der Schönheit“ in allen feinen Poſen belauſchen. In „feiner keuſchen 
Zuͤchtigkeit“ erleben wir ihn z. B. in dem Blatt „Ihr erſter Ball“ von Gibſon (Bild 
240), in ſeinem „bewußten Ausleben“ in einem Blatt von Beardsley, in dem dieſer 
mit geradezu fabelhaftem Geſchmack und Raffinement das prickelnde Mitempfinden der 
Wonneſchauer, die durch Triſtan und Iſolde rieſeln, nachgezeichnet hat, und ſchließ— 
lich in ſeinem frivolem uͤberſchlagen in der von Gerbault illuſtrierten Kokottenmoral 
der modernen Femme du monde. Un homme qui ne sait pas manquer de respect 
à une femme, c'est pas un homme — das iſt ihre mondaine Moralphiloſophie. 
Ihrer Freundin kann ſie es mit deutlichen Worten ſagen. Den Maͤnnern ihres 
Salons und der Salons, in denen ſie verkehrt, kann ſie es nur durch die zyniſche 
Dekolletage ihres Koſtuͤms ſagen. Und ſo ſagt ſie eben auf dieſem Wege den 
Maͤnnern, was ſie ſagen will, 
und das lautet: mein Herr, 
wenn Sie ſich nicht an 
meine Worte kehren, ſondern 
ſich zu den Keckheiten hin— 
reißen laſſen, zu denen der 
Anblick meiner Reize ihre 
Phantaſie verleitet, ſo ris— 
kieren ſie hoͤchſtens einen — 
Erfolg (Bild 232). Nur 
die Dummen werden dieſe 
Sprache nicht verſtehen und 
darum werden dieſem 
Gottesdienſte der Schoͤnheit 
die Glaͤubigen jedenfalls 
nie fehlen! 

Die Zahl der Kari— 
katuren, die die anderen 
modiſchen Schauſtellungen 
des Buſens kennzeichnen, die 
groteske uͤbertreibung ſeiner 
Groͤße, wie es z. B. um 

N, 1785 Mode war, und die 
Sn — . . — — — intime Nachzeichnung der 
BR m oma Furbeloes 1800 idealen Wirklichkeit, was im 


271, Engliſche Modekarikatur. 180: 19. Jahrhundert die allge— 


294 


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272. James Gillray. Engliſche Modekarikatur. 1794 


meine und beherrſchende Tendenz iſt, iſt relativ immerhin gering. Sie iſt gering, 
weil, wie ſchon oben geſagt, Moden wie die erſte immer nur voruͤbergehend geherrſcht 
haben, und Moden wie die letztere, wie ebenfalls ſchon oben geſagt, ungemein ſchwer 
karikaturiſtiſch zu faſſen ſind. Unter dem relativ Wenigen gibt es aber fuͤr beide 
Moden immerhin eine Reihe ganz charakteriſtiſcher Stuͤcke. Fuͤr die Mode der 
grotesken Übertreibung der Buſenfülle belegen das Blaͤtter wie Bild 260 und 261. 
Fuͤr die heute herrſchende Tendenz des „in Kleidern nackt“ kann der groͤßte Teil 
der modernen Geſellſchaftskarikatur ins Feld gefuͤhrt werden, und darum finden ſich 
mehr oder minder bezeichnende Belege in jedem einzelnen Kapitel. — 


Wenn die Modemoral in der modifchen Drapierung des Buſens ihren augen— 
faͤlligſten Ausdruck gefunden hat, ſo hat die Unnatur der Mode ſich um ſo draſtiſcher 
in der Bekleidung des Unterkoͤrpers manifeſtiert. Die modiſche Behandlung des 
Rockes hat zweifellos die groteskeſten Gebilde hervorgebracht, die es in der geſamten 


295 


273. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Gefahren des Koftüms der Nacktheit 


Mode gibt. Die Urſache dieſer Erſcheinung liegt freilich auf der Hand. Sie beruht 
ganz einfach darin, daß das gegebene Problem der Kleidung im Rock nicht auf 
fo relativ einfache Weiſe zu loͤſen war wie beim Oberkleid. Die Entbloͤßung des 
Buſens war nicht nur eine einfache, ſondern auch eine naheliegende Loͤſung. 

Die erſte modiſche Entwickelung des Rockes führte zu feiner uͤbertriebenen Ver— 
laͤngerung und reſultierte ſchließlich in der Schleppe. Da die Schleppe jede raſche 
Bewegung unmoͤglich macht und ſomit ihre Traͤgerin von jeder ernſtlichen Arbeit aus— 
ſchließt, iſt ſie gleichzeitig zum Symbol der Vornehmheit erhoben worden. Aus dieſer 
Bedeutung der Schleppe erklaͤrt es ſich auch, daß der Schleppe vom Buͤrgertum beſonders 
in den Zeiten eifrig gehuldigt wurde, in denen es jaͤh zu Reichtum, Macht und Anſehen 
emporſtieg. Eine ſolche Periode war die Zeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. 
In dieſen Jahrhunderten war die Schleppe denn auch ununterbrochen die offizielle 
Straßenmode des wohlhabenden ſtaͤdtiſchen Buͤrgertums. In den Augen der Maſſe 
des Volkes war die Schleppe freilich nicht nur das Symbol der Vornehmheit, ſondern 
auch das Kennzeichen des weiblichen Nichtstuertums. „Wir koͤnnen es uns leiſten, 
nur dem Vergnuͤgen und dem Tand zu leben!“ dies und nichts anderes will nach 
der Anſicht des Volkes die Traͤgerin einer Schleppe protzig vor aller Welt erklaͤren. 

Das ergaͤnzende Seitenſtuͤck zur Schleppe bildeten die langen Armel, dieſe 
gaben den Schleppen an Laͤnge haͤufig nichts nach und mußten darum mitunter ge— 
knotet werden, um nicht am Boden zu ſchleifen. Natuͤrlich wurden die langen Armel 


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genau fo wie die Schleppe zum Symbol der Vornehmheit und des Nichtstuertums 
geſtempelt. 

In der uͤbermaͤßigen Verlaͤngerung des Rockes wurde aber auch ein erotiſches 
Problem geſtellt und geloͤſt. Je laͤnger der Rock iſt, um ſo haͤufiger wird ſeine 
Traͤgerin in die Notwendigkeit verſetzt, ihre Roͤcke zu raffen, und um ſo hoͤher muß 
fie die Raffung vornehmen. Der Franzoſe ſagt: „Il n’y a rien de tel qu'une robe 
trop longue pour bien decouvrir le pied.“ Iſt man auch nur halbwegs imſtande, 
logiſch zu folgern, ſo bleibt aus dieſem inneren Zuſammenhang kein anderer 
Schluß uͤbrig als der: die ſyſtematiſche und uͤbertriebene Verhuͤllung der Beine ge— 
ſchieht nicht im Intereſſe der Schamhaftigkeit, die das Koͤrperliche aus den Augen zu 
ruͤcken ſuchte, ſondern im Intereſſe des Gegenteils. Die uͤbermaͤßige Verhuͤllung wird 
vorgenommen, damit man recht haͤufige und recht vorteilhafte Gelegenheiten habe, 
möglichſt viel oͤffentlich enthuͤllen zu muͤſſen. Daraus erklaͤrt ſich auch, warum der 
fußfreie Rock immer nur voruͤbergehend in der Mode iſt: er zwingt nicht zum oͤffent— 
lichen Enthuͤllen. 

Die zweite und die 
wichtigſte Modetendenz des 
Rockes ging natuͤrlich auf 
die Betonung der runden 
Huͤften und des breiteren 
Beckens: die neben der 
aufrechten Haltung des 
Buſens auffälligften Ge— 
ſchlechtsvorzuͤge der mittel— 
ländiſchen Frau. Dieſe 
beiden Schoͤnheiten koͤnnen 
durch zwei Methoden ſicht— 
bar gemacht werden: poſitiv 
und negativ. Poſitiv durch 
Polſterung, negativ durch 
kuͤnſtliche Verengerung der 
ſowieſo als Raſſenvorzug 
vorhandenen Taillenenge. 
Gewoͤhnlich wurden beide 
Methoden gemeinſam an— 
gewandt. Man ſchnuͤrte 
die Taille nach Kraͤften ein 
und vermehrte die Dicke 


der Polſterungen. Das 274. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Mode der Inviſibles. 1810 
38 


297 


letztere vornehmlich durch Vermehrung der Zahl der Roͤcke. Von dem ftändigen 
Gebrauch, mehrere Roͤcke zu tragen, ſteht jedenfalls feſt: er hat zu allen Zeiten viel 
mehr der Polſterung der Huͤften gedient als dem Zweck der Waͤrmeerzeugung. In 
der grotesken Steigerung: zu gleicher Zeit zu ſchnuͤren und aufzutragen, fuͤhrte dieſe 
Tendenz zu jenen ungeheuerlichen Moden des 17. und 18. Jahrhunderts, die uns 
ſelbſt in ihrer bildlichen Wiedergabe noch mit einem Gefuͤhl des atemraubenden 
Unbehagens erfuͤllen. Natuͤrlich wäre es total falſch, unſere heutige abſtoßende 
Empfindung gegenuͤber der Unnatur jener Moden im Sinne einer Widerlegung ihrer 
damaligen erotiſchen Tendenz zu deuten. Wenn unſere Sinne auf derartig grobe 
Reize heute in entgegengeſetzter Weiſe reagieren, ſo beweiſt das nur eine Verfeinerung 
unſerer Sinne, ſonſt nichts. 

Die erſte groteske Etappe auf dem Wege der quantitativen Übertreibung der 
Beckenbreite durch kuͤnſtliche Unterlagen bildeten die ſogenannten Wulſtenroͤcke, die 
ihren Namen von rieſigen, rings um den Leib gelegten Wuͤlſten hatten. Dieſe 
Wuͤlſte, uͤber die der Oberrock drapiert wurde, machten die Frauen foͤrmlich zu wan— 
delnden Ungeheuern. Von Margareta von Valois, der tonangebenden Modekoͤnigin 
dieſer Mode, wird berichtet, daß ſie den Umfang dieſer Wuͤlſte allmaͤhlich derart 
uͤbertrieb, daß es ſchließlich nur noch ganz wenige Tuͤren im Schloß gab, durch die 
ſie zu paſſieren vermochte. Die koloſſale Ausladung der Huͤften bei dieſer Mode 
bedingte natuͤrlich ein Gegengewicht, um das Ganze organiſch erſcheinen zu laſſen. 
Dieſes Gegengewicht wurde in den ſteifen Halskrauſen, den ſogenannten Muͤhlſtein— 
kragen, entwickelt. 

In ihren typiſchen Linien ſtellte dieſe Mode die Mode des Abſolutismus dar. 
Und ſie hat auch geherrſcht, ſo lange der Abſolutismus auf ſeiner ſteilen Hoͤhe ſtand. 

Der Reifrock, der dem Wulſtenrock folgte, löſte in der erotifchen Tendenz genau 
dasſelbe Problem wie ſein Vorgaͤnger, aber er ſtellte gewiſſermaßen die beſſere 
Löſung dar. Dieſe beſtand darin: Der leichtere Draht, der die Stelle der Wulſten 
erſetzte, geſtattete die weitere uͤbertreibung der Huͤftenbreite, d. h. die Fortſetzung 
der Zeittendenz, der das mit der Groͤße zunehmende Gewicht der Wulſten ſchließlich 
ein Ziel geſetzt hatte. Die Konſtruktion der Metallreife eroͤffnete der Tendenz der 
Beckenverbreiterung ſozuſagen die unumgrenzten Moͤglichkeiten; hier ſei auch gleich 
eingeſchaltet, daß die ſpaͤtere Krinoline aus ganz demſelben Drange heraus ent— 
ſtand. Zu dieſem Vorteil geſellte ſich aber noch ein zweiter: der Reifrock loͤſte noch 
ein weiteres erotiſches Problem. Die Einfuͤhrung des Reifrocks wird in zeitgenoͤſſi⸗ 
ſchen Schilderungen auf einen Ungluͤcksfall in der Liebe zuruͤckgefuͤhrt; eine koͤnigliche 
Maitreſſe ſoll durch dieſe Mode eine vorhandene Schwangerſchaft zu verheimlichen 
geſucht haben. Im Anſchluß daran wird gemeldet, daß die Eigenſchaft, dieſem Zweck 
aufs beſte zu dienen — viel beſſer noch als der Wulſtenrock, der ebenfalls bei vielen 
Damen der Geſellſchaft den gleichen Koͤrperzuſtand zu kachieren hatte —, die abſolute 


298 


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Engliſche Modekarikatur auf die Federmode. 1790 


275. James Gillray. 


Herrſchaft der Reifrockmode begruͤndet haben ſoll. Dieſe Anſicht der Mutigeren unter 
den zeitgenoͤſſiſchen Sittenſchilderern iſt abſolut nicht ohne weiteres als phantaſtiſch 
abzutun und beiſeite zu ſchieben. Denn daß in einer Zeit, in der das Vergnuͤgen 


zum oberſten Lebenszweck der herrſchenden Klaſſen erhoben war und dieſes Ver— 
38 * 


299 


gnuͤgen hauptſaͤchlich in 
einem ausſchweifenden Lie— 
besgenuß beſtand, ſo daß 
die meiſten Frauen dieſer 
Klaſſe fortwaͤhrend mit 
unerwuͤnſchten Schwanger— 
ſchaften zu rechnen hatten 
—, daß in einer ſolchen 
Zeit eine Mode Beifall 
fand, die den Damen dieſer 
Kreiſe ermoͤglichte, ihre 
diverſen Ungluͤcksfaͤlle uͤber— 
aus lange zu verheimlichen, 
und die ſomit den gering— 
ſten Verzicht auf das Ver— 
gnuͤgen von ihnen forderte, 
iſt an ſich ganz natuͤrlich. 
Aber reſtlos iſt durch dieſen 
Vorteil weder die drei— 
malige Wiederkehr der 
Bin ich jetzt nicht die Herrin! Reifrockmode erklaͤrt, noch 


276. Thomas Rowlandſon die begeiſterte Verehrung, 
die ihm die Frauen trotz 


ſeiner ungeheuerlichen Unbequemlichkeiten immer und immer wieder zollten. Es 
mußte noch etwas anderes hinzukommen, und das war denn auch der Fall. Im 
Reifrock war durch ſeine Steifheit das oben angefuͤhrte erotiſche Problem, das ſich 
an die uͤbermaͤßige Verlaͤngerung des Rockes knuͤpft: die raffinierte Verhuͤllung zum 
Zwecke der ebenſo raffinierten Enthuͤllung am groteskeſten geloͤſt. Der Reifrock bedeutete 
die Form der Verhuͤllung, die die Frau zur haͤufigſten, zur groͤßten und zur laͤngſt— 
andauernden oͤffentlichen Enthuͤllung nicht nur verleitete, ſondern direkt zwang. Die 
reifrocktragende Dame mußte ſich, um ſich fortbewegen zu koͤnnen, um die Hinderniſſe, 
die dieſe Mode unausgeſetzt ſchuf, zu überwinden, ſtuͤndlich viele Dutzende von Malen 
vor jedermann auf das ungeheuerlichſte entbloͤßen. Die Konſtruktion des Rockes 
fuͤhrte ſogar ſelbſttaͤtig ununterbrochen zur Dekolletage von unten nach oben. Dieſe 
auffaͤllige ſelbſttaͤtige Enthuͤllung durch den Reifrock haben ſchon ſeine zeitgenoͤſſiſchen 
Schilderer konſtatiert. Der Deutſche Oſiander ſchrieb z. B.: 


„Ferner haben wir noch eine Hoffart aus fremden Landen gebracht, naͤmlich die Reif unten 
an den Weibskleidern, die haben dieſen Nutzen und Zierlichkeit: Wann ein Weibsbild nahe zu einem 
Tiſch ſteht, oder aber niederſitzen will, ſo ſtehen die oberſten Kleider von wegen des Reifes uͤber 


300 


ſich, eines Schuhs hoch, alſo daß man darunter die anderen geringen und nachgultigen Kleider 
ſehen kann.“ 

Spaͤtere Zeiten ſprachen dasſelbe nicht nur ungeſchminkter aus, ſondern ver— 
herrlichten mitunter ſogar offen die ſtete Notwendigkeit, ſich vor aller Welt enthuͤllen 
zu muͤſſen, als den beſonderen Vorzug dieſer Mode. Zahlreiche Lobredner der Krinoline, 
deren Herrſchaft die dritte Reifrockperiode darſtellt, haben dies z. B. getan, und ſie 
haben dieſe Notwendigkeit allen Ernſtes als denjenigen Vorzug dieſer Mode hervor— 
gehoben, der alle Unbequemlichkeiten, alle Qualen dieſer Mode vollſtaͤndig wettmache. 
In einem deutſchen Modeartifel aus dem Jahre 1860 über die Krinoline heißt es: 


„Die mannigfachen Unbequemlichkeiten, die der Krinoline gewiß nicht abgeſtritten werden 
ſollen, werden ſie nicht ſchon dadurch reichlich aufgewogen, daß die Frau in keiner fruͤheren Mode 
derart ihr Bein in ſeiner abſoluten Wirklichkeit den Blicken zu zeigen vermochte? Ohne den Anſtand 
auch nur im geringſten zu verletzen, vermag eine Femme du monde nicht nur den kleinen ſchmalen 
Fuß, nicht nur den zarten Knoͤchel, nicht nur die wohlgeformte Wade, ſondern noch viel mehr Reize 
ihres Beines, auf die eine ſchoͤne Frau mit Recht ſtolz iſt, vor aller Welt zu enthuͤllen und damit 
verfuͤhreriſch zu prunken.“ 


In einer aus der Zeit der unbeſchraͤnkten Herrſchaft der Krinoline ſtammenden 
laͤngeren Satire „Die umgekehrte Moral“ heißt es uͤber die neue durch die Krinoline 
geſchaffene Moral: 


277. Franzoͤſiſche Sitten- und Modekarikatur. Um 1810 


301 


„Ehedem ſchlugen in einer Geſellſchaft von Herren und Damen nur die jungen Maͤdchen 
die Augen nieder, heute tun es die Herren. Ehedem geſchah es aus Schamhaftigkeit, heute aus 
dem Gegenteil. Wenn eine Dame ehedem einem Freunde eine Gunſt bewilligen wollte, flüfterte fie 
ihm zu: ‚wenn wir ungeſtoͤrt find‘, heute ſagt fie zu ihm: ‚begleiten Sie mich bei meinem Spazier— 
gang“. Und wirklich, heute kommt die maͤnnliche Neugier auf jeder Treppe viel mehr auf ihre 
Koſten, als wenn ehedem eine Dame einem Freunde geſtattete, Zeuge zu ſein, wenn ſie ihr Kleid 
wechſelte.“ 

Auch die aktive Galanterie des Mannes unterſtuͤtzte der Reifrock. Der erſte 
Name des Reifrockes war Vertugardien, Vertugade, d. h. Tugendwaͤchter. Dieſer 
Name wurde ihm gegeben, weil er als der beſte Huͤter der weiblichen Ehre gegen 
gelegentliche Angriffe auspoſaunt wurde; „die Gelegenheit hat jetzt keine Gelegenheit 
mehr“, ſagte man. Natürlich, iſt das Gegenteil der Fall geweſen. Der „Gelegen— 
heit“ waren gerade durch die Vertugade die Hinderniſſe aus dem Wege geraͤumt 
worden. Ein franzoͤſiſcher Schriftſteller ſchreibt daruͤber: 


„Die Galanterie hatte niemals einen entgegenkommenderen Helfershelfer. Die Vertugade 
iſt die direkte Verleitung zur Galanterie, denn die Frauen koͤnnen den Maͤnnern die galanteſten 
Scherze geſtatten, ohne Furcht, ſich nachtraͤglich zu verraten. Die Vertugade, die jede Dame erſt 
emporheben muß, wenn ſie ſich ſetzen will, braucht nur heruntergelaſſen zu werden, um wie ein 
Theatervorhang jede Spur von dem zu tilgen, was zuvor vorgegangen iſt. Die Frauen wiſſen das 
zu nutzen. Und tatſaͤchlich ſagt jede Frau, die einen Reifrock trägt, zu jedem ihrer Freunde nichts 
anderes als: Monsieur, faites votre jeu! Die Frau iſt in dieſer Zeit eine Bankhalterin der Liebe, 
denn ſie geſtattet jedem, einen Einſatz zu riskieren.“ 


Wenn man alles dieſes zuſammenfaßt und ſich dabei außerdem vergegenwaͤrtigt, 
daß jede Reifrockperiode mit einer Mode der ſpekulativſten und darum ſchamloſeſten 
Enthuͤllung des Buſens verknuͤpft war, ſo iſt man vollauf berechtigt zu ſagen: dieſe 
Mode iſt in ihrer Geſamtheit die Uniform der Liederlichkeit geweſen. Sie war natuͤr— 
lich nicht Urſache, ſondern Reſultat. Und zwar eines der Reſultate des allgemeinen 
Sittenzerfalls, zu dem jede Herrſchaft des Abſolutismus, d. h. jede feudal-ariſto— 
kratiſche Klaſſenherrſchaft, in der Geſchichte hinfuͤhrt. — 

So wenig das Aufgeben der allgemeinen Dekolletierung des Buſens einen Ver— 
zicht auf die erotiſche Reizwirkung der weiblichen Bruſt durch die Mode bedeutete, 
ebenſowenig bedeutete natuͤrlich die uͤberwindung des Wulſtenrockes und des Reif— 
rockes ein Aufgeben der erotiſchen Spekulation durch die Huͤftenwoͤlbung und die 
Beckenbreite. Die buͤrgerliche Mode ſtellte in ihrem Typ nur eine andere Loͤſung 
des erotiſchen Problems dar. 

Der Verzicht auf Wulſtenrock und Reifrock und die Beſchraͤnkung der Huͤften— 
und Beckenbetonung auf die kuͤnſtliche Einſchnuͤrung der Taille fuͤhrte zunaͤchſt zu 
einer beſonderen Errungenſchaft, zur exkluſiven Markierung der Reize der Venus 
Kallipygos. Als man bewußt auf dieſes Ziel losſteuerte, begann man natürlich auch 
hier zuerſt mit der voluminoͤſen Übertreibung, denn mit dem groben Reiz ſetzt alles 


302 


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ein. Aus der Venus Kallipygos wurde die hottentottifche Venus Steatopygos ge: 
macht. Ganze Berge, foͤrmliche Kamelshoͤcker wurden nach hinten aufgetuͤrmt. Die 
letzte Wiederkehr einer ſolchen Mode liegt uͤbrigens kaum zwei Jahrzehnte hinter 
uns. Man tut gut daran, ſich an dieſe Tatſache zu erinnern, wenn man den Drang 
in ſich fühlt, über den Modewahnſinn vergangener Jahrhunderte mitleidig zu lachen. 
Allmaͤhlich begriff man jedoch, daß man zu viel pikanteren, d. h. zu viel 
wirkungsvolleren Eindruͤcken auf den Mann kommt, wenn man die Natur täufchend 
nachahmt, alſo nur dort kuͤnſtliche Unterlagen ſchafft, wo die Natur einen ſtiefmuͤtterlich 
bedacht hat — das iſt das Problem „in Kleidern nackt zu wirken“, d. h. das Mode— 
problem der Gegenwart ſeit einer Reihe von Jahren. Innerhalb dieſer Tendenz, 
der man freilich auch ſchon im Mittelalter begegnete, gab es naturlich viele 
Schwankungen, und mancherlei beſonders raffinierte Tricks wurden damit verknuͤpft. 
In der Neuzeit hat dieſe Mode ihre erſten und groͤßten, uns heute Lebende freilich 
ungemein abſtoßenden Tri— 
umphe am Ausgang der 
ſiebziger Jahre des 19. Jahr— 
hunderts gefeiert. Dem da— 
mals noch lebenden bekann— 
ten Stuttgarter Aſthetiker 
Viſcher hat dieſe Mode 
den Anlaß zu einer aus— 
gezeichneten Abhandlung 
uͤber Mode und Zynismus 
gegeben. Und da Viſcher 
nicht nur den Mut fand, 
ſondern auch die Faͤhigkeit— 
beſaß, die Dinge mit dem 
deutlichſten Namen zu 
nennen, ſo iſt es wahr— 
haft herzerquickend und fuͤr 
den Satiriker ein koͤſtliches 
Labſal, zu leſen, wie er 
gegen die Ungeheuerlich— 
keiten dieſer Mode los— 
legt. Über die Haupt⸗ 
tendenz, die zyniſche Nach— 
bildung der Reize der 
8 Venus Kallipygos im 

279. Iſabey. Franzoͤſiſche Modekarikatur Kleide, ſchreibt Viſcher: 


304 


Franzoͤſiſche Modekarikatur von Vincent 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


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ie Frauenmode unter dem Direktorium. 1797 


Albert Langen, Muͤnchen 


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LINCONVENIENT DES PERRUQUES. 
280, Charles Vernet 


„Keinen oder einen ſchlechten Hintern haben iſt immer ein aͤſthetiſches Ungluͤck. Nur ganz 
begreiflich, daß daher ein Beſtreben durch die Mode geht, dieſen Teil zu heben. Aber wie hat 
man's nun getrieben! So mit Fingern auf jene Stelle weiſen, das geht denn doch uͤber den Spaß. 
Die Natur, ja die erlaubt ſich mitunter dort ein Ornament anzubringen, daß man ſo recht hinſehen 
muß; ſie ſetzt einigen Vierfuͤßlern und vielen Voͤgeln einen Prachtſchwanz an, ſie faͤrbt einigen Affen 
zwei betreffende nackte Flaͤchen ſchoͤn zinnoberrot oder himmelblau, ſie dreht dem Pinſcher zwei nied— 
liche gelbe Wirbelchen hin in Quittenform, aber Donnerwetter! muß ihr denn der Menſch, muß 
ihr gerade das Weib ſolche Witze nachmachen? Einmal habe ich Unglaubliches geſehen, und zwar 
an einem bildſchoͤnen Weib und in hoͤlliſch noblem Salon: da ſaß mitten in dieſem Gebauſch ein 
zierliches Roͤschen juſt auf dem — nun, ich frage, ob es ein ſchickliches Wort gibt, um fortzufahren! 
Ich frage, ob ein Menſch die Ideenaſſoziation in ſich unterdruͤcken kann, die — unter anderem auch 
von den Geſetzen der Nachbarſchaft und des Kontraſtes geleitet wird, — ei pfui Teufel!“ 


Das Unanſtaͤndige in der Art der Demonſtration der kallipygiſchen Reize be— 
weiſt Viſcher durch die folgende Analyſe der betreffenden Mode: 
39 
305 


„Spannt das Kleid uͤber den Bauch, 
ſo wird Huͤfte, Schenkel und Schwellung 
gegen hinten in den Umriſſen natuͤrlich 
ganz anders aufgezeigt, als wenn ein Kleid 
in fließenden Falten fallt. Wir find, ver- 
ſteht ſich, nicht ſo abſurd, zu verlangen, 
das Weib ſolle in ihrer Kleidung die 
ſchoͤnen Linien verbergen, die ſchließlich 
mit ſeiner Geſchlechtsbeſtimmung zu— 
ſammenhaͤngen; nicht fo abſurd, der For— 
menfreude zu zuͤrnen, weil ſie ſich vom 
Reize nicht ganz trennen laͤßt; aber es 
ſind Grenzen und hier ſind ſie zu gunſten 

5 des groben Reizes uͤberſchritten. — Die 

Er PRESS m. Spannung bringt beim Sitzen zugleich 

gewiſſe Buchten mit ſich, Schattenzuͤge in 

der Leiſtengegend auf beiden Seiten und 

281. Franzoͤſiſche . Haͤßlichkeit der engliſchen nach der Schrittſtelle hin konvergierend 

— genug, genug, es iſt ſo, daß der An— 

blick ſelbſt einem Manne von nichts 

weniger als maͤdchenhaften Geſichtshautkapillargefaͤßen eine Schamroͤte für das Weib austreiben 

kann, das ſo vor ihm daſitzen mag, daß er ſein ganzes Gehirn vergeblich anſtrengt, ſich einen 

Begriff zu bilden, wie in aller Welt es moͤglich ſei, ſich ſo in Kleidern nackt vor das andere 
Geſchlecht hinzupflanzen.“ 


Den bekannten Einwand: „dem Reinen iſt alles rein; ein ſittſames Weib ſieht 
und weiß das nicht, — es iſt dein Blick, der das hineintraͤgt“, — dieſen Einwand 
fertigt Viſcher kurz und buͤndig damit ab, daß er ſagt: 


Die Engländerinnen von 1814 


„Wir kennen das, wir wiſſen, wie ſich die liebe Unſchuld im Mitmachen unſauberer Nouveautés 
verhält! . . . Empoͤren wir damit eine Unſchuld, fo wäre fie vorlaͤufig zu fragen, ob ihr unbekannt 
iſt, daß die weltfeinen Damen jetzt ſtatt des dichteren Unterrocks hirſchlederne Hoſen tragen, um 
alle Formen vom Guͤrtel bis zum Knie recht rein plaſtiſch heraus und hinein zu modellieren.“ 


Die hier gekennzeichnete Mode iſt ſicher toll, aber es gibt in der Tat noch tollere. 
Von den zahlreichen Ungeheuerlichkeiten der modiſchen Drapierung des Unterkoͤrpers, 
die allein in den letzten Jahrzehnten die ziviliſierte Menſchheit begluͤckt haben, 
ſei zur Charakteriſtik eine einzige Errungenſchaft hervorgehoben, und zwar die kuͤnſt— 
liche Vortaͤuſchung der Schwangerſchaft in ihren Anfangsſtadien. So verbluͤffend 
die Anfuͤhrung einer ſolchen Mode klingen mag, dieſe kuͤnſtliche Vortaͤuſchung war 
tatſaͤchlich einige Jahre lang Mode, und zwar Ende der ſechziger Jahre. Die ſprechen— 
den Beweiſe können wir heute noch auf jeder Inſeratenſeite der damaligen Mode— 
zeitungen zuſammentragen, denn wie man fruͤher oder ſpaͤter alle Arten „Culs“ ange— 
prieſen las, fo las man damals „Ventres A deux, trois, six mois“ angeprieſen. Das 
iſt ganz zweifellos eine ungeheuerliche Mode geweſen, denn ungeheuerlich iſt es z. B. 


306 


ſchon an und für fich, den Zuſtand der Jungfraͤulichkeit des Weibes durch die Mode 
kategoriſch auszuſchalten. Aber dieſe Mode iſt nicht allein dadurch ungeheuerlich, ſondern 
vielmehr noch wegen des Zweckes, der mit dieſer Vortäuſchung erſtrebt wurde. Es 
gibt keine hoͤhere Wuͤrde der Frau als die, Gebaͤrerin neuen Lebens zu ſein. Nichts 
aber lag dieſer Mode ferner als der Zweck, die erhabene Wuͤrde der Mutterſchaft zu 
ſymboliſieren, dagegen war ihr offenkundiger Zweck der, mit der kuͤnſtlichen Vortaͤuſchung 
dieſes Zuſtandes eine grobe ſinnliche Spekulation zu treiben. Daß nichts anderes 
der Zweck war, wenn ſich jedes weibliche Weſen ohne Ausnahme vom Tage der jung— 
fraͤulichen Reife an in „intereſſanten Umſtaͤnden“ der Offentlichkeit praͤſentierte, iſt 
ſehr leicht zu erweiſen. Die wirklich ſchwangere Frau wirkt auf den normalen 
Menſchen nichts weniger als pikant; die entſtellenden Spuren der Mutterwuͤrde im 
Geſicht, die von den Schmerzen der Mutterwuͤrde kuͤnden, floͤßen ganz andere Empfin— 
dungen ein: die des Verantwortlichkeitsgefuͤhles und die der Hochachtung. Ein ganz 
ander Ding dagegen iſt es, wenn dieſe Spuren fehlen, wenn mit dem bluͤhendſten 
Geſichtchen, mit der unbefangenſten Miene einzig und allein die andere „Folge“ zur 
Schau geſtellt wird. Wenn das Geſicht den Leib Luͤgen ſtraft, dann iſt die Frau 
wirklich in „intereſſanten Umſtaͤnden“, intereſſant als Inſtrument der Wolluſt, denn 
dann iſt dieſer fingierte Zuſtand nichts anderes als ein grotesker Hinweis auf „das 
Spiel, bei dem man aus Jungfrauen Frauen macht“. Der Anblick einer ſolchen 
Frau kann in der Phantaſie des Mannes keine anderen als erotiſche Gedanken aus— 
loͤſen, denn er ſieht nun nicht die werdende Mutter in der Frau vor ſich, ſondern 


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1780 und 1817 
282, Engliſche Karikatur 
39 * 
307 


eben nur das zur Wolluſt geeignete Inſtrument, das ihm immer nur das eine zu ver— 
ſtehen gibt: dafuͤr allein bin ich da, dafuͤr nimm mich. 

Die einzige Logik, die dieſe Mode zulaͤßt, — denn jedes Ding hat eben ſeine 
innere Logik —, iſt die: die Phantaſie des Mannes, die infolge ſeiner Aktivitaͤt im 
Geſchlechtsleben und infolge der ganzen Organiſation unſerer Geſellſchaftsordnung 
ſowieſo in der Frau in erſter Linie das ſinnliche Genußobjekt ſieht, ſollte kuͤnſtlich 
geradezu dazu aufgepeitſcht werden, jeder Frau gegenuͤber und ununterbrochen keine 
anderen als ſinnliche Gedanken zu bekommen; alle anderen Gedanken ſollten ſyſte— 
matiſch in den Hintergrund gedruͤckt werden. 

Man mag ſich drehen und wenden, das iſt und bleibt die innere Logik dieſer 
infamen Mode. Dieſe Konſequenzen ſind zyniſch, aber es iſt der Zynismus der 
hiſtoriſchen Wirklichkeit. Fuͤr die Geſchichte der Mode, d. h. fuͤr die Erkenntnis der 
Geſetze, die in ihr wirken, ſind aber gerade ſolche Modeerrungenſchaften von emi— 
nentem dokumentariſchem Werte. Sie entſchleiern das Geheimnis der Modetendenz 

geradezu augenfaͤllig und 
nis 3 ſchlagen alle Spintiſiererei, 
— ; die das Nebenſächliche zum 


e e ee, , e, 
EN 5 


e e nt e,; Weſenskern machen will, 


platt zu Boden. — 


Die uͤbermaͤßige Ver— 
laͤngerung des Rockes zur 
Schleppe war, wie oben 
geſagt worden iſt, die erſte 
auffaͤllige Modetendenz des 
Rockes. Der Schleppe 
galten darum wohl die 
fruͤheſten ſatiriſchen An— 
griffe. Bereits um 1180 
ſchrieb ein Schriftſteller mit 
Namen Gaufredus Voſien— 
ſis: „Die Frauen ſchreiten 
mit ihren langen Kleidern 
einher gleich den Schlan— 
gen“. Einen der inter— 
eſſanteſten Angriffe auf die 


A sNue BIETE IN A SHOWER Schleppe enthält der ſchon 
5 = mu: — einmal zitierte Ritterroman 


283. Engliſche Karikatur auf die großen Huͤte. Roman de la Rose aus 


308 


Eine Theaterloge im Jahre 1829 


284. Engliſche Karikatur 


dem 13. Jahrhundert. Die betreffende Stelle iſt dadurch beſonders intereſſant, weil 
fie zeigt, daß man damals ſchon ganz dieſelben hygieniſchen Einwaͤnde gegen die 
Schleppe erhob, mit denen man ſie heute noch bekaͤmpft. Die Stelle lautet: 

„Die Damen ziehen ihre Schleppen mehr als eine Elle hinter ſich her und ſuͤndigen damit 
ganz wunderbar, weil ſie mit ſchwerem Gelde ſie erkaufen, Chriſtus in den Armen berauben, Floͤhe 
ſammeln, die Erde bedecken, in der Kirche die Andaͤchtigen im Gebete ſtoͤren, den Staub aufwuͤhlen 
und aufwirbeln, die Kirchen dadurch verduͤſtern, die Altaͤre gleichſam beraͤuchern, die heiligen Stellen 
mit Staub beſchmutzen und entweihen, und auf eben dieſen Schleppen den Teufel tragen und 
fahren. Meiſter Jakobus ſagt, ein gewiſſer Heiliger habe den Teufel lachen geſehen, und als er 
ihn gefragt, warum er lache, habe er geantwortet, daß eine Dame, wie ſie zur Kirche ging, auf 
ihrer Schleppe einen ſeiner Genoſſen fuhr, und als ſie, um eine ſchmutzige Stelle zu uͤberſchreiten, 
das Kleid aufhob, ſei der Teufel in den Schmutz gefallen.“ 

Das letzte Bild wurde ebenfalls von der Karikatur uͤbernommen, wie das der 
Schlange (Bild 246). Im Volksmunde nannte man im 15. und 16. Jahrhundert 
die Schleppe „den Tanzplatz des Teufels“, denn in der Schleppe fand man, wie 
oben geſagt iſt, das faule Nichtstuertum modiſch ſymboliſiert; und wer nichts ar— 
beitet, der leiht nach der begreiflichen Logik jener Zeiten allem Boͤſen ſein Ohr. Eine 
weitere Karikatur auf die Schleppe zeigt das Bild: Der Teufel als Modedame. Um 
die uͤbertriebene Laͤnge der Schleppe zu kennzeichnen, iſt dieſe geknotet, genau ſo wie 
die langen Prunkaͤrmel, gegen die ſich dieſe Karikatur ebenfalls richtet (Bild 245). 


309 


Die Straßenſchleppe 

iſt in ſpaͤteren Jahrhun— 

a = derten verschiedene Male 
I Mode gewefen, fo z. B. 
in der großen franzoͤſiſchen 

Revolution und in der 


1 o de 1830. 


ganzen Zeit des Empire. 
In allen dieſen Zeiten hat 
ſie auch vortrefflichen Stoff 
zu Karikaturen geliefert. 
Fuͤr die Revolutionszeit 
belegt dies z. B. uͤberaus 
koͤſtlich das ausgezeich— 
nete Blatt „Ah, sil y 
voyait! ... von Vincent. 
Ach, er ſoll doch ſchauen! 
— der arme Blinde wäre 
ſicherlich ſehr zufrieden, 
wenn er die Schoͤnheiten 
ſchauen koͤnnte, die durch 
ſeine Ungeſchicklichkeit 
offenbar wurden! Siehe 
Beilage). 

Heute iſt die Schleppe von der Straße verſchwunden, herrſchend aber iſt immer 
noch das Schleppenrudiment, der uͤbermaͤßig lange Rock, mit dem die Dame jahr— 
aus, jahrein in ekelerregender Weiſe die Straße fegt. Ein ſolches Schleppen— 
rudiment, aufgeputzt mit Ruͤſchen und Volants, eignete auch der Mode von 1877, 
gegen die Viſcher in ſeiner oben zitierten Arbeit „Mode und Zynismus“ ſo ſchneidig 
ins Feld geritten iſt. Das widerliche Gebammel dieſes Schleppenrudimentes ſatiri— 
ſiert Viſcher in folgenden Saͤtzen: 

„Marſchieren heißt hier in Knieſchellen ſich fortſchieben, heißt ſich durch ein Geſtruͤpp hin— 
durcharbeiten, das man nicht im Wege findet, ſondern mitbringt. O Rhythmus, o Muſik eines 


ſchoͤnen Ganges, wie willſt du aufkommen gegen all den Salat! . . . Die linke Ferſe ſchleudert 
dieſen Faltenbuͤſchel nach rechts, die rechte nach links: ein Gebaumel widerlich laͤcherlichen Effekts.“ 


285, Charles Philipon. Franzoͤſiſche Modekarikatur. 1830 


Fuͤr die Karikatur war dieſer „Salat“ ſicher ein ſehr dankbarer Stoff, aber 
dieſe Mode fiel zeitlich mit dem größten kuͤnſtleriſchen Tiefſtande des 19. Jahrhun— 
derts zuſammen, und ſo zeugen nur ganz mittelmaͤßige Dokumente von dieſer Mode 
(Bild 306). 

Die wichtigſte Modetendenz des Rockes, die Betonung der Hüften und Lenden 


310 


durch Aufpolſterung, wurde natürlich ſchon deshalb von Anfang an verfpottet, weil 
dieſe Tendenz zuerſt ins Grobe und Auffällige ging und ſelbſt in der Wirklichkeit zu 
wahrhaft grotesken Formen fuͤhrte. 

Die naͤchſtliegende Form der literariſchen Verſpottung dieſer Modeungeheuer— 
lichkeit war natuͤrlich die groteske ſatiriſche Schilderung der Situationen, die dieſe 
Mode herbeifuͤhrte, d. h. ihrer unvermeidlichen Unannehmlichkeiten. Dieſe Schil— 
derung bildete den Gegenſtand zahlreicher illuſtrierter Flugblaͤtter. Aus einem dieſer 
Flugblaͤtter moͤgen die folgenden Verſe eine Probe geben: 


„In Kutſchen ſehen ſie als wie die Wolkenſitzer, 

Man ſieht von ihrem Aug' kaum einen ſcharfen Blitzer, 
Dieweil der Reifrock ſich in alle Hoͤh erſtreckt, 

So daß er manchesmal das halb' Geſicht bedeckt. 

Es kann kein Kavalier mehr neben ihnen gehen, 

Er muß beinah drei Schritt vom Frauenzimmer ſtehen, 
So daß ja, wenn er will von ihnen einen Kuß, 

Er ſolchen mit Gefahr des Lebens wagen muß. 

Denn wer das Honig will von ihren Lippen ſaugen, 
Der muß jetzt Stuͤhl und Baͤnk' und Feuerleitern brauchen, 
Bis er zum Purpurmund nur hin gelangen kann, 

Und mit viel Angſt und Muͤh ſein Opfer bringet an.“ 


War das die vorherrſchende 
Form der Verſpottung dieſer Mode, 
ſo unterließ man daneben auch 
nicht, in hoͤhniſcher Weiſe auf die 
Entſtehung und den angeblich 
eigentlichen Zweck dieſer Mode hin— 
zuweiſen: Schwangerſchaft, haupt— 
ſaͤchlich unerwuͤnſchte, vor den 
Blicken der Welt zu verbergen. 
So ſchrieb z. B. Moſcheroſch in 
„Alamode Kehraus“: 


„Eine loſe Schandhur, die mit 
einem unehrlichen Kinde ſchwanger 
gangen und ſolchen ihren unehrlichen 
Bauch vor der Welt verdecken wollen, 
hat die große Gepulſter und Reifſchuͤrtze 
anfangs erdacht und aufgebracht. 
Dannenhero die Franzoſen ſelbſt ſolche 
gepulſterte Weiberkleidung Cache -Bas- 
tards, Blinde Baſtardt oder Huren— 
kleider zu nennen pflegen.“ 286. Charles Philipon. Franzoͤſiſche Modekarikatur. 1831 


311 


Die Ballkoͤnigin 


287. Bourdet. 1835 


Dieſe Methode der Bekaͤmpfung uͤbte man in allen Laͤndern, und zwar gleich 
beim Auftauchen der Wulſtenroͤcke. Eine franzoͤſiſche Satire aus dem 16. Jahr— 
hundert, die ſich gegen die Vertugade wandte, traͤgt den folgenden Titel: 


„La source du gros fessier des nourrices et la raison pourquoi elles sont si fendues 
entre les jambes avec la complainte de Mr. le Cul contre les inventeurs des vertugades et 
une chanson pour la reponse et consolation des Dames.“ 

Diefer Titel fpielt, wie man fieht, auch auf die aktive Galanterie an, der die 
Vertugade Vorſchub leiſtete. Man wird vielleicht einwenden, daß dieſe angebliche 
Eigenſchaft wahrſcheinlich eine boshafte Unterſchiebung durch die Satiriker geweſen 
ſei. Daß dies nicht der Fall geweſen iſt, dafuͤr haben wir jedoch einen ebenſo 
einfachen wie unwiderlegbaren Beweis zur Hand, und zwar in den offiziellen Namen, 
mit denen dieſes Kleidungsſtuͤck ſeinerzeit benannt wurde. Sie knuͤpfen meiſtens an 
derb erotiſche und zwar handgreifliche Galanterien an. Dieſe Tatſache iſt fuͤr die 
ſittliche Qualifikation dieſer Zeit ſehr charakteriſtiſch, denn dieſe, des niederſten 
Zuhaͤlterwitzes wuͤrdige Namen waren nachweislich im Munde der vornehmſten 
Damen. 

uͤber die „Muͤhlſteinkragen“, die Mode der rieſigen Halskrauſen, die, wie geſagt, 
mit der Mode der Wulſten- und Reifroͤcke Hand in Hand ging, und freilich von den 
Maͤnnern in gleicher Weiſe kultiviert wurde, ſpottete man aͤhnlich: 


312 


— 


| 


u Mode 0 auuee proehaiuie. 


2 


Franzoͤſiſche Modekarikatur von Charles Philippon. 1832 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


„Macht Platz, ihr Leut, jetzt kommt die Sau, Mit großen Kragen einhergeht, 
Welch ſich verwandelt in ein Pfau, Damit ziert er ſein Gravitaͤt.“ 

Auch in der bildlichen Satiriſierung der Wulſten- und Reifroͤcke wurde auf den 
angeblichen Urſprung dieſer Mode: den Zweck, eine Schwangerſchaft zu verbergen, 
mehrfach hingewieſen, und zwar gewoͤhnlich in der Form, daß dargeſtellt wurde, wie 
eine ſchwangere Frau ſich eine ſolche Wulſt — „Cachenfant“ — umband, oder 
umbinden ließ. Einen Beleg dafuͤr bietet eine intereſſante hollaͤndiſche Karikatur auf 
die Wulſtenroͤcke aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts: „Un cachenfant comme 
les autres me faut porter“ — ſo erklaͤrt die eine der beiden Kundinnen und laͤßt 
ſich die rieſige Wulſt um den ſchwangeren Leib binden (Bild 249). Dieſe Karikatur 
hellt aber auch den anderen, den wohl wichtigeren Zweck dieſer Mode auf: die Vor— 
taͤuſchung runder Hüften und Lenden. „Venez belles filles avec fesses maigres: 
Bientöt les ferai-je rondes et alaigres“ — mit dieſen Worten werden die Frauen 
angelockt. Deutlicher kann das Geheimnis dieſer Mode doch nicht entſchleiert werden. 
Die Mode der ſpaniſchen Halskrauſen oder der Muͤhlſteinkragen, gegen die ſich dieſes 
Blatt ſchließlich auch noch wendet, wurde auch mehrfach allein zum Gegenſtand einer 
Karikatur gemacht. Einen Beleg dafuͤr bietet das Blatt „Der Kragenſetzer“. Selbſt— 
verſtaͤndlich hat der Teufel dieſe Mode aufgebracht, er propagiert ſie, er blaͤſt das 
Feuer, in dem die Brenneiſen heiß gemacht werden, er ſchert die Kragen und er 
legt fie ſogar eigenhändig den hoffaͤrtigen Menſchen an (Bild 251). 

Als der Reifrock den Wulſtenrock ab— 
loͤſte, wurden die Vorzuͤge des Reifrockes 
von den Frauen in allen Tonarten geprieſen. 
Natuͤrlich wurde die neue Mode auch mit 
Gruͤnden der Vernunft verherrlicht, als be— 
quem zum Gehen, als leicht und deshalb 
geſund gegenuͤber der Laſt der ſchweren 
Wulſtenroͤcke uſw., was an ſich gewiß richtig 
war. Die Satire pfiff jedoch ein anderes 
Lied, ſie erklaͤrte: die Einfuͤhrung des Reif— 
rockes habe einen anderen Grund, und zwar 
den: die Frauen wuͤrden immer frivoler und 
leichtfertiger, ſie wollten ihre Amants ſtets 
bei ſich haben, ſich keine Stunde mehr von 
ihnen trennen. Um ſie nun noͤtigenfalls vor 
den Blicken des Gatten oder der Eltern ver— 


4 
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Guädige Frau, ich bin allerdings gern galant gegen 


bergen zu koͤnnen, habe man die Roͤcke mit Damen, allein Sie ſehen ſelbſt — mehr zu thun iſt uns 
: ‚ ev möglich. — 
Reifen verſehen und ſo ein vorzuͤgliches und i f SE 
? 5 5 5 288. Karikatur auf die Vorlaͤuferin der Krinoline. 
auch das geeignetſte Verſteck fuͤr einen Lieb— Fliegende Blätter. 1845 
40 


313 


haber erdacht. Auf dieſelbe Weiſe wurde ein— 
mal auch die Entſtehung der rieſigen mantel— 
artigen Armel erflärt (Bild 250). 

Der deutſchen Alamodetracht, die in der 
zweiten Haͤlfte des 17. Jahrhunderts aufkam, 
wurden beſonders viel ſatiriſche Flugblaͤtter ge— 
widmet; der Hauptvorwurf, den man gegen ſie 
erhob, war der der Franzoſen-Nachaͤfferei. Ein 
ſolches ſatiriſches Flugblatt zeigt das Bild „A 
la Modo Matressen“, dieſes Blatt illuſtriert ſehr 
charakteriſtiſch die umſtaͤndliche Manier der da— 
maligen Satire (Bild 25. 

Als die Reifrockmode im 18. Jahrhundert, 
im Zeitalter Ludwigs XV., ihre groteskeſte Ent— 

f i 5 faltung erlebte, da war es fuͤr die Karikatur 

Die drei Grazien. ; 5 5 

Mach Canova — aber ſehr ſpat! faktiſch gar nicht mehr moͤglich, die Wirklichkeit 

289. John Tenniel. Englifche Karikatur auß zu uͤberbieten. Und ſo huͤbſch und grotesk z. B. 

den Bloobmerismus. Punch, London. 1857 auch Blaͤtter wie das von Boitard, „Die Mode 

von 1745“ (Bild 255) ſind, ſo ſind es eben 

doch nur Wirklichkeitsbilder, und zwar ſolche, die noch nicht einmal die hoͤchſte Ent— 

faltung dieſer Mode illuſtrieren. Um dies zu beweiſen, genuͤgt es, an die be— 

ruͤhmten Kupfer von St. Aubin und noch mehr an die des juͤngeren Moreau, die jedem 
Kunſtkenner bekannt ſind, zu erinnern. 

Als die Reifrockmode in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Krinoline zum 
drittenmal auferſtand und ihren Triumphzug uͤber die ganze Welt hielt, war die 
Satire nicht mehr auf das vom Zufall inſpirierte Einzelflugblatt beſchraͤnkt, ſondern 
ſie hatte jetzt in der periodiſch erſcheinenden Witzblattpreſſe die Form gefunden, in 
der ſie ſyſtematiſch den Intereſſen des Tages diente. Durch dieſe Entwicklung hatte 
ſich die Front der Angreifer natuͤrlich unendlich ausgedehnt, und ſo kam es, daß die 
Zahl der Karikaturen auf die Krinoline alles in Schatten ſtellte, was bis dahin jemals 
an Modekarikaturen erſchienen war. Freilich, daß die Zahl der Karikaturen auf 
die Krinoline zu einer derartigen Hochflut anſchwoll, daß dieſe ſelbſt bis zum heutigen 
Tage einzig daſteht, das hing natuͤrlich noch mit einer Reihe anderer Faktoren zu— 
ſammen. Nicht der geringſte war der, daß dieſe grotesk-tolle Mode nichts anderes 
als der geſellſchaftliche und modiſche Reflex des ſieghaften Bonapartismus war. Wie 
dieſer politiſch, fo ſiegte fie mit derſelben Methode geſellſchaftlich; frech und anmaßend 
uͤberrannte ſie alle Vernunft. Die Krinoline entſprach weiter in geradezu idealer 
Weiſe der Protzigkeit und dem Talmicharakter des Parvenuzeitalters, das damals in 
Europa als Folge der ſo jaͤh einſetzenden kapitaliſtiſchen Entwicklung anhob, und das 


314 


in einem auffälligen Luxus einzig den Beweis der Zahlungsfaͤhigkeit erblickte. Denn 
das iſt das Merkmal aller ſolcher Zeiten, ſie ſind von der Tendenz beherrſcht, eine 
Form zu finden, die es jedem einzelnen ermoͤglicht, auf ſich aufmerkſam zu machen, 
die unausgeſetzt jedem in die Ohren bruͤllt: Aufgepaßt, jetzt komme Ich! Dieſe Form 
war in der Krinoline gefunden; die Krinoline ergab ſich als die geeignetſte Uniform 
des Luxus. Das erotiſche Problem, das die Krinoline loͤſte, die unausgeſetzte ſcham— 
loſe Enthuͤllung des auf ſo abenteuerlich-groteske Weiſe verhuͤllten Koͤrpers, das ent— 
ſprach natuͤrlich auch beſſer als alle anderen Modeformen der Kokottenmoral, die 
naturnotwendig in dieſem Parvenuzeitalter allgemein herrſchend werden mußte. Aus 
allen dieſen Gruͤnden wurde die Krinoline in der Mode abſolut herrſchend, und zwar 
genau ſo abſolut in der entfernteſten Provinzſtadt wie in der Kapitale, beim zimper— 
lichen Philiſterium ebenſo wie bei der Grande Cocotterie. 

Daß die Krinoline mit jeder Wendung alle ſittlichen und aͤſthetiſchen Forderungen, 
die das verfeinerte Empfinden des 19. Jahrhunderts allmaͤhlich entwickelt hatte, auf 
das groͤblichſte bruͤskierte, — das feste unter ſolchen Umſtaͤnden ihrer Verbreitung keinen 
Damm entgegen; dieſe Tatſache vermochte hoͤchſtens den Stoff fuͤr die ſatiriſche Kenn— 
zeichnung der Krinoline zu liefern, und ſie hat ihn auch in Maſſe geliefert. Frei— 
lich muß man ſofort erwei— 
ternd hinzuſetzen, daß es mit 
der ſittlichen Tendenz dieſer 
Karikaturen nicht allzuweit 
her war, die meiſten ſind ent— 
ſtanden, dem frivolen Geiſt 
der Zeit mit unterhaltendem 
Schellengeklapper zu dienen, 
und nicht, ihn zu züchtigen. 
Das beweiſt uͤberzeugend 
jede eingehende Revue dieſer 
Karikaturen, aber es beweiſt 
dies ebenſo deutlich auch 
ſchon ein einziger Blick, den 
man auf die Krinolinen— 
karikaturen wirft. Denn ſchon 
dieſer offenbart die ſpekulative 
Ausnuͤtzung eines beſtimmten 
Motives. Das Hauptmotiv 
wurde von den Karikaturiſten 
vorwiegend in den grotesken Vertauſchte Rollen 


z ; 
Enthuͤllungen gefunden, die 290. John Leech. Engliſche Karikatur auf den Bloomerismus. Punch 1851 
40* 


3 


Darjou. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Krinoline 


der Zufall immer und immer wieder herbeifuͤhrte. „Es geht nicht!“ murmelt die 
elegante Dame, als ſie einen Park an einem nur fuͤr Fußgaͤnger reſervierten Aus— 
gang verlaſſen will (Bild 27). Aber ihre uͤberlegung dauert nur eine kurze Sekunde 
— „Es geht doch!“ Und warum geht es? Nun, man rafft eben die Roͤcke ſo hoch, 
wie es die Umſtaͤnde in dieſem Falle gebieten (Bild 298). Gewiß iſt es im allgemeinen 
hoͤchſt unanſtaͤndig von einer Dame, die Roͤcke oͤffentlich derart hochzuheben, daß ſelbſt 
die intimſten Kleidungsſtuͤcke oſtentativ den Blicken gezeigt werden, aber jede Mode 
redigiert eben die Geſetze der oͤffentlichen Sittlichkeit nach ihren Bedingungen, und 
ſo iſt es in der Zeit der abſoluten Herrſchaft der Krinoline jeder Dame ohne weiteres 
geſtattet, ſich auf dieſe Weiſe zu helfen. Da ſie mit ſolchen Zufaͤlligkeiten rechnet, ſo 
iſt naͤmlich auch ihre intime Kleidung darauf eingerichtet. Nicht daß ſie dezent verhuͤllende 
Unterkleidung truͤge, o nein, aber ihre Unterkleidung iſt nach der neueſten Mode, Roͤcke, 
Beinkleider, Struͤmpfe, Strumpfbaͤnder, alles iſt nach der neueſten Mode, und darum 
braucht ſie ſich nach den herrſchenden Begriffen der öffentlichen Sittlichkeit nicht zu 
genieren, dieſe Dinge der maͤnnlichen Neugier preiszugeben. Wuͤrde freilich das 
Gegenteil beim Raffen der Kleider zu Tage kommen: daß nicht jedes Stuͤck ihrer 


316 


intimen Wäfche nach der neueſten Mode wäre, dann allerdings — das wäre unan— 
ftändig, das wäre very shocking indeed. 

Das iſt ein einziges Bild, aber es iſt das Thema der meiſten, und darum ſind ſie 
auch alle mit dieſer Anfuͤhrung erledigt. Dem grotesken Humor, der tendenzlos dem 
Lachen dienen will, hat die Krinoline natuͤrlich auch die dankbarſten Motive geliefert, 
das erhellt jeder Blick in die „Fliegenden Blaͤtter“, den „Punch“ und den „Charivari“ 
in jenen Jahren; hier illuſtrieren es die Bilder von Darjou, Rops und Daumier uſw. 
(Bild 291—293). 

Die Konzentration der Rockmode auf die Betonung der Reize der Venus Kalli— 
pygos war fuͤr die Karikatur natuͤrlich beſonders bei jenen Moden ſehr dankbar, die 
dieſe Reize durch mehr oder minder auftragende Polſterungen, durch die hundert 
Formen der kuͤnſtlichen „Culs“ wirkungsvoller zu machen glaubten. Den Beweis 
liefern das huͤbſche Blatt von Rowlandſon mit dem ſchwer uͤbertragbaren Titel „The 
bum shop“ (Bild 262) und die bereits oben zitierten Bilder 260 und 261, die ſich 
gleichzeitig gegen die modiſche Übertreibung der Bufenfülle wendeten. 

War die peinlich ge: 
naue Nachzeichnung der 
Wirklichkeit, wie ſchon er— 
klaͤrt worden iſt, fuͤr die 
Karikatur nicht in dieſem 
hohen Maße dankbar, ſo 
haben doch manche Tricks, 
mit denen auf das „Wirklich— 
keitsbild“ demonſtrativ hin— 
gewieſen wurde, ein herz— 
haftes ſatiriſches Zugreifen 
ermoͤglicht, d. h. wenigſtens der 
literariſchen Satire. Die an— 
gefuͤhrten Zitate aus Viſchers 
Philippika beweiſen es. 


Es iſt bereits oben ge— 
ſagt worden, daß die Beto— 
nung der groͤßeren weiblichen 
Beckenbreite und der For— 
men des Buſens gewoͤhnlich — Le fait est qu’elles manquaient un peu de Crinoline. 
auch durch die negative Me⸗ 292. Felicien Rops. Eulenſpiegel. Bruſſel 


— Etaient-elles dröles, ces femmes du temps des Romains! 


317 


thode, durch die Fünftliche Verengerung der natürlichen Taillenenge unterſtuͤtzt wird. 
Die kuͤnſtliche Taillenverengerung iſt aber auch, wie ebenfalls ſchon geſagt iſt, Selbſt— 
zweck, da eine ſchmale Taille nicht weniger als runde Huͤften und ein aufrecht— 
ſtehender Buſen zu den geſchaͤtzteſten Raſſeſchoͤnheiten der mittellaͤndiſchen Frau zaͤhlt. 
Das Zuſammenwirken dieſer beiden Tendenzen hat in feiner hoͤchſten modiſchen Ent— 
wicklung zur ſogenannten Weſpentaille als einem Ideal der weiblichen Figur gefuͤhrt. 
Dieſe hoͤchſte modiſche Entwicklung wurde fchon fehr früh erreicht, denn ſchon das 
Altertum kannte die Weſpentaille. Leider iſt ſie auch das Ideal aller Zeiten ge— 
blieben, denn ſie kehrte immer und immer wieder, und noch in den achtziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts hat die Frauenmode in dieſer Richtung Orgien gefeiert, 
die den Zeiten der ungeheuerlichſten Modekuͤhnheiten nichts oder wenigſtens nicht viel 
nachgaben. So alt wie die Tendenz der Tailleneinſchnuͤrung iſt auch das Inſtrument, 
das dieſem Zweck dient, der Guͤrtel, denn dieſer iſt die Ausgangsform der Schnuͤr— 
bruſt oder des Korſetts. Schnuͤrbruſt und Korſett ſind nur die „zweckentſprechen— 
deren“, die „hoͤher entwickelten“ Formen des Guͤrtels, wie dieſer wiederum nichts 


— Dieſe Dame muß ſicher zuviel gegeſſen haben, daß ſie ſo dick geworden iſt. 


293. Honoré Daumier. Journal amuſant 


318 


anderes iſt als die Fort: 
ſetzung des erſten Kleider— 
ſchmuckes, den die Frau 
uͤberhaupt anlegte: die mit 
Perlen oder Muſcheln ver— 
zierte Huͤftenſchnur; daß die 
Taille markiert wurde, damit 
fing die weibliche Kleidung an. 

Der edlere Geſchmack, 
der die uͤbertriebene Ein— 
ſchnuͤrung der Taille haͤßlich 
finden mußte, und die Ein- ö a 
ſicht in die Gefahren, die Das Tier der Wuͤſte liebt die Freiheit; der Adler ſchwebt frei durch 

die Lüfte, und auch der Buſen liebt die Freiheit; erkundigt euch bei der 
das ſtarke Schnuͤren der Mode, ob es nicht fo it. 
Geſundheit der Frau brachte, 294. Induſtrielle Humoriſt. Hamburg. 1868 
haben ſchon frühzeitig zur 
Oppoſition gegen das Korſett gefuͤhrt. Dieſe Oppoſition iſt ſchließlich in der zweiten 
Haͤlfte des 19. Jahrhunderts zu einem wahren Sturmlaufe gegen das Korſett ge— 
worden, bei dem alle Tonarten, vom groͤbſten Spott bis zur ernſteſten Ermahnung, 
erklungen ſind. Aber alles iſt umſonſt geweſen, wohlgemerkt: alles! Der Orkan der 
ſittlichen Entruͤſtung über das Korfett brauſt heute ebenſo wirkungslos wie ehedem. 
Doch halt, wir wollen nicht ungerecht ſein, ein großes Reſultat iſt in den letzten 
Jahrzehnten erzielt worden — der Name hat bei den zur Vernunft bekehrten Frauen 
gewechſelt. Statt Korſett ſagen ſie heute Geſundheitsguͤrtel, Reformleibchen, Bruſt— 
guͤrtel, Hygieia uſw. 

Da „man“ in Anbetracht der vielen uͤberzeugenden Gruͤnde, die gegen das 
Korſett ſprechen, das negative Reſultat in der Bekaͤmpfung des Korſetts nicht zu 
faſſen vermag, fo wird gewöhnlich nur von der nicht zu uͤberwindenden Unvernunft 
der Frauen — „Lange Haare, kurzer Sinn“ — geredet. In Wirklichkeit iſt die 
groͤßere Portion Unvernunft auf der Seite der Korſettgegner, die nicht imſtande find, 
einzuſehen, daß die Frau heute das Korſett abſolut nicht entbehren kann, daß ſie es 
kraft der brutalen Logik des Konkurrenzkampfes, den ſie um den Mann zu fuͤhren 
gezwungen iſt, abſolut nicht preisgeben darf. Die prinzipiellen Korſettgegner urteilen 
und handeln unhiſtoriſch. Sie uͤberſehen die wahre Bedeutung des Korſetts, uͤberſehen, 
daß es ein integrierender Beſtandteil der ganzen ſozialen Frage iſt, und daß alſo in— 
folgedeſſen die „Korſettfrage“ nur im Zuſammenhang mit dieſer zu loͤſen iſt. Dieſes 
uͤberſehen paſſiert ihnen aber, weil fie die Logik des weiblichen Konkurrenzkampfes 
gefliſſentlich mißachten oder auch verkennen: das Auffallenmuͤſſen und die Notwen— 
digkeit, beim Manne Begierden zu erwecken. Es iſt freilich bequemer, dieſe fatale 


319 


Frage zu umgehen; man kann der 
zarten Seelen ſchonen und doch end— 
los darauflosſalbadern. Das iſt 
alles nicht moͤglich, wenn man 
hiſtoriſch denkt und unbeirrt die 
Konſequenzen zieht. Tut man dies, 
dann lautet freilich ſchon der zweite 
Satz: Um aufzufallen und Begier— 
den zu erwecken, dazu braucht die 
Frau das die Wirklichkeit korrigie— 
rende Korſett. „Aber die ſchoͤnen 
Frauen doch nicht?“ — wird man 
vielleicht einwenden. Jawohl, auch 
die ſchoͤnen Frauen! Auch die 
wenigen unter den vielen! Und 
das iſt ja eben das Wichtige und 
Entſcheidende. Es handelt ſich doch 
gar nicht um die Harmonie, ſondern um die Disharmonie, um das Betonen einzelner 
Linien auf Koſten anderer. Und das kann nur durch uͤbertreiben im Poſitiven und 
im Negativen erreicht werden; das ſetzt aber wiederum ein Hilfsmittel voraus, ohne 
das auch die ſchoͤne, oder wenn man ſo ſagen will, wohlproportionierte Frau nur 
ſelten auskommt. Und dieſes Hilfsmittel iſt eben das Korſett. Es kommt hinzu, 
daß das Geſunde und Natuͤrliche nur in den ſeltenſten Faͤllen „Mode“ iſt; iſt es aber 
wirklich einmal der Fall, dann iſt meiſtens nur eine beſtimmte Form davon der 
Idealtyp und nicht die Fuͤlle der Verſchiedenheit, in der ſich die Natur gefaͤllt. Aber 
die Disharmonie iſt andererſeits wiederum, wie oben gezeigt worden iſt, kein ewiger 
Begriff, d. h. er repraͤſentiert keine unwandelbare Form, ſondern er folgt allen jeweiligen 
Kulturtendenzen, muß ihnen folgen, weil alles ein Lebendes iſt. Was folgt daraus? 
Nun nichts anderes als das: Die Frau braucht unbedingt ein Hilfsmittel und einen 
Verwandlungsapparat, um den jeweils herrſchenden Tendenzen gerecht zu werden, um 


295. Cham. Karikatur auf den Chignon. Charivari 1868 


ſich, grotesk ausgedruͤckt, von heute auf morgen umkneten zu können. Dieſen unent— 
behrlichen Verwandlungsapparat hat ſie ſich im Korſett geſchaffen. 


Wenn man die Bedeutung des Korſetts fuͤr die Frau in einigen wenigen 
Saͤtzen erlaͤutern will, ſo kann man ſagen: Das Korſett iſt fuͤr die Frau das Inſtru— 
ment, durch das einzig und allein das jedem Individuum angeborene Beſtreben, als 
ein vollendetes Exemplar ſeiner Raſſe zu gelten, zum Ziele kommt. Daraus aber 
folgt: Das Korſett dient ſowohl der allgemeinen Tendenz der Kleidung, als auch 
den beſonderen Tendenzen der voruͤbergehenden Mode, und es dient nicht weniger 
den Launen und Intereſſen des einzelnen Individuums, ſei es, um Vorzuͤge zu demon— 


320 


Deutsche Modekarikatur auf die Krinoline. Um 1860 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


ſtrieren, ſei es, um Fehler zu verbergen. Es dient dem Pofitiven und es dient dem 
Negativen, es gibt der Frau alles, was ſie nicht hat, und nimmt der Frau alles, 
was ſie zuviel hat. Beiſpiele moͤgen das erhaͤrten: Die Zeit bevorzugt große, ſtrotzende 
Bruͤſte, ſtolze Huͤften, ſchwellende Lenden — das Korſett verleiht der Frau dieſe 
Formen. Die Zeit will kleine, zarte Bruͤſte und die ſchmalſte Taille — das Korſett 
macht die Bruͤſte der Frauen klein und ihre Taille ſchmal. Die Zeit fordert Energie 
der Haltung und Elaſtizitaͤt der Bewegung — das Korſett zeichnet die Linien der 
Eleganz und der Energie. Die Zeit bedingt Steifheit, Unbeweglichkeit, Unnahbar— 
keit — das Korſett verſteinert jede Figur. Die Zeit dekretiert Laͤſſigkeit, präraffaeli- 
tiſche Formen und abfallende Huͤften — das Korſett wandelt ſich zum Frackkorſett, 
und ſchafft ſchlanke Huͤften und zerfließende Formen ... Dieſe Beiſpiele ließen ſich 
ins Endloſe vermehren, dieſe wenigen genuͤgen. 

Es bleibt nun noch die Frage der Verbeſſerung des Korſetts. Gewiß, es kann 
verbeſſert werden, — aber immer nur bis zu einem gewiſſen Grade, d. h. gerade ſoweit, 
als die Verbeſſerung fuͤr die obigen Tendenzen nicht allzu ſehr ſtoͤrend iſt. 

Soll durch dieſe Ausfuͤhrungen nun ein hohes Lied auf das Korſett geſungen ſein? 
Abſolut nicht. Es iſt nur die einfache Begruͤndung deſſen, was iſt. Es iſt der ein— 
fache Vorderſatz, den man konſtruieren muß, wenn man den zweifellos fatalen Nach— 
ſatz kapieren will, der darin gipfelt, daß alle Logik, alle Menſchenliebe, alle aͤſthetiſche 
Kultur es bis heute nicht vermocht haben und auch in der naͤchſten Zukunft wohl 
nicht vermoͤgen werden, die Maſſe der Frauen in der Korſettfrage „zur Vernunft“ 
zu bekehren. — 


In dem Entruͤſtungskonzert Amtliche Verordnung 
2 In Erwaͤgung, daß an eine obrigkeitliche Abſchaffung der hoͤchſt 
gegen das Schnuͤren denn gefaͤhrlichen, vernunft- und paſſagewidrigen Krinoline nicht zu denken 
darauf konzentrierten ſich doch iſt, wird verordnet: daß jede Dame, deren krinoliniſche Peripherie einen 
2 R Durchmeſſer von zwölf Fuß enthält, verpflichtet iſt, an der linken oder 
zumeiſt die Anklagen gegen das rechten Seite einen freiwilligen Durchgang anzubringen, ſodaß 
Korſett we hat die Satire immer bei Verengung der Straßen die Paſſanten dennoch im ſtande find, ihren 


Weg fortzuſetzen. 


in ziemlich auffaͤlliger Weiſe 
mitgewirkt, und zwar in dieſem 
Fall vornehmlich durch die 
Zeichnung, denn fuͤr die bild— 
liche Darſtellung war es ein 
uͤberaus lohnendes Motiv, da 
es die Elemente des bildlich 
Grotesken meiſt ſchon in der 
Wirklichkeit beſaß. Das 16. 
und 17. Jahrhundert kannte 


zwar auch ſchon die Geſund— 296. M. Schleich. Muͤnchener Punſch. 1857 
417 


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Auf dem Rorfo 
297. C. Guys. Um 1860 


heitsſchaͤdlichkeit des ſtarken Schnuͤrens, aber viel wichtiger war jener Zeit, daß eine 
Frau im enggeſchnuͤrten Kleid untauglich zur Arbeit iſt. So wetterte z. B. Abraham 
a Santa Clara in ſeinem „Judas der Erzſchelm“ uͤber das Schnuͤrmieder: 


„Mein Kaͤmmer-Jungfrau, fie vergieb mir's, was ligt allhier auff der Taffel.“ „Es iſt das 
Mieder, ſagt ſie, fuͤr meine gnaͤdige Frau, ein Mieder? Allmaͤchtiger Gott! iſt es doch ſo eng, 
daß ein Marder nit konnte durchſchlieffen. Es haiſt wohl recht Mieder, damit nit eine geringe 
Muͤhe in dieſer Klaydung ...“ 

Es gibt auch aus dieſer Zeit verſchiedene Bilder, die das ſtarke Schnuͤren des 
Mieders ſatiriſch darſtellen, aber eigentlich beſchaͤftigte ſich doch erſt das 18. Jahr- 
hundert mit der Intimitaͤt der weiblichen Kleidung, zu der das Korſett gehoͤrt. Das 
18. Jahrhundert, als die Bluͤtezeit der Galanterie, war in ſeinem ſinnlichen Genießen 
raffinierter geworden. Das Raffinement beſtand vor allem darin, daß man den 
Genuß verlaͤngerte, ihn in zahlreiche Stationen einteilte. Eine der wichtigſten Stationen 
war die Frau im Negligé, und dieſe Station wurde auch von der Kunſt mit beſon— 
derer Vorliebe dargeſtellt. Dadurch gab man erſtens etwas Poſitives, denn man 
konnte bei dieſer Darſtellung alle koͤrperlichen Reize der Frau in pikanteſter Weiſe 
vorfuͤhren, zweitens aber leitete man dadurch die Phantaſie des Beſchauers von ſelbſt 


322 


auf das letzte hin, auf das, was man eigentlich zeigen wollte, was man aber 
in ſeiner Realitaͤt oͤffentlich nicht darſtellen durfte. Die Frau im Negligs iſt die 
Frau auf dem Wege zur Liebe. Ein ſehr haͤufiges Motiv fuͤr die Frau im 
Negligé war die Darſtellung der Frau im Korſett, mit der Korſettanprobe oder 
mit dem Schnuͤren beſchaͤftigt. Vielleicht die bezeichnendſte Probe dafuͤr bietet 
Willes beruͤhmter Kupfer „Die Korſettanprobe“ aus dem Jahre 1750. Der Korſett⸗ 
haͤndler hat das neueſte Korſett vorgelegt, und man iſt eben bei der Anprobe. Selbſt— 
verſtaͤndlich wird der vaͤterliche Freund, der „uneigennuͤtzig“ den Unterhalt der ſchoͤnen 
Nichte beſtreitet, hinzugezogen. Er ſieht, mit welch großer Muͤhe die Schoͤne in den 
Panzer gezwaͤngt wird, und er kann daher die Befuͤrchtung nicht unterdruͤcken, ob er 
nicht doch zu eng ſei. Kann ſie ihm einen beſſeren Beweis ihres unbedingten Ver— 
trauens und ihrer Zaͤrtlichkeit geben, als indem ſie ihn bittet, ſich doch mit eigenen 
Händen zu überzeugen, daß feine Furcht ohne Grund ſei? (Siehe Beilage). 

Als im 18. Jahrhundert von England ausgehend der groteske Stil in der Kari— 
katur ausgebildet wurde, wurde das ftarfe Schnuͤren zu einem beliebten Vorwurf des 
Groteskhumors. D. h. jetzt begann eigentlich erſt die Zeit der zeichneriſchen ſatiri— 
ſchen Darſtellung des Schnuͤrens. Enger! Enger! Viel enger! Noch etwas enger! — 
das iſt der nie verſtummende Schlachtruf der Frau. Alle Humoriſten und Satiriker 
des Stifts haben ihn hinfort 
grotesk illuſtriert, von Row— 
landſon angefangen bis her— 
auf zu Oberlaͤnder. Die hier 
vorgefuͤhrten Proben illuſtrie— 
ren das Wie. Rowlandſon 
zeigt, wie ſich der ſchmaͤchtige 
Gatte aus Leibeskraͤften ab— 
muͤht, dem Gebot der zaͤrt— 
lichen Gattin: „Noch ein 
wenig enger!“ nachzukommen 
(Bild 13). Zwanzig Jahre 
ſpaͤter reichen die unmittel- 
baren menſchlichen Kraͤfte gar 
nicht mehr aus, Hebel und 
Winden muͤſſen zu Hilfe ge— 
nommen werden, das wider— 
ſpenſtige Fleiſch zu baͤndigen; 
und als in der Mitte der 
achtziger Jahre wiederum die Es geht doch! 


Weſpentaille Mode wurde, 298. Deutſche Karikatur auf die Krinoline 
A 


323 


da zeigte Oberlaͤnder in der Bildergeſchichte „Des Junkers Abſchied“ das Reſultat, 
zu dem zu ſtarkes Schnuͤren unbedingt fuͤhren muß: zu einer wahrhaft herzbrechenden 
Geſchichte (Bild 307 und 308). 

Der Humoriſt hat das Recht, ſelbſt uͤber das Tragiſche harmlos zu lachen, es 
ſeinem Witze untertaͤnig zu machen, der Satiriker hat ebenſo das Recht, das Opfer 
noch obendrein zu zuͤchtigen, ſeine Qualen zu verhoͤhnen, wenn er damit das Weſen 
der Sache geißelt. Das letztere geſchieht unbedingt in dem Blatt „Die Hauptſache“ 
von Reznicek. „Mit der verdammten Schnuͤrerei wirſt du dir noch die ganze Leber 
verquetſchen“, haͤlt ihr der Gatte mahnend vor. Aber ſie verſteht das beſſer: „Gott, 
das ſieht man doch nicht auf der Straße!“ Und ſie hat vollkommen recht: Das ſieht 
man nicht, daß ſie ſich die Leber verquetſcht, wohl aber ſieht man, wenn ſie das mit 
in den Kauf nimmt, um ſo pikanter ihre Buͤſte und ihre ſchoͤnen Huͤften, und das 
wirkt, alſo iſt das die Hauptſache (Bild 36). 


Das lange und reiche Haar und der relativ kleine Fuß ſind nicht nur eben— 
falls auffaͤllige Geſchlechtsmerkmale der Frau, ſondern dieſe Eigentuͤmlichkeiten haben 
bekanntlich auch zu allen Zeiten als beſonders hochgeſchaͤtzte Geſchlechtsvorzuͤge ge— 
golten. Es iſt daher eine logiſche Selbſtverſtaͤndlichkeit, daß auch ſie ſtets Haupt— 
gebiete der Modephantaſie geweſen find. Natürlich iſt es ebenſo logiſch, daß, gemaͤß 


der Tatſache, daß eine beſtimmte Haupttendenz die geſamte Mode beherrſcht, auch der 
dekorative Aufbau der Haare und die Praͤſentation des Fußes mit raffiniertem Inſtinkt 
nur zur Unterſtuͤtzung der jeweiligen Tendenzen verwendet wurden. Wenn wir uns 
über die Notwendigkeit dieſer inneren Zuſammenhaͤnge gleich im erſten Augenblick 
klar werden, dann faͤllt es uns nicht nur auf, ſondern wir begreifen es auch ſofort 
vollſtaͤndig, warum gewiſſe groteske Friſur- und Schuhmoden gerade immer mit ganz 
beſtimmten Kleidermoden zuſammentreffen, oder, um es an einem einzelnen Beiſpiel 
zu exempliftzieren: jetzt iſt es z. B. ſofort klar, warum die halsbrecheriſch hohen Ab— 
ſaͤtze eine Eigentuͤmlichkeit der Mode des Rokoko waren — der Steckelſchuh iſt die 
groteske Ausnuͤtzung des Abſatzes am Schuh zum Zwecke der auffälligen Betonung 
der weiblichen Geſchlechtsmerkmale (vgl. S. 265). 

Am dankbarſten diente den Zeittendenzen in der Mode natuͤrlich die Friſur, 
denn ſie vermag fuͤr ſich allein der weiblichen Erſcheinung jede gewuͤnſchte Praͤgnanz 
der Phyſiognomie zu verleihen. Die Friſur vermag ihrer Traͤgerin den zauberiſchen 
Schimmer der naiven Unſchuld, den Strahlenkranz der keuſchen Weiblichkeit und 
ebenſo die Wuͤrde der Unnahbarkeit zu verleihen. Sie wandelt aber auch, wenn es 
die Zeittendenz will, von heute zu morgen, den dicken Gretchenkopf zum Chignon, 
d. h. die naive Unſchuld zur koketten Femme du monde, die keuſche Weiblichkeit zur 


324 


unternehmenden Begehrlichkeit. Den Verwandlungskünſten des Schuhes find natuͤr— 
lich weſentlich engere Grenzen gezogen. 

Wenn man den Reichtum und die Laͤnge der Haare auf natuͤrliche Weiſe, alſo 
z. B. durch ſchoͤne, lange Zoͤpfe demonſtrierte, hat das natuͤrlich den Angriff nicht 
herausgefordert, ſondern das taten in erſter Linie die grotesken Haargebilde, zu denen 
die Mode immer und wieder gelangte, um Aufmerkſamkeit zu erwecken. In Abraham 
a Santa Claras „Narrenwelt“ heißt es: 

„Sie krauſſt und zauſſt ihr Haar und ziehts ſtreng, als weren ſie in einem ſteten Noviciat; 
da muß ein Haarlocken krumm ſeyn, der andere noch kruͤmmer, der dritte zum krummetſten, da muß 


viel Haar ſeyn, dort wenig Haar, da muß gar ſchitter ſeyn, wie das Traidt der armen Leuthen, da muß 
in die Hoͤhe ſtehen, wie ein Reiger Buſch, da muß hinausſtehen wie ein Bachſteltzen Schweif, da 


Auf dem Boulevard 


299. C. Guys. Um 1860 


325 


Die Mode des Amazonenhutes bei den verſchiedenen Lebensaltern 


Mit ſechzehn Jahren: Reizend! Bei vierzig Jahren: Lächerlich! 


muß herunter hencken wie ein Bierzaicher, da muß die Schaidel ſeyn wie ein lateiniſche Ypſilon, 
da muß Rauch ſeyn, dort glat, da gemiſcht, da plesant, dort negligant, da galant.“ 


Da die eigenen Haare, und wenn ſie noch ſo reich waren, nur in den aller— 
ſeltenſten Faͤllen ausreichten, den Experimenten, die mit der Friſur unternommen 
wurden, zu genuͤgen, ſo griff man natuͤrlich ſtets zu kuͤnſtlichen Hilfsmitteln, zu 
Drahtgeflechten, Wollfuͤllungen und vor allem zu der ausgedehnteſten Benuͤtzung fremder 
Haare. Dieſes letztere Hilfsmittel hat die aͤlteren Satiriker vor allem in Aufregung 
verſetzt, und um Ekel und Abſcheu vor der Benuͤtzung fremder Haare zu erwecken, 
erklaͤrte die Satire, die fremden Haare ſtammten meiſtens von den Koͤpfen hingerichteter 
Verbrecherinnen oder von verworfenen Dirnen, denen zur Strafe das Haar abgeſchnitten 
wurde. Moſcheroſch ſagt in ſeiner Schrift „Weltweſen“ z. B.: 

„Die Haare ſind nicht ihre eigene Haare, ſondern aus dem Kramladen, vielleicht von einer, 
deren der Schaͤdel abgeſchlagen worden.“ 

Drei Haartrachten ſind es vor allem, die der Satire viel Stoff geliefert haben, 
oder, wenn man ſo ſagen will, von der Satire ſtark mitgenommen worden ſind: die 
Fontange, die im 17. Jahrhundert Mode war, ihre groteske Fortentwicklung, die 
ellenhohen Friſuren des 18. Jahrhunderts und der Chignon, der mit der Krinoline 
verſchwiſtert war. Die Fontange beſtand darin, daß die vorher uͤber den Kopf 
herabfallenden Locken oder Haarwellen durch ein Drahtgeſtell emporgehalten wurden 
und daß darauf eine terraſſenfoͤrmige Bedachung aus Spitzen angebracht wurde. 
Ihren Namen erhielt dieſe Mode von der ſchoͤnen aber geiſtloſen Maitreſſe 
Ludwigs XIV., Madame de Fontanges. Sie ſoll dieſe Mode dadurch aufgebracht 
haben, daß ſie einmal auf der Jagd ihren Kopf zum Entzuͤcken ihres koͤniglichen Lieb— 
habers zum Schutz gegen die Sonne in aͤhnlicher Weiſe mit Laub uͤberbaut hatte. 
Die Fontange war uͤber ein Menſchenalter hindurch bei allen eleganten Franzoͤſinnen 
die herrſchende Haarmode, aber auch in Deutſchland war ſie, wenn auch in etwas 
verkleinertem Maße, ebenſolang die allgemeine buͤrgerliche Kopftracht. In der oben 


326 


angeführten großen Proſaſatire „Der gedoppelte Blasbalg“, die, wie ſchon der Titel 
ausweiſt (Bild 252), ſich auch ausdruͤcklich gegen die Fontange wendet, wird dieſe 
Mode in folgenden Saͤtzen ſatiriſiert: 


„Es iſt eine Huren-Tracht, welche von einer Huren den Namen, den Anfang, die Authorität 
fuͤhret, . . . und glaube ich, daß die Henckersbuben hierauff reflektieren, wann ſie denen aus der 
Stadt verwieſenen Huren Stroh-Fontangen und Fuchsſchwaͤnze aufſetzen . . . Fontange und Phan— 
taſie ſind faſt gleichlautende Woͤrter, ohne daß dieſe das Hinterteil des Haupts innen hat, und 
tauſenderley Schwachheiten täglich hervorbringet, jene die Fontange aber das Vorderteil des Haupts 
beſitzet, und gleiche, wo nicht groͤßere Fehler täglich anzeiget. Doch hat die Fontange von dieſer 
ihrer Nachbarin der Phantaſie, eine gute und vertrauliche Opinion, indem ſie taͤglich aus derer Er— 
findung neue Moden auf der Schaubuͤhne der Stirn praͤſentiert, wiewohl mit einer großen Un— 
beſtaͤndigkeit, denn die naͤrriſche, durch einander gewundene Fontange, da die eine Schleife hie, die 
ander dorthin ſtehet, zeuget eure uneins geſinnte Sinnen, daß ihr noch zur Zeit nicht einſtimmig 
ſchluͤſſig ſeid, ob die Fontange vorn oder hinter dem fante, oder aber ob hinten und vornen was 
ſein muß, oder ob man zwiſchen den entbloͤßeten und aufgequollenen Ballen der bloßen Bruͤſte auch 
eine Fontange beklemmen muͤſſe, ob der Band von einerlei Couleur fein muͤſſe, oder ob man hierin 
denen ſcheckigſten Papageyen muͤſſe nachahmen.“ 


Die eigentlich nicht nur ellen-, ſondern tatfächlich ſogar meterhohen Friſuren, 
die knapp an der Schwelle der Revolution aufkamen, waren nur eine Steigerung der 
Fontange ins ganz Ungeheuerliche. Hier reichten nicht mehr bloß Drahtgeſtelle aus, 
hier mußten ganz unglaubliche Polſterungen von Wolle, Roßhaar und aͤhnlichem zu 
Hilfe genommen werden. In welch groteskem Maße alle Verhaͤltniſſe verſchoben 
wurden, ergibt ſich daraus, daß das Geſicht nun faſt in der Mitte der Koͤrperlaͤnge 
zu ſitzen ſchien (Bild 256). 

Hatte die zeichnende Satire entſprechend dem allgemeinen Tiefſtand der deutſchen 
und franzoͤſiſchen populaͤren Kunſt im 17. Jahrhundert auf die Fontange meiſtens 
nur ſehr maͤßige Karikaturen hervorgebracht (Bild 253), ſo war ſie aus dem ent— 
gegengeſetzten Grund gegenüber dieſer gigantiſchen Rokokofriſur um fo erfolgreicher. 
In der Tat gibt es aus keiner Zeit aͤhn— 
lich glaͤnzende Karikaturen auf die Haar— 
mode; der dankbare Stoff fand die geſchick— 
teſten Kuͤnſtler, ſowohl in Frankreich als 
auch in England und ſelbſt in Deutſchland. 
Fuͤr Deutſchland illuſtrieren es die famoſen 
Blätter des Augsburger Karikaturiſten 
Weil (Bild 257); für Frankreich die koſt— 
baren Kupferſtiche „La brillante toilette 
de la deesse du gout“ (Bild 7) und 
„Die Gefahren der gegenwaͤrtigen Mode“ 


In den fünfziger Jahren: Abſcheulich! 


0 5 8 300-302. Herbert König. 
(Bild 256) und nicht minder der große Berliner Montagszeitung. 1857 


327 


fatirifche Kupfer „Der Triumph der Kofetterie” (ſiehe 
Beilage). 
Im Vergleich zu dieſen beiden Haarmoden kann man 
vom Chignon eigentlich nicht mehr als von einem grotesken 
Gebilde reden, gleichwohl war auch er grotesk im Ver— 
haͤltnis zur Natuͤrlichkeit. Ein in Epigrammen abgefaßter 
Modebericht aus Baden-Baden, dem deutſchen Modebad 
der feinen Welt in den ſechziger Jahren des vorigen Jahr— 
hunderts, iſt darum ganz treffend, wenn er dem Chignon 
das folgende Epigramm widmet: 
„Mit dem Gebirge von Haar vergroͤßert den Kopf ſie zum Kuͤrbis, 
Tief nach vornen hinab ſitzt ein Teller von Stroh.“ 
Eine karikaturiſtiſche Darſtellung des Chignons zeigte das 
Bild 295 von Cham. — 
Dem abnehmbaren Kopfſchmuck, dem Hut, galt 
La Boulevardiere natuͤrlich ſtets ganz dieſelbe Aufmerkſamkeit in der Mode, 
en und auch er diente genau denſelben Zeittendenzen und den- 
ſelben Zwecken. Der Hut hat darum in feinen verſchiedenen 
Formen ebenfalls alle Unmöglichkeiten durchmeſſen: vom Tipfelchen auf dem i bis 
zum rieſigen Wagenrad. 

Die erſte im groͤßeren Maße von der Karikatur dargeſtellte Hutmode iſt die der 
großen engliſchen Schlapphuͤte, die in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts 
aufkam. Eine gute Probe davon gibt ein großes Blatt von Rowlandſon (ſiehe Bei— 
lage). In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts kehrte dieſe Mode faſt genau 
ſo wieder, und zwar wieder vornehmlich in England; diesmal wurden ihr vielleicht 
noch mehr Karikaturen gewidmet. Der Hut erſetzt den Sonnenſchirm und dient als 
Schutzdach fuͤr eine ganze Geſellſchaft gegen Sonnenbrand. Er erſetzt auch das 
Parapluie: bei einem unvorhergeſehenen Platzregen fluͤchtet ſich die ganze Familie dar- 
unter und kann trocken nach Hauſe gelangen. In dieſer Art ſind die meiſten 
Blaͤtter, es iſt die letzte Epoche des grotesken Stils der engliſchen Karikatur; an 
Stelle der Keckheit, die ihren Beginn kennzeichnete, war aber jetzt bereits die Eleganz 
getreten, die ſehr bald zu der Pruͤderie hinuͤberleitete (Bild 283). 

Die Zeit des Konfulats hat eine Zeitlang die Hutraͤnder auf beiden Seiten 
heruntergebunden und aus dem Hut eine Scheuklappe gemacht: die Mode der „Invi⸗ 
ſibles“. Die ſcheinbar widerſinnigſte Mode! Waͤhrend das Revolutionskoſtuͤm alle 
Reize des Frauenleibes provokatoriſch preisgab, war das Geſicht derart grotesk verhuͤllt, 
daß es den Frauen ganz unmoͤglich war, nach links oder nach rechts zu ſchauen, und 
jede direkte Annaͤherung von vorn erforderte die Kunſt des Jongleurs. Die Zyniker 
hoͤhnten uͤber dieſe Mode: die Frauen wollten dadurch nur die Maͤnner zur Galanterie 


328 


Die KRofotte 


Franzoͤſiſche Karikatur von Monet. 187 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


ermutigen; die Männer follten durch etwaige unwillkuͤrliche ſtrafende Blicke und 
Mienen der Frauen in ihrem Tun nicht beirrt werden, andererſeits ſollten die Maͤnner 
aber auch nicht gewahren, daß die Frauen ſelbſt bei den keckſten Scherzen nicht er— 
roͤten. Ausgezeichnete Karikaturen auf die Mode der Inviſibles zeigen die Blätter 
„Fashionable Furbeloes“ (Bild 271) und Bild 274. Ein haͤufiges Motiv in der 
zeichneriſchen Verſpottung dieſer Hutmode bot auch die Darſtellung der Schwierigkeit, 
eine ſolche Dame zu kuͤſſen. Dieſe Scheuklappenmode hat ſehr lange geherrſcht, ſie 
iſt auch mehrmals wiedergekehrt. Verſchiedene Bilder, die hier reproduziert ſind, be— 
legen es; derart groteske Formen hat dieſe Mode freilich nie mehr angenommen. — 
Darf man heute wenigſtens auf dem Gebiete verruͤckter Hutmoden „tempi passati“ 
ſagen? Nein, hier fo wenig wie wo anders. Und das iſt auch ganz natürlich; 
ein fundamentales Geſetz wie das der Modebildung laͤßt ſich niemals einſeitig aus— 
ſchalten. Solange die Urſachen nicht uͤberwunden ſind, die den Aberwitz der Mode 
bedingen, iſt dieſer auf allen ihren Gebieten ein Geſetz der Notwendigkeit. 


* x 


Einen beſonderen Abſchnitt erfordert die Revolutionsmode, das fogenannte 
klaſſiſche Koſtuͤm, das am Ende des 18. Jahrhunderts aufkam, ſich unter dem Direk— 
torium zu dem Koſtuͤm der Nacktheit ausbildete und in einer nur wenig modifizierten 
Form die allgemein herrſchende Mode des ganzen Empire geblieben iſt. Dieſe Mode 
erfordert deshalb einen beſonderen Abſchnitt, weil ſie ſcheinbar dem allgemeinen 
Geſetz widerſpricht und wie ein von einer tollkuͤhnen Laune konſtruierter Witz iſoliert 
mitten in der allgemeinen Modenentwicklung ſteht. Aber nicht nur zu einem inter— 
eſſanten Kapitel der Modegeſchichte iſt dieſe Mode geworden, ſondern auch zu einem 
der wichtigſten. Dies aber vor allem dadurch, weil dieſe Mode genau wie alle 
„Ideen“ der großen Revolution ihren Sieges— 


zug uͤber die ganze Erde gehalten hat. Die „„ N . 
Ideen von 1789 haben auf der ganzen Welt „ ** 
geſiegt, und der Sieger zwang der Welt = et Di a 


feine Uniform auf, noch ehe er fie materiell 
überwunden hatte. Die Anhänger des Ancien 
Regime ahnten dieſen inneren Zuſammenhang 
natuͤrlich nicht, ſie ahnten nicht, wie ſehr ſie 
damit ihrer ſelbſt ſpotteten, als ſie dieſe 
Mode ebenfalls uͤbernahmen, daß ſie damit 
gewiſſermaßen das Todesurteil akzeptierten, 
das die franzoͤſiſche Revolution der feudalen 
Welt geſprochen hatte. Freilich ſpotteten ſie 


ihrer nur in den Augen der Nachwelt. Und 304. Keppler. Amerikaniſche Modekarikatur 
42 


zwar wiederum nur jener Nachwelt, die die Geſetze kennt, die fich in der Mode mani— 
feſtieren, die weiß, daß die Herrſchaft einer beſtimmten Mode den Sieg einer beſtimmten 
oͤkonomiſch-politiſchen Idee bedeutet ... 

Es iſt oben (S. 275) geſagt worden, daß die Revolutionsmode unvermittelt 
aufgetreten ſei. Unvermittelt, — das iſt aber nicht etwa ſo zu verſtehen, als fehlten alle 
vermittelnden Zwiſchenglieder zwiſchen ihr und den charakteriſtiſchen Formen der Moden 
des Ancien Regime. Das Unvermittelte iſt nur ſcheinbar vorhanden, und wenn auch 
z. B. zwiſchen der Mode von 1785 und der von 1795 die ungeheuerſten Kontraſte 
exiſtieren, ſo laͤßt ſich doch klar nachweiſen, daß ſich auch dieſe Mode organiſch ent— 
wickelt hat. Die Revolutionsmode hat ſich innerhalb des Ancien Regime genau 
ſo vorbereitet, wie ſich die buͤrgerliche Geſellſchaft vorbereitet hat; und ſchon darum 
iſt ſie kein der allgemeinen Modeentwicklung widerſprechendes Gebilde, was faͤlſchlich 
ſo haͤufig angenommen wird. An dem aͤußerlich ſichtbaren Entwicklungsgang dieſer 
Mode, d. h. an der jähen Herausbildung ihrer auffaͤlligen Verſchiedenheit offenbart 
ſich aber auf das deutlichſte, was das Eigentuͤmliche aller revolutionaͤren Epochen 
iſt: In revolutionaͤren Epochen durchlaufen die Dinge ihre Bahnen uͤberaus raſch, 
Schlag reiht ſich an Schlag, die Zwiſchenakte ſind erſtaunlich kurz, das geſchichtlich 
Bedingte braucht nicht mehr lange Jahre, bis es die Schale der alten Form geſprengt 
hat, ſondern reift oft binnen wenigen Monaten. Die natuͤrliche Folge dieſes poten⸗ 
zierten Entwicklungstempos iſt, daß die den einzelnen geſchichtlichen Phaſen ent— 
ſprechenden aͤußeren Lebensformen ſich kaum in den Anſaͤtzen zu entwickeln vermoͤgen. 
In dem Augenblick, wo man das Ziel ahnt, ſteht dieſes auch ſchon als fertiges 
Ergebnis da. Die Menſchen werden von den Dingen foͤrmlich uͤberrumpelt — ſo 
entſteht der Eindruck des Unvermittelten. Die Entwicklung der Mode waͤhrend der 
großen franzoͤſiſchen Revolution bietet fuͤr dieſes Geſetz der Revolution ein wahrhaft 
klaſſiſches Beiſpiel. f 

Das Revolutionskoſtuͤm, das maͤnnliche wie das weibliche, iſt der politiſche und 
geſellſchaftliche Herrſchaftsantritt des Buͤrgertums in die Mode uͤbertragen. Weil es 
nichts anderes als das iſt, wurde dieſe Mode aber nicht nur in Frankreich vorbereitet, 
ſondern ihre Hauptlinien ſind auch in England ſelbſtaͤndig entwickelt worden. Das 
wurde damals ganz uͤberſehen und wird auch heute meiſtens uͤberſehen. 

Weil die Revolutionsmode die Mode des Buͤrgertums war, mußte ſie aber 
auch ihr charakteriſtiſches Vorbild in dem Koſtuͤm des klaſſiſchen Roms finden. Die 
franzoͤſiſche Revolution hat mit Bewußtſein auf dieſe Mode zuruͤckgegriffen, und ſie 
erfuͤllte auch damit ein allen Revolutionen der Vergangenheit eigentuͤmliches Geſetz. Alle 
bisherigen Revolutionen haben die Geiſter der Vergangenheit heraufbeſchworen. Und 
zwar aus zwei Gruͤnden. Der jaͤh veraͤnderte Inhalt des Lebens bedarf ſo raſch wie 
moͤglich neuer Formen, und dieſe erhaͤlt man am raſcheſten, wenn man auf bereits 
fertige Formen zuruͤckgreift, die ein aͤhnlicher Inhalt des Lebens fruͤher entwickelt 


330 


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355. Die Krinoline und der Chignon als ruhmvollſte Fahne Frankreichs. Deutſches ſatiriſches Flugblatt aus dem Jahre 1870 


auf die Kaiſerin Eugenie, die „Erfinderin“ der Krinoline 42 * 


hat. Das ift der erſte Grund der in allen früheren 
Revolutionen uͤblichen Totenerweckungen. Der. 
zweite Grund iſt die Verherrlichung des eigenen 
Tuns. Indem man ſich in das Koſtuͤm hiſto— 
riſcher Heldengeſchlechter warf, hob man ſich 
uͤber den Inhalt der eigenen Kaͤmpfe empor, 
ſchraubte man ſich ſelbſt zu Helden hinauf 
und ſah ſich wenigſtens ſtets in der Helden— 
perſpektive. Dadurch aber entfeſſelte man 


zweifellos eine Menge latenter Antriebskraͤfte. 

Alles dieſes erfuͤllte die franzoͤſiſche Revolution, 

indem ſie ſich die Namen und die Symbole, 

; n unter denen ſie ihre Kaͤmpfe fuͤhrte, aus dem 

306. Bechſtein. Karikatur auf die Mode der klaſſiſchen Rom holte. Und fie agierte damit 

on fo wenig ein Komoͤdienſpiel, wie einft die eng— 

liſchen Rundkoͤpfe unter Cromwell, die ſich in der Poſe von altteſtamentariſchen 
Helden geftelen. 

Dies iſt der politiſch-hiſtoriſche Rahmen der Revolutionsmode. Innerhalb dieſes 
hiſtoriſch bedingten Rahmens waltete natuͤrlich dieſelbe Tendenz, die jede Mode be— 
herrſcht, — alſo in erſter Linie die Betonung der Geſchlechtsmerkmale. Da man 
jedoch das Problem noch in Verbindung mit etwas anderm loͤſen wollte: da man 
gleichzeitig zeigen wollte, daß die Menſchheit wieder „klaſſiſche“ Kraft, „klaſſiſche“ 
Muskeln, „klaſſiſche“ Formen haͤtte, — denn man verjuͤngte und ſtaͤhlte doch angeblich 
die Menſchheit! — ſo kam man im Maͤnneranzug zu der prallanſitzenden Hoſe, die 
aufs deutlichſte demonſtrierte, daß der Mann kraftgeſchwellte Muskeln hat, beim 
Frauenkoſtüm dagegen kam man zur weiteſtgetriebenen Enthüllung. Und zwar zur 
Enthuͤllung nicht bloß des Buſens und der Waden, ſondern aller ſpezifiſch weiblichen 
Formen. Die Kühnheit der Zeit, die die Kraft und den Mut fand, eine ganze Welt 
in Truͤmmer zu ſchlagen und eine neue Welt, die moderne buͤrgerliche Welt, zu ent— 
feſſeln und auf die Beine zu ſtellen, — die Kuͤhnheit dieſes Gebahrens forderte, daß 
man alles zeigte, was man hatte, und zwar alles in ſeiner realen, plaſtiſch-greifbaren 
Wirklichkeit. Dieſes Ziel konnte man natuͤrlich nur durch Entkleidung in des Wortes 
verwegenſtem Sinne erreichen. Buſen und Waden kann man allenfalls durch ein 
ſtarkes Dekolettieren und ein demonſtratives Hochraffen des Rockes ſichtbar machen, 
alles andere jedoch nur dadurch, daß man den ganzen Begriff „Kleidung“ auf das 
Hemd reduziert und dieſes uͤberdies aus anſchmiegſamen und durchſichtigen Geweben 
anfertigt. Da der Sittenkodex in dieſer wildgaͤrenden Zeit das nicht hinderte, ſo 
reduzierte man ſchließlich eben die Frauenkleidung auf das Hemd und loͤſte ſo die 
modiſche Aufgabe der Zeit, bekleidet zu ſein, und doch alles zu zeigen. 


332 


Dieſe Entwicklung Des Junkers Abſchied, oder: Die verhängnißvolle Fliege. 
ging, wie geſagt, in einem (Eine herzbrechende Hiſtorie in zwei Bildern.) 
ſehr raſchen Tempo vor ſich, 


aber wenn man dieſes Ziel 


4 
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ERRERBERUN. 


auch in ſehr großen und fehr 
raſchen Schritten erreichte, 
ſo kann man, wie ebenfalls 


ſchon hervorgehoben worden 
iſt, bei genauem Zuſehen 
die organiſche Entwicklung 
doch feſtſtellen. Die Nach— 
pruͤfung dieſer Entwicklung 
des Revolutionskoſtuͤms 
fuͤhrt uͤberdies zu einem 
ſehr wichtigen Ergebnis, 
naͤmlich zu der Beobachtung, wie verbluͤffend und wie charakteriſtiſch ſich der hiſtoriſche 
Auf- und Abſtieg der revolutionaͤren Welle in der Mode auspraͤgte. Solange die 
hiſtoriſch faͤlligen Aufgaben von der Zeit zu loͤſen waren und auch geloͤſt wurden, d. h. 
alſo: ſolange ſich die Revolution aufwaͤrts entwickelte, ſolange ging es durch die Mode 
wie ein fortwaͤhrendes Muskelrecken, wie ein fortwaͤhrendes Freiwerden, bei dem ſchein— 
bar das einzige Beſtreben obwaltete, die Hemmniſſe hinwegzuraͤumen, die den Menſchen 
am freien Atmen, an der freien und ſpielenden Betaͤtigung ſeiner Kraͤfte hinderten. 
Das iſt das bezeichnende Merkmal des revolutionaͤren Aufſtiegs. Als jedoch die 
Revolution ihren Hoͤhepunkt uͤberſchritten hatte, als die hiſtoriſche Aufgabe von der 
Zeit geloͤſt war und die zur Herrſchaft gelangte Klaſſe nun im erſten Taumel der 
Macht ſchwelgte, da bekam 
die Befreiung eine andere 


0 


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Tendenz: man entwickelte 
die geſchaffenen Formen 
hinfort ausſchließlich in 
der Richtung weiter, daß 
ſie der anhebenden Orgie 
des ausſchweifenden Ge— 
nuſſes dienten. Die Ten— 


U 


N 
N 


denz der Befreiung wan— 
delte ſich zu der Tendenz 
der ſchamloſen ſinnlichen 
Nacktheit. Das Weib 
wurde zur Dirne geſtempelt, Fliegende Blätter. 289 


=: 


307 u. 308. Adolf Oberlaͤnder. Karikatur auf die Wespentaille. 


333 


und die Kleidung ſollte es ermöglichen, daß ſich alle Welt an den Reizen einer jeden 
Frau zu delektieren vermoͤchte. 

Die tatſaͤchliche Phyfiognomie dieſer ungeheuerlichen Mode iſt in Hunderten von 
peinlich genauen Modebildern feſtgehalten worden und kann heute noch jeden Tag 
in allen Details nachgepruͤft werden. Als litterariſcher Beleg ſei hier eine Stelle aus 
einem zeitgenöſſiſchen deutſchen Modeberichte zitiert. Das „Journal des Luxus und 
der Mode“ ſchrieb beim Aufkommen des Koſtuͤms der Nacktheit in einem Bericht aus 
Paris folgendes: 

„Halbnackt im eigentlichſten Sinne des Wortes, erſcheint die Pariſerm bloß in fleiſchfarbenen 
ſeidenen Trikotpantalons mit lilafarbenen Zwickeln und Kniebaͤndern und daruͤber mit einer wahren 
Chemiſe, d. h. einem echten Hemde, das bloß durch ein paar ſchmale, friſierte Baͤnder auf den 
nackten Schultern haͤngt und die ganze Oberhaͤlfte des Koͤrpers vollkommen entbloͤßt zeigt.“ 

Aber hier handelt es ſich noch nicht um das letzte Stadium der Entwicklung. 
Viele Frauen emanzipierten ſich noch in der Weiſe, daß ſie auch auf die Trikot— 
pantalons und ſelbſt auf die Struͤmpfe verzichteten, alſo tatſaͤchlich ſchließlich nur 
mit einem Hemd, und zwar mit einem aus durchſichtigem Muſſelin gewobenen Hemde 
bekleidet waren. Dieſen Luxus konnten ſich natuͤrlich nur klaſſiſche Schoͤnheiten leiſten. 
Unter dieſen erhob ſich aber auch ein wahrhaft bewundernswuͤrdiger Wettſtreit um 
den Ruhm, durch Vorurteilsloſigkeit zu glaͤnzen und auch nicht den geringſten Verdacht 
der Pruͤderie aufkommen zu laſſen. Dieſes allein haͤtte man unanſtaͤndig gefunden. 
An den nackten Fuͤßen trug man roͤmiſche Sandalen, und um die Aufmerkſamkeit in 
beſonderer Weiſe dahin zu lenken und zu feſſeln, wurden an den Zehen und den 
nacktdurchſchimmernden Beinen goldene und edelſteinbeſetzte Ringe und Reifen getragen. 

Solche tolle Extravaganzen kultivierten natuͤrlich nur die Damen der Geſell— 
ſchaft; das gewoͤhnliche Volk iſt zwar den Hauptlinien der Revolutionsmode in ſeiner 
Kleidung durchaus gefolgt, aber es war auch in der neuen Zeit vom erſten Tage an 
zu ſehr Ausbeutungsobjekt, als daß es Zeit und Mittel gefunden haͤtte, ſich dieſem 
ſchwuͤlen Kankan anzuſchließen. Nur der Bodenſatz der Geſellſchaft, das höhere 


und niedere Dirnentum und ſein zuhaͤlteriſcher Anhang, koalierte ſich ſehr eifrig den 


oben auf den Höhen der ſozialen Stufenleiter kultivierten Orgien. Die weltberuͤhmten 
Modekoͤniginnen entſtammten ausnahmslos der Creme der damaligen franzoͤſiſchen 
Bourgeoiſie. Beſonders in zwei Namen iſt alle Kuͤhnheit des Koſtuͤms der 
Nacktheit verkoͤrpert geweſen, in Madame Recamier und in Madame Tallien. Die 
lasziv ſchoͤne Madame Tallien hat den weltberuͤhmt gewordenen Rekord erreicht. Auf 
einem der beruͤhmten Direktoriumsbaͤlle wog ihre geſamte Gewandung — ſie trug 
nur ein zart gewobenes Muſſelinhemd — einſchließlich der Schuhe genau einhundert— 
undfuͤnfzig Gramm! 

Das Kaiſerreich, unter dem die taumelnde Orgie wieder in gemäßigtere Bahnen 
einlenkte, fuͤhrte die Unterkleidung wieder ein, aber im Prinzip aͤnderte ſich ſehr wenig 


334 


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309. Aubrey Beardsley. Karikatur auf die Theatertoiletten bei Feſtvorſtellungen 


an dem typiſchen Schnitt der Revolutionsmode, und das iſt auch folgerichtig. Der 
Napoleonismus, der ſich gegen eine Welt von Feinden zu wehren hatte, bedurfte 
genau ſo ſehr der Kraft und der Muskeln, wie die durch ihn abgeſchloſſene und 
fortgeſetzte Periode. Und dieſe Kraft mußte die Mode genau ſo ſymboliſieren ... 

Es iſt zweifellos ein ungeheuerliches Bild, das ſich als modiſcher Reflex dieſer 
wildgaͤrenden Zeit vor den Blicken auftut, aber trotzdem muß man ihm eines, und 
zwar etwas ſehr Wichtiges, beſtreiten — die Originalitaͤt. Weder das Kaiſerreich 
noch das Direktorium waren in der Unzuͤchtigkeit ihrer Moden ſelbſtſchoͤpferiſch. Das 
durchſichtige Koſtüm war eine ſehr alte und mehrmals wiederholte Modeerrungen— 


238 


Schaft. Nicht nur die raffinierten Liebeskuͤnſtlerinnen der römiſchen Verfallzeit ope— 
rierten bei feſtlichen Gelegenheiten damit, ſondern auch die minniglichen Ritterfrauen 
zur Zeit des hoͤfiſchen Minnedienſtes trugen zuzeiten zur hehren Augenweide der maͤnn— 
lichen Feſt- und Tafelgenoſſen Kleider aus durchſichtigen Geweben. Auch im 16. Jahr— 
hundert kehrte dieſe Mode wieder. Katharina von Medici liebte es, ihren weiblichen 
Hofſtaat, der aus den ſchoͤnſten Frauen des aͤlteſten franzoͤſiſchen Adels gebildet 
war, bei den taͤglichen Hoffeſten auf dieſe Weiſe zur Schau zu ſtellen. Dieſe Tat— 
ſache darf man doch nicht ganz uͤberſehen, wenn man den tollen Ausartungen der 
Revolutionsmode, dem Koſtuͤm der Nacktheit, in der Beurteilung gerecht werden will. — 


In der Kleidung fand die Kuͤhnheit der in Aktion getretenen Kraͤfte der neuen 
Geſellſchaftsordnung zwar nicht ihren erſten, wohl aber ihren auffaͤlligſten Ausdruck. 
Als man daher Zeit fand, den neuen Zuſtand der Geſellſchaft kuͤnſtleriſch darzuſtellen, 
zeichnete man zuerſt und mit Vorliebe das neue Koſtuͤm, in das ſich die Weltgeſchichte 
geworfen hatte, und in dem ſie ihre weltgeſchichtlichen Taten vollbrachte. Dieſe 
kuͤnſtleriſche Regiſtratur der neuen Zeit geſchah aber wiederum in den meiſten Faͤllen 
karikaturiſtiſch. Nicht nur die Mehr— 
zahl der populaͤren Sittenbilder 
beſtand aus Karikaturen, ſondern 
auch der groͤßte Teil aller wirklich 
kuͤnſtleriſchen Werke, ſoweit ihr Stoff 
den zeitgenoͤſſiſchen Sitten entnommen 
war. Will man dieſes beweiſen, ſo 


genuͤgt es, die drei populaͤrſten Kuͤnſt— 


lernamen dieſer Epoche, Debucourt, 

Iſabey und Vernet, zu nennen und 

an deren beruͤhmte und koſtbare 

Kupfer zu erinnern, die, ſoweit ſie 

aus dieſer Zeit ſtammen, faſt aus— 

nahmslos karikaturiſtiſch ſind. Es 

konnte aber auch gar nicht anders 

ſein, denn das Groteske war der 

Stil aller Dinge dieſer Epoche. 

Dieſe Zeit war dermaßen voll von 

Expanſionskraft und Aktionsluſt, 

daß alles uͤber ſich hinaus wuchs; 

Altenburgerin (in der Großſtadt): Gott, was doch die Stadtleut' ine e e e e 
fur närriſche Moden haben! ihre natuͤrlichen Linien und ver— 


31o. Franz Juͤttner. Luſtige Blaͤtter. 1900 ſchob ihre Grenzen ins Maßloſe. 


336 


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— «N’ya de la place, ici, que pour quarante siècles; vas te percher sur la Tour Eiflel. » 


zır, Adolf Willette. Le Courrier Francais. 1901 


Das iſt die eigenartige, aber auch die notwendig bedingte Erſcheinung revolutionaͤrer 
Epochen — die karikaturiſtiſche Linie in Allem muß die Linie der Revolution ſein. 
Daraus folgt denn auch von ſelbſt, daß in jedem Revolutionszeitalter die populaͤre 
Kunſt foͤrmlich darin ſchwelgen muß, die Eigenart der Dinge nicht anders als 
wiederum karikaturiſtiſch geſteigert nachzuſchreiben, denn wenn ſchon im Leben der 
groteske Stil herrſcht, ſo muß die karikaturiſtiſche uͤbertreibung in der populaͤren 
Kunſt um ſo mehr die herrſchende Grundnote bilden, als ſie ja immer in pointierter 
Weiſe die Zunge ihrer Zeit redet. 

Die Kuͤhnheit, die dieſe Zeit durchbrauſte, beſtimmte in der Kunſt natuͤrlich 
nicht nur den Stil, ſondern auch die Stoffwahl, und vor allem die Stoffbehandlung: 
man war darum niemals zimperlich, ſondern waͤhlte die Stoffe mit ungenierter 
Keckheit und erledigte ſie meiſtens mit der denkbar groͤßten Kuͤhnheit. Der Kraft 
der Zeit genuͤgte nur das Maſſive. In den zeitgenoͤſſiſchen Modekarikaturen kommt 
dies in uͤberaus deutlicher Weiſe zum Ausdruck, und hier vielleicht deutlicher als wo 
anders, weil hier ja die Schilderung der Kuͤhnheit an und fuͤr ſich ſehr oft die direkt 
gegebene Aufgabe war. 


Die bezeichnendſten und intereſſanteſten Karikaturen auf die Revolutionsmode 
43 


337 


entftanden natürlich auf dem Hoͤhepunkt der Entwicklung, als die charafteriftifchen 
Formen ſich klar herausgebildet hatten; das war ungefähr vom Jahre 1795 an. Die erfte 
charakteriſtiſche weibliche Modeform war das Koſtuͤm der „Merveilleuſen“, das wuͤrdige 
Seitenſtuͤck zu dem der maͤnnlichen „Incroyables“. Dieſe beiden Typen ſtellten die 
weiblichen und maͤnnlichen Gecken des revolutionaͤren Kraftgefuͤhls dar, alles war 
darum bei ihnen in der Kleidung ins Koloſſale, ins Groteske getrieben. Fuͤr die 
Karikatur waren dieſe Trachten, wie man ſich denken kann, uͤberaus dankbar, und 
bald wurde darum ihr groteskes Abbild auf allen Straßen ausgeboten. Die ſatiriſche 
Pointe beſtand meiſtens darin, daß die Zeichner die Tracht von 1796, alſo die der 
Merveilleuſen, der von 1780 oder einer aͤhnlichen fruͤheren Mode gegenuͤberſtellten 
und durch den ungeheuerlichen Kontraft das Lachen herausforderten (Bild 14). Die 
beſte, d. h. die charakteriſtiſchſte Karikatur der Merveilleuſen beſitzen wir in dem mit 
Recht beruͤhmten gleichnamigen Kupfer von Vernet. Dieſes intereſſante Blatt 
illuſtriert auch das oben angeführte franzoͤſiſche Wort, daß nichts geeigneter fei, 
die Schoͤnheiten des Beines oͤffentlich an den Tag zu bringen als ein zu langes 
Kleid. Um den ſtaͤndigen Gefahren des Straßenverkehrs zu entgehen, ſind die 
Schoͤnen der Revolution gezwungen, Schleppe und Kleid fortwaͤhrend uͤber den Arm 
zu nehmen, und ſie tun dies denn natuͤrlich auch in edler Selbſtaufopferung mit 
aller erdenkbaren Ungeniertheit (ſiehe Beilage). 

Schon ein Jahr ſpaͤter war die Phantaſie von der Wirklichkeit weit uͤberholt, auf 


die Merveilleuſen waren die Trikoteuſen gefolgt, aus deren Reihen in kuͤrzeſter Zeit 


312. G. Dalſani. Italieniſche Modekarikatur auf die Damenmaͤntel. Pasquino. 1893 


338 


313. G. Dalſani. Stalienifche Modekarikatur. Pasquino. 1893 


die alles wagenden Goͤttinnen der Nacktheit hervorgingen. Damit war die Kleidung 
tatſaͤchlich faſt auf das „Nichts“ reduziert und der Straßenſpott konnte jetzt ſingen: 


Grace à la mode Un' chemise suffit. Un' chemise suffit, 
Un’ chemise suffit, Ah! qu' c'est commode! C'est tout profit! 


Das Bild der Trikoteuſe und noch mehr das der kuͤhnen Goͤttin der Nacktheit 
nahm bald in der zeitgenoͤſſiſchen Karikatur den erſten Rang ein, denn in dieſer 
Erſcheinung gipfelte doch die ganze Kuͤhnheit dieſer Zeit. Jeder zeichnete es, die 
Großen, die Debucourt, Dutailly, Iſabey, Vernet, Vincent uſw. in foliogroßen koſt— 
baren Kupfern, die Kleinen in quartgroßen kolorierten Stichen, die von den Haͤndlern 
in den Wandelgaͤngen des Palais Royal und an allen Straßenecken ausgeſchrieen 
wurden und durch ihre ſaftigen Bonmots, die den erklärenden Text bildeten, alle Welt 
zum zyniſchen Gelaͤchter herausforderten. Nackter als nackt kann man freilich nicht ſein, 
in der Richtung des noch Nackteren konnte die Karikatur alſo kaum noch uͤbertreiben. 
Aber man konnte in der Zeichnung fuͤr die Dauer feſthalten, was in der Wirklichkeit 
immer nur die Gunſt weniger Augenblicke den neugierigen Augen bot. Man konnte 
zeigen, wie jeder Windſtoß ein geſchickter und gefaͤlliger Nachbildner der intimſten 
Wirklichkeit iſt, wie der Regen ebenſo meiſterhaft zu modellieren verſteht, wie der 
ungluͤckliche Zufall immer und immer wieder die fatalſten Situationen zeitigt, und 
ähnliches mehr. Was von ſolchen Darſtellungen als durchaus ſalonfaͤhig galt, das 
moͤgen die Blaͤtter von Dutailly, „Eine Morgenpromenade“ (Bild 16) und von 
Vincent, „A sil y voyait . . .“ (ſiehe Beilage) illuſtrieren. Natürlich bekreuzigte man 
ſich auch nicht vor Blättern wie: „Chacun montre ce qu'il a de plus beau: L’une 


montre son derrière, l’autre ses cornes“ (Bild 81). 
43 * 
339 


8 
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. FEINSCHMECKER- } 


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. J. Diez. Jugend 


Dem franzoͤſiſchen Witz attachierte ſich mit nicht minder großem Behagen der 
fremde, vornehmlich der engliſche, der mit ſeinem ungeſchlachten Groteskhumor an Kuͤhn— 
heit des Zynismus uͤbrigens alles weitaus uͤberbot, was der galliſche Witz trotz ſeines 
revolutionaͤren uͤberſchwanges zu leiſten vermochte. Eine klaſſiſche Probe bietet dafuͤr 
der große farbige Kupfer „Die Pariſerinnen in ihrem Winterdreß fuͤr 1800“ von 
Iſaak Cruikſhank gezeichnet (ſiehe Beilage). So treffend dieſe Verhoͤhnung der 
Pariſer Goͤttinnen der Nacktheit iſt, ſo darf man ſich durch dieſes Blatt doch nicht 
irreleiten laſſen, man darf es ja nicht etwa als den Ausdruck einer berechtigten Ent— 
ruͤſtung uͤber eine ſpezielle Unmoral der Pariſerinnen deuten. Nichts waͤre toͤrichter. 
Gewiß erklommen die Pariſerinnen im Koſtuͤm der Nacktheit zuerſt die Spitze, aber 
ſowohl die Damen des engliſchen Adels und der engliſchen Bourgeoiſie als auch die 
biederen deutſchen Spießbuͤrgerinnen taten ihr Moͤglichſtes, um hinter den Pariſerinnen 
an Vorurteilsloſigkeit nicht zuruͤckzubleiben. Und daß es gar keiner langen Über— 
redung bedurfte, um die Modedamen allerorten davon zu uͤberzeugen, daß es fuͤr eine 
ſchoͤne Frau hoͤchſt pikant ſei, die Kleidung auf enganſchließende Trikotpantalons und 
einen durchſichtigen Mouſſelinuͤberwurf zu reduzieren, das illuſtrieren ſaͤmtliche Mode— 
bilder und Modeberichte aus jener Zeit. Bereits 1797 beklagt ſich ein Frankfurter 


340 


Modeberichterſtatter über den allgemeinen Sieg der franzöfifchen Nudidätenmode beim 
Bürgertum, und die detaillierte Schilderung, die er gibt, zeigt, daß das Koſtuͤm der 
Nacktheit mit echter deutſcher Gruͤndlichkeit kopiert wurde. Der Spott hatte alſo, 
wie man ſieht, reichlich Anlaß, vor der eigenen Tuͤre zu kehren. Und dieſe Pflicht 
wurde auch nicht verſaͤumt, in England jedenfalls nicht. Hier ſind Hunderte von 
bezeichnenden Karikaturen auf die Herrſchaft der Revolutionsmode in England 
erſchienen (Bild 191, 263265). Wenn man ſich in Deutſchland hauptſaͤchlich auf 
das Wort beſchraͤnkte, ſo iſt die Urſache zum großen Teil in der damaligen allge— 
meinen kuͤnſtleriſchen Unkultur des Landes zu ſuchen. 

Die engliſche Karikatur erhielt einen beſonderen Anſtoß noch dadurch, daß die 
Revolutionsmode in England ſozuſagen noch „vervollkommnet“ wurde, naͤmlich durch 
den Federſchmuck im Haar. Die wallende Straußenfeder im Haar ſollte der Frau ein 
ritterliches, ſelbſtbewußtes, ſtolzes Ausſehen verleihen. Auch dieſe Mode wurde, wie 
alles in dieſer Zeit, ſofort grotesk. Die Laͤnge der Federn wurde ins Ungeheuerliche 
uͤbertrieben, und nicht nur eine, ſondern drei, vier und noch mehr ſolcher Ungetuͤme 
ſchwankten den Modedamen auf dem Kopfe. Der eifrigſte Spoͤtter uͤber dieſe Mode 
war Gillray, ſeinem Witz danken wir gerade in dieſer Richtung eine Reihe aus— 
gezeichneter Blaͤtter (Bild 
270, 272 U. 278)... Natur⸗ 
lich uͤbten auch die andern 
Karikaturiſten ihren Witz an 
dieſer Mode, und zwar 
ebenfalls haͤufig mit dem 
beſten Erfolg, das mag das 
koͤſtliche Blatt von Row— 
landſon, „Wer iſt jetzt die 
Herrin?“ illuſtrieren. Die 
derbe Kuͤchenfee poſiert mit 
dem erborgten Federſchmuck 
auf dem Kopf die gnaͤdige 
Frau und illuſtriert in ihrer 
Weiſe das alte Wort, daß i | b Rente 


Es standen zweı Ehernänner 


* * ‚ j In einer Ecke des Saals 
Kleider — in dieſem Falle 11 d 


Die Leiden eines Gemahls. 


freilich vor allem die nicht 8 f Es sagte der Erste zum Zweiten: 


‚Die Sorgen machen mich grau! 
Ich kann das nicht mehr bestreiten. — 


vorhanden en! — Leute machen 4 Die vielen Toiletten der Freu f- 


Da sagte zum Andern der ‚Eine: 


(Bild 2 76). } „Beneidenswerther Mann: 


Betrachte Dir einmal die Meine: — 
Die zieht sich zu wenig eg.“ 


Die Franzoͤſin, die bei 7 Stumm drückt ihm der Erste die Hände, 


Und dachte still für sich 


dieſer Federmode die Neh— W 8 i e e e e 


“rt. 


mende war, übte ſich in vor⸗ . A. Scheiner. Karikatur auf die tiefe Dekolettage. Luſtige Blätter 


nehmer Beſcheidenheit; die Federmode wurde von Paris zwar auch allgemein über: 
nommen, aber ſie wurde hier doch ſelten in grotesker Weiſe getragen, wie in 
London. Sollte aber nicht doch etwas anderes als die zuruͤckhaltende Beſcheidenheit 
des Empfangenden der wahre Grund davon geweſen ſein? Sollte die Pariſerin 
gefühlt haben, daß dieſer Kopfſchmuck viel weniger ihren Tendenzen entſprach als 
der Wuſchelkopf à la sauvage oder die kuͤnſtliche Peruͤcke à la romaine (Bild 280), 
die ſie mit jedem Koſtuͤm wechſeln konnte? Hoͤchſt wahrſcheinlich war dies die Ur— 
ſache! Die ritterliche Romantik entſprach wohl der organiſchen engliſchen Entwicklung, 
nicht aber der jaͤhen brutalen Logik der Guillotine, die das franzoͤſiſche Buͤrgertum 
bei ſeinem Herrſchaftsantritt zu ſeinem modernen tarpejiſchen Felſen gemacht hatte. 


Schließlich iſt nun noch jener Karikaturen zu gedenken, in denen ſich die poſitive 
Modekritik, die planmaͤßig propagierte Modereform ſpiegelt. 

Die Modekritik hat ſchon ſehr fruͤh auch zum Poſitiven gefuͤhrt, d. h. zur Kon— 
ſtruktion von Moden, die wirklich den Anſpruͤchen der Aſthetik entſprechen ſollen, die 
praktiſch fein ſollen, und die vor allem das Geſundheitsſchaͤdliche aus der weiblichen 
Kleidung ausſchalten ſollen, die fie aus einem Hemmnis der natuͤrlichen koͤrperlichen 
Entwicklung zu einem Foͤrderungsmittel machen ſoll, aus einer Qual zu einer Luſt. 
Dieſe poſitive Kritik, die das Beſſere ſchaffen wollte, um das Fehlerhafte zu ver— 
draͤngen, iſt, wie geſagt, ſchon ſehr alt, und man findet in der Modegeſchichte fruͤherer 
Jahrhunderte mannigfache Anſaͤtze, aber groͤßere Maſſen fuͤr eine planmaͤßige Mode— 
reform zu begeiſtern, das war doch erſt dem 19. Jahrhundert vorbehalten, denn es 
ſetzte eine allgemeine Kenntnis uͤber die Schaͤdlichkeit beſtimmter Modetorheiten voraus, 
einen relativ gelaͤuterten Geſchmack und vor allem die Moͤglichkeit, dieſen zu propa— 
gieren. Das war natürlich erſt im Zeitalter der Zeitung und des großſtaͤdtiſchen 
Verkehrs moͤglich, und darum iſt es auch tatſaͤchlich erſt im 19. Jahrhundert zu 
groͤßeren Modereformbewegungen gekommen, zu wirklichen Maſſenbewegungen. 

Trotzdem lautet das Verdikt, das man unbarmherzig faͤllen muß: jeder radikale 
Reformverſuch iſt bis heute unerbittlich geſcheitert, vom erſten bis zum letzten: das 
ſogenannte Reformkoſtuͤm von heute nicht weniger als alle fruͤheren von der Vernunft, 
der Menſchenliebe und dem guten Geſchmack eingegebenen Loͤſungen. Gewiß, 
verſchiedene der praktiſch inſzenierten Moden haben nicht nur Dutzende und Hunderte, 
ſondern ſogar Tauſende von Glaͤubigen, von Bekehrten gefunden, oder mit anderen 
Worten: ſie ſind Maſſenbewegungen geworden. Aber Maſſe iſt ein relativer Begriff. 
Tauſend ſind eine Maſſe, aber was bedeutet dieſe Maſſe gegen die Maſſe der Frauen? 
Nichts, rein gar nichts! Es handelt ſich um die Millionen und nicht um die zehn— 
tauſend „vernuͤnftigen“ Frauen, die Millionen aber ſind bis jetzt abſolut unberuͤhrt und 


342 


— ES © 


unbeeinflußt von aller praftifchen Modereform geblieben, fie find noch niemals auch nur 
einen Schritt breit von der ſogenannten Unvernunft der Modetyrannei abgewichen. 
Und warum? Nun, die Antwort iſt bereits oben bei der Darlegung der Bedeutung 
des Korſetts gegeben. Was über das Korſett im Beſonderen geſagt iſt, das gilt 
auch fuͤr das Reformkoſtuͤm, ſowohl in der Begruͤndung als auch in den Schluͤſſen. 
Denn das Reformkoſtuͤm iſt ja doch in erſter Linie nur die Umformung der weib— 
lichen Kleidung auf der Baſis des Verzichtes auf das Korſett und die Verallgemeine— 
rung der Gebote der Hygiene und der Aſthetik auf die geſamte Kleidung, oder ſollte 
dies wenigſtens ſein. Nur in einem Punkte muß das dort Geſagte noch ergaͤnzt werden, 
freilich in einem ſehr wichtigen: Die Vernunft der zehntauſend Frauen, die ſich bis 
heute im Laufe der Jahre zu einem Reformkoſtuͤm bekehrt haben, hat faſt ſtets einen 


N 88 


2 0 \ 
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> 


„O Mutter, teure Mutter, glaubft du denn nicht mehr an Gott?!“ 
316. Th. Th. Heine. Simplieiſſimus 


343 


ſtraff gefüllten Geldbeutel zur Vorausſetzung gehabt. Die Unvernunft der Maſſe 
beſtand dagegen ebenſooft in einem mageren Geldbeutel. Mit anderen Worten: 
Das Geſetz der Schoͤnheit und aͤhnliche Ideale in der Kleidung erfolgreich zu loͤſen, 
iſt ein enorm teures Problem. Und das iſt der Punkt, warum eine ideale Reform 
der Kleidung nicht einmal ein Diskuſſionsthema fuͤr die Maſſe der Frauen iſt. — 


Die praktiſchen Reformbeſtrebungen waren gewiß ſehr oft ſehr loͤblich, zum 
mindeſten in ihrer Tendenz, und doch haben ſie faſt in allen Faͤllen die Satire mehr 
gegen ſich als fuͤr ſich gehabt. Ob dieſe Erſcheinung loͤblich iſt, daruͤber laͤßt ſich 
ja ſtreiten, aber jedenfalls iſt ſie logiſch, und zwar viel weniger darum, weil angeblich 
alles, was ſich von der Regel abkehrt, vom Spott verfolgt wird, als deshalb, weil 
jede willkuͤrliche Umbildung hiſtoriſcher Produkte in wichtigen Hauptteilen immer zum 
Unſinn und Widerſinn fuͤhrt. Und als willkuͤrliche Konſtruktionen erwieſen ſich bis 
jetzt alle hygieniſch oder aͤſthetiſch begründeten Modereformen. 

Die wichtigſten der fruͤheren Modereformbeſtrebungen waren von der Abſicht 
geleitet, das weibliche Koſtuͤm praktiſcher zu geſtalten. Dieſe Abſicht fuͤhrte, weil 
der männliche Anzug uns 
zweifelhaft praktiſcher iſt als 
der weibliche, meiſtens zu 
der Vermaͤnnlichung der 
weiblichen Kleidung. In 
der tollſten Form gipfelte 
dieſe Tendenz ſchließlich in 
dem Projekt, den weiblichen 
Rock durch die maͤnnliche 
Hofe zu erſetzen. Dieſes 
Projekt wurde tatſaͤchlich 
verſchiedne Mal zu dem 
Programm von Moderefor— 
men. Realiſiert wurde es 
jedoch erſt um 1850, und 
zwar in Amerfka. Die 
Schoͤpferin dieſes maskulini— 
ſierten Koſtuͤms, die auch 
durch perſoͤnliches Beiſpiel 
fuͤr ihre Kreation Propa— 
ganda machte, war eine 
in stumme Bewunterung versunken: Amerikanerin, mit Namen 

317. H. Gerbault. Album Amelia Bloomer. Das von 


344 


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Frau Bloomer vorgefchlagene und propogierte Koſtuͤm, das nur aus Hofe, Bluſe 
und Gürtel beſtand, war banal, geſchmacklos und puritaniſch nüchtern. Das 
Puritaniſche war die Hauptſache dabei; dies dokumentiert auch der Umſtand, daß 
der weibliche Rock nicht durch eine wirkliche Hoſe erſetzt wurde, ſondern in einem 
verlaͤngerten weiblichen Beinkleid beſtand, das „zuͤchtig bis zum Knoͤchel ver— 
hüllte“. Das neue Frauenkleid ſollte gewiſſermaßen eine puritaniſche Uniform 
darſtellen, in der die verſchrobene, muckeriſch-proteſtantiſche Pruͤderie ihren Siegeszug 
uͤber die Erde halten ſollte. Zu dieſem Siegeszug kam es auch, aber er beſchraͤnkte 
ſich auf die Witzblaͤtter, auf den Londoner Punch, den Pariſer Charivari und das 
Journal amuſant. Der Bloomerismus, wie man dieſe Bewegung nach ihrer 
Schoͤpferin nannte, ſetzte mit ihrer Schöpfung tatſaͤchlich mehr witzige Federn und Blei— 
ſtifte als Nähnadeln in Bewegung. Auf jeden Adepten, den er in Amerika gewann, — 
es moͤgen einige Hundert geweſen ſein — kamen allein im Punch mindeſtens fuͤnf 
bis zehn Zeichnungen und Witze. Das iſt ein uͤberaus glaͤnzendes Reſultat, ſogar 
ſo glaͤnzend, wie es in der Geſchichte der Karikatur nicht haͤufig vorkommt. Freilich, 
daß dieſer verſchrobene Ein— 
fall, der in der Wirklichkeit 
kaum nennenswerte Wurzeln 
zu faſſen vermochte, uͤber ein 
Jahr lang ein Hauptmotiv 
eines der angeſehenſten Witz— 
blaͤtter der Welt ſein konnte, 
das hatte noch eine beſondere 
Urſache. Im Bloomerismus 
wurde vom Punch vornehm— 
lich die damals zum erſten— 
mal in die Halme ſchießende 
Frauenemanzipations— 
bewegung ſatiriſiert, die in 
ihren Anfangsſtadien grotesk 
am Nebenſaͤchlichen klebte. 
Eine der Nebenſauͤchlichkeiten 
der Frauenemanzipation, die 
im Anfange zu einem ihrer 
Hauptprogrammpunkte ge— 
macht wurde, war die Mas— 
kuliniſierung der Kleidung. 
Daß der Punch ſeinen Witz 


mit Humor und Geiſt zu 318. Aubrey Beardsley 
44 


345 


handhaben verftand, das dokumentierte faſt jede Nummer jener Zeit. Die Schöpfer 
der gegen den Bloomerismus im Punch erſchienenen Karikaturen waren John Leech 
und John Tenniel, von ihnen ſtammen auch unſere Proben (Bild 289 u. 290). 

Das Projekt, den weiblichen Rock durch die Hoſe zu erſetzen, iſt mit dem Fiasko 
des Bloomerismus nicht zu Grabe getragen worden, ſondern hat immer und immer 
wieder in den Koͤpfen geſpukt. Teilweiſe iſt es ſchließlich auch zum Siege gekommen, 
und zwar im Sportkoſtuͤm, in der weiblichen Radler- und Bergkraxlerhoſe. Aber 
auch hier iſt die Herrſchaft der Hoſe bekanntlich ſehr beſchraͤnkt, und die Zahl der 
Karikaturen, die dieſes Motiv behandeln, iſt immer noch weſentlich groͤßer als die 
Zahl der ſporttreibenden Frauen, die ſich der Hofe bedienen (Bild 311 u. 316). 

Von allen weiteren praktiſchen Modereformbeſtrebungen hat die am Ende der 
neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einſetzende und immer noch anhaltende 
Bewegung, die in einem empireartigen Reformkleid die beſte Loͤſung der Modefrage 
zu finden glaubt, bis jetzt die groͤßte allgemeine Aufmerkſamkeit, das groͤßte Intereſſe 
und dementſprechend auch die zahlreichſte Anhaͤngerſchar gefunden. War ehedem das 
Praktiſche das Hauptproblem der Kleiderreform, ſo ſollen durch das moderne Reform— 
koſtuͤm alle Forderungen der Vernunft und der Afthetif erfüllt werden. Es ſoll praktiſch 
ſein, es ſoll alle Schaͤden der Geſundheit vermeiden, und es ſoll uͤberdies im wahren 
Sinne des Wortes ſchoͤn ſein. 

Es iſt nicht zu beſtreiten: Im Programm ſtellt das moderne Reformkoſtuͤm 
zweifellos den hoͤchſtgeſchraubten Loͤſungsverſuch dar. In der Praxis iſt es aber, 
wie ſchon geſagt, dennoch geſcheitert, und zwar in erſter Linie an der Frage der 
Koſten. Das moderne Reformkoſtuͤm iſt ein ſehr teurer Spaß; wenn es nicht aus 
ſchweren Stoffen gearbeitet wird, praͤſentiert es ſich an ſeiner Traͤgerin meiſtens wie 
ein ſchlecht gefuͤllter Wurſtſchlauch. Aber auch fuͤr die wenigen, die ſich dieſen teuren 
Spaß leiſten koͤnnen, iſt die Loͤſung im Grunde verfehlt. Gewiß hat dieſe Bewegung 
eine Reihe ſehr wirkungsvoller Koſtuͤme hervorgebracht, manche elegante und vornehme 
Linie, aber die aͤſthetiſche Loͤſung leidet an einem Fundamentalirrtum. Indem die 
Taille uͤbergangen wird, verlaͤngert ſich der Schritt, d. h. die Bewegungslinie der 
Beine dehnt ſich beim Gehen bis zur Hoͤhe des Buſens aus, das iſt aber unnatuͤrlich, 
denn in Wirklichkeit endigt ſie mit den Huͤften. Die erſte Folge dieſer unnatuͤrlichen 
Konſtruktion iſt, daß die ſchoͤnen Linien des Reformkoſtuͤms nur bei der Bewegungs— 
loſigkeit, im Sitzen oder im Stehen vorhanden find und hoͤchſtens noch beim 
majeſtaͤtiſch⸗-pathetiſchen Buͤhnenſchritt, alſo auf jeden Fall nur in der ausprobierten 
Poſe und nicht in den natuͤrlichen Bewegungen des modernen Lebens. Der Zeit— 
tendenz des erſten Kaiſerreiches mochte dieſe Loͤſung entſprechen, aber es iſt doch ein 
himmelweiter Unterſchied zwiſchen jener Epoche und den eilig haſtenden Lebensformen 
des modernen Fabrikzeitalters. Heute erſchoͤpft ſich weniger denn je der Begriff „Weib“ 
in ein paar tauſend Salonpuppen. 


346 


„Schutzmann, jetzt kommen Sie mal mit und zeigen Sie mir gefaͤlligſt, in welchem Paragraphen es ſteht, daß jede 
deutſche Untertanin ein Korſett tragen muß.“ 


Frauenrechte auf der Polizeiwache 
319. Th. Th. Heine. Simplieiſſimus 


Dadurch allein iſt der momentanen Loͤſung ſchon das Urteil geſprochen. Fuͤr das 
andere — daß das Reformkoſtuͤm für die beſitzenden Klaſſen nichts weiter als eine 
voruͤbergehende Mode, wie Dutzende von anderen, ſein wird — dafuͤr ſorgen ſchon die 
kapitaliſtiſchen Tendenzen unſerer Geſellſchaft, die zum ſteten Wechſel zwingen, und 
das eherne Geſetz der Klaſſenſcheidung, das zu demſelben Ziele draͤngt: An dem 
Tage, wo die Dienſtmagd das Reformkoſtuͤm mit Wuͤrde und Anſtand traͤgt, wird 
die gnaͤdige Frau dieſe Mode nicht mehr ſchoͤn finden. 

Und die Menſchheit wird dieſem Fiasko, wenn es einmal endguͤltig iſt, wahr— 
ſcheinlich nicht einmal allzu viel Traͤnen nachweinen, denn dann wird man zum all 


gemeinen Troſte darauf hinweiſen, daß es mit der „Reform“ im Reformkoſtuͤm doch 
44 * 


347 


eine gar eigentuͤmliche Sache war. Es macht nämlich für die große Mehrzahl feiner 
Traͤgerinnen das Korſett, deſſen Ausſchaltung doch das Hauptproblem ſein ſollte, 
nicht nur nicht uͤberfluͤſſig, ſondern bedingt im Gegenteil ein recht raffiniert und recht 
elegant gearbeitetes Korſett. Denn es iſt gerade bei einer Mode mit verſchwimmen— 
den und aufgeloͤſten Linien am allerſchwerſten, zu zeigen, was man hat: Buͤſte, 
Huͤften und Lenden muͤſſen vom Korſett ganz pointiert gemeißelt ſein, um vom Kleide 
delikat und doch deutlich nachgezeichnet zu werden. Darum erfordert das Reform— 
koſtuͤm ſelbſt fuͤr eine Juno in den beſten Jahren eine ganz raffiniert gearbeitete 
Korſage. Die Zahl der Junonen iſt aber ſehr gering, und leider bleiben auch von 
ihnen nur die wenigſten ewig „in den beſten Jahren“. Und den Mut, das zu zeigen, 
was man nicht hat, haben immer nur die paar Fanatikerinnen gefunden, auf die es 
nicht ankommt, die andern 
i BEN: aber feine Stunde, 

wen. Unter den Angriffen 

der Karikatur hat die 

neueſte Modereformbewe— 

gung nicht allzuſehr zu 

leiden gehabt. Jedenfalls 

gibt es keine Modereform, 

die in aͤhnlichem Maße von 

der ſatiriſchen Laune uns 


behelligt geblieben waͤre. 


Das liegt in erſter Linie 
daran, daß die Frauen- 
emanzipation laͤngſt aner- 
kannt iſt, alſo nicht mehr 
ſchon an und für ſich den 
Widerſpruch weckt, wenn 
ſie eine ihrer Uniformen 
propagiert. Der zweite 
Grund iſt derſelbe, der 
gegenuͤber allen modernen 
Moden in Betracht kommt: 
ſie bieten weniger Angriffs— 


— „Das Reformkleid iſt vor allem hygieniſch und erhaͤlt den Koͤrper tuͤchtig flaͤchen als ihre Vorgänger 
für die Mutterpflichten.“ rinnen. Sie ſind in der 


— „So lange Sie den Fetzen anhaben, werden Sie nie in dieſe Verlegenheit 8 \ Ä 
kommen. Loͤſung zwar meiſt kompli— 
Streit der Moden zierter und raffinierter, 

320. Bruno Paul. Simplieiffimus dabei aber doch einfacher. 


348 


Natürlich: gänzlich unbehelligt, gänzlich unregiftriert blieb auch die moderne 
Modereform nicht, auch ſie iſt in einigen ganz ausgezeichneten Blaͤttern in ihrem 
Prinzip verewigt worden. Dazu gehoͤrt z. B. das famoſe Blatt von Heine: 
„Frauenrechte auf der Polizeiwache“ (Bild 319). Bedeutſamer als dieſes iſt jedoch 
das Blatt von Bruno Paul: „Streit der Moden“. Das iſt nicht bloß ein grotesker 
Witz, ſondern der Mode tiefſter Sinn iſt hier in epigrammatiſcher Knappheit ſatiriſch 
entſchleiert. Dieſer Sinn heißt in Worte gefaßt: Die Mode iſt ein erotiſches Problem. 
In dem beſonderen Falle iſt dieſe Satire außerdem die Widerlegung der aus der 
Tiefe des Gemuͤtes geſchoͤpften Theorie, die uͤber dem verlockenden Ziel ganz vergißt, 
daß man die Reiſe auch antreten muß, um uͤberhaupt zu einem Ziel zu kommen. 
D. h. mit anderen Worten: Die abſtrakte Theorie der fanatiſchen Modereformer 
uͤberſieht in ihrer Rechnung immer die wichtigſte Zahl: die ſinnliche Wirkung auf den 
Mann (Bild 320). — 


Die Mode uͤberhaupt, nicht nur das Reformkoſtuͤm, ſpielt heute im Geſamtbilde 
der geſellſchaftlichen Karikatur eine relativ untergeordnete Rolle. Der im Bilde der 
Mode bedingte Grund iſt bereits genannt und erſt vorhin wieder hervorgerufen 
worden, aber es iſt außerdem noch der entſcheidende Grund zu nennen: Wir 
haben heute uͤber ernſtere Loſe zu ſtreiten. Die ungeheure ſoziale Kluft, die die 
Menſchheit ſtreng in ein Huͤben und ein Druͤben ſcheidet, iſt ins Bewußtſein getreten, 
und dieſes Bewußtſein offenbart ſich taͤglich in den ernſteſten und tragiſchſten Kon— 
flikten. In einem ſolchen Stadium der Entwicklung verlernt man nicht nur den. 
harmloſen Scherz, ſondern andere, ernſte Kampfparolen draͤngen ſich in den Vorder— 
grund und ſchieben das Tendenzloſe beiſeite. 


349 


Es wirkt doch nicht erhebend aufs Gemüt, 
Wenn man bei Regenwetter — ſo etwas ſieht. 


321. Wilhelm Buſch 


IV 


Des Weibes Leib iſt ein Gedicht ... 


Die ſchwaͤrmeriſchen Frauenverehrer ſagen: Jede Frau iſt ſchoͤn. Und ſie 
kommentieren ihre Begeiſterung alle im Sinne von Heines koͤſtlichem Hohen Lied 
auf das Weib, das mit den beruͤhmten Worten anhebt, die dieſem Kapitel als Titel 
dienen. Aber die Wirklichkeit iſt, wie immer, ſo auch in dieſem Falle, ſehr un- 
höflich, ſie ſtraft die ſchwelgeriſchen Schwaͤrmer auf Schritt und Tritt Luͤgen. Sie 
beweiſt mit brutalſter Erbarmungsloſigkeit, daß ſogar die allerwenigſten Frauen wirklich 
ſchoͤn ſind, und daß der Satz: „jede Frau iſt ſchoͤn“ eigentlich nichts weiter als eine 
galante Umſchreibung fuͤr eine intenſiv geſteigerte maͤnnliche Sinnlichkeit iſt, die in 
der Frau nicht den ganzen Menſchen ſucht, der zwar auch Geſchlecht iſt, ſondern in 
jeder Frau in erſter Linie nur das Geſchlecht ſieht, das Inſtrument der ſinnlichen 
Wolluſt, nach deren Befriedigung eine geſteigerte Sinnlichkeit ununterbrochen lechzt. 


350 


Der Beweis, den die Wirklichkeit aufftellt, iſt leider in jeder Richtung un— 
antaſtbar. Freilich zwingt ſich dieſe fatale uͤberzeugung einem nicht darum auf, weil 
man bei nuͤchterner Überlegung und objektiver Nachprüfung wohl oder übel die 
vielzitierte Formel Schopenhauers akzeptieren muͤßte, die die Frau als „das niedrig 
gewachſene, ſchmalſchultrige, breithuͤftige und kurzbeinige Geſchlecht“ bezeichnet, „das 
man mit mehr Fug, als das ſchoͤne, das unaͤſthetiſche nennen koͤnnte“, d. h. alſo: 
nicht darum, weil man wahre Schoͤnheit der Frau eigentlich prinzipiell abſprechen 
muͤßte. Dieſe Formel iſt nur ein Zeugnis wider Schopenhauer und jene, die mit 
ihm durch gleiche logiſche Impotenz verwandt ſind, nicht aber eines wider die Frau. 
Und ſie hat hoͤchſtens noch Beweiskraft gegen jene vorhin genannten Erotiker, die 
jede Frau bloß deshalb ſchoͤn finden, weil eben jede Frau der Wolluſt bis zu einem 
gewiſſen Grade zu dienen vermag, nie aber fuͤr jene, die in der Frau erſt den 
Menſchen ſehen, und denen das Geſchlecht im Weibe erſt dann zur Köftlichfeit 
wird, wenn ihm jene hun— 
dert ſeeliſchen Wunder— 
blumen entſprießen, die das 
bilden, was Goethe in den 
unſterblichen Satz kleidete: 
„was ſo wonnig iſt, daß 
man's nie und nimmermehr 
vergißt“. 

Die Begruͤndung da— 
fuͤr, daß des Weibes Leib 
ſehr ſelten ein vollendet 
ſchoͤnes Gedicht, ein fleiſch— 
gewordener Rhythmus iſt, 
leitet ſich wo anders her: 
die koͤrperliche Vollkommen— 
heit und Ebenmaͤßigkeit, 
die die Vorausſetzung jeder 
wirklichen Schoͤnheit iſt, 
und ohne die eine Frau 
hoͤchſtens pikant iſt, iſt 
deshalb ſo ſelten, weil, 
wie ſchon in der Einleitung 
geſagt iſt, Arbeit, Ent— 
behrung, die tauſend kleinen 
Sorgen des Tages, Mode, Der Anfang eines Skandals 
falſche Erziehung, falſche 322. M. Darly. Engliſche Karitaur. 1777 


— Haben Sie ſchon gehoͤrt? 


351 


Ernährung, fehlerhafte Zuchtwahl 
und das im Gefolge von alledem 
ſtets vorhandene Krankſein der 
allermeiſten Frauen einen ununter— 
brochenen und geradezu wuͤtenden 
Zerſtoͤrungskampf wider die natuͤr— 
liche Schoͤnheit der Frau führen. 
Wenn dieſe Faktoren wenig er— 
reichen, ſo erreichen ſie doch ſtets 
das eine: daß die koͤrperliche 
Schoͤnheit der meiſten Frauen 
immer nur von relativ kurzer 
Dauer iſt. Es iſt ein billiger 
Troſt, ſich einzureden, daß dies 
ein ewiges Naturgeſetz ſei, aber 
es iſt nichtsdeſtoweniger die herr— 
ſchende Anſicht, und ſie iſt auch 
ſchon oft wiſſenſchaftlich begruͤndet 
worden. Schopenhauer „philo— 
ſophiert“ z. B.: 


„Mit dem Maͤdchen hat es die 
323. Franzisko Goya. Spaniſche Karikatur auf den weiblichen Natur auf das, was man, im dramatur— 
e giſchen Sinne, einen Knalleffekt nennt, 
abgeſehen, indem ſie dieſelben, auf wenige 
Jahre, mit uͤberreichlicher Schönheit, Reiz und Flle ausſtattete, auf Koſten ihrer ganzen uͤbrigen 
Lebenszeit, damit fie namlich, während jener Jahre, der Phantaſie eines Mannes ſich in dem Maße 
bemaͤchtigen koͤnnten, daß er hingeriſſen wird, die Sorge fuͤr ſie auf Zeitlebens, in irgend einer 
Form, ehrlich zu uͤbernehmen; zu welchem Schritte ihn zu vermoͤgen die bloße vernünftige Über⸗ 
legung keine hinlaͤnglich ſichere Buͤrgſchaft zu geben ſchien. Sonach hat die Natur das Weib, eben 
wie jedes andere ihrer Geſchoͤpfe, mit den Waffen und Werkzeugen ausgeruͤſtet, deren es zur Siche⸗ 
rung ſeines Daſeins bedarf; wobei ſie denn auch mit ihrer gewoͤhnlichen Sparſamkeit verfahren iſt. 
Wie naͤmlich die weibliche Ameiſe, nach der Begattung, die fortan uͤberfluͤſſigen, ja, fir das Brut- 
geſchaͤft gefährlichen Flügel verliert; fo meiſtens, nach einem oder zwei Kindbetten, das Weib feine 
Schoͤnheit; wahrſcheinlich ſogar aus demſelben Grunde.“ 


Das iſt ausgemacht der duͤmmſte Kommentar zu dem Geſetz des Kampfes ums 
Daſein. Die Logik ſolcher Rederei wäre tatſaͤchlich: Die Natur hat ſich in ihrem 
unbewußten Drange einzig und allein auf die moderne buͤrgerliche Ehe kapriziert, und 
ſie hat als Gipfel der menſchheitlichen Entwicklung bei der Frau den Hängebuſen 
und den Hängebauch als Fatum angeſtrebt. Gewiß iſt es eine Ausnahme, wenn 
eine Frau von, ſagen wir, nur dreißig Jahren, die ſchon mehrere Kinder geboren 


352 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


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324. Woodward. Engliſche Karikatur auf die Art, wie die vornehmen Kreife ihr Mitleid mit den Savoyardenknaben betaͤtigten 


Ru" April 247722 


Woodward del 


und genährt hat, noch einen tadellos fchönen Rumpf und feſte, aufrecht ſtehende 
Bruͤſte beſitzt, die keines Stuͤtzpunktes bedürfen. Aber dieſe Ausnahme koͤnnte die 
Regel ſein, das können wir getroſt auf Grund unſerer heutigen Kenntniſſe auf dem 
Gebiet der Koͤrperpflege und der Koͤrpererhaltung behaupten. Dieſe Kenntniſſe beweiſen 
uns, daß die koͤrperliche Schoͤnheit der Frau die reichſte ſein koͤnnte: kein dramatiſcher 
Knalleffekt, nicht die Konzentration auf einen einzigen Akt, und zwar auf den erſten, 
auf die Jahre der jungfraͤulichen Bluͤte, auf den Fruͤhling im Leben des Weibes, 
ſondern ein ſtetig auf gleicher Hoͤhe ſich fortbewegendes, nur reifer werdendes Schau— 
ſpiel. Das Wort der Franzoſen: „La femme de quarante ans c’est la meilleure“ 
brauchte keine bloß liebestechniſche Bedeutung zu haben, — es koͤnnte von der koͤrper— 
lichen Phyſiognomie der Frau im ganzen gelten. Der heutige Zuſtand iſt nur das 
fatale Reſultat fehlerhafter Lebensbedingungen. Es iſt das Reſultat davon, daß 
der komplizierteſte und edelſte Organismus, den die Natur entwickelt hat, der Leib 
des Weibes, eben infolge ſeiner Kompliziertheit am ſchwerſten durch die Unnatur 
fehlerhafter und primitiver Geſellſchaftsordnungen in Mitleidenſchaft gezogen wird. 

Da wie geſagt bereits in der Einleitung von den ſpeziellen Wirkungen und 
Verheerungen, die Mode, Arbeit, Not, Sorge, Krankheit uſw. am weiblichen Koͤrper 
hervorbringen, eingehend die Rede geweſen iſt, ſo brauchen dieſe alſo hier nicht mehr 
im einzelnen geſchildert zu werden, es genuͤgt, auf das dort Geſagte zu verweiſen 
(S. 2— 11). 

Es liegt auf der Hand und bedarf keiner weiteren Begruͤndung, daß auf 
dieſem Gebiete die Karikatur niemals große Schlachten geſchlagen hat. Weder Fett— 
leibigkeit noch uͤbergroße Schlankheit ſind an ſich ſittliche Defekte, und die Ver— 
heerungen, die Arbeit und Krankheit am weiblichen Koͤrper anrichten, ſind gewiß am 
allerwenigſten geeignet, ein Objekt des Angriffs fuͤr die Satire zu ſein. Die kari— 
katuriſtiſche Verwertung dieſer körperlichen Deformationen konnte darum vorwiegend 
nur im übertragenen Sinne geſchehen, indem man ſie als charakteriſierende Attribute 
zur Kennzeichnung beſonderer moraliſcher und ſeeliſcher Eigenſchaften nimmt, z. B. der 
Gutmuͤtigkeit, des nervoͤs haſtigen Temperamentes, des uͤppigen Lebens oder des Gegen— 
teiles davon: des Geizes, und ſchließlich zum Angriff auf beſtimmte ſoziale Zuſtaͤnde. 
Die Gutmuͤtigkeit zu ſymboliſieren, zeichnet man die wohlgenaͤhrte Behaͤbigkeit; den 
Ekel vor dem wuͤſten und maßloſen Genußleben zu wecken, zeichnet man die triefende 
Fettleibigkeit; dem ſchmutzigen Geiz, dem jeder Biſſen leid tut, und der aus Habgier 
ſich niemals ſatt ißt, entſpricht die Figur der klapperduͤrren Vettel; die pointierte Dar— 
ſtellung der Verheerungen, die Arbeit und Krankheit am weiblichen Koͤrper anrichten, 
iſt dagegen ein Mittel, die geſellſchaftliche Organiſation anzuklagen, die dieſe Ver— 
heerungen im Gefolge hat (Bild 41). Eine Anwendung koͤrperlicher Haͤßlichkeit im 
uͤbertragenen Sinne iſt auch Heines geniale Satire „Im Damenbad“. Heines Beweis— 
führung iſt in der Tat ſchlagend (ſiehe Beilage). Außerdem dient die koͤrperliche 


354 


325. Die Intrigantin. Engliſche Karikatur 


Deformation noch dazu, jene weiblichen Typen zu charafterifieren, die dem Mann 
prinzipiell zuwider ſind: die keifende Schwiegermutter und die pruͤde alte Jungfer 
ſtattet der Karikaturiſt ſtereotyp mit liebevollſter Fuͤrſorge durch auffallende negative 
Schönheit aus (Bild 39, 72, 96, 98, 102, 108, 127 u. 327). 

Soweit die karikaturiſtiſche Darſtellung negativer weiblicher Schoͤnheit Selbſt— 
zweck iſt, dient ſie der Schadenfreude und iſt gewiſſermaßen die boshafte Rache für 
die Macht, die die Frau durch ihre koͤrperlichen Reize uͤber den Mann hat. Es iſt 
ſozuſagen die boshafte Antitheſe, indem die Karikatur grotesk das Zuviel und das 
Zuwenig zeigt, zeigt, wie alles corriger la fortune nicht ausreicht, um dauernd zu 
verbergen, daß des Buſens edle Fuͤlle ſich zu den maſſiven Formen koloſſaler Weib— 


lichkeit entwickelt, die kaum mehr zu baͤndigen ſind (Bild 341), daß die Taillenweite 
45* 


355 


nicht mehr fechzig iſt, ſondern laͤngſt achzig, und daß daraus unaufhaltſam neunzig 
und ſchließlich hundert wird uſw. Oder das Gegenſtuͤck: daß die gerade Linie die 
haͤufigſte iſt, daß das Lineal der Natur als Vorbild gedient hat und daß darum alle 
Liebesmuͤh' umſonſt iſt, weil, wo nichts iſt, nichts daraus wird, und daß alſo auf die 
Emballage das meiſte zu rechnen iſt uſw. uſw. (Bild 336). 

Aber ſo eifrig auch der Spott zu allen Zeiten auch in dieſer Richtung als 
Selbſtzweck am Werke geweſen iſt, ſo ſind ſeine Reſultate doch durchaus harmlos. 
Ob es ſich nun um eine fette Juͤdin handelt, von Beardsley gezeichnet (Bild 338), 
oder ob Buſch eine ſtelzbeinige Alte beim Regen von hinten zeigt (Bild 321) — dieſer 
Spott erſchoͤpft ſich durchaus in ſich ſelbſt. Er iſt hoͤchſtens noch eines neben der 
Rache: der Troſt der vom Weibe Genarrten. 


Die hundert ſeeliſchen Wunderblumen, von denen oben die Rede war, bluͤhen 
leider nicht nur ſelten in vollendeter Schoͤnheit in der Pſyche des Weibes, ſondern 
ſie ſind auch dort, wo ſie bluͤhen, immer von uͤppig wucherndem Unkraut durchſetzt, 
das die edelſten Bluͤten giftig umrankt und ſtaͤndig zu erſticken droht — das iſt die 
andere haͤßliche Seite am Portraͤt der Frau, die peinlichſte und die wichtigere. 

Der phyſiologiſchen Eigenart der Frau, ihrer von der Natur bedingten Paſ— 


ſivitaͤt im Geſchlechtsleben und ihrer Rolle als Gebaͤrerin neuer Generationen ent— 
ſprechen naturnotwendig ganz beſtimmte pſychologiſche Beſonderheiten, die ſpeziell ihr 
eigentuͤmlich ſind; ſie unterſcheidet ſich durch dieſe geiſtig und gemuͤtlich vom Manne. 
An dieſer Tatſache iſt nicht zu zweifeln. Die Pſychologie, ſo jung dieſe Wiſſenſchaft 
auch noch iſt, hat ſchon eine Anzahl fundamentaler Unterſchiede in der Pſyche 
des Mannes und des Weibes analyſiert und einwandfrei feſtgeſtellt. Nur in der 
Beurteilung dieſer Unterſchiede ſchwankt man noch, heute freilich ſchon beträchtlich 
weniger als fruͤher. Urſpruͤnglich war die allgemein herrſchende Anſicht: der Unterſchied 
zwiſchen Mann und Weib iſt qualitativ. Von den Alten wurde das Weib sexus sequior 
genannt. Ariſtoteles begruͤndete, wie bereits im Kapitel uͤber die Ehe dargelegt worden 
iſt, eingehend die Minderwertigkeit der Frau (S. 56), uſw. Es iſt kein Ruhm fuͤr die 
menſchliche Erkenntnis, daß ſich noch zahlreiche Denker des neunzehnten Jahrhunderts 
auf faſt denſelben Standpunkt geſtellt haben. Herbert Spencer ſagt, das Weib 
repraͤſentiere den geringeren Grad der menſchlichen Entwicklung, es ſei ein in der 
Entwicklung ſtehen gebliebener Mann. Und Schopenhauer ſagt gar: das Weib iſt 
„eine Art Mittelſtufe, zwiſchen dem Kinde und dem Manne, als welcher der 
eigentliche Menſch iſt.“ Aus dieſer Anſchauung folgert Schopenhauer dann weiter, 
was freilich ſehr logiſch iſt, daß es „über die Maßen lächerlich iſt“, dem Weibe 
Ehrfurcht zu bezeugen. Und um das Weib von ſeiner Einbildung zu bekehren, 


356 


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326. Engliſche Karikatur auf den größeren Klaſſenduͤnkel der Frauen 


empfiehlt er die ftaatliche Polygamie, d. h. die offizielle 
Erniedrigung der Frau zum bloßen Inſtrument der 
maͤnnlichen Wolluſt: „Dadurch wird auch das Weib 
auf ihren richtigen und natuͤrlichen Standpunkt, als 
ſubordiniertes Weſen zuruͤckgefuͤhrt.“ Solche extremen 
Anſchauungen werden heute erfreulicherweiſe nur noch 
von den wuͤſteſten Reaktionaͤren vertreten, denn es bricht 
ſich immer uͤberzeugender die wiſſenſchaftliche Erkenntnis 
Bahn, daß Mann und Frau zwar zwei verſchiedene 
Seiten der Menſchheit darſtellen, daß es aber inkommen— 
ſurable Groͤßen ſind, daß nicht der Mann der „eigent— 
liche“ Menſch iſt, ſondern daß erſt Mann und Frau 
vereint den ganzen Menſchen ausmachen. 

Die Begruͤndungen der angeblichen Minderwertig— 
keit der Frau ſind fuͤr die moderne Wiſſenſchaft aber 
ſehr wichtig, und zwar wegen ihrer indirekten Logik, die freilich ihre Verfaſſer nicht 
ahnten, die aber wir zu ziehen ſo frei ſind. Was aus den „Philoſophieen“ der 
Spencer, der Schopenhauer uſw. ſpricht, das iſt erſtens nichts anderes als die 
Klaſſenmoral der herrſchenden Klaſſe „Mann“ gegenüber der unterdruͤckten Klaſſe 
„Frau“, und zweitens die Erfuͤllung einer Tendenz, zu der es jede Klaſſenherrſchaft 
drängt, der Tendenz nämlich, ihre Herrenrechte „ſittlich“, d. h. bei entwickelter geiſtiger 
Kultur „wiſſenſchaftlich“ zu rechtfertigen. 

Es iſt bereits in der Einleitung darauf hingewieſen (S. 25), daß in der 
Stellung des Mannes zur Frau ſich abſolut nichts anderes auspraͤgt als eine 
Klaſſenherrſchaft, und zwar die erſte und am laͤngſten andauernde Klaſſenherrſchaft. 
Weil das gegenſeitige Verhältnis von Mann und Frau aber nichts anderes iſt, fo gilt 
natuͤrlich auch alles das, was wir heute als die allgemeinen Merkmale und Kenn— 
zeichen einer Klaſſenherrſchaft feſtzuſtellen vermoͤgen, d. h. alſo ganz dieſelben Geſetze 
und Methoden, die die einzelnen Klaſſenkaͤmpfe in der Geſchichte — zwiſchen Adel 
und Bürgertum, zwiſchen Bourgeoiſie und Proletariat uſw. — beherrſchen, — das 
alles gilt auch durchwegs fuͤr die bis jetzt permanente Unterdruͤckung der Frau durch 
den Mann, und die Ahnlichkeit erſchoͤpft ſich darum nicht bloß darin, daß der Mann 
die Knechtung der Frau „ſittlich“ und „wiſſenſchaftlich“ rechtfertigt . .. 

Da es ſich in dieſem Abſchnitt ausſchließlich um die Pſyche der Frau, um die 
Eigenart ihrer geiſtigen und ſeeliſchen Kapazitaͤt handelt, ſo muß man, um den 
Schluͤſſel zu deren richtigem Verſtaͤndnis zu finden, alſo das Geſetz fixieren, das in 
dieſer Richtung in den Klaſſenkaͤmpfen gilt. Dieſes Geſetz lautet kurz und buͤndig: 
Es gab noch niemals eine Klaſſenherrſchaft, die nicht auch den Geiſt und das Gemuͤt 
der beherrſchten Klaſſe unterjocht haͤtte. Dieſes Geſetz entſpringt einer inneren 


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Das Jankeiſen 
327. Fliegende Blätter 


358 


Notwendigkeit, denn dieſe Methode bietet einzig und allein dem Herrſchenden die 
ſichere Gewaͤhr, ſeine Herrſchaft auf eine moͤglichſt lange Dauer zu befeſtigen und ſie 
unter Umſtaͤnden auch noch zu erweitern. Das Weſen dieſer Methode beſteht darin, 
daß man der unterdruͤckten Klaſſe alle geiſtigen Errungenſchaften ſoviel als moͤglich 
vorenthaͤlt, ihre geiſtigen Schulungs- und Erkenntnismöglichkeiten immer auf das 
beſcheidenſte Maß beſchraͤnkt, d. h. eben nur ſoviel bewilligt, wie das eigene Wohl der 
herrſchenden Klaſſe ſelbſt erfordert. Die unterdruͤckte Klaſſe wird immer mit den 
geiſtigen Broſamen abgefunden, und jede eigenwillige Beſitzergreifung geiſtiger Werte 
von ſeiten der Unterdruͤckten iſt nicht ſelten mit ausdruͤcklichen Verboten und ſogar 
mit drafonifchen Strafen belegt worden. Alle die, die nicht auf dem Boden des 
hiſtoriſchen Materialismus ſtehen, wonach alle ſeitherige Geſchichte nur eine Geſchichte 
von Klaſſenkaͤmpfen iſt, werden die Richtigkeit dieſer Saͤtze beſtreiten, und vor allem 
hinſichtlich der letzten Etappe der menſchlichen Entwicklung, des Zeitalters der Bour— 
geoiſie, in dem wir heute noch leben. Zum Beweiſe, daß ihr Widerſpruch berechtigt 
ſei, werden ſie darauf hinweiſen, daß der Liberalismus z. B. in der zweiten Haͤlfte 
des 19. Jahrhunderts eine ſteigende Verbeſſerung der Volksſchulbildung nicht nur auf 


328, Charles Philipon. In Longchamps. 1832 


359 


fein politiſches Programm gefchrieben, ſondern auch überaus ernft dafür propagiert 
hat. Dieſe Tatſache iſt nicht zu beſtreiten, und doch iſt gerade fie das klaſſiſche Schul— 
beiſpiel dafuͤr, daß einzig das Intereſſe des Eigenwohls den Grad von Bildungs— 
moͤglichkeit beſtimmt, den jeweils eine herrſchende Klaſſe einer unterdruͤckten bewilligt. 
Wenn man die liberale Programmforderung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, 
die eine Verbeſſerung der Volksſchulbildung anſtrebte, ihres ideologiſchen Gewandes 
entkleidet, dann tritt der materielle Kern ſehr klar zutage: Die moderne induſtrielle 
Entwicklung, wie ſie um jene Zeit in Deutſchland einſetzte, bedurfte, wenn ſie alle 
ihre Kraͤfte entfalten und im hoͤchſten Maße produktiv werden wollte, in erſter Linie 
eines zu ſogenannter qualifizierter Arbeit faͤhigen Menſchenmaterials. Mit der 
ungebildeten und darum unbeholfenen Maſſe, wie fie aus der mittelalterlich geleiteten 
Volksſchule hervorging, waren die von der techniſchen Entwicklung geſtellten Aufgaben 
nicht mehr zu loͤſen. Das ſtumpfe Gehirn, das nur Leſen, Schreiben und Rechnen 
notduͤrftig verſtand, ſetzte wohl in den Stand, den Pflug zu fuͤhren und in primitiver 
Weiſe ein Handwerk auszuuͤben, aber nicht Präzifionsarbeit zu liefern und dem kom— 
plizierten Mechanismus unſeres ſich mit Rieſenſchritten entwickelnden Maſchinenzeit— 
alters gerecht zu werden. Damit iſt das Geheimnis der idealen Forderung nach 
einer beſſeren Schulbildung entfchleiert. Man ſieht: die programmatiſche Hebung der 
Volksſchulbildung in dieſer aufſteigenden Periode war tatſaͤchlich gar nichts anderes 
als die Bewilligung jenes Grades von 
Wiſſen und Erziehung, den die Bourgeoiſie 
als Beſitzerin der Produktionsmittel im 
Intereſſe der unbeſchraͤnkten Steigerung ihrer 
Profitrate dem Volke unbedingt bewilligen 
mußte, wenn ſie ſelbſt ihre Rechnung finden 
wollte. 

Wenn eine herrſchende Klaſſe ſyſte— 
matiſch — und das geſchieht ſtets ſyſtematiſch 
— an die koͤrperliche Knechtung der unter— 
druͤckten Klaſſe deren geiſtige Unterjochung 
knuͤpft, ſo beſteht das Endreſultat in dem 
folgenden: die geiſtige Inferioritaͤt und Un— 
reife des Unterdruͤckten hindert dieſen, zu 
der Erkenntnis zu kommen, daß ſeine Lage 
eine unwuͤrdige iſt, es hindert ihn, zu er— 
von Canova ſind zu tig. kennen, daß dieſer Zuſtand abſolut nicht 
(hen dect = dee, fle Zhafader vohfane ewig und unabanderlich iſt, und es ſorgt 
abe dne Seh en lehne endlich dafür, daß der Unterdrückte, wenn 

329. Fliegende Blätter wirklich einmal in ihm die Unzufriedenheit 


Falſche Auffaſſung. 


360 


Kowilandsor. Len, 1815 


Jack Tar bewundert das ſchöne Geſchlecht 
Groteske engliſche Karikatur von Thomas Rowlandſon. 1815 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


— Wenn du nicht gehſt, dann ſollſt du etwas fehen! 
— Ich geh' ſchon. 


330. Ga varni 


mit ſeinem Loſe aufkeimt, nicht ſofort die richtigen Mittel zu ſeiner Emanzipation 
erkenne und in die erfolgreiche Tat umſetze. Dieſe Reſultate ſind aber 
nichts anderes als der tatſaͤchlich gewollte Zweck der geiſtigen Unter— 
jochung einer unterdruͤckten Klaſſe. Wenn man die Geſchichte der vielen Klaſſen— 
kaͤmpfe, in die die Weltgeſchichte zerfaͤllt, unterſucht, ſo findet man, daß dieſer Zweck 
auch immer erreicht worden iſt. Ja, man kommt ſogar noch zu der weiteren Beob— 
achtung, daß noch etwas ganz anderes damit erreicht wurde, etwas fuͤr die herrſchende 
Klaſſe unendlich Wichtiges, naͤmlich: daß die unterdruͤckte Klaſſe den Zuſtand, in dem 
ſie ſich befand, waͤhrend einer ſehr langen Zeit fuͤr den ſittlich notwendigen Zuſtand, 


fuͤr den Ausfluß der ewigen Vernunft der Dinge uͤberhaupt angeſehen hat. 
46 


361 


Alles, was hier im allgemeinen gefagt ift, gilt ohne jede Einſchraͤnkung im 
beſonderen für die geiftige Unterjochung der Frau durch den Mann. Mit Argusaugen 
hat der Mann ſeine Vorrechte bewacht. Und er hat jeden Verſuch der Frau, geiſtig 
an ſeine Seite zu ruͤcken, um ihm ebenbuͤrtig zu werden, beharrlich mit dem kategoriſchen 
Diktum abgewieſen: das geht dich nichts an! Mit dieſer Formel verſchloß er die 
Pforten der Schulen vor ihr, mit dieſer Formel verweigerte er ihr jahrhundertelang 
das Recht der wiſſenſchaftlichen Bildung, mit dieſer Formel vertrieb er ſie vom Markt— 
platz und aus dem Verſammlungslokal, wo der Streit der Geiſter zum Austrag kam, 
und wo um die großen Probleme der Menſchheit geſtritten wurde, mit dieſer Formel 
zwang er ſie ſtaͤndig in die vier Waͤnde des Hauſes und dekretierte einzig und allein 
die kleinen Nichtigkeiten zu ihrem geiſtigen Reſſort. Und das beſondere Reſultat? Es iſt 
wiederum das gleiche wie bei jeder Klaſſenherrſchaft und darum ein fuͤr die geſamte 
ziviliſierte Menſchheit uͤberaus trauriges Reſultat: Die Frau iſt faſt auf allen Wiſſens— 
gebieten geiſtig inferior geworden, und die beſondere, von der Natur bedingte geiſtige 
und ſeeliſche Eigenart der Frau iſt durch die Klaſſenherrſchaft des Mannes, durch 
die gewaltſame geiſtige Bevormundung und Einengung durchwegs ins Fehlerhafte 
entwickelt worden. Was in der Natur ein Vorzug war, oder was ſich zu einem 
idealen Zuſtand hätte entwickeln koͤnnen, zu einer gegenſeitigen harmoniſchen Er— 
gaͤnzung, das iſt zum Gegenteil geſteigert worden. 

Dieſe traurige Wahrheit erlaͤutern ſchon einige wenige Saͤtze. Als das Cha— 
rakteriſtiſche der weiblichen Pſyche kann gelten: eine auffallende Enge des geiſtigen 
Horizontes, Wichtigkeit und Breitſpurigkeit in der Behandlung der nichtigſten Dinge 
von der Welt, demgegenuͤber Intereſſeloſigkeit oder nur ſpieleriſche Behandlung der 
höheren geiſtigen Ziele der Menſchheit, Gedankenloſigkeit, oberflaͤchliches Kleben am 
Außerlichen, ausgeſprochener Hang zum Aberglauben und aͤhnliches. Als auffallende 
Merkmale ihres Charakters, ihres Gemuͤtes ſind zu nennen: Klatſchſucht, Freude an der 
Intrige und am Skandal, Streitſucht, Unvertraͤglichkeit, Heuchelei, ausgebildete Ver— 
ſtellungskunſt, Kleinlichkeit in der Beurteilung der Dinge und der Perſonen und 
darum ſtaͤrker ausgebildeter Kaſtenduͤnkel, ſtaͤndiges Poſieren der Schwaͤche, der Hilf— 
loſigkeit, und vor allem, d. h. alles dieſes uͤberragend: ungeheuerliche Launenhaftigkeit. 

Es waͤre albern, behaupten zu wollen, der Mann habe das Recht, ſich ſtolz in 
die Bruſt zu werfen und ſelbſtbewußt zu erklaͤren: Ich bin frei von allen dieſen 
Untugenden! Dies waͤre deshalb albern, weil ſich ſehr leicht der Beweis fuͤhren 
ließe, daß nicht nur eine oder die andere dieſer Eigenſchaften jedem Manne zu— 
kommt, ſondern daß es unendlich viel Maͤnner gibt, die viel ſtaͤrker mit allen dieſen 
Untugenden behaftet ſind als zahlreiche Frauen. Aber darum machen die geſchil— 
derten Eigenſchaften doch das typiſche Bild des geiſtigen und ſeeliſchen Portraͤts der 
Frau aus, im Gegenſatze zu dem des Mannes, und dies zu beſtreiten waͤre das 
Alleralbernſte. Wenn man aber dieſe Behauptung ruͤckhaltlos aufſtellt, ſo muß 


362 


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man ebenſo rückhaltlos immer und immer wieder hinzufegen: dieſes Ergebnis iſt 
ganz ſelbſtverſtaͤndlich, es iſt die unausſchaltbare Wirkung der geiſtigen und ſeeliſchen 
Unterjochung der Frau. Auguſt Bebel hat darum ganz recht, wenn er in feinem 
berühmten und weitverbreiteten Buche: „Die Frau und der Sozialismus“ fol— 
gendes ſchreibt: 

„Die Frau, die in der Ausbildung ihrer geiſtigen Faͤhigkeiten verkruͤppelt, dabei im engſten 
Ideenkreis gefangen gehalten wird und nur in Verkehr mit ihren naͤchſten weiblichen Angehoͤrigen 
kommt, kann ſich unmoͤglich uͤber das Alltaͤglichſte und Gewoͤhnlichſte erheben. Ihr geiſtiger 
Geſichtskreis dreht ſich ewig um die engſten haͤuslichen Dinge, um verwandtſchaftliche Beziehungen 
und was damit zuſammenhaͤngt. Die breitſpurige Unterhaltung um die groͤßten Nichtigkeiten, die 
Neigung zur Klatſchſucht wird dadurch mit aller Macht gefoͤrdert, denn die in ihr lebenden geiſtigen 
Eigenſchaften draͤngen nach irgend einer Betaͤtigung oder uͤbung . .. Auch iſt fuͤr fie, die phyſiſch 
Schwaͤchere, durch Sitten und Geſetze dem Manne Unterworfene, die Zunge die einzige Waffe, die 
fie in Anwendung bringen kann, und dieſe benutzt fie ſelbſtverſtaͤndlich.“ 

Was Bebel hier von einigen Untugenden der Frau ſagt, das gilt ſelbſtverſtändlich 
von der geſamten Verbildung der geiſtigen und ſeeliſchen Phyſiognomie der Frau. 

Aber das geiſtige Portraͤt iſt mit den oben genannten Geiſtes- und Charakter— 
eigenſchaften leider noch nicht ganz vollſtaͤndig, es fehlt noch ein ſehr wichtiger Zug 
— die Stellung der Frau zur Frau. Und dieſe iſt nicht minder charakteriſtiſch und 
wichtig. Die Eigenart dieſer Stellung hat der Konkurrenzkampf um den Mann 
herausgebildet. Da es ſich aber in dieſem Kampfe nicht um einen edeln Wettſtreit 
handelt, ſondern um einen wuͤtenden Kampf auf ökonomiſcher Baſis, ſo lautet die 


Loſung: Siegen, mag es koſten, was es wolle! Bei einem materiellen Konkurrenz— 
kampf ſiegt aber bekanntlich nur ſehr ſelten das Beſſere, um ſo haͤufiger dagegen 
der Geſchicktere, Raffiniertere, darum aber ergibt ſich im Geiſtigen notgedrungen 
dasſelbe Reſultat wie z. B. in der Koketterie 

| Zn und bei der Mode: Haͤßlichkeit der Formen. 
e ee a > Diefe Formen entfprechen ganz genau dem 


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induſtriellen Konkurrenzkampfe: In jedem 
Konkurrenten erblickt man einen perſönlichen 
Feind, und Herabſetzen und Unterbieten der 
Konkurrenz auf jede Art und Weiſe ſtehen 
obenan. So iſt auch das Verhaͤltnis von 
Frau zu Frau geworden: jede Frau ſieht 
gewiſſermaßen in der anderen einen mißliebigen 
Konkurrenten, und ſo ſieht jede Frau in der 
b andern einen perſoͤnlichen Feind. Das iſt 
„Herr Conducteur, wo iſt denn das Damencoups? — leider nicht bloß grotesk ausgedruͤckt, ſondern 


„Damencoupé? ſchon beſetzt; aber wiſſen Sie was, da iſt 


ein leeres Coupé, da ſteigen S' ein und ſchauen zum Fenſter es iſt eine mit ſpielender Leichtigkeit zu be⸗ 


'raus — dann ſteigt gewiß Keiner ein.“ 


332. Fliegende Blaͤtter legende Tatſache. Jede Frau ſieht an der 


364 


Die Geborene. 


NN 


1 


„En effet, es freut mich, den Sprachunterricht meiner Töchter einer geborenen Engländerin anvertrauen zu können. 
A propos, was ſind Sie denn eigentlich für eine Geborne?“ 

„Zu dienen, eine Londonerin.“ 

„Ich meine, Ihre Familie?“ 

„Mein ſeliger Vater war Commis bei Barneth & Comp.“ 

„Alſo nicht von Adel! wie mochten Sie ſich aber dann für geboren ausgeben? —“ 


333. Fliegende Blaͤtter 


andern, auch wenn dieſe ihr ganz gleichguͤltig ſein kann, zuerſt die Fehler, die Bloͤßen, 
jede Frau ſieht die andere ſogar in ausgeſprochener Abſicht beſonders und zuerſt darauf 
an, und ſie unterlaͤßt es nie, die entdeckten Bloͤßen ſofort und ſtets hervorzuheben 
und zu regiſtrieren, ſei es gegenüber einem Manne, ſei es gegenüber einer anderen 
Frau. Man kann faſt ſagen: die auffallendſte und ſtetige Solidarität der Frauen 
unter ſich beſteht darin: gemeinſam uͤber eine Dritte zu ſchimpfen. 

Auch uͤber dieſe durch den Konkurrenzkampf um den Mann bei der Frau heraus— 
entwickelte Charaktereigenſchaft findet ſich bei Bebel ein zutreffendes zuſammen— 
faſſendes Urteil: 

„Erwaͤgt man, welche Charaktereigenſchaften der Kampf um die bevorzugte Stellung auch 
auf andern Gebieten, z. B. dem induſtriellen, erzeugt, wenn die Unternehmer ſich gegenuͤberſtehen, 
mit welch niedertraͤchtigen, oft ſchurkenhaften Mitteln gekaͤmpft wird, wie Haß, Neid, Verleumdungs— 
ſucht geweckt werden, ſo hat man die weitere Erklaͤrung fuͤr die Tatſache, daß in dem Konkurrenz— 
kampf der Frauen um die Maͤnner ſich ganz ähnliche Charaktereigenſchaften ausbilden. Daher 


365 


kommt es, daß Frauen durchſchnittlich ſich weniger 
miteinander vertragen als Maͤnner, daß ſelbſt 
die beſten Freundinnen leicht in Streit geraten, 
ſobald es ſich um Fragen des Anſehens bei dem 
Mann, der einnehmenderen Perſoͤnlichkeit uſw. 
handelt. Daher auch die Wahrnehmung, daß, 
wo Frauen ſich begegnen, und ſeien ſie ſich wild— 
fremd, ſie ſich in der Regel wie zwei Feinde 

ü anſehen und mit einem einzigen Blick gegenſeitig 
m yon = Sr‘ entdeckt haben, wo die andere eine unpaffende 
ll N . Farbe angewandt, eine Schleife unrichtig ange— 
7 bracht, oder ein aͤhnliches Kardinalvergehen an 
ſich begangen hat. In beider Blicken liegt un— 
willkuͤrlich das Urteil, das die eine uber die 
andere faͤllt, zu leſen, es iſt, als wollte jede zu 
der andern ſagen: „Ich habe es doch beſſer ver— 
ſtanden als du, mich zu putzen und die Blicke auf 
mich zu lenken“.“ 


— Nicht wahr, Mamachen, wenn jemand glaubt, was m 3 
2 
du ihm ſagſt, dann heißt man das nicht luͤgen? Der Mann läßt ſich dieſe ſchwachen 


334. Grevin. Journal Amuſant Poſitionen der Frau nicht entgehen, und 

auch hier deckt ſich das Verfahren gegen— 

uͤber der Frau mit dem, das in allen anderen Klaſſenkaͤmpfen geuͤbt wird: Er notiert 

ſorgfaͤltig dieſe Schwaͤchen und rechtfertigt damit „ſittlich“ feine Herrſchaft. Auf dieſe 

Weiſe ſchließt ſich der raffiniert geſchmiedete Ring luͤckenlos. Man macht ſyſtematiſch 

den Unterjochten zum Suͤnder und Fehlenden und haͤlt ihm dann die pathetiſch 

klingende Moralpauke: „weil du dieſe Fehler und Unvollkommenheiten haſt, darum 
biſt du unfähig, ebenbürtig an meiner Seite zu ſtehen.“ — 


Die Satire ſpielt natuͤrlich nicht die ausgleichende Gerechtigkeit, indem ſie dem 
Manne ſagt: das iſt dein Werk, ſondern ſie pritſcht wacker auf die Frau los. Sie 
iſt eben, wie ſchon bei anderer Gelegenheit geſagt worden iſt (S. 74), niemals eine 
uͤber den Dingen ſchwebende hoͤhere Vernunft, ſondern immer nur Ausdruck der 
jeweils guͤltigen Morallehre, und dieſe iſt noch niemals und nirgends zugunſten der 
Frau umredigiert worden. Das wird freilich auch erſt dann von Grund aus ge⸗ 
ſchehen, wenn der Sieg der Frau ein vollkommener ſein wird, d. h. wenn ſie auf— 
gehört haben wird, eine unterdruͤckte Klaſſe zu fein... 

Zu den angeblich auffälligſten Charaktereigenſchaften der Frau gehoͤrt die 
Klatſchſucht. Der Vorwurf der Klatſchſucht iſt jedenfalls einer der aͤlteſten, die gegen 
die Frau erhoben worden ſind. Darum findet man auch ſchon in der mittelalter- 
lichen Satire Belege dafür. Zahlreiche Schwaͤnke, Gedichte, Faſtnachtsſpiele, Sprich⸗ 
woͤrter uſw. ſind bis in die Neuzeit herauf der ſchwatzhaften Frau gewidmet worden. 


366 


Natürlich ging der ewige Vorwurf dahin, daß die Frau dadurch die Arbeit vernach— 
laͤſſige. Die bildliche Satiriſierung der weiblichen Schwatzhaftigkeit, wie man ſie 
z. B. ſchon auf den Abhandlungen im Stile des Hans Sachs trifft, beſtand meiſtens 
darin, daß der Zeichner die traurigen Folgen illuſtrierte, die dieſe Untugend im 
Gefolge hat, wie die Milch uͤberlaͤuft, wie der Hund die Wurſt aus dem Korbe 
ſtiehlt, die Katze das Fleiſch vom Tiſche holt, wie das Kind unbemerkt in den 
Brunnen faͤllt und elendiglich umkommt, und aͤhnliche grauſige Ereigniſſe mehr. 
Spaͤter, als man die Mittel des Grotesken in den Dienſt der Satire ſtellte, ſtellte man 
dar, wie die Schwatzenden alle Welt rings um ſich vergeſſen: Zwei Weiber treffen 
ſich in der Fruͤhe und ſchwatzen, es wird Mittag — fie ſchwatzen noch, es wird 
Abend — ſie ſchwatzen noch, die Nacht zieht herauf ſie ſchwatzen, Wochen 
vergehen — ſie ſchwatzen, der Fruͤhling wird zum Sommer — ſie ſchwatzen, der 
Sommer wandelt ſich zum Herbſt — ſie ſchwatzen, aus Herbſt wird Winter, und 
ſie werden zu Eisklumpen — ſie ſchwatzen: Sie werden ewig ſchwatzen, ihre 
Zunge wird auch nach dem Tode noch keine Ruhe finden. Zu einem Haupttyp der 
Schwaͤtzerin wurde das Dienſtmaͤdchen, denn wenn es bei der biederen Hausfrau 
nur eine Untugend 
war, bei ihr war es 
ein Kapitalverbrechen, 
denn ſie ſollte ſich 
doch nur als Arbeits— 
eſel fuͤhlen, der keine 
Minute pauſiert, keine 
andern Intereſſen hat, 
als zu arbeiten und 


immer zu arbeiten 
(Bild 345). 

Aus der Klatſch— 
ſucht entſteht natuͤrlich 
ſtets Skandal. Daß 


die nie abbrechenden 


Weiberhaͤndel 
auf ein „die und die 
hat geſagt“ zuruͤck— 
gehen, hat ein geiſt— 
reicher Kopf im 17. 
Jahrhundert 


immer 


uͤberaus 


amuͤſant in dem folgen— 
den Gedicht fatirifiert: 


(Die Kirche iſt ziemlich gefüllt. Auf einer Bank ſitzt 

Frau Auſſemever. Frau Bauſſemeyer kommt.) 
rau Bauffemeyer: Guten Morgen, Madam Auſſemever. 

Frau Auſſemeyer: Guten Morgen, Madam Bauſſemeyer! 

Fr. B.: Wollen Sie nich fo gut fin un noch ä bischen hin⸗ 
ricken, daß ich mir mei neies Kleed nich ſo verknutſche, 
un daß ich doch den Paſter ſehn kann; denn ſehn Se, Ma— 
dam Auſſemeyern, wenn ich die Predigt höre un ſoll den 
Paſter nich ſehen, is die halbe Andacht fort. Was fer 
Nummer hat denn das Lied? 

Fr. A.: Nummer 617, den erſten Verſch! 

(Beide ſingen mit:) 
Laß Herr mich täglich inne werden — 
(während des Zwiſchenſpieles:) 

Fr. A.: Nee ſehn Se nur, Madam Bauſſemevern, was dor 
die Fleeſchersfrau, die Dauſſemeyern fer & fcheenen neien 
Hut uff hat. 

Fr. B.: Ja, ich möchte wohl wiſſen, wo da immer 's Geld 


herkommt. Bei Fauſſemeyers ſind ſe de Miethe zwee Jahr 
ſchuldig. 


Fr. A.: Werklich? 's is ganz ſchweerer Atlas. Wahrſchein— 
lich is er ooch noch nich bezahlt. 
Fr. B.: Merken Se was? 
(Sie ſingen:) 
Wie viele ſind der Fehler mein — 
Fr. A.: Un dabei is de Dauſſemeyern ene ſo ſtolze Kröte, 
daß je Enen nich ä mal zuerſt grüßt. 
Fr. B.: Grade, als ob man nich wüßte, daß ſe doch ooch 
früher g gedient hat. 
Ir. A.: Na warten Se nur: en kommt vor 'n Fall! 
Fr. B.: Ja, der gönne ich's abber oo 
(Sie, fingen :) ° 
O gieb mir Demuth; Kraft auf Erden — 
Fr. A.. Ah, dort kommt die Schneider Gauſſemeyern. Nee, 
ſehn Se nur, hat die able Frau noch ihren Hut mit feier⸗ 
rotbe Roſen ufgeputzt 


Orgelzwiſchenſpiele 


335. Georg Kuhn. 


367 


Leipziger Karikatur 


Weiberhaͤndel, die, wie brauchlich unter 
ihnen ſtets entſtehn, 

Pflegen endlich auf ein Sagen und auf 
nichts mehr auszugehn. 

Jene ſagte dieſes neulich, und es ſagte 
jenes die, 

Dieſes hat ſie nicht geſaget, jene ſagte 
ſolches nie. 

Eine ſagte, daß da ſagte dieſe, jene 
ſagte das, 

Nein ſie ſagte, daß ſie ſagte, dieſes 
nicht, nur ſonſten was. 

O ich weiß wohl, was ſie ſagte, will 
es, ſagt ſie, ſagen nicht. 

Was ſie ſagte, will ich ſagen, das ſie 
ſagte, frei an's Licht. 

Ei ſie ſage, was ich ſage, eh' ich ſagte, 
ſagt ſie vor; 

Sagt nur, daß ſie ſolle ſagen, was ſie 
nur ſagt in ein Ohr. 

Dieſes Sagen will nun waͤhren, weil das 
Leben waͤhrt ums Maul, 

Denn zum Sagen und zum Plaudern 
ſind die Weiber ſelten faul. 


Bildlich illuſtriert denſelben 

Gedanken und gleich geiſtreich das 

en englifche Blatt „Der Anfang eines 

1 8 15 5 nn Skandals“ (Bild 322). Eine Ab— 

336. Th. Gratz. Fliegende Blätter art der ewig ſchwatzenden Frau 

iſt die ewig zaͤnkiſche Frau — das 

Zankeiſen oder Hauskreuz —, die der Mann mit Recht als die groͤßte irdiſche Strafe 
fuͤrchtet (Bild 327). 

Die Freude an der intriganten Verleumdung aus ſicherem Hinterhalt, die 
diaboliſch geuͤbte Lieblingsbeſchaͤftigung fo vieler Damen der Geſellſchaft, war für 
die zeichnende Satire weſentlich ſchwerer zu faſſen als die Schwatzhaftigkeit. 
Es gab dafuͤr kaum eine andere Form, als daß man die Intrigantin durch ihre 
Hauptmethode charakteriſierte, d. h. indem man ſie darſtellte, wie ſie im verſchwie— 
genen Boudoir dem perfiden Metier der Abfaſſung anonymer Briefe obliegt (Bild 325). 
Wenn die zeichnende Satire durch die Schwierigkeit der Darſtellung hinreichend dafuͤr 
entſchuldigt iſt, daß ſie dieſem Gegenſtand relativ wenig Aufmerkſamkeit widmet, ſo 
iſt der Umſtand, daß auch in der litterariſchen Satire dieſes Motiv nur ſelten 
behandelt iſt, der Beweis dafuͤr, daß vielmehr etwas anderes die Urſache dieſer Ver— 


368 


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1896 


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Im Damenbad 


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Ober = Zenfurrätin, jetzt verſtehe ich die grundſaͤtzliche Abneigung Ihres Herrn Gemahls gegen alle Nuditaͤten.“ 


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Beilage zu Eduard Fuchs, 


968 HNABUAMN I 22 uves 8e 


268 
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47 


nachlaͤſſigung ift, nämlich die Unklarheit über den Umfang und die Haͤufigkeit dieſes 
ſpezifiſch weiblichen Laſters. Es iſt eine abſolute Tatſache, daß der anonyme Brief 
von zarter Damenhand innerhalb abgeſchloſſener Kreiſe, alſo z. B. an den Hoͤfen, wo 
Neid und Mißgunſt an der Tagesordnung ſind, und in der Provinz, wo ſich hart im 
Raume die Intereſſen ſtoßen, und wo man infolge der Enge der Verhaͤltniſſe 
oͤffentlich Freundſchaft oder Kollegialitaͤt heucheln muß, zu allen Zeiten eine ganz 
ungeheuerliche Rolle ſpielte, und daß dieſer giftige Pfeil heute noch taͤglich tauſend— 
fach abgeſchnellt wird. 

In dem ſtaͤrker ausgepraͤgten Kaſtenduͤnkel der Frau und in ihrer beſonderen 
Arroganz gegenuͤber den Tieferſtehenden hatte die Karikatur immer ein ſehr reiches 
Feld, und ſie hat es zu Zeiten auch ſtark bearbeitet. Das waren vor allem ſolche 
Zeiten, wo in einem Lande der Glaube an die ewigen Vorrechte einer herrſchenden 
Klaſſe ſchwand und eine andere das Erſtgeburtsrecht forderte. Alſo z. B. in Eng— 
land und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert, in Deutſchland im zweiten Drittel 
des neunzehnten Jahrhunderts. In dieſen Zeiten warf das Buͤrgertum dieſer Laͤnder 
den Glauben an das gottbegnadete Vorrecht des Adels zum alten Geruͤmpel und 
fuͤhlte ſich ebenbuͤrtig, und darum fand es auch den Mut, gegen die Arroganz des 

Adels (Bild 333) und ſeiner Ausfuͤhrungs— 
organe ein kraͤftig und deutlich Woͤrtlein 
zu reden. In dem Maße freilich, in dem 
überall das Bürgertum als Bourgeoifte 
ſelbſt zur herrſchenden Klaſſe wurde und 
damit ſelbſt einen großen Teil der Eigen— 
heiten herrſchender Klaſſen annahm, und in 
dem weiter die Bureaukratie ein Inſtru— 
ment auch ihrer Macht wurde, ſchwand der 
aggreſſive Ton, und man fuͤhrte mit der 
ſelbſtherrlichen Arroganz nur noch harmloſe 
Plaͤnklergefechte auf. 

Der größere Kaſtenduͤnkel der Frau 
prägt ſich hauptſaͤchlich im Mehr-ſcheinen⸗ 
wollen aus. Man ſchaut nicht nur mit Neid 
auf jede, die eine Stufe hoͤher ſteht, und 
mit Geringſchaͤtzung auf ſeinen eigenen Stand, 
ſondern man ſtrebt auch fortwaͤhrend darnach, 
den Hoͤherſtehenden fortwaͤhrend auf den 
Ferſen zu bleiben, um ſo wenigſtens den 
Schein zu erwecken. Ganz intereſſant iſt 

Aubrey Beardsley das in einer engliſchen Karikatur vom Ende 


370 


Berlin W. Die vornehme Damenwelt im Thiergartenviertel nimmt jetzt eifrig Tanzunterricht bei Miß Duncan 


339. Rudolf Wilke. Simpliciſſimus. 1904 


des achtzehnten Jahrhunderts zum Ausdruck gebracht. Die biedere Buͤrgersfrau heftet 
ſich an die Sohlen der Geadelten, die Geadelte an die der Baronin, dieſe an die der 
Komteß uſw. (Bild 326). 

Die weibliche Oberflaͤchlichkeit hat Hippel in ſeinem Buche „Über die Weiber“ 
ſehr gut durch folgenden Brief, den eine Frau in ungluͤcklicher Ehe an eine Freun— 
din ſchreibt, ſatiriſch gekennzeichnet: 


„Bald werde ich nicht mehr ſeyn. Ich vergebe es meinem Moͤrder; moͤchte es ihm doch Gott 
vergeben! Ich weine uͤber ihn tauſend Thraͤnen; und ſo viel Urſache ich haͤtte, ihn zu verachten, 
ſo ſehr wuͤnſchte ich doch — bedauern Sie mich — in ſeinem Arm zu ſterben. Sie werden dieſen 
Brief nicht leſen, es rinnt Alles in einander. Vielleicht der letzte, den ich an Sie ſchreibe! Wenn 
ſie mir antworten, ſo vergeſſen Sie ja nicht, mir zu berichten, ob ich die Spitzen fuͤr den abgemachten 
Preis erhalten kann. Auch, liebſte Schweſter, bitte ich, meinen Halsſchmuck mitzuſchicken; denn ich 
glaube, der Juwelier wird den Stein ſchon eingeſetzt haben. Wir haben hier auf dem Lande 
ſchlechtes Wetter. Gott ſey meiner armen Seele gnaͤdig!“ 

Der prinzipiellen ſatiriſchen Kennzeichnung der weiblichen Oberflaͤchlichkeit im 

47* 
371 


Denken, der inneren Hohlheit, mit der äußerlich fchön geputzte Puppen, innerlich hohle 
Menſchen ſind uſw., begegnet man ebenfalls vorzugsweiſe in den oben genannten 
Vorbereitungsſtufen buͤrgerlicher Zeitalter. Sie ſind ein Ausfluß des Dranges zur 
Selbſterziehung, der in dieſen Zeiten durch die Voͤlker geht. Alle derartigen Blätter, 
die aus dieſen Epochen ſtammen, ſeien es Blaͤtter von Hogarth, oder Gillray, von 
Philipon, Monnier oder Gavarni, oder von den Mitarbeitern der Fliegenden Blaͤtter, 
der Duͤſſeldorfer Monatshefte waͤhrend der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhun— 
derts, beſitzen darum auch in ausgeſprochener Weiſe die ſogenannte moraliſche Note. 

Die Oberflaͤchlichkeit, die dazu verfuͤhrt, ſofort alles zu einem Sport zu machen, 
iſt natuͤrlich ein ewiges Motiv zur Charakteriſierung der Frau, freilich beſchraͤnkt ſich 
dieſe Form der Oberflaͤchlichkeit ausſchließlich auf jene Kreiſe, die nicht zu ernſter 
Arbeit genötigt find, und die ihre Zeit mit ſpieleriſcher Taͤndelei verbringen konnen. 
Die Oberflaͤchlichkeit, die in affektiertem Mitmachen jeder neuen Senſation ihre Zeit 
totſchlaͤgt — und daß das Leben nur aus einer Kette ſich fortſetzender Senſationen 


— Hamm Sie's g'hoͤrt, Frau Fiſcher, jetzt kimmt a G'ſetz gegen die Fleiſchesluſt der Mannsbilder? 
— Doͤs is g'ſcheit, Frau Schneidhuber, doͤs haͤtt's ſcho lang braucht. Sie, i kunnt Eahna was verzaͤhlen von die Manns— 
bilder! Wiſſen S', i war funf Jahr Köchin in an Pfarrhof mit drei Koperata (Kooperatoren). Da derlebt ma was. 


340. E. Thoͤny. Trübe Erfahrungen. Simpliciſſimus. 1900 


372 


8 8% 


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Deutſchland Oſterreich Italien 


3412. Edmund Edel. Buſenformationen 


beſtehe, das dekretiert die Oberflaͤchlichkeit kategoriſch —, macht natuͤrlich keinen Unter— 
ſchied dazwiſchen, ob es ſich um eine bloͤdſinnige Albernheit handelt, die ihren ſpieleriſchen 
Zwecken dient, oder ob ſie das Ernſteſte profaniert. Und ſo wechſelt die Tragik mit 
der Poſſe, die Poſſe mit dem Satyrſpiel, alles aber wird zu einer einzigen Komoͤdie, 
die freilich viel haͤufiger ſchlecht als gut geſpielt wird. Am Ende des achtzehnten 
Jahrhunderts war es z. B. das traurige Los der armen Savoyardenknaben, das in 
London peinliches Aufſehen erregte. Die engliſche Ariſtokratie betaͤtigte ihr ſoziales 
Verſtaͤndnis dadurch, daß fie eine ganze Saiſon hindurch in jedem Salon — die Muſik 
der Savoyardenknaben imitierte (Bild 324). Zur Zeit des Krimkriegs kokettierte man 
ebenfalls mit der Humanitaͤt, diesmal war man aber praktiſcher: alle Damen der 
Geſellſchaft dies- und jenſeits der Vogeſen, dies- und jenſeits des Kanals zupften in 
ruͤhrender Weiſe Charpie zum Verbinden der armen Verwundeten, und zwar genau 
mit demſelben Eifer, mit dem ſie Tags zuvor dem Tiſchruͤcken gefroͤnt hatten. Die 
Selbſtaufopferung ging ſoweit, daß manche vornehme Miß, um Charpie im Werte 
von zehn Pfennigen herzuſtellen, ihre feingeſponnenen Battiſthemden in Fetzen riß, 
die der zaͤrtliche Gatte oder Freund eben erſt mit hundert Mark bezahlt hatte. O, 
die menſchliche Humanitaͤt iſt in ihrer Ekſtaſe unbegrenzt! Heute macht man in 
aͤſthetiſcher Kultur, und ſo meldet ſich z. B. in Berlin-W. die fetteſte Trutſchel mit 
den einwandfreieſten Plattfuͤßen als Schuͤlerin bei Miß Iſidora Duncan, um in 
heidniſcher Selbſtherrlichkeit der Seele geheime Sehnſucht rhythmiſch auszuloͤſen 
(Bild 339). Morgen wird die heidniſch befreite Seele die ſchoͤne befreiende Linie 
vielleicht im Geſundbeten entdecken, und ſie wird dann dieſem myſtiſchen Kult zweifel— 
los mit gleicher Inbrunſt dienen. „Der Anſtand fordert das“ ... 


373 


. Gibſon. Rival Beauties 


Das ungeheuerliche Kapitel des Aberglaubens mit ſeiner reichen Skala vom 
burlesken Bloͤdſinn des Kartenlegens bis zum ſiniſtren Glauben an geheime Kraͤfte 


ekelerregender Amulette iſt wie die weibliche Intrige ein unterirdiſches Kapitel. Alles 
iſt mit dem Schleier des Geheimniſſes umgeben, und der uͤppig wuchernde Aberwitz 
kommt immer nur ganz vereinzelt zutage. Alles wirkt als Einzelfall, und ſo erhaͤlt 
die Karikatur dadurch ſehr wenig Anreize. Freilich gibt es auch Zeiten und Voͤlker, 
wo der kraſſeſte Aberglauben das ganze Leben erfuͤllt und die tollſten Dinge foͤrmlich 
typiſch ſind. Aber in dieſen Zeiten ſind wiederum die freien Geiſter, denen der 
Aberwitz des Aberglaubens in ſeiner ganzen Ungeheuerlichkeit zum Bewußtſein kommt, 
ſehr ſelten. Eine der ſeltenen Ausnahmen iſt Franzisco Goya. Da ſeine Kuͤhnheit 
und ſein Wahrheitsmut ſeiner Geiſtesſchaͤrfe nichts nachgab, ſo ſind unter ſeinem 
ſatiriſchen Griffel auch eine Anzahl von Radierungen hervorgegangen, die den kraſſen 
Aberglauben des pfaͤffiſch geknechteten ſpaniſchen Volkes, und vor allem den typiſchen 
Aberglauben der Frauen, bis aufs Blut geißelten. Eine Probe davon zeigt die 
fabelhafte Radierung, die die junge Frau darſtellt, wie ſie eben um Mitternacht bei 
Vollmond einem Gehenkten einen Zahn ausbricht — denn der Zahn eines Gehenkten, 
um Mitternacht bei Vollmond ausgebrochen, ſichert die ewige Treue des Geliebten; 
ſo verſichert der Aberglaube (Bild 323). Dieſes duͤſtere Blatt koͤnnte das Titelbild 
fuͤr eine Geſchichte der geiſtigen Unterjochung der Frau abgeben, es waͤre vielleicht 
das paſſendſte Titelbild dafuͤr. — 

In dem Konkurrenzkampf um den Mann, der jede Frau in der anderen einen 


374 


perſoͤnlichen Feind erkennen läßt, ift die lauernde Kontrolle, mit der die Frauen ein- 
ander bei jeder Begegnung pruͤfen und nach einer Schwaͤche in der Poſition der 
andern ſpaͤhen, das auffaͤlligſte Symptom. Die Fliegenden Blaͤtter haben dies 
einmal ſehr gut charakteriſiert: Zwei Schweſternpaare begegnen ſich, jedes dreht ſich, 
als man einige Schritte voneinander entfernt iſt, nach dem anderen um, und jedes 
iſt ſittlich entruͤſtet, daß das andere es tut. Die inſtinktive Feindſchaft wird aber 
ſehr haͤufig zur direkten perſoͤnlichen Feindſchaft, wenn es zu einer wirklichen Rivalitaͤt 
zwiſchen zwei Frauen kommt. Dann aber iſt es, als trage jede der beiden ein 
unſichtbares Beil in den nervoͤs zuckenden Fingern und warte nur auf den 
guͤnſtigen Augenblick, die gehaßte Rivalin niederzuſchlagen. Gibſon hat die verhaltene 
Feindſchaft zwiſchen zwei rivaliſierenden Frauen in dem Blatt „Rival Beauties“ auf 
dieſe Weiſe dargeſtellt. Mit tadelloſer Hoͤflichkeit reichen ſie ſich die Rechte, wie 
zwei Duellanten, die zum Kampfe antreten, aber mit der Linken umkrampft jede ein 
Beil, mit dem ſie die gefaͤhrliche Rivalin niederſchlagen will. Das eine von beiden 
wird ſicher niederſauſen, und wer zuerſt den guͤnſtigen Augenblick erhaſcht, wird 
Sieger fein (Bild 342). — 


Dieſes Beil blinkt ſatſaͤchlich in den Haͤnden der meiſten Frauen: die Eigenart 
ihres Kampfes ums Daſein hat es ihnen in die Hand gedruͤckt. Ihren Haͤnden 
entſinken wird es erſt, wenn die Frau einmal nicht mehr bloß Geſchlecht, „Genuß— 
objekt“, für den Mann fein wird, fondern in erſter Linie Menſch, ebenbürtiger 
Gefaͤhrte des Mannes. Bis dahin wird ſie es gierig umkrallen als ihr „Recht“, be— 
gründet von der Brutalität des Kampfes. Und jede Stunde wird ſie ſich ver— 
gewiſſern, ob ſie noch nicht wehrlos ſei. Darum iſt dieſes Beil des gegenſeitigen 
Haſſes in der Hand der Frau auch mehr als ein einzelnes Symbol, es iſt das 
Symbol ihrer geſamten Stellung innerhalb der menſchlichen Geſellſchaft. Dieſe 
Stellung iſt die des ewigen Kriegszuſtandes, bei dem jeder Augenblick, in dem ſie 
ihrer Rolle vergißt, zu einer Niederlage fuͤhrt. 


1 


Ein Klagredt Diener | 


Mard vber jr harte dienſt. | 
Mehꝛ der Naſentantz. 


Hans Sachs. 


343. Titelblatt einer Flugſchrift von Hans Sachs 


Zweiter Teil 


5 
Bei der Arbeit 


Zu den Dingen, durch die man auf den erſten Blick erkennt, daß die meiſten 
Zeiten in der Frau immer in erſter Linie das Geſchlecht geſehen haben, gehoͤrt auch 
die Tatſache, daß die Aufmerkſamkeit, die man der Frau in der Karikatur widmet, 
in gleicher Weiſe abnimmt, wie das Sexuelle im Stoffe zuruͤcktritt, und daß auch 
die an ſich nicht ſexuellen Stoffe in der Mehrzahl der Faͤlle immer nur an ihrem 
ſexuellen Zipfel angepackt werden, auch wenn man dem Stoff dadurch foͤrmlich Ge— 
walt antun muß. Die Folge dieſer einſeitigen Auffaſſung iſt, daß in verſchiedenen 
Richtungen ein total falſches Bild entſteht: Das Untergeordnete oder Nebenfächliche 
erſcheint als die Hauptſache, die eine, gewiß immer — aber ſehr oft eben nur 


376 


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Die alte Rokette 


che Karikatur von Peter Paul Rubens 


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feife — mitklingende Begleitnote als die Dominante. Eine andere Erſcheinung ift 
infolgedeſſen auch die, daß man uͤberhaupt vergeblich nach einem Stoffgebiet, bei 
dem die Frau in Frage kommt, Ausſchau halten kann, wo das Seruelle ganz fehlte. — 


Es iſt bereits in der Einleitung geſagt worden, daß die Frau infolge ihrer 
geringeren phyſiſchen Staͤrke und noch mehr infolge der durch die Eigenart ihrer 
geſchlechtlichen Funktionen bedingten natuͤrlichen Abhaͤngigkeit vom Manne in eine 
Sklavenrolle gedraͤngt wurde. Dieſe Sklavenrolle der Frau, oder wenn man ſich 
recht „objektiv“ ausdruͤcken will: die phyſiſche Abhaͤngigkeit der Frau vom Manne 
hat auch ihre Rolle im geſamten Arbeits- und Produktionsprozeß der Geſellſchaft 
beſtimmt; die relativ untergeordnetſten Hantierungen ſind ihr zugefallen. Die Geſell— 
ſchaft hat ſich durch die Art, in der ſie die Arbeitsverteilung vornahm, gegenuͤber der 
Frau als nichts weniger als die gerechte Ausgleicherin erwieſen, die auf die groͤßere 
Laſt, die von der Natur auf die Schultern der Frau geladen wurde, die gebuͤhrende 
Ruͤckſicht genommen haͤtte. Es iſt ſogar das gerade Gegenteil der Fall: ſie hat die 
Frau dadurch, daß fie fie innerhalb der Familie zum arbeituͤberbuͤrdeten Hausſklaven 
machte und als freie Lohnarbeiterin zur ſchlechteſt bezahlten Arbeitskraft degradierte, 
mit einer Haͤrte an die ihr zuge— 
wieſene Arbeit geſchmiedet wie den r TTECHTESTEEEEEHNEENEIEEE, 
Bagnoſtraͤfling an ſeine Kette, die 8 4 | 
nicht eher 155 deſſen Fuͤßen faͤllt, Ein Kampff geſpꝛech 
als bis er den letzten Atemzug Swiſchen eyner Frawen 
getan hat. Dem widerſpricht es vnd ſhrer auf mardt. 


gar nicht, daß die von der Frau Mehꝛ ein Rampff geſpꝛech zwi 
zu leiſtende Arbeit einen, wie ge— ſchen einer Hauß maydt vnd einem Geſellen. 


. 


ſagt, relativ untergeordneten Cha— 
rakter trägt, denn die untergeord— 
netſten Hantierungen ſind meiſtens 
die verhaͤltnismaͤßig ſchwerſten; 
man kann bei ihnen das „Aus— 
ſchnaufen“ ausſchalten, da ſelbſt 
noch ein kleiner Reſt von Kraft 
geſtattet, die geſtellte Aufgabe zu 
erfuͤllen. Der Egoismus hat das 
nie uͤberſehen, und er hat es darum 
in allen Zeitaltern ſehr wohl ver— 

ſtanden, daraus eine lohnend Hans Sachs. 
fließende Profitquelle zu machen. 225 


Nie darf ; B. uͤberſehen werden, 344. Titelblatt einer ſatiriſchen Flugſchrift von Hans Sachs 
48 


RR 
Y 


377 


daß das Heiligſte, was es für die Menſchen geben follte, die Mutterrolle der Frau, das 
Mittel iſt, ſie immer und uͤberall zum gefuͤgigſten Objekt materieller Ausbeutung zu machen. 

Wenn man alles, was hier in Frage kommt, zuſammenfaßt, iſt es leider nicht 
zu viel geſagt, wenn man den Satz aufſtellt: Alles das, was die Natur der Frau 
bedingt, die Eigenart ihrer Geſchlechtsbeſtimmung, die Eigenart ihrer Pſyche — das 
alles wurde zum Fluch fuͤr ſie als Arbeitsinſtrument. 


Wenn man die Hunderttauſende von Karikaturen, die im Laufe der Jahr— 
hunderte in die Welt gegangen ſind und in ihrer Art von den tauſend Freuden und 
Leiden auf der Welt erzaͤhlen, durchmuſtert, ſo wird man vergeblich nach einem 
entſprechenden Echo, d. h. nach einem umfangreichen, energiſchen ſatiriſchen Proteſt 
gegen dieſen Zuſtand forſchen. Erſt vor einigen Jahrzehnten, als mit dem bedroh— 
lichen Anſchwellen des Sozialismus das ſoziale Gewiſſen in allen Laͤndern erwachte, 
da hat man ſich endlich auch — freilich erſt zu allerletzt! — der beſonderen Not der 
Frau erinnert und angefangen zu ſchildern, in wie brutaler Weiſe die den Frauen 
aufgebuͤrdete Arbeit aus den meiſten Frauen ein Kummergeruͤſte macht. Dieſe jahr— 
hundertelange Gleichguͤltigkeit bedeutet natuͤrlich nichts anderes, als daß man den 
Zuſtand, in dem die Frau lebte und bis in unſere Gegenwart herein lebt, zum 
mindeſten in der Hauptſache fuͤr rechtmaͤßig und ſelbſtverſtaͤndlich gehalten hat. Das 
Beſchaͤmendſte an dieſem Bilde iſt jedoch nicht einmal das Verhalten der Vergangen— 
heit, ſondern das der Gegenwart. Dieſe hat naͤmlich nicht nur nicht nachgeholt, 
was die Vergangenheit verſaͤumt hat, ſondern ſie hat ſehr bald wieder, und zwar ſehr 
energiſch, auf der ganzen Linie abgewunken. „Man“ hatte keine Luſt, das Lied von 
der ſchweren ſozialen Not ungemildert zu Ende zu hoͤren, und ſo hat die Kunſt als 
getreuer Diener ihrer Herren ſchon nach dem erſten Vers ganz beſcheiden die ſo 
herzhaft begonnene Melodie wieder abgebrochen. Damit iſt natuͤrlich auch das Lied 
von der beſonderen Not der Frau im weſentlichen wieder verſtummt. Aber warum 
hatte man keine Luſt, dieſes Lied anzuhoͤren? Nur weil es eine peinliche Melodie 
war? wird man fragen. Gewiß, auch deshalb; anfangs war es eine pikante Unter— 
brechung, auf die Dauer wäre es auf die Nerven gegangen. Aber dieſer Grund 
war nicht ausſchlaggebend, ein anderer war es: Man mußte ſchon bei der 
erſten Strophe einſehen — die entfeſſelten Fragen gebaren alsbald ihre innere 
Logik! — daß es nicht genuͤgt, wenn der Mantel faͤllt, ſondern daß hier unbedingt 
auch der Herzog mit muß. Wo die Logik derart klar iſt, daß man ſchon beim zweiten 
Satz „die letzten Konſequenzen“ ziehen muͤßte, da ſchwenken natuͤrlich auch die Wider— 
ſpenſtigen ein, und darum iſt es auch ganz einleuchtend, daß ſelbſt die ſatiriſche Kunſt, 
trotzdem ſie der Franktireur im oͤffentlichen Geiſtesleben iſt, ſich heute nur durch ſehr 
wenig von der allgemeinen Zuruͤckhaltung unterſcheidet. 


378 


Veuer Bathſchluß der Dienſt⸗Maͤgde. 
Ich ſag di / was du thuſt; thu du nicht / was ich ſag. 


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Verzeih mir / Junafer Maid wann dir diß nit behag. 


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AS, 


5 Ch weiß nicht / hab ich fuͤngſt im Traume nur 
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gehen. 
Diß weiß ich daß ich fah beyſammen dorten ſteben / 
fünff Thiere / die man ſonſt im Lande Magde nennt. 
* Den Vogel man gar leicht an dem Geſange kennt, 
Das dritthalb Gänfe= Paar trug gute Zaͤhn im Maule. 
Zur Arbeit waren ſie / zum Plaudern gar nit / faule. 
Hört / was ich hab gehoͤrt. Ich zeig nichts Falſches an: 
Bey Sovıs Zielen ich das betheuren kan. 
A. Die Beſchließer inn. 
5 Ir hat der neue Sinn / ihr Maͤgde / wol gefallen / 
daß ihr nit laͤnger wolt alſo in Dienſten wallen / 
daß ihr die Frauen trutzt. Gott lob / daß es einmal 
noch fommen iſt dahin / daß es beſtellt fo kahl / 
daß ſich ům eine Magd zehn Frauen wollen ſchlagen / 
und alle Gaſſen durch nach einer muͤſſen fragen. 
ot hat ſich uͤmgewandt das Blaͤtlein / weil fo theur 
die Maͤgde: eine Frau gilt nur ſechs Kreutzer heur / 
zween Patzen eine Magd. Wer wolte nun nit ſagen 
daß Magde güldne Schuh / die Frauen folche tragen / 
die nur von Silber find. Ich ſtimme mit euch ein. 
Ich bin zwar feine Magd / ich will genennet ſeyn 
nur Jungfrau / bin es auch. Frau moͤcht ich gerne heiſſen: 
Sind Frauen doch jgt Herz. Wer wolt es dann verweiſen 
mir / daß ich auch was werd? Das treff mir eben ein. 
Will meine Frau / daß ich ihr fol zu willen ſeyn / 
das Haus verſehen wol / ie muß / bey meinem Eyde / 
viel ſtoͤltzer noch / als ſie / in einem töllern Kleide 
mich laſſen ziehen auf. Sie muß nit ſauer ſehn / 
wann auch mit mir der HErꝛ zu Bette wolte gehn / 
mich lieber haͤtt / als ſie. Wann aber zu mir kaͤme 
mein Buhle / muß ſie ihrs auch laſſen feyn genehme / 
auſwarten mir und ihm. Vnd wann ich Bier und Weln 
abt rage / muß es ihr auch nit zuwider ſeyn. 
Wolt fie das leiden nicht ; ich Fan für mich wol ſitzen / 
mich nehren / und uͤms Geld im Winckel wircken Spitzen. 
Ich frage diß nach ihr und ihrem Bettel-Lohn. 
ſagt ſie ein einigs Wort / ſo wander ich davon. 
B. Die Kindsmagd 
Ch auch ich halt es mit / bin nirgend hin verſchworen⸗ 
ich bin für eine Frau alleme nicht geboren. 
Die Magd itzt Zucker find / die Frauen täglıche Brod. 
hab ich an einer ſatt / fo freſſe mich der Tod. 
Zwölf Dienſt in einem Ziel / das iſt mir feine Schande. 
Lin Dugent Frauen find für eine Magd im Lande. 
Will eine mich / fie ſ an mich haben anderſt nicht / 
alt wann fie mir für vol das Miegengeld ver ſpricht / 


345. Nuͤrnberger ſatiriſches Flugblatt auf die Untugenden der 


fo fie in Wochen ligt / und muß im Bette Kindeln. 
Doch ſag ich ihr zuvoꝛ: ich mag nur an den Windeln 
die Haͤnd beſudeln nicht / und wann was auf die Banck 
der kleine Vnflat macht / es möchte den Geſtanck 
ſonſt riechen mein Galan. Ich laſſe ſie es wiſchen / 
ich habe nit gelernt nach krummen Eyern fiſchen. 
Ich kan mit Kındem auch nit fahren ſauberlich / 
darum darf meine Frau gar nit entruͤſten ſich / 
wann etwan ich das Rind zuſamt dem Bad außſchuͤtte 
und es zum Nruͤppel mach. Ein Narꝛ wär/ der es lite / 
wann ſie viel follern wolt / fo ich / du Banckart / ſag 
ich lief bey Nacht dar von / wann es nit wäre Tag. 
C. Die Koͤchinn. 
Tu / du haſt meinen Sinn. Mir kamen dieſe Schwaͤncke 
00 offt im Traume vor. Ich lache / wann ich dencke / 
wie meine letzte Frau / der ungeſchickte Troll / 
die gar nit kochen kond / als fie much machte toll / 
den Korb von mir bet am. Ich bin ſo wolfeil nimmer. 
Wir Magde machen itzt die ſchlimmen Frauen fruͤmmer. 
Acht Gulden oder zehn / der Lohn iſt viel zu ſchlecht: 
es muͤſſen Thaler ſeyn / ſonſt ich nit dienen moͤcht. 
Doch dingen laß ich mich allein mit dem Bedinge: 
Wann ich das Fleiſch nur halb vom Brunnen widerbringe / 
(weil etwan mir der Hund ein Stuͤck 1 nahm.) F 
und wann es noch halb roh zu Tiſch und Schuͤſſel kam / 
verbrandt / verdorben iſt / wann Kruͤg und Töpfe brechen / 
das Zinn verfrüppelt wird: fo fell die Frau noch ſprechen: 
hab Danck / du liebe Magd / du haſt gar recht gothan. 
Wolt aber ſie auff mich zu ſchelten fangen an / 
mich nennen / faule Sur / und ich ließ wiederſchallen 
den Titel / müfte ihr der Echo nit mißfallen / 
und dieſes Wort darzu: Frau macht mich hinten rein. 
darauf wird vor der Thuͤr alsbalden drauffen ſeyn. 
Dem Feuer und dem Heerd mag ich nit gern puch nähen / 
es macht ein rauh Geſicht: da mag die Jungfer fichen / 
dann die verkaufft ihr Geld / ims arme Magd allein 
das glatte Angeficht / Wir müffen ſchõne ſeyn. 
D. Dje Haußmagd. 
Jeb trett auch in die Zunfft / ich tan die Frauen butzen. 
Trutz ihnen ich will ſie / ſie ſollen mich mit trutzen. 
Wie wann ſich gar einmal verkehrte fo die Sach / 
85 daß Maͤgde giengen vor / und Frauen hinten nach: 
2 Ich zwar halt dieſe Weiß. Wann ich ward außgeſendet / 
ſo hab ich eher nicht zu Hauſe nuch gewendet / 
bis meine Fraue ſelbſt mich einzuholen gieng. 


15 Juͤngſt fiele mir noch ein / es wär ein feines Dina / 
+ 


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= 
80 


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— 


wann wir uns lieſſen dort lang auf der Haß erblicken / 
und auf dem Plaudermarckt / daß ſie uns müßten ſchicken 


u finden bey paulus Särften/ Runfthhndlern in Noͤrgberg. 


uns Müͤden einen Stul / biß ſag ich aber auch: G. 
Die Arbeit und viel Thun iſt gar nit mein Gebrauch 

Die Frau die mag das Haus ſelbſt tehren / wachen / fegen / 
mich laſſen ſehen zu / in Schoß die Hände legen. 

Nit gerne trag ich Holtz zur Küchen, weil die Spän 

mich ritzen in die Arm / die fähen dann nit ſchoͤn / 

wann ich mein femmes Lieb wolt haben drein geſchioſſen. 
Deh Morgens bin ich auch zum Aufſtehn gar verdroſſen t 
Will nun die Frau / daß fey die Stube worm und rein / 

ſo ſteh fie ſelber auf / und kehr und heitze ein. 


E. Die Bauermagd, 


Ch ſchlag auch nit ſchlimm bey. Ihr Bar, et: 
Ii Bauerdirnen ſind un Be 11 5 N groltzet; 
wir wagen auch ein Spiel. Es iſt / wie in der Stadt / 

im Dorſſe theure Zeit an Maͤgden / dünne Saar, 

Wir haben ſchon am Bett die Eipfel alle viere 
bekommen / nur daß uns auch noch zu Bette fuͤhre 

der Herde: Mit dem Kuecht iſts nur alltäglichs Thun. 
Wir wolten uns gern auch zum Herꝛen legen min. 

Die VBaͤurmu mag darzu ſaur ſehen oder fuͤſſe. 

ich fan / gefällts Ihr nicht / mich machen auf die güſſe / 
und meiner Wege gehn. ja wol / das iſt für ſie ! 

Ich laß fie auch den Stall verfehen und das Vieh. 
Mein Arbeit iſt / daß ich uͤmlauffe nach den Buben / 

bey Tag zum Dantz / bey Nacht dort in die Rockenſtuben; 
dahin ich aber wol fomm Spinnens halber nit 5 
mein Hanſel mir daſelbſt ein andern Faden zieht / 

der lang und dick genug. Das muß ote Frau nur leiden. 
Zwar graſen laß ich mich gern ſchicken auf die Heyden / 
55 Sa ee fan zu mir. 

e důnckt en ick ich mich zu euch / jhr Schweſtern „ 
So ſaglen dieſe fünf / in aller Magde Nahen 9 
Die Boͤſen find Fe de Frommen und dte Zahmen 
behuͤte Gott für Feid/ dann derer find nit viel. 

Jar wollen fie die Sach ( meldt mich nur nit / ich will 
verrahten jhren Raht) in ein Drefret verfaſſen N 

zu Metz und Magdeburg ein Mandat ſtellen laſſen / 
Junhalts / es ſollen nun die Maͤgde Frauen ſeyn / 

die Frauen aber Maͤgd. O Juno / fih darein / 

du hoͤchſte Hummelsfrau: und laß dich das erbarmen. 
verlaffen find fo gar die Frauen / ach die Armen 

Ihr Raͤchengöͤtter ihr / raͤcht dieſen Frevel recht / 

gebt jeder fölcher Magd ein guten ſtarcken Knecht / 

der fie deß Wercktags zwier / deh Sonntags dreymel puffe / 
biß fie halb Jod ind Huͤlf zu Gottes Mutter ruffe, 

So / rieth ich / werden los / im fall ich würd gefragt / 

det Mann des boͤſen Thiers / die Frau der böfen Magd. 


EEE 


5 
28 


eee 


1652. 


Dienſtmaͤgde. 1652 


48 * 


Das Urteil, das wir 
auf Grund von dem allen über 
das heutige Geſamtreſultat 
abgeben muͤſſen, lautet da— 


rum, daß wir heute zwar in 
faſt allen Laͤndern eine ſoziale 
Satire aufzuweiſen haben, 
daß dieſe aber faſt durch— 
aus an der Oberfläche kleben 
bleibt, und daß ſelbſt bei 
den wichtigſten Gebieten nicht 
von mehr als einem bloßen 
Schuͤrfen die Rede ſein kann. 

Zu den allerwichtigſten 
Gebieten gehoͤrt unbedingt 
die ſoziale Lage der Frau 
als Arbeiterin, und gerade 
hier iſt das Ergebnis am 
traurigſten. Mit vollſtem 
Rechte darf man z. B. hin— 
ſichtlich der weiblichen Haus— 
ſklaverei erklaͤren: wir ent— 

Die ſtrenge Gouvernante behren noch voͤllig der Blaͤt— 

346. Engliſche Karikatur er, die in der klar ausge— 

ſprochenen Tendenz gemacht 

ſind, das Bewußtſein von der Troſtloſigkeit der weiblichen Hausſklaverei zur brennen— 

den Scham zu ſteigern. Gewiß, ein Dutzend Zeichnungen — wenn's ſehr hoch kommt, 

einige Dutzend — werden aufzutreiben ſein, die das Los der Haushaltungsfklaverei 

der Hausfrau zum Gegenſtand haben. Aber was iſt das gegenuͤber der ungeheuren 

Tragik, die das Los der meiſten Hausfrauen bedeutet? Das iſt naͤmlich die große 

Tragik unſerer Geſellſchaftsordnung, daß gerade die eine Haͤlfte des Menſchen— 

geſchlechts offiziell dazu verdammt iſt, ihr ganzes Leben in geiſtiger, ſeeliſcher und 
rechtlicher Unterernaͤhrung zu vegetieren. 

Wie, d. h. aus welchen Beweggruͤnden und mit welchen Abſichten die Satire 
in fruͤheren Zeiten ausnahmslos die Frauen bei ihrer Arbeit aufſuchte, dafuͤr 
it das Blatt von Iſaac Cruikshank „Schottifche Waͤſcherinnen“ eine gute Probe. 
Wenn man ſolche Blätter anſchaut, iſt die Arbeit der Hausfrau eitel Luſt und 
Wonne und niemals Laſt und Plage. In dem beſonderen Falle iſt fuͤr die huͤbſchen 
Schottinnen, die Cruikshank bei ihrer landesuͤblichen Methode des Waͤſchereinigens 


380 


zeigt, dieſe Arbeit eine willkommene Gelegenheit, ihre maſſiven Reize fo freigebig 
wie irgend moͤglich zur Schau zu ſtellen (Bild 347). Mit anderen Worten: Um die 
Laſt und Plage der Arbeit kuͤmmerte ſich die Satire nicht, wohl aber verſtand ſie es 
ſehr gut, die Sache nach der pikanten Seite zu drehen. 

Dasſelbe Ergebnis kommt zutage, wenn man fragt: Wo ſind die Blaͤtter, 
die der Lage der Fabrikarbeiterin gerecht geworden? Gewiß, hier findet man etwas 
reichere Belege einer ernſten Auffaſſung, aber eigentlich nur in der Karikatur eines 
einzigen Landes, naͤmlich in der Frankreichs. In Deutſchland muͤſſen dagegen ſchon 
ganz außergewoͤhnliche Ereigniſſe auftreten, wie z. B. der Berliner Konfektions— 
arbeiterinnenſtreik in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunders, wenn die haar— 
ſträubende Not der Fabrikarbeiterinnen fuͤr einige Zeit zu einem allgemeineren Motiv 
in der ſatiriſchen Preſſe werden ſoll. 

Aber Deutſchland kann ſich ſogar noch ſtolz in die Bruſt werfen, wenn man 
ſeine ſoziale Satire in Vergleich zu der von England ſtellt. In dieſem Lande ver— 
moͤgen heute nicht einmal außergewoͤhnliche Ereigniſſe ernſt zu nehmende ſoziale 
Karikaturen hervorzurufen. England kann unbedingt den traurigen Ruhm fuͤr ſich 
in Anſpruch nehmen, 
das ſtolze Mutterland 
der geſellſchaftlichen 
Satire geweſen zu ſein, 
heute aber nur noch 
über den allerſchaͤbig— 
ſten Reſt zu verfuͤgen. 
Selbſt Amerika ſteht 
heute hoͤher, weil dieſes 
Land wenigſtens damit 
beginnt, eine ernſter 
zu nehmende geſell— 
ſchaftliche Satire zu 
entwickeln; Proben da— 
fuͤr ſind die Blaͤtter 
des geſchickten Gibſon. 
Ein ſehr beſchämen— 
des Ergebnis liefert 
auch die Revue der 
oͤſterreichiſchen und 
italieniſchen Karikatur. 
Sowohl in Oſterreich — . RL 
als auch in Italien 347. Iſage Cruikshane. Schottiſche Wäſcherinnen 


381 


348. Thomas Rowlandfon. Die Hebamme 


wird der Begriff geſellſchaftlich in der Karikatur meiſtens mit pornographiſch ver— 
wechſelt, und was das wichtigſte iſt, auch damit erſchoͤpft. Um nur ein einziges 
Beiſpiel zu nennen: die Wiener Karikaturiſten ſahen an ihrer typiſchſten Arbeiterinnen— 
figur, dem „Wiener Waͤſchermadel“ niemals etwas anderes als die drallen Arme, 
die kurzen Roͤcke und das volle Mieder. Die einzige ruͤhmliche Ausnahme macht, 
wie geſagt, Frankreich, und auf Proben von dort kann man ſich daher auch be— 
ſchraͤnken. Das Bezeichnende fuͤr Frankreich iſt, daß es hier allein Kuͤnſtler gibt, 
und zwar ſtarke Kuͤnſtler, deren ganzes Leben und Wirken der beſonderen ſozialen 
Not der modernen Zeit gewidmet iſt. Der leuchtendſte Name in dieſer Richtung 
iſt unſtreitig Steinlen. Steinlen iſt nicht nur einer der größten modernen fran— 
zoͤſiſchen Geſellſchaftszeichner, ſondern ſein kuͤnſtleriſcher Schild iſt auch der reinſte, 
kein einziger Makel ſchmutziger Spekulation iſt darauf zu finden. Sein Werk re— 
praͤſentiert das ergreifendſte und hoheitvollfte Lied der ſozialen Not der Arbeit. 


382 


Steinlen kommt auch der Ruhm zu, daß er allein würdig die Not der kleinen Ar: 
beiterin geſchildert hat, ihre Schmerzen, Leiden und beſtaͤndigen Erniedrigungen. 
Freilich, die hierher gehoͤrigen Blaͤtter Steinlens ſind ſehr ſelten Karikaturen, ſon— 
dern faſt immer ganz ernſte Anklagen gegen die Geſellſchaft; der große, ernſte Pa— 
thetiker ſpricht aus ihnen, der meiſtens viel zu tragiſch empfindet, um auch nur einen 
einzigen Ton des Spottes einzuflechten. Die Wirkung der meiſten Blaͤtter von ihm 
iſt jedoch trotzdem eminent ſatiriſch, ſie entſteht aus der Gegenſaͤtzlichkeit, die un— 
willkuͤrlich und unvermeidlich jedem Beſchauer als Reaktion zum Bewußtſein kommt 
(Bild 354). Steinlen iſt gewiß auch in der franzoͤſiſchen Karikatur einzigartig, aber 
man muß andererſeits ſagen, daß es wohl kaum einen einzigen von den vielen mo— 
dernen franzoͤſiſchen Geſellſchaftsſatirikern gibt, der nicht mit ernſtem Sinnen die 
ſoziale Karikatur gepflegt und ſomit auch die Arbeiterin bei ihrer Arbeit aufgefucht 
haͤtte. Von den beruͤhmteſten ſeien nur Forain, Hermann Paul und Willette genannt, 
das Werk eines jeden von ihnen enthält Dutzende derartiger Blätter (Bild 355). Man 
kann wohl ſagen: ſeitdem 
Gavarni mit ſeinen „Ge— 
ſpraͤchen des Thomas Vire— 
loque“ und der Serie „Die 
Englaͤnder bei ſich zu Hauſe“ 
die ſoziale Note in der 
franzoͤſiſchen Karikatur ſo 
maͤchtig angeſchlagen hat, iſt 
ſie faſt nie mehr verſtummt. 
Und was die Schaͤrfe des 
Tones betrifft, — er hat 
entſprechend der weiteren 
Zuſpitzung der Klaſſengegen— 
ſaͤtze ſeither eher zu- als ab— 
genommen. Die ſoziale 
Satire klingt nie zahm oder 
gar verſoͤhnlich, ſondern 
meiſt ſchrill und ſcharf, wie 
ein brutaler Peitſchenſchlag. 
Der ſatiriſche Witz des kleinen 
Bildchens „Plaͤtterinnenphi— 
loſophie“ von Henri Boutet 
iſt ein treffendes Beiſpiel 


dafuͤr: „Es iſt doch ann! Die Wut der Betſchweſter bei ihrer Andacht 
hart, daß man ſo viel durchs 349. Deutſche Karikatur. 18. Jahrhundert 


383 


Beſchmutzen der Beinkleider 

verdient und ſo wenig 

durchs Reinigen“ (Bild 

357). Das iſt ein blutiger 

Hohn und zyniſch im 

hoͤchſten Grade, aber es iſt 

ein durchaus berechtigter 

Zynismus, denn er iſt von 

einer ſtarken ſittlichen Idee 

getragen. Fruͤher war es 

natuͤrlich auch in Frank— 

reich anders. Vor Gavarni 

war die Arbeiterin auch 

nur Witzobjekt fuͤr galante 

Scherze. Im Daſein der 

Modiſtin oder der Waͤſche— 

arbeiterinnen, die ſozuſagen 

die erſten von der Kari— 

katur charakteriſierten Ar— 

beiterinnen darſtellen, exi— 

Das geſtörte Rendezvous ſtierte nur die Liebe, dieſe 

350. Krebs. Berliner Karikatur uͤberſtrahlte jeden Arbeits— 

tag vom frühen Morgen 

bis zur ſinkenden Nacht mit dem roſigſten Schimmer und nie verblaſſendem Gold— 
glanz — angeblich. f 

Nur eine einzige Kategorie der arbeitenden Frauen gibt es, die ſich in keiner 

Zeit und in keinem Lande uͤber mangelndes Intereſſe beſchweren kann — das Dienſt— 

mädchen. Aber wenn ſich die Satire mit ihrer Perſon auch ſchon ſeit dem 16. Jahr— 

hundert aufs eingehendſte beſchaͤftigte, ſo geſchah dies ſtets vom Standpunkt des 

Arbeitgebers, der nur zu tadeln hatte. Was es heißt: vom frühen Morgen bis zur 

ſpaͤten Nacht ans Haus gefeſſelt zu ſein, keinen eigenen Willen haben zu duͤrfen, 

dagegen jedes Winkes gewaͤrtig ſein zu muͤſſen, jede Sekunde des Tages „auf dem 

Sprungbrett zu ſtehen“ und dabei jeder Willkuͤr faſt rechtlos ausgeliefert zu ſein — 

von alledem wußte die Satire fruͤher kaum einen Ton zu erzaͤhlen. Sie wußte nichts 

davon, daß das Dienſtmaͤdchen der Blitzableiter für jeden Mißmut der Herrin iſt, 

daß an ihr alle Launen, ausgelaſſen wurden. „Die gnaͤdige Frau iſt ſchlechter 

Laune“ — ach, wie harmlos klingt das, und doch birgt es mitunter eine Fuͤlle 

der furchtbarſten Tragik, fuͤr die, die jede Laune widerſpruchslos ertragen 

muͤſſen, heute, morgen, uͤbermorgen. Fuͤr die, die nie fragen duͤrfen „warum?“ 


384 


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der Karikatur“ 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „D 


Albert Langen, München 


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1786 


homas Rowlandſon. 


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Wie gefagt, davon wußte die frühere Satire nichts zu erzählen, was fie aber 
um fo genauer regiftrierte, das waren die Untugenden der Dienftboten, die natuͤr— 
lich ſtets ins Rieſengroße anwuchſen, wonach alles ins Gegenteil umſchlug: Nicht 
die Magd, ſondern die Hausfrau iſt die geplagte und ſchikanierte Sklavin, die 
Magd iſt der Tyrann. Nicht die junge Magd iſt ſchutzlos den unſittlichen Angriffen 
auf ihre Perſon ausgeliefert, ſondern ſie iſt in jedem Falle die raffinierte Verfuͤhrerin, 
die den harmloſen, ſoliden Hausherrn gewiſſenlos in ihre Netze lockt. Sie iſt weiter 
ein Ausbund aller kleinen Untugenden, ſie iſt faul, zaͤnkiſch, ſchwatzhaft, verſchlagen, 
ungeſchickt, tollpatſchig uſw. uſw. — das war das Leitmotiv, und fo klang es durch 
die Jahrhunderte hindurch bis an unſere Gegenwart heran, die endlich auch dem 
Dienſtmaͤdchen gegenuͤber ihre Aufgabe erkannte. 

Alle Proben, die man aus der Vergangenheit aufzutreiben vermag, belegen die 
Richtigkeit dieſer Saͤtze. In der ſatiriſchen Teufels-Literatur des 16. Jahrhunderts 
fehlte natuͤrlich auch der Geſindeteufel nicht, der lang und breit alle Suͤnden der 
weiblichen Dienſtboten aufzaͤhlte und alle Nöte ſchilderte, die die arme, gequaͤlte — 
Hausfrau, die ſtets ein Ausbund der Nachſicht iſt, auszuſtehen hat. Der vollſtaͤn— 
dige Titel dieſes Opus lautet: „Geſindteufel, darinnen acht Stuͤcke gehandelt werden 
don des Geſindes Untreu, welche allhie nachfolgend verzeichnet durch M. P. Glaſer, 
Prediger zu Dresden.“ Wenn 
man die breitſpurige Be— 
erindung lieſt, find die 
meiſten Dienſtmaͤdchen förm— 
liche Luderſaͤcke: 

„Der Teufel treibet ſie, 
daß ſie den Kindern verdrießlich 
ſind, zanken ſich mit ihnen, ver— 
achten ſie, ſchaͤnden und laͤſtern 
ſie aufs alleraͤrgſte, heißen ſie 
Rangen, Stricke, Saͤcke, Baͤlge 
und dergleichen, geben ſie oft aus 
Ha faͤlſchlich an, ſchlagen und 
raufen ſich mit ihnen, und ſind 
ihnen zuwider, wo ſie koͤnnen und 
moͤgen.“ 

In dieſe Kerbe hieb 
man zu allen Zeiten, die Ton— 
art war ab und zu weniger 
hanebuͤchen, aber in der 


— Frau Mutter, Sie duͤrfen heut ſchon reden mit mir; der Herr verſteht 
Tendenz genau ſo. Moſche— nichts Deutſch. Rechnen Sie ihm ein Veigerl um drei Zwanziger an! 
roſch gibt z. B. in ſeiner 351. Wiener Theaterzeitung 
49 


385 


„Schuldigen Verſorgung eines 
treuen Vaters“ folgende Be— 
ſchreibung einer boͤſen Magd: 


Ein boͤſe Magd voll arger Liſt, 
Verſchlaffen, faul und freſſig iſt, 
Geht ſchlauffen, will gar nirgend fort, 
Und ſchweigt der Frauen nit ein Wort: 
Das Maul ihr wie ein Klapper geht, 
Gern mit den Knechten reden ſteht, 
Gar freundlich auß geneigtem Sinn, 
Und ſchenckt ihr Kraͤntzlein leicht dahin. 
Sie hat auch offtmals ohne Schau 
Den Herren lieber als die Frau, 
Oder laſſt ſonſten was geſchehn, 
Das nicht ein jeder muß beſehn. 
Darzu zubricht auch dieſer Ruͤſſl 
Viel Löffel, Tigel, Toͤpff und Schuͤſſl; 
Geht naſchen, und frißt gerne Fett, 
Und lüget alles was fie redt. 
Manch Speiſe ſie de Schweine kleckt, 
Was ihr geliebet, fein verſteckt, 
Gibt heimlich weg, ſtihlt wie ein Dieb, 
Hat weder Vieh noch Kinder lieb. 
8 8 Und da ſie auß dem Dienſte reiſt, 
— Sie haben ſich aber jetzt eine huͤbſche junge Magd eingeſtellt — (Wann ſie die Herberg hat beſchmeißt) 
— Mein Gott, ich hab's ja thun muͤſſen, daß mir der Mann wieder lieber So thut ſie zu den Leuten ſagn, 
e Ihr Frau, die hab ſie hart geſchlagn, 
352. Der Hausmagnet. Fliegende Blätter Darzu geſcholten, und darnebn 
Ihr nicht die Helfft zu freſſen gebn; 
Da doch die Schuld iſt alles ihr, Sich immer mit der Fraun gebiſſn, 
Dieweil ſie als ein boͤſes Thier Und keiner Arbeit ſich befliſſn. 

Daß Abraham a Santa Clara in dieſem Chor der Rache nicht fehlt, iſt ſelbſt— 
verſtaͤndlich, er hat ſeine Galle natuͤrlich auch gegenuͤber den „Dienſtmenſchern“ aus— 
geleert und iſt ſeinem Schimpftalent nichts ſchuldig geblieben. Die kuͤrzeſte Probe 
iſt die folgende: 

„Urſula Schmutzerin, lediges Dienſtmenſch! wie ſtehet ihr da ſo barmhertzig bey dem Ab— 
waſch-Schaff? Das Tellerreiben gehet euch gar nicht von ſtatten; ſchaut nur wie die Schuͤſſeln 
ausſehen, fie ſeynd ja voller Schmutz, die Häfen rußig .. . gar viel Dienftbotten ſowohl von maͤnn— 
lichen als weiblichen Geſchlecht ſeynd von dieſen Gelichter, wenn der Herr oder die Frau ausgehet, 
ſitzen ſie zu Haus auf dem faulen Polſter, der Bediente fragt nicht umb das Schaffen, die Dienſt— 
magd thut beim Spinnrad ſchlaffen, aber zum Eſſen da thut ſich keiner vergeſſen.“ 

Im Anfang des 18. Jahrhunderts ſind ſogar Romane erſchienen, die ſich gegen 
die ſchlechten Dienſtboten richteten. Einer dieſer Romane hatte den folgenden Titel: 


386 


„Jungfer Robinſon oder die verſchmuͤtzte Junge Magd, worinnen deroſelben Ankunft, Er— 
ziehung, Flucht, Reiſen, Lebenswandel, Aufſtellungen, Fata und endlich erlangte Ehe erzaͤhlet, dieſes 
Voͤlkchens Untugend, loſe Haͤndel und ſchlimme Streiche abgehobelt und auf die Seite geworfen 


werden.“ 


Der Verfuͤhrungskuͤnſte der Dienſtmaͤdchen, daß jede der Meinung ſei, auf die 
Zaͤrtlichkeiten des Hausherrn gerechten Anſpruch zu haben, wird natuͤrlich in jeder 
Satire auf die Dienſtmaͤdchen mit beſonders beweglichen Worten gedacht. In dem 
hier wiedergegebenen Nürnberger Flugblatt „Neuer Rathſchluß der Dienſtmaͤgde“, 
aus dem Jahre 1652, das ausführlich in ſatiriſcher Tendenz die Forderungen ſaͤmt— 
licher Maͤgdekategorien aufführt, legt der Verfaſſer der Beſchließerin u. a. folgende 


Worte in den Mund: 


. .. Sie (die Hausfrau) muß nit ſauer ſehn, 

Wenn auch mit mir der Herr zu Bette wollte gehn, 

Mich lieber haͤtt' als ſie. 
Die Bauernmagd iſt, wie man nachleſen kann, ganz derſelben Meinung. 
Ein Epigramm aus dem Jahre 1776 


wider die verliebten Kammerkatzen lautet: 


Verliebt ſein und doch Keuſchheit heucheln 
Und durch Erweiſung mancher Gunſt 
Dem gnaͤd'gen Herrn gefaͤllig ſchmeicheln, 
Dies iſt der meiſten Zofen Kunſt. 

Doch giebt es auch noch hie und da 
Zuweilen eine Pamela. 

Aus dem 19. Jahrhundert koͤnnte 
man mit Leichtigkeit ebenſoviele und die— 
ſelbe Auffaſſung bekundende Proben bei— 
bringen. Als Beiſpiel fuͤr die luͤſterne 
Verliebtheit ſei nur an den Dialog „Das 
Stubenmaͤdchen“ in Schnitzlers „Reigen“ 
erinnert. Schnitzler iſt freilich ſo objek— 
tiv, zu zeigen, daß die junge Frau aus 
guter Familie genau ſo luͤſtern danach 
girrt, ſich verfuͤhren zu laſſen, und daß 
ſie darum ebenſowenig Widerſtand leiſtet, 
wenn der junge Freund ſich dazu anſchickt, 
ihr die Bluſe aufzuneſteln. 

Die gezeichnete Satire ſetzt genau 
ſo fruͤh ein, nimmt ebenſo haͤufig das 
Wort, verſtummt ebenfalls nie und ver— 
tritt bis vor wenigen Jahrzehnten natuͤr— 


387 


Wie man in Dresden Dienſtzengniſſe ſchreibt. 


„Hierdurch beſcheinige ich, daß Louiſe Niedlich mir 
ein Jahr lang mit der groͤßten Treue gedient hat und 
daß ihr freundliches entgegenkommendes Weſen ſie jeder 
Herrſchaft empfiehlt.“ 


353. G. Kuhn. Leipziger Karikatur 
49 


lich genau dieſelbe Tendenz. Früher ift fie jedoch meiſtens bloß illuſtrative Beigabe zu 
den Fliegenden Blaͤttern, bei denen der Text die Hauptſache bildete. Proben ſolcher 
illuſtrativen Beigaben zeigen Hans Sachſens „Klag redt dreier Magd uͤber ihr harte 
Dienſt“ (Bild 343) und das ſchon vorhin erwähnte Flugblatt „Neuer Rathſchluß 
der Dienſtmaͤgde“ (Bild 345). Bei den ſelbſtaͤndigen Karikaturen ſteht natuͤrlich das 
Liebesbeduͤrfnis der Dienſtmaͤgde obenan, und im 19. Jahrhundert vor allem die 
Zaͤrtlichkeit gegenuͤber den Traͤgern des bunten Rockes (Bild 84 und 350). Daß man 
aus demſelben Motiv freilich auch ausgezeichnete Karikaturen machen kann, das beweiſt 
der geniale Rudolf Wilke mit dem famoſen Blatt „Starke Zweifel“ (ſiehe Beilage). 
Seitdem es eine periodiſch erſcheinende Witzblattpreſſe gibt, gehoͤrt das Dienſt— 
maͤdchen zur ſtehenden Figur darin. Unberechenbar iſt die Summe der Witze, die 
hier in jedem Land auf ihre Rechnung gemacht wurden und taͤglich von neuem ge— 
macht werden. Ihre unbezaͤhmbare Neugierde, ihre Tollpatſchigkeit, ihre Arroganz ſind 
ein unerſchoͤpflicher Stoff fuͤr die Witzfabrikanten. Dieſe Untugenden wurden natuͤr— 
lich auch ein ſehr 

dankbares und darum 

uͤberaus beliebtes 

Mittel, um dadurch 

Witze auf andere zu 

machen; Proben fin- 

den ſich dafuͤr in 

verſchiedenen Kapi— 

teln (Bild 135 und 

150). Dieſe Proben 

beweiſen uͤbrigens, 

daß dies klatſchende 

und ruͤhmliche Satire 

ſein kann. Das gilt 

beſonders von dem 

famoſen Blatt Rez— 

niceks „Das be— 

lauſchte „Hochzeits— 

paar“. Die neugierige 

Hotelzofe entdeckt 

durchs Schluͤſſelloch, 

wie mit den Kleidern 

der jungen Frau ein 

„Reiz“ nach dem 


Steinlen. Arbeiterinnen. Album andern herniederſinkt; 


388 


ihre Schlagfertigkeit führt 
ſie auf die einzig richtige 
Baſis dieſer Ehe: „Herr— 
ſchaft, muß die Geld gehabt 
hamm!“ Um Witze auf 
andere zu machen, dazu 
dienen natuͤrlich nicht nur 
ihre Untugenden, ſondern 
auch ihre Vorzuͤge. Wa: 
rum Frau K. wieder ein 
beſonders huͤbſches Dienſt— 
maͤdchen ausgeſucht hat? 
Frau K. verraͤt es ihrer 
Freundin: Es iſt ein Haus— 
magnet, der den Gatten 
ans Haus bannt, ſonſt 
bliebe er keinen Abend 
mehr zu Hauſe und waͤre 
ſtets im Wirtshaus (Bild 
352). „Wie man in Dres— 
den Dienſtzeugniſſe ſchreibt“ 
iſt zu dieſem Stuͤck ungefaͤhr 355. Adolf Willette. Zwei Uhr Nachts 

die Fortſetzung (Bild 353). 

Das ſoziale Verſtaͤndnis fuͤr die Lage der weiblichen Dienſtboten hat ſich, wie 
geſagt, erſt in den letzten Jahrzehnten kuͤnſtleriſch zum Durchbruch gerungen. Als 
das erwachende foziale Gewiſſen endlich damit anfing, überall die hergebrachten und 
landlaͤufigen Formeln auf ihren richtigen Wert zu pruͤfen, und weiter auch die Kehr— 
ſeite ins Auge zu faſſen und alles dieſes dann an dem Maßſtab der ſozialen Ge— 
rechtigkeit zu meſſen, da ergab ſich denn auch bei der ſatiriſchen Darſtellung der 
Dienftboten eine andere Rote. Man fand, daß es hoͤchſt albern ſei, im Dienſtmaͤdchen 
nur die Poſſenfigur zu ſehen, die an Schluͤſſelloͤchern horcht und gedankenlos Schuͤſſeln 
und Teller zerbricht, und darob vollſtaͤndig die tragiſche Figur zu uͤberſehen, die ſie doch 
viel haͤufiger in Wirklichkeit iſt. Wenn das Dienſtmaͤdchen als Poſſenfigur heute nun 
zwar immer noch weiterlebt, ſo beſchraͤnkt ſich das doch auf die Familienblattpreſſe. 

Zu dem hergebrachten Bild von dem Dienſtmaͤdchen, das die Herrſchaft tyranniſiert 
und die gnaͤdige Frau zur Sklavin von des Dienſtmaͤdchens Gnaden macht, iſt 
das folgende Zitat aus dem „Tagebuch einer Verlorenen“ das geeignetſte Gegenſtuͤck: 


„Frau Paſtorin ſagt bei jedem zehnten Wort „Mit Gott“. „Mit Gott“ ſchlug ſie neulich 
dem Stubenmaͤdchen auf den Mund, daß die Naſe blutete und zwei Vorderzaͤhne wackelten, „mit 


389 


Gott“ hat fie ſchon ungezaͤhlte Straf- und Suͤhnegelder beim Schiedsmann und Amtsgericht für 
Dienſtbotenmißhandlungen und Beleidigungen berappen muͤſſen. Ich habe nie zuvor fo unflätig 
ſchimpfen hoͤren, als wie die Frau Paſtorin es tut, wenn ſie wuͤtend iſt, und ſie wird ſehr leicht 
wuͤtend. Schwein, Bieſt, Luder, Sau, Schuft, Aas, das find nur fo kleine Koftproben ihres Kon— 
verſationstons im Verkehr mit den Leuten. Wo ſie hinſchlaͤgt, waͤchſt kein Gras, und ihre Hand 
ſitzt ſehr loſe. Mich hat ſie noch nicht geſchlagen, dagegen ſind aus der Bluͤtenleſe ihrer Schimpf— 
wortplantage auch ſchon manche Roſen und Roͤslein auf mich niedergeregnet.“ 

Dieſe Szene hat den Vorzug, daß ſie echter iſt, zum allermindeſten aber in 
der Wirklichkeit haͤufiger vorkommt, als die tyranniſierten Hausfrauen, von der die 
landlaͤufige Mär erzaͤhlt. 

Als Illuſtration zu dem Zitat aus dem „Tagebuch einer Verlorenen“ koͤnnte 
die kleine Radierung „Die Wut der Betſchweſter bei ihrer Andacht“ dienen. Waͤhrend 
die froͤmmleriſche Hausfrau eine Epiſtel aus dem Andachtsbuche lieſt, zieht ſie das 
Dienſtmaͤdchen an den Haaren am Boden herum — „mit Gott!“ ſelbſtverſtaͤndlich 


(Bild 349). 


356. Forain. Woch keine Ruhe. Courrier Francais 


390 


* ie Eee 


Die verächtliche Behand: 
lung, die das tägliche Los fo nei ed 
vieler Dienftboten ift, das „zu 6 
Fuͤhlen bekommen“, daß man 
nur ein Menſch zweiter Ordnung 
ſei, fuͤr den die Überbleibſel 
immer noch gut genug ſeien, — 
dieſe herrſchaftliche Hochnaͤſigkeit 
erhält in dem Blatte „Die 
gnaͤdige Gnaͤdige Frau“ von 
Joſſot einen ſchneidigen Hieb. 
„Das Waſſer iſt noch lau, wenn 
ſie Luſt hat, kann ſie ſich auch 
noch darin baden ...“ Welche 
Gnade! (Bild 359). 

Die Leibesknechtſchaft, in 
der ſich die Mehrzahl aller irgend 
wie huͤbſchen Dienſtboten in allen 
Zeiten und in allen Laͤndern 
befand und noch befindet, f 
JJV 
darin beſteht, daß ſich jeder 357. Henry Boutet. Frou-Frou 
maͤnnliche Gaſt das Recht heraus— 
nimmt, die ihm Gefallende keck zu umfaſſen und abzugreifen, iſt endlich auch ein 
Motiv der ſozialen Satire geworden. Der Franzoſe Forain hat z. B. die brennende 
Schmach, daß das Dienſtmaͤdchen in neunzig von hundert Faͤllen nicht Verfuͤhrerin 
iſt, wie die alte Tantenmoral weismachen will, ſondern im Gegenteil das abſolut 
hilfloſe Opfer brutal geforderter Herrenrechte, in einer Reihe von ſcharfen Satiren 
dargeſtellt, von denen man wirklich ſagen moͤchte, daß ſie durch ihren Zynismus 
wohltuend wirken. Eine gute Probe davon zeigt das Blatt „Noch keine Ruhe“. 
Bis elf Uhr iſt ſie in der Haushaltung auf den Beinen geweſen, nun, da ſie mit 
todmuͤden Gliedern auf dem Bettrande ſitzt, kommt der Herr des Hauſes und er— 
innert ſie mit luͤſternem Gemecker daran, daß man auch bei ihm im Dienſte ſei. 
Aber damit iſt es noch nicht genug, die „Arbeit“ des Tages iſt auch damit noch nicht 
zu Ende: in einer Stunde wird vielleicht auch noch der Sohn des Hauſes den Weg 
zu ihrer Kammer finden, — Forain hat auch dies gezeichnet (Bild 356). — 

Es bleiben zum Schluß nun noch die verſchiedenen handwerklichen Berufe uͤbrig, 
die von der Frau ſelbſtaͤndig ausgeuͤbt werden. Hier ſtehen obenan die Straßen— 
haͤndlerinnen, die Hoͤkerinnen, die Fiſchweiber, kurz „die Damen der Halle“ in ihren 


391 


verschiedenen Spezialitäten. Die Mundfertigkeit, die gefchäftlichen Triks (Bild 351) 
und die beſonderen ſchlagfertigen Manieren, die die Mehrzahl dieſer Frauen aus— 
zeichnen, haben uͤberall und ſehr fruͤhzeitig zur ſatiriſchen Charakteriſierung ver— 
lockt. Der Witz, und zwar der Berliner ebenſo, wie der Londoner, der Pariſer, 
der Wiener, war niemals beſonders hoͤflich gegen ſie. Aber wenn die Satire auch 
zu den allerſtaͤrkſten Toͤnen griff — hier konnte die Karikatur nicht mitkommen. 
Denn ihr Ton klang doch immer nur wie ein harmloſes Fruͤhlingsſaͤuſeln gegenüber 
dem Praſſeln der entfeſſelten Elemente. Und wer kennt dieſes Praſſeln nicht, der 
ein einziges Mal durch eine großſtaͤdtiſche Markthalle gegangen iſt? „Was iſt 
gfaͤllig, gnaͤ' Frau?“ „Schöne Eier gfaͤllig, gnaͤ' Frau?“ „Kommens her, gnaͤ' 
Frau“ — ſo toͤnt es jetzt, aber die „gnaͤ' Frau“ iſt von der Schoͤnheit der an— 
geprieſenen Ware nicht befriedigt, und nach aufmerkſamem Durchmuſtern geht ſie, 
ohne zu kaufen, weiter. In weniger als einer Sekunde hat ſich die Situation ver— 
aͤndert, die „gnaͤ' Frau“ wird zu einer „ausgeſchamten Perſon“, uͤber die ein wahrer 
Platzregen von Injurien niedergeht. Nein, hier iſt die Karikatur wahrlich nik mit— 
gekommen, in dieſem Konkurrenz— 
kampf iſt ſie ſtets unterlegen. 

Ein Typ, dem man beſonders 
in der erſten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts in der Karikatur ſehr 
haͤufig begegnete, waren die Putz— 
macherinnen; gegen ſie war der 
Witz natuͤrlich um ſo hoͤflicher und 
ſtets im hoͤchſten Maße galant, denn 
fie denken ſelbſtverſtaͤndlich immer 
nur an Liebe und Zaͤrtlichkeit, ihre 
Putzladen ſind Bazare der Liebe, 
der Koketterie und des Flirts. 

In der im Anfang der vier— 
ziger Jahre des vorigen Jahrhun— 
derts erſchienenen Broſchuͤrenſerie 
„Berlin und die Berliner“, in der 
die hervorſtechendſten Typen des 
damaligen Berliner Lebens geſchildert 
werden ſollten, iſt auch ein Heft 
der Putzmacherin gewidmet. Der 
Verfaſſer Ludwig Eichler ſchildert 

in der ſentimentalruͤhr— 


— Aufpaßt! Sauce zuerſt 
358. J. B. Engl ſeligen Weiſe, in der man damals 


oͤnna.“ 


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Doͤs werſt kaum derſchwingen 


? 


5 


„Du moͤcht'ſt van von der Kavallerie als Scha 


Starke Zweifel 


Rudolf Wilke. 


iſſimus 1901 


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Simp 


Albert Langen, Muͤnchen 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


— Roſalie, wenn Sie Luft haben, können Sie auch baden, das Waſſer iſt noch lau. 


359. Joſſot. Die gnädige Gnädige Frau 


die ſozialen Noͤte des arbeitenden Volkes gloſſierte, die Gefahren der Verfuͤhrung, 
denen die kleinen Naͤh- und Putzmamſellen ausgeſetzt ſind, dann gibt er von der 
Herrſcherin in dieſem Reiche die folgende Beſchreibung: 


„Die Creme des Putzmacherinnen-Standes iſt nun die Direktrice. Sie iſt über die aͤrm— 
lichen Klippen ihrer Untergebenen gluͤcklich hinweggekommen, hat ſich einen guten Ruf bewahrt und 
durch ihren Geſchmack in Nachahmung und Benutzung neuer pariſer Moden Beruͤhmtheit und Be— 
liebtheit bei vornehmen und reichen Damen erworben. Sie iſt von hoͤchſt angenehmem Außern, 
reizend angezogen, uͤber die Fuͤnfundzwanzig hinaus, hat ſich die volle Bluͤte eines reichen weiblichen 
Koͤrpers bewahrt, und wird von Dandys, die ſich im Magazin deshalb eigens ein Geſchaͤft machen 
und die Beſtellungen ihrer Schweſter oder Mutter gern ausrichten, mit vorzuͤglicher Zuvorkommen— 
heit behandelt, iſt aber welterfahren und ſchlau genug, ihre Poſition nicht zu verkennen, und benutzt 
ihre koͤrperlichen Reize bloß dazu, den Herren gegenüber kleine, buntſchillernde Koketterien ſpielen 
zu laſſen, ſich zum Amuͤſement, und den Herren auch nicht zum Verdruſſe. Haſt Du vielleicht zu 

50 
393 


irgend einem Zwecke einen Hut, oder Blumen, oder ſonſt eine jener reizenden Fadaiſen gekauft, die 
in unerſchoͤpflicher Auswahl ſie Dir vorzulegen und anzupreiſen weiß, und erinnerſt Du Dich viel— 
leicht, daß Du eines Bandes zu Deiner Lorgnette bedarfſt, und bitteſt ſie um die Gefaͤlligkeit, Dir 
— obgleich das nicht zum Reſſort ihres Geſchaͤftes gehoͤrt — eines abzulaſſen, ſo wird ſie ſich eine 
Freude daraus machen, eine paſſende Schnur oder ein ſchmales Band auszuſuchen, und die be— 
noͤthigte Laͤnge desſelben um ihren eignen, ſchoͤnen, weißen Nacken zu probieren, und den viel— 
ſagenden Blick, den ſie dabei Dir zuwirft, waͤre kein Gott im Stande, auszuhalten, ohne etwas 
wie Liebesfeuer zu empfinden.“ 


Die zeichneriſche Darſtellung iſt ſtets auf ganz denſelben galanten Ton ge— 
ſtimmt, ob die Bilder nun von dem Berliner Hoſemann oder von den Franzoſen 
Monnier (Bild 119) oder Bourdet (ſiehe Beilage) gezeichnet ſind. 

Ein weiterer Typ, dem man ebenfalls in fruͤheren Zeiten in der Karikatur ſehr 
haͤufig begegnete, war die Hebamme, die „Frau Meyer“. Wie dieſe wichtige Per— 
ſoͤnlichkeit, wenn fie in nachtſchlafender Zeit von einem „Feuerreiter“ — wie man 
in Schwaben ſagt — aus den Federn geholt iſt, mit der Laterne und dem „Seelen— 
troſt“ bewaffnet, durch die Straßen eilt — das gab fuͤr ſie das kennzeichnende Merk— 
mal ab (Bild 348). — 

Heute begegnet man weder den Hoͤkerinnen, noch den Putzmacherinnen, noch 
den Gouvernanten, noch den Hebammen mehr in der Karikatur — das ſind alles, 
wie uͤberhaupt alle Typen, laͤngſt gleichguͤltige Motive geworden. Sie alle ſpielten 
auch nur eine Rolle in der eigentlichen Karikatur, ſolange dieſe damit beſchaͤftigt 
war, das Volksleben in ſeinen einzelnen charakteriſtiſchen Beſtandteilen ſozuſagen 
typiſch zu regiſtrieren. Das geſchah uͤberall ſtets in den Anfaͤngen der buͤrgerlichen 
Entwicklung, und ſomit auch ausſchließlich in den Kindheitstagen der Karikatur, wo 
uͤberdies der Intereſſenhorizont eng begrenzt war und das Leben ſich noch in den 
einfachſten Formen abſpielte. Dieſe Entwicklungsſtufe iſt heute fuͤr jedes Land laͤngſt 
uͤberwunden, und an die Stelle des Einfachen iſt uͤberall das Komplizierte getreten. 

Nur eines Types waͤre ſchließlich noch zu gedenken — der Amme. Nicht daß 
für dieſe etwas anderes gaͤlte, als für die anderen Berufe, es gilt für fie ganz 
dasſelbe. Aber ſie gibt den bezeichnendſten Abſchluß fuͤr dieſes ganze Kapitel, den 
draſtiſchſten Beleg fuͤr die Einleitungsſaͤtze: Auch an ihr, die mit dem Eigentum 
ihres Kindes, mit der dieſem von der Natur beſtimmten Nahrung „arbeitet“, hat 
der Witz von ehedem faſt nie etwas anderes geſehen als — die drallen Bruͤſte. 


360. Felicien Rops. Die Gekreuzigte 


VI 


Im Dienſte bei Frau Venus 


Das oberſte ſittliche Geſetz der Menſchheit beſteht darin, daß der bedeutſamſte 
Akt der Lebensbejahung: die gegenſeitige Hingabe zweier Menſchen verſchiedenen Ge— 
ſchlechtes unbeeinflußt und losgeloͤſt von allen niederen Motiven ſein muß und aus— 
ſchließlich von den reinen Gefuͤhlen der Zuneigung, der gegenſeitigen Achtung und 
Wahlverwandtſchaft ſeine Antriebskraͤfte erhalten darf. Einzig die reine Liebe darf 


zwei Menſchen einander in die Arme treiben. Das iſt die erſte Vorausſetzung einer 
50 * 


395 


wirklichen Zivilifation, denn dadurch allein wird das finnliche Genießen geadelt und 
die Wolluſt aus einem bloß tieriſchen Erfuͤllen emporgehoben zur hoͤchſten menſch— 
lichen Manifeſtation, was ſie von dem Augenblick an ſein muß, wo der Menſch in 
ihr das erhabenſte Heiligtum der Natur erkannt hat. Darum kann es denn auch 
kein groͤßeres Verbrechen an der Geſamtkultur geben, als daß die Betaͤtigung der 
phyſiſchen Liebe, die Hingabe der Frau an den Mann zu einer fuͤr jedermann 
kaͤuflichen Ware, zum ſpekulativ verwendeten Handelsobjekt gemacht wird. Und 
doch: es gibt kein haͤufigeres Verbrechen als dieſes. Nichts iſt ſeltener als die 
makelloſe Erfuͤllung der vom Sittengeſetz an die Spitze geſtellten Forderung, dagegen 
wird mit keinem Artikel ein eifrigerer Handel getrieben, mit keinem ſchmutziger und 
raffinierter gefeilſcht als mit dem erhabenſten Heiligtum der Natur: der Wolluſt. 
Kein Artikel wird ſo haͤufig gehandelt wie dieſer: er iſt die wichtigſte, die begehrteſte 
und auch die am haͤufigſten 

angebotene Ware des inter— 

nationalen Weltmarktes; er 

hat uͤberall ſeine Boͤrſe, uͤber— 

all ſein Geſchaͤftskontor, unter 

jeder Straßenlaterne, in jedem 

Salon, faſt in jeder Familie. 

Tauſend Rechnungen werden 

damit jahraus, jahrein be— 

glichen, tauſend Forderungen 

erledigt, tauſend Widerſpruͤche 

beſiegt, tauſend Rechtshändel 

entſchieden uſw. uſw. Von 

Hunderttauſenden, nein, von 

Millionen Maͤnnerlippen er— 

toͤnt es Tag für Tag in 

allen Sprachen: Ich fordere 

in dieſem Falle den hoͤchſten 

Preis. Und von ebenſoviel 

Frauenlippen kommt die Ant— 

wort zuruͤck: ich akzeptiere 

den geforderten Preis. Hun— 

derttauſendmal bietet ihn die 

Frau ſelbſt an, um die Kon— 

12 a kurrenz zu beſtehen: du ſollſt 

Im Badehaus mich im entſcheidenden Augen— 

Deutſche Karikatur vom Meiſter mit den Bandrollen blick nicht ſproͤde finden, 


396 


Die Landts kuechts hür. 


Wan nit wer das freſſen vñ ſauffer / 
Ja ich wolt dir nit lang nach lauffen. 
Solt ich vmb ſunſt lang naby trabẽ / 
Aieß dich wol die Frantzhoſen haben. 
Wolt wol dahayınen fen belyben / 
Vnd wolt das neen hahen tryben. 


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N 
12 


362. Deutſche Karikatur. 16. Jahrhundert 


wenn . ..; meine Schönheit ſoll eine Weide deiner Wuͤnſche fein, wenn ...; meine 
Reife ſoll dir ihre Geheimniſſe offenbaren, wenn .. .; ich will dir als Luſtobjekt 
dienen, wenn .. .; du ſollſt deine Begierden an mir ſtillen, wenn ...; uſw. 
Gewiß iſt die Form des Handels ebenfooft verſchieden, fie variiert in jedem ein— 
zelnen Fall. Sie iſt in dem einen roh und gemein, im andern geſchickt in ſelbſt— 
taͤuſcheriſche Phraſen wie „die Klugheit, die Vernunft gebieten es“ eingewickelt, 
im dritten iſt ſie gar zur Tugend umgebogen. Es ſind auch nicht immer aus— 
geſprochene Worte, in die Angebot und Zuſage gekleidet find: ein ſtaͤrkerer Haͤnde— 
druck, ein Blick, ein verſtaͤndnisvolles Aufhorchen, eine pikante Bewegung — kurz 
alle die früher geſchilderten Mittel der Kofetterie oder des Flirts, jene taufend 
Dinge, die oft nur ein einziger gewahrt, oder deren Sinn und Bedeutung nur ein 
einziger begreifen kann, ſind Zahlungsverpflichtungen oder auch ſchon Abſchlagszahlungen. 
Aber im Weſen iſt es uͤberall ganz dasſelbe, ob auch die Formen tauſendfaͤltig 
ſind. Ob die ſtreunende Dirne zyniſch und kurzangebunden eine beſtimmte Geld— 
ſumme nennt, fuͤr die ſie gewillt iſt, die Begleitung eines Mannes anzunehmen, den 


397 


fie eben in dieſem Augenblick zum erſtenmal in ihrem Leben geſehen hat, oder ob 
die „hoͤhere Tochter“ ſich erſt dann zur gluͤcklichen Braut avancieren laͤßt, wenn es 
unzweifelhaft feſtſteht, daß die Karriere ihres Bewerbers vorteilhafte Chancen bietet: 
es iſt in beiden Faͤllen ein Handelsgeſchaͤft, es iſt in beiden Faͤllen — Proſtitution. 

Dieſe Tatſache weiter zu begruͤnden iſt uͤberfluͤſſig, denn dies iſt das ab— 
gedroſchenſte Thema der geſamten Moralgeſchichte, und die Akten uͤber dieſe Frage 
find laͤngſt geſchloſſen. Man kann daher vor dieſen peinlichen Konſequenzen, wie 
vor jeder unbequemen Sache, hoͤchſtens die Augen ſchließen oder uͤber ſie hinweg— 
ſehen, aus der Welt ſchaffen aber kann man ſie nicht. Und darum bleibt auch die 
Konſequenz daraus beſtehen, die fatale und empörende Ironie dieſes Zuſtandes: 
Keinen ſchoͤneren, keinen wunderſameren, keinen ſtolzeren Dienſt ſollte es geben, als 
den bei Frau Venus, in Wahrheit aber gibt es keinen elenderen als dieſen, keinen 
ſchmutzigeren, keinen, der fo ſehr der Inbegriff alles Gemeinen wäre, alles deſſen, 
was das Menſchentum erniedrigt. 

Demgegenuͤber gibt es leider nur einen Troſt, freilich einen ſehr bittern: die 
Proſtitution in ihren tauſenderlei Formen iſt gemaͤß der Baſis, auf der ſich unſere 
Kultur aufbaut, ein unvermeidliches Fatum unſerer geſamten Ziviliſation, das Fatum, 
dem zu entrinnen jede Frau mindeſtens ebenſoviel Gluͤck wie Charakter braucht. 


Das vorliegende Kapitel ſoll ſich ausſchließlich mit der unverhuͤllten Form der 
weiblichen Proſtitution beſchaͤftigen, mit dem oͤffentlichen Detailverkauf von Wolluſt. 
Die verſchleierten Formen, z. B. die Frau, die den Genuß ihrer Reize fuͤr eine 
lebenslaͤngliche Rente verkauft, alſo die Proſtitution in den verſchiedenen Formen 
der Vernunftehe, weiter die Frau, die mit der Bewilligung einer Schaͤferſtunde ſich 
oder dem Gatten die Erleichterung der Karriere einhandelt — dieſe Formen ſind 
teils ſchon in fruͤheren Kapiteln beſprochen und durch ſatiriſche Dokumente belegt 
worden, teils wird von ihnen noch in den folgenden Kapiteln die Rede ſein. — 

Der unverſchleierte Verkauf des Koͤrpers als Werkzeug rein phyſiſcher Wolluſt 
galt zu allen Zeiten als das veraͤchtlichſte Laſter, dem eine Frau obliegen kann, aber 
faſt alle Zeiten haben dieſes Laſter nicht nur geduldet, ſondern auch ſanktioniert 
und ſelbſt „wiſſenſchaftlich“ gerechtfertigt, wenn ſie auch gleichzeitig die Frauen 
verabſcheut haben, die ſich zu Prieſterinnen dieſes Laſters hergaben. Woher dieſe 
Unlogik im Gebaren? Iſt es die allumfaſſende Menſchenliebe, die alles verzeiht, 
die dieſe Unlogik geboren hat? Nein, nichts weniger als das, es iſt nur der Aus— 
weg aus einem Dilemma: Es iſt die Logik der unvermeidlichen Tatſachen, die aus 
der Inſtitution der auf dem Privateigentum aufgebauten Einehe entſprangen, und 
die die Wirkung der offiziell aufgeſtellten Moralgrundſaͤtze ununterbrochen illuſoriſch 


398 


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Die Bauern im Frauenhauſe 


Vlaͤmiſche Karikatur 


Hubertus. 


A. 


363. 


machten. Wenn man die letzten Urſachen dieſes permanenten Mißerfolges, die Un— 
vollkommenheit der Baſis, die zu einer nicht ausſchaltbaren Fehlerquelle fuͤr alle 
Entwicklungsſtadien wurde, auch nicht begriff, ſo ſpiegelten ſich vor dem geiſtigen 
Geſichtsfeld aller Zeiten doch ſehr klar die Wirkungen ab. Dieſe Wirkungen be— 
ſtanden in der Tatſache, daß ſich die Sinne und Begierden durch alle Moralgrund— 
ſaͤtze nicht baͤndigen und zur konſequenten Einhaltung der Forderungen der Monogamie 
nicht zwingen ließen. Daraus ergab ſich aber eine ſehr wichtige Erkenntnis — die 
wichtigſte —, daß durch die ungehemmte Sinnlichkeit die Legitimitaͤt der Kinder un— 
unterbrochen in Gefahr war. Da aber die Legitimitaͤt der Kinder, wie ſchon an 
anderer Stelle dargelegt worden iſt, doch der bewußte Zweck der Ehe war, ſo galt 
es, dieſe unbedingt gegen die ihr drohenden Gefahren zu ſchützen. Dieſer Schutz 
wurde denn auch entſprechend dem gegenſeitigen Verhaͤltnis der beiden Geſchlechter 
zueinander vorgenommen. Der Frau als der Sklavin wurde, wie ebenfalls ſchon 
an anderer Stelle ausgefuͤhrt worden iſt, die Innehaltung der Geſetze der Keuſchheit 
vor der Ehe und der unbedingten Treue in der Ehe durch die Androhung und Ver— 
haͤngung der drakoniſchſten Strafen fuͤr jeden Frevel gegen dieſe Geſetze kategoriſch 
aufgezwungen. Dem Manne 
dagegen eroͤffnete man den be— 
quemen Ausweg, ihm geſtattete 
man die beliebige außereheliche 
Befriedigung ſeiner ſinnlichen 
Begierden auf dem Wege der 
Proſtitution, die man in lo— 
giſcher Konſequenz zyniſch als 
„notwendiges Übel“ ſanktio— 
nierte. Damit war die Formel 
gefunden, aus dem Dilemma 
herauszukommen: das Palladium 
des ſittlichen Staates, die Ehe 
zu ſchützen und dabei doch dem 
Manne, als dem Herrn und 
Gebieter, die Moͤglichkeit zu 
geben, den niedrigſten Begier— 
den zu froͤnen. Dieſes kraſſe, 
vom Herrenſtandpunkt diktierte 
Geſetz iſt, wie die Sitten— 
8 ä geſchichte aller Zeiten beweiſt, 
d ons der ziviliſierten Menſchheit 
364. Goͤz. Augsburger Karikatur. 1755 foͤrmlich in Fleiſch und Blut 


400 


Franzoͤſiſche Karikatur 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Albert Langen, München 


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ROSS 


1780 


P. A. Wille. 


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What you will — Ce que vous plaira 
365. J. R. Smith. Engliſcher fatirifcher Kupfer. 1791 


uͤbergegangen und wird erſt in der neueſten Zeit mit prinzipiellen Gründen ange— 
zweifelt. 

Als das beſte Mittel, die Jungfrauen und Ehefrauen vor Schaͤndung und 
Verfuͤhrung ſicher zu ſtellen und darum als ein geradezu unentbehrlicher Schutz fuͤr 
die Ehe wurde die Proſtitution offen zu allen Zeiten erklaͤrt. Schon der biedere 
Solon wurde oͤffentlich deswegen geprieſen, weil er Frauenhaͤuſer in Athen einfuͤhrte 
und eifrig fuͤr ſchoͤne Inſaſſinnen beſorgt war: 


„Solon, ſei geprieſen! Denn du kaufteſt oͤffentliche Frauen fuͤr das Heil der Stadt, der 
51 
401 


Sitten einer Stadt, die erfüllt iſt von kraͤftigen, jungen Männern, welche ſich ohne deine weiſe 
Einrichtung den ſtoͤrenden Verfolgungen der beſſeren Frauenklaſſen uͤberlaſſen haͤtten.“ 

Im Mittelalter, ebenſo im 15. und 16. Jahrhundert wurde die Schutzwirkung 
der Proſtitution gerade ſo deutlich ausgeſprochen. Die Frauenhaͤuſer wurden uͤberall 
als eine fuͤr das ſtaͤdtiſche Leben notwendige Einrichtung angeſehen und ihre Ein— 
richtung oder Duldung ausdruͤcklich damit begruͤndet. Die „ordnung der gemeinen 
weiber in den frauenhaͤuſern“, die der Nuͤrnberger Rat 1470 erließ, beginnt z. B. 
mit folgenden Worten: 

„Wiewol ein ehrbarer Rat dieſer Stadt nach ihrem loͤblichen Herkommen mehr geneigt iſt 
und auch ſein ſoll, Ehrbarkeit und gute Sitten zu mehren und zu haͤufen, denn Suͤnde und ſtraͤflich 
Weſen bei ihnen zu verhaͤngen, nachdem jedoch zur Vermeidung mehreren Übels in der Chriſtenheit 
gemeine Weiber von der heiligen Kirche geduldet werden uſw. 

Solcher Begruͤndungen gibt es noch Dutzende, uͤberall heißt es: „damit deſto 
weniger Schaͤndens und Ehebruchs geſchaͤhe.“ Die Folge dieſer Auffaſſung war, 
daß ſelbſt die kleinſten Staͤdtchen in jenen Jahrhunderten Frauenhaͤuſer beſaßen. 
Mit derſelben Begruͤndung wehrte ſich auch der ehrbare Buͤrgersmann, wenn z. B. 
weniger duldſame Diener der Kirche die Aufhebung der Frauenhaͤuſer verlangten 
und die ſtaͤdtiſche Obrigkeit gewillt war, dieſer Forderung nachzugeben. In Baſel 
widerſetzte ſich zur Zeit der Reformation der gemeine Mann der Abſchaffung der 
Frauenhaͤuſer mit der Begruͤndung: „weil durch das Beſtehen derſelben Ehebruch 


Desrais. Die Gefahren des Serail. Franzoͤſiſche Karikatur. 1797 


402 


367. Der moderne Paris. Franzoͤſiſche Karikatur. 1799 


und andere Suͤnden vermieden wuͤrden, und weil man ohne ſie keine Frau oder 
Tochter werde fromm erhalten koͤnnen.“ Man ſieht an dieſem Proteſt uͤbrigens, daß 
die ehrbaren Basler Buͤrger bei ihren wohledeln Gattinnen und Toͤchtern die Freude 
an der Keuſchheit und an der ehelichen Treue ebenſo niedrig einſchaͤtzten, wie ſie 
deren Bereitwilligkeit, ſich von Freunden und Geſellen verfuͤhren zu laſſen, hoch ein— 
ſchaͤtzten. In Nürnberg widerrieten zwei Rechtsgelehrte die Abſchaffung der Frauen: 
haͤuſer mit der Begruͤndung, daß „nicht jeder an den Himmel halten koͤnne, und 
weil durch die Abſchaffung ehrliche Toͤchter in Gefahr wuͤrden gebracht werden.“ 
Wenn trotzdem in der zweiten Haͤlfte des 16. Jahrhunderts die Frauenhaͤuſer 
in den meiſten Städten aufgehoben wurden, ſo geſchah dies durchaus nicht infolge 
der ſittlichen Regeneration durch die Reformation, wie die Geſchichte fabrizierenden 
Biedermeier jahrhundertelang doziert haben, ſondern aus derſelben Urſache, die 
auch den oͤffentlichen Badehaͤuſern, den damaligen Mittelpunkten des geſellſchaftlichen 
Lebens, ſo raſch und ſo gruͤndlich den Garaus machte. Dieſe Urſache war einzig 
und allein die Syphilis, die als grauſiger Begleiter der Entdecker Amerikas in 
Europa gelandet war und mit der furchtbaren Wut, die allen anſteckenden Krank— 
heiten eigen iſt, ſolange die Menſchen nicht von ihnen immuniſiert ſind, ihren 
Siegeszug durch ganz Europa hielt. Die Furcht vor Anſteckung und nicht die höhere 
Moral ſchloß die Tuͤren der Frauenhaͤuſer und der öffentlichen Badehaͤuſer, denn in 
ihnen hatte ſie ſofort ihre hauptſaͤchlichſten Verbreitungsherde gefunden. „Wer einen 


. 


403 


Fuß in ein Frauenhaus fest, der hat den andern auch fchon im Spital“ — ſo 
lautete ein landlaͤufiges Sprichwort aus dem 16. Jahrhundert, denn dieſe Wahrheit 
lehrte uͤberall ſofort die grauſige Erfahrung. 

Als die Zeit der größten Schrecken voruͤber war, da kroch die Proſtitution 
alsbald wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor, ſammelte ſich von neuem in den 
Maſſenquartieren, und man duldete und rechtfertigte ſie bis zum heutigen Tage mit 
ganz derſelben Begruͤndung. Wohlgemerkt: bis zum heutigen Tage und mit buch— 
ſtaͤblich derſelben Begruͤndung: „Die Proſtitution iſt nicht bloß ein zu duldendes, 
ſondern ein notwendiges uͤbel, denn ſie ſchuͤtzt die Weiber vor Untreue und die 
Tugend vor Angriffen und ſomit vor dem Falle“ — ſo heißt es z. B. in dem Buche 
des Leipziger Polizeiarztes Dr. J. Kuͤhn „Die Proſtitution im 19. Jahrhundert vom 
ſanitaͤtspolizeilichen Standpunkt“. Dieſer einzelne Beweis koͤnnte leicht aus der 
Literatur eines jeden Landes verdutzendfacht werden. — 

Fuͤr die ſittengeſchichtliche Beurteilung der Proſtitution iſt vor allem die ge— 
ſellſchaftliche Stellung maßgebend, die die offiziellen Prieſterinnen der Venus jeweils 
im Rahmen des oͤffentlichen Lebens geſpielt haben. 

In früheren Zeiten, z. B. im 18. und 16. Jahrhundert, galt, wie ſchon geſagt, 
das Gewerbe der Proſtitution nicht weniger fuͤr das laſterhafteſte und ſchmaͤhlichſte, 
als dies heute der Fall if. Das beweiſt ſchon die rechtliche Stellung der Huͤbſcher— 
innen, wie man u. a. die Proſtituierten in Deutſchland nannte. Jede war, wenn 
man ſo ſagen will, als Auswurf der Menſchheit gekennzeichnet, und zwar dermaßen 
auffaͤllig, daß der Unkundigſte von vornherein wußte, mit wem er es zu tun hatte: 
Sie galten als unehrlich, darum mußten ſie in faſt allen Staͤdten beſtimmte 
Abzeichen an der Kleidung tragen, gewiſſe Kleidungsſtuͤcke waren ihnen verboten, 
ihre Wohnung war ihnen vorgeſchrieben, niemals ſollten ſie in der Nähe der 
Kirche wohnen, nur zu beſtimmten Stunden durften ſie ſich auf der Straße blicken 
laſſen, in der Kirche waren ihnen beſtimmte Plaͤtze angewieſen, ihr Zeugnis galt 
nicht als voll und glaubwuͤrdig, zu ihrer Beaufſichtigung waren ſie einem ſogenannten 
Frauenknecht unterſtellt, der gewöhnlich ein Gehilfe des Henkers war und darum 
ebenfalls fuͤr unehrlich galt; ihr Leichnam wurde nicht in geweihter Erde begraben, 
ſondern zumeiſt auf dem Schindanger uſw. uſw. Nun iſt eins aber ſehr intereſſant 
feſtzuſtellen: dies alles hinderte nicht im geringſten, daß die Huͤbſcherinnen bis tief 
in das 16. Jahrhundert hinein eine geradezu vorherrſchende Rolle im geſellſchaftlichen 
Leben geſpielt haben, und zwar gilt dies von allen Laͤndern, von Deutſchland ſo 
gut wie von Italien, Frankreich, England uſw. Die Huͤbſcherinnen bildeten nicht 
bloß ein unvermeidliches Anhaͤngſel, ſondern gar häufig einen der offiziellen Mittel- 
punkte bei oͤffentlichen Feſten und Volksbeluſtigungen. Bei dieſer Feſtſtellung darf 
man nicht uͤberſehen, daß damals auch faſt alle privaten Feſte gewiſſermaßen einen 
öffentlichen Charakter getragen haben. Es macht gar keine Schwierigkeit, dieſe 


404 


Royal. 


Charles Bernet. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Unehrlichkeit der Dirnen. 1795 


1 


LES CROYABLES 


Actiſs du Palais ci-dev. 


368 


eigenartige Stellung der 
Huͤbſcherinnen im geſellſchaft— 

. 5 er SR lichen Leben durch zahlreiche, 
. 5 | unwiderlegliche Dokumente 
e en eee, I iu belegen. Für unſere 
. Zwecke genuͤgen ſchon wenige 
Zuͤge. Wenn ein fuͤrſtlicher 
Gaſt einer Stadt nahte, 
wurden ihm die ſchönſten 
unter den Inſaſſinnen des 
Frauenhauſes mit Blumen— 
ſtraͤußen zur Begruͤßung ent— 
gegengeſandt, bisweilen ſo— 
gar voͤllig nackt, wie wir 
aus der Schilderung Duͤrers 
vom Einzug Karls V. in 
Antwerpen wiſſen. Die 
Huͤbſcherinnen bekamen nicht 
ſelten bei bevorſtehenden 
fuͤrſtlichen Beſuchen auf 
Gavarni. Illuſtrierte Anzeigen Koſten der Stadt neue koſt— 

bare Kleider geliefert, ſo 

z. B. 1435 in Wien zu Ehren des Beſuches Kaiſer Siegismunds. Den fuͤrſtlichen 
Beſuchern und ihrem Gefolge ſtellte man den koſtenloſen Beſuch des Frauen— 
hauſes für die ganze Zeit ihrer Anweſenheit zur Verfuͤgung, des Abends wur— 
den die Straßen, die zum Frauengaͤßchen führten, ebenfalls auf Koſten der Stadt 
beleuchtet. Bei öffentlichen Schmauſereien, die die Stadt gab, wurden die geluͤſtigen 
Fraͤulein zu Gaſte geladen, ebenſo zu den Taͤnzen. Dieſe Stellung der Huͤbſcherinnen 
im geſellſchaftlichen Leben iſt bis jetzt nur ſehr ſelten in ihrem ganzen Umfang ge— 
wuͤrdigt worden, und doch charakteriſiert gerade ſie die Vergangenheit und unter— 
ſcheidet dieſe von der Gegenwart. Sie entſprang der Derbheit der Zeit, bei der 
die weibliche Ehre beſtaͤndig in Gefahr war, beſonders bei Anweſenheit von fremdem 
Volk, ſei es bei Meſſen und Maͤrkten, ſei es wenn Fuͤrſten mit ihrem reichen Gefolge 
in den Mauern einer Stadt weilten. Stand darum ein ſolcher Beſuch einer Stadt 
bevor, ſo war es, wie heute noch aus verſchiedenen alten Ratsprotokollen nachzu— 
weiſen iſt, nicht ſelten, daß der Rat die Warnung ergehen ließ, daß in dieſen Zeiten 
ſich keine ehrbare Frau, Jungfrau oder Magd ſelbſt tagsuͤber auf der Straße blicken 
laſſen ſolle, es ſei denn umgeben von einem ausreichenden maͤnnlichen Schutz. Darum 
nahmen die Buͤrgerfrauen meiſtens auch nur von den Fenſtern aus an den Feſtlich— 


406 


c 


—— — 


1 . 
REN: eee, 


370. Henri Monnier. 1832 


keiten, den Aufzuͤgen uſw. teil. Da man aber beim Tafeln und draußen auf der 
Feſtwieſe des weiblichen Elementes doch nicht entbehren wollte, ſo zogen die ehr— 
baren Gaͤſte und Geſellen an Stelle der vorſichtigerweiſe ins Haus gebannten Buͤrger— 
frauen und-Toͤchter jene Frauen an ihre Seite, die es den fremden Geſellen zur Ehre 
anrechneten, wenn ſie ihre Tugend ſo wenig wie moͤglich ſchonten, und das waren 
eben die oͤffentlichen und geheimen Dirnen. 

Im 17. und 18. Jahrhundert, als die Proſtitution in den Großſtaͤdten immer 
mehr an Maſſenhaftigkeit zunahm, bildeten die Sammelpunkte der Proſtitution, die 
öffentlichen Liebesmaͤrkte, der Korſo der Venusprieſterinnen, die Hauptanziehungskraft 
zahlreicher Staͤdte. An dieſen Orten kulminierte das geſamte oͤffentliche Leben, dort 
traf ſich alle Welt, um ſie gruppierten ſich Theater und Volksbeluſtigungen aller Art, 
ihnen galt der erſte Beſuch der Fremden. Fuͤr das 18. Jahrhundert ſei fuͤr Paris 
das Palais Royal und das Tivoli, fuͤr London Vaux Hall, fuͤr Berlin der be— 
ruͤhmte Liebestempel der Madame Schuwitz genannt. Wer nicht im Palais Royal 
geweſen war, hatte Paris gar nicht geſehen, wer es in London verſaͤumte, Vaux Hall 
aufzuſuchen, kannte das Vergnuͤgen nicht. Berlin aufzuſuchen war nur der Muͤhe 
wert, wenn man dem Salon der Madame Schuwitz einen Beſuch abſtattete — ſo 


407 


urteilten die Zeitgenoſſen. Und fie erklärten weiter: man ftreiche dieſe Orte; was 
bliebe dann? Nichts! In der 1789 erſchienenen und damals uͤberaus ſtark ver— 
breiteten „Standrede am Grabe der Madame Schuwitz“ heißt es: 

„Waͤre nicht ihr Tempel und das Carneval in Berlin, was wuͤrde den ſtolzen Britten, den 
lebhaften Franzoſen, den wolluͤſtigen Italiener, den feurigen Schweden, den genußliebenden Pohlen 
— an dieſe Sandſchollen und Steinklumpen feſſeln?“ 

Als mit dem Tode dieſer beruͤhmten Kuppelmutter, der die hoͤchſten kirchlichen 
und weltlichen Wuͤrdentraͤger jahrzehntelang jeden Abend dankbar und verehrungs— 
voll die Hand gedruͤckt hatten, der Salon der Madame Schuwitz einging, da herrſchte 
allgemeine Trauer in Trojas Hallen, und die einzige Erheiterung Berlins bot hin— 
fort nur noch die Erinnerung an dieſe ſchoͤnen Zeiten: 

„Sag' es, dankbares Berlin, ſagt es, muntre Juͤnglinge, bezeugt es, dreißigjaͤhrige Greiſe, 
ihr jungen Philoſophen, und ihr alten Elegants bekraͤftigt es: — Sie war, naͤchſt der Komoͤdie, 
das Univerſalheilmittel, die essentia miraculosa coronata gegen euren Erbfeind: die Langeweile. 
Was war't ihr ohne ſie? Wenn die Glocke halb zehn ſchlug, wie ſchwebte Bleyern Gott Morpheus 


A quoi sert un Kings-Charles de einquante écus, — A abimer une robe de deux cents francs. 


371. E. de Beaumont. 1840 


408 


LES P. 
Franzoͤſiſche Rarikat 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


EN 
x 

Sp, 2 
— 


ABLES. 


Carle Vernet. 1795 


Albert Langen Muͤnchen 


um die Tiſche bey Weichleben, 
Eigenſatz und Thurm. Wie 
ſchlaͤfrig ließ der goldne Adler 
ſeine ſchweren Fluͤgel auf eure 
leichten Gehirne ſinken, wie matt 
leuchteten die Strahlen des gol⸗ 
denen Sterns. Selbſt die 
kraͤftigen Zoten, mit welchen 
der Haus⸗Adler des brittiſchen 
Herzogs die keuſchen Ohren der 
männlichen Berliner Jugend er- 
goͤtzt, wurden ſo eckelhaft als die 
garſtige Beſtie ſelbſt! Gab aber 
ein witziger Regiſtrator den Ton 
an, von der Seeligen zu ſprechen, 
wie huͤpften brandenburgiſche 
Grazien und Amoretten um den 
Zief e! 


Im 17. und 18. Jahr- 
hundert war die Prieſterin 
der kaͤuflichen Liebe aͤhnlich 


wie im Altertum auch das — Madame, autrefois, c’6tait Louison . .. quand, moi, j’etais Madame. 


Vorbild fuͤr den guten Ton 372. Gavarni. Les lorettes vieillies 

und alles deſſen, was Ge— 

ſchmack heißt. Die ehrbarſten Muͤtter muͤhten ſich z. B. darum, ihren Toͤchtern 
Zutritt in den Salon der beruͤhmten Liebes- und Lebenskuͤnſtlerin Ninon de Lenclos 
zu verſchaffen, damit ſie dort Lebensart lernten. 

Vom 19. Jahrhundert gilt bis weit in die zweite Haͤlfte hinein fuͤr die 
ſogenannte vornehme Geſellſchaft aͤhnliches, vor allem in der Zeit des zweiten Kaiſer— 
reichs und in Paris. Hier war wieder die Kokotte auf allen Gebieten tonangebend 
und bildete den ſtrahlenden Mittelpunkt des öffentlichen geſellſchaftlichen Lebens. 
Es genuͤgt, die Namen der grandes Cocottes dieſer Epoche zu nennen, und man hat 
damit die ſtrahlendſten Sterne am Himmel des geſellſchaftlichen Lebens fixiert: 
Cora Pearl, Graͤfin Caſtigliani, Marguerite Bellangé, Giulia Barucci, Judith 
Fereira, Hortenſe Schneider uſw. Die Sammelpunkte der Pariſer Kokotterie, ihr 
Korſo: Bal mabille und Closerie de Bilas ſind foͤrmlich die Stichworte fuͤr dieſe 
ganze Epoche. Sie waren im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ebenſo das 
Mekka der Paris beſuchenden Fremden, wie es ein halbes Jahrhundert zuvor das 
Palais Royal geweſen war. 

Heute iſt die Proſtitution im oͤffentlichen geſellſchaftlichen Leben zweifellos 


entthront, man holt ſich bei ihr nicht mehr die Anweiſungen fuͤr den guten Ton 
52 
409 


und huldigt ihr nicht mehr wie einer Goͤttin, in deren Dienſt zu ſtehen fuͤr eine 
Ehre gilt, deren man ſich rühmen kann. Solche ſtrahlende Zentren der Proſtitution, 
die zugleich die Mittelpunkte des allgemeinen oͤffentlichen Lebens ſind, wie einſt Vaux 
Hall, das Palais Royal und zahlreiche andere waren, gibt es heute in keinem 
einzigen Lande mehr. Gewiß, die Laſterpromenaden der Großſtaͤdte ſind immer noch 
die Hauptanziehungspunkte fuͤr Fremde und Muͤßiggaͤnger. Aber ſelbſt die Phy— 
ſiognomie dieſer Straßen iſt heute ungleich geſitteter als vor dreißig, ja ſelbſt vor 
zwanzig und zehn Jahren, und der Unterſchied iſt ganz augenfaͤllig. 


* . *. 
. 


Solange man ſich uͤber die ſozialen Urſachen der Proſtitution nicht klar iſt, 
herrſcht natürlich auch die Anſchauung, daß einzig und allein der Stachel der Wolluſt, 
die perſoͤnliche Geilheit, der die Potenz des einzelnen Mannes nicht genuͤgen kann, 
die Genußſucht, die Arbeitsunluſt und das ſuͤndhafte Verlangen nach muͤheloſem 
Gelderwerb und aͤhnliche Laſter es ſeien, die beſtimmte Frauen den Weg ins 
Dirnengaͤßchen finden laſſen. D. h. es iſt immer perſönliche Schuld jeder einzelnen, 
an ihrem Willen allein liegt es, wenn fie ein ſolches Leben einem tugendhaften vorzieht. 

Von dieſer Anſchauung iſt 
die geſamte fruͤhere Satire 
auf die Proſtitution und ihre 
Prieſterinnen getragen. Die 
Dirnen ſind ſtets die perſoͤn— 
lich Angeklagten, und ſie ſind 
es auch, die ſich ſtets im 
Anklagezuſtande befinden. 
Nicht die wolluſtbegehrenden 
Maͤnner ſind die Suͤnder 
oder wenigſtens die Mitver— 
antwortlichen, ſondern die 
die Wolluſt der Maͤnner 
befriedigenden Frauen tragen 
alle Schuld allein. Sie ſind 
obendrein die Verfuͤhrer der 
Maͤnner, deren Beſtreben 
darauf hinausgeht, ſelbſt den 
Widerſtrebenden vom Pfade 
der Tugend abzubringen. 
Ein Beleg aus fruͤherer Zeit 
373. Gavarni. Sie und ihr Freund fuͤr dieſe Auffaſſung iſt z. B. 


410 


Dit... 


374. Honoré Daumier 


das Bild 361 vom Meiſter mit den Bandrollen. Der widerſtrebende Mann wird von 
der einen am Rock feſtgehalten, waͤhrend die zweite ihn durch die luͤſterne Praͤſentation 
ihres ſchoͤnen Buſens zu kirren ſucht. Ein Beleg fuͤr denſelben Gedanken aus dem 
18. Jahrhundert iſt der delikate hollaͤndiſche Farbſtich „Am Auslug“ von Coclers (ſiehe 
Beilage). Die echte Dirne verfuͤhrt ſelbſt die Engel im Himmel. Hofmannswaldau 
ſetzt in feinen poetifchen Grabſchriften Maria Magdalena die folgende Grabſchrift: 


Hie ruht das ſchoͤne Haupt, hie ruht die ſchoͤne Schoß, 
Auß der die Lieblichkeit mit reichen Stroͤmen floß. 
Nachdem diß zarte Weib verließ den Huren-Orden, 
So ſind die Engel ſelbſt derſelben Buler worden. 


52* 


411 


Den Gedanken, daß 
die Genußſucht und das 
arbeitsloſe Leben zum 
ſchamloſen Dirnenberuf 
verfuͤhre, reflektiert der 
Holzſchnitt „Die Soldaten— 
hur“. Nach dem beigefüg— 
ten Text erklaͤrt die Sol— 
datendirne: „Wenn nicht 
waͤr das Freſſen und 
Saufen, Da wollt ich dir 
nicht lang nachlaufen.“ 
(Bild 362). 

Die naͤchſte Konſe— 
quenz dieſer Anſchauung iſt, 
daß man vor allem und 
in breiteſter Weiſe die Ge— 
fahren ſchilderte, die dem 
Manne im Frauenhauſe 
drohen. Die oberſte Gefahr 

375. Morlon. Eine Rofotte iſt: jeder Beſucher wird 

betrogen und beſtohlen, denn 

als dem Auswurf der Menſchheit eignen den Dirnen alle Laſter, die es gibt. Die 

Dummheit des Mannes, ſeine Gutmuͤtigkeit und ſeine ausgelaſſene Laune werden 

gleichermaßen mißbraucht. Eine klaſſiſche Karikatur in dieſer Hinſicht iſt der hollaͤndiſche 

Kupfer: „Die Bauern im Frauenhaus“. In ihrer Brunſt ſehen und hoͤren die 

dummen Bauern nichts, ſie ſind völlig blind und taub vor ſinnlicher Gier. Die 

Dirnen kennen das und ſie benuͤtzen darum auch die Gelegenheit, indem ſie den 

dummen Troͤpfen Taſchen und Koͤrbe aufs gruͤndlichſte leeren; das letzte Ei und 
der letzte Kreuzer werden beiſeite geſchafft. (Bild 363.) 

Dieſe ſaͤmtlichen Bilder ſind zweifellos durchaus richtig, es ſind keine Phan— 
taſieprodukte, ſondern zutreffende Schilderungen nach dem Leben, und ſie kehren darum 
zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag ſtetig wieder. Karikaturiſtiſche Belege 
aus dem 19. Jahrhundert fuͤr die Dirne als Verfuͤhrerin ſind z. B. das duͤſtere 
hollaͤndiſche Blatt „Die Nacht“ und das franzoͤſiſche Sittenbild „Auf der Jagd“ 
von Konftantin Guys. Das Blatt „Die Nacht“ zeigt, wie die Verführung auf den 
Mann lauert, wie ſie ihm lockend den Weg vertritt. In der ſatiriſchen uͤbertragung 
iſt es der ſichere Tod, der hier jedem Manne droht, der ſich verfuͤhren laͤßt (ſiehe 
Beilage). Wer uͤbrigens an der Richtigkeit dieſes Bildes zweifelt, der kann ſeine 


412 


Zweifel korrigieren, indem er in Hamburg einen einzigen Gang durch die Schwieger— 
gaſſe, die Klefekergaſſe oder die Ulricusgaſſe macht: er wird finden, daß dies 
nicht nur ein Bild von ehedem, ſondern ſelbſt fuͤr Deutſchland auch noch eines von 
geſtern und heute iſt. Und wenn er dann weiter noch den Mut hat, auch noch 
einen Gang durch die entſprechenden Quartiere von Hamburgs Vorſtadt St. Pauli 
zu machen, wo auf jedem Schritt ein halb Dutzend und mehr Haͤnde verſuchen, ihn 
mit aller Gewalt und durch alle moͤgliche Liſt in ein Haus zu ziehen, dann wird er, 
ſofern er offene Augen hat, auch gewahren, daß es tatſaͤchlich der leibhaftige Tod 
iſt, der ihm am Rock und Armel zerrt und ihm den Hut vom Kopfe reißt, um ihn 
in ein Haus zu locken. Das kokette Blatt „Auf der Jagd“ von Guys, der ſich keck 
zu den Bahnbrechern des modernen Impreſſionismus rechnen darf und der fuͤr die 
moderne Kunſtentwicklung ſicher viel mehr bedeutet als z. B. der viel beruͤhmtere 
Gavarni, fuͤhrt ins bonapartiſtiſche Paris. Scharfaͤugig wie zwei Raubvoͤgel lugen 
die beiden Dirnen nach einem Opfer, das ihren Verfuͤhrungskuͤnſten Ausſichten auf 
Erfolg bietet. Jeder Großſtaͤdter weiß, daß auch dies Bild aus der Phyſiognomie 
unſerer Gegenwart noch nicht verſchwunden iſt. Ebenſo ſtereotyp wie die Dirne als 
Verfuͤhrerin kehrt das Bild der diebiſchen Dirne in der Karikatur wieder. Es ge— 
nuͤgt, auf die Bilder von Vernet und von Desrais zu verweiſen, die die Diebes— 


376. Conſtantin Guys. Schlechte Zeiten. Um 1865 


413 


praftifen der Goͤttinnen des Palais Royal und die der Bordelle unter dem Direkto— 
rium charakteriſieren (Bild 366 und 368). In der modernen Karikatur ſpielen dieſe 
Motive eine mindeſtens ebenſo große Rolle, und es ließen ſich darum aus ihr mit 
Leichtigkeit zahlreiche Belege beibringen. Es genügt, auf das delizioͤs kokette Mont— 
martrebildchen von Willette hinzuweiſen: „Du ſuchſt Montmartre⸗Apfel? Schau, 
ſchoͤnere findeſt du ſicher nicht!“ Die kokette Radlerin, die im Hauptberuf mit Liebe 
handelt, geniert ſich nicht, den Beweis fuͤr ihre Behauptung auf die einfachſte und 
uͤberzeugendſte Weiſe zu fuͤhren. Eine Anklage gegen die Dirne als Verfuͤhrerin iſt 
dies freilich nicht, ſondern ein Hohn auf den albernen Provinzler, dem ſich der 
Himmel auftun kann und der doch nicht einzutreten wagt, weil er ein hohes Entree 
fuͤrchtet; vor allem iſt es aber ein ausgelaſſener, ſkrupelloſer Montmartreſcherz, den 
man nur wagen darf, wenn man Adolf Willette heißt (Bild 380). 

Aus alledem folgt dieſes: Nicht in dem, was ſie ſchildern, beruht die Bedeutung 
der Blaͤtter „Im Badehaus“, „Die Landsknechtshur“, „Die Bauern im Frauenhaus“ 
(Bild 361—363) für die Charakteriſtik ihrer Zeit; es find keine Züge, die ſpeziell 
der Proſtitution des 15., 16. und 17. Jahrhunderts eigentuͤmlich geweſen wären. Und 
doch ſind dieſe Blaͤtter charakteriſtiſch fuͤr die Zeit ihres Entſtehens. Ihre Bedeutung 
beruht darin, daß man damals eben nur dieſe drei relativ nebenſaͤchlichen Seiten an 
der Proſtitution gewahrte, ſie zum mindeſten als die fuͤr die Darſtellung wichtigſten 
anſah. Unter dieſem Geſichtswinkel ſind die genannten Blaͤtter tatſaͤchlich bemerkens— 
werte Zeugniſſe der poſitiven ſozialen Blindheit dieſer Zeiten. 

Im 18. Jahrhundert wurde das Repertoire in der Darſtellung der Venus— 
prieſterinnen weſentlich anders, nicht etwa infolge der tieferen Einſicht in das Weſen 
und die Untergruͤnde der Proſtitution, ſondern einzig infolge der in dieſem Zeitalter 
ſich vollziehenden Umwertung der Dirne zum hauptſaͤchlichſten Objekt eines eigenen 
Kultus. Es kam ein einziger neuer Ton hinzu; daß aber dieſer eine Ton tauſend— 
fach zerlegt und zu einem ganzen Hymnus geſteigert wurde, das iſt im Weſen eines 
jeden Kultus begruͤndet. Ganz natuͤrlich iſt auch, daß dieſe Zeiten, die die Proſti— 
tution zum ſtrahlenden Mittelpunkte des geſellſchaftlichen Lebens machten, die die 
Grande Cocotte auf den Thron ſetzten und ſich huldigend vor ihr verneigten, — daß 
ſie dieſen Kultus vor allem in der populaͤren Kunſt in der verſchwenderiſchſten Weiſe 
zum Ausdruck brachten. In der Tat kann man kaum an etwas ſo deutlich den 
Umfang des Kultus, der im 18. Jahrhundert mit der Dirne getrieben wurde, er— 
kennen wie an den ſatiriſchen Sittenbildern jeder Zeit, von denen jedes einzelne trotz 
ſeines ſatiriſchen Charakters tatſaͤchlich nichts anderes iſt als eine Huldigung vor 
der kaͤuflichen Liebe. Hier mag gleich hinzugefuͤgt werden, daß dasſelbe auch von 
allen gleichartigen Zeiten gilt, alſo z. B. von der Zeit des zweiten franzoͤſiſchen 
Kaiſerreichs, was auch ganz logiſch iſt. Schon wenige Proben belegen den ſchwel— 
geriſchen Kultus der Dirne in dieſen Zeiten ganz charakteriſtiſch. In erſter Linie 


414 


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377. 


fei auf das englifche Blatt What you will von J. R. Smith hingewieſen. Dieſem 
Blatte kommt der Ruhm zu, der hervorragendſte und darum auch teuerſte engliſche 
Farbſtich des 18. Jahrhunderts zu ſein. Es iſt die Koͤnigin des Tages, die ihren 
Ritter erwartet (Bild 365). Nicht weniger bezeichnend iſt der franzoͤſiſche ſatiriſche 
Kupfer „In Klein⸗Vauxhall“ von P. A. Wille. Huldigend umwogt die alte und 
junge männliche Lebewelt eine neue Nummer, die von der erfahrenen Kupplerin X. 
heute zum erſtenmal auf den Liebesmarkt gebracht wird. Mit der gezierten Galan- 
terie der Zeit pruͤfen die Kenner, ob man es wirklich mit einem morceau de roi 
zu tun hat, bei dem es der Muͤhe lohnt, ſich in ſeinem Dienſt zu ruinieren (ſiehe 
Beilage). Wie ſich im Theaterfoyer alles draͤngt, um die Goͤttinnen des Tages, die 
hier Jour halten, zu ſehen und ihnen zu huldigen, das illuſtriert Rowlandſon in 
dem riefigen Kupfer „Foyerbummler“; dieſes Blatt zählte ſchon bei feinem Erſcheinen 
zu den geſchaͤtzteſten Stuͤcken der Zeit (ſiehe Beilage). 

Man ſieht ſchon an dieſen wenigen Blaͤttern, daß dies eine durchaus einſeitige 
Auffaſſung iſt, d. h. alſo weiter nichts als die Spekulation einer Zeit, die ſich aus 
dem Laſter einen Leckerbiſſen geformt hat. Dieſer Eindruck koͤnnte hoͤchſtens verſtaͤrkt, 
nicht aber korrigiert werden, wenn man ſtatt drei Blaͤttern deren dreißig geben wuͤrde. 

Die Anderung in dieſer einfeitigen Auffaſſung und damit ein vielgliederiges 
Bild, das alle Seiten aufzeigt, brachte auch auf dieſem Gebiete erſt die moderne 
Umwaͤlzung in der Art, die Dinge anzuſchauen. Das Merkmal der modernen 
Proſtitution iſt ihre Maſſenhaftigkeit; ſie iſt eine Maſſenerſcheinung, die nicht nur 
poſitiv, ſondern auch relativ in der geſamten Geſchichte beiſpiellos daſteht. Die Maſſen⸗ 
haftigkeit in der Erſcheinung einer Sache hat auf allen Gebieten immer zur Erkenntnis 
ihres Weſens gefuͤhrt; bei der Proſtitution mußte es zu demſelben Reſultate kommen. 
Und dieſes Reſultat iſt hier dasſelbe wie uͤberall: die ſoziale Bedingnis. Das 
maſſenhafte Anwachſen der Proſtitution entſchleierte ſich einerſeits als das Reſultat 
der ſtaͤndigen Abnahme der Eheſchließungen und des allgemeinen Hinaufruͤckens des 
Heiratsalters, was beides zuſammen zu einem ſteigenden Anteil der Unverheirateten 
an der Geſamtbevoͤlkerung fuͤhrt, andererſeits als das Reſultat der ſtetigen, furcht— 
baren wirtſchaftlichen Mißſtaͤnde, von denen die Frau noch ungleich ſchwerer be— 
troffen wird als der Mann. Hunderttauſenden von Frauen bleibt ſchließlich als 
einziger Beſitz nur der Koͤrper. Dieſer Zuſtand muß notwendig in ſeiner End— 
wirkung zu einem in gleicher Weiſe anſteigenden Angebot fuͤhren. Mit der Auf— 
deckung der ſozialen Erkenntnis, d. h. der Naͤhrquellen, ergab ſich endlich auch die 
Einſicht in ihre relative Unausrottbarkeit. Mit dieſen Erkenntniſſen mußte die Be— 
urteilung der Proſtitution als ſelbſtverantwortlicher Einzelſchuld aufhoͤren. Von dem 
Augenblick an und uͤberall dort, wo man erkannte, daß die Dirne das Produkt der 
Fehlerhaftigkeit der geſamten Geſellſchaftsordnung iſt, daß infolge dieſer Fehler— 
haftigkeit mit unerbittlicher Naturnotwendigkeit jahraus jahrein Hunderttauſende von 


416 


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tur auf die Proſtitution. 


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Frauen von der Geſellſchaft 
ſchuldig geſprochen werden, 
in dieſe Hölle der ekelhafteſten 
und troſtloſeſten Verdamm— 
nis hinabzuſteigen, und daß 
es gegen dieſen Urteilſpruch 
keine Berufung gibt, keine 
Reviſion des Urteils, ſon— 
dern daß dies, von einer 
unſichtbaren Gewalt geleitet, 
mitleidlos an ihr vollſtreckt 
wird — von dem Augenblick 
an, wo man dieſes erkannte, 
mußte die ſittliche Entruͤſtung 
über die Verruchtheit der 
Dirne zur bodenloſen Schein— 
heiligkeit oder zur albernſten 
Traktaͤtchenweisheit herab— 
ſinken. 

Dieſe grundſtuͤrzende 
Umwaͤlzung in der ſozialen 
Bewertung der Proſtitution 
gab auch der Satire von dem 
Augenblick an, wo fie ein- 
ſetzte, ſchrittweiſe ein anderes Geſicht. Die Einſeitigkeit und Oberflaͤchlichkeit in der 
Darſtellung mußte ebenſo verſchwinden, wie der offizielle Kultus der Dirne mit der prin— 
zipiellen uͤberwindung des Abſolutismus und dem ſieghaften Vormarſch des Demokratis— 
mus verſchwinden mußte. Das erwachte ſoziale Gewiſſen diktierte dabei die Grundnote. 
Die Umwertung fing damit an, daß man die Proſtitution idealiſierte. Freilich geſchah 
dies nicht in dem Sinne, wie es das Zeitalter des offiziellen Maitreſſenregimentes tat, 
alſo nicht in der ſchwelgeriſchen Verherrlichung des Fleiſches, ſondern man ſchilderte 
mit Vorliebe die vorteilhaften Seiten der Liebesprieſterinnen, ihre Aufopferungs— 
faͤhigkeit, ihre Solidaritaͤt, und man ſchilderte weiter mit Vorliebe jene ſich harmlos 
nach Liebe und Freundſchaft ſehnenden Geſchoͤpfe, die mit dem Freunde ohne Murren 
alles teilten, ſeinen Hunger und ſeine Hoffnungen, den unverhofft verdienten Gewinn 
ebenſo getreu wie ſein ſchmales Bett. Tauſend Lobeshymnen in Wort und Bild 
auf die kleine Griſette, Mimi Pinſon oder das kleine ſuͤße Maͤdel entſtanden in 
dieſer Zeit. Sie flickt dem Freunde die Hoſen, ſie haͤlt ſein kleines Zimmer in Ord— 
nung, ſie borgt fuͤr ihn bei der momentan beguͤterten Nachbarin das Geld, deſſen er 


— Er ſoll warten ... bis ich wenigſtens meine Struͤmpfe anhabe. 


379. M. Dumont. Anſtand. 1897 


418 


für irgend ein unentbehrliches Kleidungsſtuͤck bedarf uſw. Ebenſo freigebig ift fie, 
wenn man zu ihr kommt: Heute mir, morgen dir. Sie glaubt felſenfeſt an das 
Genie ihres Freundes und daß „ſein Tag“ einmal kommen werde, allen bloͤden Phi— 
liſtern und ſchaͤbigen Bourgeois zum Trotz. Vor allem iſt ſie immer guter Laune: 
ſie lacht und traͤllert den ganzen Tag und iſt jederzeit zu den tollſten Streichen auf— 
gelegt; je gewagter dieſe ſind, um ſo mehr ſind ſie nach ihrem Geſchmack. Aber ſie 
bleibt im wildeſten Strudel das zaͤrtliche Weib. Eben war fie noch der ausgelaſſenſten 
eine auf dem turbulenten Ball der Debardeurs, ploͤtzlich jedoch iſt ſie verſchwunden 
— ſie wird von einem ſtuͤrmiſchen Partner zu zaͤrtlichem Koſen und Scherzen in 
eine verſchwiegene Niſche gefuͤhrt worden ſein. Nein, nicht der kecken Hand eines 
Muſenſohnes ſchwillt ihr ſchimmernder Buſen, ſondern dem kleinen ſuͤßen Wildling, 


— „Du ſuchſt Montmartre-Apfel? ... Schönere findeſt du ficher nicht!“ 
380. Adolf Willette. Le Courrier Frangais 
53 
4:9 


381. R. Pichot. In Erwartung. 1905 


der zu Hauſe in ſeinem Wiegenkorbe traͤumt, wo er fuͤr einige Stunden der Obhut 
einer freundlichen Nachbarin uͤberlaſſen worden iſt — im Wirbelſturm iſt ſie nach 
Hauſe geeilt, ſie kommt keine Minute zu ſpaͤt, freilich auch keine zu fruͤh (Bild 26). 
Aber das rapid ſich entwickelnde Fabrikzeitalter raͤumte ſehr raſch mit den Ideologien 
der vierziger Jahre auf, in denen das Geſchlecht der Julirevolution ſchwelgte, es 
zerriß erbarmungslos den Schleier, und der Jugendrauſch verflog. Der Großbetrieb 
der Liebe ſetzte ein, die Griſette wurde zur Lorette, zur Kokotte. Was nuͤtzt die 
Treue? Daruͤber wird man alt, der Freund kommt in geordnete Verhaͤltniſſe, nimmt 
eine „anſtaͤndige“ Frau und ſchiebt die Freundin aus der Zeit der Jugendeſeleien 
als unbequem beiſeite — das diktierte ſehr bald die Logik der Erfahrung. Und im 
Alter muß man doch auch leben, darum iſt es beſſer, der Lehre zu folgen: Heute der, 
morgen jener. Es dauert nicht lange, und das Liebesgeſchaͤft iſt eine Induſtrie wie 
jede andere. Damit gelten aber auch hier dieſelben Geſetze wie in jeder Induſtrie. 
Der Handel mit dem Koͤrper iſt obendrein die unſolideſte aller Induſtrien, alſo heißt es 
noch ausgeſprochener als wo anders: billig, ſchnell und ſchlecht. Der Konkurrenz— 
kampf barbariftert hier überdies naturgemäß ſchneller als ſonſtwo, da ja der völlige 


420 


Verzicht auf jedwede fittliche Baſis die Vorausſetzung dieſes Betriebes iſt. Man hat 
keine Zeit, ſich erſt mit dem Drum und Dran abzugeben, darum geht man ohne 
alle Umſtaͤnde direkt aufs Ziel los. Wozu aber auch erſt die Rederei, erſt den 
Hokuspokus von Zaͤrtlichkeit, die albernen Vorſpiele, den blauen Dunſt, an den doch 
nur die dummen Jungen glauben, und auch dieſe nur das erſte Mal? Du ſuchſt 
Liebe? Hier iſt eine dunkle Niſche, uͤberzeuge dich, ob du findeſt, was du ſuchſt! — 
Das iſt doch viel einfacher und vor allem viel ſicherer. Im Gewuͤhl der Straße 
muß ein einziger Blick ausreichen, eine zyniſche Geſte oder ein gemeines Wort, und 
es reicht aus: der Großbetrieb vereinfacht ſtets die Formen. Eine zyniſche Geſte 
genuͤgt, und er heftet ſich an ihre Spuren oder ſie an die ſeinen, und wenige 
Minuten danach ſteigt man gemeinſam eine Treppe empor oder betritt ein Gemach, 
das das eine von beiden noch niemals in ſeinem Leben geſehen hat und vielleicht 
auch niemals wieder ſehen wird. Im Bordell entwickelt ſich der Gang der Geſchaͤfte 
noch rationeller, da faͤllt ſelbſt das primitive Werben und Suchen, deſſen die vaga— 
bondierende Dirne bedarf, weg, hier iſt ſie bloß Werkzeug, ohne Gefuͤhl, ohne Emp— 
findung, fuͤr das es keine Unterſchiede gibt, nicht das Recht der Wahl, keine Spur 


Schmuͤckt Maruſchka, ſchmuͤckt das Mädchen, ſchmuͤckt das Kind für den Maͤdchenhaͤndler! 
382. Pasein. Rumäniſches Volkslied. Simplieiſſimus 


421 


B. Berneis. Die Proftitution 


eines eigenen Willens, alles iſt bei ihr brutales, tieriſches Erfuͤllen. In tauſend 
Faͤllen iſt es der eigene Bruder oder Vater, deſſen Wuͤnſchen ſie gedient hat. Wer 
weiß es? Wer fragt nach Namen? Niemand. 

Dieſem Hexenſabbat der modernen Proſtitution gegenuͤber, der tagaus, tagein 
durch alle Gaſſen, durch alle Stockwerke, durch alle Schichten der Geſellſchaft raſt, 
uͤberall wo Menſchen leben, gibt es nur eine berechtigte Form der Darſtellung: 
abſolute Wahrheit. Dieſe Wahrheit iſt natuͤrlich nicht in einem einzigen Bilde, mit 
einer einzigen Formel zu erſchoͤpfen, ſondern es gilt, die hundert Seiten dieſer grauſigen 
Frage in hundert und tauſend Kapitel zu zerlegen, und wenn auch das Bild, das 
ſich den Blicken auftut, ſich immer grauſiger darbietet, je tiefer man eindringt. 

In dem Maße, in dem die moderne Zeit kuͤhner wurde und den wiſſenſchaft— 
lichen Mut fand, auf allen Gebieten den Dingen auf den Grund zu gehen, hat auch 
die Satire den noͤtigen Wahrheitsmut gefunden, iſt ſie deutlicher und vor allem intimer 
und echter geworden. Damit natürlich auch tiefer, reicher, umfaſſender. Es iſt 
heute — dieſes heute ſetzte uͤberall ſpaͤteſtens im letzten Viertel des verfloſſenen 


422 


Jahrhunderts ein — ein Bild, das ſich nicht mehr aus drei oder vier, ſondern aus 
hundert Seiten zuſammenſetzt, und noch taͤglich reiht ſich eine neue an, die neue, 
endloſe Kommentare provoziert. Darum kann man aber auch bei der Wuͤrdigung des 
Spiegels, den die Proſtitution in der modernen Karikatur gefunden hat, unmoͤglich 
ins einzelne gehen, denn hier iſt das Material in einem knappen Raume nicht zu 
bewaͤltigen, der uͤberfluß iſt erdruͤckend. Weil ſich in der Proſtitution die Fehler— 
haftigkeit der Geſellſchaftsordnung am kraſſeſten offenbart, weil hier der Widerſpruch 
zwiſchen der Wirklichkeit und der offiziellen Moral derart grell in Erſcheinung tritt, 
daß der ſimpelſte Verſtand die Krankhaftigkeit der Widerſpruͤche begreift, der ſcharf— 
blickende aber immer neue Untiefen, immer neue charakteriſtiſche Seiten erkennt, 
darum gibt es wohl faſt keinen einzigen ſatiriſchen Kuͤnſtler, der ſich nicht auch mit 
der ſatiriſchen Kennzeichnung der Proſtitution abgegeben haͤtte, und zwar nicht bloß 
einigemal, ſondern häufig dutzend, ja ſogar hundertmal. Viele beſchaͤftigen ſich 
ausſchließlich mit ihr; natuͤrlich gilt dies nicht allen zum Ruhme: fuͤr die luͤſternen 
Spekulanten iſt es nur die allerfetteſte Weide. Aber auch der uͤberfluß an wirklich 
Gutem und Einwandfreiem iſt erdruͤckend, denn hier brauchte ſich die Kraft nicht 
zu baͤndigen, ſie konnte alles einſetzen, weil die ſtaͤrkſte Note hier haͤufig die einzige 
berechtigte iſt. Fuͤr die ernſten und ſtarken Satiriker iſt die ſatiriſche Kennzeichnung 
der Proſtitution ſehr haͤufig die Zuſammenfaſſung aller Anklagen gegen die Unnatur 
der Verhaͤltniſſe geweſen, hier ſubſummierte man ſozuſagen alles. Das Opfer wurde 
zur Anklage gegen die Geſellſchaft, die dieſes Opfer taͤglich kategoriſch fordert. 

Von den hier reproduzierten Blaͤttern ſeien einzig die Blaͤtter des Rumaͤnen 
Pasein, der Franzoſen Toulouſe-Lautrec und Forain und des Deutſchen Berneis 
beſonders hervorgehoben. Unheimlich iſt der Zynismus bei allen vieren, aber er iſt 
ins Heroiſche geſteigert und damit vollauf begruͤndet. Jedes einzelne dieſer Blaͤtter 
ift eine wuchtige Anklage (Bild 40, 378, 382, 383). 

Kann man angeſichts des Reichtums an Material, der hier vorhanden iſt, 
auf dieſes Gebiet der ſozialen Satire den Vorwurf nicht anwenden, der im vorigen 
Kapitel gegenuͤber der dort behandelten Materie erhoben iſt, ſo muß man doch das 
eine hervorheben: zu Ende geſchrieben iſt auch dieſe ſatiriſche Anklageſchrift noch 
lange nicht, noch mangelt ſehr ftarf die prinzipielle Note. Dieſe ſetzt freilich die zur 
feſten und vor allem allgemeinen uͤberzeugung gewordene Weltanſchauung voraus, 
daß die Weltgeſchichte nicht mit dem Jahre 1900 ihr loͤbliches Ziel erreicht hat. 


423 


384. Aus: Die Barriſons. Th. Th. Heine 


VII 


Vom Kothurn zum Überbrettl 


Das Theater in ſeinen verſchiedenen Formen der Entwicklung und alles, was 
irgendwie mit ihm verwandt iſt, alſo die oͤffentlichen Auffuͤhrungen jeder Art von 
Muſik, Geſang, Tanz uſw., — das Theater kann zweifellos als die Staͤtte bezeichnet 
werden, die zu allen Zeiten und in allen Laͤndern das meiſte Anſehen genoſſen hat. Die 
Genuͤſſe, die dieſe Staͤtte bot, waren, wenn nicht immer die geachtetſten, ſo doch ſtets 
die populaͤrſten Kuͤnſte, die begehrteſten Genuͤſſe des oͤffentlichen geſellſchaftlichen Lebens. 
Schon aus dieſer Wertſchaͤtzung folgt von ſelbſt, daß von allen Frauenkategorien 
naturnotwendig die zum Theater gehoͤrigen Frauen ebenſo des meiſten Intereſſes teil— 
haftig werden, und daß ſich auf die Sterne, die unter ihnen aufleuchten, auch die 
meiſten und verſchwenderiſchſten oͤffentlichen Huldigungen konzentrieren. 


424 


= — 


ec l, by IV” be. March de 25. 1738. Recording to Get of ene 


Herumziehende Momõ 


Engliſche Karikaatur vo 
Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


tinnen in einer Scheune 


zilliam Hogarth. 1738 
Albert Langen, Muͤnchen 


Dieſes Intereſſe und diefe Begeiſterung hatten im Guten zweifellos eine fehr 
edle Berechtigung. Die ſtark verbreitete Sehnſucht, das Einzelſchickſal oder das 
politiſche Geſchehen in ſeiner Geſamtheit ſchauend und hoͤrend mitzuerleben, und ſei 
es nur im komprimierten Spiegelbilde, iſt ein wichtiges Dokument des kulturellen 
Strebens. Das Gleiche gilt von dem ebenſo allgemeinen Verlangen, aller kuͤnſtleriſchen 
Offenbarungen teilhaftig zu werden, durch die die Hoͤhe der erreichten Menſchheits— 
kultur im einzelnen Genie gipfelt, ſei dies in Mimik, ſei dies in Rhythmik der Geſten und 
Bewegungen, ſei dies in Toͤnen uſw. In der reinen Form iſt daher auch die huldigende 
Begeiſterung fuͤr die Vermittler, alſo fuͤr die Schauſpieler, Saͤnger, Taͤnzer uſw. 
durchaus begruͤndet und nicht nur natuͤrlich, ſondern auch anerkennenswert. 

Leider darf man nicht uͤberſehen, daß der ungeheuerliche Kultus, der mit den 
darſtellenden Kuͤnſtlern, und vor allem mit denen weiblichen Geſchlechts, zu allen 
Zeiten getrieben wurde und getrieben wird, in der Hauptſache von einer ganz an— 
deren Quelle geſpeiſt wird: Nicht von dem reinen Sehnen nach kultureller Auf— 
waͤrtsentwicklung, nach immer erhabeneren menſchheitlichen Hoͤhen, ſondern in erſter 
Linie und in der Hauptſache von dem Verlangen nach ſinnlichem Genießen. 

Der Inhalt der meiſten oͤffentlichen Schauſtellungen betrifft die Geſchlechtsliebe, 
ihre raffinierte, bis ins Detail gehende Sezierung und ihre Verherrlichung. Dieſem 
Zwecke dienen die plaſtiſchen Figuren des Balletts nicht weniger deutlich als die 
eindeutigen Zoten der pikanten Chanſonettenſaͤngerin. Das ſtete Thema des Schau— 


385. Der entrüftete Biſchof. Engliſche Karikatur auf den Kampf der Kirche gegen das Ballett. 1807 
54 


425 


ſpiels, des Luſtſpiels, der Komödie 

iſt ebenfalls das Geſchlechtliche, und 

die berauſchenden Skalen der Muſik 

klingen uͤberhaupt faſt von nichts 

anderem als von den Wonnen und 

Seligkeiten der Liebe. Natuͤrlich 

wechſeln die Formen, ſie ſind be— 

kanntlich bei allen Kunſtgebieten um 

ſo deutlicher und um ſo derber, je 

weiter wir zuruͤckſchauen. In ver: 

ſchiedenen Zeitaltern iſt jede Art 

oͤffentlicher Schauſtellung nichts 

anderes als das ſchrankenloſe Aus— 

toben zuͤgelloſer Erotik. Ob aber 

die Formen derb ſind oder raffiniert: 

in dem einen, in der Ruͤckwirkung 

auf den Vermittler bleibt es ſich 

immer gleich: der Vermittler wird 

386. Sophie Schröder in den Hugenotten in der Phantaſie der Zuſchauer 

immer und unwillkuͤrlich zum Traͤger 

des Inhalts, er wird ſein Prophet, ſein Verkuͤnder, ſein Propagandiſt, der Inhalt 

wird in ihm perſonifiziert. Dieſer Umſtand iſt ſehr wichtig und darf nicht uͤberſehen 

werden, denn aus dieſer Perſonifikation des Inhaltes erklaͤren ſich allein die extra— 

vaganten Formen des Kultus, der zuzeiten mit den Theatergroͤßen getrieben wurde 

und getrieben wird: ſie wachſen in der Phantaſie des Beſchauers ſelbſt zu Idealen 

empor. Wenn eine Frau oͤffentlich in Liebe agiert, in raffinierten Bewegungen 

und Wendungen, in Worten, Toͤnen und Geſten voll wahnſinniger Glut alle 

Steigerungen und Stadien gluͤhendſten Verlangens, zaͤrtlichſter Hingabe entwickelt, 

demonftriert und vorgaukelt, ſagt fie immer und immer auch: „Das bin ich, ich 
perſoͤnlich.“ 

Nun kommt aber noch etwas Weiteres hinzu. Ein anderes, unvermeidliches 
Ergebnis iſt, daß von ſelbſt direkte Beziehungen zwiſchen dem Darſteller und dem 
Publikum entſtehen. Erſt geiſtige, dann direkt perſoͤnliche, phyſiſche. Das auf— 
leuchtende Verſtaͤndnis ſchlaͤgt Bruͤcken von einem jeden einzelnen zu dem im Brenn— 
punkte aller Blicke agierenden Kuͤnſtler. Die Folge iſt, daß aus dem: „Ich gehoͤre 
euch allen“, das der Kuͤnſtler durch ſein ganzes Tun verkuͤndet, jeder die ſcheinbar 
nur an ihn gerichteten Worte heraushoͤrt: „Ich gehoͤre dir.“ Jeder bezieht alles auf 
ſich, jedes Wort, jede Geſte, jeden Klang bringt er mit ſeiner Perſoͤnlichkeit in Beziehung 
und kalkuliert und variiert die Moͤglichkeiten, er ſpielt mit. Daß dies im Idealen 


426 


wie im Niedrigen der gewollte Zweck ift, darf natürlich nicht uͤberſehen werden, 
braucht aber auch nicht weiter begruͤndet zu werden. 

Dieſe direkten und indirekten Beziehungen laſſen ſich durch das Verhalten der 
Zuhoͤrer oder Zuſchauer bei jeder Gelegenheit auf das einfachſte nachweiſen. Zu 
beſtimmten Zeiten traten dieſe Beziehungen in der allerderbſten Weiſe zutage. Taine 
ſagt z. B. in ſeiner engliſchen Geſchichte uͤber die maͤnnlichen Theaterbeſucher in der 
lockeren Reſtaurationsperiode, die in England nach dem Tode des ſtrengen Lord— 
protektors unter Karl II. einſetzte, folgendes: 

„Die vornehmen Herren ergreifen mit dem Dichter die Partei des Galans, ſie verfolgen 
mit Intereſſe deſſen galante Liebesabenteuer und haben im Geiſte dasſelbe Gluͤck bei den Schoͤnen.“ 

Durch dieſe Untergruͤnde iſt in gleicher Weiſe erklaͤrt, daß der Heldentenor 
oder der erſte Liebhaber taͤglich Dutzende von Liebesbriefen auf ſeinem Tiſch findet, 
und daß andererſeits — was auch heute noch vielfach guͤltige Tradition iſt — alle 
öffentlich auftretenden Frauen als Freiwild gelten, auf die ein jeder puͤrſchen koͤnne, 
dem die Luſt ankommt, die indirekte Beziehung in einer direkt perſoͤnlichen fortzuſetzen. 
Die naͤchſte ſelbſtverſtaͤndliche Konſequenz iſt auch, daß jede öffentlich auftretende Frau 
mit dieſem Faktor rechnen muß. 

Dieſe Konſequenzen wurden fruͤher nicht nur nicht beſtritten, ſondern offen und 
unverſchleiert anerkannt und als Baſis in die Rechnung eines jeden Theaterunter— 
nehmens eingeſtellt. Die Anerkennung 
dokumentierte ſich vor allem klar und 
deutlich in den direkten Beziehungen 
zur Proſtitution. Engere konnte es 
gar nicht geben. Die ſaͤmtlichen Schau— 
ſpielerinnen, oͤffentlichen Saͤngerinnen 
und Taͤnzerinnen entſtammten bis weit 
ins 17. und 18. Jahrhundert hinein 
den niederſten Kreiſen, d. h. ſie waren 
ſozuſagen nur verkleidete Proſtituierte. 
Viele Theaterunternehmer rekrutierten 
ihre weiblichen Kraͤfte aus den Bor— 
dellen. Daß die Frauen der Demi— 
monde dieſen Tauſch ſehr gerne machten 
und ſtetig danach ſtrebten, irgendwie 
oͤffentlich aufzutreten, liegt auf der 
Hand. Dadurch, daß die Frau vor das 
grelle Samuenlihe ate ente fs Bir Ein Attentat auf die Schauſpielerin Rachel 
allen ihren Reizen und Vorzuͤgen unter dem Vorwand von Ovationen 


brillieren und werben. Das ſteigerte 387. Vernier 
54* 


427 


ihre Chancen, ihr Wert ftieg, fie konnte unter Dutzenden wählen. Heinrich Heine 
ſagt daruͤber in den „Franzoͤſiſchen Zuſtaͤnden“: 

„Die eigentlichen unterhaltenen Frauen, die ſogenannten femmes entretenues, empfinden 
die gewaltigſte Sucht, ſich auf dem Theater zu zeigen, eine Sucht, worin Eitelkeit und Kalkuͤl ſich 
vereinigen, da fie dort am beſten ihre Koͤrperlichkeit zur Schau ſtellen, ſich den vornehmen Luͤſt— 
lingen bemerkbar machen und zugleich auch vom groͤßeren Publikum bewundern laſſen koͤnnen.“ 

Natuͤrlich dauerte die Verkleidung nur waͤhrend der Vorſtellung, im Haupt— 
berufe diente man nach wie vor noch dem frechen Gotte von Lampſakus. Das gilt 
in gleicher Weiſe fuͤr England, Frankreich, Deutſchland, Italien, Rußland, kurz fuͤr 
alle Laͤnder. Die galanten engliſchen Kavaliere des 17. Jahrhunderts vergnuͤgten 
ſich, wie Duͤhren nach einem engliſchen Autor zitiert, mit den Schauſpielerinnen im 
„green room“ auf eine derart unanſtaͤndige Weiſe, daß die Königin Anna, die letzte 
der Stuarts, im Intereſſe der oͤffentlichen Sittlichkeit eine Verordnung erließ, „that 
no person of what quality soever presume to go behind the scenes or come 
upon the stage either before or during the acting of any play.“ 

Erſt ſehr ſpaͤt aͤnderte ſich dieſe Phyſiognomie des Theaters gruͤndlich dadurch, 
daß es ſeine direkten Beziehungen zur Proſtitution einſchraͤnkte und wirklich zu einer 
Staͤtte wurde, wo die darſtellenden Kuͤnſte frei von jeder gemeinen Spekulation 
einzig dem Schönen, Großen und Edeln dienen. Es war aber überall ein harter 

Kampf. Trotzdem fuͤr Deutſchland 
die couragierte Neuberin bereits in 
der erſten Haͤlfte des 18. Jahr— 
hunderts prinzipiell mit der Reini— 
gung des Theaters begann, kam 
man doch erſt in der zweiten Haͤlfte 
des 19. Jahrhunderts zu einer durch— 
greifenden Beſſerung. Damit iſt 
freilich nun nicht geſagt, daß heute 
bei der Buͤhne die ſaͤmtlichen Be— 
ziehungen zur Proſtitution geloͤſt 
waͤren. Nein, die freiwillige Proſti— 
tuierung des weiblichen Perſonals 
iſt für zahlreiche Theaterunternehmer 
noch immer die Baſis ihrer Rech— 
nung. Als einziger Beweis, der 
leider durchſchlagend iſt, ſei der be— 
rüchtigte Koſtuͤmparagraph zitiert, 
Madame Riſtori als Maria Stuart der ſich in zahlreichen Engagements⸗ 
388. Felicien Rops. 1886 kontrakten befindet: 


428 


„Dem maͤnnlichen Mitglied 
wird das zu den Vorſtellungen er⸗ 
forderliche hiſtoriſche Koſtuͤm nach An— 
ordnung der Buͤhnenleitung geliefert. 
Weibliche Mitglieder haben ſich alles 
auf eigene Koſten zu ſtellen.“ 


Das gilt haͤufig fuͤr die 
Choriſtinnen nicht weniger als 
fuͤr die Primadonna. Was 
heißt das aber, wenn man er— 
waͤgt, daß nicht ſelten die 
Garderobe fuͤr einen einzigen 
Abend die Gage eines ganzen 
Monats und noch mehr ver— 
ſchlingt? Nun, es heißt nichts 
anderes, als daß dem Koſtuͤm⸗ 
paragraphen die folgende infame 
Kalkulation zugrunde liegt: In 
der Buͤhnenbeleuchtung kommen 
die koͤrperlichen Qualitaͤten der 
Frauen am vorteilhafteſten zur 
Geltung und machen darum 
dieſe derart begehrenswert, daß 
jede mit Leichtigkeit einen 
zahlungsfaͤhigen Kaͤufer ihrer 
Reize findet, der mit Vergnuͤgen 
bereit iſt, alle Koſten ihres Unterhaltes zu tragen. Eine Schauſpielerin uſw. hat da— 
her nicht noͤtig, von ihrer Gage zu leben. Dieſe guͤnſtigen Chancen, die das Theater 
ſeinen weiblichen Mitgliedern bietet, haben dieſe dadurch auszugleichen, daß ſie den 
Koſtuͤmetat des Theaters entſprechend erleichtern. 

In der Gegenwart weiſt das tiefſte ſittliche Niveau noch das engliſche Theater 
auf, und zwar durch eine Beſtimmung, die geradeſo kategoriſch gehandhabt wird, wenn 
ſie auch nicht in eine geſchriebene Paragraphenform gefaßt iſt: In keinem Lande iſt 
koͤrperliche Schoͤnheit einer oͤffentlich auftretenden Kuͤnſtlerin ſo ſehr erſte Bedingung 
wie in England. Dieſe entſcheidet, und nicht das Talent. Es handelt ſich natürlich, 
nicht um reine Schoͤnheit, ſondern um Pikanterie in der Richtung des Sinnlichen. 
In den keuſcheſten Rollen goutiert man die koͤrperlich pikanteſten Darſtellerinnen. Das 
iſt auch ganz logiſch gemaͤß dem Weſen der Pruͤderie, die ſich freilich im letzten Grunde, 
wo man ſie auch aufdeckt, immer als das eine enthuͤllt: als — Schweinerei. 


Ein Ehemann pluͤndert die Blumen im Kopfputze ſeiner Gattin, um ſie 
der Pepita zuzuwerfen. 


389. Cajetan. Wiener Theaterzeitung 


429 


Was vom Theater früher galt, das gilt in potenziertem Maße von jeder Art 
Tingeltangel, angefangen von den wuͤſten Muſikhallen des 18. Jahrhunderts bis 
herauf zu den weltberuͤhmten Londoner, Pariſer und Berliner Variétés unſerer Tage. 
Hier haben ſich die Verhaͤltniſſe niemals geaͤndert, hier beſtehen heute noch die 
direkteſten Beziehungen zur Proſtitution, und die Phyſiognomie iſt nur inſofern eine 
andere geworden, als das Programm, durch das der Gaumen der Zuſchauer gekitzelt 
werden ſoll, ununterbrochen raffinierter wurde. Da beim Tingeltangel die Erotik 
ſogar das offizielle Programm ausmacht, ſo ſind die geſchlechtlichen Beziehungen 
zwiſchen Darſtellerin und Publikum der unverſchleierte Hauptzweck. Als Beweis 
genuͤgen die Hinweiſe auf das erotiſche Thema aller Lieder, Couplets, Witze und 
Tricks, auf das erotifche Raffinement ſaͤmtlicher Koſtuͤme und auf die augenfällige 
Betonung des Erotiſchen in der pomphaften Reklame. Im Nebenberuf die offi— 
zielle Maitreſſe dieſes oder jenes Fuͤrſten zu ſein, bildet fuͤr eine Saͤngerin oder 
Taͤnzerin die Hauptanziehungskraft, das macht die Wirkung ihres oͤffentlichen Auf— 
tretens vor allem pikant. Jeder Hoͤrer genießt im Geiſte mit, fuͤhlt ſich beehrt, als 
ebenfalls mit zur Tafel gezogen, denn ſie luͤftet doch eben auch vor ihm die Roͤckchen, 
wiegt auch vor ihm kokett den Schlangenleib ufw. Der Weltruhm, den Cleo de 
Merode genießt, reſultiert ficher zur Hauptſache daraus, daß fie offiziell die Gunſt des 
gekroͤnten Kongoexploiteurs Leopold genießt. Ohne dieſen pikanten Beigeſchmack 
waͤre das Auftreten dieſes eingewickelten Bleiſtiftes auf die Dauer nur ein Gaumen— 
kitzel für die ganz Perverſen geweſen. 

An dieſem Grundcharakter hat der im Überbrettl unternommene Veredelungs— 
verſuch auch nicht ein Atom zu aͤndern vermocht. Es iſt nichts mehr als ein Witz 
geweſen, in dieſer Form aus dem Variete eine Stelle machen zu wollen, wo ſtolze 
Satire und kecke aber echte froͤhliche Kunſt herrſchend ihr Zepter ſchwingt. Ja, wenn 
Frechheit und Einbildung Genie geweſen waͤren. Sehr bald ergab ſich, daß die 
„Veredelung“ nur darin beſtand, daß man in der Gemeinheit die Spitze erklomm und 
ſich Mittelmaͤßigkeiten leiſtete, die nicht einmal auf einem mittleren Variete moͤglich 
geweſen waͤren. In ſeines Jugendlenzes Bluͤtentagen war ſeines Witzes Spitze 
„Der luſtige Ehemann“, was freilich bei der politiſchen Unfreiheit unſerer Zuſtaͤnde 
auch gar nicht anders zu erwarten war. Unſere Polizei geſtattet auf dem Theater 
ja gar nicht den Fluͤgelſchlag einer freien Seele. Aber dieſe polizeiliche Fuͤrſorge 
war in dieſem Falle ſogar uͤberfluͤſſig. Auch ohne ſie haͤtte ſich in den erſten 
Wochen dasſelbe Reſultat ergeben, was freilich fuͤr jeden logiſch Denkenden ſowieſo 
feſtſtand: daß man nämlich in der Dichtergeneration von der Wende des 19. Jahr— 
hunderts vergeblich nach ſtolzen Idealen, vergeblich nach feſtbegruͤndeter Welt— 
anſchauung, nach Mut und politiſcher uͤberzeugungstreue ausſchaut. Was dieſe 
Generation auszeichnet, iſt nur das Raffinement, das ſich immer in den Zeiten in 
der Literatur einſtellt, wo ſich ein geſellſchaftlicher Aufloͤſungsprozeß vollzieht. Indem 


43⁰ 


ZA |. DM 
1 


390. Adolf Guillaume. Ein Engagement 


Adelina Patti 


Joſephine Gallmeyer 


391-393. Öfterreichifche Karikaturen 


die poetiſchen Dreierlichter des allerjuͤngſten Deutſchlands 
in komiſche Biedermaierfraͤcke ſchluͤpften, glaubten ſie 
auch ſchon das Rezept in der Taſche zu haben, das den 
Ruhm des Montmartre vor zwanzig Jahren uͤber die 
ganze Welt trug. Der Unternehmungsgeiſt fehlte ihnen 
nicht, aber eben das, was dieſen Ruhm einzig moͤglich 
macht — die feſt fundierten Ideale. Dieſe wuchſen 
naͤmlich tatſaͤchlich noch vor zwanzig Jahren auf dem 
Montmartre droben, ſie machten aus den Maupaſſant, 
Daudet, Willette uſw. Kerle, ganze Kerle. So etwas 
iſt natuͤrlich nicht im Treibhaus der Einbildung und 
auf dem Miſtbeet der politiſchen Charakterloſigkeit zu 
erſetzen. Darum beſtand der einzige Erfolg dieſer Be— 
wegung in Deutſchland darin, daß das Programm des 
Tingeltangels um einige raffinierte Nummern vermehrt 
wurde. 

Die Veredelung des Variétés mußte aber auch noch 
aus einem anderen Grunde ſcheitern, auch wenn ſie von 
einer ſtaͤrkeren Eigenkraft getragen worden waͤre. Das 
Tingeltangel kann nicht veredelt werden. Dieſen Ver— 
ſuch kann daher nur unternehmen, wer vollſtaͤndig die 
Untergruͤnde verkennt, die das Weſen des Variétés 
bedingen. Das Tingeltangel iſt ein erotiſches Betaͤubungs— 
mittel, das in ſeinem Weſen der uͤberreizten Lebenshaſt 
der modernen Zeit entſpricht; es ſoll nichts anderes ſein 
als ein Narkotikum. Zu reformieren gibt es da nichts, 
Sumpfbluͤte bleibt Sumpfbluͤte. Wenn man die ein— 
zelne Bluͤte beſchneidet, treibt der Sumpf neue, aber 
niemals werden Lilien daraus. Man kann das Variete 
in ſeiner Art nur raffinierter machen, und dazu hat denn 
auch, wie geſagt, der Verſuch, es zu veredeln, gluͤcklich 
gefuͤhrt. 


Daß ein ſolches Verhaͤltnis nach jeder Richtung 
ein uͤberaus fruchtbarer Boden fuͤr die Karikatur iſt, 
bedarf keiner weiteren Begruͤndung. Tatſache iſt denn 
auch, daß wir Karikaturen auf alle irgendwie ſchau— 


432 


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Engliſche Karikatur auf den Kampf der Lor 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


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1798 


Jalletts. 


Albert Langen, Muͤnchen 


fpielerifch öffentlich auftretenden Frauen in jeder Zeit und in jedem Lande relativ 
haͤufig begegnen. In ruhigen Zeiten intereſſierte alles an ihnen, jede dargeſtellte 
Seite fand Neugierige. Noch mehr ſtehen in reaktionaͤren Zeiten Schauſpielerinnen, 
Saͤngerinnen, Taͤnzerinnen direkt im Mittelpunkt des oͤffentlichen Intereſſes. In 
ſolchen Zeiten konnte ein guter Einfall, ein guter Bericht uͤber eine Saͤngerin oder 
Taͤnzerin wochenlang das Stadtgeſpraͤch bilden. Man hat ſicher ſeinerzeit in Muͤnchen 
eine ganze Woche gelacht, als der humorvolle Schleich in dem von ihm heraus— 
gegebenen „Punſch“ den folgenden Schuster-Boy’s letter to Miss Lydia Thompson 
richtete, als dieſe im Sommer 1856 die Muͤnchner mit ihrem „Tantzl“ erfreute: 


„My dürr Miss! I have gewesen in His Dingelstedts Theatre for looking Your Tanzl. 
Vous &tes the ‚blond Pepita‘, aber — I confess it ganz aufrichtig — the schwarzing pleases 
me better! I find Your littl Gesichtl very hübsch, that is wahr; I am of Meinung, that 
your Conversäschn make a good Eindruck, doch what betrifft te Scottisch dance — the 
Sak of dudle is very fine langweilig! I bitt you pardon for this schandfull English, what 
I spik; in my Situäschn as Schusterboy I have not Occäschn for Perfekschn. I must semper 
wichsing Stiefels and holing 
Würstls. Wenn I will studi- 
ring, comes the master und dann 
heisst's: hau do you do! — 
Time is monney; I have weder 
time noch monney. Nothing- 
destoweniger I go ins Theatre, 
wenn es gibt a plastish Represen- 
tätschn. Eben desshalb war ich 
gewissermassen verdriesslich of 
Your weit pludering Pantalons. 
I war on a standerling Place auf 
the second gallery and for my 
fufzehn Kreutzers I have gehabt 
amiusement genug; — in the 
‚Piecarde‘ Your Kittel very little, 
and alls fort Tricot, and hupfing 
and springing war very lustig. 
You have not so viel Feuer, wie 
eine Spanierin, aber that ver- 
steht sich von himself, your 
Näsch’n (nation) is cold. I 
wisch You good morning, and 
happy voyage. I bin, Miss, Your 
submisser Sepperl, boy ofschuster 


of Munich of old Bavaria.“ 


Daß man von ſolchen Sarah Bernhardt, als moderne Nespa, ihren Sohn verteidigend. 
Berichten tatſaͤchlich wochen- 394. J. Keppler. Puck. New-Mork 
55 


433 


lang und noch laͤnger ſprach, das beftätigt woͤrtlich Boͤrne. Er teilt mit, daß, als er 
nach Berlin kam, man nichts anderes von ihm wußte, als daß er einen geiſtvollen 
Artikel uͤber die Henriette Sonntag geſchrieben habe. Das wurde ihm aber auch als 
hoͤchſter Ruhm angerechnet. „Das iſt der Mann, der ...,“ fo wurde uͤberall gefluͤſtert, 
wohin er kam. Dieſes verſtiegene Theaterintereſſe iſt freilich alles andere eher als 
ein Zeichen einer ſich mit elementarer Gewalt durchſetzenden geiſtigen Hochkultur, es 
iſt vielmehr ein kraſſes Dokument der politiſchen Unfreiheit, die den Horizont kuͤnſtlich 
auf dieſes eine Gebiet eingeengt hat, denn im Kleinen und Kleinlichen erſchoͤpft ſich in 
dieſen Zeiten der Kultus, der vom Publikum mit den Theaterſternen getrieben wird. 

Gleichwohl, das poſitive Reſultat von alledem iſt, daß wir in der Karikatur 
eine faſt luͤckenloſe Portraͤtgalerie aller halbwegs beruͤhmten darſtellenden Kuͤnſtler 
haben. In der engliſchen Karikatur von etwa 17801840 und in der franzöfifchen 
der Gegenwart iſt in dieſer Portraͤtgalerie nicht nur jede Kuͤnſtlerin vertreten, ſon— 
dern die beruͤhmten dutzend- und hundertfach. Von einer Sarah Bernhardt, um 
nur eine einzige zu nennen, koͤnnte man ſicher mit einigem Sammlerfleiß deren 
fuͤnfhundert, vielleicht aber auch die doppelte Zahl nachweiſen. 

Dem Datum nach traten die Schauſpielerinnen, Saͤngerinnen und Taͤnzerinnen 
natürlich relativ ſehr ſpaͤt in die Karikatur ein, und zwar deshalb, weil die oͤffent— 
lich auftretenden Frauen eine ſehr ſpaͤte Errungenſchaft ſind. In England begegnete 

man z. B. erſt vom Jahre 1660 ab 

a Frauen auf der Buͤhne, vorher wurden die 

Fennora Pepita, Frauenrollen, wie auch in Deutſchland, ſtets 
mein Name i ſt Meyer! von verkleideten Maͤnnern oder Kaſtraten 

Schwank in einem Aufzuge mit Geſang und Tanz 

von R. Hahn. geſpielt. Die beruͤhmteſte der fruͤhen 
Karikaturen auf die Schauſpielerinnen 
iſt der große Kupferſtich von Hogarth 
„Herumziehende Komoͤdiantinnen in einer 
Scheune“. Lichtenberg hat zu dieſem Kupfer 
einen 24feitigen Kommentar geſchrieben, 

den er mit folgenden Saͤtzen begann: 


„Vielleicht ift, ſeitdem Grabſtichel und 
Pinſel zur Satyre angewand worden ſind, nie ſo 
viel muntere Laune in einen ſo kleinen Raum 
zuſammengedraͤngt worden, als hier . .. Jeder 
Winkel dieſes Heiligtums der Ceres verkuͤndigt 
die Gegenwart des maͤchtigſten Satyrs.“ (Siehe 

Berlin, 1855. Beilage.) 
A. Faudel's Verlag. 


Schleuſe Nr. 4. 


Heute verſteht man unter Satire 
395. Titelblatt einer Berliner Flugſchrift freilich etwas weſentlich anderes. 


434 


ORPHEUS 
UND 
EURYDIKE 


* 


RHYTHMISCHE 
NACH 


BACCHIADE VON EURIPIDES 


BACCHUS UND nn 
ARIADNE NN Ne 
TANZ NCH DEM 8 u 5 
GLEICHNAMIGEN „ FINISHED 
GENALDE Sn 
VON TIZIAN 


396. Olaf Gulbranſſon. Iſadora Duncan. Simplieiſſimus 


In derartig allgemeinen Motiven ſind Schauſpielerinnen, Saͤngerinnen uſw. 
von der Karikatur gewiß immer behandelt worden, aber die perſoͤnliche Karikatur 
herrſcht auf dieſem Gebiete doch zu allen Zeiten vor, denn ganz beſtimmte Perſonen 


geben doch meiſtens die Anreize. Eine ſelbſtverſtaͤndliche Erſcheinung iſt, daß man 
55 * 
435 


397 u. 398. 


Vorbereitungen zur Rettung Piſas 


Der Gaug ius feindliche Lager 


Monna Vanna 


O. Gulbranſſon. 


Simplieiſſimus 


hier auch ganz dasſelbe erlebt wie auf allen 
Gebieten der perſoͤnlichen Karikatur, d. h. 
die Satire iſt ſehr haͤufig Pamphlet. Ja, 
dies iſt hier vielleicht noch viel haͤufiger 
der Fall als anderswo, denn bekanntlich 
ſpielten ſkrupelloſer Ehrgeiz, Neid und 
Gehaͤſſigkeit nirgends eine ſolch große Rolle 
wie auf dem Theater. Dieſe Gefuͤhle haben 
die Satire ſehr haͤufig in ihren Dienſt ge— 
ſtellt, und dieſe hat dann auch das ernſteſte 
Streben nicht verſchont. Ein Beiſpiel mag 
der Kampf, der gegen die Neuberin gefuͤhrt 
wurde, liefern. In einem ſatiriſchen 
Opus, betitelt: „Leben und Thaten der 
weltberuͤchtigten Frau Friederika 
Karolina Neuberin“, finden ſich folgende 
Stellen: 


„Wie wird mir? Werd ich ſie nicht allbereits 
gewahr? 
Ja, ja, ich ſeh ſie ſelbſt, ich ſeh ihr blondes 


Haar, 

Ich ſeh ihr kleines Kinn, die aufgeſchnuͤrten 
Bruͤſte 

Und endlich gar, welch Gluͤck! die Muſchel 
gailer Luͤſte. 

Nicht weit vom Munde hat ein Waͤrzchen ſeinen 
Sitz, 

Um das vier Haare ſtehn: O haͤtt' ich Roſtens 
Witz, 

So wollt ich ſie vom Kopf bis auf den Fuß 
beſchreiben; 

Allein ſo mag ihr Bild nur unvollkommen 
bleiben. 

Doch wollt ihr Sterblichen ihr artig Fußwerk 
ſehn, 

So duͤrft ihr jetzo nur nach ihrem Schauplatz 
gehn; 

Doch daß euch nicht ihr Putz zu Eitelkeiten locke, 

So wißt, ſie zeigt ſich da in einem Unterrocke, 

Der ihr die Beine kaum bis an die Waden deckt, 

In welchen, wie man ſagt, ihr Geiſt zum Dichten 
teck! 


Der kleinliche Haß hatte dieſer mutigen Frau gegenüber freilich tauſend Gründe, 
ſein Gift zu verſpritzen, und es iſt gar nicht verwunderlich, wenn auch berichtet 
wird, daß auch Karikaturen, die von aͤhnlichem Geiſte getragen waren, wider ſie er— 
ſchienen ſind. 

Wenn man von der modernen Karikatur fuͤglich ſagen kann, daß ſie auf allen 
Gebieten mehr als je einen perſoͤnlichen Charakter traͤgt, ſo kann man doch ebenſo 
uneingeſchraͤnkt erflären, daß das Pamphletiſtiſche ebenſoſehr verſchwunden iſt, und 
das gilt auch gegenuͤber dem Theater. Seit man aufgehoͤrt hat, ſich im Streit 
daruͤber, ob z. B. der Triller einer Saͤngerin oder der Pas einer Ballettaͤnzerin die 
hoͤchſte Offenbarung ſei oder nicht, die Koͤpfe wund zu ſchlagen, hat auch die Kari— 
katur aufgehört, in dieſem Streit der Meinungen die frühere Rolle zu ſpielen ... 

Vom modernen Variete iſt oben geſagt worden, daß es das adäquate Ergebnis 
der uͤberreizten Lebenshaſt unſeres Zeitalters ſei. Man kann dies noch dahin er— 
weitern, daß es auch der bezeichnendſte 
Spiegel der ſittlichen Zuſtaͤnde unſerer 
Großſtadtkultur iſt. Das ehemalige 
Moulin Rouge und das Petit Caſino 
im heutigen Paris, die Londoner 
Alhambra und der Berliner Winter— 
garten kennzeichnen den exaltierten 
und ſchwuͤlen Charakter unſeres ner— 
voͤſen ſinnlichen Genußlebens deut— 
licher als alle anderen Erſcheinungen 
des oͤffentlichen geſellſchaftlichen Le— 
bens. Dasſelbe gilt auch von allen 
den Veredelungsbeſtrebungen, der 
Kabarettbewegung, den Seancen der 
Barfußtaͤnzerinnen, Schlaftaͤnzerinnen 
uſw. Weil dies der Fall iſt, ent— 
wickelten ſich hier auch die bezeichnend— 
ſten Linien und Farben des ſinnlichen 
Genußlebens; die eleganteſten Linien 
und Bewegungen, die gluͤhendſten 
und reichſten Farben, die es in der 
Welt der Erſcheinungen gibt, offen— 
baren ſich hier. Es iſt kein Wunder, 
daß die moderne Karikatur dieſe be— 
zeichnenden und neuen Linien beſonders Die Gralshüterin 
gerne gefaßt hat, die kuͤnſtleriſchen 399. G. Brandt. Frau Coſima Wagner. Kladderadatſch 


437 


Im Faubourg Saint Denis: „0 Magali, ma bien-aimée fuyons tous deux sous la ram6e . . .“ 


400. C. Leandre. L'Illuſtration. 1897 


Motive, die dieſe Staͤtten bieten, ſind fuͤr den Kuͤnſtler unwiderſtehlich, und alle 
Begabungen: Groteske, Humor, feine Charakteriſtik, Satire finden hier die reichſten 
und unerſchoͤpflichen Anregungen. Die hier reproduzierten Blaͤtter von Heine, Gul— 
branſſon, Leandre, Toulouſe-Lautrec, Wilke belegen eine jede dieſer Seiten; es ſind 
alles in ihrer Art charakteriſtiſche Proben. Das iſt die Diva vom Petit Caſino in 
ihrem ganzen Raffinement, die der grandioſe Toulouſe-Lautrec mit ein paar verwiſchten 
Toͤnen und Strichen wie hingehaucht hat; das iſt der pointierte perverſe Überbrettl— 
bloͤdſinn, den Wilke mit ebenſo ſtarker Meiſterſchaft in ſeiner „Diſeuſe“ gibt (Bild 
403 u. 404). — 


438 


C; 1 Er 5 


Im Faubourg Saint Germain: „Die Lerche iſt's und nicht die Nachtigall ...“ 


401. C. Leandre. L'Illuſtration. 1897 


Fuͤr die Sittlichkeitsbeſtrebungen war das Theater immer ein Hauptangriffs— 
punkt. Da die jeweils herrſchenden Sittlichkeitszuſtände an dieſer Stelle immer 
ihren prägnanteften Ausdruck gefunden haben, fo wieſen die Unſittlichkeitsſchnuͤffler 
immer und immer wieder, und zuerſt, mit ſittlich entruͤſteter Gebaͤrde nach dem Theater. 
Die meiſten Angriffe galten natuͤrlich der Unſittlichkeit des Balletts. Die allzu ver— 
ſchwenderiſch preisgegebene Wirklichkeit, das Zuviel in der Entkleidung und das 
Zuwenig in der Bekleidung der Balletteuſen ſpielt in allen Kaͤmpfen gegen das 
Nackte, die die Geſchichte aller Laͤnder zu verzeichnen hat, eine der wichtigſten Rollen. 
Es gibt verſchiedene Lex Heintze-Kaͤmpfe, die ſpeziell und allein der Unſittlichkeit des 


439 


Balletts galten. Satiriſche Kommentare zu einem der enragierteſten dieſer Kaͤmpfe 
ſind die hier reproduzierten Karikaturen „Der entruͤſtete Biſchof“ (Bild 385) und „Die 
geiſtliche Pruͤfungskommiſſion bei der Arbeit“ (ſiehe Beilage). Dieſe beiden Blaͤtter 
illustrieren den Kampf, der in England an der Wende des 18. Jahrhunderts gegen 
die Unſittlichkeit des Balletts gefuͤhrt wurde und vor allem im Hauſe der Lords 
ſeine Stuͤtze fand. Beſonders koͤſtlich iſt der große Kupfer, der die Lords zeigt, wie 
ſie eben in der Garderobe der Taͤnzerinnen die eingehendſten Feſtſtellungen uͤber die 
Tiefe des Kleiderausſchnittes und die Laͤnge der Roͤcke machen. Sie beſtimmen 
natuͤrlich einhellig fuͤr oben wie fuͤr unten, 
daß ſo viel oͤffentlich nicht gezeigt werden 
duͤrfe. Die Taͤnzerinnen ſind freilich da— 
mit nicht einverſtanden: „Ein ſolch ſchoͤnes 
Bein,“ erklaͤrt die zweite von links, „zu 
verſtecken, das waͤre wirklich ein Verbrechen, 
damit wuͤrde man uns ja den Weg ver— 
ſperren, unſer Gluͤck zu machen.“ 
Natuͤrlich mußte die Karikatur nicht 
ſelbſt im Dienſte muckeriſcher Unfittlich- 
keitsſchnuͤffler ſtehen oder freiwillig deren 
Dienſte tun, wenn ſie ebenfalls gegen 
die Unſittlichkeit auf der Buͤhne zu Felde 
zog. Von Mademoiſelle Pariſot, der an— 
geblich ſo Duftigen und Keuſchen, meldet 
z. B. die Fama, daß ſie trotz ihrer Keuſch— 
heit ihren begeiſterten Verehrern im Parkett 
in der gleichen pikanten Weiſe entgegenkam, 
wie es vor ihr von fo manchen Tanz⸗Beruͤhmt⸗ 
heiten des 18. Jahrhunderts geſchah, und 
wie es nach ihr eine Lola Montez und ſo 
viele der beruͤhmten Pariſer Kanfaneufi en des 
zweiten Kaiſerreichs taten, d. h. daß ſie bei 
ihrem öffentlichen Auftreten auf gewiſſe Teile 
des Koſtuͤms verzichtete, auf die ſchlechter— 
dings nicht verzichtet werden darf, wenn 
nicht aller Scham aufs infamſte Hohn ge— 
— Nicht wahr, jetzt bekomm ich die Sfolde zu fingen, ſprochen werden ſoll. Wenn ſolches Tun 
Herr Intendant?“ von der Satire in Blaͤttern wie dem von 
Am Ziel Newton (ſiehe Beilage) gegeißelt wurde, ſo er— 
402. F. v. Reznicek. Simpliciſſimus fuͤllte die Karikatur nur ihre ſittliche Pflicht. 


440 


Sabaret 


1904 


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F. v. Re 


Alber Langen, Muͤnchen 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


Wogegen ſich die Sittlichkeitsbeſtrebungen, die [muckeriſchen Unſittlichkeits— 
ſchnuͤffer niemals oder doch immer nur mit den leiſeſten Toͤnen gewandt haben, 
trotzdem gerade hier alle ſittliche Entruͤſtung angebracht waͤre, das iſt die Unſittlich⸗ 
keit des Verhaͤltniſſes, das aus der Frau am Theater erſt ſelbſt das Opfer macht, 
ehe ſie als Verfuͤhrerin wirkt — die Leibesknechtſchaft, der fruͤher faſt alle Frauen 
am Theater unterworfen waren, und in der heutigentags noch eine unendliche Zahl 
ſich befindet. Es iſt oben geſagt worden, daß ſich die direkten Beziehungen zwiſchen 
Theater und Proſtitution allmaͤhlich geloͤſt haben. Man muͤßte ſich deutlicher aus— 


ſprechen: ſie ſind eigentlich nur einſeitig 
verringert worden. Es verhaͤlt ſich naͤmlich 
ſo: Die Frau ſteigt heute ſeltener auf die 
Buͤhne, um ihren Weg auf rentablere Weiſe 
in der Proſtitution zu machen, wohl aber 
muß ſie ſich nach wie vor proſtituieren, 
wenn ſie ihren Weg auf der Buͤhne machen 
will. Die mit Recht beruͤchtigte Paſcha— 
wirtſchaft des Direktors oder Regiſſeurs iſt 
faft noch ungebrochen. Sie ſucht ein En- 
gagement, gewiß, ihre Stimme iſt herrlich, 
ihr Spiel iſt bezaubernd, aber ... aber 
„ſie muß erſt beweiſen, daß ſie gewillt iſt, 
der Kunſt jedes Opfer zu bringen“. Sie 
wußte zum voraus, daß dieſer Tribut von 
ihr gefordert werden wuͤrde, und da ſie 
damit rechnete, ſo hat ſie am Tage ihrer 
Vorſtellung beim Intendanten auf ihre 
intime Kleidung ſicher dieſelbe Sorgfalt 
verwendet, wie auf die Einſtudierung ihrer 
Proberolle (Bild 390). Es iſt ein boͤſes 
Wort, das aber noch fuͤr ſehr viele Buͤhnen 
Geltung hat, daß das Engagement erſt 
dann perfekt wird, wenn ſie ſich bereit er— 
klaͤrt hat, mit dem Gewaltigen „ein abend— 
fuͤllendes Stuͤck zu agieren, bei dem er 
die Hauptrolle hat, und das er ganz nach 
ſeinem Belieben immer wieder aufs Reper— 
toire ſetzen darf“. Gewiß wird dieſes 
Herrenrecht meiſtens nur bei den Sternen 
zweiten und dritten Grades geltend gemacht, 


441 


„Es kommt jetzt zum Vortrag ein von mir verfaßtes 
Lied „Das ſcheintote Stachelfchwein‘. Es enthält in 
überwältigender, tiefmenſchlicher Tragik das Seelenleben 
eines betrunkenen Kehrichtwagenkutſchers, uͤber dem 
ein Dunſtkreis von verhaͤngnisvoller Schönheit wie ein 
Regenbogen ſchwebt.“ 


403. R. Wilke. Die Diſeuſe. Simplieiffimus 
56 


404. H. v. Toulouſe-Lautree. Die Rabarett:Diva 


aber auch mancher Stern erſter Ordnung hat ſich damit die Wege zum Erfolg bahnen 
muͤſſen. Und wenn die berühmten Theaterſterne von ſolchen Tributforderungen auch 
nie etwas in ihren Memoiren und Erinnerungen vermerken, ſo hebt das die Tat— 
ſache doch nicht auf, daß auch ſie gar oft erſt auf dieſem Wege das letzte Hindernis 
hinwegzuraͤumen vermochten, oder dadurch wenigſtens am einfachſten und ſicherſten 
die vorhandenen Hinderniſſe zu uͤberwinden vermochten, um jene Rolle zuerteilt zu 
bekommen, wo fie einzig ihr ganzes Können entfalten und ſomit endguͤltig durch— 
dringen konnten. „Nicht wahr, jetzt bekomm ich die Iſolde zu ſingen, Herr Inten— 
dant?“ (Bild 402) ſo oder aͤhnlich — ein andermal hieß es „die Elſa“, ein drittes Mal 
„die Donna Elvira“ uſw. uſw. — durften hunderte der Beſten erſt ſprechen, wenn ſie 
ein liebenswuͤrdiges Verſtaͤndnis fuͤr die verliebten Wuͤnſche des Herrn Intendanten 


442 


durch die Tat dokumentiert hatten. Und nicht bloß der Indentant, auch der ein⸗ 
flußreiche Kritiker hat dieſen Tribut gefordert, und auch der ausſchlaggebende Regiſſeur 
hat ihn einkaſſiert, und von da ab erſt ſind die beiden von ihrer Kuͤnſtlerſchaft voll 
uͤberzeugt geweſen. Der tatſaͤchlichen Belege fuͤr die Richtigkeit dieſer Saͤtze bedarf 
es wahrlich nicht, es genuͤgt, an die vielen Theaterſkandale zu erinnern, deren 
Hauptpointe gewoͤhnlich darauf hinauslief, daß die verſchiedenen Theatergewaltigen 
ſich mit Recht ruͤhmen konnten oder auch geruͤhmt hatten, alle oder wenigſtens einen 
großen Teil der weiblichen Mitglieder der Buͤhne auch ſchon anders als bekleidet 
geſehen zu haben. 

In der Karikatur ſpielt dieſes Motiv der weiblichen Leibesknechtſchaft am 
Theater erſt ſeit wenigen Jahrzehnten eine wuͤrdige Rolle, d. h. erſt ſeit dieſer Zeit 
ift fie von prinzipiellen Geſichtspunkten diktiert. Was früher nur perſoͤnliches Pam- 
phlet der in Skandalen ſpekulierenden Geſchaͤftemacher war, das iſt in den Blaͤttern 
von Guillaume und Reznicek auf die Hoͤhe wirklicher ſozialer Satire gehoben. Den 
ſatiriſchen Ernſt der Blaͤtter dieſer beiden Kuͤnſtler vermag der Umſtand nur wenig 
zu verſchleiern, daß ſie auf den Beſchauer nebenbei auch pikant wirken. Man rufe 
ſich bei dieſer Gelegenheit ins Gedaͤchtnis zuruͤck, was weiter oben (Seite 172 und 
173) uͤber dieſes Thema geſagt iſt. 


56* 


443 


405. Karikatur auf Diana von Poitiers, die Maitreſſe Heinrichs II. 


VIII 
Der Unterrock in der Weltgeſchichte 


Es hat ſchon mehr als einen Schriftſteller gegeben, der viel mehr als einen 
blutigen Witz machen wollte, wenn er ſagte: Die Untergruͤnde und Geheimniſſe alles 
geſchichtlichen Geſchehens ſind im letzten Grunde immer nur mit der einen Formel 
zu loͤſen: cherchez la femme. Weiter ausgeführt ſollte dieſe Formel bedeuten: Ihr 
Narren von Maͤnnern, die ihr waͤhnt, ihr waͤret die Leiter der menſchheitlichen Geſchicke, 
ihr ſtuͤndet in ſelbſtherrlicher Groͤße auf der Kommandobruͤcke der Geſchichte, aus— 
ſchließlich euern ſelbſtgefaßten Entſchluͤſſen und Erwaͤgungen entſpraͤnge alles oͤffent— 
liche Geſchehen! Das iſt Selbſttaͤuſchung. Ihr moͤgt die uͤberlegene Miene des 
Staatsmannes, die tiefſinnige des Gelehrten, die zyniſche des Herrenmenſchen, kurz 
welche ihr wollt aufſetzen, es bleibt ſich immer gleich: aufgeblaſene, eitle Hans— 


444 


wurſte feid ihr, wenn ihr fo denkt, und im beften Falle betrogene Betrüger, denn 
hinter jedem von euch raſchelt ein Unterrock, und deſſen Wuͤnſche und Direktiven 
allein ſind es, die ihr vollſtreckt und erfuͤllt. Ihr ſeid weiter nichts als gefuͤgige 
Sklaven eines im Hintergrunde dirigierenden weiblichen Willens. Weil er es will, 
hetzt ihr die Voͤlker aufeinander, wenn er es will, ſeid ihr wild wie die Tiger oder 
harmlos und verträglich wie die Schafe im engen Stall ... 

Es ſind gewiß nicht immer die Duͤmmſten geweſen, denen es gefiel, mit dieſer 
Geſchichtserklaͤrung der mit ſeiner Gottaͤhnlichkeit prunkenden maͤnnlichen Selbſt— 
uͤberhebung hoͤhniſch lachend in die Parade zu fahren. Freilich, die Beweiſe, mit 
denen die Behauptung geſtuͤtzt wurde, daß die Frau in allem der heimliche Kaiſer 
ſei, haben niemals das bewieſen, was die Vertreter dieſer Anſicht im letzten Grunde 
beweiſen wollten, daß — um es in der kuͤrzeſten Form zu ſagen — das Sinnliche 
„einzig der Punkt iſt, aus dem die Welt regiert wird“, aber ſie bewieſen doch das 
eine unwiderleglich: wie fadenſcheinig die offiziellen Gründe find, mit denen die 
Frau um ihre politiſchen Menſchenrechte geprellt iſt. 

In dem vorliegenden Kapitel ſoll es ſich nun nicht um die Vorfuͤhrung und 
Wuͤrdigung der Belege handeln, die dieſes angeblich allgemeine Geſetz: wie die Frau 
trotz ihrer Degradierung zu einem Menſchen zweiter Klaſſe es verſteht, ſich an Stelle 
des Mannes zum Diktator aufzuwerfen, und wie ſie die Geſchicke der Menſchen teils 
offen, teils verſteckt beeinflußt, — nicht um die Wuͤrdigung der Belege ſoll es ſich 
handeln, die dieſes angeblich allgemeine Geſetz ebenſo allgemein illuſtrieren, ſondern 
nur um jene ganz beſtimmten Frauen, die wirklich in dem eine Rolle geſpielt haben, 
was man im politiſchen Sinne Weltgeſchichte nennt, und zwar ſei es infolge des 
Zufalls der Geburt, die ſie auf einen Thron erhob, ſei es durch die Macht, die ſie 
entweder durch geiſtige Überlegen— 
heit oder durch ihre ſinnliche Wir— 
kung uͤber einen regierenden Fuͤrſten 
oder einen Staatsmann erlangt 
haben. Natuͤrlich kann es ſich nur 
um einzelne charafteriftifche Bei— 
ſpiele in den verſchiedenen Rich— 
tungen handeln, da, wie ſchon in 
der Einleitung geſagt worden iſt, 
die perſoͤnliche Karikatur in dieſem 
Buche erſt an letzter Stelle ſtehen ſoll. 


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5 f 406. Italieniſcher ſatiriſcher Holzſchnitt auf die angebliche Paͤpſtin 
Frauen nach zwei Geſichtspunkten Johanna. 18. Jahrhundert 


445 


zu ſcheiden: in legitim und in illegitim regierende. D. h. wie oben angedeutet: in die 
kraft der herrſchenden Erbfolgegeſetze offiziell regierenden Fuͤrſtinnen und in die durch 
ihre Herrſchaft uͤber einen beſtimmten Fuͤrſten oder Staatsmann hinter den offiziellen 
Kuliſſen regierenden Frauen. Die illegitime Herrſchaft der Frau hat ihre Spitze 
im politiſchen Maitreſſenregiment, und dieſes dominiert wieder im Zeitalter des 
Abſolutismus. Zeitalter des Abſolutismus und Zeitalter des Maitreſſenregiments 
ſind darum immer mit Recht ſynonyme Begriffe geweſen. Freilich iſt das Maitreſſen— 
regiment immer nur die ausgeſprochenſte Form der illegitimen Regierung der Frau, 
in die Rubrik der illegitim regierenden Frauen gehoͤren auch die zahlloſen Ehe— 
gattinnen regierender Fuͤrſten, die durch die Staͤrke ihres Geiſtes oder durch ihre 
Macht im Ehebett Herrſchaft oder ſtarken Einfluß uͤber den ſchwaͤchlicheren Gatten 
haben und es dadurch fertig bringen, in der Politik ihren Willen und ihre Anſichten 
auffaͤllig zum Ausdruck zu bringen. Als Beiſpiele ſolcher Frauen ſeien nur genannt: 
Marie Antoinette von Frankreich, Koͤnigin Luiſe von Preußen, Kaiſerin Eugenie 
von Frankreich und die ermordete Koͤnigin Draga von Serbien. 

Im allgemeinen iſt zu ſagen, daß alle dieſe verſchiedenen Kategorien, genau 
ſo wie alle politiſch hervortretenden Maͤnner von der Satire in Wort und Bild in 
ihrem Tun und ihrer Perſon kommentiert worden ſind, die letztgenannte Kategorie 


Die verliebte Katharina von Medicis 


497. M. Merian. 16. Jahrhundert 


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Die Königin von Ungarn zieht ein Paar bayriſche Hoſen an 


408. Englifche Karikatur auf den Sieg Maria Thereſias über Karl VII. von Bayern im öſterreichiſchen Erbfolgekrieg. 


freilich meiſt nur dann in ſtaͤrkerer Weiſe, wenn es augenfaͤllig in Erſcheinung trat, 


daß die vom Manne offiziell verfolgte Politik durch den hinter ihm ſtehenden weib— 
lichen Willen beſtimmt wurde. 

Jedes Jahrhundert ſeit dem fuͤnfzehnten kennt mehrere regierende Frauen, 
und jedes weiſt auch ſolche auf, die tatſaͤchlich eine in ihrer Art bedeutende welt— 
geſchichtliche Rolle geſpielt haben. Als ſolche ſeien nur genannt: Katharina von 
Medicis, Maria Thereſia von Oſterreich, Katharina II. von Rußland und die 
Koͤnigin Viktoria von England. Auf dieſe vier regierenden Fuͤrſtinnen ſollen ſich 
auch unſere Demonſtrationen in dieſer Richtung beſchraͤnken. 

Katharina von Medicis, die beruͤhmt-beruͤchtigte Tochter des Lorenzo von Medicis, 
die als Gattin Heinrichs II. nach Frankreich kam und nach deſſen Tode im Jahre 
1560 es verſtand, die Regentſchaft in ihre Haͤnde zu bekommen, hat durch die 
ſkrupelloſen Mittel, mit denen ſie ihre Herrſchaft errang und befeſtigte, durch die 
Infamie, mit der ſie ihre Gegner niederwarf, zweifellos den allgemeinen Haß und 
die Verachtung in einer Weiſe an ihren Namen geheftet, wie außer ihr vielleicht 
nur Katharina II. von Rußland. Als ausreichender Beweis genuͤgt die Erwaͤh— 
nung der Bartholomaͤusnacht, deren direkte Anſtifterin und Leiterin ſie geweſen iſt. 
Der von Katharina von Medicis entfachte Haß reflektierte, da offene Angriffe faſt 
ausgeſchloſſen waren, ſehr bald in einer Reihe von ſatiriſchen Epigrammen, Anek⸗ 


447 


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409. Engliſche Karikatur auf die Herzoginnen Portland und Devonfhire, die Freundinnen von Charles Fox. 1784 


doten und Karikaturen, die immer ſehr ſchnell von Mund zu Mund und von Hand zu 
Hand wanderten, weil der hauptſaͤchlichſte Haß wider ihre Perſon ihren Herd in der 
großen Partei der Hugenotten hatte. Fuͤr die ſtete Bereitſchaft zu immer neuen An— 
griffen bot das perſoͤnlich ſittenloſe Leben der Koͤnigin und die von ihr am fran— 
zoͤſiſchen Hof mit Raffinement inſzenierte ſittliche Korruption nicht nur den dankbarſten, 
ſondern auch einen unerſchoͤpflichen Stoff. Charakteriſtiſch für die perſoͤnliche 
Schamloſigkeit Katharinas iſt das folgende Vorkommnis, das ihr Zeitgenoſſe und 
Parteigaͤnger Brantome uͤber ſie mitteilt: 

„Als ſie ſich eines Tages von ihrem Kammerdiener die Struͤmpfe und Schuhe anziehen 


ließ, fragte ſie ihn, ob ihn das nicht in Aufregung und Verſuchung bringe. Der Diener glaubte 
es gut zu machen und ſagte aus Reſpekt vor feiner Herrin: Nein. Da erhob fie die Hand und 


448 


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MADAMOISELLE 


Engliſche Karikatur von R. Newton auf die 


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Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ 


1802 


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allettaͤnzerin Pariſot. 


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Albert Langen, München 


gab ihm eine tuͤchtige Ohrfeige. „Fort,“ rief fie, „du kannſt deinen Dienſt aufgeben, du biſt ein 
Einfaltspinſel, ſcher dich deiner Wege!“ 

So groß die Schamloſigkeit iſt, die ſich in dieſem Vorkommnis offenbart, ſo 
iſt ſie doch relativ harmlos im Vergleich zu der Schamloſigkeit der Mittel, die 
Katharina anwandte, um mit Hilfe der Wolluſt den ganzen franzoͤſiſchen Hof in 
ihrem Herrſchaftsintereſſe zu korrumpieren. Das charakteriſtiſchſte Beiſpiel fuͤr ihre 
Korruptionsmethode iſt ihr weiblicher Hofſtaat, der aus den ſchoͤnſten und zum Teil 
vornehmſten Frauen Frankreichs zuſammengeſetzt war. Dieſem illuſtren Hofſtaat war 
ſozuſagen die einzige Aufgabe geſtellt, den ganzen Hof ſyſtematiſch in einen Taumel 
der Sinnlichkeit zu verſetzen und jeden Augenblick zu den tollſten Ausſchweifungen 
zu verleiten. Dieſem edeln Zwecke diente vor allem das raffinierte Koſtuͤm, das die 
Tochter des großen Lorenzo fuͤr ihren Hofſtaat entwarf. Nach den Schilderungen 
von Zeitgenoſſen und nach bildlichen Darſtellungen, die noch erhalten ſind, beſtand 
das Oberkleid aus einem enganliegenden Panzer, an dem ſich vorne Ausſchnitte in 
der jeweiligen Groͤße des Buſens der betreffenden Dame befanden, aus denen die 
beiden Brüfte völlig nackt hervortraten. Der Rock, unter dem kein weiteres Kleidungs— 
ſtuͤck getragen wurde, war auf beiden Seiten bis zur Hoͤhe der Huͤften aufgeſchlitzt 
und nur durch einige Spangen loſe zuſammengehalten, ſo daß bei jeder Gelegenheit, 
beim Sitzen, beim Gehen, beim Stehen und vor allem beim Tanzen die intimſten 
Reize dieſer ſchoͤnen Frauen den neugierigen Blicken der Hofleute ſichtbar wurden. 
Dieſe Kleidung hatten die Hofdamen angeblich bei allen Hoffeſten zu tragen (vgl. 
Auch S. 330). 

Die Satire hat nicht verſaͤumt, dieſe Debaucherien geſchaͤftig in die Offent⸗ 
lichkeit zu tragen. Von der von Brantome geſchilderten Szene mit dem Kammer 
diener, die ſelbſtverſtaͤndlich ſofort das Hofgeſpraͤch bildete, erſchienen mehrere Kupfer, 
von denen das Bild 407 den angeblich weiteſtverbreiteten zeigt. Das raffiniert⸗ 
ſchamloſe Koſtuͤm von Katharinas Hofdamen gab dem italieniſchen Karikaturiſten 
Nicolo Nelli den Stoff zu einem ausgezeichneten ſatiriſchen Kupfer „Die ehrwuͤrdige 
Koͤnigin aus Schlaraffenland“, der den beſonderen 
Zorn Katharinas erregt haben ſoll, denn war er 
auch in Italien entſtanden, ſo fand er doch ſeinen 
Weg nach Paris und dort auch ſehr viel begierige 
Haͤnde und Augen. Dieſer Kupfer und noch eine 
zweite Karikatur auf Katharina von Medici finden 
ſich im erſten Band der Karikatur der europaͤiſchen 
Voͤlker (vgl. dort Bild 54 und 55) abgebildet. 

An die Namen Maria Thereſia von Oſter⸗ 
reich und Katharina II. von Rußland knuͤpft ſich 


ein Teil der wichtigſten politiſchen Ereigniſſe des 410, Engliſche Karikatur auf Katharina II. 
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Arr. Engliſche Karikatur auf die weiblichen Bundesgenoffinnen der verſchiedenen engliſchen Staatsmaͤnner 


18. Jahrhunderts, die wichtigſten Korrekturen der europaͤiſchen Landkarte, ſie ſtanden 
darum ſtets im Mittelpunkte der europaͤiſchen Streite und boten ſomit vor allem der 
internationalen Karikatur ſtarke Anreize. Bei Maria Thereſia, deren geiſtige Bedeutung 
in jeder Beziehung uͤberſchaͤtzt wurde, und die viel richtiger taxiert iſt, wenn man ſie 
ebenſo tief einſchaͤtzt, wie man ſie hoch einſchaͤtzt, ſetzten die großen politiſchen Konflikte 
gleich bei ihrer Thronbeſteigung ein. Alle europaͤiſchen Fuͤrſten erblickten in ihrer 
Thronbeſteigung eine guͤnſtige Gelegenheit, irgendwelche Anſpruͤche an die öfter: 
reichiſchen Erblande geltend zu machen. Friedrich II. von Preußen machte Hoheits— 
anrechte an Schleſien geltend, Karl VII. machte Maria Thereſia uͤberhaupt die Krone 
ſtreitig, was zu dem langwierigen, mit wechſelvollem Gluͤck geführten Erbfolgekrieg 
fuͤhrte, Frankreich, Spanien und Sardinien hatten ähnliche Schmerzen. Dieſe 
Konflikte ſetzten ſich faſt waͤhrend ihrer ganzen Regierung fort, die ganze 
politiſche Ara, die ihren Namen traͤgt, iſt ein ununterbrochenes, internationales 
politiſches Schachturnier, bei dem tatſaͤchlich die Koͤnigin immer die wichtigſte Figur 
iſt. Da es ſich, wie geſagt, ſtets um ſehr große Korrekturen der europaͤiſchen Land— 
karte handelte, ſo hat die geſamte oͤffentliche Meinung Europas ein dauernd großes 
Intereſſe an der Entwicklung der Dinge genommen. Deutlicher Beweis dafuͤr iſt 


450 


die engliſche, holländische und franzoͤſiſche Karikatur jener Zeit; in jeder finden ſich 
mehr oder minder bedeutſame Blaͤtter, die ſich mit Maria Thereſia beſchaͤftigen. 
Der allgemeine uͤberfall, der von den ſaͤmtlichen europaͤiſchen Fuͤrſten auf Maria 
Thereſia ſofort nach ihrer Thronbeſteigung gemacht wurde, iſt vielleicht am beſten durch 
eine hollaͤndiſche Karikatur „Die Vergewaltigung der Koͤnigin von Ungarn“ ſatiriſch 
ſymboliſiert worden. Fuͤnf Staaten: Preußen, Frankreich, Bayern, Spanien, Sar— 
dinien, die alle durch ihre Oberhaͤupter repraͤſentiert ſind, haben die junge, ſchoͤne 
Koͤnigin bis aufs Hemd ausgezogen. Am ſtuͤrmiſchſten verfaͤhrt dabei Friedrich II. 
von Preußen; waͤhrend Bayern und Spanien ſich mit den Struͤmpfen und dem 
Beſitz des Korſetts und der Roͤcke begnuͤgen, will Friedrich II. die junge Koͤnigin 
noͤtigen, ihm gaͤnzlich zu Willen zu ſein. Bei ſeinen kuͤhnen Unternehmungen wird 
er vom Kardinal Fleury, dem Vertreter Frankreichs, hilfreich unterſtuͤtzt, der ſich 
zum Paravent fuͤr Friedrichs unſittliche Angriffe macht. Die boshafteſte Pointe dieſer 
Karikatur iſt jedoch die: Maria Thereſias Gemahl ſieht allen dieſen gegen ſeine 
junge Frau unternommenen Angriffen ganz gelaſſen zu, er begnuͤgt ſich damit, zu 
erklaͤren: „Ich habe mich zur Neutralitaͤt verpflichtet.“ Die Derbheit dieſer ſatiriſchen 
Argumentation verbietet natuͤrlich die Reproduktion dieſes Blattes. 


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412. Karikatur auf die Gräfin Lichtenau, die Maitreſſe Friedrich Wilhelm II. von Preußen 


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451 


Die Niederlage Karls VII. von Bayern im oͤſterreichiſchen Erbfolgekrieg, die 
dieſer mit dem Verluſt der boͤhmiſchen Koͤnigskrone bezahlen mußte, illuſtriert das 
engliſche Blatt „Die Koͤnigin von Ungarn zieht ein Paar bayriſche Hoſen an.“ 
Die ſatiriſche Pointe geht auf Karl VII. und lautet: „Statt daß er den Unter— 
rock bekam, hat er ſeine Hoſen verloren“ (Bild 408). Als im Jahre 1744 die 
Franzoſen und Preußen in Boͤhmen gegen Maria Thereſia unterlagen, war es eben— 
falls England, das den Sieg Maria Thereſias mit Karikaturen glorifizierte. Beim 
Siebenjaͤhrigen Krieg verhielt es ſich aͤhnlich. 

Wenn die Karikatur in der ſatiriſchen Darſtellung der politiſchen Ereigniſſe, 
in die Maria Thereſia mitverflochten war, wie man ſieht, zwar auch ſehr gerne 
pikante Pointen verwendete, ſo war damit der perſoͤnlichen Sittlichkeit Maria 
Thereſias doch niemals ein Vorwurf gemacht, es war niemals etwas anderes als 

ein Mittel zu dem Zweck, 
die betreffenden Karikaturen 
intereſſanter zu machen, ein 
bloßes Nachgeben gegenuͤber 
einer Verleitung, die eben 
von vornherein da iſt, ſowie 
eine Frau in Frage kommt. 
Ein ganz ander Ding iſt es, 
wenn wir von Katharina II. 
von Rußland kaum eine 
einzige Karikatur auftreiben 
koͤnnen, in der nicht die 
Sinnlichkeit einen Akkord 
anſchluͤge. Dieſe Tatſache 
iſt nichts anderes als ein 
beredtes Zeugnis dafuͤr, daß 
die Skrupelloſigkeit, mit der 
die ehemalige Zerbſter Prin— 
zeſſin vom erſten Tage ihrer 
Regierung an ihrem unſtill— 
baren Liebeshunger oͤffentlich 


Genuͤge tat, derart ver— 
bluͤffend war, daß dies allem 
ihrem Tun das ſpezifiſche 
Kolorit gab, daß man ihr 
Bild nie zu geben vermochte, 


Der illufteierte königliche Wahlſpruch: 
Fat, Fair and Forty 


413. Engliſche Karikatur auf Mrs. Fitzherbert, die Maitreſſe des nach: N 
maligen Georg IV. 1786 ohne es durch einen Zug 


452 


Enjambe6e de la sainte famille des thuilleries & montmidy. 


414. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Flucht der franzöfifchen Koͤnigsfamilie aus Paris. 20. Juni 1792 


wuͤſter Sinnlichkeit zu verzerren. Und in der Tat, die ſchamloſe Sinnlichkeit der nordiſchen 
Meſſalina war derart ungeheuerlich, daß ſelbſt dieſes an die ſtaͤrkſten Dinge gewoͤhnte 
Zeitalter aus dem Staunen niemals herauskam. So iſt denn auch das Ergebnis, wie 
es die Karikatur widerſpiegelt, ganz folgerichtig: man ſah in ihr immer das wolluͤſtige 
Ungeheuer. Und weiter: man benutzte ihre Sinnlichkeit nicht bloß deshalb, um poli⸗ 
tiſche Karikaturen intereſſanter zu machen, ſondern umgekehrt: man ſuchte in den 
politiſchen Konftellationen vielmehr die Formen, Katharinas Liebeswut fo grotesk 
wie moͤglich, d. h. eben adaͤquat darzuſtellen. Das iſt denn auch mehrfach ver— 
bluͤffend gelungen. Das bezeichnendſte Beiſpiel iſt der große, aus der Zeit der 
franzöfifchen Revolution ſtammende, farbige Kupfer „L’Enjambee Impériale“, der 
Katharinas Weltherrſchaftsplaͤne zum Gegenſtand hat (ſiehe Beilage in Bd. II der 
„Karikatur der europaͤiſchen Voͤlker“). Eine weitere Folge iſt freilich, daß es von 
keiner einzigen regierenden Fuͤrſtin aͤhnlich grotesk-kuͤhne Karikaturen gibt, vor allem 
gibt es von keiner relativ ſo viele Karikaturen, die wegen ihrer erotiſchen Kuͤhnheit 
heute von einer Wiedergabe ausgeſchloſſen ſind. Aus der Zeit der großen franzoͤ— 
ſiſchen Revolution ſtammen uͤbrigens die meiſten Karikaturen auf Katharina II.; 
ihre wuͤtenden Proteſte gegen die Konzeſſionen Ludwigs XVI. veranlaßten die Kari— 
katuriſten, ihrer immer wieder zu gedenken. Einen Ausſchnitt aus einem ſolchen 
Blatt — „Die letzten Konzeſſionen Ludwigs XVI.“ — zeigt hier das Bild 410. 
Bei der Koͤnigin Viktoria von England verhielt es ſich aͤhnlich wie bei Maria 


453 


‚Molhinsr erknude nor 
au den auphE un Madre’ & 


Der unerwartete Beſuch im Harem 


415. Engliſche Karikatur auf die Kenntnis der Königin Karoline von dem ausſchweifenden Leben Georg IV. 


Thereſia. Gewiß iſt ſie auf dem politiſchen Schachbrett nicht in demſelben Maß die 
Hauptfigur geweſen, die buͤrgerliche Entwicklung hatte in England die Krone laͤngſt 


zur Exekutive verdammt; da aber wohl bei allen wichtigen politiſchen Umwaͤlzungen 
und allen internationalen Ereigniſſen des 19. Jahrhunderts England irgendwie be— 
teiligt war, ſo iſt es begreiflich, daß die Koͤnigin Viktoria in der Karikatur zum 
Typ wurde, in dem man Englands Stellung und Rolle charakteriſierte. Freilich 
weniger wegen ihrer perſoͤnlichen Politik, als wegen ihres langen Lebens, in dem 
ſich die engliſche Geſchichte am laͤngſten verkoͤrperte. The Queen in der Karikatur 
fuͤllt dicke Mappen. Die wirklich guten Karikaturen von ihr hat jedoch erſt das 
letzte Jahrzehnt hervorgebracht, in dem politiſch wichtige Ereigniſſe, wie der Buren— 
krieg, mit einem kuͤnſtleriſchen Hoͤhepunkt der Karikatur zuſammenfielen. Der Franzoſe 
Leandre iſt geradezu berühmt geworden wegen feiner Karikaturen auf the Queen — 
unverdienterweiſe, denn fie find alle harmlos-humoriſtiſch und halten in keiner 
Richtung den Vergleich mit den Blättern aus, die Th. Th. Heine und Bruno Paul 
von ihr gemacht haben (Bild 419 und Seite VII). 

Es iſt ſchon oben geſagt worden, daß die Zahl der fuͤrſtlichen Frauen, die 
durch ihre Einfluͤſſe auf den offiziell regierenden Mann hinter den Kuliſſen mit— 
regiert haben, hundertmal groͤßer iſt als die Zahl der wirklich regierenden Fuͤrſtinnen, 
und als Beiſpiele ſind verſchiedene genannt worden; hier ſei der mit Belegen ver— 
ſehene Hinweis auf Maria Antoinette und auf die Kaiſerin Eugenie beſchraͤnkt. 


454 


Beide Frauen figurieren überaus ſtark in der Karikatur, denn in beiden fah die 
Oppoſition den Hauptwiderſtand oder den Hauptſtuͤtzpunkt einer beſtimmten Politik 
verkoͤrpert. Natuͤrlich kommt bei beiden noch hinzu, daß beider Namen mit poli— 
tiſchen Wendepunkten der Geſchichte verknuͤpft ſind. 

In Maria Antoinette, der Gattin des in jeder Hinſicht klaͤglichen Ludwig XVI., 
ſpruͤhte noch einmal der ganze frivole Leichtſinn des Abſolutismus auf, der ſpielend 
Millionen verſchwendete, der die Raubtiergier der geſamten ariſtokratiſchen Lumpokratie 
des 18. Jahrhunderts unter den fadenſcheinigſten Rechtstiteln mit den fetteſten 
Sinekuren fuͤtterte, waͤhrend das Volk tatſaͤchlich vor Hunger krepierte. Andererſeits 
war es nur zu offenkundig, daß ſie nicht nur immer mitredete, ſondern daß ſich in 
ihr auch politiſch das Syſtem verkoͤrperte, das Syſtem, dem von der hiſtoriſchen 
Entwicklung laͤngſt das unrevidierbare Todesurteil geſprochen war, und das denn 
auch nicht wie ein reifer, ſondern wie ein bereits fauler Apfel vom Baume der 
Entwicklung fiel. Dieſe Rolle ſchuf eine Folie, von der ſich das Bild Maria 
Antoinettens aufs denkbar grellſte abheben mußte; es gab dem Haß und der Ver— 
leumdung die letzte Waffe in die Hand. Es iſt darum nicht verwunderlich, daß 
ihre Perſon nur ſelten auf den wichtigeren Karikaturen gegen die Monarchie fehlte, 
die in den erſten Jahren der franzoͤſiſchen Revolution erſchienen, und daß ſie 
ſogar ſehr haͤufig die Hauptperſon iſt, daß ſie als die dargeſtellt iſt, von der die 
Initiative ausgeht, auf die die Verantwortung faͤllt. Ein Beleg dafuͤr iſt der im 
Original rieſengroße farbige Kupfer „Enjambée de la sainte famille des thuilleries 
a montmidy“, der zu den bemerkens— 
werteſten Karikaturen der franzoͤſiſchen 
Revolution zählt (Bild 414). 

Eine ſo große hiſtoriſche Bedeutung 
kam der Kaiſerin Eugenie gewiß nicht zu, 
aber es iſt doch nicht zu uͤberſehen, daß 
der Bonapartismus vom Jahre 1850 bis 
1870 die tonangebende Note des euro— 
paͤiſchen Voͤlkerkonzerts war, und daß 
Eugenie der typiſche Repraͤſentant des 
von den einen vergoͤtterten, von den 
andern ebenſo toͤdlich gehaßten Prinzips 
war, und weiter: daß ſie in der geſamten 
bonapartiſtiſchen Politik tonbildend immer 
ſehr ſtark mitwirkte, und zwar immer in 
ausgeſprochen reaktionaͤrer Richtung: der 
Jeſuitismus hatte keine zaͤrtlichere Buſen— 


Iſabella von Spanien uͤberſchreitet die Pyrenaͤen. 
freundin und Fuͤrſprecherin in der euro— 416. André Gill. Les Lanternes von Rochefort 


455 


paͤiſchen Politik als fie. 
Alles das reichte natuͤrlich 
vollkommen aus, um auch 
ihrer Perſon eine Folie zu 
geben, die den Gegnern 
jeden Zug fuͤr eine ſatiriſche 
Beleuchtung verfuͤhreriſch 
machte. Die internationale 
Karikatur der Jahre 1855 
bis 1870, die im deutſch— 
franzoͤſiſchen Krieg ihren 
turbulenten Hoͤhepunkt er— 
reichte, illuſtriert es durch 
Hunderte vonEinzelblaͤttern 
und Zeitungskarikaturen. 
Und wohl am deutlichſten 
dadurch, daß das ſatiriſche 
5 Se Thema ebenfooft „Er, Sie, 
535 = = — nn Es“ und „Elle“ wie „Lui“ 


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Saillant, lil. rae du Croisank ‚Sen. 


ee lautete. Eugeniens angeb— 
liche Libertinage und ehe— 
liche Untreue lieferte dabei 
den hauptſaͤchlichſten Stoff fuͤr die ſatiriſche Charakteriſtik ihrer Perſon (Bild 305 
und 418). 

Wer auf den Höhen des Lebens wandelt und aller Welt ſichtbar iſt, wird 
immer mit Argusaugen bewacht, ihm wird niemals geſchenkt oder milde verziehen, 
woruͤber man bei gewoͤhnlichen Sterblichen oft mit einem bloßen Achſelzucken hin— 
weggeht. So kommt es, daß Eheirrungen von Fuͤrſtinnen für ſich allein, auch 
wenn ſich keine beſonderen politiſchen Komplikationen daran knuͤpfen, immer ein 
Thema ſind, das oͤffentlich aufs breiteſte abgehandelt wird. Vielleicht die bezeich— 
nendſten Beiſpiele bieten dafuͤr das illegitime Liebesleben der Koͤnigin Karoline, der 
Gattin Georgs IV. von England, mit ihrem Leibkutſcher Bergami und die ekelhaft 
gemeinen Debauchen der Koͤnigin Iſabella II. von Spanien, in deren Liebeskalender 
die Namen General Serrano, Joſe de Arana und Marfori vielleicht noch die rein— 
lichſten Kapitel ſind. Aber wenn Iſabella in der Karikatur keinen einzigen Fuͤr— 
ſprecher fand, ſo iſt Karoline von England ſicher durch ebenſoviel Karikaturen 
verteidigt worden (Bild 415), wie in anklaͤgeriſchem Sinne gegen ſie erſchienen 
ſind. Und in gewiſſer Hinſicht wirklich mit Recht. Das Leben ihres Gatten beſtand 
nur aus Unzucht. Denn wenn Georg IV. auch entſprechend ſeinem Wahlſpruch 


417. Franzoͤſiſche Karikatur auf die Prinzeſſin Mathilde 


456 


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Franzoͤſiſche Modekarikatur von Charl 


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Darcis P 22 5 


1795 


ernet aus der Revolutionszeit. 


Albert Langen, Muͤnchen 


„Fat, Fair and Forty“ den maſſiven Reizen feiner Maitreſſe Miß Fitzherbert Jahr: 
zehnte hindurch huldigte (Bild 413 u. 415), ſo war dieſes Verhaͤltnis doch gewiſſer— 
maßen nur der Hafen, in den er der Bequemlichkeit halber immer wieder zuruͤck— 
kehrte, bis ſich Gelegenheit zu einem neuen Ausflug in neue Gebiete bot. So 
war's, als er noch Prinz von Wales und unverheiratet war, ſo blieb es, als er die 
hannoverſche Prinzeſſin Karoline zur Frau bekam. Seine Gattin uͤbte alſo nur 
Vergeltung, freilich — und das darf man auch nicht uͤberſehen — auf hoͤchſt geſchmack— 
loſe Weiſe. 

Bilden die ſeither behandelten Abſchnitte des Unterrocks in der Weltgeſchichte 
zweifellos ein hoͤchſt intereſſantes Kapitel, ſo bildet das Kapitel des wirklichen 
Maitreſſenregimentes doch einen Abſchnitt, der wahrlich in jeder Richtung noch reicher, 
noch abwechſlungsvoller, noch intereſſanter iſt, denn hier hat ſich der Frauenkultus 
ſeine tollſten Kapriolen geleiſtet. Und die Dokumente, die davon kuͤnden, ſind darum 
auch ſittengeſchichtlich von hoͤchſtem Intereſſe. Angefangen von einer Diana von 
Poitiers — „Der Stute von Frankreich“ —, Heinrichs II. einflußreicher Geliebten, 
die die zeitgenoͤſſiſche Satire den Inbegriff der Schamloſigkeit nannte und dement— 
ſprechend darſtellte (Bild 405), bis herab zu einer Lola Montez, der allmaͤchtigen 
Huldin des mit Partizipial— 
konſtruktionen fuͤr Teutſch— 
tum und fuͤr Sittlichkeit beim 
Volke ſchwaͤrmenden Lud— 
wig I. von Bayern. 

Das Kapitel des 
Maitreſſenregimentes iſt vor 
allem umfangreicher — wes— 
halb man auch gar nicht ins 
Detail gehen kann —, es 
umſpannt faſt luͤckenlos die 
ganze Zeit des fuͤrſtlichen 
Abſolutismus von ſeinen Ur— 
anfaͤngen an und in allen 
Laͤndern. Iſt es immer nur 
ein Ausnahmefall, wenn 
eine Frau auf den Thron 
kam, ſo iſt es faſt eine 


Gallerie berühmter Perſönlichkeiten. 


Pr 


Regel, daß fich jeder abſo— R 3 
9 5 6 au J | 5 2 = . 
ute Fuͤrſt offiziell Maitreſſen . Saiſerin () Eugene, die ſpaniſche So eilige 
haͤlt, eben ſo ſtereotyp iſt Herausgegeben von Herd. Fränkel, Redalckeur der Sladl ſraubas in Plänen. 
5 Druck o. J. Zehend ui dle Au 
auch, daß dieſe Gunſtdamen 478. Deutſche Karikatur. 1870 
58 


457 


in viel haͤufigeren Fällen 

Einfluß auf die Regierung 

und auf die Politik hatten, 

und vor allem einen groͤßeren 

Einfluß als die ehelich an— 

getrauten Gattinnen. Die 

Wahl der Gattin hat immer 

das dynaſtiſche Intereſſe 

diktiert, die Maitreſſe war 

dagegen von der perſoͤnlichen 

Laune, dem Geſchmack, oder 

der aufgeſtachelten Sinnlich— 

keit gewaͤhlt, fuͤr die es kein 

Verſagen gab. Von einem 

koͤniglichen Bewerber fordert 

die kaͤufliche Liebe natuͤrlich 

die hoͤchſten Honorare; fuͤr 

C. Leandre. Karikatur auf die Königin Viktoria von England ſelbſtbewußte, eitle oder 

herrſchſuͤchtige Frauen iſt das 

hoͤchſte Honorar ſelbſtverſtaͤndlich Zugeſtaͤndnis eines Einfluſſes auf die Regierung. 

Und ſie forderten alle dieſes Honorar: ſo die ſchoͤne Sydowin von Joachim II., ſo 

Diana von Poitiers von Heinrich II., fo die Maintenon von Ludwig XIV,. ſo die 

Graͤfin Coſel von Auguſt dem Starken, fo die Pompadour von Ludwig XV. ſo die 

Lichtenau von Friedrich Wilhelm II. und ſo hundert andere. Und ſie erhielten fuͤr 

ihre Liebesdienſte auch alle dieſes Honorar, ſei es offiziell, wie bei einer Pompadour 

oder Lola Montez, ſei es vertuſcht, wie in anderen Faͤllen. Aus dem ſozuſagen 

natuͤrlichen politiſchen Einfluß der Maitreſſen erklaͤrt es ſich auch, daß es der Adel der 

meiſten Länder immer als ſein ſpezielles Vorrecht anſah, die Betten geiler Landesvaͤter 

mit ſeinen Toͤchtern und Frauen zu bevoͤlkern. Und wenn wirklich einmal eine große 

ſittliche Entruͤſtung Über die Ausſchweifungen des Landesvaters die herrſchende Adels— 

klaſſe in Wallung brachte, ſo wollte es der Zufall faſt immer, daß zu der betreffenden 
Zeit gerade buͤrgerliche Reize adligen den Rang abgelaufen hatten. 

Die Konkurrenz der Bewerberinnen um den Vorzug, die Erkorene zu ſein, hat 


natuͤrlich ſchon an ſich zu ewigen Streitereien und Intriguen gefuͤhrt. Die Verleum— 
dung und die Intrigue waren permanent, denn das war doch auch das Weſen des 
Maitreſſenregimentes: keine Situation war endgültig. Die Unterlegene von heute 
konnte die Siegerin von morgen ſein, oder umgekehrt. Alſo galt es, ſtaͤndig auf dem 
Poſten zu ſein. Solche Kaͤmpfe geſtatteten natuͤrlich auf beiden Seiten nur hinter— 
liſtige Waffen, und zu denen gehoͤrte in erſter Linie das anonyme Pamphlet, das 


458 


gefchriebene ſowohl als auch das gezeichnete. Die pamphletiſtiſche Karikatur hat 
denn auch niemals an den abſolutiſtiſchen Hoͤfen gefehlt. 

Natürlich entſprang die lokale Karikatur nicht nur dem Neid der uͤber⸗ 
gangenen, ſondern auch ſehr haͤufig dem empoͤrten Volksgewiſſen, das ſich fuͤr die 
meiſt unertraͤglichen Laſten und Qualen, die ein Maitreſſenregiment dem Lande ſtets 
aufbuͤrdete — die wahnſinnigſte Laune der Sultanin mußte doch befriedigt werden! —, 
zu rächen ſuchte. Gehört zum Pamphlet fat immer die Anonymität, fo war fie 
natürlich auch hier Vorausſetzung, denn der abfolute Fürft fühlte ſich immer in 
feinen heiligſten Rechten getroffen und verlegt, wenn von feinen Laſtern geſprochen 
wurde und ſeine Kebſin anders als mit bewundernden Worten apoſtrophiert wurde. 

Als Beiſpiele ſolcher Karikaturen ſeien die auf die Graͤfin Lichtenau (Bild 12 
und 412) genannt, ſie ſind angeblich in Leipzig erſchienen, wahrſcheinlich aber in 
Berlin. 

Fuͤr die auslaͤndiſche Karikatur war die Tatſache eines Maitreſſenregimentes 
natuͤrlich ſtets ein ſehr dankbarer Angriffspunkt, denn ſchließlich gab es doch keinen 
boshafteren Hohn auf einen regierenden Fuͤrſten, 


als den, ihn veraͤchtlich beiſeite zu ſchieben und 2 0 
vor der Öffentlichkeit zu demonſtrieren: nicht Lassata quidem nondum Salad. 


du, ſondern deine raͤnkevolle Gunſtdame iſt die N 


| — — 


verantwortliche Leiterin deiner Politik. 


Zum Schluß waͤre noch einer letzten 


Kategorie „regierender“ Frauen zu gedenken, 
und zwar jener, die ihre Liebe und Verehrung 
zu einem hervorragenden Politiker oder Staats— 
mann dazu trieb, alle Konvention zu mißachten 
und mit der Macht ihrer Reize oder ihrer 
geiſtigen Potenzen bei den ausſchlaggebenden 
Maͤchten fuͤr den Angebeteten zu werben und 
zu agitieren. Solche Frauen kennt vor allem 
die Geſchichte Englands. Auch hier kann ein 


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einziges Beiſpiel genügen. Das trpiſchſte ift a 
vielleicht die Herzogin von Devonfhire, die durch . \ 


die kuͤhne Art, mit der fie öffentlich für ihren 
großen Freund Fox, den Gegner Pitts, warb 
— der geringſte Mann aus dem Volke durfte 
ie umarmen und kuͤſſen, wenn er ſich ver— 

[ ll A ſich Ich babe es fatt, die ſchmutzige Wäſche der 


pflichtete, ſeine Stimme Fox zu geben —, zu Obrenowilſch zu waſchen. 
420. Brandt. Karikatur auf Draga Maſchin 
und Koͤnigin Natalie von Serbien. 
erlangte. Sie war uͤbrigens nicht die einzige, Kladderadatſch, 
58 ** 


jener Zeit eine internationale Beruͤhmtheit 


459 


die in dieſer Weiſe für den großen engliſchen Volkstribunen entflammt war, die 
Herzogin von Portland war angeblich nicht viel weniger aufopferungsluſtig fuͤr ihren 
Freund Fox. Die engliſche Karikatur hat dieſem Kultus zahlreiche Blaͤtter gewidmet. 
Belege ſind die hier reproduzierten Karikaturen Ride for Ride und das luſtige Blatt 
„Falſtaff und die luſtigen Weiber von Weſtminſter“. Das erſtere illuſtriert, daß 
auch die anderen politiſchen Groͤßen des damaligen England ſolche weibliche Beiſtaͤnde 
hatten (Bild 409 und 411). Die Wirkung dieſer Blaͤtter lief freilich nicht darauf 
hinaus, die betreffenden Damen zur bürgerlichen Ehrbarkeit zuruͤckzufuͤhren, ſondern 
einzig darauf, die Popularität von Fox zu ſteigern. Denn daß die genannten 
Herzoginnen den Herkules Fox mit ihren nur im Negativen bemerkenswerten Gatten 
vertauſchten, das fand ein großer Teil des damaligen Englands ganz in der Ordnung, 
und man getraute ſich auch, dies oͤffentlich zu ſagen. 


421. Kaspar Braun. 1 Blaͤtter 1847. 


1355 
Buͤrgerin, Heroine und Megaͤre 


Jede Sklaverei wird eines Tages als unleidlich empfunden. Es verſtieße 
gegen die Grundgeſetze der Entwicklung, wenn die Frau nicht ſchon laͤngſt gegen 
die vielgliedrige Botmaͤßigkeit aufgetrotzt haͤtte, in die ſie vom Manne mit allen 
Mitteln des Klaſſenregimentes gezwungen wird; wenn ſie nicht laͤngſt kategoriſch 
darauf hingewieſen haͤtte, daß die ſogenannten Menſchenrechte niemals und nirgends 
etwas anderes geweſen ſind, als einſeitig formulierte Maͤnnerrechte; und weiter: 
wenn ſie nicht ſchon laͤngſt den Einzelkampf der Frau um Gleichſtellung mit dem 
Manne zu einem Maſſenangriff formiert und organiſiert haͤtte. Nun, die Geſchichte 
beweiſt auf jeder Seite und vor allem durch die ſeit anderthalb Jahrhunderten nicht 
mehr ausſetzende Frauenbewegung, daß auch hier die Entwicklung ſich in keinem 
Widerſpruch befindet. 


461 


Was ift aber zu antworten, 

Iwe & Roi Five la Nation wenn wir fragen: Was find bis 
heute die Reſultate dieſes Kampfes 
fuͤr die Emanzipation der Frau? 
Die Antwort auf dieſe Frage kann 
nicht nur verſchieden, ſondern wenn 
man ſie auf ein kurzes Ja und Nein 
konzentriert, ſogar ganz entgegen— 
geſetzt lauten und dabei doch in 
beiden Faͤllen richtig ſein. Es kommt 
einzig darauf an, was man unter 
Zweck und Ziel der Frauenemanzi— 
pation verſteht: revolutionaͤre aber 
entwicklungsgeſchichtlich als not— 
wendig erkannte Konſequenzen in 
der Fortentwicklung der Frau zum 
wirtſchaftlich und politiſch gleich— 
EEE. a : berechtigten Genoſſen des Mannes, 
Wir wußten es doch, daß die Reihe auch einmal an uns kommen oder Dinge, wie z · B. Organiſatio— 
un nen von Suppenanſtalten und 


422. Franzoͤſiſche ſymboliſche Karikatur auf den Sieg des Volkes k N 8 
über den Adel und die Geiſtlichkeit. 1789 Kinderkrippen unter Leitung von 


Frauen. Wenn man derart unter— 
ſcheidet, kann man antworten: Die Reſultate dieſes Kampfes ſind gering und ſie 
ſind groß. Sie ſind groß, wenn man ſich alle die kleinen Siege vergegenwaͤrtigt, 
die die Frau in den verſchiedenſten Laͤndern errungen hat, die zahlreichen Zugeſtaͤnd— 
niſſe, die ſie auf faſt allen Lebensgebieten dem Manne abgenötigt hat, fie find 
aber ebenſo gering, wenn man danach fragt, wieviel ſich bis heute am Prinzip 
der Unterdruͤckung geaͤndert hat. Daran hat ſich naͤmlich gar nichts geaͤndert. 
Die Frau iſt der Sklave nicht nur in den primitiven Zeiten der auf dem Privat— 
eigentum aufgebauten Geſellſchaftsorganiſation geweſen, ſondern ſie blieb dieſer 
Sklave unveraͤndert bis auf den heutigen Tag. Die kapitaliſtiſche Entwicklung 
hat, wo ſie immer auch in die Geſchichte eintrat, ſtets nur einen ganz geringen 
Bruchteil der Frauen befreit, naͤmlich nur die Frauen der beſitzenden Klaſſen. Aber 
die hier eingetretene Befreiung iſt, mag man ſie auch noch ſo hoch einſchaͤtzen und 
noch ſo freudig regiſtrieren, trotzdem auch fuͤr dieſen kleinen Teil nur eine rein 
phyſiſche geweſen; ſie beſchraͤnkte ſich auf die Moͤglichkeit, ſich vom Haushalte zu 
emanzipieren und dem geiſtigen und ſinnlichen Genießen zu leben, die rechtliche 
Geſamtſtellung dieſer Frauen im Rahmen der menſchlichen Geſellſchaft iſt aber 
dadurch keine wuͤrdigere geworden. Auch die Frau der beſitzenden Klaſſen figuriert 


462 


im ſozialen Organismus ausnahmslos noch als Menſch zweiter Klaſſe, ſie hat 
nirgends gleiche wirtſchaftliche, nirgends gleiche politiſche, nirgends gleiche juriſtiſche 
Rechte wie der Mann. Das heißt aber, wie ſchon vorhin geſagt, nichts anderes als: 
Am Weſen der Unterdruͤckung der Frau hat ſich noch nichts geaͤndert. Und wenn 
man die Fortſchritte gegen fruͤher noch ſo hoch einſchaͤtzt, ſo kann man höchſtens 
ſagen: Die Formen haben ſich modifiziert, fie find, wenn man will, etwas aͤſthetiſcher 
geworden, ſie verletzen das Auge nicht mehr ſchon beim erſten Blick durch die ganz 
uͤberfluͤſſig brutale Handhabung. 

Warum hat ſich aber trotz der ernſteſten Kaͤmpfe am Weſen der Unterdruͤckung 
der Frau noch nichts geaͤndert? Ganz einfach deshalb: Weil in der Stellung der 
Frau ſich die erſte und wichtigſte Klaſſenunterdruͤckung der Geſchichte dokumentiert, 
darum kann ſich dieſe Stellung prinzipiell ſolange nicht aͤndern, bevor nicht die Baſis 
eine andere geworden iſt, auf der ſich alle Klaſſenherrſchaft aufbaut. Man kann 
hier weniger wie anderswo das Reſultat einſeitig ausſchalten, d. h. man kann am 
Weſen der prinzipiellen Unterdruͤckung der Frau durch den Mann nichts aͤndern, 
ohne vorher die oͤkonomiſche 
Baſis unſerer geſamten Ge— 
ſellſchaftsordnung von Grund 
aus umzugeſtalten. Unſere 
modernen Frauenbuͤnde uͤber— 
ſehen dieſen Kardinalpunkt 
gemeinhin. Aber ſie wollen 
dieſen Punkt auch uͤberſehen, 
denn ſie duͤrfen das eben 
Geſagte nicht begreifen. Sie 
dürfen bis zu dieſer Konſe— 
quenz nicht vordringen, weil 
ſie damit den Boden negieren 
wuͤrden, auf dem die Mehr— 
zahl von ihnen trotz aller 
Rodomontaden ſchließlich 
doch bleiben will, und den 
ſie darum nicht in Gefahr 
gebracht haben wollen: die 
buͤrgerliche Geſellſchaftsord— 
nung. Ihrem gemeinſamen 
Klaſſenintereſſe als Frau 
wird von dem ſpeziellen 


Eine Parifer Schöne 


5 3 ; 423. Iſaae Cruikshanc. Englische Karikatur auf die politiſch tätigen 
Klaſſenintereſſe, auch ein Frauen der franzoͤſiſchen Revolution. 1794 


463 


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424. Engliſche Karikatur auf die fporttreibenden Frauen. 1829 


Glied der herrſchenden buͤrgerlichen Klaſſe zu ſein und deren Vorrechte zu genießen, 
die Wage gehalten. Dieſe Zwitterſtellung hat folgerichtig dazu gefuͤhrt, daß, wie 
Ellen Key ſehr richtig ſagt: 

„„. .. die Frauenbewegung es ſich hauptſaͤchlich zur Aufgabe gemacht hat, fir die Frauen der 
höheren Stände die Moͤglichkeit zu geiſtiger Entwicklung und oͤkonomiſchem Erwerb in Konkurrenz 
mit dem Manne zu ſchaffen. Aber man hat dabei ruhig zugeſehen, wie die große Mehrzahl der 
Frauen aus den niederen Klaſſen unter einen immer haͤrteren Arbeitsdruck geraten iſt, und fuͤr die 
ſoziale Frage und fuͤr ihre Einheit mit der Frauenfrage ſind die Frauenrechtlerinnen blind geweſen.“ 

Hat der Frauenemanzipationsgedanke in den meiſten Frauenrechtlerinnen durch— 
aus inkonſequente Verfechterinnen gehabt, ſo hat er in ihnen in den meiſten Zeiten 
ebenſo ſchlechte Beraterinnen beſeſſen, die der Frauenemanzipation durchaus falſche 
Wege gewieſen haben. Wirtſchaftliche und politiſche Gleichheit mit dem Mann — 
ſo lautet der prinzipielle Fundamentalſatz im Programm der Frauenemanzipation. 
Dieſer Satz iſt richtig, falſch aber ſind die Mittel, durch die die Erreichung dieſes 
Zieles vorbereitet und erreicht werden ſoll. Das heißt falſch, ſofern man Frauen⸗ 
emanzipation mit Maskuliniſierung der Frau uͤberſetzte, und dieſes Rezept wurde leider 
am haͤufigſten und am laͤngſten angeprieſen. Man erblickte die Moͤglichkeit der 
Erloͤſung der Frau vor allem darin, die Frau dem Manne auf allen Gebieten des 
Intellekts ebenbuͤrtig zu machen. Dieſes Beſtreben beruht auf der vollſtaͤndigen 
Verkennung der Tatſache, daß die Differenzen zwiſchen Mann und Frau auf geiſtigem 


464 


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TRYING ox mr BROTHERS BREECHES,. 


THERES ALEGANDA THICH POR You.! 


Des Bruders Soſen 


Engliſche Karikatur von Richard Newton. 1796 


Beilage zu Eduard Fuchs, „Die Frau in der Karikatur“ Albert Langen, Muͤnchen 


Gebiete unausſchaltbar find, und 
zwar deshalb unausſchaltbar ſind, 
weil der ſexuellen Fundamental— 
verſchiedenheit der beiden Geſchlechter 
ganz beſtimmte pſychiſche Analogien 
entſprechen, die nie zu uͤberwinden 
ſind, und daß der Verſuch einer 
uͤberwindung nur zu einer wider— 
natürlichen Entartung fuͤhren muß. 
Dadurch, daß man dieſen Verſuch 
unternahm, bewies man, daß man 
das Grundgeſetz uͤberſah, das im 
geſamten organiſchen Leben bis in 
ſeinen letzten Ausſtrahlungen waltet: 
daß der koͤrperlichen Baſis unbedingt 
der ideologiſche uͤberbau, d. h. in 
dieſem Falle die pſychiſche Eigenart, 
adäquat iſt. Alſo, daß man nicht 
nur Menſch, ſondern auch Mann 
oder Weib iſt, daß zwar die erſte Eigenſchaft die gleichen Rechte gewaͤhren muß, die 
zweite aber die beſtimmte Eigenart der Individualitaͤt modeln muß. 

So irrtuͤmlich das Rezept der Maskuliniſation iſt, um die Befreiung der 
Frau vorzubereiten und ſchließlich auch durchzuſetzen, ſo natuͤrlich iſt freilich auch, 
daß der Drang, die Mauern ihres Gefaͤngniſſes zu uͤberwinden, die Frau gerade 
auf dieſes falſche Geleiſe leiten mußte. In der größeren intellektuellen Staͤrke 
des Mannes, in ſeiner ſchoͤpferiſchen uͤberlegenheit uͤber die Frau, glaubte man 
das Hauptmittel zu erkennen, durch das die Frau vom Manne unterdruͤckt wurde. 
Da es ja allzu deutlich zutage lag, daß der Mann ſeine erlangten Vorrechte 
ſyſtematiſch dazu mißbrauchte, die Intelligenz der Frau niederzuhalten, ſie geiſtig 
verarmen zu laſſen, und da man andererſeits immer wieder die Beobachtung machen 
konnte, daß Frauen, die ſich frei von der Feſſel der herkoͤmmlichen Frauenerziehung 
geiſtig entfalten durften, auf verſchiedenen geiſtigen Gebieten ebenfalls Nennens— 
wertes, bisweilen ſogar Glaͤnzendes zu leiſten vermocht hatten, ſo lag es ſehr nahe, 
daraus zu folgern, man brauche nur dem Manne geiſtig ebenbuͤrtig zu werden, und 
man haͤtte den Schluͤſſel fuͤr die Loͤſung der Frauenfrage gefunden. Nicht weniger 
naheliegend war auch, was jedoch hier nur nebenbei erwaͤhnt ſein ſoll, der ver— 
haͤngnisvolle Trugſchluß, der heute noch in weiten Kreiſen die herrſchende Meinung 
bildet: daß einzig in der jahrhundertelangen Vernachlaͤſſigung der Frauenerziehung 


die Urſache zu finden ſei, warum die Menſchheit bis jetzt keine weiblichen 
59 


465 


Cher Aubert & CP] de la Bons. 
Ausgepfiffen ... ausgepfiffen ... ausgepfiffen . 
426. Honors Daumier. Der dramatiſche Blauſtrumpf 


ſchoͤpferiſchen Genies hervorgebracht habe, kein einziges ſchoͤpferiſches Muſikgenie, 
kein einziges philoſophiſches Genie, kein einziges Malgenie uſw. Dieſe Anſicht iſt 
aber nicht nur ein verhaͤngnisvoller, ſondern auch ein grenzenlos oberflaͤchlicher 
Trugſchluß — bequeme Formeln verleiten immer zum Leichtſinn —, denn fonft hätte 
jede „maͤnnliche“ und weibliche Frauenrechtlerin auf die doch ſo naheliegende und ein— 
fache Tatſache verfallen muͤſſen, daß die geiſtige Vernachlaͤſſigung und Unterdrückung 
der Proletarierjungen nicht nur ebenſo alt iſt, ſondern immer zehnmal groͤßer war, 
als die der Toͤchter des Buͤrgertums und des Adels, und daß dieſe groͤßere Unter— 
druͤckung und Vernachlaͤſſigung keineswegs verhindert hat, daß gerade aus den Reihen 
der ſo raffiniert vernachlaͤſſigten Soͤhne des Proletariats faſt die Mehrzahl aller 
ſchoͤpferiſchen Genies hervorgegangen iſt. 

Den wichtigſten Stuͤtzpunkt fuͤr dieſen Trugſchluß: nur dadurch, daß die Frau 


466 


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Cder Aubert 


„ Pl.de le Bourse hop dAnben d. Ce 


— Sie finden meinen neueſten Roman den Leiſtungen der Georges Sand nicht ebenbuͤrtig? ... Adelaide, 
wir find geſchiedene Leute . 


427. Honors Daumier. Der romanſchreibende Blauſtrumpf 


dem Manne geiſtig ebenbuͤrtig wuͤrde, waͤre die Frauenfrage zu loͤſen, lieferte natuͤr— 
lich der Mann ſelbſt, und zwar mit der von ihm aufgeſtellten Begruͤndung ſeiner 
Klaſſenherrſchaft uͤber die Frau. Das männliche Klaſſenintereſſe hat ſtets die An— 
ſicht propagiert, daß einzig geiſtige Produktionskraft das Adelszeichen des Menſchen 
ſei. Das hat naturnotwendig zu einer geradezu grotesken uͤberſchaͤtzung des 
Geiſtigen und zu einer ebenſo grotesken Unterſchaͤtzung des Gemuͤtes als Ein— 
ſchuß in die Geſamtkultur fuͤhren muͤſſen. Aber auch dieſes Verfahren iſt folge— 
richtig: eine herrſchende Klaſſe will immer die hoͤhere ſein, die von der Natur zur 
Herrſchaft von Ewigkeit praͤdeſtinierte, und ſie gibt nie zu, daß ſie nur die wirt— 
ſchaftlich ſtaͤrkere iſt. Darum begruͤndete der Mann das ſittliche Recht ſeiner Herr— 
ſchaft uͤber die Frau immer mit ſeiner groͤßeren Fahigkeit zu ſchoͤpferiſcher Produktion, 
mit ſeinem intellektuellen Übergewicht (vgl. auch S. 356 u. fg.). 
59 * 
467 


Schließlich ift nicht zu vergeſſen der ftarfe Vorſchub, den die moderne wirt— 
ſchaftliche Entwicklung dem Idol des Mannaͤhnlichwerdens geleiſtet hat. Die moderne 
großkapitaliſtiſche Entwicklung bedarf immer mehr Arbeitskraͤfte. Direkt und indirekt 
mußte ſie daher auch die weibliche Arbeitskraft in den Rahmen ihres Produktions— 
mechanismus einfügen. Direkt, indem ſie ſich die ſpezifiſch weibliche Eigenart klug 
nutzbar machte, indirekt, indem ſie durch ungenuͤgende Bezahlung der maͤnnlichen 
Arbeitskraft auch die Frau unerbittlich in die Fabrik, ins Kontor, in die Verkaufs— 
magazine trieb, um das vorhandene Defizit im Unterhalt der Familie auszugleichen. 
Man darf nie uͤberſehen, daß es einzig dieſe wirtſchaftliche Umwaͤlzung geweſen iſt, 
die mit den alten Vorſtellungen, „die Frau gehoͤrt ins Haus“, gruͤndlich aufgeraͤumt 
hat. Daß man dieſes wirtſchaftliche Entwicklungsergebnis ſtolz unter der ideologiſchen 
Formel „Bewilligung von Frauenrechten“ rubrizierte, liegt im Weſen der ideologiſchen 
Denkgeſetze, die immer im Reſultate die Urſache erblicken, und in denen ſich kraft ihrer 
perſoͤnlichen Klaſſenſtellung die Frauenrechtlerinnen notwendigerweiſe bewegen muͤſſen. 
Eine ruͤhmliche Ausnahme macht auch hier die wackere Ellen Key. Indem ſie den 
folgenden Satz niederſchreibt, zeigt ſie, daß ſie das Weſen der Sache, die Zuſammen— 
haͤnge zwiſchen der wirtſchaftlichen Umwälzung und der Bewilligung von Frauen— 
rechten erkannt hat: 


„Es iſt kein Zufall, daß die Erweiterung der Frauenrechte ſteten Schritt gehalten hat mit 
der Umbildung der Eigentums- und Produktionsverhaͤltniſſe; direkt und indirekt iſt es eine Folge 
der Entwicklung des Kapitalismus und der Großinduſtrie, daß eine Frauenklaſſe nach der andern 
gezwungen iſt, den Ausweg des ſelbſtaͤndigen Erwerbes und der Arbeit außerhalb des Hauſes 
aufzuſuchen.“ 

Aus allen dieſen Gruͤnden mußte, wie geſagt, die Frauenbewegung faſt mit 
Naturnotwendigkeit auf das falſche Geleiſe kommen, auf dem ſie heute noch ſteht, 
und es iſt eine ebenſolche Naturnotwendigkeit, daß ſie auf das energiſchſte beſtreitet, 
daß die Kultur zweiteilig iſt, daß ſie ſich klar in ein maͤnnliches und in ein weib— 
liches Gebiet ſcheidet. Hieraus folgt ſchließlich als dritte Naturnotwendigkeit, daß 
die Frau ſozuſagen freiwillig darauf verzichtet, den richtigen Weg zu gehen: nachzu— 
weiſen, daß die Frau zwar etwas weſentlich anderes ſei als der Mann, aber darum 
nicht geringwertiger, daß in dieſem anderen ſie vom Manne ebenſo unerreichbar ſei, 
und daß darum die gegenſeitigen Einſaͤtze in die Menſchheitskultur nicht nach der 
Qualität, ſondern nur nach dem Weſen verſchieden ſeien. 

Aus dem Umſtande, daß ſich die Frauenemanzipation in den meiſten Zeiten auf 
falſchem Geleiſe bewegte, erklaͤren fich alle die vielen das Lachen fo ſtark provozierenden 
Begleiterſcheinungen der Frauenemanzipation, das Beſtreben, ſich in allem in auffaͤlligen 
Kontraſt zu ſetzen mit dem, was im hergebrachten Sinne als weiblich gilt. Alle die 
vielen Maͤtzchen, mit denen die emanzipierten Frauen ihr Mannaͤhnlichwerdenwollen 
dokumentieren; das groteske Paradieren in Hoſenrollen wurde zu einer aͤußeren 


468 


Te BIS. — 


Chez Aubert Pl de la Bourse. 29. . 7 a Aubert G. 0 I 


Femme de lettre humanitaire se livrant sur homme à des reflexions cränement philosophiques! 


428. Honors Daumier. Der philoſophiſche Blauftrumpf 


Notwendigkeit. In den männlichen Allüren und Lebensgewohnheiten erblickte man 
die Attribute der maͤnnlichen Herrſchaftsſtellung, und indem man dieſe Attribute 
keck für ſich beanſpruchte, glaubte man, damit auch ſchon einen Teil der männlichen 
Herrſchaftsſtellung errungen, einen Teil der wichtigſten Unterſchiede verwiſcht oder 
ſich zum mindeſten uͤber die Niederungen, in die der zweitklaſſige Menſch Weib ge— 
bannt iſt, emporgehoben zu haben. 

Um irrtuͤmlichen Schlußfolgerungen vorzubeugen, iſt hier nun noch anzufuͤgen: 
Wenn man die Pflicht ablehnt, die Erſcheinungen und Notwendigkeiten der modernen 
kapitaliſtiſchen Produktionsweiſe als Ideale der Entwicklung anzuerkennen, ſo braucht 
man darum doch nicht in dem alltaͤglichen Beſtreben der Maͤnner, den Frauen den 
Zutritt zu wiſſenſchaftlichen und anderen Berufen ſtreitig zu machen, etwas anderes 
zu ſehen, als den Ausfluß des nackteſten, maͤnnlichen Klaſſenintereſſes. Das Fehler— 
hafte im Ziel der Frauenemanzipation beruht nicht in dem Verlangen nach voll— 
ſtändiger geiſtiger Befreiung der Frau, ſondern, wie ſchon geſagt, in der Ableugnung 
der pſychiſchen Differenzen zwiſchen Mann und Frau. Die Verkennung der Tat— 
ſache, daß dem Manne von der Natur die ſchoͤpferiſche und intellektuelle Kraft — 
gemäß der Aktivitaͤt feines geſchlechtlichen Weſens —, der Frau die Vertiefung des 
Gemuͤtes — gemaͤß der Paſſivitaͤt ihres geſchlechtlichen Weſens — zugewieſen iſt, 
das iſt der kuͤnſtlich aufgerichtete Wall. Dem muß entgegengehalten werden: Nur in 
der Anerkennung der natuͤrlichen Zweiteilung iſt das Ideal der menſchheitlichen 
Entwicklung zu begruͤnden. Dieſes kann aber demnach nur das ſein: Harmoniſche 
Vereinigung der an ſich ungleich gearteten Weſen Mann und Frau. Das bedeutet 
das Ziel und zugleich den Anfang der Menſchheitskultur. 


Daß das Verlangen der Frau, Buͤrgerin zu werden, von dem Tage an, wo 
dieſe Forderung planmaͤßig propagiert wurde, immer auf den groͤßten Widerſtand 
geſtoßen iſt, iſt zur Genuͤge darin begruͤndet, daß es ſich in der Bevorrechtung des 
Mannes eben um nichts anderes als um den Eckpfeiler der geſamten Geſellſchafts— 
ordnung handelt. Wenn die fundamentale Bedeutung, die demnach der Eman— 
zipation der Frau zukommt, früheren Zeiten zwar auch nur ganz verſchwommen zum 
Bewußtſein kam, ſo wurde doch das eine voll begriffen, daß es ſich in ihr um etwas 
handelt, was zum mindeſten gegen alle Begriffe des Hergebrachten verſtoͤßt, und um 
etwas, was mit der Konvention durchaus unvereinbar iſt. Schon dieſes eine 
reichte alſo aus, d. h. gibt eine genuͤgende Erklaͤrung dafuͤr, daß alle weiblichen 
Regungen nach groͤßerer Freiheit und Selbſtaͤndigkeit, nach gleichen Rechten mit dem 
Manne, auch in der Karikatur immer einen ſehr ſtarken Widerhall gefunden haben. 
Wenn man dem entgegenhalten ſollte, daß dieſer Widerhall heute relativ weſentlich 


470 


geringer ſei, als etwa vor dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren, obgleich die Frauen 
bewegung heute groͤßere Kreiſe als je umſpannt und in der modernen Arbeiterinnen— 
bewegung und ihren Fuͤhrerinnen uͤberhaupt erſt derjenige Teil der Frauenbewegung 
entſtanden iſt, der aus der ſportlichen Spielerei den wirklichen Ernſt herausgeſchaͤlt 
hat, weil er eben diejenigen Ziele unterſtuͤtzt, die einzig zu einer prinzipiellen Loͤſung 
der Frauenfrage führen koͤnnen — wenn dieſe zielflareren Beſtrebungen heute in der 
Karikatur einen relativ viel geringeren Widerhall finden, ſo hat dies gewiß darin ſeinen 
Grund, daß der Intereſſenhorizont, wie fchon oft hervorgehoben worden iſt, heute ein 
unendlich weiterer iſt, daß heute tauſend Lichter aufleuchten und ihre Reflexe fordern, 


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429. Frankfurter Karikatur aus dem Jahre 1848 


471 


Arbeiterinnen! Die Arbeit muß organifiert werden ... ziehen wir vor's Rathaus ... die Arbeitszeit muß verkürzt, die 
Löhne muͤſſen erhöht werden, das iſt das einzige Mittel, die Gefchäfte zu heben .. . Es lebe die Republik! ... und die 
Gleichheit ſelbſtverſtaͤndlich auch. 


430. Beaumont. Im Klub der Modiſtinnen. 1848 


wo ehedem nur wenige den Horizont des oͤffentlichen Lebens belebten. Aber es 
kommt auch noch ein anderer Grund hinzu: Der oͤffentliche Geiſt hat vor der Einſicht 
in das „Es kommt der Tag“ laͤngſt im ſtillen kapituliert und darum fehlt der 
ſtaͤrkſte Antrieb zum reaktionaͤren Windmuͤhlenkampf. ... 

In der Verſchiedenheit der ſexuellen Moralgeſetze fuͤr Mann und Frau iſt der 
Frau am fruͤheſten und am anhaltendſten ihre Sklavenrolle zum Bewußtſein ge— 
kommen. Sich aus dieſer Ungleichheit zu befreien, ihr Liebesempfinden und Liebes— 
leben von den entwuͤrdigenden Feſſeln des wirtſchaftlichen und konventionellen 
Zwanges freizumachen, uͤber die heiligſte Offenbarung ihrer Perſönlichkeit frei ver— 
fuͤgen zu koͤnnen, ſie als ſelbſtbeſtimmbares Geſchenk dem Manne widmen zu duͤrfen, 
zu dem ihre Sinne und Seelengemeinſchaft ſie ziehen — mit dieſem Beſtreben hat 
das Emanzipationsbeduͤrfnis der Frau auch am fruͤheſten eingeſetzt und es hat 
ftändig eine ihrer oberſten Forderungen gebildet. In der viel mißbrauchten, in der 
aber noch viel mehr gehaͤſſig verlaͤſterten Formel „Freie Liebe“ hat dieſes Streben 
ſeine weltbekannte Formulierung gefunden. Es gab in der Tat Jahrzehnte hindurch 
kein groͤßeres Schreckwort. Der Spießer jeglicher Geſtalt konnte ſich darunter nie 
etwas anderes als ein zuchtloſes Durcheinander — verklauſulierte Hurerei — vor— 
ſtellen. Dieſe Vorſtellung iſt von den prinzipiellen Gegnern der Frauenemanzipation 


472 


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431. Deutſche Karikatur aus dem Jahr 1848 


natuͤrlich ſtets mit Eifer genaͤhrt worden. Jede weibliche Entgleiſung auf dem 
Pfade der Tugend iſt mit johlender Freude dem Konto „Freie Liebe“ zur Laſt ge— 
bucht worden. Natuͤrlich darf niemals geleugnet werden, daß dieſes Grundgeſetz 
aller Ethik ſehr oft mißbraucht worden iſt, es hat Tauſenden von Frauen zu nichts 
anderem gedient, als um leichtfertiger Sinnlichkeit damit ein moraliſches Maͤntelchen 
umzuhaͤngen. Aber darum bleibt der oben skizzierte Grundgedanke der freien Liebe 
doch ein erhabenes Ideal, und wenn die Gegner der Frauenbefreiung ihre 
Laͤſterungen mit dem Hinweis auf die nie beſtrittenen Mißbraͤuche zu rechtfertigen 
ſuchen, ſo tut man immer wohl daran, an jene Zeiten zu erinnern, in denen noch 
nicht der Schimmer einer Ahnung von der Unwuͤrdigkeit der geſchlechtlichen Ver— 
gewaltigung der Frau in der Konvenienzehe — zeitlebens an einen der Frau gleich— 
guͤltigen, ungeliebten, ja ſogar widerlichen Mann gefeſſelt zu ſein und ihm das 
Heiligſte als Pflicht geſtatten zu muͤſſen! — aufgedaͤmmert war, geſchweige denn 


ſich zu einer idealen Kampfesparole verdichtet hatte. Wenn es naͤmlich Zeiten gab, in 
60 


473 


denen das fatirifche Wort 
„die Weiber ſind Gemeinde— 
gut“ wirklich im vollen 
Ernſte Geltung hatte, ſo 
waren das doch nur dieſe 
Zeiten. Man erinnere ſich 
gefaͤlligſt an den bereits 
oben (S. 69) zitierten Vers 
aus dem Roman de la 


Rose, der gar nichts 


anderes predigt als eben: 
die Weiber ſind Gemeinde— 
gut. Oder vermag man 
etwas anderes daraus zu 
leſen, wenn darin unge— 
ſchminkt die erbauliche Lehre 
vorgetragen wird, daß die 
liebe Mutter Natur den 
Einen nicht bloß zum Troſt 
fuͤr die Eine und die Eine 
nicht bloß zum Vergnuͤgen 
fuͤr den Einen erſchaffen 
hat: Nature n'est pas si 
UNE PETROLEUSE sote!? Auf den Einwand, 
Ah si son homme la voyait. daß ſolche Verſe ebenfalls 
432. Franzoͤſiſche Karikatur. 1871 nur ſatiriſch gedacht ſeien, 
waͤre zu erwidern: Dieſe primitiven Zeiten haben ſich ihren Witz nicht aus den 
Fingern geſogen, ſie fabulierten, wie man leicht nachpruͤfen kann, immer nur an 
der Hand der taͤglichen Erfahrungen. 

Unſere Gegenwart weiſt zweifellos in der Beurteilung dieſes Themas einen 
ſehr merkbaren Fortſchritt auf, die zelotiſche Begeiferung der Forderung nach Be— 
freiung der Liebe aus unwuͤrdigen Feſſeln hat weſentlich nachgelaſſen. Es blieb 
freilich keine andere Wahl uͤbrig. Die wirtſchaftliche Entwicklung hat, indem ſie 
ſchrittweiſe neue Bedingungen ſchuf und dementſprechend die Moralgeſetze korrigierte, 
auch hier den dickſten Schaͤdeln die nötige Dialektik eingepaukt (vgl. auch S. 52 u. fg.). 
Die Folge dieſer tieferen Einſicht beſteht darin, daß man allmaͤhlich in immer 
weiteren Kreiſen dazu gelangt, der Frau wenigſtens ein Recht auf Leidenſchaft ein— 
zuraͤumen. Der Begriff Recht auf Leidenſchaft kann als eine eingeſchraͤnkte Form 
des Rechtes auf Sinnlichkeit bezeichnet werden. Dieſes Recht iſt zwar noch keine 


474 


derart eingebürgerte Tat— 
ſache, daß ſie bereits kodi— 
fiziertes Recht geworden 
waͤre. Aber das geſchriebene 
Recht iſt niemals Urſache 
einer Umwaͤlzung, fondern 
ſtets eine ſehr ſpaͤte Folge, 
es legaliſiert immer nur 
gewordene, bereits voll— 
ſtreckte Exiſtenzbedingungen 
der Geſellſchaft, d. h. herr— 
ſchend gewordene Zuſtaͤnde. 
Momentan befinden wir 
uns noch im Zuſtande der 
Einbuͤrgerung. Dieſe Ein— 
buͤrgerung aͤußert ſich 
hauptſaͤchlich in der Form, 
daß man allmaͤhlich damit 
aufhoͤrt, in den Frauen, 
die auf das Recht auf 
Leidenſchaft freiwillig ver— 
zichtet haben, unter allen 
p eeliahenen LA GRRRRANDE ORATEUSE 
Vertreterinnen der weib— 
lichen Geſchlechtsmoral 
ſieht und bewundernd zu 
ihnen aufſchaut. Ein boͤſer Irrtum iſt es freilich, wenn man, was gewiß gar 
nicht ſelten geſchieht, jaͤh in das Gegenteil verfaͤllt und an die Stelle der Ent— 
thronten nun ohne weiteres jene Frauen ſetzt, die unter der Rubrik „Mesalliancen“ 
der ſtoffhungrigen Skandalchronik das pikante Material liefern. In einem ſolchen 
Kuliſſenwechſel offenbart ſich nur eine heilloſe Begriffsverwirrung. Jene vornehmen 
Daͤmchen, die mit ihrem Chauffeur durchbrennen, ihren Stallknecht ehelichen, ebenſo 
jene Prinzeſſinnen, die die Ode ihres Ehebettes durch ehebrecheriſche Exkurſionen 
mit einem Reitknecht, einem Sprachlehrer oder einem waghalſigen Offizier unter: 
brechen, ſind meiſtens alles andere eher als bewundernswerte Beiſpiele des Mutes 
einer Frau, den Vorurteilen ihrer Klaſſe zu trotzen und kuͤhn dem Zuge des Herzens 
zu folgen. Der „Mut“, der derart ſich betaͤtigt, iſt gewoͤhnlich nichts anderes als 
ſkrupelloſe Liederlichkeit. Die Geſchichte dokumentiert es. Die ſogenannten Miß— 
heiraten ſind z. B. nicht dann an der Tagesordnung, wenn ſich die Menſchen prin— 


60 * 


Du grrrrand Club des Amazones de la Commune. 


433. Franzoͤſiſche Karikatur auf Louiſe Michel. 1871 


475 


zipiell von alten Vorurteilen losmachen, fondern gewöhnlich dann und dort, wo Aus— 
ſchweifung und Liederlichkeit eine niedergehende Klaſſe zermuͤrbt und aufloͤſt. 

Da die „freie Liebe“ nicht nur am Anfang, ſondern dauernd ein Haupt— 
programmpunkt der Frauenemanzipation geblieben iſt, ſo hat ſie einerſeits zu einer 
ftattlichen Reihe ſelbſtaͤndiger Karikaturen, die einzig dieſer Forderung gewidmet 
ſind, gefuͤhrt, andererſeits hat ſie, und das iſt das wichtigere, ſtets eines der haupt— 
fächlichften Attribute gebildet, durch die der Typ der emanzipierten Frau charakteriſiert 
wurde. „Nor Ehemanzibation, keine Ehe moͤhr“ proklamiert Kreszenz Flintenſtein 
geborene Lunte, weil ſie in der Ehe eine Niete gezogen hat (Bild 421). „Auf 
Antrag der Frau Kitzelmaier und der Jungfer Judl iſt die Ehe als laͤſtiger Trudel 
aufgehoben,“ beſchließt der Kleinſtaͤdter Kommuniſtenverein (Bild 431). Die Jungfer 
Judl iſt natuͤrlich nur deshalb fuͤr dieſen Antrag, weil ſie ob ihrer Haͤßlichkeit keine 
Ausſicht mehr hat, einen Mann zu bekommen. Die Franzoſen ſagen dasſelbe, nur 
meiſtens eleganter oder witziger und vor allem kuͤhner: ſie treiben zuerſt die Kon— 
ſequenz auf die Spitze. Mann und Frau haben im Geſchlechtsleben die Rollen 
getauſcht. Die Frau hat die aktive Rolle uͤbernommen, der Mann aber iſt zum 
paſſiven Teil geworden — das iſt das ideale Ziel der Frauenemanzipation. Und 
verwirklichen wird ſich das dann u. a. ungefaͤhr ſo, wie Adolf Guillaume in ſeinem 
kecken Blatt „Frauenemanzipation“ die Sache darſtellt. Dieſes Bild bedarf leider 
eines Zuſatzes — daß dies abſolut kein Zukunftsbild iſt, ſondern weltbekannte All— 
täglichfeit feit die Welt ſteht. Die Frau, die ledige wie die verheiratete, hat ſich 
in allen Zeiten ebenſo die Liebe gekauft wie der Mann und nicht ſelten in denſelben 
brutalen Formen, wie ſie die weibliche Proſtitution aufweiſt (Bild 434). 

Den zweiten Hauptbeſtandteil bei der Schaffung des Typs der Emanzipierten 
bildeten die provokatoriſch zur Schau getragenen maͤnnlichen Manieren. Begreif 
licherweiſe: man brauchte ja nur die Wirklichkeit zu kopieren, um damit das groteske 
Bild meiſtens auch ſchon fertig zu haben. In der ſatiriſchen Proſaſchrift Per 
centum annorum von Abraham a Santa Clara heißt es: 

„Ein alamodiſch Frauenzimmer macht ſich eine Glory draus, wann ſie aller Herren Debauchen 
kann nachthun: ſie ſchnuppt und raucht Toback, ſie verkehrt den Tag in die Nacht, die Nacht in 


den Tag, poculirt, trutzt, tantzt bis in den hellen Tag, ohne muͤd zu werden. Sie reuthet nach 
dem Ringl, brennt das Geſchuͤtz los, geht auf die Jagd, c'est la mode.“ 


Man erkennt ſchon an dieſem einen Zitat, daß früher ſchon die geringite Ab— 
weichung von der Regel deſſen, was als weiblich galt, für Emanzipation angeſehen 
wurde; aber wenn es auch die prononcierte Spießerſeele iſt, die in der Frau nur 
den beduͤrfnisloſen, ſimplen Hausbeſen ſieht, die ſich hier Luft macht, ſo ſtimmt das 
Bild natuͤrlich doch, d. h. es iſt fuͤr gewiſſe Zeiten typiſch fuͤr das äußere Weſen 
der Emanzipation geweſen. Und die Karikatur log weder in dem Bild der die lange 
Pfeife ſchmauchenden Studentin (Bild S. ID, noch in dem des mit einem mächtigen 


476 


7 


ix 


134, Adolf Guillaume. Frauenemanzipation 


Spazierknuͤppel ausgeruͤſteten weiblichen Gigerls. Nur in einem log fie meiſtens: 
in der Darſtellung der Maͤnnerhoſen tragenden Frau. Die Hoſe iſt das Haupt— 
ſymbol des Mannes, dieſes fuͤr ſich zu beanſpruchen und ſich dadurch ihm gleich zu 
machen, war ein zu gewiſſen Zeiten mit der feurigſten Beredtſamkeit verteidigter Vor— 
ſchlag, aber er iſt außer auf dem Gebiete des Sports faſt nirgends realifiert worden 
(Bild 311 und 316). Die Anhaͤngerinnen des utopiftifchen Sozialiſten Enfantin haben 
zwar mit fanatiſcher Wut für den Tauſch des weiblichen Rockes mit der männlichen 
Hoſe plaͤdiert und Propaganda gemacht, aber nur hinter ihren Schreibtiſchen und 
in ihren Reden. Auf der Straße hat ſich die in Maͤnnerhoſen einherſchreitende 
„Libre femme“ der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts nie blicken laſſen. 
Man ſieht auch daran: die Franzoͤſinnen machen in ſolchen Dingen immer nur in 
der Theorie Dummheiten, in der Praxis aber nie. Das beweiſt auch der Umſtand, 
daß nur in Deutſchland die Reformkoſtuͤme immer zur Uniform der Emanzipierten 
erhoben wurden, und daß ſelbſt die emanzipierteſten Franzöſinnen ſich in dieſer 
Frage nie ſolidariſch gefuͤhlt haben. 

Das dritte Attribut zur Bildung des Typs der emanzipierten Frau bildete 
ſchließlich die prononcierte Haͤßlichkeit. Jede emanzipierte Frau iſt in der Karikatur 
unbedingt haͤßlich, zeichnet ſich durch eine Überfuͤlle an negativen Reizen aus (Bild 319). 
Denn das war doch die hergebrachte Löſung des Naͤtſels: daß der Antrieb zur 
Emanzipation immer irgendwelche Enttaͤuſchungen in der Liebe ſeien. Koͤrperlich 
huͤbſche Frauen, ſagte man, werden ſolche Enttaͤuſchungen niemals erleben, denn 
ihre Reize ſichern ihnen immer Anbeter und laſſen ſie fruͤher oder ſpaͤter den Weg 
in den Hafen der Ehe finden. Emanzipation iſt nach dieſer Anſicht alſo nichts 
anderes als die Rache der Enttaͤuſchten, d. h. die Rache der Haͤßlichen. 

Von den verſchiedenen Typen der emanzipierten Frau ſteht zeitlich die gelehrte 
Frau an der Spitze, ſie war beſonders im 18. Jahrhundert ein beliebter Spott— 
gegenſtand. Der bekannte Demokritos-Weber, bei all ſeinem Geiſt und Witz ein 


Oberſpießbuͤrger, hat in ſeinem Demokrit ein ganzes Kapitel uͤber „die gelehrten 


Weiber“ geſchrieben und kein einziges gutes Haar an ihnen gelaſſen. Man machte 
die gelehrte Frau ſtets zum Typus der Halbbildung, und dieſe zu charakteriſieren, 
laͤßt ſie der ſatiriſche Witz, wenn ſie einmal aus der Stadt aufs Land kommen, 
Fragen ſtellen wie die folgenden: „Hat man den Schweinen ſchon Heu gegeben?“ 
„Saugen die Huͤhner gut?“ „Haben die Haſen ihre Eier ſchon ausgebruͤtet?“ 
Oder man läßt ſie beim Anblick eines Stoppelfeldes ausrufen: „Nun weiß ich doch, 
wo die Schwefelhoͤlzchen wachſen!“ In der bildlichen Darſtellung kommen dieſe 
Fragen und Ausrufe ſtets aus dem Munde von Frauen, die ſich in der arroganten 
Poſe geben, als hätten fie „die Weisheit mit Loͤffeln gegeſſen“. 

Die gelehrte Frau des 18. Jahrhunderts hat ſich im 19. Jahrhundert zur 
Studentin umgewandelt, denn zu ſtudieren galt im letzten Viertel des 19. Jahr— 


478 


hunderts jedenfalls als das 
wichtigſte Mittel der Eman— 
zipation der Frau: Auf dieſem 
Wege erreicht man einzig die 
erſehnte Ebenbuͤrtigkeit mit 
dem Manne; d. h. indem man 
ihm beweiſt, daß man es 
nicht nur ebenſogut, ſondern 
womoͤglich ſogar noch etwas 
beſſer kann. Der Spott hat 
ſich im Anfang dieſer Be— 
wegung keine Gelegenheit 
entgehen laſſen, die Studen— 
tin grotesk zu karikieren. 


„Aber Karoline, was haben Sie da eingekauft? Sofort tragen Sie den Firch 
wieder zum Kaufmann zuruͤck! Sehen ſie denn nicht, daß der Haͤring — ſchielt?“ 


Freilich darf man nicht in 435. A. Oberländer. Fliegende Blätter. 1880 

allem eine Verſpottung des 

Weſens der Frauenemanzipation erblicken. Das ausgezeichnete Blatt „Frauenſtudium“ 
von Th. Th. Heine richtet ſich z. B. nicht gegen die Ausuͤbung des von der Frau ſo 
muͤhevoll erkaͤmpften Rechtes, ſondern vielmehr gegen die Halbheit jener Emanzipierten, 
die trotz allen Phraſen nicht einmal uͤber die erſte Vorausſetzung aller Emanzipation, 
das bornierte Klaſſenintereſſe, hinausgekommen find (fiehe Beilage). 

Von der gelehrten Frau iſt wiederum die auffaͤlligſte Erſcheinung die ſchrift— 
ſtellernde Frau, der Blauſtrumpf. Bei der Schilderung des Blauſtrumpfes, der 
man in groͤßerer Haͤufigkeit zuerſt im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts in der 
Karikatur begegnete, kamen noch einige ganz ſpezielle Zuͤge hinzu. Der erſte war, 
daß man ihre perfönliche Moral immer mit der identiftzierte, die fie in ihren Werken 
ſchilderte. In der achten Satire Rachels, der im 18. Jahrhundert lebte, heißt es 
z. B. gegen die Blauſtruͤmpfe: 


Ja, endlich haben wir erlebt der guͤldnen Jahren, 

Daß auch das Weibervolk laͤßt Spul und Haspel fahren 
Und macht ein Kunſtgedicht .... 

Die Schriften ſind fuͤrwahr Gezeugen unſrer Herzen; 
Die keuſch iſt von Natur, die wird nicht unkeuſch ſcherzen, 
Das bild ich mir gewiß und ohne Zweifel ein: 

Die ſo wie Thais ſpricht, die wird auch Thais ſein. 

Eine andere wichtige ſatiriſche Pointe, durch die man mit Vorliebe den Blau— 
ſtrumpf zu charakteriſieren ſuchte, war die Vernachlaͤſſigung der hausfraulichen 
Pflichten; das war ihr gegenuͤber ſozuſagen das Hauptmittel der bildlichen Satire. 
Der verheiratete Blauſtrumpf laͤßt die Haushaltung in Schmutz und Unordnung 


verkommen, der Gatte muß ſich die Knoͤpfe an ſeinen Hoſen ſelbſt annähen, die 


479 


Strümpfe felber ftopfen, feinen ungeſchickten Händen liegt die Wartung der Kinder 
ob, mit einem nichts weniger als gelinden Puff ſpediert ſie ihren Sproͤßling aus 
dem Zimmer hinaus, weil er ſie durch ſeinen Laͤrm beim Abfaſſen einer Ode auf 
die „Seligkeiten der Mutterſchaft“ ſtoͤrt, ihr Juͤngſtes ſtuͤrzt aus dem Fenſter oder in ein 
Waſſerfaß, waͤhrend ſie in eine philoſophiſche Abhandlung uͤber das Thema „Die 
Pflichten der Mutter“ vertieft iſt uſw. uſw. Mit ſolchen Scherzen höhnte jahrzehntelang 
der Philiſtergeiſt die ſchriftſtellernden Frauen. War dieſer Geiſt philiſterhaft, ſo iſt 
damit natuͤrlich nicht geſagt, daß die betreffenden Karikaturen auch ohne weiteres 
mittelmaͤßig geweſen ſein mußten. Das Gegenteil iſt ſehr haͤufig der Fall. An 
den Blauſtrumpf knuͤpfen ſich eine Reihe ganz hervorragender Karikaturen. Die 
beſten umfaßt zweifellos die 40 Blaͤtter enthaltende Serie „Les Bas bleus“ von 
Daumier, die im Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Pariſer 
Charivari erſchienen ſind. Dieſe 40 Blaͤtter ſind nicht nur der glaͤnzendſte ſatiriſche 
Kommentar auf die ſchriftſtellernde Frau, ſie bedeuten auch eine der kuͤnſtleriſch 
großartigſten Serien, die Daumier uͤberhaupt geſchaffen hat, und das will natuͤrlich 
ungeheuer viel heißen. Das zeichneriſche Genie Daumiers — jede Linie eine 
Expreſſion — macht jedes einzelne dieſer Blaͤtter zu einem entzuͤckenden Meiſterwerke. 
In den utopiſchen ſozialiſtiſchen Bewegungen der erſten Haͤlfte des 19. Jahrhunderts 
hat, wie ſchon erwaͤhnt, die ſchriftſtellernde Frau eine uͤberaus ſtarke Rolle geſpielt. 
Im Mittelpunkt ſtand die geniale Georges Sand (Bild 425). Dieſer Kreis mit ſeinen 
kuͤhnen Programmen, Streiten und Intriguen hat es Daumier wie ſo manchem andern 
der zeitgenoͤſſiſchen Karikaturiſten angetan und ihn zu ſeiner unſterblichen Serie inſpiriert. 
Gewiß, im Stofflichen, in der Tendenz dominiert ausſchließlich der ſpießbuͤrgerlich 
denkende Spoͤtter, der nur die Kleinlichkeiten am Bilde der ſchriftſtellernden Frau ſieht, 
aber die Groͤße des Daumierſchen Genies hat, wie uͤberall in ſeinen Werken, die 
Kleinlichkeiten derartig heroiſiert, daß, wer Sinn für Humor hat, unbaͤndig mitlachen 
muß, wenn er auch noch fo energiſch die Grundtendenz ablehnt (Bild 426— 428). 
Natuͤrlich begnuͤgte ſich die emanzipierte Frau nie bloß mit der Theorie, ſie 
ergriff auch immer aktiv Partei. Und wenn immer die Frauen ſich mit Politik be— 
ſchaͤftigt haben, fo war es für die emanzipierte Frau geradezu Ehrenpflicht, ſich 
aktiv in die politiſchen Kaͤmpfe zu miſchen, ſei es um die Geſetzgebung in ihrem 
Intereſſe zu beeinfluſſen, ſei es um ihre geiſtige Reife zu dokumentieren. Als die 
politiſche Frau anfing, zur Maſſenerſcheinung zu werden, das war vor allem in der 
großen franzoͤſiſchen Revolution und im Jahre 1848, da wurde ſie auch alsbald zum 
Schrecken der Schrecken der emanzipierten Frauen erhoben. Freilich, das war 
ja Konkurrenz des Mannes auf ſeinem heiligſten Gebiete und vor allem Konkurrenz 
auf der ganzen Linie. Dem Blauſtrumpf ſtand man noch relativ objektiv gegenuͤber. 
d. h. von ihm fühlte ſich der Spießer nicht merklich beläftigt, denn er machte ja 
nur den maͤnnlichen Schriftſtellern Konkurrenz, und die mochten allein ſehen, wie ſie 


480 


) 727 


0 20 


207 


. 


Mh 
N 9 


M 75 


i . Amerikaniſche Karikatur. 1897 
436. Eine Doktorpromotion der Zukunft . 


mit ihm fertig wurden. Ganz anders bei der politifierenden Frau. Wenn die 
Frau ſich prinzipiell das Recht herausnimmt, ſich ebenfalls mit Politik zu beſchaͤftigen, 
dann drohte ja jedem Dache die Gefahr. Kein Wunder alſo, daß ſich in der ſatiriſchen 
Schilderung der politifierenden Frau alle Sünden, Fehler und Mängel vereinigen 
und ihr im verzehnfachten Maße zur Laſt geſchrieben werden. Es iſt noch uͤberaus 
harmlos, wenn in einem Artikel aus dem Jahre 1848 uͤber die Forderungen der Frauen 
um politiſche Gleichberechtigung mit dem Manne folgende Stellen vorkommen: 

„Ihr wollt die Rechte des Staatsbuͤrgers haben, ach liebes Kind, die Laſten ſind viel be— 
deutender als die Rechte ... Ihr Weiber wollt an den Urwahlen teil haben? Wohl, aber ver— 
ſichert uns erſt, daß ihr nicht denjenigen bevorzugt, der euch bei den Fenſterpromenaden am ſuͤßeſten 
zugelaͤchelt hat; verſichert uns, daß ihr Staatsbuͤrgertalent nicht mit kraͤftigen Schenkeln und uͤppigen 
Baͤrten verwechſelt .. . Ihr wollt an den Staatsgeſchaͤften teilnehmen? Man läßt Kinder nicht 
mit Feuer ſpielen ... Oder ihr wollt Kriegsdienſte tun? Dann muͤſſen wir verſichert fein, daß 
ihr nicht die Waffen vor dem Feinde ſtreckt und buhleriſch in feine Arme ſtuͤrzt ...“ Und das 
Fazit lautet: „Bleibt die lieblichen, himmliſchen Kinder, die uns mit den Roſenfingern auf den 
Mund klopfen, wenn wir politiſch langweilig werden, und uns die Falten von der Stirn kuͤſſen, 
die uns das Staatsleben eingefurcht hat.“ 


Aber wenn dieſer Angriff auch zu den harmloſeſten zaͤhlt, ſo iſt er darum doch 
nicht minder charakteriſtiſch, beſonders wenn man dabei erwaͤgt, daß dieſe Gedanken 
durchaus ernſt gemeint ſind, daß ſie in einem Leitartikel einer demokratiſchen Zeitung 
ſtehen, der Heldſchen Lokomotive, die den ſtolzen Untertitel traͤgt: „Zeitung fuͤr politiſche 
Bildung des Volkes.“ Angeſichts ſolcher Außerungen gewinnen die ausgeſprochen 


ſatiriſchen Flugblaͤtter jener Zeit, wie z. B. „Herr Bullrig will't aber nich haben, 
daß ſeine Frau Mitgliedin werden ſoll von'n demokratſchen Frauensklubb“ (ſiehe 
Beilage), oder Karikaturen wie „Kleinſtaͤdter Communiſten Verein“ (Bild 431) erſt 
ihre richtige Bedeutung. Es iſt nicht bloß groteske ſatiriſche Laune, die in dieſen 
Blaͤttern waltet, nein, das ſind in pointierter Form die wirklichen Gedankengaͤnge 
des Buͤrgertums — die Gedankengaͤnge biedermaiernder Revolutionaͤre. 

Alles wollte man den Frauen geben: 

„Wir wollen euch freimachen von der unaufloͤslichen Feſſel, womit man euch an den Mann 
geſchmiedet hat, von den Schwuͤren lebenslaͤnglicher Knechtſchaft, welche euch die Kirche leiſten laͤßt. 
Der haltloſe kirchliche Nimbus wird herabfallen, das Ehebett iſt Familien-, iſt Staatsſache; es ſoll 
euch leicht werden, euch freizumachen von der Hand, die euch den Trauring ins Geſicht ſchlaͤgt; von 
der Brutalität, die nur Geluͤſte an euch kuͤhlt. Dahin werden wir ſtreben. Aber mehr verlangt nicht.“ 

So ſchließt der vorhin zitierte Artikel. Daß heißt mit anderen Worten: Alles 
will man den Frauen bewilligen, was die Herrſchaft des Mannes nicht im Fundament 
erſchuͤttert. Was dieſes Fundament aber in Gefahr bringt, das verweigert man der 
Frau kategoriſch — das Buͤrgerrecht, das Menſchenrecht. Und man verweigert es 
ihr mit denſelben kindiſchen Beweisfuͤhrungen noch heute. 


Wenn die Frau auch bis heute vergeblich um das Bürgerrecht, um die politiſche 
und ſoziale Gleichberechtigung mit dem Manne gekaͤmpft hat, ſo hat ſie deſſen— 
ungeachtet immer und uͤberall in der Geſchichte der Buͤrgerpflicht die erhebendſten 
Opfer gebracht. Niemals wurde ein großer Kampf um der Menſchheit hohe Ziele 
gefuͤhrt, in dem nicht die Frauen es geweſen ſind, die die hoͤchſten Einſaͤtze gewagt 
haben. Man nenne einen beliebigen Befreiungskampf der Vergangenheit, man nenne 
die Gegenwart und ſchaue auf Rußland, wo eben der buͤrgerliche Staat unter furcht⸗ 
baren Wehen geboren wird, und alsbald draͤngen ſich einem ein Dutzend Frauen⸗ 
namen, dutzend Beiſpiele weiblichen Heroentums auf, bei deren Klang einzig die 
biedere Spießerſeele ihren Gleichmut zu bewahren vermag. Freilich wo das Klaſſen⸗ 
intereſſe mit im Spiele iſt, da wird das Wort Heroine meiſtens etwas anders aus— 
geſprochen; ſofern eine heldenhafte Frau im Handeln und nicht bloß im Erdulden 
in Frage ſteht, wird das Wort Heroine gewoͤhnlich — Megaͤre ausgeſprochen. Das 
Klaſſenintereſſe reſp. der Klaſſenhaß, der in den Zeiten, die den Heroismus erfordern 
und gebaͤren, meiſtens bis zur Weißglut geſteigert iſt, formt auch den ſatiriſchen 
Kommentar der heldenhaften 


Perſoͤnlichkeiten. Und das iſt AL Duqula Jvnpexaluce de toutes ker Tansses. 
ganz logiſch. Die Karikatur 
ergreift der heldenhaften Tat f — 1 


gegenuͤber gewoͤhnlich nur dann 
das Wort, wenn ſie politiſch 
einen abweichenden Stand— 
punkt vertreten will. Da 
aber das Weſen der Satire 
in dem Hinuͤberleiten einer 
Sache auf den Gegenpol be— 
ſteht, ſo kann in der Satire 
der Heroismus nur dadurch 
getroffen werden, daß die 
hoͤchſte Tugend in die niedrigſte 
Leidenſchaft umgepraͤgt wird, 
d. h. gegenuͤber der Frau: die 
Heroine wird zur Megaͤre 
gemacht. So erſcheint denn 
auch in der Karikatur das 
Bild der heldenhaften Frau 
faſt ausnahmslos in der Ver— 


IN die d A a 
CQ e roche. E v x N i 2 
zerrung zur Megaͤre. Megaͤren Di e 
ſind nach ihren Bildern die 437. Franzoͤſiſche ſymboliſche Karikatur der Germania. 1870 
61 * 


483 


meiften Frauen, die ſich aktiv in 

der großen franzoͤſiſchen Revolution 

beteiligt haben (Bild 423), als 

Megaͤren ſind den deutſchen Frauen 

des Jahres 1870 die franzoͤſiſchen 

Muͤtter hingeſtellt worden, die in 

irgend einer Form ihr unterliegen— 

des Vaterland am deutſchen Feinde 

raͤchten, zu furienhaften Megaͤren 

ſind ausnahmslos die Frauen ge— 

ſtempelt worden, die im Jahre 1871 

auf Seite der Kommune gekaͤmpft 

hatten (Bild 432 u. 433). Wenn 

man im letzten Falle den Typ der 

Petroleuſe ſchuf, die in verbreche— 

riſcher Wildheit ſtrategiſch ganz 

uͤberfluͤſſige Brandſtiftungen inſze— 

niert, ein Typ, der uͤbrigens niemals 

exiſtiert hat, ſo betrieb man nur ein 

in der Geſchichte der Klaſſenkaͤmpfe 

438. Felicien Rops. Megäre Volk landlaͤufiges Verfahren: man kon— 

ſtruierte dasjenige Verbrechen, das 

im gegebenen Fall den Abſcheu am ſicherſten erweckte und das der beabſichtigten 

Siegerrache die beſte Bruͤcke bot. Es iſt das im entgegengeſetzten Sinne das Ver— 

gottungsverfahren, das das Raſſen- oder Klaſſenintereſſe tagtaͤglich bei hundert 

Gelegenheiten uͤbt, indem es ſeinen Helden willkuͤrlich Tugenden, Taten und Beweg— 
gruͤnde andichtet, die dieſen ganz fernlagen, die dieſe nie vollbracht hatten. 

Die Karikatur kann ſich natürlich trotzalledem der hiſtoriſchen Tatſache, daß 
die Frau in allem am tiefſten empfindet, daß ſie in den geſchichtlichen Werde— 
prozeſſen immer die hoͤchſten Einſaͤtze wagt, ebenfalls nicht entziehen, und ſo feiert 
wenigſtens im Symbol dieſe Faͤhigkeit der Frau ihre Auferſtehung. Auch fuͤr die 
Karikatur iſt das Weib das einzige Symbol, die ſtaͤrkſten Gefuͤhle und die gluͤhendſten 
Leidenſchaften zu verkoͤrperlichen. 

Das belegt Blatt fuͤr Blatt das reiche Kapitel, das man „der Frau als 
Symbol in der Karikatur“ widmen koͤnnte. Sie iſt die Traͤgerin des felſenfeſteſten 
Glaubens, der grenzenloſeſten Verzweiflung, des tiefſten Schmerzes (Bild 28), ſie 
verkoͤrpert den verzehrendſten Haß, die flammendſte Begeiſterung (ſtehe Beilage „Das 
Erwachen des Löwen“), fie ift La fortune qui danse (ſiehe Beilage), das mit taͤnzeln— 
den Schritten den einen gefahrlos am jaͤhen Abgrund voruͤberfuͤhrt, den andern auf 


484 


ebener Straße umkommen läßt, fie ift alles in allem: Himmel und Kölle. Und 
ſchließlich das ſatiriſche Lachen ſelbſt ſieht ſich in ſeinem Weſen in der Frau ver— 
körpert: als die koketteſte der Künſte (Bild 44), als die an die Bloͤdheit gefeſſelte 
Schoͤnheit (Bild 37), die dennoch ihr ſilbern tönendes Tambourin erklingen laͤßt, und 
nicht zuletzt: als die ernſteſte der Muſen, trotzdem ſie die Schellenkappe auf den Locken— 
kopf geſtuͤlpt hat (Bild 1), wenn ſie ſich daran macht, jene Quinteſſenz zu beweiſen, 
aus der ihre Bedeutung fuͤr die Kultur fließt. 

| Wie lautet aber dieſe Quinteſſenz? Das iſt die letzte Frage, die wir aufzu— 
werfen haben. Die Antwort kann in einem knappen Satze gegeben werden. Dieſer 
Satz lautet: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, ſondern im Extrem, 
denn nur im Steigern ins Extrem wird das Weſen der Dinge deutlich 
offenbar. Aber ſo knapp dieſer Satz auch iſt, er enthaͤlt nichts mehr und nichts 
weniger als das große und doch ſo einfache Geheimnis der Karikatur, die Urſache, 
die allein im letzten Grunde die Karikatur zu einem wichtigen Beſtandteil unſeres 
öffentlichen Geiſtesleben macht und gemacht hat. Weil aber dies das Geheimnis 
der Karikatur iſt, darum muß dieſer Satz ſolange klar ausgeſprochen entweder an 
der Spitze oder am Schluß einer jeden geſchichtlichen Arbeit uͤber die Karikatur 
ſtehen, ſolange ſein Inhalt nicht eine allgemein anerkannte Wahrheit iſt, und darum 
ſei mit ihm auch dieſe Arbeit abgeſchloſſen. Einer Erlaͤuterung bedarf er an dieſer 
Stelle natuͤrlich nicht mehr, denn die ganze vorliegende Arbeit kann konſequenter— 
weiſe, auch wenn niemals auf dieſen Punkt beſonders hingewieſen worden waͤre, 
doch nichts anderes ſein, als ein einziger, fortlaufender und ſomit vorangeſchickter 
Beweis fuͤr ſeine Richtigkeit. Freilich nicht nur die vorliegende Arbeit bildet einen 
Kommentar zu dieſer Theſe, ſondern uͤberhaupt die geſammte Geſchichte der Karikatur. 
Denn daß durchs Steigern ins Extrem das Weſen der Dinge offenbar wird, das 
iſt ja das, was jeder Karikaturiſt, der je gelebt hat, in jeder ſeiner Taten bewußt 
oder unbewußt zu beweiſen ſich bemuͤht hat. 


485 


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439. A. D. Blaſhfield. Amerikaniſche Karikatur 


Kuͤnſtlerverzeichnis 


Die großen Zahlen weiſen auf die Bildnummern, unter denen ſich Karikaturen des betreffen— 
den Kuͤnſtlers abgebildet finden; die kleinen Zahlen weiſen auf die Textſtellen, wo von dem Kuͤnſtler 
die Rede iſt; ſteht vor einer Zahl B. ſo weiſt dies auf eine auf dieſe Seite folgende Beilage hin. 


Aubin, St. 314. 

Avelot 244. 

Bae 227. 

Beaumont 371, 430. 

Beardsley, Aubrey 31, 33, 138, 134, 160, 
231, 250, 252, 241, 262, 294, 309, 318, 
356, 338, 440. 

Bechftein 306. 

Beham 161; B. 64. 

Berneis 383, 423. 

Blahsfield, Albert 125, 148, 149, 439. 

Boilly, L. 85, 86. 

Boitard 255, 314. 

Booth 72. 

Boſſe, Abraham 65, 131; 

Bouchot 201-204, 226. 

Bourdet 208, 287, 394; B. 24. 

Boutet 227, 226, 383, 357, 

Brandt 399, 430. 

Braun, Kaſpar 98, 421. 

Bunbury 167. 

Burgkmair, Hans 4, 49, 55, 56, 128, 
161, 172, 247, 292. 

Buſch, Wilhelm 92, 98, 107, 108, 321, 356. 

Caran D’Ache 137—146, 172, 173. 

Cajetan 389. 

Cham 212, 218, 295, 328. 

Chodowiecki 79. 

Coclers 411; B. XII. 

Coypel, Charles 180, 210. 

Cruikshanc, Iſaak 167, 186, 187, 188, 268, 
293, 340, 847, 380, 42³ B. 296. 

Dalſani 312, 313. 

Damberger, Joſef 168. 

Darjou 291, 317. 

Darly 260, 261, 322. 


* 


131% 


Daumier, Honoré 23, 28, 82, 92, 98, 92, 120, 
%%% 2195317, 293, 331,.974, 
426—428, 480; B. 112, B. 232. 

Debucourt 210, 336, 339; B. 216. 

Desrais 366, 413. 

Deutſch, Nikolaus Manuel 164, 165. 

Deveria 226. 

Diez, J. 314. 

ao 379. 

Dürer 128, 131, 406. 

Dutailly 16, 339. 

Edel, Edmund 341. 

Engl, J. B. 358. 

Eiſen, F. 177, 256. 

„ Zacl»..227, 

Forain 78, 116, 128, 169, 170, 227, 250, 383, 
356, 391, 378, 423. 

Fragonard 224; B. 200. 

Gaudiſſart 82, 84, 194. 

Gavarni 24, 26, 100, 101, 169, 226, 250, 
330, 372, 383, 384, 369, 372, 378; 
B. 104, B. 224. 

Gerbault 227,282, 295, 204, 317. 

Gehn, J D. 3, 202. 

Gibſon, 8. . 38, 46, 98, 117—120, 136, 152, 
237, 240, 294, 342, 375, 381. 

Gill, André 416; W 32, 

Gillray 167, 191, 265, 270, 272, 275, 341, 
372. 

Goltzius, G. 63. 

Goͤz, J. F. 11, 176, 210, 212, 364. 

Goya, Franzisko 15, 184, 185, 190, 193, 214, 
226, 250, 323, 374. 

Grandville, J. 91. 

Graͤtz, Th. 336. 

Grevin 109, 220, 334. 


486 


Grün, Hand Baldung 58, 131; B. 184. 

Guillaume, Adolf 34, 122, 124, 182, 172, 227, 
224, 390, 443, 434, 476. 

Gulbranſſon, Dlaf39, 92, 140,133, 396— 398, 
438. 1 

Guldenmund 343, 344. 

Guys, Konſtantin 25, 169, 250, 297, 299, 
376, 412; B. 120. 

Hadol 303. 

Heath 282, 283, 284. 

Heilemann 228, 234. 

Heine, Thomas Theodor 78, 125, 153, 169, 
211, 228, 229, 227, 250, 810, 319, 349, 
354, 384, 438, 454, 479; B. 152, B. 160, 
B. 368. 

Hengeler 141, 127. 

Hofer, Hans 160; B. 176. 

Hogarth 99, 92, 110, 169, 250,372, 
B. 424. 

Holbein, Hans 50. 

Hoſemann 394. 

Hubertus, A. 363. 

Jaurat 73. 

Joſſot 129, 391, 359. 

Iſabey 266, 279, 336, 339. 

Juͤttner, Franz 310. 

Keene 169. 

Keppler 114, 304, 394. 

Klic 105. 

König, Herbert 300-302. 

Koͤyſtrand 227. 

Krebs 350. 

Kuhn, Georg 335, 353. 

Lançon 278. 

Leandre 92, 400, 401, 438, 454, 429. 

Leech, John 98, 290, 346. 

Lefevre Al. 

Legrand 238. 

Marcelin 218 — 217. 

Marigny 200. 

Mars 227. 

Maurin, Charles B. 344. 

Maurin, Nikolaus 215, 205, 206, 226. 

Meckenem, Israel von 47, 89, 129. 

Meiſter mit den Bandrollen 361, 411. 

Meldemann, Nikolaus B. 8. 

Merian, 407. 

Merz, Joh. G. 69, 70. 

Meunier, G. 236, 256. 

Moloch 221. 

Monet B. 328. 

Monnier, Henri 88, 90, 93, 112, 169, 199, 
226, , e 394, 370. 

Moreau 314. 

Morlon 374. 

Melli, Nicolo 449. 

Newton 167, 440; B. 448, B. 464. 

Oberlaͤnder, Adolf 35, 92, 98, 10 -n, 115, 
323, 307, 308, 435. 


4343 


Pascin 382, 423. 

Paul, Bruno VII. 92, 241, 320, 349, 454; 
B. 144, B. 336. 

Paul, Hermann 120, 181, 123, 126, 130, 131, 

383. 

Philipon, Charles 285, 286, 328, 372; B. 312. 

Picart, 66. 

Pichot, R. 381. 

Poitevin 19. 

Ramberg 250; B. 88. 

Raſſenfoſſe, Auguſt 1. 

Reznicek, F. von 36, 46, 78, 121, 135, 140, 136, 
190, 181, 2, „6, 324, 388, 402, 443, 
B. 168, B. 440. 

Ritter, Heinrich 99, 112. 

Rops, Felicien 45, 169, 207, 223, 225, 252, 
262, 292, 317, 360, 377, 388, 438. 

Roqueplan, C. 18. 

Rowlandſon, Thomas 10, 13, 75, 76, 78, 80, 
167,:182,.192, 210, 1906, 213,250) 256, 
JJ 8 
B. 16, B. 208, B. 2, B. 288, B 360, 
B. 384. 

Rubens 209, 252; B. 376. 

Schall 223; B. 192. 

Scheiner, A. 318. 

Schleich 296. 

Schlittgen, Hermann 42, 43, 158, 204, 239. 

Schroͤder, Friedrich 209. 

Schulz, Wilhelm 112, 147, 262; B. 48. 

Schwind, Moritz von 210. 

Slevogt, Max 126, 169. 

Smith, J. R. 365, 416. 

Stauber 96. 

Steinlen 159, 382, 354; B. 136. 

Steub 102. 

Stop 106. 

Taſſaret 226. 

Tenniel, John 289, 346. 

Thoͤny 227, 340; B. 240. 

Toulouſe-Lautrec 40, 169, 230, 250, 252, 423, 
438, 404; B. 256. 

Vallou 89. 

Veber, Jean 32, 169, 242, 262, 337; B. 40. 

Vernet 280, 336, 338, 339, 368, 413; B. 408, 
B. 456. 

Vernier 387. 

Vincent 310, 339; B. 304. 

Weil 257, 327. 

Wiertz 30, 252. 

Wilke, Rudolf 339. 388, 438, 403. 

Will, J. M. 67. 

Wille, B. X: , 323, A163 ©. 272, 

B. 400, 

Willette, Adolf 37, 44, 46, 135, 135,154, 233, 
245, 243, 311, 383, 355, 414, 380, 432; 
B. 248. 

Wilſon 207. 

Woodward 14, 167, 324. 


487 


+ 440. Aubrey Beardsley 


Druck von Heſſe & Becker in Leipzig. 


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